Einer Person, die sich selbst achtet, liegt etwas daran, sich als die wertschätzen zu können, die sie ist. Doch was bedeutet es, sich selbst wertzuschätzen? Im zweiten Teil dieser Arbeit habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie sich Wertschätzung gegenüber anderen Menschen ausdrückt. Abhängig davon, in welcher Beziehung man zu einer Person steht, kann die Antwort auf diese Frage unterschiedlich ausfallen. Die wertschätzende Haltung einer Freundin unterscheidet sich von derjenigen einer Vorgesetzten oder eines Vaters. Das heiÃt, in Nahbeziehungen nehmen wir spezifische Rollen ein und je nachdem, welche Rolle einem zukommt, sind mit einer wertschätzenden Haltung unterschiedliche Pflichten verbunden. Begriffe wie Freund, Mutter, Vater, Chefin, Ehemann etc. sind dicke Begriffe, die nicht nur das Verhältnis beschreiben, in dem jemand zu einem Menschen steht, sondern auch normative Vorstellungen davon enthalten, was es heiÃt jemandes Freund, Mutter, Vater, Chefin oder Ehemann zu sein. Vor diesem Hintergrund habe ich geprüft, ob sich das Verhältnis einer Person zu sich selbst analog zu solchen Begriffen verstehen lässt und damit ebenfalls normative Implikationen verbunden sind. Doch wenn man dieses Verhältnis nicht bereits im Vorfeld als Freundschaft zu sich selbst oder etwas ähnliches definiert, lässt sich die Rolle, die man für sich selbst spielt, nicht ohne Weiteres näher bestimmen. Das heiÃt, bei dem Verhältnis einer Person zu sich selbst handelt es sich nicht um ein dickes Konzept, es enthält also nicht von vornherein normative Vorstellungen darüber, wie man mit sich selbst umgehen sollte.
Neben den spezifischen Formen von Wertschätzung, die wir einander aufgrund von Nahbeziehungen schulden, gibt es allerdings auch ein Minimum an Wertschätzung, zu dem wir prima facie gegenüber allen Menschen verpflichtet sind. Wie für die spezifischeren Formen von Wertschätzung gilt auch für diese, dass man sich für den anderen Menschen als konkretes Individuum interessiert und ihn nicht in einer rein instrumentellen Weise betrachtet. Es gehört ebenfalls dazu, dem anderen ein Minimum an Vertrauen entgegenzubringen und ihm mit einem gewissen Wohlwollen zu begegnen. Da das Selbstverhältnis einer Person zu unspezifisch ist, um daraus eine bestimmte Form der Wertschätzung ableiten zu können, schien es auf den ersten Blick naheliegend, Selbstwertschätzung in dieser allgemeinen und unspezifischen Weise zu verstehen. Doch angesichts der verschiedenen Beispiele und Weisen, in denen es schwer sein kann, sich selbst zu achten, wird schnell klar, dass Selbstwertschätzung mehr erfordert, als sich selbst ein distanziertes Interesse und Wohlwollen sowie ein Minimum an Vertrauen entgegenzubringen. Wenn es darum geht, ein bestimmtes Selbstbild zu entwickeln, den eigenen moralischen Ãberzeugungen gerecht zu werden, für sich einzustehen und sich vor Demütigungen zu schützen, ist dieses Minimum an Wertschätzung viel zu mager, um ein Ausdruck von Selbstwertschätzung zu sein.
Auch wenn keine konkreten normativen Vorstellungen mit dem Selbstverhältnis einer Person verbunden sind, gibt es dennoch Aspekte, durch die sich dieses Verhältnis in besonderer Weise auszeichnet. Dazu zählt die Relation zwischen der Identität einer Person und ihrem Selbstbild. Wir können uns nicht nur darüber bewusst sein, wer wir sind und was uns ausmacht, sondern haben zudem in der Regel auch Vorstellungen davon, wer wir sein wollen. Zwischen der Identität und dem Selbstbild einer Person besteht meistens ein gewisser Abstand, weil das Selbstbild mit bestimmten Ansprüchen an die eigenen Handlungs- und Verhaltensweisen sowie an den Charakter verbunden ist, die man oft nicht in Gänze erfüllt. Manchmal ist dieser Abstand aber auch gröÃer und man leidet darunter, dass man seinem Selbstbild nicht gerecht werden kann. Dieses Leid besteht unter anderem darin, dass man sich nicht als die Person wertschätzen kann, die man ist. Wenn das der Fall ist, reagieren Menschen häufig mit Scham. Sie sind in diesem Moment einerseits mit ihrer eigenen Identität konfrontiert, die ihnen nicht schätzenswert erscheint, andererseits zeigt Scham, dass sich die betreffende Person als verantwortlich dafür betrachtet, wer sie ist. Scham zu empfinden, bedeutet dementsprechend, sich selbst Verantwortung dafür zuzuschreiben, dass man sich nicht wertschätzen kann.
10.1 Gründe, sich selbst nicht wertzuschätzen
Das Selbstbild einer Person kann sehr idiosynkratisch sein und nicht jedes Selbstbild ist dabei hilfreich, eine wertschätzende Haltung zu sich einzunehmen. Die unterschiedlichen Gründe, inwiefern ein Selbstbild in dieser Weise hinderlich sein kann, habe ich an den verschiedenen Beispielen veranschaulicht. Einer der Gründe war ein Selbstbild, das sich lediglich auf eine spezifische Rolle beschränkt, wie ich es an den Figuren des Butlers und der Ehefrau dargestellt habe. Mit einem solchen Selbstbild kann man sich selbst deshalb nicht gerecht werden, weil die Persönlichkeit von Menschen deutlich vielfältiger ist und sich nicht in einer Rolle erschöpft. AuÃerdem ist es unter diesen Umständen gut möglich, dass die fraglichen Rollen stark von den Vorstellungen anderer Menschen bestimmt sind und dementsprechend wenig Platz für eigene Vorstellungen lassen. Dies birgt die Gefahr, dass man die mit den Rollen verbundenen Vorstellungen nicht hinterfragt, sondern ihnen einfach folgt. Wer unhinterfragt bestimmte Rollenbilder übernimmt, wird seiner Verantwortung dafür, dass er der ist, der er ist, nicht gerecht. Denn dafür wäre es erforderlich, selbstständig zu prüfen, an welchem Selbstbild man sich orientieren will. Wenn diese Rollen zudem damit verbunden sind, dass andere demütigend, bloÃstellend, herablassend oder erniedrigend mit der betreffenden Person umgehen, wird es schwierig für sie, sich vor solchen Würdeverletzungen zu schützen.
Sich wertzuschätzen impliziert, das eigene Verhalten und den eigenen Charakter anhand eines bestimmten MaÃstabs, dem Selbstbild, zu beurteilen. Wenn die Ansprüche, die man an das eigene Verhalten und seinen Charakter anlegt, unerreichbar sind, schafft man es nicht, sich selbst wertzuschätzen. Deshalb ist ein Selbstbild, das nicht zu der eigenen Persönlichkeit passt, hinderlich, um eine wertschätzende Haltung zu sich einzunehmen. Am Beispiel der Geschichten von Eddy und Hank ist dieses Problem deutlich geworden. Eddy lebt in einem Umfeld, in dem es ihm nicht möglich ist, ein Selbstbild zu entwickeln, das zu seiner Persönlichkeit passt. Die Menschen um ihn herum sind homophob und haben Vorstellungen davon, wie Jungen und Männer sein sollen, denen Eddy in keiner Hinsicht entspricht. Hanks Geschichte handelt weniger davon, welche Vorstellungen andere an ihn herantragen, auch wenn das gewiss den Hintergrund seiner Situation bildet. Seine Geschichte habe ich aber vor allem deshalb ausgewählt, weil daran sichtbar wird, dass es besonders schwer ist, sich zu achten, wenn man sich selbst (und anderen) etwas vormacht. Wer sich über sich selbst täuscht, tappt im Dunkeln darüber, wer er ist, und kann dementsprechend auch kein Selbstbild entwickeln, das zu der eigenen Persönlichkeit passt. Wahrscheinlich ist auÃerdem, dass man sich deshalb selbst täuscht, weil man verschleiern will, dass man seinem angestrebten Selbstbild nicht entspricht. Die Selbsttäuschung verhindert allerdings auch, eine wertschätzende Haltung zu entwickeln, indem man passendere Vorstellungen von sich selbst entwickelt. Hinzu kommt, dass wer sich selbst täuscht, in besonderem MaÃe riskiert, bloÃgestellt zu werden. Wenn andere das Täuschungsmanöver durchschauen, könnten sie dies offenlegen, und in diesem Moment gelingt es nicht mehr, sich so zu zeigen, wie man von anderen gesehen werden will. Im schlimmsten Fall verliert man sein Gesicht (vgl. Stoecker. 2003. 145.). Sich selbst zu täuschen, ist deshalb bedrohlich für die eigene Würde.
Um sich selbst wertschätzen zu können, braucht es also ein bestimmtes Selbstbild, auch wenn dieses individuell sehr verschieden sein kann. Wenn das Selbstbild bestimmte Bedingungen erfüllt, trägt es dazu bei, dass eine Person sich als die wertschätzen kann, die sie ist. Für eine Haltung der Selbstachtung spielt es aber auch eine entscheidende Rolle, wer man ist. In unseren Beziehungen zu anderen Menschen können wir gute Gründe haben, jemanden nicht in seiner individuellen Persönlichkeit wertzuschätzen, und mir scheint es offensichtlich, dass dies auch für die eigene Persönlichkeit gelten kann. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte von Anna, die daran scheitert, gemäà ihrer moralischen Ãberzeugungen zu handeln. Wahrscheinlich hätte sie verhindern können, dass Stella groÃes Leid erfährt, doch sie hat es versäumt, in die Situation einzugreifen. Selbstverständlich spielen die Gründe für ihr Verhalten eine wichtige Rolle und ohne diese zu kennen, kann man sich nur ein vorläufiges Bild der Lage machen. Wenn es aber so ist, dass sie aufgrund von einer gewissen Lethargie oder dem Bedürfnis nach oberflächlicher Harmonie nicht versucht hat, Stella zu helfen, dann ist es für Anna angemessen, sich moralische Vorwürfe zu machen, schlieÃlich handelt es sich um ein gravierendes und folgenschweres Versäumnis. Vermutlich ist es für sie fortan nicht leicht, ihre Verfehlungen in ein attraktives Bild von sich selbst zu integrieren. In ähnlicher Weise kann es jemandem ergehen, der moralisch verwerfliche Haltungen vertritt, beispielsweise rassistische oder sexistische Einstellungen. Wenn sich diese Person eines Tages bewusst darüber wird, dass ihre Haltungen moralisch verwerflich sind und dass sie Menschen aufgrund dieser Haltungen missachtet und gedemütigt hat, wird sie sich möglicherweise nicht länger wertschätzen können. Wie Anna hat auch sie gute Gründe dafür.
Man muss allerdings nicht moralisch verwerflich handeln, um die Wertschätzung für sich selbst infrage zu stellen. Wenn Hank vor der Aufgabe steht anzuerkennen, dass er sich selbst getäuscht hat, anstatt zu sich zu stehen, ist er gewiss nicht stolz darauf. Er wird sich ohnehin schon dafür schämen, dass er an seinem anspruchsvollen Selbstbild gescheitert ist. Hinzu kommt dann auch noch die Einsicht, dass er sich selbst etwas vorgemacht hat. Hank kann zwar versuchen, es sich verständlich zu machen, warum er sich selbst getäuscht hat. Ein solcher Prozess macht es irgendwann leichter, negative Charakterzüge an sich selbst zu akzeptieren. Doch es ist unter Umständen ein langer Weg, währenddessen Hank mit den Aspekten seiner Persönlichkeit fertig werden muss, die er nicht schätzen kann oder will. Auch Hank hat also nachvollziehbare Gründe dafür, warum es ihm schwerfällt, eine wertschätzende Haltung zu sich einzunehmen.
Bei Eddy könnte man auf den ersten Blick denken, dass er nicht mit sich selbst zu hadern braucht und allen Grund hat, sich wertzuschätzen. SchlieÃlich ist er ein Opfer seiner Umstände und es sind die Vorstellungen anderer Menschen, die ihn davon abhalten, sich selbst zu achten. Diese Beschreibung verkennt jedoch zweierlei. Erstens ist es immer noch Eddy, der die Verantwortung dafür trägt, welches Verhältnis er zu sich selbst einnimmt. Auch wenn andere Menschen dafür verantwortlich sind, dieses Verhältnis beschädigt zu haben, gibt es für Eddy keine Möglichkeit, sich davon zu befreien, verantwortlich dafür zu sein, wer er ist. Zugleich erschwert diese Beschädigung aber, der eigenen Verantwortung gerecht zu werden. Würde Eddy diese Last deshalb ablegen wollen, und sich infolgedessen ausschlieÃlich als Opfer seiner Umstände sehen, hieÃe das, die Chance aufzugeben, sich selbst achten und ein attraktives Selbstbild entwickeln zu können. Er wäre dann etwaigen weiteren Würdeverletzungen ausgesetzt, ohne auch nur versuchen zu können, sich selbst davor zu schützen. Aus diesem Grund ist Eddys Situation besonders schlimm. Er ist verantwortlich dafür, der zu sein, der er ist, obwohl andere Menschen ihn durch die Verletzung seiner Würde und seiner moralischen Rechte zu einem Opfer degradiert haben. Seine Identität ist maÃgeblich durch diese Erfahrungen beeinflusst und es ist offenkundig eine schwere Aufgabe, all den Erlebnissen zum Trotz ein passendes und attraktives Bild von sich selbst zu entwickeln. Je nachdem, was Menschen erfahren, kann eine solche Aufgabe auch unlösbar sein (vgl. Stoecker. 2010. 111f.). Allgemeiner gesprochen müssen Menschen, die gravierende Verletzungen ihrer Würde erfahren (haben), nicht nur damit fertig werden, dies in ihr Selbstbild zu integrieren. Sie müssen auch damit leben, dass sie für sich selbst verantwortlich sind, auch wenn andere Menschen ihr Selbst massiv beschädigt haben. Das macht eine Haltung der Selbstachtung besonders prekär.
Ich bin nun noch einmal auf die unterschiedlichen Beispiele eingegangen, um zu zeigen, dass die Gründe, die man dafür haben kann, sich selbst nicht wertzuschätzen, sehr verschieden sein können. Vorausgesetzt, dass man tatsächlich einen solchen Grund hat, stellt sich nun die Frage, ob und warum man sich dann überhaupt um seine Selbstachtung bemühen sollte. SchlieÃlich kann es in Bezug auf andere Menschen erlaubt, mitunter sogar geboten sein, ihnen Wertschätzung vorzuenthalten (vgl. Stoecker. 2010. 111; Neuhäuser. 2021. 261ff.). Gilt für das Selbstverhältnis dann entsprechend, dass es angemessen wäre, sich unter bestimmten Umständen die eigene Wertschätzung vorzuenthalten und keine Haltung der Selbstachtung einzunehmen?
Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Der Grund dafür liegt in der Struktur dessen, was ich unter einer ethischen Haltung der Selbstachtung verstehe. Nach den bisherigen Ãberlegungen setzt eine Haltung der Selbstachtung voraus, dass man ein Verhältnis zu sich selbst einnehmen kann. Dieses Verhältnis ermöglicht es, Einfluss auf seine Verhaltensdispositionen zu nehmen, sich selbst dadurch zu verändern und die eigene Persönlichkeit zu gestalten. Das Selbstbild dient dabei als MaÃstab, um sich selbst zu beurteilen. All dies sind Voraussetzungen dafür, dass man sich wertschätzen kann, doch sie liefern keinen Grund, es zu tun. Dieser Grund ist nach meinem Dafürhalten man selbst â auch wenn das auf den ersten Blick nach einem Widerspruch aussieht.
10.2 Selbstbehauptung â allen Gründen zum Trotz
Sollte man auch dann eine Haltung der Selbstachtung einnehmen, wenn man Gründe dafür hat, sich selbst nicht wertzuschätzen? Mögliche Gründe dafür, die eigene Persönlichkeit als nicht schätzenswert zu beurteilen, habe ich im vorausgegangenen Abschnitt anhand der verschiedenen Beispiele erläutert. Nun ist also die Frage, was dafürspricht, sich diesen Gründen zum Trotz, selbst zu achten. Es sind vor allem drei Aspekte einer Haltung der Selbstachtung, die hier eine Rolle spielen, nämlich erstens, dass man als Person verantwortlich dafür ist, die zu sein, die man ist. Zweitens ist man (in der Regel) nicht für alle Zeiten auf eine bestimmte Identität festgelegt, sondern man hat aufgrund seines Verhältnisses zu sich selbst die Möglichkeit, sich zu beeinflussen und zu verändern. Und drittens ist die Haltung der Selbstachtung mit einer Selbstbehauptung verbunden. Wer eine solche Haltung einnimmt, hat nicht bloà eine bestimmte Meinung von sich selbst, sondern drückt mit seiner Haltung ein bestimmtes Werturteil in Bezug auf sich selbst aus. Auf die beiden ersten Punkte bin ich in dieser Arbeit an unterschiedlichen Stellen bereits ausführlich eingegangen. Ich habe erläutert, warum einer Person die Verantwortung dafür zukommt, dass sie die ist, die sie ist, und inwiefern diese Verantwortung damit verbunden ist, Einfluss auf sich selbst zu nehmen. Der dritte Aspekt, die Selbstbehauptung, ergibt sich aus den beiden anderen. Dennoch halte ich es für entscheidend, ihn eigens anzuführen, weil erst dadurch verständlich wird, warum es sich bei der Selbstachtung um ein moralisches Verhältnis zu sich selbst handelt.
Wenn man eine Haltung der Selbstachtung einnimmt, deren Anliegen es ist, sich als die wertzuschätzen, die man ist, gilt es, ein Selbstbild zu entwickeln, das einerseits zur eigenen Identität passt und das andererseits auch tatsächlich schätzenswert ist. An dieser Stelle kommt bereits Moral ins Spiel, da ich davon ausgehe, dass man sich nur dann wertschätzen kann, wenn das eigene Selbstbild nicht damit vereinbar ist, von anderen in seinem Personsein missachtet zu werden oder anderen in dieser Weise zu begegnen. Aufgrund der Relation zwischen der eigenen Identität und dem Selbstbild einer Person ist ihre Selbstachtung mit verschiedenen Urteilen verbunden, nämlich in Bezug auf ihr Selbstbild und auf ihre Identität sowie auf das Verhältnis zwischen beiden. Insofern man sich als verantwortlich betrachtet, kümmert man sich darum, seinem Selbstbild möglichst zu entsprechen. Gleichzeitig gilt es aber auch, das Bild selbst zu prüfen. Menschen haben sehr individuelle, teils idiosynkratische Vorstellungen davon, wann sie ihre Persönlichkeit als schätzenswert betrachten. Um sich wertzuschätzen, reicht es aber nicht, diese Vorstellungen zu erfüllen. Denn Wertschätzung setzt voraus, dass es einem tatsächlich um die Person selbst geht, dass man sich um ihretwillen sorgt (vgl. Stoecker. 2003. 145.), was bedeutet, dass man ihr mit Interesse, Vertrauen und Wohlwollen begegnet. Wer sich achtet, sorgt sich dementsprechend um sich selbst, das heiÃt, es geht ihm um sich und darum, eine schätzenswerte Persönlichkeit entwickeln oder bewahren zu können.
Einem Menschen kann es auch dann in dieser Weise um sich gehen, wenn er Gründe hat, die eigene Persönlichkeit nicht wertzuschätzen. Wer eine Haltung der Selbstachtung einnimmt, drückt damit aus, dass er glaubt, einem bestimmten Bild grundsätzlich entsprechen zu können, auch dann, wenn es Dispositionen im Verhalten und Charakter gibt, die (noch) nicht mit diesem Bild vereinbar sind. Diese Haltung impliziert kein rein affirmatives Urteil bezüglich der eigenen Persönlichkeit, sondern vielmehr eine Behauptung darüber, wer man glaubt sein zu können, und dass man sich allein um seiner selbst willen dafür engagiert, diesem Bild zu entsprechen. Man könnte dies sogar als eine Selbstbehauptung im wortwörtlichen Sinne verstehen, insofern sie der Ausgangspunkt ist, von dem aus man sein Selbst konstituiert. Wenn man um seine Selbstachtung kämpfen muss, weil man Gründe hat, die eigene Persönlichkeit nicht wertzuschätzen, kann man diese Haltung jenen Gründen zum Trotz einnehmen und es sich dadurch ermöglichen, eine schätzenswerte Identität zu entwickeln. Deshalb besteht kein Widerspruch darin, sich auch dann zu achten, wenn man Gründe hat, sich selbst nicht wertzuschätzen.
Es ist unter diesen Umständen allerdings ohne Frage viel schwieriger, eine solche Haltung einzunehmen und zu bewahren, als wenn man sich aus einer stabilen Haltung heraus der eigenen Wertschätzung gewiss ist. Zudem hängt es auch von den Gründen dafür ab, warum man die eigene Persönlichkeit nicht wertschätzen kann. Einerseits muss man sich dieser Gründe bewusst sein oder bewusst werden können. Gesellschaftliche Vorstellungen, die über Generationen hinweg prägen, können dazu führen, dass eine Person es selbstverständlich findet, von anderen in ihrer Würde und ihren moralischen Rechten verletzt zu werden. Es kann ebenfalls sein, dass eine Person ihr Selbstbild in einem Umfeld entwickelt, indem sie keine Achtung und Wertschätzung erfährt. Unter diesen Umständen bestehen groÃe psychologische Hindernisse dafür, sich selbst achten zu können. Und schlieÃlich kann man daran scheitern, sich selbst zu achten, weil es schlicht nicht möglich ist, einem Selbstbild zu entsprechen, dass man akzeptabel findet, beispielsweise weil man groÃe moralische Schuld auf sich geladen hat, bei der man es nicht schafft, sie in ein attraktives Bild von sich selbst zu integrieren. Oder aber es sind Verletzungen der Menschenwürde einer Person, die ihr angetan wurden und es massiv erschweren, sich selbst zu achten.
10.3 Das Paradox der Entwürdigung
Die Annahme, dass es Gründe dafür gibt, sich selbst nicht zu achten, weil man von anderen in seiner Menschenwürde verletzt wurde, führt zum sogenannten Paradox der Entwürdigung, das Avishai Margalit beschrieben hat (vgl. Margalit. 2012. 121ff; Stoecker. 2003.). Die Frage ist, ob ein Mensch, der durch massive Demütigungen in seinem Selbst derart beschädigt wird, dass er kein für ihn passendes und attraktives Selbstbild mehr entwickeln kann, deshalb einen Grund hat, sich selbst nicht zu achten. Wichtig ist, dass mit Grund hier keine psychologischen Gründe gemeint sind (vgl. Margalit. 2012. 127.), und genau darin liegt die groÃe Herausforderung dieser Frage. Es geht also darum, ob ein Mensch durch eine Entwürdigung eine Form von Schaden erfahren kann, wodurch er aufhört, der Grund dafür zu sein, sich selbst zu achten.
Dieser Gedanke erscheint monströs, denn er bedeutet, dass eine Person aufhören würde, ihrer Selbstachtung wert zu sein, und zwar nicht etwa deshalb, weil sie selbst kolossale moralische Verfehlungen begangen hat, sondern weil andere sie in fundamentaler Weise moralisch verletzt haben. Nicht weniger monströs wäre es allerdings, die erlittene moralische Beschädigung ausschlieÃlich als eine Kränkung der individuellen Würde zu beschreiben. Es wäre falsch, weil nicht allein die persönliche Integrität der betroffenen Person beschädigt wird, sondern weil sie massiv in ihrem moralischen Status missachtet wird. Menschenwürdeverletzungen treffen eine Person in ihrem Personsein und das bedeutet unter anderem, dass die Voraussetzung dafür infrage gestellt wird, sich selbst als schützenswert und gleichberechtigt im Verhältnis zu anderen zu betrachten. Das heiÃt, es steht nicht nur in Rede, dass die Person von anderen in angemessener Weise wertgeschätzt wird, sondern vielmehr, dass sie überhaupt Adressatin einer solchen moralischen Wertschätzung sein könnte. Dieser qualitative Unterschied zwischen einer Verletzung der Person und der Persönlichkeit ist wichtig, um nachzuvollziehen, welche Bedeutung Verletzungen der Menschenwürde für die Selbstachtung der betroffenen Personen haben. Welche Behandlungen genau Menschenwürdeverletzungen darstellen, lasse ich hier offen und beziehe mich auf die paradigmatischen Beispiele der Folter und Versklavung. Dennoch möchte ich betonen, dass Menschenwürdeverletzungen viel alltäglicher sind, als es diese Beispiele nahelegen. Eine Vergewaltigung oder ein Angriff auf Leib und Leben sind ebenfalls Handlungen, bei denen die Person massiv geschädigt und in fundamentaler Weise in ihrem moralischen Status infrage gestellt wird.
Margalit betont in seiner Beschreibung des Paradox der Entwürdigung, dass derartige Verletzungen in zweierlei Weisen beschrieben werden können, nämlich einmal im Hinblick auf die Psyche der betroffenen Person und zum anderen in Bezug auf ihre normative Situation (vgl. Margalit. 2012. 125ff.). Es ist offenkundig, dass solche schrecklichen Behandlungen schwere psychische Schädigungen mit sich bringen. Dennoch ist der Unterschied zwischen einer psychischen und einer moralischen Beschädigung wichtig. Denn einerseits kann es sein, dass Menschen Verletzungen ihrer Menschenwürde erfahren, ohne sich gedemütigt zu fühlen (vgl. Margalit. 2012. 21.), beispielsweise weil sie keinen Begriff davon haben, weil ihnen die kognitiven Voraussetzungen dafür fehlen oder sie in der Situation mit anderen Nöten (wie Angst, Schmerzen, Hunger) beschäftigt sind (vgl. Stoecker. 2003. 138ff.). Andererseits ist es auch deshalb wichtig, auf die moralischen Schädigungen als solche hinzuweisen, um die besondere Verwerflichkeit dieser Handlungen benennen zu können. Würde man dies ausschlieÃlich darüber beschreiben, welche individuellen Auswirkungen die Behandlung auf die Psyche einer Person hat, würde die Bewertung der moralischen Verwerflichkeit am Ende davon abhängen, wie verheerend die psychischen Folgen für einzelne Menschen sind. Tatsächlich ist die moralische Verwerflichkeit aber unabhängig davon zu bewerten, was solche Erfahrungen für einen bestimmten Menschen bedeuten. Um zu erklären, was den besonderen Horror von Menschenwürdeverletzungen ausmacht, ist es deshalb notwendig, sie nicht nur als psychische, sondern auch als moralische Beschädigung zu beschreiben (vgl. Margalit. 2012. 127ff.). Die Frage, die sich aus dieser Beschreibung ergibt, ist wie gesagt, ob Menschen, wenn sie als Opfer von Menschenwürdeverletzungen in ihrem Personsein infrage gestellt werden, einen Grund haben, sich selbst nicht länger zu achten, weil sie kein passendes und attraktives Selbstbild mehr entwickeln können. Doch wenn dieser Grund tatsächlich bestünde, wären auch andere Menschen darin gerechtfertigt, der Person ihre Wertschätzung vorzuenthalten. Das heiÃt, sie hätten einen Grund, diesem Menschen nicht mit Wohlwollen, Vertrauen und Interesse zu begegnen, weil er das Opfer einer so schrecklichen Behandlung geworden ist. Dieser Schluss ist aber offensichtlich falsch.
Ich habe behauptet, dass jemand auch dann einen Grund hat, eine Haltung der Selbstachtung einzunehmen, wenn andere Menschen gleichzeitig Gründe dafür haben, ihm ihre Wertschätzung vorzuenthalten. Das heiÃt, eine Person kann sich auch dann um ihre Würde sorgen, wenn ihre Persönlichkeit oder wichtige Anteile derselben nicht schätzenswert sind. Beispielsweise könnte sie sich deshalb nicht wertschätzen, weil sie sich gravierende moralische Verfehlungen hat zuschulden kommen lassen. Aufgrund dieser Verfehlungen enthalten andere Menschen der Person möglicherweise zurecht ihre Wertschätzung vor. Die oben beschriebene Geschichte von Anna könnte dafür ein gutes Beispiel sein, je nachdem, welche Gründe sie hatte, Stella nicht vor ihrem Ehemann zu schützen. Auch in Eddys Geschichte, auf die ich mich mehrfach bezogen habe, kann man davon sprechen, dass er teilweise mit einer wenig attraktiven Persönlichkeit fertig werden muss, weil er jahrelang von anderen Menschen gedemütigt und missachtet und dadurch zu einem Opfer degradiert wurde.
Haben aber andere Menschen ebenfalls einen Grund, Eddy in seiner Persönlichkeit weniger wertzuschätzen? Es ist naheliegend, diese Frage zu verneinen, weil Eddy offensichtlich nicht dafür verantwortlich ist, den Stempel des Opfers auf der Stirn zu tragen, die Verantwortung liegt bei all jenen, die missachtend mit ihm umgegangen sind. Zugleich könnte es auch deshalb leicht sein, die Frage zu verneinen, weil Eddy eine Romanfigur ist, zu der niemand eine persönliche Beziehung hat. Es handelt um eine Geschichte der Selbstermächtigung und die Demütigungen, von denen sie erzählt, scheinen aufgrund der Erzählperspektive zumindest in Teilen schon überwunden zu sein. Würde die Erzählung keine derartige Selbstbehauptung enthalten, sondern stattdessen aus einer Haltung des Opferseins erzählt, ergäbe sich ein anderes Bild des Protagonisten. Gewiss würde man auch dann Empörung gegenüber den Menschen empfinden, die so schändlich mit Eddy umgegangen sind. Zugleich würde man wahrscheinlich Mitleid für Eddy empfinden und ihn vor allem als Opfer seiner Mitmenschen und Umstände sehen und nicht als einen Menschen, der für sich einsteht und Verantwortung dafür übernimmt, wer er ist und sein will. An diesem Beispiel wird noch einmal deutlich, dass ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis besteht zwischen dem Selbstbild einer Person und dem Bild, das andere sich von dieser Person machen. Einerseits hängt das Selbstbild von jemandem in erheblichen MaÃe davon ab, wie er von anderen behandelt wird. Andererseits ist die Wahrnehmung sowie der Umgang, den andere mit ihm pflegen, davon abhängig, wie er sich selbst sieht und zeigt. Sieht er sich selbst vornehmlich als Opfer, wird er wahrscheinlich auch von anderen so wahrgenommen. Denn wenn der Fokus vor allem darauf liegt, dass er von anderen in seiner Identität beschädigt wurde, treten wesentliche Aspekte seiner Persönlichkeit in den Hintergrund. Er erfährt dadurch eine geringere Wertschätzung für die vielfältigen Anteile seiner Persönlichkeit, als es ihm gemäà wäre. Dementsprechend folgenreich ist es, Menschen, die schwere Demütigungen und Missachtung erlebt haben, in einem umfassenden Sinne als Opfer zu betrachten. Jemanden als Opfer zu sehen, kann zudem bedeuten, ihn in seinem Personsein und seiner Eigenverantwortung nicht ernst zu nehmen, sondern darauf zu reduzieren, was ihm widerfahren ist. Zugleich sind Menschen aber manchmal in einem weitreichenden Sinne Opfer von schweren Würdeverletzungen und es wäre ebenso verfehlt, diesen Umstand kleinzureden, denn das hieÃe, die Tragweite und Schwere der erlittenen Verletzungen zu bagatellisieren.
Wie schwierig es ist, jemanden nicht hauptsächlich als Opfer zu sehen und zugleich die Verletzungen anzuerkennen, die er erlitten hat, hängt gewiss von den jeweiligen Menschen ab sowie von den Umständen, in denen sie sich befinden. Aus der Distanz oder in Bezug auf einen Roman scheint man deshalb sehr leicht sagen zu können, dass es keinen Grund gibt, eine Person weniger wertzuschätzen, weil andere sie wie ein Opfer behandelt haben. Wenn man jedoch in einer zwischenmenschlichen Beziehung zu ihr steht, in der es um wechselseitige Wertschätzung geht, verhält es sich wesentlich komplizierter, eben weil das Selbstbild einer Person und die Wahrnehmung seitens anderer voneinander abhängen. Vor diesem Hintergrund wird noch einmal der Stellenwert deutlich, den das Selbstbild hat, denn es wirkt sich darauf aus, wie man von anderen gesehen und in welcher Weise man wertgeschätzt wird.
Was es für die Person selbst bedeutet, sich als ein Opfer zu sehen, zeichne ich im Folgenden noch einmal exemplarisch an der Figur von Eddy nach. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass Eddy Wege findet, die demütigenden Erfahrungen in sein Selbstbild zu integrieren und es allen Widrigkeiten zum Trotz hinreichend attraktiv gestalten zu können (was auch der Geschichte entspricht, die Louis erzählt). Wem es gelingt, eine solch schwierige Aufgabe zu bewerkstelligen, der nimmt eine rebellische Haltung der Selbstachtung ein, er lässt es nicht zu, dass andere Menschen ihm die Möglichkeit nehmen, sich selbst zu achten. Um das zu schaffen, muss man die Verantwortung dafür übernehmen, dass man die Person ist, die man ist. Man betrachtet sich selbst als verantwortlich, obwohl es einen wesentlichen Teil der eigenen Identität ausmacht, ein Opfer der Missachtung anderer zu sein. Das heiÃt, man übernimmt Verantwortung für Folgen, die man nicht selbst, sondern andere verschuldet haben. Dies zu tun, bedeutet, eine Chance zu haben, die schrecklichen Erfahrungen in das Bild von sich selbst integrieren und trotz allem ein attraktives Selbstbild aufbauen zu können (vgl. Stoecker. 2003. 149.). Auch wenn es eine unsägliche Ungerechtigkeit ist, diese Verantwortung übernehmen zu müssen, scheint es doch die einzige Möglichkeit zu sein, nach solchen Erfahrungen seine Selbstachtung zu bewahren und ein wertschätzendes Verhältnis zu sich selbst zu entwickeln.
Die Alternative wäre, sich nicht als verantwortlich dafür zu betrachten, dass man die ist, die man ist. Man hätte dazu allen Grund, schlieÃlich haben andere Menschen dafür gesorgt, die Identität der eigenen Person in so fundamentaler Weise zu beschädigen. Zugleich aber würde man, indem man sich nicht in der Verantwortung für sich selbst sieht, die Möglichkeit verlieren, sein Selbstbild zu bestimmen und zu gestalten. Dieses Dilemma hinsichtlich der Eigenverantwortung spiegelt die Situation wider, in die eine Person gebracht wird, wenn sie ein Opfer von Menschenwürdeverletzungen ist. Die Peiniger haben ihr mit brutalen Mitteln ein inakzeptables Selbstbild aufgedrängt und sie damit um eine existenzielle Form der Selbstkontrolle gebracht (vgl. Margalit. 2012. 122; Stoecker. 2019b. 25.). Die schrecklichen Erfahrungen sind nun ein wesentlicher Teil der Identität der Person und es kann unter bestimmten Umständen eine unlösbare Aufgabe sein, ein passendes und zugleich attraktives Bild von sich selbst zu entwickeln (vgl. Stoecker. 2010. 111.). Die Weigerung, darin einzuwilligen, dass dies die Identität ist, mit der sie fortan leben soll, kann als ein Versuch verstanden werden, die eigene Würde zu schützen. Die Person ist dann nicht bereit, sich als die anzunehmen, zu der sie durch die Verletzungen ihrer Menschenwürde von anderen gemacht wurde und ihre Gründe sind nicht von psychologischer, sondern von moralischer Art.
Wenn es um eine Haltung der Selbstachtung geht, stehen Menschen, die solchen Behandlungen zum Opfer gefallen sind, also vor einem Dilemma. Entweder betrachten sie sich als verantwortlich dafür, dass sie die sind, die sie sind. Dann nehmen sie die Identität an, die ihnen von anderen Menschen aufgezwungen wurde, haben aber dadurch die Chance, vielleicht wieder ein attraktives Bild von sich selbst entwickeln zu können. Oder aber sie lehnen diese Verantwortung ab und geben damit die Möglichkeit auf, eine Haltung der Selbstachtung einzunehmen. Denn um sich selbst zu achten, müssten sie dafür einstehen, dass sie die sind, die sie sind, und versuchen, ein Selbstbild zu entwickeln, auf Grundlage dessen sie sich wertschätzen können.
Die Tatsache, dass wir grundsätzlich für die eigene Identität verantwortlich sind, erklärt das Problem, von dem ich ausgegangen bin. Zum einen, so hatte ich festgestellt, haben wir keinen Grund, jemanden geringzuschätzen, weil er von anderen zu einem Opfer degradiert wurde. Zum anderen hängen die Identität und das Selbstbild eines Menschen wesentlich davon ab, wie er von anderen Menschen behandelt wird. Wer von anderen zu einem Opfer gemacht wird, könnte deshalb einen Grund haben, sich nicht länger selbst zu achten. Die betroffene Person ist also einerseits dafür verantwortlich, dass sie die ist, die sie ist, hat jedoch andererseits einen guten Grund, nicht darin einzuwilligen, sich selbst als ein Opfer zu betrachten, das der schrecklichen Behandlung durch ihre Peiniger ohnmächtig ausgeliefert war.
Am Begriff der Scham habe ich gezeigt, dass Augenblicke der Ohnmacht prinzipiell damit vereinbar sind, für sich selbst verantwortlich zu sein, denn es sind zwei verschiedene Fragen, wie man in einem bestimmten Augenblick gesehen wird, und ob man die Möglichkeit hat, die eigene Identität und das Selbstbild zu gestalten. Wenn man sich schämt, leidet das eigene Ansehen, weil man nicht in seiner individuellen Würde geachtet und geschätzt wird beziehungsweise, weil man sich selbst nicht achtet. In Augenblicken der Scham hat man nicht die Möglichkeit, sich selbst wertzuschätzen, da der Abstand zwischen Identität und Selbstbild zu groà ist. Doch sich selbst zu achten, bedeutet auch und vor allem, dass man in solchen Augenblicken versucht, die eigene Würde zu schützen, indem man sie entweder verteidigt oder langfristig Einfluss auf seine Identität und sein Selbstbild nimmt. Dadurch wiederum entsteht die Möglichkeit, sich wertschätzen zu können.
Verletzungen der Menschenwürde zeichnen sich allerdings dadurch aus, dass Menschen nicht nur hinsichtlich ihrer individuellen Persönlichkeit Geringschätzung erfahren, sondern dass sie in ihrem Personsein angegriffen werden. Andere Menschen leugnen durch ihr Handeln, dass die Person aufgrund ihrer Vulnerabilität berücksichtigt werden muss und dass sie einen Anspruch darauf hat, in ihren Rechten anerkannt zu werden. Weil diese Form der Missachtung unter keinen Umständen gerechtfertigt ist, steht die betroffene Person also in jedem Fall vor der Aufgabe, ihre Würde zu verteidigen. Um das zu tun, muss sie sich selbst behaupten, und sich dafür als die Person annehmen, die sie ist. Doch die Ohnmacht, die mit Verletzungen der Menschenwürde verbunden ist, ist von anderer Art als diejenige, die wir in Momenten der Scham erfahren, wenn wir ausschlieÃlich in unserer individuellen Würde verletzt werden. Sie bezieht sich nicht allein darauf, wie man in seiner Persönlichkeit angesehen wird, sondern auf das Ansehen als Mensch und Person. Die Ohnmacht, die mit Menschenwürdeverletzungen einhergeht, stellt die Voraussetzung dessen infrage, was es uns überhaupt erst ermöglicht, die eigene Würde zu schützen und gegen Angriffe zu verteidigen. Diese Ohnmacht gegenüber der Missachtung durch andere Menschen ist nicht nur Teil einer beschämenden Situation, sondern sie betrifft in einem weitreichenden Sinne die eigenen Identität. Es ist unter diesen Umständen nicht nur schwer, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, sondern vielmehr paradox, weil man sich, wenn man für sich einstehen will, auch für die Folgen der schweren moralischen Verfehlungen anderer zuständig fühlen muss. Entweder nimmt die Person ihre Identität an, zu der es gehört, von anderen zu einem Opfer degradiert worden zu sein. Oder aber sie übernimmt nicht die Verantwortung für sich selbst, eben weil es andere Menschen waren, die ihr Selbst so massiv beschädigt haben. Im ersten Fall steht die Person vor der Aufgabe, schwere Würdeverletzungen in ihr Selbstbild integrieren und sich zugleich als Person behaupten zu müssen. Im zweiten Fall lehnt sie diese Aufgabe ab, verliert aber dadurch auch die Möglichkeit, sich selbst zu achten.
Behauptet habe ich, dass man selbst der Grund dafür ist, eine Haltung der Selbstachtung einzunehmen (Weil ich ich bin), da es dem eigenen Personsein entspricht. Hierin liegt die groÃe Chance, die damit verbunden ist, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Das Paradox der Entwürdigung besteht nach den vorangegangenen Ãberlegungen darin, dass Verletzungen der Menschenwürde die betroffene Person mit einem Widerspruch konfrontieren, wenn sie sich selbst achten will. Selbstverständlich gilt auch für Menschen, die Opfer von Würdeverletzungen geworden sind, dass sie selbst der Grund für eine Haltung der Selbstachtung sind. Zugleich aber hat man unter diesen Umständen ebenfalls einen guten Grund, nicht für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, weil die Erfahrung, ein Opfer zu sein, von anderen zu einem Teil der eigenen Identität gemacht wurde. Das Personsein als basaler Teil ihres eigenen Selbstverständnisses wird durch diese Erfahrung infrage gestellt. Für meine These, dass man selbst der Grund für eine Haltung der Selbstachtung ist, folgt aus diesen Ãberlegungen eine beklemmende Einschränkung: Gravierende Beschädigungen des eigenen Selbst durch die menschenwürdeverletzende Behandlung seitens anderer bedeuten, dass man sich selbst als Grund dafür abhandenkommen kann, eine Haltung der Selbstachtung einzunehmen. Ob das in einer konkreten Situation tatsächlich der Fall ist, lässt sich jedoch nur aus Sicht derjenigen bewerten, die diese Verletzungen erlitten haben.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie sehr wir grundsätzlich auf die Achtung anderer Menschen angewiesen sind, um uns selbst achten zu können (vgl. Margalit. 2012. 125ff.). Menschen, die gedemütigt und missachtet werden, müssen oft hart um ihre Selbstachtung kämpfen. Neben den psychologischen Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, bedeutet der Kampf um Selbstachtung auch immer ein Ringen mit der eigenen Verantwortung. Die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass man die ist, die man ist, kann unter Umständen eine groÃe Last sein, insbesondere dann, wenn die eigene Identität durch andere stark beschädigt wurde, man selbst aber dafür zuständig ist, aus dem, was man hat, ein attraktives Selbstbild zu entwickeln. Diese Verantwortung nicht zu übernehmen, hat für die Betroffenen allerdings ebenfalls schlimme Folgen. Denn dann wird man weder die Chance haben, sich selbst wertzuschätzen, noch sich zu achten und für sich einzustehen, um seine Würde in einer positiven Weise zu schützen. Beide Wege zeigen, dass das Bedürfnis danach, sich selbst achten und wertschätzen zu können, Menschen in besonderer Weise verletzlich macht.
Die Ãberschrift dieses letzten Kapitels entspricht dem Titel der gesamten Arbeit und lautet, Weil ich ich bin â oder warum es gut ist, sich selbst zu achten. Dem ersten Teil dieser Ankündigung habe ich entsprochen, indem ich dafür argumentiert habe, dass man selbst der Grund dafür ist, eine Haltung der Selbstachtung einzunehmen. Man ist dieser Grund, insofern es einem wichtig ist, die eigene Würde zu schützen, und weil man als Person verantwortlich dafür ist, die zu sein, die man ist. Für sich einzustehen, weil man für sich selbst in dieser Weise Sorge trägt, bedeutet, die Verantwortung für die eigene Identität und für sein Selbstbild zu übernehmen.
Nun bleibt am Ende die Frage übrig, warum es gut sein sollte, das zu tun. Gut ist diese Haltung vermutlich nicht im Sinne der Effizienz oder Bequemlichkeit. Sich selbst zu achten, erfordert unter Umständen eine Menge Mut und Kraft sowie ein immenses Durchhaltevermögen. Es ist ein Wagnis und ein Weg, der erst dadurch entsteht, dass man ihn geht. Warum also sollte man sich trotz dieser Herausforderungen darauf einlassen? Ich denke, dass die Antwort wiederum um seiner selbst willen lautet. Wer sich selbst achtet, eröffnet sich die Möglichkeit, er selbst sein und für sich einstehen zu können. Menschen darin zu unterstützen, eine individuelle Würde, die ihnen gemäà ist, zu entwickeln und zu schützen, ist moralisch gut. Es ist gut, sich um jemandes willen zu sorgen, indem man sich für ihn interessiert, ihm Wohlwollen entgegenbringt und Vertrauen. Anders als bei vielen Fragen, mit denen ich mich in dieser Arbeit beschäftigt habe, scheint es mir hier unerheblich zu sein, ob es dabei um andere geht oder um einen selbst â es ist grundsätzlich gut, Menschen wertschätzend zu behandeln. Ein wichtiger Unterschied besteht allerdings doch zwischen der Wertschätzung gegenüber anderen Menschen und derjenigen in Bezug auf sich selbst. Gegenüber anderen Menschen kann es Gründe geben, die es erlauben oder möglicherweise sogar erfordern, jemandem Wertschätzung vorzuenthalten, weil er sich moralisch verwerflich verhalten hat. In Bezug auf sich selbst kann es zwar ebenso Gründe geben, sich selbst nicht wertzuschätzen, doch sich selbst zu achten, bedeutet, sich auch und gerade unter diesen Umständen um seine Würde und Selbstwertschätzung zu kümmern und dementsprechend die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass man die ist, die man ist.
Es gibt jedoch auch Umstände, aufgrund derer man sich möglicherweise nicht als Grund dafür betrachten kann, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, nämlich dann, wenn andere Menschen die eigene Menschenwürde massiv verletzt haben. Selbstverständlich will man auch hier sagen, dass es gut ist, wenn die Person trotz allem eine Haltung der Selbstachtung einnimmt. Man will es allein deshalb sagen, weil niemand ausschlieÃlich als ein Opfer angesehen werden sollte. Angesichts des Dilemmas, vor dem Menschen in einer solchen Situation hinsichtlich ihrer Selbstachtung steht, erscheint die Frage, ob es moralisch gut ist, sich selbst zu achten, jedoch beinah bedeutungslos. Vermutlich deshalb, weil hier weniger die Güte als vielmehr die Möglichkeit von Selbstachtung in Rede steht. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit und existenzielle Tragweite, die mit dieser Situation verbunden sind, zeigen noch einmal sehr deutlich, warum Achtung gegenüber anderen Menschen moralisch geboten ist.