Der Begriff Achtung taucht in verschiedenen Kontexten auf. Wir zollen sie oder zeigen zu wenig Achtung, finden Dinge beachtenswert oder im Gegenteil verachtungswürdig, wir beachten, achten, missachten oder verachten andere Menschen. Ãhnlich vielfältig sprechen wir über Selbstachtung, beispielsweise wenn jemand sagt âHast du denn gar keine Selbstachtung?â, âSeither kann ich mich selbst nicht mehr achtenâ, âDu solltest besser auf dich achtenâ, oder âMeine sportliche Leistung ist ziemlich beachtenswertâ. Achtung wird als Substantiv, Adjektiv und Verb gebraucht und je nachdem, wie wir den Begriff verwenden, werden unterschiedliche Aspekte desselben betont.
2.1 Substantivischer Gebrauch
Achtung, als Substantiv verwendet, erweisen oder zollen wir einer Person, etwa weil sie einen besonderen Rang oder Status hat, wie beispielsweise eine Königin. Man kann jemandem aber auch für eine groÃartige Leistung Achtung zollen oder für etwas, das ihn in besonderer Weise ausmacht. Wer Achtung in diesem Sinne zollt oder erweist, nimmt auf etwas Bezug, das die Person von anderen unterscheidet und das man bewundern oder besonders würdigen kann. Man zeigt diese Art von Achtung auch, wenn man jemanden für etwas lobt oder indem man sich in bestimmte Weise verhält und damit deutlich macht, dass man sich des besonderen Status einer Person bewusst ist. So sind Handlungen wie die Verbeugung, das Salutieren, den Blick senken, sich von seinem Platz erheben, wenn jemand den Raum betritt und viele andere mehr unter Umständen dazu geeignet, jemandem Achtung zu erweisen. Achtung in diesem Sinne ist einerseits ein zwischenmenschliches und andererseits ein hierarchisches Geschehen (vgl. Demmerling und Landweer. 2007. 48ff.). Letzteres muss allerdings nicht unbedingt der Fall sein, denn man kann einer Person ebenfalls als einem ebenbürtigen Menschen Achtung erweisen, auch wenn dies in der Regel nicht mit typischen Gesten verbunden ist. Auf das Selbstverhältnis lässt sich die Rede von Achtung erweisen oder zollen jedoch nicht gut übertragen. Weder zollt sich die Königin selbst Achtung dafür, dass sie die Königin ist, noch tut man dies in Bezug auf sich selbst angesichts des eigenen moralischen Status. Um jemandem Achtung zu erweisen, muss es mindestens zwei Personen geben, die einen wie auch immer gearteten Status innehaben.
Daraus folgt allerdings nicht, dass man eigene Fähigkeiten oder Leistungen nicht in besonderer Weise anerkennen kann. Im Vergleich zu anderen oder zu sich selbst zu einem früheren Zeitpunkt ist das selbstverständlich möglich. In solchen Zusammenhängen verwendet man allerdings eher Adjektive, um seiner Anerkennung Ausdruck zu verleihen. Man findet es beispielsweise beachtenswert, in der Prüfung so gut abgeschnitten zu haben, oder glaubt, auf der Arbeit beachtlichen Einsatz gezeigt zu haben. Man bringt damit also eine positive Bewertung zum Ausdruck, die aber nicht mit einer bestimmten Geste einhergehen muss, die diese Anerkennung bezeugt (vgl. Darwall. 1977. 38ff.).
2.2 Adjektivischer Gebrauch
Wenn man eine Leistung als beachtenswert beschreibt oder eine Person als achtbar, Achtung gebietend oder (ver)achtungswürdig nennt, dann nimmt man auf bestimmte Merkmale oder Eigenschaften Bezug, von denen man glaubt, dass sie eine solche Beschreibung rechtfertigen. Solche Merkmale können besondere sein, wie zum Beispiel die natürliche Autorität einer Person, die dadurch Achtung gebietend wirkt. Man kann andererseits aber auch solche Eigenschaften als beachtenswert bezeichnen, die alle Menschen gleichermaÃen haben, wie zum Beispiel die Tatsache, dass sie Leid und Freude erleben können. Solche Eigenschaften sind in einem anderen Sinne beachtenswert als bestimmte Fähigkeiten oder Leistungen einer Person, denn es geht dabei weniger darum, einer positiven Anerkennung Ausdruck zu verleihen, als vielmehr darum, auf etwas Rücksicht zu nehmen (vgl. Darwall. 1977. 38.). Etwas ist dann also nicht deshalb der besonderen Aufmerksamkeit wert, weil es in einem positiven Sinne herausragend ist, sondern weil es Gründe liefert, sich in bestimmter Weise zu verhalten. Sowohl hinsichtlich besonders achtenswerter Eigenschaften, Fähigkeiten oder Leistungen als auch bei der Behauptung, etwas müsse Berücksichtigung finden, handelt es sich um normative Urteile, denen allerdings unterschiedliche Arten von BewertungsmaÃstäben zugrunde liegen. Wer Besonderes kann oder leistet, verdient eine bestimmte Anerkennung oder Achtung. Dagegen ist es keine Frage eines (leistungsbezogenen) Verdienstes, ob eine bestimmte Tatsache berücksichtigenswert ist. Hier müssen andere als leitungsbezogene Gründe angeführt werden, wenn eine solche Form von Achtung als ratsam oder erforderlich betrachtet wird. Es kann vieles der Rücksicht wert sein. Für eine Eisverkäuferin, die ihren Umsatz steigern möchte, ist die Tatsache berücksichtigenswert, dass fünfzig Prozent ihrer Kunden Schokoladeneis als Lieblingssorte haben. Sie wird dafür sorgen, dass die Kunden bekommen, was sie am liebsten mögen, aber nicht, weil diese es verdient haben. Ebenso gibt es auch moralische Gründe dafür, etwas Bestimmtes zu berücksichtigen, ohne dass sich jemand diese Rücksicht verdienen müsste, wie zum Beispiel der Umstand, dass man Leid erfahren kann und dies normalerweise vermeiden will.
Auch in Bezug auf sich selbst kann man davon sprechen, dass etwas aus den einen oder anderen Gründen beachtenswert ist oder dass man sich selbst für achtungs- oder verachtungswürdig hält. Wer seine Leistungen oder sich selbst beachtenswert nennt, glaubt, dass eine bestimmte Anerkennung seitens anderer gerechtfertigt ist oder dass er in bestimmter Hinsicht der Berücksichtigung durch andere wert ist. Wenn eine Person aber sich selbst für verachtungswürdig hält, dann meint sie damit nicht lediglich, dass sie selbst keine Hochachtung oder besondere Anerkennung verdient hat. Einen Menschen als verachtungswürdig zu betrachten, ist mit einer Abwertung der Persönlichkeit verbunden. Gewiss können Menschen sich selbst oder andere dafür verachten, nicht genügend Leistung erbracht und deshalb keine besondere Anerkennung verdient zu haben. Oft sind es aber andere Eigenschaften, gravierende Fehler, die dazu führen, dass sich eine Person für verachtungswürdig hält, etwa dann, wenn sie ihre persönliche und moralische Integrität aufs Spiel gesetzt hat und deshalb nicht länger in den Spiegel schauen kann (vgl. Sachs. 1981.). Von verachtungswürdig kann also dann die Rede sein, wenn sehr fundamentale Erwartungen unerfüllt bleiben und man sich selbst in einer basalen Weise nicht länger wertschätzen kann. Neben dieser moralischen Konnotation werden Menschen von anderen allerdings auch aufgrund kontingenter Eigenschaften als verachtungswürdig betrachtet und in diesem Zuge diskriminiert, ausgegrenzt, degradiert und als Menschen massiv abgewertet.
2.3 Verbaler Gebrauch
Wenn Achtung als Substantiv verwendet wird, bezieht man sich damit oft auf den Status einer Person. Der adjektivische Gebrauch verweist darauf, dass mit dem Begriff bestimmte BewertungsmaÃstäbe verbunden sind und er damit normative Urteile impliziert. Man kann deshalb auch davon sprechen, dass eine Person für etwas geachtet wird oder aus bestimmten Gründen beachtet oder geachtet wird. Wenn man den Begriff in seiner verbalen Form verwendet und über eine Person sagt, dass man sie achtet, drückt sich darin eine bestimmte Einstellung ihr gegenüber aus. Bei negativen Formen ist damit in der Regel eine moralische Konnotation verbunden. Jemanden nicht zu achten, bedeutet nicht bloÃ, ihn nicht für eine besondere Leistung oder ähnliches anzuerkennen. Vielmehr bezieht es sich darauf, eine Person in ihrem Status, ihrer Rolle oder ihren Bedürfnissen nicht angemessen zu berücksichtigen.
Mit dem Vorwurf, dass man eine Person nicht genügend achte, kann dementsprechend gemeint sein, dass man sich ihr gegenüber herablassend oder anmaÃend verhält, sie übergeht, unnötig verletzt oder beleidigt. Die damit verbundene Einstellung kann man unbewusst oder bewusst einnehmen. Geschieht es unbewusst, spricht man davon, dass der Betreffende missachtet wird. Wenn man jemandem dagegen absichtlich die Achtung vorenthält, handelt es sich um eine verachtende Einstellung gegenüber dem anderen (vgl. Neuhäuser. 2021. 254.). Der verbale Gebrauch des Wortes und insbesondere seine negativen Varianten sind also anscheinend eng mit einem moralischen Verständnis von Achtung verbunden. Ganz grob kann man unter moralischer Achtung verstehen, dass man andere auch dann in einer bestimmten Weise berücksichtigen sollte, wenn man darüber hinaus keine besonderen Gründe hat, jemanden besonders hochzuschätzen (vgl. Schaber. 2009. 353ff.). Das Konzept der Selbstachtung wird ebenfalls oft in diesem Sinne verstanden. Um sich selbst zu achten, muss man sich nicht groÃartig finden, sollte aber der Meinung sein, dass es einem grundsätzlich zusteht, von anderen nicht missachtet oder verachtet zu werden. Sich selbst nicht hinreichend zu achten, bedeutet dementsprechend, keine Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse zu nehmen oder es für gerechtfertigt zu halten, dass andere einem diese Rücksicht vorenthalten (vgl. Hill. 1973.). Die Rede von Bedürfnissen knüpft an den Ausdruck auf etwas achten an. Denn wer auf einen anderen Menschen achtet, kümmert oder sorgt sich um ihn und übernimmt in einer bestimmten Hinsicht Verantwortung. Selbstachtung kann man dementsprechend auch als eine Sorge um sich selbst und das, was einem wichtig ist, verstehen (vgl. Stoecker. 2004. 112f.).
Alle drei grammatischen Formen betonen unterschiedliche Aspekte davon, wie wir über Achtung sprechen. Achtung kann als ein zwischenmenschliches Geschehen beschrieben werden, dass mit bestimmten Gesten der Anerkennung und Ehrerbietung verbunden ist und oft auf einen bestimmten Status, eine Rolle oder einen Rang des Gegenübers rekurriert. Verwendet man den Begriff als Adjektiv, verweist er auf einen bestimmten BewertungsmaÃstab, der sowohl leistungsbezogen als auch moralisch konnotiert sein kann. Wenn wir über Achtung als etwas sprechen, dass wir tun (achten), unterlassen (missachten) oder ins Gegenteil verkehren (verachten), drückt sich darin eine bestimmte Einstellung gegenüber einer Person aus. Insbesondere die negativen Verwendungsweisen (missachten und verachten) setzen voraus, dass Menschen ein bestimmter moralischer Status zukommt, den es zu berücksichtigen gilt. AuÃerdem können wir auch auf jemanden achten und uns aus dieser Einstellung heraus in bestimmter Hinsicht um ihn sorgen. Von der moralischen Verwendung zu unterscheiden ist die Achtung, die man einer Person als Inhaberin einer sozialen Rolle oder eines Amtes zollen kann. Diesem Unterschied wird oft damit Rechnung getragen, dass einerseits von Achtung und andererseits von Respekt die Rede ist.
2.4 Etymologie
Die Begriffe Achtung und Respekt werden häufig synonym gebraucht, auch wenn sie etymologisch unterschiedliche Wurzeln haben. Achtung geht zurück auf das Wort âAchtâ, das im etymologischen Wörterbuch mit zwei verschiedenen Bedeutungen aufgeführt wird. Einerseits bedeutet Acht âRecht- und Friedlosigkeitâ andererseits âAufmerksamkeit, Beachtungâ (Acht. 2000. 10f.). Während die zweite Bedeutung sich leicht mit den bisherigen Ãberlegungen in Verbindung bringen lässt, erscheint die Bedeutung Recht- und Friedlosigkeit weit entfernt von unserem alltäglichen Gebrauch des Begriffs. Recht- und friedlos waren diejenigen, die aus der Gesellschaft ausgestoÃen wurden (Battenberg. 2020.). Auf diese etymologische Wurzel werde ich weiter unten noch einmal zurückkommen.
In seiner zweiten Bedeutung geht Acht auf das althochdeutsche Worte ahta zurück, das im 8. Jh. âÃberlegen, Meinung, Ansehenâ heiÃt. Von diesem Substantiv abgeleitet bedeutet das Verb achten âschätzen, aufpassen, Rücksicht nehmenâ. Etwas später ist dann von Achtung als âAufmerksamkeit, Wertschätzung, Ansehenâ die Rede (Acht. 2000. 11.). Hierin wird einerseits die Gemeinsamkeit mit unserem zeitgenössischen Verständnis von Achtung als einer positiven Wert- oder Hochschätzung sichtbar, wenn wir zum Beispiel âAlle Achtung!â bezüglich einer hervorragenden Leistung sagen oder zum Ausdruck bringen, dass wir jemanden in bestimmter Weise schätzen. Andererseits lässt sich nachvollziehen, warum Respekt als ein Synonym von Achtung gebraucht wird, obwohl der Begriff deutlich jünger ist. Als eine Entlehnung aus dem Französischen wird er in der 2. Hälfte des 16. Jahrhundert verortet und bedeutet âEhrerbietung, Achtung, Scheuâ aber auch âHochachtung, Hinsicht, Rücksicht, Erwägungâ. Wer respektabel ist, ist in diesem Sinne âhochansehlich, ehrenwert, beachtenswertâ, wer respektiert wird, wird geachtet, anerkannt oder gelten gelassen und respektierlich bedeutet, âachtbar, achtungsgebietend, gebührlichâ zu sein (Respekt. 2000. 1119.).
In unserem heutigen Gebrauch sprechen wir davon, dass man sich âin Acht nehmenâ, etwas âauÃer Acht lassenâ oder auf etwas âachtgebenâ kann. Dabei kann man allem Möglichen seine Aufmerksamkeit schenken, es in dem Sinne berücksichtigen oder schätzen, dass man es beurteilt, sich also eine bestimmte Meinung über einen Sachverhalt bildet. Die Gründe dafür können vielfältig sein, etwa der Schutz vor einer Gefahr, ein konkretes Bedürfnis oder der Umstand, dass einem etwas Bestimmtes viel Wert ist und am Herzen liegt. Im Folgenden wird Achtung allerdings in einem engeren Sinne verstanden, nämlich insofern man einem Menschen oder seinen Eigenschaften bzw. Leistungen besondere Aufmerksamkeit schenkt. Diese Aufmerksamkeit muss keine spezifische Bewertung beinhalten, sondern kann allererst dazu dienen, den Wert des fraglichen Gegenstandes besser einschätzen zu können. Dieses neutrale Verständnis würden wir heute allerdings eher damit ausdrücken, dass etwas der Beachtung wert ist. Wenn wir von Achtung oder Wertschätzung gegenüber einem Menschen oder in Bezug auf eine bestimmte Leistung sprechen, tun wir das in der Regel in einem positiv konnotierten Sinne.
Interessant ist, dass das Wort Acht ab dem 11. Jh. noch mit einer anderen Bedeutung verwendet wurde, die ich bereits weiter oben erwähnt habe, nämlich die âRecht- und Friedlosigkeitâ und den âAusschluss aus der Gemeinschaftâ (Acht. 2000. 10f.). Das Verb ächten ist von dieser Bedeutung abgeleitet. SchlieÃlich ist später von Ãchtung die Rede, wenn Mitglieder der Gemeinschaft mit Acht (und Bann) belegt wurden und infolgedessen straflos verfolgt und getötet werden durften. Ãchtung ist das Gegenteil unseres heutigen Verständnisses von Achtung. Was allerdings in Ãchtung enthalten ist, wenn auch in einem negativen Sinne, ist der Bezug auf den Status einer Person, der durch die Ãchtung verändert wurde. Ein Status, der für die Geächteten bedeutete, nicht länger als Teil der Gemeinschaft betrachtet und durch diese geschützt zu werden. Dass sich auch Achtung auf einen besonderen Status beziehen kann, habe ich weiter oben bereits erwähnt. Während Ãchtung bedeutete, den Status einer Person herabzusetzen, ist heute ein zentrales Verständnis von (moralischer) Achtung, einen bestimmten Status anzuerkennen und zu sichern, wie beispielsweise in der Forderung danach, die Menschenrechte zu achten.
In den etymologischen Wurzeln von Achtung lassen sich also zwei Aspekte unterscheiden. Einmal die Aufmerksamkeit, die man einer Sache schenken kann, um sich eine Meinung darüber zu bilden oder ihren Wert einzuschätzen. Hiermit verbunden ist unsere heutige positiv konnotierte Verwendung von Achtung im Sinne von Hochachtung. Der zweite Aspekt rekurriert auf den Status des Einzelnen im gesellschaftlichen Gefüge. Auch dies finden wir in unserem heutigen Gebrauch wieder, insofern wir Achtung aus unterschiedlichen Gründen einfordern können, zum Beispiel weil einer Person eine besondere Position zukommt, die es anzuerkennen gilt, oder eben aus moralischen Gründen. Hinsichtlich der besonderen Wertschätzung einer Person und der Achtung ihres gesellschaftlichen Status lassen sich dabei durchaus Verbindungen ziehen (vgl. Waldron. 2012a.). Menschen mit einem auÃergewöhnlichen Status, einer herausragenden Rolle oder einer anderswie ausgezeichneten Position kamen (und kommen) gerade deshalb in den Genuss der besonderen Wertschätzung. Sie waren also einerseits hoch geachtet und andererseits mit einem Status ausgestattet, der ihnen Schutz und Zugehörigkeit versprach. Erst die Annahme, dass wir ethische Gründe dafür haben, anderen einen bestimmten Status zuzuschreiben, löst den Aspekt der Hochachtung von der Zuschreibung eines moralischen Status ab.
Sowohl die Hochachtung als auch die Zuschreibung eines bestimmten Status lassen sich ebenfalls in den etymologischen Wurzeln von Respekt ausmachen. So wurde einerseits unter Respekt âErwägung, Rücksicht, Hochachtungâ verstanden. Hier geht es also wieder darum, sich eine Meinung über etwas oder jemanden zu bilden, auch wenn die Konnotation mit âHochachtungâ bereits eindeutig positiv ist. Andererseits bedeutete Respekt âEhrerbietung, Achtung, Scheuâ und respektabel war die ehrenwerte Person (Respekt. 2000. 1119.), was wiederum auf den gesellschaftlichen Status einer Person Bezug nimmt, ebenfalls mit einer positiven Konnotation. Auch in unserem heutigen Verständnis von Achtung und Respekt spiegeln sich diese Aspekte wider, also einerseits die besondere Aufmerksamkeit und andererseits der Status des Einzelnen im gesellschaftlichen Gefüge.
2.5 Achtung und Respekt
Sowohl Achtung als auch Respekt verwenden wir mitunter in einem sehr weiten Sinne, wenn wir mit dem Ausruf âAchtung!â beispielsweise vor einer Gefahr warnen wollen oder wenn man sagt, man habe Respekt vor einem groÃen Hund, was Ausdruck einer gewissen Furcht ist. Um das Konzept der Selbstachtung besser zu verstehen, erscheinen diese Aspekte allerdings vernachlässigbar zu sein, denn hierfür sind vor allem Achtung und Respekt vor Personen interessant. Unter Umständen kann zwar auch hier das Gefühl der Furcht eine Rolle spielen, man denke beispielsweise an Figuren wie den Paten, der sich durch Grausamkeit und Gewaltbereitschaft den Respekt seiner Mitmenschen erzwingt, oder auch an eine Lehrerin, die ihre Position dafür missbraucht, ihren Zöglingen Furcht einzuflöÃen, damit diese ihre Autorität anerkennen. Beide Beispiele laden allerdings auch dazu ein, daran zu zweifeln, ob es sich in diesen Fällen tatsächlich um Respekt handelt und nicht doch einfach nur um Furcht, die sich in Verhaltensweisen zeigt, die man als Ausdruck des Respektes interpretieren könnte.
Im alltäglichen Gebrauch ist es üblicher, Respekt vor Personen als eine Einstellung zu verstehen, die man aus bestimmten Gründen gegenüber jemandem hat. Solche Gründe können darin bestehen, dass man die Person in einer bestimmten Hinsicht besonders hoch schätzt. Man kann beispielsweise vor anderen in ihren Rollen als Kolleginnen, Väter, Mütter, Vorgesetzte, Freundinnen usw. Respekt haben und drückt damit eine positive Bewertung hinsichtlich dessen aus, wie die Personen diese Rollen ausfüllen. Manchmal wird auch erwartet, dass man vor einer bestimmten Rolle oder dem besonderen Status einer Person Respekt zeigt, in dem Sinne, wie ich es am Beispiel der Königin bereits veranschaulicht habe. Beide Verwendungsweisen passen zu der Bedeutung von Achtung im Sinne von Ansehen und schätzen. Die Geschäftsführerin, vor der der Nachbar besonderen Respekt aufgrund ihrer beruflichen Rolle hat, genieÃt in dieser Hinsicht sein Ansehen und seine besondere Wertschätzung.
Von Respekt vor sich selbst sprechen wir allerdings in der Regel nicht. Zwar kann man eine Leistung, die man vollbracht hat, wertschätzen oder man schätzt sich dafür, bestimmte Fähigkeiten oder den eigenen Charakter in besonderer Weise ausgebildet zu haben. Doch man würde eher nicht von sich sagen, man habe Respekt vor sich selbst in seiner Rolle als Geschäftsführerin. Ebenso wenig genieÃt eine Person ihr eigenes Ansehen, sondern lediglich das Ansehen anderer.
Respekt und Achtung lassen sich also als eine besondere Wertschätzung und Anerkennung verstehen, auch wenn es in den beschriebenen Kontexten gewöhnlicher ist, von Respekt zu sprechen. Neben diesem Verständnis gibt es aber noch ein weiteres, insofern man eine andere Person auch achten oder respektieren kann, indem man sie als ebenbürtig gelten lässt. Auf diese Bedeutung nehmen wir meistens mit dem Begriff Achtung bzw. achten, seltener mit Respekt bzw. respektieren Bezug. Jemanden gelten zu lassen, sagt zwar auch, dass man ihn in bestimmter Weise ansieht und anerkennt, doch diese Wendung scheint anders als das Hochschätzen kein Gefälle zu implizieren. Man kann ein solches Gefälle als eine Asymmetrie beschreiben, die etwa hinsichtlich bestimmter Leistungen und Fähigkeiten oder verschiedener Positionen oder Rollen besteht (vgl. Bornmüller. 2012. 210f.). Wer dagegen jemanden gelten lässt, betrachtet diese Person nicht als grundsätzlich höherstehend und blickt ebenso wenig auf sie herab. Stattdessen sind beide gleichauf â âauf Augenhöheâ, wie man manchmal sagt. Gelten gelassen zu werden, ist dementsprechend nicht mit einem besonderen Ansehen oder einer spezifischen Wertschätzung verbunden, sondern meint eher, jemandem aus einer gewissen Distanz heraus zu begegnen, mit der man ihm zugesteht, sich in einem bestimmten MaÃe frei in der Welt zu bewegen. Die Person wird dabei als gleichrangig oder ebenbürtig betrachtet. Achtung im Sinne von gelten lassen, bezieht sich ganz allgemein die Person, während sich Ansehen, Hochschätzung oder Respekt im oben dargestellten Verständnis auf die Person in einer bestimmten Hinsicht beziehen, auf ihre Rollen, Fähigkeiten oder Leistungen (Bittner. 2009. 348.). In unserer alltäglichen Rede fordern wir allerdings manchmal auch mehr Respekt ein, wenn es einfach darum geht, jemanden anständig zu behandeln, und sagen âAlle Achtung!â, um eine herausragende Leistung anzuerkennen. Eine trennscharfe Abgrenzung von Achtung und Respekt im üblichen Sprachgebrauch ist also schwierig, auch wenn sich die genannten Tendenzen abzeichnen.
Mit Blick auf den Begriff der Selbstachtung stellt sich nun die Frage, ob man sich auch selbst gelten lassen kann. Kann man, um bei dem Bild zu bleiben, mit sich selbst auf Augenhöhe sein? Wer jemanden gelten lässt, gesteht ihm einen bestimmten Handlungsspielraum und bestimmte Ansprüche zu. Wie sich ein solches Zugeständnis in Bezug auf das Selbstverhältnis einer Person darstellen könnte, ist schwer ersichtlich, da es dort ja nur von einem selbst abhängt, was man sich zugestehen könnte. Allerdings hat es etwas mit Selbstachtung zu tun, wie man sich dazu verhält, ob andere einen gelten lassen. Wer es hinnimmt, von anderen in seinem Tun und seinen Ansprüchen ohne Grund eingeschränkt zu werden, und sich als eine Person behandeln lässt, die weniger gilt als andere, zeigt damit unter Umständen einen Mangel an Selbstachtung.
2.6 Respect, Self-Respect und die Frage der Ãbersetzung
Ein groÃer Teil der philosophischen Diskussion um das Konzept der Selbstachtung ist im angelsächsischen Sprachraum verortet, was ein gewisses Ãbersetzungsproblem mit sich bringt. Die Unterscheidung von Achtung und Respekt findet sich in der englischen Sprache so nicht wieder. In der philosophischen Literatur wird das Wort respect manchmal mit bestimmten Zusätzen spezifiziert1 und oft wird es von verwandten Begriffen abgegrenzt, wie zum Beispiel von esteem (vgl. Dillon. 1995. 29ff.), was mit Ansehen, Achtung, Wertschätzung, Hochachtung, Hochschätzung und Schätzung übersetzt wird. Esteem scheint also eine gewisse Verwandtschaft mit dem deutschen Wort Respekt zu haben, während das englische respect mit Respekt, Achtung, Rücksicht, Ansehen übersetzt wird und damit eher zu dem Verständnis von Achtung als jemanden gelten lassen passt. In diesem Sinne wurde beispielsweise Aretha Franklins berühmte Version des Liedes âRespectâ in den 1960er Jahren von der feministischen Bewegung als Forderung nach einem Mindestmaà an Achtung gegenüber schwarzen Frauen verstanden.
Innerhalb der philosophischen Diskussion wird oft auf die Kategorien von Stephen Darwall Bezug genommen, der zwei Arten von respect unterscheidet, nämlich recognition und appraisal respect, wobei es sich bei ersterem um die Anerkennung eines bestimmten, nämlich moralischen Status handelt, während letzterer die positive Bewertung des moralischen Charakters einer Person darstellt und damit eine Spezifizierung von esteem (vgl. Darwall. 1977. 39ff.). Sowohl der Unterschied, den ich zwischen Achtung und Respekt herausgestellt habe, als auch die Differenzierung zwischen respect und esteem sowie recognition und appraisal respect zeugen von der Annahme, dass es einerseits ein graduelles Konzept gibt, insofern wir jemanden mehr oder weniger hoch (für etwas) schätzen können, und andererseits eine Form von Achtung, die sich nicht abstufen lässt und die ich bisher mit dem Ausdruck jemanden gelten lassen beschrieben habe.
Auch das Konzept self-respect wird in der englischsprachigen philosophischen Literatur von dem des self-esteem unterschieden. Self-esteem wird sowohl mit Selbstachtung, Selbstwertgefühl, Selbstschätzung und Selbstwertschätzung übersetzt, self-respect allein mit Selbstachtung. Manche verwenden die Begriffe zwar synonym (vgl. bspw. Rawls. 1995. 125.), oft wird self-esteem aber als eine besondere und gradierbare Anerkennung der eigenen Leistungen, Fähigkeiten etc. verstanden, während self-respect sich auf die grundlegende Anerkennung des eigenen Werts oder der eigenen Ansprüche gegenüber anderen bezieht (vgl. Hill. 1973; Dillon. 1995. 18ff, 30ff.). Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung könnte man vereinfacht sagen, dass eine Person mit self-esteem eine (in einer bestimmten Hinsicht) hohe Meinung von sich hat, während diejenige mit self-respect bestimmte Ãberzeugungen darüber hat, wie sie als Person von anderen behandelt werden will (vgl. Dillon. 1995. 28ff; Taylor. 1995. 158ff.). Self-esteem wird zudem mitunter als psychologisches Konzept verstanden, das mit bestimmten positiven Gefühlen in Bezug auf sich selbst verbunden ist und auf das man sich im Deutschen wohl am ehesten mit dem Begriff Selbstwertgefühl beziehen würde (vgl. Dillon. 1995. 30f.). SchlieÃlich zeichnet sich self-esteem ähnlich wie Hochachtung dadurch aus, dass man ihn sich verdienen kann, während self-respect als eine Form der Selbstachtung verstanden wird, die jedem Menschen unabhängig von seinen Verdiensten allein aufgrund seines moralischen Status zusteht (vgl. Darwall. 1977.).
2.7 Selbstwertgefühl, Selbstwertschätzung und Selbstachtung
Analog zu self-esteem und self-respect lieÃen sich möglicherweise auch Selbstwertschätzung und Selbstachtung voneinander abgrenzen. Doch mit Blick auf den alltäglichen Gebrauch der Begriffe ist diese Unterscheidung wiederum nicht trennscharf. Denn Selbstachtung wird nicht allein damit in Verbindung gebracht, welche Ansprüche man berechtigterweise an das Verhalten anderer stellen darf. Der Vorwurf, dass es einer Person an Selbstachtung mangelt, bezieht sich ebenfalls häufig auf ihre moralische oder persönliche Integrität, darauf, dass es ihr an Selbstkontrolle fehlt, etwa weil sie sich gehen lässt oder der Verantwortung gegenüber sich selbst nicht gerecht wird (vgl. Dillon. 1995. 25f.). Diese Gebrauchsweisen legen die Vermutung nahe, dass es bei Selbstachtung um mehr geht als allein um den moralischen Status einer Person, und machen es schwierig, das Konzept von verwandten Begriffen abzugrenzen. So teilen Selbstwertschätzung, Selbstwertgefühl und Selbstachtung die Gemeinsamkeit, dass sie reflexive und evaluative Begriffe sind, wobei ihnen aber nicht notwendig derselbe evaluative MaÃstab zugrunde liegt. Selbstwertgefühl kann man am ehesten als ein psychologisches Konzept verstehen, das sich auf die evaluative und affektive Einschätzung des eigenen Wertes der Person bezieht (vgl. Mummendey. 1983.). Von jemanden zu sagen, dass er Selbstwertgefühl besitzt, meint normalerweise, dass sich die Person in bestimmten Hinsichten positiv bewertet und unter Umständen sogar Stolz empfindet (vgl. Demmerling und Landweer. 2007. 246f.). Auf welchen MaÃstab sich diese Bewertung bezieht, ist grundsätzlich offen. Es kann sich beispielsweise um einen idiosynkratischen MaÃstab handeln, der keinen ethischen Kriterien genügen muss. Jemand kann es etwa als wichtig erachten, viel Geld zu verdienen, und, wenn es ihm gelingt, aufgrund dessen ein starkes Selbstwertgefühl haben.
Mit dem Konzept der Selbstwertschätzung lässt sich darüber hinaus die Frage stellen, um was für einen Wert es sich eigentlich handelt, der da geschätzt werden soll. Man könnte also, um bei dem Beispiel zu bleiben, fragen, ob es gute Gründe dafür gibt, die Beurteilung des eigenen Selbstwerts davon abhängig zu machen, wie viel Geld man verdient. Man reflektiert damit auf den MaÃstab, der dem fraglichen Selbstwertgefühl zugrunde liegt. Dieser MaÃstab kann an persönlichen Interessen und Vorstellungen orientiert sein, an gesellschaftlichen Erwartungen oder an moralischen Grundsätzen. Ist letzteres der Fall, wird in der philosophischen Diskussion statt von Selbstwertschätzung eher von Selbstachtung gesprochen, man nimmt damit auf den moralischen Charakter einer Person Bezug (vgl. Hill. 1973; Darwall. 1977; Dillon. 1995. 34f; Bornmüller. 2012. 198.). Gemäà dieser Verwendung ist das Konzept der Selbstachtung eng mit dem der moralischen Integrität verbunden, was dazu passt, dass jemandem, der seine moralische Integrität aufs Spiel setzt, vorgeworfen wird, einen Mangel an Selbstachtung zu haben. Auch wenn dieses Verständnis auf den ersten Blick plausibel erscheinen mag, ist es wahrscheinlich zu eng, um dem Stellenwert der individuellen Persönlichkeit in diesem Zusammenhang Rechnung zu tragen. Denn nicht immer, wenn Selbstwertschätzung und Selbstachtung in Rede stehen, geht es (allein) darum, dass die Person sich selbst in Bezug auf ihr moralisches Handeln bewertet.
Ein moralischer MaÃstab ist für das Konzept der Selbstachtung auch von Belang, insofern es um den Wert einer Person geht, und zwar unabhängig von ihrem Charakter, ihrem persönlichen Verhalten oder ihrem Selbstwertgefühl. Hierbei handelt sich um einen moralischen Wert, der einen bestimmten moralischen Status begründet. Wird Selbstachtung als Anerkennung dieses Wertes der eigenen Person verstanden, sind damit bestimmte Ãberzeugungen und Verhaltensweisen verbunden, etwa dass man glaubt, dieselben moralischen Rechte zu besitzen wie alle anderen Menschen auch, und einfordert, dass diese nicht verletzt werden (vgl. Hill. 1973.). Insofern es um bestimmte Ãberzeugungen und Verhaltensweisen einer Person geht, sind hier zudem weitere reflexive Konzepte relevant, etwa ein basales Selbstvertrauen im Sinne einer grundsätzlich positiven Haltung gegenüber sich selbst und den eigenen Wahrnehmungen, Erinnerungen, Grundeinstellungen und Gefühlen. Und schlieÃlich spielt für die Selbstachtung der Person auch ihre Fähigkeit und die Möglichkeit zur Selbstbehauptung eine wichtige Rolle (vgl. Ach und Pollmann. 2012. 5.).
Die unterschiedlichen Weisen, wie wir über Achtung reden, zeigen deutlich, dass es sich um einen facettenreichen und vielschichtigen Begriff handelt, angefangen bei der Anerkennung einer bestimmten Rolle oder Autorität, über die positive Bewertung einer Person oder ihrer Eigenschaften, über bestimmte gefühlsmäÃige Komponenten bis hin zu der Anerkennung des Gegenübers als ein ebenbürtiges und zu berücksichtigendes Wesen. Die Facetten von Selbstachtung haben sich als ähnlich vielfältig und komplex erwiesen. Es handelt sich dabei um einen reflexiven und evaluativen Begriff, der mit bestimmten selbstbezüglichen Einstellungen verbunden ist und sich sowohl auf die persönliche als auch auf die moralische Integrität einer Person bezieht. Im nächsten Abschnitt werde ich vor dem Hintergrund dieses weiten Begriffsfeldes nun verschiedene Elemente von Achtung herausarbeiten, um mit Hilfe dieser Kategorien etwas Ordnung in das Begriffsfeld zu bringen.
Elizabeth Telfer spricht zum Beispiel von âconnative self-respectâ und âestimative self-respectâ, vgl. Telfer. 1968. Die bekannteste Unterscheidung in der Philosophie ist allerdings wohl diejenige von Stephan Darwall, auf die ich im Folgenden eingehe.