Der Begriff Selbstachtung ist aus zwei einfachen Begriffen zusammengesetzt, nämlich Selbst und Achtung. Es handelt sich also um ein reflexives Kompositum und es teilt mit anderen seiner Art, dass eine bestimmte Aussage über das Selbst, die Person, gemacht wird, beispielsweise, dass sie wie im Falle der Selbsttötung etwas mit sich tut. Insofern Handlungen Gegenstand ethischer Bewertungen sind, ist die Frage interessant, welche Rolle es für die Bewertung einer Handlung spielt, dass sie auf die Akteurin selbst bezogen ist, und ob wir zu solchen Handlungen in derselben Weise verpflichtet sein können, wie zu Handlungen bzw. Unterlassungen gegenüber anderen. Grundsätzlich scheint es möglich zu sein, dass nicht nur ein moralisches Gebot der Achtung, sondern auch der Selbstachtung besteht. Am Beispiel der Selbsttötung ist allerdings deutlich geworden, dass die Gründe, die für Handlungsgebote gegenüber anderen Menschen sprechen, sich nicht zwangsläufig auf das Selbstverhältnis übertragen lassen. Das heißt, daraus, dass Achtung gegenüber anderen Menschen geboten ist, kann man nicht schließen, dass sie auch in Bezug auf die Akteurin selbst geboten ist. Am Beispiel der Selbsttäuschung ist deutlich geworden, dass ein reflexives Kompositum auch beschreiben kann, dass jemand etwas in Bezug auf sich selbst tut. Manche Handlungen, wie täuschen oder herrschen setzen zwei Personen voraus, eine die handelt und eine, die die Handlung erfährt. Die Erkenntnis, dass man sich selbst buchstäblich zwar nicht täuschen, aber andere in Bezug auf sich selbst täuschen kann, ist auch für das Konzept der Selbstachtung erhellend. Denn auch um sich selbst zu achten, muss die Akteurin nicht in zwei Teile zerfallen, von denen der eine achtet und der andere geachtet wird. Es ist deshalb sinnvoll, Selbstachtung als etwas zu verstehen, das man in Bezug auf sich selbst hat oder tut. In anderer Hinsicht unterscheiden sich die beiden Konzepte jedoch, weil achten, anders als täuschen, keine konkrete Handlung ist. Der Vergleich mit der Selbstliebe hat gezeigt, dass Achten wie Lieben vielmehr eine Haltung ist, die Handlungen begleitet und die man in Bezug auf sich selbst einnehmen kann.
Um nachzuvollziehen, worum es bei dieser Haltung gehen könnte, habe ich untersucht, wie wir über Achtung sprechen. Wir zollen oder haben Achtung, finden jemanden achtbar oder beachtenswert und achten (auf)einander. Je nachdem, in welcher Weise man den Begriff verwendet, können verschiedene Konnotationen damit verbunden sein, etwa der Bezug auf den sozialen oder moralischen Status einer Person, die besondere Anerkennung bestimmter Leistungen oder die Einstellung, die man gegenüber einer Person einnimmt. Manchmal sprechen wir von Achtung und manchmal von Respekt, mitunter auch so, als wären die Begriffe synonym. Ich habe allerdings einen wichtigen Unterschied zwischen beiden Begriffen betont. Bildlich gesprochen beschreibt Achtung einen zwischenmenschlichen Umgang auf Augenhöhe, während wir aus Respekt den Hut vor jemandem ziehen.
Diese Unterscheidung findet man in der englischen Sprache, in der ein großer Teil der philosophischen Debatte um Selbstachtung stattfindet, allerdings nicht genauso wieder. Achtung kann man mit respect übersetzen, während Respekt am ehesten esteem bedeutet. Ähnlich verhält es sich mit self-respect und self-esteem, zwei Konzepte, die zwar Gemeinsamkeiten teilen, aber ebenfalls nicht synonym verstanden werden sollten. Mit Selbstachtung verwandte Begriffe gibt es auch im Deutschen. In diesem Zusammenhang bin ich auf das Selbstwertgefühl und die Selbstwertschätzung eingegangen, die beide mit dem Konzept der Selbstachtung den Bezug zum Selbstwert der Person teilen. Das heißt, alle drei Konzepte rekurrieren auf einen normativen Maßstab, der das Selbstverhältnis einer Person betrifft. Sie werden allerdings in unterschiedliche Begründungszusammenhängen verwendet. Beim Selbstwertgefühl geht es vor allem um das persönliche Erleben hinsichtlich des eigenen Wertes, mit der Selbstwertschätzung kommt die Reflexion des persönlichen Maßstabs hinzu und mit der Selbstachtung sind schließlich auch moralische Implikationen einbegriffen, die in Bezug auf andere Menschen bestehen.
Die Bandbreite dessen, in welcher Hinsicht wir einen Anspruch auf Achtung erheben können, ist groß. Angefangen von der sozialen Stellung oder Rolle einer Person, über ihre persönlichen Leistungen und Fähigkeiten, bis hin zu ihren individuellen Vorstellungen von Ehre oder Würde, fordern Menschen Achtung voneinander, zeigen sich gegenseitig Anerkennung und Wertschätzung oder enthalten einander diese vor. Darüber hinaus können sie aufeinander achten oder sich missachtend, kränkend oder demütigend verhalten und jemanden dadurch in seiner Ehre oder Würde verletzen. Solche Verletzungen sind bedrohlich für die Selbstachtung und haben das Potenzial, eine Person zu Rache und Vergeltung, aber auch zur Selbstbehauptung oder zum Protest herauszufordern, um das eigene Ansehen zu schützen oder einen Zustand der Beschämung oder Schande zu beenden. Aus diesem Grund ist das, was bei Verletzungen der individuellen Ehre und Würde in Rede steht, zentral, um das Konzept der Selbstachtung besser zu verstehen. Wenn man gedemütigt oder gekränkt wird, ist es schwieriger, sich als die Person wertzuschätzen, die man ist. Die damit verbundene Frage nach Identität bezieht sich auf die eigene Persönlichkeit und auf Vorstellungen, die man davon hat, wer man ist und wer man sein will. Selbstverständlich können wir immer wieder gute Gründe haben, all dies kritisch zu überdenken und gegebenenfalls verändern zu wollen, und solche Gründe können auch eine Kränkung seitens anderer Personen rechtfertigen. Das bedeutet, eine wertschätzende Einstellung gegenüber sich selbst kann besser oder schlechter begründet sein und hängt damit auch von einem bestimmten normativen Maßstab ab.
Jemand um seiner selbst willen wertzuschätzen, ist eine andere Art von Achtung als Bewunderung oder anerkennender Respekt. Sie bezieht sich auf die gesamte Person und auf die Bedeutung, die diese für den anderen hat. Doch nicht alle, die wir achten, haben als individuelle Personen eine besondere Bedeutung für uns oder verdienen unsere Bewunderung. Die meisten Menschen auf der Welt achten wir, indem wir bestimmte Dinge unterlassen. Allererst unterlassen wir es etwa, ihnen Leid zuzufügen oder sie anderweitig daran zu hindern, sich frei in der Welt bewegen zu können. Um jemanden in diesem Sinne zu achten, müssen wir also eine gewisse Distanz zueinander wahren. Zugleich ist mit Achtung aber auch eine bestimmte zwischenmenschliche Einstellung verbunden, die sich entweder auf die andere Person als verantwortungsfähige Akteurin richtet und mit bestimmten normativen Erwartungen verbunden ist. Oder man betrachtet den anderen als einen Menschen, für den man in einer bestimmten Hinsicht zuständig ist, weil dieser selbst nicht für sich zuständig sein kann. Eine Haltung der Achtung bringt man allerdings nur dann zum Ausdruck, wenn man eine jeweils passende und angemessene Einstellung gegenüber dem anderen hat.
Für die Selbstachtung bedeutet das, dass wir auch uns selbst gegenüber eine angemessene Einstellung einnehmen müssen, jedenfalls dann, wenn uns an unserer Selbstachtung gelegen ist. Die eigene Verantwortung ernst zu nehmen, ist eine notwendige Voraussetzung, um Selbstachtung zu haben. Umgekehrt heißt das, keine oder einen Mangel an Selbstachtung zeigt diejenige, die sich ihrer Verantwortung entzieht. Die Übernahme von Verantwortung allein ist allerdings nicht hinreichend, um sich selbst zu achten, denn diese Haltung kann auch aus anderen Gründen erschwert werden. Nämlich erstens dann, wenn die Ansprüche einer Person an sich selbst mit einem fraglichen Verständnis von Wertschätzung verbunden sind. Zweitens ist es schwieriger, sich als die Person zu achten, die man ist, wenn man wichtige eigene Ansprüche selbstverschuldet verfehlt und sich dadurch nicht länger wertschätzen kann. Und drittens können andere Menschen eine Person davon abhalten, den eigenen Ansprüchen zu genügen. Dies geschieht, wenn Menschen in ihrer Ehre oder Würde verletzt werden und dann vor der Herausforderung stehen, sich dazu zu verhalten. Für alle drei Situationen stellt sich zudem die Frage, ob wir uns in solchen Momenten in einer bestimmten Weise verhalten sollten, ob wir also moralisch verpflichtet sind, eine Haltung der Selbstachtung einzunehmen, zu bewahren und nach Möglichkeit gegen Angriffe seitens anderer zu verteidigen.
In Bezug auf andere Menschen wird Achtung oft als ein grundlegendes moralisches Gebot betrachtet. Ob dieses Gebot nicht nur Pflichten gegenüber anderen, sondern auch in Bezug auf uns selbst impliziert, ist allerdings unklar. Deshalb werde ich im Folgenden unterschiedliche Begründungen für das moralische Achtungsgebot untersuchen, um zu prüfen, ob diese sich auf das Selbstverhältnis einer Person übertragen lassen.