Darin, wie Menschen zu sich selbst verhalten, kann man oftmals eine bestimmte Haltung erkennen, die sie zu sich selbst eingenommen haben, sei dies nun in bewusster oder unbewusster Weise geschehen oder, was wahrscheinlich meistens der Fall ist, in einer Mischung aus beidem. Eine Haltung zu sich selbst ist dadurch bestimmt, dass eine Person bestimmte Dispositionen hat, sich in Bezug auf sich selbst zu verhalten. Selbstachtung, so habe ich behauptet, zielt vor dem Hintergrund eines moralischen Maßstabs darauf, sich selbst wertschätzen zu können. Es ist aber bisher nicht klar geworden, was das genau bedeutet. Wertschätzen kann man sich zunächst einmal für alles Mögliche, zum Beispiel dafür, ein guter Freund zu sein, dafür, dass man schlagfertig oder eine erfolgreiche Musikerin ist. In diesen Fällen schätzt man sich für bestimmte Eigenschaften wert, die man offenbar wichtig findet. Bei einer ethischen Haltung der Selbstachtung geht es aber nicht nur darum, dass jemand einzelne Merkmale seiner Persönlichkeit wertschätzt. Gegenstand der Haltung ist vielmehr die Person selbst. Sich selbst zu achten, bedeutet also einerseits, eine Haltung einzunehmen sowie andererseits Gegenstand dieser Haltung zu sein. Wie aber ist das möglich? Muss sich die Person dafür gewissermaßen verdoppeln, damit sie sowohl die Akteurin als auch Gegenstand der Selbstachtung sein kann? Diese Beschreibung ist auf den ersten Blick entweder unplausibel oder man muss sie metaphorisch verstehen. Im Folgenden will ich jedoch dafür argumentieren, dass weder das eine noch das andere zutreffen muss.
Dass sich ein Mensch nicht verdoppeln muss, um sich selbst zu achten, es also nicht zwei Menschen aus Fleisch und Blut geben muss, scheint offensichtlich zu sein. In diesem Zusammenhang sind die Begriffe Mensch und Person hilfreich, die ich bisher weitgehend synonym verwendet habe. Es gibt allerdings eine Differenz zwischen den Begriffen, die für das Konzept der Selbstachtung relevant sind. Mit dem Begriff der Person können wir etwas adressieren, was mit dem Begriff Mensch nicht möglich ist. Man kann beispielsweise eine Person zur Verantwortung ziehen und damit eine juristische Person meinen, die aber kein Mensch, sondern eine Körperschaft ist. Man kann metaphysische Überlegungen dazu anstellen, ob Personen sich durch bestimmte Fähigkeiten oder Merkmale auszeichnen, die nicht alle Menschen teilen, aber möglicherweise bestimmte Tiere oder Wesen, die uns bisher noch nicht bekannt sind. Manchmal bezieht man sich mit dem Begriff der Person auch auf einen spezifischen moralischen Status, mit dem bestimmte Rechte verbunden sind. So wird beispielsweise in der Abtreibungsdebatte das Argument vorgebracht, schon Embryonen käme der Personenstatus zu und somit auch ein Recht auf Leben, weshalb eine Abtreibung nicht zu rechtfertigen sei (vgl. Damschen und Schönecker. 2011.). All diese Beispiele sprechen dafür, dass es Unterschiede zwischen Personen und Menschen gibt. Diese Unterschiede müssen hier allerdings nicht nachgezeichnet werden, da diejenigen, die eine Haltung der Selbstachtung einnehmen können, verantwortungsfähige Personen sind, die auf sich selbst Bezug nehmen sowie ihr Handeln nach bestimmten Kriterien ausrichten können. Wer sich selbst achtet, betrachtet sich als Person und erwartet von anderen Menschen dementsprechend, mit moralischer Achtung behandelt zu werden. Treffen die genannten Bedingungen nicht zu, ist man nicht in der Lage, sich selbst zu achten oder einen Mangel an Selbstachtung zu haben. Diejenigen, die diese Voraussetzungen zur Selbstachtung erfüllen, haben eine komplexe Identität, die man alltagssprachlich Persönlichkeit oder Charakter nennt1. Neben dem eigenen Personsein ist auch diese individuelle Identität Gegenstand der Selbstachtung, dasjenige, worauf jemand Bezug nimmt, wenn er sich als die Person achtet, die er ist. Für die Haltung der Selbstachtung spielt es dementsprechend eine Rolle, was diese Person ausmacht und unter welchen Umständen sie sich selbst für schätzenswert hält.
8.1 Identität – Was macht eine Person aus?
Der Begriff der Identität kann in Bezug auf Personen in mindestens viererlei Weise verstanden werden (vgl. Wedelstaedt. 2016. 21ff.). Es kann erstens um die Zuschreibung von personaler Identität in Abgrenzung zu Entitäten gehen, die keine Personen sind. Zweitens wird in der philosophischen Debatte zur Identität die Frage diskutiert, woran man erkennt, dass jemand genau eine Person ist. Dies betrifft die synchrone Einheit der Person zu einem bestimmten Zeitpunkt. Personen betrachten wir zudem als Entitäten, die über einen Zeitraum hinweg existieren, in der Regel von der Geburt bis zum Tod. Hierbei handelt es sich um einen dritten Aspekt der personalen Identität, nämlich der diachronen Einheit einer Person (vgl. Stoecker. 2019a.). Schließlich kann man, viertens, fragen, was eine Person ausmacht, wodurch sich ihre Persönlichkeit auszeichnet oder welchen Charakter sie hat. Während die ersten drei Aspekte vor allem in philosophischen Fachdiskussionen zu finden sind, ist diese vierte Frage nach der Identität einer Person nah an dem, was wir im Alltag unter diesem Begriff verstehen (vgl. Wedelstaedt. 2016. 18ff.). Mir geht es im Folgenden um diese vierte Weise, in der man den Begriff der Identität verwenden kann.
Wenn man eine Person beschreiben will, versucht man, bestimmte Merkmale zu nennen, die die Person ausmachen. Das können beispielsweise soziale Rollen sein, die jemand einnimmt, der Beruf, den jemand ausübt, Interessen, die er verfolgt, Dinge, für die er sich engagiert, Überzeugungen, die er hat, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder auch eine Art und Weise, wie er der Welt, dem Leben oder bestimmten Situationen begegnet. Gerade Letzteres passt dazu, dass wir eine Person oft auch beschreiben, indem wir ihr bestimmte Haltungen zuschreiben. Wir sagen über andere zum Beispiel, sie seien gelassen, konfliktscheu, zugewandt, loyal, misstrauisch, selbstgewiss, unzuverlässig oder vertrauenswürdig. Man beschreibt Haltungen, die jemand gegenüber anderen Menschen einnimmt, die er im beruflichen Kontext zeigt oder angesichts bestimmter Herausforderungen im Leben. Solche Beschreibungen sind geeignet, um jemandem eine bestimmte Einstellung in einem konkreten Moment zuzuschreiben, aber auch, um eine grundsätzliche Haltung zu benennen, die man bei ihm auszumachen glaubt.
Auch das Verhältnis, das eine Person zu sich selbst einnimmt, gehört zu ihrer Identität. Sie kann beispielsweise großes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben, einen Hang dazu, sich selbst etwas vorzumachen oder in übertriebener Weise von sich selbst überzeugt sein. Wenn man den Charakter einer Person beschreiben will, gehört also auch die Frage nach Selbstachtung dazu. Teil der Identität einer Person sind demnach auch der Maßstab, an dem die Person ihre Selbstwertschätzung bemisst, die Verantwortung, die jemand für sich selbst übernimmt, sowie die Frage, wie man sich von anderen Menschen behandeln lässt. Es sind damit bestimmte Verhaltens-, Denk- und Gefühlsdispositionen angesprochen. Dazu zählen auch solche Dispositionen, die den Umgang mit den eigenen Dispositionen betreffen. Wer die Tendenz hat, schnell aus der Haut zu fahren, überlegt sich vielleicht, wie er das verhindern kann. Wer ängstlich ist, mutige Menschen aber besonders schätzenswert findet, wird möglicherweise versuchen, seine Emotionsdisposition zu beeinflussen. Allgemeiner gesprochen, erlaubt dieser Umgang mit den eigenen Dispositionen, dass man sich fragen kann, was man als die Person tun und wie man sich als die Person verhalten soll, die man ist (vgl. Stoecker. 2004. 112.). Man nimmt also eine bestimmte Haltung zu sich selbst ein, aus der heraus man versuchen kann, bestimmte Dispositionen zu beeinflussen und damit zugleich auch, sich selbst zu verändern (vgl. Stoecker. 2004. 109.).
Nicht nur man selbst, sondern auch andere Menschen können beschreiben, was eine Person ausmacht, und diese Beschreibung kann damit übereinstimmen, was diese Person selbst über sich denkt, muss es aber nicht (vgl. Wedelstaedt. 2016. 26.). Insofern kann es sein, dass sich jemand über sich selbst irrt. Vielleicht glaubt er, ein aufgeschlossener Mensch zu sein, die meisten anderen nehmen ihn aber eher als zurückgezogen und unnahbar wahr. Ebenso kann es passieren, dass die Beschreibungen anderer Menschen der Identität einer Person nicht gerecht werden. Vielleicht irren sie sich, weil sie die Person nicht genau genug wahrnehmen oder weil ihre Wahrnehmung von bestimmten Vorannahmen geprägt ist. Solche Vorannahmen können dazu führen, dass durch die Beschreibungen von Personen bereits Bewertungen zum Ausdruck kommen. Manchmal geschehen diese Bewertungen implizit, beispielsweise wenn sich jemand bei der Beschreibung einer Person auf bestimmte Merkmale bezieht, auf die er sich bei anderen Personen in der Regel nicht beziehen würde. Das passiert etwa in Bezug auf Merkmalen wie dem der Hautfarbe, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder der Herkunft. Um Auskunft über die Identität einer Person zu geben, bezieht man sich auf diese Merkmale häufig nur dann, wenn die Person nicht weiß, nicht männlich, nicht heterosexuell ist oder wenn sie aus einem anderen Land stammt. Es muss sich dabei keineswegs um eine falsche Beschreibung handeln, da die betreffende Person tatsächlich schwarz oder schwul ist. Es handelt sich auch nicht zwangsläufig um eine problematische Beschreibung. Doch der Umstand, dass man eine weiße oder heterosexuelle Person nicht anhand dieser Merkmale beschrieben hätte, trägt dazu bei, dass die Person in bestimmter Weise betrachtet und ihre Identität dadurch geprägt wird. Letzteres geschieht vermutlich nicht, wenn solche Beschreibungen die Ausnahme sind. Doch wenn sie sich wiederholen, steht die Person irgendwann vor der Herausforderung, sich dazu verhalten zu müssen, dass sie oft in Bezug auf diese bestimmten Merkmale beschrieben wird. Beschreibungen, mit denen jemand vorrangig durch die Zugehörigkeit zu bestimmten, in der Regel benachteiligten Gruppen identifiziert wird, können diskriminierend sein. Doch auch unabhängig davon nimmt man grundsätzlich eine Haltung dazu ein, wie man von anderen gesehen wird. Dadurch haben die Wahrnehmung und Beurteilung anderer indirekt Einfluss auf die eigene Identität.
Die Identität von Menschen hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab (vgl. Appiah. 2010.). Die gesellschaftlichen und politischen Umstände, unter denen sie aufwachsen und leben, spielen dabei unter anderem eine wichtige Rolle. Gleiches gilt für die Erziehung, die man erlebt, für die Menschen, zu denen man in Nahbeziehungen steht, und die Institutionen, in die man eingebunden ist wie zum Beispiel die Schule. Lange bevor man sich Gedanken über seine Identität machen kann, wird diese bereits geformt und bildet sich heraus. Dementsprechend kann man die eigene Persönlichkeit nicht einfach wählen, wird sich aber dennoch zu ihr verhalten (vgl. Appiah. 2010. 17ff.). Das Verhältnis einer Person zu ihrer Identität kann deshalb sehr herausfordernd sein, weil sie einerseits vieles als gegeben hinnehmen muss und andererseits immer wieder vor der Frage steht, ob sie damit einverstanden ist oder versuchen will, bestimmte Aspekte und Dispositionen zu verändern. Dieses Verhältnis ist für das Konzept der Selbstachtung von zentraler Bedeutung.
Wer eine Haltung der Selbstachtung einnimmt, kann nicht nur beschreiben, was ihn ausmacht, sondern hat außerdem eine Vorstellung davon, wie er sein will. Nicht immer gelingt es einer Person, ihren Ansprüchen zu genügen. Dann wird sie einer Diskrepanz gewahr zwischen der Vorstellung davon, wer sie sein will, und wer sie tatsächlich ist. Wenn diese Diskrepanz groß ist, kann es schockierend sein, sich ihrer bewusst zu werden, weil klar ist, dass man sich nicht einfach ändern und an das Bild anpassen kann, das man gern erfüllen würde:
Sometimes we are mysterious to ourselves: during a moment of crisis, we might legitimately ask, ‚Who am I? What have I become?‘ People often claim or worry that they have become what they hate or become what they fear, and such worries reflect their own sense of powerlessness about their own identities. (Thomason. 2018. 68.)
Krista Thomason spricht davon, dass man sich in manchen Augenblicken oder Lebensphasen nicht versteht und sich in Bezug darauf, wer man ist, ohnmächtig fühlen kann. In Anbetracht dessen, dass die Lebensbedingungen und das soziale Umfeld die individuelle Identität einer Person stark prägen, liegt es nahe, dass man für sich selbst weder ein offenes Buch noch in der Lage ist, die eigene Persönlichkeit frei nach den eigenen Wünschen zu gestalten (vgl. Stoecker. 2006b. 154f.). Doch Fragen wie Wer bin ich? Was ist aus mir geworden? können nicht nur schmerzhaft sein, weil man sich in einem bestimmten Moment so hinnehmen muss, wie man ist, sondern auch, weil man es versäumt hat, Einfluss auf die eigene Persönlichkeit zu nehmen, oder es in einer Weise getan hat, mit der man nicht mehr einverstanden ist. Das heißt zugleich aber auch, dass man sich selbst nicht grundsätzlich machtlos ausgeliefert ist. Man kann immer wieder prüfen, welches Selbstbild man als Maßstab anlegt und ob man diesem entspricht. Doch auch wenn man das tut, ist es selbstverständlich möglich, dass man die eigene Persönlichkeit falsch einschätzt oder einem Selbstbild entsprechen will, dass man zu einem späteren Zeitpunkt als fragwürdig betrachtet. In diesem Augenblick erlebt man dann vielleicht das, wovon Thomason in dem Zitat spricht.
Obwohl wir also einerseits unsere Identität nicht wählen können wie ein Kleidungsstück, das wir anziehen, oder ein Buch, das wir lesen möchten, gibt es andererseits durchaus einen Weg, sich selbst zu verändern, indem man seine Gewohnheiten hinterfragt, sich bestimmten Einflüssen aussetzt oder entzieht und seine Überzeugungen auf ihre Gültigkeit hin prüft (vgl. Stoecker. 2004. 109.). Das Verhältnis zwischen der eigenen Identität und dem eigenen Selbstbild ist zentral dafür, eine Haltung der Selbstachtung einzunehmen. Da man ein unpassendes Bild von sich selbst entwickeln kann, und es wie gesagt nicht leicht ist, sich selbst zu verändern, kann es zu einer Differenz zwischen Identität und Selbstbild kommen. Sich einer solchen Differenz bewusst zu werden, kann dazu führen, dass man sich schämt, weil man in einer bestimmten Weise gesehen wird oder sich selbst sieht, mit der man nicht einverstanden ist. Die Selbstachtung einer Person gerät dann ins Wanken, ihre Haltung ist weniger stabil und ihre persönliche Integrität ist bedroht.
Zusammengefasst verstehe ich das Konzept der Identität hier im Sinne der Persönlichkeit eines Menschen. Sie umfasst alle Eigenschaften, die diese Person ausmachen. Wenn wir die Persönlichkeit eines anderen oder unsere eigene beschreiben, nehmen wir dabei unter anderem Bezug auf bestimmte Haltungen, die wir der Person zuschreiben. Diese Haltungen werden geprägt von Menschen, die uns umgeben, und von Umständen, unter denen wir leben. Wir prägen sie aber auch selbst, weil wir die Möglichkeit haben, uns zu unseren Haltungen und damit zu Aspekten unserer Persönlichkeit zu verhalten. Es ergibt sich hieraus ein gewisses Spannungsverhältnis, insofern man einerseits seine eigene Identität als gegeben hinnehmen muss, andererseits jedoch seine Handlungen, Verhaltensweisen und Haltungen beeinflussen und sich dadurch bewusst verändern kann. Für eine stabile Haltung der Selbstachtung ist es eine Voraussetzung, dass die eigene Identität dem normativen Maßstab, an dem wir unsere Persönlichkeit bemessen, im Großen und Ganzen entspricht. Allerdings ist damit noch nicht gesagt, dass diese Haltung bedeutet, dass sich eine Person als die, die sie ist, achtet und wertschätzt. Denn das hängt auch von ihrem Selbstbild ab, worauf ich nun im folgenden Abschnitt eingehen werde.
8.2 Selbstbild
Unter einem Selbstbild kann man eine Sammlung von Vorstellungen verstehen, die man sich über sich selbst macht (vgl. Deigh. 1983; Weber-Guskar. 2016. 232.). Ein Selbstbild erschöpft sich nicht in der Beschreibung dessen, wie man sich selbst wahrnimmt, sondern ist wesentlich dicker, insofern es auch mit normativen Vorstellungen verbunden ist, beispielsweise davon, wie man bestimmte Rollen ausfüllen sollte. Eine Person, die glaubt, ihre Rolle als Pflegekraft gut auszufüllen, hat bestimmte Vorstellung davon, was eine gute Pflegekraft ausmacht. Man kann sie nach den Gründen ihrer Einschätzung fragen und erwarten, dass sie bestimmte Eigenschaften, Verhaltensweisen, Haltungen etc. nennt, die ihr für den Beruf maßgeblich erscheinen. Sie kann sich vor dem Hintergrund dieser Gründe also als Pflegekraft wertschätzen. Diese Feststellung allein sagt allerdings noch nichts darüber aus, welchen Stellenwert diese berufliche Rolle für die Person hat. Vielleicht ist es ihr sehr wichtig, eine gute Pflegekraft zu sein, weil sie ihren Beruf liebt. Oder es spielt für sie nur eine untergeordnete Rolle, denn eigentlich strebt sie eine musikalische Karriere an und die Arbeit in der Klinik dient vor allem dazu, den notwendigen Lebensunterhalt zu verdienen. Oder aber für ihr Selbstbild ist beides gleichermaßen wichtig, sowohl die Arbeit als Pflegekraft als auch ihr musikalisches Engagement (vgl. Williams. 1981.).
Selbstbilder sind komplex, da wir in der Regel sehr viele verschiedene Rollen in unserem Leben einnehmen, denen gerecht zu werden schwierig ist, insbesondere dann, wenn sie miteinander in Konflikt geraten. Wir stehen also nicht nur vor der Herausforderung, die jeweiligen Rollen auszufüllen, sondern auch, mit ihnen umzugehen, ihre Anforderungen gegeneinander abzuwägen und zu entscheiden, wie wichtig uns die einzelnen Rollen sind (vgl. Stoecker. 2004. 111f.). Das heißt, man kann diese Rollen reflektieren und prüfen, welche Ansprüche man mit ihnen verbindet, und in diesem Zuge Haltungen zu ihnen einnehmen. Das Selbstbild bezieht sich also auf diese verschiedenen Rollen und beinhaltet bestimmte Vorstellungen und Bewertungen der Person. Auch für das Selbstbild gilt das, was ich über die Identität einer Person gesagt habe. Es ist ebenfalls davon geprägt, unter welchen Umständen man aufwächst und lebt. Es wird von Haltungen, Werten und Überzeugungen geformt, die man in seinem Umfeld vermittelt bekommt (vgl. Weber-Guskar. 2016. 221ff.). Dies geschieht beispielsweise, indem man bestimmte Vorstellungen in das Bild von sich selbst übernimmt, oft ohne es bewusst zu bemerken. Doch auch wenn vieles unbewusst und nebenbei in das Selbstbild einer Person einsinken kann, gibt es zugleich auch die Möglichkeit, dieses Bild zu gestalten und zu entwerfen (vgl. Mummendey. 2002. 2.).
Ein Selbstbild drückt sich darin aus, was Menschen tun, was sie für wichtig halten, worum sie sich sorgen und wonach sie streben. Andere Menschen reagieren darauf und formen das Bild mit, sei es, indem sie es unterstützen, es ablehnen oder mit Desinteresse und Gleichgültigkeit darauf reagieren. Die Reaktionen anderer Menschen spiegeln ihre eigenen Haltungen wider. Wenn der wohlerzogene Teenager anspruchsvoller Eltern seine berufliche Zukunft in der Gastronomie sieht und es völlig abwegig findet, studieren zu gehen, könnten die Eltern darauf mit Vorbehalten und Ablehnung reagieren. Vielleicht wollen sie aber auch verstehen, wie ihr Sohn auf diese Idee kommt. Dann ist es an dem Sohn, seinen Eltern zu erklären, warum ihm an der Arbeit in der Gastronomie so viel mehr liegt als an einer Karriere, die er mit einem Studium entwickeln könnte. Der Sohn kann mit Hilfe von Gründen versuchen, den Eltern seine Vorstellungen und damit einen Teil seines Selbstbildes verständlich zu machen (vgl. Weber-Guskar. 2016. 163ff.). Wir reagieren auf die Selbstbilder anderer Menschen, indem wir sie mit unseren eigenen Vorstellungen abgleichen. Es gibt Selbstbilder, die man gut verstehen und nachvollziehen kann, mit denen man sich selbst auch bis zu einem gewissen Grad identifizieren kann. Am anderen Ende des Spektrums gibt es aber auch solche, die einem in weiten Teilen unverständlich erscheinen. Je nachdem, in welchem Umfeld wir leben, ist es leichter oder schwerer Selbstbilder zu entwickeln, die mit der eigenen Identität vereinbar sind. Édouard Louis beschreibt in Das Ende von Eddy, dass ihm in seiner Jugend gar nicht die Möglichkeit eines passenden Selbstbildes zur Verfügung stand, weil die Menschen in dem Dorf, in dem er lebte, tiefsitzende Ressentiments gegen homosexuelle Männer hegten. Statt ein Selbstbild zu entwickeln, das er mit seiner Identität in Verbindung bringen kann, versucht er als Zwölfjähriger mit erheblicher Anstrengung seine Identität zu verändern, um zu einem „echten Kerl“ zu werden (Louis. 2019. 167.). Doch das Bild steht in starkem Kontrast zu ihm selbst. Er beschreibt sich als einen Jungen, dessen Stimme, Gestik und Körpersprache deutlich femininer gerieten als die der anderen Jungen im Dorf:
Dieses Gehabe war stärker als ich, und ebenso wenig konnte ich für meine schrille Stimme. Auch meine Art zu gehen war nicht selbst gewählt, der ausgeprägte, viel zu stark ausgeprägte Hüftschwung, recht, links, rechts, links, und ebenso die gellenden Schreie, die aus meinem Körper kamen, ich stieß sie nicht selbst aus, sie kamen eigenmächtig aus meiner Kehle, wenn ich überrascht oder froh war oder mich erschrak. (Louis. 2019. 26.)
Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, ein Selbstbild entwickeln zu können, bei dem die Chance besteht, es in Einklang zu bringen mit der eigenen Identität. Andernfalls leiden Menschen darunter, dass sie nur mit großer Kraftanstrengung dazu stehen zu können, wer sie sind. Die Gefahr von anderen durch Bloßstellungen, Demütigungen oder gar Misshandlungen bedroht und beschämt zu werden, ist unter diesen Umständen groß. Eddy erfährt in seinem Dorf, in der Familie und in der Schule schlimme Demütigungen und Misshandlungen. Die Menschen in seinem Umfeld drängen ihm nicht nur das Bild des echten Kerls auf, das er dann mit aller Kraft als sein Selbstbild aufzubauen versucht. Sie stellen ihn zudem regelmäßig darin bloß, dass er diesem Bild nicht im Entferntesten entspricht. Dieses Beispiel zeigt, dass man nicht nur daraufhin beurteilt wird, welches Selbstbild man hat, sondern mindestens ebenso sehr daraufhin, wie groß der Abstand zwischen der eigenen Identität und seinem Selbstbild ist. Sich als jemand darzustellen, der man eigentlich nicht ist, heißt eine Rolle zu spielen, eine Persönlichkeit zu imitieren, die nicht die eigene ist. Je weniger die Rolle zu einem passt, desto größer ist die Gefahr, aus der Rolle zu fallen, und wer aus der Rolle fällt, der blamiert sich, wird noch weiter bloßgestellt oder von anderen beschämt. Schlimmstenfalls verliert man sein Gesicht. Das, was man gegenüber anderen präsentiert, wird als eine hohle Maske gesehen und nicht länger geglaubt. Weiter oben habe ich behauptet, dass Menschen in solchen Situationen häufig mit Scham reagieren. Die Frage ist nun, was dafürspricht, dass es tatsächlich so ist.
8.3 Scham
Man kann versuchen, die Verbindung zwischen dem Konzept der Selbstachtung und dem der Scham begrifflich zu fassen, wie es beispielsweise Gabriele Taylor tut. Sie behauptet, dass Selbstachtung zu haben damit einhergeht, unter bestimmten Bedingungen Scham zu empfinden. Würde man gar keine normativen Erwartungen an das eigene Verhalten stellen, wäre man schamlos (vgl. Taylor. 1995. 161.), ein Zustand, der möglicherweise bequem, aber gewiss nicht erstrebenswert ist. Wer Selbstachtung hat, ist in der Lage, sich selbst im Hinblick auf einen bestimmten normativen Maßstab zu beurteilen. Wenn man diesem Maßstab weitestgehend entspricht, ist es leichter, seine Selbstachtung aufrechtzuerhalten. Wenn Menschen aber gedemütigt oder herabgesetzt werden, wenn sie merken, dass sie bestimmte eigene Ansprüche nicht erfüllen können, wenn sie sich eingestehen müssen, dass sie fehlbar oder verletzlich sind, oder wenn sie glauben, vor anderen Menschen bloßgestellt zu sein, werden sie einer Differenz gewahr, die zwischen dem, was sie sind oder erleben, und ihrem Selbstbild besteht. Eine solche Differenz ist zwar nicht zwangsläufig mit Scham verbunden, sie kann es aber oftmals sein.
Man schämt sich, wenn man glaubt, dass man sich in einer Weise verhält oder erscheint, die man selbst oder die andere als verwerflich, lächerlich, ungenügend oder abschätzig beurteilen (vgl. Williams. 2000. 105.). Im Augenblick der Scham steht man vor vollendeten Tatsachen und fühlt sich den Blicken anderer Menschen oder auch dem eigenen hilflos ausgeliefert (vgl. Sartre. 1998. 457ff; Lotter. 2011b. 77ff.). Man möchte im Boden versinken oder hat, wie Williams sagt, den „Wunsch, der Raum, den ich gerade einnehme, möge sofort leer sein“ (Williams. 2000. 105.). In diesem Sinne fehlt dem, der sich schämt, die Kontrolle über die Situation, er kann nicht verhindern, sich zu blamieren, gedemütigt zu werden oder sein Gesicht zu verlieren. Gleichzeitig bedeutet Scham aber auch, dass man sich für verantwortlich dafür hält, wie man von anderen oder sich selbst wahrgenommen wird. Im Zusammenhang mit den reaktiven Einstellungen und Emotionen, die wir gegenüber anderen haben, habe ich bereits erwähnt, dass Scham eine reaktive Emotion ist, die sich auf die Person selbst richtet. Die Person schreibt sich selbst die Verantwortung dafür zu, dass sie in einer Weise gesehen wird, in der sie nicht gesehen werden will. Anders als im Falle der Schuld, die man in Bezug auf andere empfindet, ist man bei der Scham selbst diejenige, auf die sich das Gefühl bezieht (vgl. Williams. 2000; Lotter. 2015. 105.). Man erlebt einerseits also eine Art Kontrollverlust, da man es gern verhindert hätte, in bestimmter Weise gesehen zu werden, andererseits aber glaubt man trotzdem, dafür verantwortlich zu sein. Auf den ersten Blick passt das schlecht zusammen, da die Zuschreibung von Verantwortung in der Regel mit der Bedingung verbunden ist, dass man etwas hätte anders machen können, während Scham offenbar bedeutet, dass einem Kontrolle gerade abhanden gekommen ist (vgl. Fischer und Ravizza. 1994. 6f; Thomason. 2018. 69; Talbert. 2019.).
Eine Möglichkeit, auf dieses Problem zu reagieren, besteht darin, nur diejenigen Fälle von Scham ernst zu nehmen, bei denen die Akteurin die Chance hatte, anders zu handeln. Eine Lügnerin beispielsweise, die sich schämt, weil ihre Lüge aufgedeckt wurde, hätte auch aufrichtig sein können. Sie schämt sich deshalb zurecht. Wer sich aber schämt, obwohl er gar nichts dazu beigetragen hat, um in die beschämende Situation zu geraten, unterliegt nach diesem Verständnis von Scham einem Irrtum. Manchmal werden diese ‚irrigen‘ Fälle von Scham als irrational beschrieben oder damit erklärt, dass die Betroffenen falsche Überzeugungen hegen (vgl. Deonna et al. 2011. 108ff; Thomason. 2018. 29ff.). Oder man löst das Problem, indem man die fragliche Kontrolle nicht auf das Handeln der Person bezieht, sondern auf ihre Überzeugungen und Werte. Um angemessene Scham handle es sich demnach nur dann, wenn man seine Überzeugungen und Werte unter bestimmten Bedingungen infrage stellt oder aufgibt. Wenn man ihnen aber treu bleibt, habe man keinen Anlass sich zu schämen, unabhängig davon, was man tut. Scham wäre folglich angemessen, wenn man sich moralisch korrumpieren lässt und seine moralische Integrität preisgibt (vgl. Taylor. 1995. 165ff.). Schämt man sich aber, obwohl es eigentlich fremde Standards und Maßstäbe sind, die man verfehlt, so seien dies Momente „falscher Scham“ (vgl. Taylor. 1995. 169.). Falsch deshalb, weil man die normativen Standards in solchen Augenblicken nur vorrübergehend annimmt, sie tatsächlich aber nicht vertritt. Eine Person könnte dementsprechend angemessene Scham vermeiden, indem sie ihren eigenen Standards treu und damit integer bleibt.
Beide Lösungen erscheinen mir unbefriedigend, denn es ist nicht irrational, sich für Dinge zu schämen, an denen man nichts ändern kann (vgl. Deigh. 1983. 232ff.). Wer sich etwa dafür schämt, dass andere ihn geringschätzen, weil er kein echter Kerl ist, nicht aus gutem Hause kommt oder weil er behindert ist, reagiert in diesen Augenblicken nicht irrational, auch wenn er für das fragliche Merkmal nichts kann. Wenn man sich schämt, ist man in seiner ganzen Person davon betroffen und als diese fühlt man sich verantwortlich dafür, wer man ist. Aus diesem Grund erscheint es mir falsch, das Gefühl der Scham von der Person loszulösen und nur auf bestimmte Eigenschaften zu beziehen, um es in einem nächsten Schritt dann als irrational zu beschreiben. Diese Überlegung spricht gegen den ersten Lösungsvorschlag. Nach dem zweiten Lösungsvorschlag liegt die Integrität einer Person allein darin, dass sie weiterhin an ihre eigenen Überzeugungen glaubt, doch auch das ist nicht plausibel. Es stimmt zwar, dass eine Person, die gezwungen wird, entgegen ihren Überzeugungen moralisch verwerfliche Dinge zu tun, nicht ihre moralische Integrität verletzt, schließlich lag es außerhalb ihrer Möglichkeiten, etwas an der Situation zu ändern. Doch auch wenn die Person ihren moralischen Überzeugungen treu bleibt, ist die Scham, die sie empfindet, nicht falsch oder unangemessen. Schamgefühle beziehen sich nicht in erster Linie oder ausschließlich auf moralische Fehltritte. Wer sich dafür schämt, im Sterne-Restaurant nicht die Etikette zu beherrschen, muss nicht glauben, dass es sich dabei um eine moralische Frage handelt. Es ist eher so, dass er dem Bild, das er von sich zeigen möchte, nicht gerecht wird, und glaubt, dass andere ihn deshalb in einem schlechten Licht sehen. Das kann mit moralischen Verfehlungen zu tun haben, aber eben auch mit anderen Dingen. Ich denke deshalb, dass Scham sich nicht nur auf die moralische Integrität einer Person bezieht, sondern auch auf ihre persönliche Integrität (vgl. Stoecker. 2003, 2004.). Wer gezwungen ist, moralisch verwerflich zu handeln, muss nicht fälschlicherweise glauben, dass seine moralische Integrität verletzt ist. Dennoch kann das Handeln mit seinem Selbstbild unvereinbar sein und das bedeutet, dass dadurch seine persönliche Integrität beschädigt wurde.
Aus diesen Überlegungen folgt also zweierlei. Erstens bezieht Scham sich nicht ausschließlich auf einzelne Handlungen oder Eigenschaften, sondern immer auch auf die Person im Ganzen und als diese fühlen Menschen sich dafür verantwortlich, wer sie sind. Zweitens betrifft diese Verantwortung nicht nur das moralische Handeln, sondern eben auch die Frage, was die Person individuell ausmacht und wie sie sich darstellt. Dies umfasst alle möglichen ihrer Eigenschaften, angefangen von Handlungs- und Verhaltensweisen, über ihre Haltungen bis hin zu Merkmalen wie der Herkunft, dem Körper, den geistigen Fähigkeiten, der sexuellen Orientierung, einem Dialekt und vielem anderen mehr. Denn all diese Eigenschaften gehören zu der individuellen Identität einer Person.
Da Scham immer damit einhergeht, in einer bestimmten Weise gesehen zu werden, handelt es sich um ein soziales Geschehen. Zwar kann man sich auch vor sich selbst schämen, doch auch dafür ist wesentlich, dass man aus der vorgestellten Perspektive eines anderen auf sich blickt (vgl. Williams. 2000. 96ff; Lotter. 2011b. 113ff.). Dieser Umstand erklärt, warum Scham mit einem Gefühl des Kontrollverlustes verbunden ist, da man keinen unmittelbaren Einfluss darauf hat, wie man von anderen gesehen und beurteilt wird. Mittelbar besteht er aber sehr wohl, denn wir nehmen ständig Einfluss darauf, wie andere Menschen uns sehen. Doch in Augenblicken der Scham stehen wir viel schlechter da, als uns lieb ist, und können daran nichts ändern. Diesen Kontrollverlust habe ich weiter oben als einen Aspekt der Scham beschrieben, der nicht gut damit zusammenzupassen scheint, dass man sich gleichzeitig als verantwortlich dafür betrachtet, wer man ist. Tatsächlich stehen die beiden Aspekte aber nicht im Gegensatz zueinander, denn sie beziehen sich auf zwei verschiedene Gegenstände, einmal auf die Frage, wie man von anderen gesehen wird, und zum anderen darauf, dass man dafür verantwortlich ist, die zu sein, die man ist. Doch auch wenn es sich hier um zwei unterschiedliche Gegenstände handelt, sind die beiden Aspekte eng miteinander verknüpft und diese Verbindung macht Schamgefühle so prekär. Sowohl für die eigene Identität als auch für das Selbstbild einer Person ist es wichtig, wie sie von anderen gesehen wird. Und je nachdem, wie groß die Diskrepanz zwischen der Identität und dem Selbstbild ist, ist es für die Person leichter oder schwieriger, der genannten Verantwortung gerecht zu werden und für sich einzustehen.
Wie wichtig es ist, in einem akzeptablen Licht von anderen gesehen zu werden, kann man an den vielfältigen Situationen sehen, in denen Menschen dazu neigen, sich zu schämen. Es kann beschämend sein, wie Luft behandelt zu werden oder auf andere Weise Missachtung zu erfahren. Menschen reagieren mit Scham, wenn ihre Grenzen verletzt werden und sie nicht selbst darüber bestimmen können, was und wie viel sie von sich preisgeben. Scham entsteht auch, wenn man ausgegrenzt wird, wenn andere Menschen einem vermitteln, dass man nicht ‚normal‘ sei, ihre Erwartungen nicht erfülle oder man ‚nicht gut genug‘ für sie sei (vgl. Immenschuh und Marks. 2014. 37ff.). Es kann beschämend und ehrverletzend sein, schlecht angesehen zu werden, selbst dann, wenn man nicht die Werte teilt, die dem Urteil der anderen Menschen zugrunde liegen. Denn die damit einhergehende Ablehnung spürt man unmittelbar im Kontakt mit anderen, während die Beurteilung der in Rede stehenden Werte einen differenzierteren Reflexionsprozess erfordert. Wir können zwar danach streben, uns von Missachtung, Ausgrenzung und vielleicht auch von Grenzverletzungen zu distanzieren, indem wir ihre Genese nachvollziehen und die impliziten Normen und Werte auf ihre Gültigkeit überprüfen. Dennoch kann man sich nicht grundsätzlich davor schützen, ein Opfer von Beschämung zu werden, eben weil wir als soziale Wesen grundlegende Bedürfnisse nach Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit und Integrität haben (vgl. Immenschuh und Marks. 2014. 56.). Das heißt, das Selbstbild und die Wertschätzung einer Person für sich selbst bestehen nicht losgelöst davon, welches Bild andere Menschen von der Person haben, und ob sie ihr Wertschätzung entgegenbringen.
Wer sich schämt, wird in einer Weise gesehen, mit der er nicht einverstanden ist. Er hat also eine andere Vorstellung von sich selbst, ein bestimmtes Selbstbild, das nicht dazu passt, wie er in der fraglichen Situation erscheint. Die Differenz zwischen dem, wie man erscheint, und wie man zu sein glaubt oder wie man sein will, macht es schwer, die eigene Selbstachtung aufrechtzuerhalten. Man kann in diesen Momenten nicht dafür einstehen, wer man ist, sondern hadert stattdessen mit der eigenen Identität. Die Gründe dafür können wie gesagt divers sein. Es kann sein, dass man seinen eigenen Ansprüchen nicht genügt. Die Dame im Pflegeheim, die ihren Besuch nicht im Jogginganzug empfangen möchte, könnte es deshalb nicht wollen, weil sie sich als eine stets schick gekleidete Person sieht und diesen Anspruch an sich selbst erfüllen möchte. Man kann sich auch schämen, weil man bestimmten Konventionen nicht genügt. Der Gast des Sterne-Restaurants, der mit der Etikette nicht vertraut ist, schämt sich vor seiner Begleitung vielleicht dafür, dass er aus einer Arbeiterfamilie kommt und mit den Gepflogenheiten dieser vornehmeren Welt nicht viel anzufangen weiß. Im besonderen Maße tritt Scham aber dann auf, wenn man gedemütigt, verhöhnt oder verachtet wird. Dafür gibt es drastische Beispiele, aber auch subtilere, wie eines, von dem Louis in Das Ende von Eddy erzählt. In dem Dorf, in dem Eddy aufwächst, wird es wertgeschätzt, viel zu wiegen. Viele seiner Familienmitglieder sind fettleibig und machen Witze darüber, dass er dünn und schmächtig gebaut ist. Diese Bemerkungen veranlassen ihn schließlich dazu, den Plan zu fassen, dick zu werden, und er nimmt innerhalb eines Jahres 20 Kilogramm zu (vgl. Louis. 2019. 14f.). Scham kann also eine korrektive Funktion haben und dadurch dem Selbstschutz dienen (Taylor. 1985. 161; Lotter. 2011b. 83ff.). In dem Moment, in dem man sie empfindet, kann man zwar nicht mehr viel tun, sondern ist der Situation ausgeliefert. Doch gerade aufgrund dieser Ohnmacht und dem Gefühl, nicht schätzenswert zu sein, kann Scham dazu motivieren, eine ähnliche Situation in Zukunft zu vermeiden (vgl. Williams. 2000. 92ff.).
Eine Möglichkeit, Scham zu vermeiden, besteht darin, sich den Vorstellungen anzunähern, die man im Augenblick der Scham nicht erfüllen konnte. Weil Louis’ Protagonist dafür verhöhnt wird, dünn und schmächtig zu sein, will er dick werden, in der Hoffnung, dann mehr Wertschätzung von anderen Menschen zu erfahren. Dieses Beispiel ist bedrückend und man will sofort einwenden, dass die Wertschätzung einer Person nicht von ihrem Körperbau abhängen sollte. Stattdessen will man den Jungen ermutigen, den Demütigungen etwas entgegenzusetzen. Auch das kann ein Weg sein, die Scham zu verringern, auch wenn er in der Regel sehr viel mehr Mut und Kraft sowie Reflexions- und Durchhaltevermögen fordert. Die motivierende Kraft von Scham wird allerdings oft auch als etwas Positives betrachtet, insbesondere dann, wenn Scham die Reaktion auf moralische Verfehlungen ist. Wenn sich jemand dafür schämt, hinter dem Rücken seines Freundes schlecht über ihn gesprochen zu haben, und daraufhin motiviert ist, sein Verhalten wiedergutzumachen oder in Zukunft loyaler zu sein, spielt dieses Gefühl eine wichtige Rolle für die Freundschaft und die charakterliche Entwicklung der Person. Vollkommen schamlos zu sein, ist also keineswegs erstrebenswert.
Zu Beginn dieses Abschnitts habe ich behauptet, dass ein besonderer Zusammenhang zwischen Scham und Selbstachtung besteht. Scham empfinden zu können, ist eine besondere Fähigkeit und eine Voraussetzung dafür, sich selbst achten zu können. Nur dann, wenn man einen normativen Maßstab dafür hat, wer und wie man sein will, kann man an diesem Maßstab scheitern und wünscht sich dann womöglich, im Boden zu versinken. Scham ist ein Indikator dafür, dass Menschen mit ihrer Identität oder ihrem Selbstbild hadern, und das wiederum erschwert es ihnen, sich selbst zu achten und für sich einzustehen. Wer Scham empfindet und sich einer Diskrepanz zwischen der eigenen Identität und seinem Selbstbild bewusst wird, kann sich dazu verhalten und Einfluss auf sein Verhalten und seine Dispositionen nehmen. Ebenso kann die Scham Anlass sein, das eigene Selbstbild zu überprüfen. Dass wir in der Lage sind, Haltungen gegenüber uns selbst zu beeinflussen, passt gut dazu, Scham als eine selbst-reaktive Emotion zu betrachten, die mit der Selbstzuschreibung von Verantwortung verbunden ist. Wenn es stimmt, dass Scham sich auf die gesamte Person bezieht und nicht allein auf einzelne Eigenschaften oder Handlungen, dann betrachtet man sich als verantwortlich dafür, dass man die ist, die man ist. Angesichts dessen aber, dass vieles von der Identität einer Person durch bestimmte Gegebenheiten festgelegt ist und durch Umstände oder andere Menschen stark beeinflusst wird, ist gar nicht klar, ob wir tatsächlich dafür verantwortlich sind, dass wir die sind, die wir sind.
8.4 Sind wir verantwortlich dafür, dass wir die sind, die wir sind?
Manche Menschen schämen sich wie Eddy für ihren Körper. Andere schämen sich für ihre Herkunft, ihre sexuelle Orientierung oder ihr Geschlecht, für ihre Bildung, ihre Hautfarbe und vieles andere mehr, das sie weder bestimmen noch an dem sie etwas ändern können (vgl. Thomason. 2018. 66f.). Laut Thomason schämen wir uns sogar am häufigsten für Aspekte unserer Persönlichkeit, die wir nicht gewählt haben: „We most frequently feel shame about, what I will call, our nonvoluntary identities.“ (Thomason. 2018. 69f.). Welche Hautfarbe man hat, wie man sexuell orientiert ist, ob man sich weder als Frau noch als Mann sieht, woher man kommt, welchen Bildungshintergrund man hat usw. sind offensichtlich Eigenschaften, für deren Zustandekommen man selbst nicht verantwortlich ist. Deshalb ist es vielleicht doch naheliegend, diese Fälle von Scham als irrational zu betrachten, denn wenn man keinen Einfluss auf etwas hat, scheint es falsch zu sein, sich selbst dafür als verantwortlich zu betrachten.
In diesem Abschnitt untersuche ich nun genauer, was es bedeutet, dafür verantwortlich zu sein, dass man die Person ist, die man ist. Denn wenn man behaupten will, dass jemand, dem etwas an seiner Selbstachtung liegt, ein bestimmtes Verhältnis zu sich selbst einnehmen sollte, dann muss er grundsätzlich auch in der Lage dazu sein. Man muss ihm also die Verantwortung für dieses Verhältnis zuschreiben können. Diese Verantwortung bezieht sich auf das komplexe Verhältnis zwischen der Identität, die in vielerlei Hinsicht nicht gewählt ist, und dem Selbstbild einer Person. Eine Haltung der Selbstachtung nimmt eine Person dann ein, wenn sie sich um dieses Verhältnis kümmert und ihr daran gelegen ist, eine Übereinstimmung zwischen dem, was sie für wichtig hält, worum sie sich sorgt oder wonach sie strebt und ihrem tatsächlichen Handeln, Verhalten, Denken und Fühlen herzustellen. Diese Übereinstimmung könnte man auch als persönliche Integrität bezeichnen. Die Person verkörpert das, was sie zu sein vorgibt, es besteht kein Bruch zwischen ihrem Selbstbild und ihrer Persönlichkeit. Im Zusammenhang mit der korrektiven Funktion von Scham ist deutlich geworden, dass man sich um seine persönliche Integrität bemühen kann, indem man entweder versucht, seinem Selbstbild zu entsprechen oder das Selbstbild zu verändern, falls es allzu weit von der eigenen Identität entfernt ist.
So gesehen ist es also erst einmal plausibel, einer Person Verantwortung für ihre Selbstachtung zuzuschreiben. Doch was bedeutet das für diejenige, die sich für etwas schämt, was zwar Teil ihrer Identität ist, was sie aber nicht ändern kann? Die einfachste Antwort lautet, dass sie dann eben ihr Selbstbild ändern muss, um ihre persönliche Integrität herstellen oder wahren zu können. Das würde allerdings bedeuten, dass es letztendlich irrelevant ist, welches Bild man von sich selbst hat, solange es nur mit der eigenen Persönlichkeit zur Deckung gebracht werden kann. Das stimmt jedoch mitnichten und hat sich am Beispiel von Eddy bereits gezeigt. Das Umfeld, in dem Menschen leben, hat großen Einfluss darauf, welchem Bild ein Mensch zu entsprechen versucht. Louis’ Text zeigt das sehr deutlich. Der ganze Roman handelt vom Kampf des Protagonisten, das Bild des echten Kerls zu erfüllen, auch dann, wenn bereits unzählige Erfahrungen dafür sprechen, dass diese Bild überhaupt nicht zu seiner Persönlichkeit passt. Erst am Ende der Geschichte entschließt Eddy sich, sein Umfeld zu verlassen, und auch hier lässt Louis keinen Zweifel daran, dass das die letzte Option für Eddy ist:
Der einzige Ausweg, der sich mir bot, der mir noch blieb, war die Flucht.
Mir liegt daran, hier zu zeigen, dass die Flucht nicht etwa ein Plan war, den ich innerlich schon lange hegte, als wäre ich ein gefangenes Tier, das sich nach Freiheit sehnte, als hätte ich schon immer weg gewollt, denn die Flucht war im Gegenteil die letzte noch verbleibende Möglichkeit nach einer langen Reihe von Niederlagen gegen mich selbst. Und so erlebte ich auch die Flucht zunächst als Resignation, als Scheitern. In diesem Alter hätte Erfolg darin bestanden, so zu sein wie die anderen. Ich hatte alles versucht. (Louis. 2019. 198.)
Wenn die persönliche Integrität also darin besteht, dass Identität und Selbstbild übereinstimmen, und das Selbstbild in großem Maße von dem Umfeld abhängt, in dem man lebt, zeigt dies einerseits, dass man nicht jedes beliebige Bild für erstrebenswert hält, sondern vermutlich ein solches, das Anerkennung, Zughörigkeit und Schutz seitens der Gemeinschaft verspricht. Doch dann stellt sich die Frage, ob man tatsächlich für das Bild verantwortlich sein kann, das den Maßstab dafür liefert, wie man sich zu sich selbst verhält. Für eine Haltung der Selbstachtung ist dieser Maßstab entscheidend, da er Gründe dafür liefert, sich selbst wertzuschätzen. Falls das Selbstbild einer Person also zu einem großen Teil vom sozialen Umfeld geprägt und die Person selbst nicht für dieses Bild verantwortlich ist, hat sie insoweit keinen Einfluss auf die Gründe, die Teil ihrer Haltung der Selbstachtung sind.
Damit zeichnen sich auf den ersten Blick zwei Möglichkeiten hinsichtlich der Verantwortung für die eigene Selbstachtung ab. Entweder ist man verantwortlich für sein Selbstbild und es bleibt unerklärlich, warum Menschen in einer Situation wie Eddys so lange an einem unpassenden Bild festhalten. Oder man trägt keine Verantwortung für das eigene Selbstbild, weil man nichts daran ändern kann, sondern es durch den Kontext bestimmt wird, in dem man lebt. Im ersten Fall liegt die Verantwortung ganz bei der Person selbst, im zweiten Fall liegt sie allein bei den Menschen im Umfeld der Person. Beide Möglichkeiten halte ich allerdings nicht für plausibel, da es einerseits unter bestimmten Bedingungen sehr schwierig, manchmal vielleicht sogar unmöglich ist, ein Selbstbild zu entwickeln, das im Kontrast zu den Vorstellungen der Mitmenschen steht. Andererseits gibt es oft aber trotz allem die Möglichkeit, ein vorgegebenes Bild zu hinterfragen und es abzulehnen. Schließlich wäre es andernfalls völlig unrealistisch, dass Eddy es jemals schaffen könnte, seine Situation zu verändern. Die Herausforderung, die diese Ambivalenz für das Konzept der Selbstachtung bedeutet, wird noch größer, wenn die Person gar nicht merkt, dass sie sich (teilweise) verleugnen muss, um einem bestimmten Selbstbild zu entsprechen, sondern ihre Identität zu großen Teilen damit in Einklang bringen kann.
In seiner Auseinandersetzung mit dem Begriff der Selbstachtung hat Thomas E. Hill sein Augenmerk auf dieses Problem gelegt. Der Aufsatz „Servility and Self-Respect“ (1973) handelt davon, worin Selbstachtung besteht und dass sie durch Servilität untergraben wird2. Um das Phänomen der Servilität zu veranschaulichen, beschreibt Hill drei beispielhafte Figuren, die sich aus unterschiedlichen Gründen unterwürfig gegenüber anderen Menschen verhalten. Gemeinsam ist aber allen, dass sie ihre eigenen Interessen, Anliegen oder Bedürfnisse zugunsten anderer Menschen zurückstellen und glauben, dass sie entweder weniger Rechte haben, weniger Berücksichtigung verdienen oder dass ihre Rolle einfach darin besteht, anderen dienlich zu sein. Hill bezeichnet zwei der Figuren als Uncle Tom und Deferential Wife. Fast fünfzig Jahre nach Erscheinen seines Artikels liegt bezüglich dieser Bezeichnungen das Bedenken nahe, dass die geschichtsträchtige Stereotypisierung als solche ethisch problematisch ist. Doch Hills Wahl, einen Schwarzen und eine Frau als Illustration für Servilität zu nehmen, beruht auf einer Kritik an gesellschaftlichen Vorstellungen und Strukturen, die Menschen mit bestimmten Merkmalen diskriminieren (vgl. Hill. 1973. 93f.). In Bezug auf das Konzept der Selbstachtung ist es eine wichtige Frage, was für Menschen daraus folgt, einer bestimmten Gruppe anzugehören, die eine lange Geschichte der Diskriminierung, Unterdrückung und Stigmatisierung hat. Auf die jeweilige Geschichte der Schwarzen oder der Frauen werde ich hier nicht eingehen, sondern allgemeiner adressieren, was es für das Selbstverhältnis einer Person bedeutet, zu einer Gruppe mit einer derartigen Geschichte zu gehören.
Das Adjektiv servil verwendet man, um eine Person als unterwürfig, andienend oder kriecherisch zu beschreiben. Wer servil ist, der erniedrigt sich selbst, indem er anderen Menschen gegenüber zum Ausdruck bringt, dass seine Interessen weniger zählen, dass er der Rücksichtnahme nicht wert ist oder seine Rechte nicht einklagt. Es gibt außerdem die Redewendung, dass jemand ‚sein Fähnlein nach dem Winde hängt‘, sich also stets an die Gegebenheiten anpasst, die durch die Meinungen und Erwartungen anderer Menschen geformt werden. Wer sich servil verhält, leistet keinen Widerstand. Statt nach einem eigenen Maßstab zu handeln, richtet sich die servile Person nach den Vorstellungen anderer Menschen, um deren Erwartungen erfüllen zu können. Die eigene Persönlichkeit wird dementsprechend so präsentiert oder verändert, dass sie möglichst gut zu den Vorstellungen und Erwartungen der anderen passen. Hills Figuren verhalten sich jeweils in unterschiedlicher Weise servil. Die Figur des Schwarzen glaubt, dass es richtig sei, dass Schwarze schlechter behandelt werden als Weiße. Die Figur der untergebenen Ehefrau meint, dass ihr Selbstbild sich darin erschöpfe, eine fürsorgliche, dienliche Frau zu sein, die sich allen Wünschen und Launen ihres Mannes fügt und es akzeptiert, wenn ihr Mann sie schlecht behandelt oder demütigt. Beide Figuren sind dementsprechend damit einverstanden, ein geringeres Maß an Wertschätzung und Achtung zu erfahren als andere Menschen. Die Gründe dafür mögen unterschiedlich sein. Doch anders, als ich es vor wenigen Sätzen behauptet habe, zeichnen sich die Figuren dadurch aus, dass es ihr Maßstab, ihr Bild von sich selbst ist, die ihren Haltungen zugrunde liegen und die sich unter anderem auf ihren Platz als Person innerhalb der moralischen Gemeinschaft beziehen (vgl. Hill. 1973. 90.). Vor diesem Hintergrund kann man zwischen Servilität, wie ich sie zunächst beschrieben habe, und derjenigen, die Hill seinen Figuren zuschreibt, unterscheiden. Im ersten Fall hängt jemand sein Fähnlein nach dem Winde, um instrumentelle Vorteile in einer Situation zu erreichen. Wenn das ein Merkmal seiner Persönlichkeit ist, ist die Person offenbar nicht an einer Haltung der Selbstachtung interessiert, da die normativen Maßstäbe, an denen sie ihr Handeln ausrichtet, tatsächlich fremde sind und nur dann angelegt werden, wenn es für sie nützlich ist. Sie hat keinen Maßstab, mit Hilfe dessen sie ihre Persönlichkeit beurteilt und fragt nicht danach, ob sie sich wertschätzen kann oder nicht.
Für Hills Figuren gilt das nicht. Sie haben jeweils ein Bild von sich selbst und diesen Bildern ist gemeinsam, dass beide glauben, anderen Menschen grundsätzlich untergeordnet zu sein, weniger Ansprüche stellen zu können, und schlechte Behandlungen seitens ihrer Mitmenschen als angemessen zu betrachten. Ein Grund dafür könnten unbewusste Einstellungen sein, die die Figuren mit vielen Mitgliedern der Gesellschaft teilen. Diese Einstellungen sind beispielsweise davon geprägt, dass Schwarze und Frauen lange Zeit als Menschen zweiter Klasse betrachtet wurden, dass ihnen weniger Rechte zugesprochen und sie von Weißen beziehungsweise von Männern systematisch unterdrückt wurden. Es gibt dementsprechend tief verwurzelte, gesellschaftliche Bilder, die laut der implicit bias-Forschung nach wie vor Einfluss auf unser Denken, Verhalten, Empfinden und Handeln haben (vgl. Brownstein und Saul. 2016b.). Mitglieder diskriminierter Gruppen sind dann mit diesen Bildern konfrontiert, wenn sie auf Menschen treffen, die noch immer felsenfest davon überzeugt sind, dass es richtig ist, rassistische oder sexistische Ansichten zu vertreten. Sie werden ebenfalls damit konfrontiert, wenn Menschen, die Rassismus und Sexismus für verwerflich halten, unbewusste Einstellungen haben, die diesen Bildern entsprechen.
Schließlich werden die beschriebenen Figuren aber auch mit den überkommenen gesellschaftlichen Vorstellungen konfrontiert, weil sie Teil ihres Selbstbildes sind. Nicht nur andere, sondern auch sie selbst glauben, weniger Rechte zu haben oder weniger Berücksichtigung beanspruchen zu dürfen. Die von Hill beschriebene Figur der Ehefrau beispielsweise glaubt zwar nicht, dass Frauen gegenüber Männern intellektuell oder in anderer Weise unterlegen seien. Doch so, wie Hill sie beschreibt, ist ihr Selbstbild hauptsächlich davon bestimmt, dass sie ihre Rolle als sorgende und dienende Ehefrau erfüllt (vgl. Hill. 1973. 89.). Dieses Bild ist stark von bestimmten gesellschaftlichen Vorstellungen (der damaligen Zeit) geprägt, gleichzeitig ist es aber ihr Selbstbild und nicht bloß eine fremde Vorstellung, die sie vorübergehend übernommen hat. Man kann sich vor diesem Hintergrund fragen, ob derartige Vorstellungen die Selbstbestimmung einer Person mitformen oder sie eher beeinträchtigen (vgl. Appiah. 2010. xiv.). Das ist es, was auch im Zitat von Louis zum Ausdruck kommt. Das, was jemand sein will, und die Frage, wie er sich zu sich selbst verhält, ist in hohem Maße dadurch bestimmt, mit welchen Vorstellungen und Erwartungen er in seinem Umfeld konfrontiert wird. Gleichzeitig ist beides aber auch ein Teil von ihm, etwas, mit dem er sich identifiziert oder zumindest zu identifizieren versucht. Demzufolge haben wir wenig Einfluss darauf, unter welchen Bedingungen unsere Selbstbilder entstehen, und dass diese Bilder höchstwahrscheinlich auch von unbewussten Einstellungen bestimmt werden. Ist es angesichts dessen plausibel, Menschen für verantwortlich dafür zu halten, nach welchem Maßstab sie sich selbst beurteilen?
Insbesondere dann, wenn es um unbewusste Einstellungen geht, könnte man leicht zu dem Schluss gelangen, dass man dafür gar nicht verantwortlich sein kann. Jemand wäre dann weder für sein Selbstbild verantwortlich, das er auf Basis dieser Einstellungen entwickelt, noch dafür, wie er andere Menschen sieht. Folglich könnte man auch niemandem einen Vorwurf machen, wenn er beispielsweise eine Frau aufgrund solcher Einstellungen sexistisch behandelt. Diesen Punkt habe ich bereits im Abschnitt zu unbewussten Einstellungen diskutiert und bin dort zu dem Ergebnis gekommen, dass es tatsächlich sein kann, dass jemand keine moralische Verantwortung dafür trägt, wenn er aufgrund seiner unbewussten Einstellungen eine diskriminierende Haltung gegenüber anderen Menschen einnimmt. Dies ist allerdings nur dann der Fall, wenn er prinzipiell keine Möglichkeit hat, von diesen Einstellungen zu wissen. Wer in den 1960er Jahren bekennender Antisexist war, sich aber dennoch unbewusst sexistisch verhalten hat, der war darauf angewiesen, dass andere Menschen dieses Verhalten bemerkten und ihn darauf hinwiesen. Wenn aber alle Menschen in seinem Umfeld ähnliche unbewusste Einstellungen hatten, waren solche Hinweise eher unwahrscheinlich. Heute sieht die Lage allerdings anders aus, insbesondere dann, wenn man in einem bestimmten epistemischen Umfeld lebt. Wer weiß oder wissen kann, dass es unbewusste Einstellungen gibt, die zu diskriminierendem Verhalten gegenüber anderen Menschen führen, ist dafür verantwortlich, diesem Verhalten in irgendeiner Form entgegenzuwirken oder vorzubeugen (vgl. Washington und Kelly. 2016. 19ff.). Für die Frage, ob eine Person für ihr Selbstbild verantwortlich ist, gilt das Gleiche, mit dem Unterschied, dass wir der Person keinen moralischen Vorwurf dafür machen dürften, wenn sie sich selbst gegenüber eine sexistische oder rassistische Haltung einnimmt, weil sie nicht dazu verpflichtet ist, sich selbst zu achten.
Sich der Verantwortung für derartige unbewusste Einstellungen gewahr zu werden, ist unter Umständen ein harter Brocken. Weiter oben habe ich von dem Beispiel einer Chefin gesprochen, die überzeugte Antirassistin und Antisexistin ist. Wenn sie nun damit konfrontiert wird, dass sie mit ihrer Stellenvergabe trotzdem Menschen diskriminiert, ist das für sie vermutlich ein Schock. Vielleicht ist ihr erster Impuls, die eindeutige Faktenlage negieren zu wollen, weil diese in keiner Weise zu ihrem Selbstbild passt. Letztlich steht sie aber vor der Aufgabe, ihr Selbstbild anzupassen. In diesem Moment ist ihre Haltung zu sich selbst erschüttert oder zumindest instabil. Ihre bewussten moralischen Überzeugungen stimmen nicht mit ihrem Verhalten überein und sie wird dieser Diskrepanz zwischen ihrer Identität und seinem Selbstbild gewahr. Vielleicht empfindet sie in diesem Augenblick Scham, in jedem Fall wirkt es verunsichernd und bedroht ihre Integrität. Diese Integrität, die man auch als „Übereinstimmung von Selbstbild und Lebensvollzug“ (vgl. Pollmann. 2005. 77ff, 90.) oder „interne Harmonie“ (vgl. Brownstein. 2016. 220.) bezeichnen kann, ist wichtig, um sich selbst wertschätzen zu können. Denn wenn man glaubt, dass man den eigenen Vorstellungen im Großen und Ganzen entspricht, kann man einverstanden damit sein, wer man ist. Deshalb kann es schockierend sein, von unbewussten Einstellungen zu erfahren, die nicht zum eigenen Selbstbild passen. Der Psychologe John Bargh spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem „kognitiven Monster“, das unser Handeln ohne unser Wissen steuert (vgl. The cognitive monster, Bargh. 1999.). Offensichtlich ist das, was Menschen an sich selbst beobachten und von sich sagen können, nicht erschöpfend, um zu erklären, warum sie die Dinge glauben, die sie glauben, und warum sie tun, was sie tun (vgl. Payne und Cameron. 2010. 445.). Doch ist das eine neue Erkenntnis? Ich denke nicht. Denn sowohl durch andere Menschen als auch durch empirische Tests erfahren wir immer wieder Dinge über uns, die wir selbst nicht an uns bemerken (können). Es ist für uns vielleicht nicht immer angenehm, aber auch nicht skandalös, dass wir uns nicht in Gänze selbst erkennen können. Der Vorstellung, dass das möglich wäre, liegt noch immer das unplausible Bild zugrunde, dass eine Person durch Introspektion einen privilegierten Zugang zu sich selbst hat und letztlich die einzige verlässliche Instanz ist, die über sich Auskunft geben kann. Doch gegen diese Vorstellung habe ich bereits zu Beginn des siebten Kapitels argumentiert.
Unbewusste Einstellungen können allerdings nicht nur andere Menschen diskriminieren, sondern gleichzeitig auch die eigene Person selbst betreffen. Dies ist offenbar bei den Figuren der Fall, die Hill beschrieben hat. Der Schwarze glaubt, weniger Rechte zu haben als Weiße. Die Ehefrau hält es für ihre Bestimmung als Frau, für ihren Mann zu sorgen und ihm zu dienen. In beiden Fällen spielen bestimmte Überzeugungen und Werthaltungen eine Rolle, die in den 1970er Jahren gesellschaftlich verbreitet waren und es teilweise immer noch sind. Es sind mit diesen Einstellungen gesellschaftliche Erwartungen verbunden, die an Menschen herangetragen werden, oder bestimmte Vorstellungen davon, was es heißt, ein Schwarzer oder eine Frau zu sein. Auch diejenigen, die zu einer dieser Gruppen gehören, nehmen wahrscheinlich wie die meisten Mitglieder der Gesellschaft unbewusst diese Vorstellungen an. Gleichzeitig aber ist die Person, insofern sie von diesen Vorstellungen betroffen ist, auch mit den entsprechenden Erwartungen konfrontiert. Eddy beispielsweise versucht, ein echter Kerl zu sein, weil das von ihm erwartet wird. Und auch er erwartet es von sich selbst und anderen, obwohl ihm dieses Bild befremdlich erscheint. Unbewusste Einstellungen einer Gemeinschaft können dazu führen, dass Menschen eine bestimmte Identität zugeschrieben wird und sie entsprechend dieser (vermeintlichen) Identität behandelt werden. Von Eddy wird erwartet, ein echter Kerl zu sein, von einem Schwarzen, dass er es hinnimmt, als Mensch mit einem geringeren moralischen Status behandelt zu werden, und eine Frau scheint gut beraten, wenn sie tut, was ihr Mann sagt. Auch wenn einem selbst diese Bilder überholt oder allzu stereotyp erscheinen, sind sie denkbar und entsprechen nicht selten auch heute noch der Realität. Für Menschen, an die diese Bilder herangetragen werden, ist damit eine besondere Herausforderung verbunden, insofern sie in einen Konflikt geraten, weil sie nicht die Identität haben, die ihnen von anderen zugeschrieben wird. Vielleicht versuchen sie, den Konflikt zu lösen, indem sie ihre Identität anpassen und ein Selbstbild entwickeln, das mit den jeweiligen Erwartungen vereinbar ist. Eddy beispielsweise verfolgt lange den Versuch, ein anderer zu werden, obwohl das mit seiner Identität nicht zu vereinbaren ist. Ebenso könnte Hills Figur der Ehefrau bestimmte Dinge, die ihr im Leben wichtig sind, ignorieren, um ein Selbstbild zu haben, das auf die Rolle der Ehefrau beschränkt und damit vereinbar ist, den Bedürfnissen ihres Mannes stets Vorrang zu geben.
Eine Person kann also unbewusst von bestimmten Vorstellungen beeinflusst sein, die sie unmittelbar selbst betreffen. Wenn sie keine Chance hat, sich dieser Einstellungen bewusst zu werden, ist es nicht gerechtfertigt, sie in dieser Hinsicht für verantwortlich zu halten. Oft scheint es mir allerdings so zu sein, dass bestimmte Vorstellungen und Erwartungen vorherrschend sind und das Selbstbild einer Person maßgeblich beeinflussen, die nicht vollkommen unbewusst sind. Der Schwarze ist vielleicht schon mit den antirassistischen Positionen der Bürgerrechtsbewegung in Berührung gekommen. Ebenso ist sich die Frau wahrscheinlich dessen bewusst, dass andere Frauen gegen ihre Unterdrückung kämpfen. Und auch Eddy ahnt möglicherweise, dass es andere Bilder als die des echten Kerls gibt. Zudem sind alle drei grundsätzlich in der Lage, sich zum Verhältnis zwischen ihrer Identität und ihrem Selbstbild zu verhalten, sodass man sie als verantwortlich dafür betrachten kann, dass sie die sind, die sie sind (vgl. Stoecker. 2006b. 154.). Gleichzeitig ist aber hoffentlich auch deutlich geworden, wie schwierig es mitunter sein kann, ein Selbstbild zu entwickeln, dass nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen und normativen Erwartungen der Mitmenschen entspricht. Diese Vorstellungen und Erwartungen sind oftmals Teil der Identität von Personen, die gleichzeitig unter diesen Bildern leiden, weil sie schlecht behandelt, gedemütigt oder missachtet werden. Wenn ich Louis richtig verstehe, betont er in seinem Roman aus diesem Grund, dass Eddys Situation nicht mit einer Art Gefangenschaft zu vergleichen ist. Eddy will ein echter Kerl sein, auch wenn dieses Bild nicht zu ihm passt und die fehlende Entsprechung mit dem Bild der Grund dafür ist, permanente Demütigungen erleiden zu müssen. Es ist ihm wichtig und dieser Wunsch ist ein Teil von ihm. Die Tatsache, dass sein Selbstbild durch seine Lebensumstände geprägt ist, macht den Wunsch nicht weniger zu seinem. Durch dieses und die anderen Beispiele wird deutlich, wie sehr die eigene Identität mit demütigenden, geringschätzigen oder verachtenden Einstellungen in Bezug auf sich selbst verwoben sein kann. Dieser Umstand macht eine Person nicht weniger verantwortlich dafür, dass sie die ist, die sie ist. Doch es lässt sich nicht leugnen, wie schwierig es sein kann, mit dieser Verantwortung umzugehen, wenn man versucht, eine Haltung der Selbstachtung einzunehmen.
Weiter oben habe ich behauptet, dass jemand eine solche Haltung einnimmt, wenn ihm daran gelegen ist, eine Übereinstimmung zwischen dem, was er für wichtig hält, und seinem tatsächlichen Handeln, Verhalten, Denken und Fühlen herzustellen. Alle drei Beispiele zeugen davon, dass die Personen sich in diesem Sinne um ihre Selbstachtung bemühen. Sie tun das, indem sie ein Selbstbild entwickeln, das dazu passt, wie sie von anderen behandelt werden, und indem sie versuchen, ihre Identität zu verändern, um einem bestimmten Bild zu entsprechen. Beides sind Weisen, seine persönliche Integrität zu schützen, indem man eine „Übereinstimmung von Selbstbild und Lebensvollzug“ herstellt (Pollmann. 2005. 90.). Gleichzeitig sind beide Möglichkeiten aber damit vereinbar, dass man gedemütigt oder missachtet wird, und vor allem auch damit, dass man eine solche Behandlung hinnimmt, möglicherweise sogar angemessen findet, eben weil es Teil der eigenen Identität und des Selbstbildes ist, so behandelt zu werden. Aus diesem Grund sind die Figuren in den Beispielen zwar um ihre Selbstachtung bemüht und teilweise gelingt es ihnen sogar, ihre persönliche Integrität zu wahren. Dennoch achten diese Figuren sich nicht selbst und können sich nicht dafür schätzen, dass sie die sind, die sie sind. Denn das setzt voraus, dass man sich keinen geringeren moralischen Status zuschreibt als anderen Menschen, dass man die eigene Identität nicht leugnet und dass man nicht nur eine bestimmte Rolle ausfüllt, sondern ein Selbstbild entwickelt, das die eigene Persönlichkeit in ihren vielfältigen Facetten widerspiegelt.
Zusammengefasst haben Menschen Selbstachtung, wenn sie sich um ihre persönliche Integrität kümmern, darum, dass ihre Identität und ihr Selbstbild nicht zu weit auseinanderliegen. Manchmal ist es ausgesprochen schwierig, seine persönliche Integrität zu wahren, weil bestimmte Vorstellungen und normative Erwartungen dazu führen, dass man entweder sich selbst verleugnen oder ein bestimmtes Selbstbild annehmen muss, um innerhalb einer Gemeinschaft grundlegende Bedürfnisse nach Anerkennung, Schutz und Zugehörigkeit erfüllen zu können. Das zeigt, welche große Rolle die Wertschätzung anderer Menschen für die eigene Selbstachtung spielt. Bestimmte Vorstellungen und normative Erwartungen sind aufgrund ihrer langen Geschichte so selbstverständlich, dass sie die Wahrnehmung, das Verhalten und Denken der Menschen beeinflussen, ohne dass diese sich dessen bewusst sind. Wenn solche unbewussten Einstellungen dazu führen, dass Menschen diskriminiert werden, sind sie ein moralisches Problem, da sie auch dann wirken, wenn bewusste moralische Überzeugungen diesen Vorstellungen entgegenstehen. Vor diesem Hintergrund habe ich die Frage diskutiert, ob wir dafür verantwortlich sein können, dass wir die sind, die wir sind. Denn einerseits ist eine solche Verantwortung die Voraussetzung dafür, dass man eine bestimmte Haltung zu sich selbst einnehmen kann. Andererseits ist aber auch deutlich geworden, wie stark die Identität und das Selbstbild durch die (unbewussten) Vorstellungen einer Gemeinschaft geprägt werden. Ich habe dafür argumentiert, dass jemand, der sich auf Basis von unbewussten Einstellungen in einer bestimmten Weise verhält, dafür nur dann moralische Verantwortung trägt, wenn er eine Möglichkeit hat, von diesen Einstellungen zu erfahren. Das bedeutet, wir wären nicht dafür verantwortlich, dass wir die sind, die wir sind, wenn die Einstellungen zu uns selbst größtenteils unbewusst wären. Oft ist es aber so, dass man sich der jeweiligen Vorstellungen bewusst werden kann, sodass man im Großen und Ganzen dafür verantwortlich ist, wer man ist. Diese Verantwortung drückt sich darin aus, dass Menschen sich um ihre persönliche Integrität kümmern. Unabhängig davon ist es allerdings sehr schwierig, eine Identität oder ein Selbstbild zu entwickeln oder aufrechtzuerhalten, die in starkem Kontrast zu den Vorstellungen und Erwartungen der Gemeinschaft stehen. Die Tatsache, dass wir grundlegende soziale Bedürfnisse haben, bezüglich derer wir auf die Gemeinschaft angewiesen sind, macht uns anfällig dafür, eine Haltung zu uns einzunehmen, die sich damit vereinbaren lässt, dass man gedemütigt und missachtet wird. Eine solche Haltung ist zwar eine Form von Selbstschutz, doch man achtet sich weder als Person noch in seiner individuellen Persönlichkeit und beides sind Voraussetzungen, um sich als die wertzuschätzen, die man ist.
In diesem Kapitel habe ich dafür argumentiert, dass Selbstachtung eine Haltung ist, die jemand zu sich selbst einnimmt. Gegenstand dieser Haltung ist die Identität der Person. Um sich selbst achten zu können, braucht es aber auch ein Selbstbild, es ist der Maßstab, nach dem sich die Person beurteilt. Wenn man seinem Selbstbild nicht entspricht, sich also nicht so verhält, wie man es von sich selbst erwartet, entsteht eine Diskrepanz zwischen der Identität und dem Selbstbild. Oft ist es so, dass Menschen sich in den Momenten schämen, in denen sie sich einer solchen Diskrepanz bewusst werden. Das Gefühl der Scham habe ich als eine selbst-reaktive Emotion beschrieben, die mit der Selbstzuschreibung von Verantwortung verbunden ist. Scham bezieht sich nicht bloß auf einzelne Handlungen oder Eigenschaften, sondern auf die Person in Gänze, und wer sich schämt, fühlt sich dafür verantwortlich, dass er der ist, der er ist. Da die Identität von Menschen stark von Umständen und anderen Menschen beeinflusst wird, habe ich die Frage untersucht, ob wir überhaupt dafür verantwortlich sein können, dass wir die sind, die wir sind. Grundsätzlich habe ich diese Frage positiv beantwortet, da wir uns die eigene Identität zwar nicht aussuchen, wir uns aber dennoch zu ihr verhalten und sie beeinflussen können. Diese Weise, sich zu sich selbst zu verhalten, ist ebenfalls Teil der eigenen Persönlichkeit, und wenn wir bestimmte Dispositionen oder Verhaltensweisen einüben oder versuchen sie abzulegen, dann verändern wir damit auch uns selbst. Wie jemand ist, hängt in entscheidendem Maß davon ab, welches Selbstbild er entwickelt und aufrechterhält. Bestimmte soziale Bedingungen können dazu führen, dass eine Person ein unpassendes Selbstbild für sich annimmt. Unter diesen Umständen bemüht sich ein Person zwar darum, die eigene Identität und das Selbstbild miteinander in Einklang zu bringen, doch es ist für sie sehr schwierig, sich selbst als die zu achten, die sie ist. Denn das bedeutet, sich sowohl um das eigene Ansehen und die damit verbundene individuelle Würde zu sorgen als auch um die eigene Würde als Mensch.
Dennoch gilt, dass die Person dafür Verantwortung trägt, dass sie die ist, die sie ist, jedenfalls dann, wenn sie nicht hauptsächlich von unbewussten Einstellungen geleitet wird. Angesichts dessen, wie sehr Menschen mitunter darum kämpfen müssen, sich selbst achten zu können, könnte diese Zuschreibung von Verantwortung auf den ersten Blick wie eine Zumutung wirken. Doch würde man jemandem diese Verantwortung absprechen, obwohl er sie tragen kann, wäre das ein Ausdruck von mangelnder Achtung ihm gegenüber. Es würde bedeuten, ihn nicht als selbstbestimmungsfähige Person ernst zu nehmen und aus diesem Grund paternalistisch zu behandeln. Wer um seine Selbstachtung kämpfen muss, weil andere Menschen ihm ein bestimmtes Bild aufdrängen, hat es gewiss schwerer, sich selbst zu bestimmen. Doch jemanden so zu behandeln, als sei er nicht in der Lage, diese Verantwortung für sich zu übernehmen, würde bedeuten, ihm Unrecht zu tun und ihn in seiner Würde zu verletzen. Man würde es ihm damit noch schwerer machen, sich selbst als die Person zu achten, die er ist.
Die Wertschätzung eines Menschen in seiner individuellen Persönlichkeit setzt voraus, dass man ihn moralisch achtet, ihm also keinen Schaden zufügt, seinen moralischen Status anerkennt und ihm ein Minimum an Vertrauen, Wohlwollen und Interesse entgegenbringt. Im zweiten Teil der Arbeit bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass diese Bestimmung von moralischer Achtung in Bezug auf die Haltung der Selbstachtung weder notwendig noch hinreichend ist. Denn Selbstachtung ist damit vereinbar, sich selbst zu schädigen, und moralische Rechte haben wir gegenüber anderen Menschen, jedoch nicht gegenüber uns selbst. Zudem zeigen die unterschiedlichen Weisen, in denen man seine Selbstachtung aufs Spiel setzen kann, dass die basale Wertschätzung, die wir anderen Menschen grundsätzlich entgegenbringen sollten, nicht hinreichend ist, um sich selbst zu achten. Wenn man sich selbst achtet, ist man darum bemüht, seine Integrität zu schützen, für sich einzustehen und es als wichtig zu betrachten, dass das, worum man sich sorgt, berücksichtigt wird. Sowohl das eigene Verhalten als auch dasjenige anderer Menschen können diesen Bemühungen entgegenstehen. Die eigene Integrität nicht zu schützen oder die eigenen Anliegen nicht wichtig zu nehmen, macht eine Person anfälliger für Würdeverletzungen. Für den letzten Teil dieser Arbeit ist nun noch die Frage offen, was es genau bedeutet, sich als die individuelle Person, die man ist, zu achten und wertzuschätzen.