Eine Haltung ist mit einem äußerlich wahrnehmbaren Ausdruck verbunden, mit etwas, das man an der Erscheinung, dem Handeln oder Verhalten einer Person bemerken kann. Wenn wir über Haltungen sprechen, schöpfen wir oft aus einem großen Fundus an sprachlichen Bildern. Wir sprechen davon, dass man aufrecht gehen kann, wenn man seine moralische Integrität gewahrt hat. Umgekehrt sagt man manchmal, jemand sei rückgratlos, weil er den eigenen Werten nicht treu geblieben ist. Wer reumütig ist, sieht aus wie ein geschlagener Hund. Unaufrichtige Menschen werden mit einem Wurm verglichen, mit einem Tier also, das nicht im Entferntesten die Möglichkeit hat, aufrecht zu gehen (vgl. Kant. AA VI, 437; Schiller. 1993.). Von einer Person, der es an Engagement und Eifer fehlt, sagen wir, sie lasse sich hängen. Und schließlich gibt es Situationen, die man erhobenen Hauptes verlässt. Damit mag man möglicherweise tatsächlich die Körperhaltung meinen, die jemand im fraglichen Moment eingenommen hat, doch es sind auch der Stolz oder die Selbstachtung damit verbunden, die die betreffende Person sich nicht hat nehmen lassen. Ebenso wie wir Körperhaltungen als Metaphern für Geisteshaltungen verstehen, begreifen wir auch, was es bedeutet, wenn eine Person ein autoritäres Auftreten hat oder ihre Erscheinung einen selbstvergessenen Eindruck macht.
Selbstachtung ist ebenfalls etwas, das man zum einen daran erkennen kann, wie eine Person erscheint, wie sie sich verhält oder handelt. Zum anderen hat Selbstachtung im weitesten Sinne mit bestimmten Gedanken, Überzeugungen, Gefühlen und anderen mentalen Zuständen zu tun. Ganz allgemein könnte man Haltungen als eine Kombination aus inneren und äußeren Zuständen beschreiben. Allerdings birgt das die Gefahr gewisser sprachlicher Verwirrungen. Denn wenn ‚innen‘ und ‚außen‘ hier als örtliche Begriffe verstanden werden, dann, so muss man annehmen, geschieht etwas im Inneren des Menschen und etwas in seinem äußeren Gebaren, was auf rätselhafte Weise verbunden ist, beispielsweise durch eine Beziehung von Ursache und Wirkung. Das Innere verursacht dann das äußerlich Sichtbare oder umgekehrt.
Dieses Verständnis der Begriffe bringt zwei Schwierigkeiten mit sich, nämlich erstens das Problem des Fremdpsychischen und zweitens, damit verbunden, die Idee, dass man von der Warte der ersten Person einen privilegierten Zugang zu sogenannten inneren Vorgängen habe. Man kann die Begriffe innen und außen aber auch anders verstehen, nämlich im Sinne psychischer Geschehnisse einerseits und Handlungs- oder Verhaltensweisen andererseits. Das Konzept der Haltung lässt sich damit als ein Verhältnis beschreiben zwischen bestimmten mentalen Zuständen einer Person und dem, wie sie handelt, erscheint und sich verhält. Für dieses Verständnis von Haltung möchte ich im Folgenden argumentieren und werde dafür zunächst kurz auf das Problem des Fremdpsychischen und den privilegierten Zugang der ersten Person eingehen. Anschließend betrachte ich Haltungen als etwas, das uns zu bestimmten Handlungs- und Verhaltensweisen disponiert. Und schließlich unterscheide ich drei zentrale Aspekte von Haltungen, die, wie ich hoffe, zu einem differenzierteren Verständnis des Konzeptes beitragen. Daran anschließend geht es im achten Kapitel dann um das Konzept der Selbstachtung als einer Haltung zu sich selbst.
7.1 Das Problem des Fremdpsychischen und der privilegierte Zugang der ersten Person
Die sprachlichen Bilder und Vergleiche, die ich oben genannt habe, zeigen, dass wir bestimmte Einstellungen von Menschen daran erkennen können, was sie tun, wie sie auftreten, wie sich ihre Gestik und Mimik darstellt usw. Es scheint eine Entsprechung zu geben zwischen dem, was jemand denkt, glaubt, meint, fühlt, und dem, wie er von anderen Menschen wahrgenommen wird. Doch nicht immer, wenn wir einen bestimmten Eindruck von einer Person haben, liegen wir damit auch richtig. Jemand kann sich sehr hilfsbereit und rücksichtsvoll verhalten, doch das bedeutet nicht zwangsläufig, dass er tatsächlich auch hilfsbereit und rücksichtsvoll ist. Wenn er eigentlich nichts von Hilfsbereitschaft und Rücksicht hält und sich bloß deshalb so verhält, weil es eine nützliche Strategie ist, um ein ganz anderes Ziel zu erreichen, etwa um langfristig andere Menschen besser ausnutzen zu können, würde man nicht von ihm sagen wollen, er sei eine hilfsbereite und rücksichtsvolle Person. Offensichtlich stimmt das nach außen Gezeigte dann nicht mit den Überzeugungen der Person überein. Um einen solchen Irrtum zu erklären, sagt man umgangssprachlich manchmal, dass man anderen Menschen ‚eben nur vor den Kopf schaue‘. So, wie man bei einer geschlossenen Keksdose prinzipiell nicht wissen kann, was drinsteckt, solange man nicht reingeschaut hat, können wir auch prinzipiell nichts darüber wissen, was in anderen Menschen vorgeht, mit dem einzigen Unterschied, dass es bei Menschen auch keine Möglichkeit gibt, hineinzuschauen.
Diese Rede von innen und außen ist allerdings zweideutig. Denn Innen kann einerseits eine lokale Bedeutung haben, etwa dann, wenn man wissen will, was in der Keksdose ist. Wenn es um Gedanken, Überzeugungen, Gefühle etc. von Menschen geht, bezeichnet innen allerdings keinen Ort, sondern der Begriff bezieht sich auf die mentalen Zustände einer Person. Diese beiden Verwendungsweisen wurden und werden nicht immer klar auseinandergehalten, was insbesondere im wirkmächtigen Konzept des Dualismus von Körper und Geist zum Ausdruck kommt sowie in den Vorstellungen, die sich aus diesem Dualismus ableiten. Dazu zählt das Problem des Fremdpsychischen und die damit verbundenen Frage, wie wir eigentlich etwas darüber wissen können, in welchen mentalen Zuständen sich eine andere Person befindet (vgl. Wisdom. 1941.). Es gehört dazu ebenso die Vorstellung, dass eine Person einen privilegierten Zugang zu ihren inneren Zuständen hat, weil sie via Introspektion in der Lage ist, ihre Gedanken, Gefühle und ähnliches unmittelbar zu erkennen.
Vereinfacht betrachtet, ist der Mensch in der dualistischen Vorstellung eine Einheit, die aus einem Körper und einem Geist besteht, wobei der Geist in irgendeiner Weise mit dem Körper verbunden ist, um mit ihm zu interagieren. Da wir nur den Körper anderer Menschen sehen können, den Geist aber nicht, stehen wir gemäß dieser Theorie vor dem Problem, nur auf indirektem Weg Erkenntnisse über die inneren Zustände von Menschen gewinnen zu können (vgl. Hyslop. 1995. 6.). Offensichtlich wird Innen in dieser Beschreibung in seiner lokalen Bedeutung verstanden. Die Person, um deren Innenleben es geht, hat ihrerseits allerdings einen privilegierten Zugang zu ihren mentalen Zuständen, da sie mit Hilfe der Introspektion ‚in sich hineinschauen‘ kann. Sie kann den Blick nach innen wenden und wahrnehmen, welche Gedanken sich dort befinden und welche Gefühle sie bewegen (vgl. Ryle. 1963. 156ff.).
Die Tatsache, dass wir uns regelmäßig über die Einstellungen anderer Menschen täuschen, scheint diese Beschreibung auf den ersten Blick zu bestätigen. Ohne den unmittelbaren Zugang über die Introspektion stehen uns offenbar nur indirekte Wege zur Verfügung, mehr oder weniger zuverlässige Hypothesen über die unsichtbaren Gedanken und Gefühle unseres Gegenübers von seinem sichtbaren Verhalten ableiten zu können. Eine moderne, neurowissenschaftliche Antwort auf dieses Problem sind bildgebende Verfahren, die etwas über die Zustände des Gehirns einer Person verraten. Diese Verfahren produzieren Bilder von Gehirnzuständen und vielleicht hofft man, mit dem, was dort sichtbar wird, eindeutige Aussagen über die inneren Zustände einer Person treffen zu können. Dieser Vorstellung liegt die Prämisse zugrunde, dass hirnphysiologische Zustände mit mentalen Zuständen identisch seien oder es letztere womöglich gar nicht gibt (vgl. Schramme. 2012.). Das Problem ist allerdings, dass wir keine Gehirnzustände im Sinn haben, wenn von Introspektion die Rede ist. Wir können auf Bildern, die bestimmte Aktivitäten in Gehirnarealen zeigen, keine Überzeugungen, Gedanken oder Gefühle erkennen und vor allem können wir sie nicht wiedererkennen, da wir auch bei der Introspektion keine derartigen Entitäten sehen.
Das dualistische Bild des Menschen geht von höchst unplausiblen Prämissen aus (vgl. Ryle. 1963. 13ff.). In der Philosophiegeschichte findet man zum Beispiel die Vorstellung von einem „inneren“ und einem „äußeren“ Menschen (Aquin. 1886–1892. Questio 75, 76.)1 oder von einem Körper, den man sehen und anfassen kann, im Gegensatz zu einem Geist oder eine Seele, bei denen das nicht geht2. Der Mensch ist demnach ein Wesen, das aus zwei sehr unterschiedlichen Entitäten zusammengesetzt ist, was auf den ersten Blick auch recht einleuchtend erscheint, weil wir Gedanken ja tatsächlich nicht anfassen können, Arme, Beine und andere Körperteile dagegen sehr wohl (vgl. Descartes. 1994. 17ff.). Problematisch wird es jedoch, wenn man fragt, wie beides zusammenhängt, denn das Zusammenspiel zwischen zwei Entitäten, die unter anderem darüber definiert sind, das jeweils andere gerade nicht zu sein (vgl. Descartes. 1984. 7.), ist schwer vorstellbar. Muss nicht auch etwas Seele im Körper stecken, damit die Seele den Körper kraft ihrer Willensakte in Bewegung setzen kann? Und steckt nicht manchmal auch etwas Körperliches in unseren Seelen, etwa wenn wir vor Scham rot werden oder vor lauter Angst ganz weiß?
Angesichts der Schamesröte scheint es uns zudem gar nicht prinzipiell unmöglich zu sein, mentale Zustände unserer Mitmenschen wahrzunehmen. Wer beispielsweise zum Bahnhof rennt, will wahrscheinlich noch einen Zug erwischen. Dass die Freundin traurig ist, bemerkt man an ihrem Gesichtsausdruck oder an ihrer brüchigen Stimme. Und wenn jemand nervös ist, ist das häufig nicht zu übersehen. Gewiss, manchmal täuschen wir uns. Wir wissen nicht immer, ob unser Gegenüber gerade lacht oder weint oder ob jemand ärgerlich oder bloß konzentriert ist, aber häufig eben doch, auch wenn wir nicht unbedingt angeben können, woher genau dieses Wissen stammt (vgl. Austin. 1979. 85.). In manchen Situationen ist man auch bewusst darum bemüht, vor anderen zu verbergen, was man denkt, fühlt oder wie es einem geht, beispielsweise wenn man sehr unsicher ist, wenn man eine Blamage kleinhalten möchte oder wenn man Poker spielt. Doch dass ein Irrtum möglich ist, heißt nicht, dass es prinzipiell unmöglich ist, etwas zu erkennen – ganz im Gegenteil, da, wo wir irren können, da können wir eben auch richtig liegen (vgl. Austin. 1979. 88.). Angenommen, wir sind überzeugt davon, dass noch Brot im Haus ist, und stellen nach dem Einkauf fest, dass wir uns geirrt haben. Die Feststellung, dass entgegen unserer Annahme kein Brot im Haus ist, ist kein Grund anzunehmen, dass wir es grundsätzlich nicht hätten wissen können, ob welches da ist oder nicht. Gemütslagen anderer Menschen festzustellen, ist oft nicht schwerer als nachzuschauen, ob Brot da ist oder nicht. So sehen wir zum Beispiel trotz oder gerade wegen des angestrengten Lächelns, dass unser Gegenüber jeden Moment in Tränen ausbrechen wird. Ebenso kann jemand, der unaufrichtig ist, klarerweise den Eindruck machen, dass er anderen etwas vormacht. Und manchmal spürt man, dass eine Person wütend oder traurig ist, ohne dass sie das in diesem Moment selbst von sich weiß. Diese Beispiele widersprechen nicht nur der Vorstellung, dass die mentalen Zustände anderer Menschen nur auf indirektem Wege erkennbar sind. Sie sprechen auch gegen die Annahme, dass wir grundsätzlich einen privilegierte Zugang zu unseren eigenen mentalen Zuständen haben.
Zugegeben, oft ist es auch viel schwieriger, etwas über die Stimmungslage oder die Absichten eines Menschen zu erfahren, als zu schauen, ob der Brotkasten leer ist oder nicht. Doch das gilt nicht nur in Bezug auf andere Menschen, sondern auch in Bezug auf uns selbst. Dass es schwieriger ist, liegt nicht daran, dass uns ein bestimmter Zugang zum Menschen grundsätzlich verwehrt ist, etwa weil wir keinen Deckel abheben und reinschauen können, sondern es liegt daran, dass Gemüts- und Stimmungslagen, Absichten, Gefühle oder Überzeugungen oftmals sehr komplexe Gegenstände sind. Man kann sie nicht einfach sehen, wie man ein Brot sehen kann, oder hören wie ein Vogelgezwitscher, sondern es handelt sich um Gegenstände, die größtenteils sprachlich vermittelt sind. Nicht immer gelingt es uns, die richtigen Worte dafür zu finden, was wir denken, hoffen, wünschen, fühlen, glauben, wollen und ebenso wenig können wir immer auf Anhieb verstehen, was andere Menschen bewegt (vgl. Austin. 1979. 103f.). Diese Schwierigkeit ist aber kein Grund, von einem dualistischen Bild des Menschen auszugehen. Vielmehr ist es ein Hinweis darauf, dass unser psychisches Erleben sozial vermittelt ist (vgl. Austin. 1979. 110.). Das bedeutet, weder sind uns die mentalen Zustände anderer Menschen grundsätzlich verborgen, sondern wir tauschen uns normalerweise mit anderen darüber aus, was sie denken, glauben oder fühlen, noch ist es so, dass wir den Blick bloß ‚nach innen wenden‘ müssen, um zu erfahren, was uns selbst beschäftigt und bewegt. Auch hier benötigt man die sprachliche Vermittlung im Austausch mit anderen Menschen oder mit sich selbst. Der Austausch mit sich selbst kann dabei als eine Simulation der Gespräche mit anderen Menschen verstanden werden, und dient als ein Mittel, um uns selbst besser zu verstehen (vgl. Stoecker. 2011. 49ff.).
Am Konzept der Haltung wird deutlich, dass der Dualismus von Körper und Seele unplausibel ist und weder das Problem des Fremdpsychischen noch der privilegierte Zugang der ersten Person überzeugende Beschreibungen unseres Verhältnisses zu anderen Menschen oder zu uns selbst darstellen. Denn einerseits schleifen sich Haltungen ein und häufig sind es andere Menschen, die eine Person darauf aufmerksam machen, dass sie einen Hang zum Perfektionismus hat, dass sie mutig ist oder dazu neigt, sich vorschnell eine Meinung zu bilden. Wenn das stimmt, spricht es gegen die Annahme des privilegierten Zugangs der ersten Person zu ihren inneren Zuständen. Andererseits lassen Haltungen es abwegig erscheinen, dass wir vor anderen Menschen stehen wie vor verschlossenen Dosen und nur blind raten oder kompliziert ableiten können, was diese Menschen bewegt. Vielmehr ist es so, dass gerade Haltungen dazu führen, dass wir einander oft gut einschätzen können, weil sie wie Muster in unserem Verhalten und Handeln sind. Selbstverständlich führt unsere Wahrnehmung dieser Muster auch immer wieder zu Irrtümern, sei es, weil Menschen uns täuschen oder weil wir Dinge voreingenommen oder ungenau wahrnehmen und beurteilen. Doch der Umstand, dass Menschen sich in bestimmten Haltungen begegnen, macht beispielsweise so etwas wie Vertrauen überhaupt erst möglich (vgl. Austin. 1979. 112ff.). Durch Haltungen haben wir im zwischenmenschlichen Umgang eine gewisse Orientierung, insofern sie uns zu bestimmten Handlungs- und Verhaltensweisen disponieren.
7.2 Haltungen und Dispositionen
Haltungen führen dazu, dass wir einander leichter einschätzen können. Wenn man von einer Person beispielsweise sagt, sie sei hilfsbereit, beschreibt man damit eine bestimmte Verhaltenstendenz dieser Person, nämlich dass sie in Situationen, in denen andere Menschen Unterstützung gebrauchen können, bereit ist, diese zu geben. Die Person zeigt damit eine Disposition, in einer bestimmten Weise zu handeln. Solche Dispositionen haben Menschen auch in ihren emotionalen Reaktionen, wenn sie zum Beispiel dazu neigen, schnell besorgt zu sein, besonders intensiv sinnliche Freuden zu genießen oder leicht in Rage zu geraten. Diese Tendenzen bedeuten nicht, dass man immer, wenn es einen Anlass gibt, in der einen oder anderen Weise zu reagieren, auf eine bestimmte Verhaltensweise festgelegt ist. Ein genussfreudiger Mensch genießt nicht bei jeder Gelegenheit und eine hilfsbereite Person hilft nicht immer, beide verhalten sich aber häufig in entsprechender Weise, wenn sie die Möglichkeit haben.
Eine Haltung zu haben, geht also mit bestimmten Dispositionen einher (vgl. Stoecker. 2011. 48ff.). Durch die Haltung sind wir zu bestimmten Handlungen, Verhaltensweisen und Emotionen disponiert, ähnlich wie ein Glas dazu disponiert ist, zu zerbrechen, wenn es zu Boden fällt, oder ein Samenkorn dazu zu keimen, wenn man es in Erde steckt. Hier wie dort steht nicht fest, dass das Glas zerbricht, das Korn keimt oder der Mensch in einer bestimmten Weise handelt. Es spielen weitere Faktoren eine Rolle, beispielsweise die Beschaffenheit des Bodens, auf den das Glas fällt, oder die Feuchtigkeit der Erde, in die man das Korn steckt. Auch im Falle von Handlungs- und Verhaltensdispositionen sind die Umstände einer Situation relevant dafür, ob jemand in einer bestimmten Weise reagiert. Es hängt daran, mit welchen Personen man zu tun hat, worum es in einer Situation geht, aber vermutlich auch an anderen Dingen, wie zum Beispiel, ob man gerade hungrig, müde, entspannt oder verängstigt ist. Es gibt also einerseits Faktoren, die uns beeinflussen, auf die wir selbst aber keinen Einfluss haben. Die hilfsbereite Person könnte beispielsweise in einer Situation tatenlos zusehen, wie sich der gerade gestürzte Radfahrer wieder aufrappelt, weil er unmissverständlich zu verstehen gegeben hat, dass er auf keinen Fall Hilfe will. Andererseits gibt es auch solche Faktoren, die uns darin beeinflussen, ob wir unserer Disposition nachgeben, auf die wir durchaus Einfluss haben. Die hilfsbereite Person könnte zum Beispiel von verschiedener Seite die Rückmeldung bekommen, dass sie ihre Hilfe manchmal geradezu aufdrängt und man sich nur mit Mühe dagegen wehren kann. Diese Rückmeldungen könnte sie sich zu Herzen nehmen und entscheiden, etwas aufmerksamer dafür zu sein, dass ihre Hilfe manchmal eben auch nicht erwünscht ist.
Die Tatsache, dass wir auf diese Weise Einfluss darauf nehmen können, ob wir uns entsprechend unserer Disposition verhalten oder nicht, unterscheidet Menschen von Gläsern und Samenkörnern und damit auch die Disposition von einer Haltung. Anders als das Konzept der Disposition impliziert dasjenige der Haltung, dass wir die Möglichkeit haben, uns einer Disposition bewusst zu sein und uns zu dieser zu verhalten (vgl. Weber-Guskar. 2016. 95ff.). Damit führen Haltungen also einerseits zu einer gewissen Stabilität in unseren Handlungs- und Verhaltensweisen, andererseits können wir aber auch entgegen unserer Disposition agieren, weil wir uns dafür entschieden haben. Wenn die hilfsbereite Person sich die Rückmeldungen ihrer Mitmenschen zu Herzen nimmt, tut sie genau das, sie verhält sich in einer bestimmten Weise zu ihrer Disposition. Das könnte dazu führen, dass ihre Haltung, nämlich in bestimmten Situationen andere Menschen zu unterstützen, weniger stabil wird. Die Reaktionen ihrer Mitmenschen haben ihr bewusst gemacht, dass Hilfe zwar grundsätzlich eine gute Sache ist, eine allzu proaktive Bereitschaft dazu aber als bedrängend oder paternalistisch empfunden werden kann. Die ausschließliche Orientierung daran, dass es wertvoll, ist Hilfe zu leisten, hat sich für die Person als zu undifferenziert erwiesen, und sie bezieht weitere Überlegungen mit ein, wie etwa die, anderen einen gewissen Raum zu lassen, um ein Bedürfnis nach Hilfe von sich aus formulieren zu können. Das zeigt, dass eine weniger differenzierte Haltung zwar bei einer größeren Vielfalt an Situationen als Orientierungshilfe dienen kann und zudem von anderen vermutlich als stabiler wahrgenommen wird. Demnach wäre es für die hilfsbereite Person gewiss übersichtlicher, daran festzuhalten, dass es immer eine gute Sache ist zu helfen. Gleichzeitig liegt es aber nahe, hier die Gefahr einer starren oder dogmatischen Haltung zu sehen.
Dennoch ist die Stabilität von Haltungen nützlich und wichtig, einerseits, weil damit eine gewisse Verlässlichkeit verbunden ist, andererseits, weil sie dabei hilft, dass man ‚nicht aus der Rolle fällt‘, sondern die Fassung wahren kann. Haltungen können also nicht nur Orientierung in unserem Handeln und Denken bieten, sondern uns manchmal auch davor schützen, unser Gesicht zu verlieren. Ein Lehrer beispielsweise, dessen Klasse außer Rand und Band geraten ist und der von den Schülerinnen und Schülern mit Spott und Hohn überschüttet wird, versucht vielleicht, obwohl er sich sehr gekränkt und verletzt fühlt, eine professionelle Haltung aufrechtzuhalten, um sich nicht noch angreifbarer zu machen. Er bemüht sich darum, Haltung zu bewahren, um sich in dieser nervenaufreibenden Situation so gut wie möglich zu schützen. Die imperative Form von Haltung bewahren mit ihrem militärischen Ursprung rekurriert auf ein Gebot der Selbstbeherrschung, das auch in vielen anderen Kontexten eine selbstverständliche Konvention ist oder war (vgl. Cicero. 1873.). Eine Haltung zu bewahren im Sinne der Selbstbeherrschung bedeutet vor allem, die eigenen Affekte, Gefühle oder Leidenschaften unter Kontrolle zu haben und sich von diesen nicht dazu verleiten zu lassen, seine (vermeintlichen) Schwächen oder seine Verletzlichkeit vor anderen zu zeigen. Bei aller Stabilität, die eine solche Selbstkontrolle mit sich bringt, gibt es allerdings auch gute Gründe daran zu zweifeln, dass es immer erstrebenswert ist, in diesem Sinne Haltung zu wahren. Es stimmt zwar, dass uns eine Haltung, die beispielsweise mit einer bestimmten Rolle verbunden ist, davor schützen kann, beschämt oder bloßgestellt zu werden. Doch die Forderung nach permanenter Selbstbeherrschung würde wohl zu einem sehr distanzierten und kühlen zwischenmenschlichen Umgang führen und dazu, dass allein der bloße Anschein von Schwäche oder fehlender Selbstkontrolle stigmatisierend wäre. Deshalb ist es nicht erstrebenswert, um jeden Preis Haltung zu bewahren, sondern man sollte einer derartigen Forderung vielmehr mit Skepsis begegnen.
Die Stabilität, die mit Haltungen verbunden ist, rührt nicht nur daher, dass man sich anstrengen kann, eine bestimmte Haltung zu bewahren. Haltungen zeichnen sich auch dadurch aus, dass wir uns bewusst oder unbewusst für unbestimmte Dauer auf sie festlegen. Man kann sich nicht in einem Moment für eine Haltung entscheiden und diese einnehmen, so wie man sich für eine Handlung entscheiden und diese umsetzen kann. Haltungen wachsen mit der Zeit, sie bilden sich heraus. Sie ergeben sich aus unserem Verhalten, das wir gegenüber anderen oder uns selbst an den Tag legen, daraus, wie andere oder wir selbst auf unser Verhalten reagieren, und welche Gründe wir beim Handeln als relevant betrachten. Wenn Haltungen unbewusst sind, entstehen sie beispielsweise aus Gewohnheiten oder weil sie sich praktisch bewähren. Wenn man sich ihrer bewusst ist, kann man prüfen, welche Gründe mit ihnen verbunden sind. Das ermöglicht auch, eine Haltung zu überdenken und an ihr zu arbeiten. Doch je nachdem, um was für eine Art von Haltung es sich handelt, kann es mitunter auch sehr schwierig sein, sie zu verändern. Möglicherweise ist es sogar so, dass wir zumindest bis zu einem gewissen Grad auf manche Haltungen festgelegt sind. Dieser Gedanke liegt dann nahe, wenn man Haltungen auch als einen Teil des Charakters oder der Persönlichkeit eines Menschen betrachtet. Es ist zwar möglich, den eigenen Charakter zu verändern, doch man stößt dabei auch immer wieder an Grenzen.
Auch bei der Selbstachtung kann es sein, dass man sich seiner Haltung nicht bewusst ist. Vielleicht hat jemand eine unerschütterliche Selbstachtung, die sein Leben lang noch nicht infrage gestellt wurde, oder er hat einen Mangel an Selbstachtung, ohne sich dessen bewusst zu sein. Man muss sich also nicht bewusst darüber sein, Selbstachtung (nicht) zu haben. Die Tatsache aber, dass diese Haltung eng mit der eignen Identität verbunden sowie gleichzeitig fragil und angreifbar ist, macht die Frage, ob man sich seiner Selbstachtung bewusst ist, interessant. Denn nur dann, wenn man sie reflektiert, kann man dieses Verhältnis zu sich selbst gestalten. Dies scheint mir auch deshalb wichtig zu sein, weil Selbstachtung für die Art und Weise wie man Dinge tut, welche Dinge man tut, wie man sich von anderen behandeln lässt und wie man selbst mit anderen Menschen umgeht, oftmals eine entscheidende Rolle spielt. Eine Person kann beispielsweise ihre Selbstachtung daraus beziehen, dass sie andere Menschen herabsetzt. Eine andere ist dagegen bereit, sich klein zu machen oder servil zu verhalten, um den Zuspruch und die Anerkennung anderer Menschen zu erheischen. Wieder jemand anderes entscheidet sich aus einer Haltung der Selbstachtung heraus, gegen die Unterdrückung zu kämpfen, deren Opfer er ist. In allen Fällen ist das, was die Person tut und wie sie es tut, ein Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Wenn man also etwas über die Selbstachtung einer Person sagt, ist darin auch eine Einschätzung ihres Charakters enthalten.
Geht man außerdem davon aus, dass man dieses Verhältnis zu sich selbst reflektieren kann, schließt sich die Frage an, inwiefern man eine Haltung der Selbstachtung gestalten kann und inwieweit man dafür verantwortlich ist, dass man sich selbst achtet. Je nachdem, welche Fälle man sich vor Augen führt, können die Intuitionen diesbezüglich sehr unterschiedlich sein. Beim Kriecher, der sich in erheischter Anerkennung sonnen will und zu diesem Zwecke sein Fähnlein nach dem Winde hängt, scheint es intuitiv viel naheliegender, ihm empört seinen Mangel an Selbstachtung vorhalten zu wollen, als im Falle einer Person, die sich von anderen demütigen lässt, weil sie Zeit ihres Lebens Geringschätzung oder Missachtung erfahren hat. Die Frage, ob man dafür verantwortlich ist, dass man sich selbst achtet, spielt aber nicht nur eine Rolle, wenn es darum geht, den Charakter eines Menschen zu beurteilen und im Zuge dessen zu prüfen, wie er mit seiner Verantwortung in Bezug auf sich selbst umgeht. Selbstachtung und Verantwortung sind auch aus der Perspektive der ersten Person eng miteinander verbunden. Menschen beispielsweise, die gegen Geringschätzung und Missachtung kämpfen, um eine Haltung der Selbstachtung zum Ausdruck zu bringen, wehren sich dabei nicht nur gegen die schlechte Behandlung seitens anderer. Sie betrachten sich zugleich auch als verantwortlich dafür, diesen Kampf zu führen und sich nicht ausschließlich als Opfer der erlittenen Missachtung zu sehen. Die Selbstzuschreibung von Verantwortung ist dementsprechend wichtig, um sich selbst achten zu können.
Zusammengefasst ist für den Begriff der Haltung dreierlei relevant: Erstens spielt es eine Rolle, auf welchen Vorstellungen eine Haltung ruht. Die hilfsbereite Person hält es für gut, anderen zu helfen, und wer sich der Etikette streng verpflichtet fühlt, betrachtet es als entblößend, vor anderen Schwäche zu zeigen. Zweitens kann man sich einer Haltung bewusst oder nicht bewusst sein, wovon abhängt, ob man sie beeinflussen kann oder nicht. Und drittens kann man eine Person als verantwortlich für ihre Haltungen betrachten oder nicht. Alle drei Aspekte sind auch für eine Haltung der Selbstachtung relevant.
7.3 Drei Aspekte von Haltungen
Für das Verständnis einer Haltung der Selbstachtung erscheint es mir hilfreich, zunächst allgemeiner darauf zu schauen, was Haltungen kennzeichnet. Die genannten drei Aspekte ermöglichen einen differenzierteren Blick auf das Konzept. Das sind einmal bestimmte Vorstellungen, die als Maßstab einer Haltung dienen können. Wer beispielsweise eine Haltung der Gelassenheit erstrebenswert findet, wird eine Idee davon haben, was Gelassenheit ausmacht, und versuchen, sich dieser Vorstellung anzunähern. Menschen können sich zudem in bestimmten Haltungen begegnen. Im Verlauf der Untersuchung habe ich die sogenannten reaktiven Einstellungen oder Emotionen als besonders grundlegende Formen zwischenmenschlicher Haltungen hervorgehoben, weil sie ein Indikator dafür sind, ob wir unser Gegenüber grundsätzlich für verantwortlich halten oder nicht. Als selbst-reaktive Einstellungen und Emotionen sind sie auch für das Selbstverhältnis relevant. Denn dadurch, dass wir uns selbst als verantwortlich und zuständig betrachten, sind wir überhaupt erst in der Lage, dieses Verhältnis zu gestalten. Um das Konzept der Haltung besser zu verstehen, sind neben den Vorstellungen und reaktive Emotionen aber auch unbewusste Einstellungen von Bedeutung, die unseren Umgang mit anderen Menschen und uns selbst prägen, die wir uns aber nicht ohne Weiteres bewusst machen können. Manchmal stehen solche Einstellungen im krassen Gegensatz zu unseren bewussten moralischen Überzeugungen. Sie beeinflussen also unser moralisches Handeln in relevanter Weise und es stellt sich die Frage, ob man für diese Einstellungen verantwortlich sein kann, obwohl man sich ihrer nicht bewusst ist. Im Folgenden untersuche ich nun der Reihe nach diese drei Aspekte von Haltungen, also erstens die Vorstellungen, zweitens die reaktiven Emotionen und drittens die unbewussten Einstellungen, um schließlich zu einer Definition von Haltung zu gelangen. Im Anschluss wende ich mich dann der Haltung der Selbstachtung zu.
7.3.1 Vorstellungen
Alltagssprachlich ist der Begriff der Haltung sehr weit und wird in diversen Zusammenhängen verwendet. Jemand hat beispielsweise eine politische Haltung, insofern er sich aus bestimmten Gründen politisch positioniert oder er hat eine dezidierte Haltung zu Fragen der Außenpolitik. In zwischenmenschlichen Beziehungen begegnen wir Menschen ebenfalls in bestimmten Haltungen. Man kann zu jemandem freundschaftlich eingestellt sein, was bedeutet, dass man sich für den anderen interessiert, ihm vertraut und ihn in besonderem Maße wertschätzt. Dabei sind Interesse, Vertrauen und Wertschätzung jeweils für sich genommen Haltungen und eine freundschaftliche Haltung ist dementsprechend komplex. Ein weiteres Beispiel sind Haltungen, die wir in Bezug auf bestimmte soziale Rollen einnehmen, etwa eine Lehrerin, die im Laufe ihres Berufslebens eine bestimmte Haltung in Bezug auf ihre Profession ausbildet. Ihre Haltung geht mit bestimmten Vorstellungen davon einher, wie sie ihrer Rolle als Lehrerin gerecht werden kann. Diese Beispiele veranschaulichen, dass wir in Bezug auf ganz unterschiedliche Gegenstände Haltungen ausbilden können. Manchmal sind sie uns bewusst, wie bei der Lehrerin, die immer wieder darüber nachdenkt, was eine gute Lehrerin ausmacht. Ein andermal nimmt man eine Haltung eher unbewusst ein, wie es zum Beispiel zwei Freundinnen tun könnten, die nicht großartig darüber nachdenken, was es heißt miteinander befreundet zu sein, sondern die ihre Freundschaft einfach so hinnehmen, wie sie ist. Kurz gesagt, handelt es sich bei diesen Beispielen um Haltungen, die inhaltlich mit bestimmten Vorstellungen verbunden sind, etwa darüber, was gute Politik, gute Lehrerinnen oder gute Freunde ausmacht. Auch wenn uns diese Haltungen nicht immer bewusst sein müssen, können wir sie uns bewusst machen. Das ist zwar nicht immer nötig, doch spätestens dann, wenn es zu widerstreitenden Überzeugungen oder zwischenmenschlichen Konflikten kommt, ist man damit konfrontiert, über seine eigenen Vorstellungen nachzudenken.
Die Selbstachtung einer Person bezieht sich ebenfalls auf konkrete Vorstellungen, etwa davon, was ‚unter ihrer Würde ist‘, wann sie glaubt, ihre Selbstachtung aufs Spiel zu setzen, oder wofür sie meint, die Wertschätzung anderer Menschen verdient zu haben. Von einer Person wie dem Kriecher, der sich stets an die Vorstellungen anderer Menschen anpasst, sagt man, dass er keinerlei Selbstachtung habe. Die Frage, worin eine Haltung der Selbstachtung besteht, hängt dementsprechend auch daran, ob man bestimmte Vorstellungen braucht, um sich selbst achten zu können. Einerseits könnte man meinen, dass es nur darauf ankommt, was eine Person individuell als schätzenswert betrachtet, andererseits aber scheinen nicht alle Gründe dafür, sich selbst wertzuschätzen, gleichermaßen gut zu sein. Ein Sohn, der sich nur dann wertschätzen kann, wenn er allen Ideen gerecht wird, die sein Vater für die Zukunft seines Sohnes hat, irrt sich möglicherweise darin, was es heißt, ein guter Sohn zu sein. Dennoch sind die Vorstellungen davon, unter welchen Umständen wir uns wertschätzen können, individuell sehr verschieden. Einer Person beispielsweise, die großen Wert darauf legt, immer schick gekleidet zu sein, könnte es nach dem Umzug ins Pflegeheim schwerfallen, in den Spiegel zu schauen, wenn ihr dort nur noch der Jogginganzug als Tageskleidung angeboten wird. Auch wenn es naheliegend ist, dass man es dieser Person ermöglichen sollte, sich schick zu kleiden, folgt daraus nicht, dass alle Menschen, die sich im Jogginganzug wohlfühlen, ein Problem mit ihrer Selbstachtung haben (sollten).
Dieses Beispiel spricht dafür, dass es bei einer Haltung der Selbstachtung auf das Selbstbild der Person ankommt und darauf, ob es ihr gelingt, dieses Bild zu erfüllen oder nicht, während das Beispiel des Sohnes nahelegt, dass es auch einen überindividuellen Maßstab für unsere Vorstellungen von Selbstachtung gibt. Noch deutlicher wird letzteres, wenn die Selbstachtung einer Person auf moralisch verwerfliche Vorstellungen rekurriert. Es könnte in dem genannten Pflegeheim zum Beispiel auch eine Bewohnerin geben, die es nicht mit ihrem Selbstbild vereinbaren kann, von einer türkischen Pflegekraft versorgt zu werden. Offensichtlich hängt das Selbstbild dieser Person mit einer rassistischen Haltung zusammen. Anders als beim Sohn, der seinem Vater alles recht machen will, möchte man bei dieser Person nicht nur um ihretwillen ihre verfehlten Vorstellungen kritisieren, sondern vor allem deshalb, weil ihre Haltung dazu führt, dass sie sich moralisch verwerflich gegenüber anderen Menschen verhält.
Die Vorstellungen des beflissenen Sohnes sind nicht deshalb verfehlt, weil sie dazu führen, dass er andere Menschen moralisch verwerflich behandelt. Verfehlt sind sie aber dennoch, weil sein Bild eines guten Sohnes nicht damit vereinbar ist, dass er auch eigenen Interessen folgt und überlegt, worin für ihn ein erfülltes Leben bestehen könnte. Freilich könnte seine Antwort sein, dass ein erfülltes Leben für ihn eben sei, es seinem Vater in allen Belangen recht zu machen. Er müsste dann allerdings auch zugeben, dass sein Selbstbild sehr eindimensional ist und im Grunde mit einem Fremdbild, nämlich demjenigen des Vaters, in eins fällt, insofern es sich auf die Rolle beschränkt, der Sohn seines Vaters zu sein. Aus dieser Haltung heraus ist er zwar nicht dazu disponiert, moralisch verwerflich zu handeln. Dennoch spricht einiges dafür, ihm zu sagen, dass er allen Grund dazu hätte, ein vielfältigeres Bild von sich selbst zu entwickeln. Ein solches Bild wäre eine Voraussetzung dafür, sich als den wertzuschätzen, der er ist, und nicht bloß als Sohn, der den Vorstellungen seines Vaters entsprechen kann. Nicht alle Vorstellungen, die mit einer Haltung der Selbstachtung verbunden sein können, sind geeignet, sich in seiner individuellen Persönlichkeit zu achten und wertzuschätzen. Welcher Vorstellungen es dabei bedarf, werde ich im achten Kapitel noch ausführlicher untersuchen.
An dieser Stelle möchte ich nun zunächst auf einen weiteren Aspekt von Haltungen eingehen, nämlich auf die sogenannten reaktiven Emotionen, die wir sowohl in Bezug auf andere als auch auf uns selbst haben können. Bei reaktiven Emotionen oder Einstellungen (reactive attitudes) handelt es sich um ein Konzept, das auf Strawson (1994) zurückgeht und von dem bereits im ersten und zweiten Kapitel die Rede war. Wer sich in seiner Selbstachtung infrage gestellt sieht, reagiert darauf oft mit derartigen Emotionen. Vielleicht fühlt sich ein Lehrer, der von der Schulleiterin kritisiert wird, in seiner Ehre verletzt und ist empört über die Kritik, weil er sich selbst für einen sehr guten Lehrer hält. Und die Bewohnerin des Pflegeheims empfindet es möglicherweise als beschämend, sich jeden Tag im Jogginganzug zu sehen, wenn sie in den Spiegel schaut. Diese Reaktionsweisen beziehen sich auf die jeweiligen Selbstbilder der Personen. Zugleich sind sie auch mit der Selbstzuschreibung von Verantwortung verbunden, genauer gesagt mit dem Bedürfnis, sich darum zu kümmern, dem eigenen Selbstbild zu entsprechen.
7.3.2 Reaktive Emotionen
Als ein Element von Achtung habe ich im dritten Kapitel reaktive Einstellungen beschrieben, die wir sowohl gegenüber anderen Menschen und auch zu uns selbst einnehmen. Diese Einstellungen sind grundlegender Teil einer zwischenmenschlichen Praxis, in der wir Ansprüche und Erwartungen an andere Menschen stellen. Im fünften Kapitel habe ich dafür argumentiert, dass ein moralischer Status für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen eine wichtige Rolle spielt, insofern durch ihn begründet ist, dass wir gleichberechtigte Individuen sind, und als solche dazu verpflichtet, die Rechte anderer Menschen nicht zu verletzen. Gegenüber anderen einen Anspruch erheben zu dürfen, impliziert bestimmte Verhaltensweisen und Einstellung, allen voran diejenige, sie als verantwortlich dafür zu betrachten, was sie tun und wie sie sich verhalten. Die Zuschreibung von Verantwortung ist mit bestimmten emotionalen Einstellungen verbunden. Wenn wir also bestimmte Vorstellungen davon haben, was wir für richtig halten und wer wir sind oder sein wollen, gehen damit Erwartungen an das eigene Verhalten und dasjenige anderer Menschen einher. Je nachdem ob unseren Erwartungen entsprochen wird, können wir positiv überrascht, in ihnen bestätigt oder auch enttäuscht werden, und wenn dergleichen geschieht, reagieren wir dementsprechend auch in emotionaler Weise auf unsere Mitmenschen oder auf uns selbst. Strawson bezeichnet diese Reaktionen als reactive attitudes and feelings (Strawson. 1994. 49.) und nennt einige Beispiele, wie jemandem dankbar zu sein, jemanden etwas übelzunehmen, sich gekränkt zu fühlen sowie Reue und Gewissensbisse oder auch Scham zu empfinden (vgl. Strawson. 1994. 48ff.).
Man kann diese reaktiven Einstellungen daraufhin prüfen, ob es beispielsweise gerechtfertigt ist, jemandem eine Sache übelzunehmen, oder ob die andere Person vielleicht gar nichts falsch gemacht hat (vgl. Fischer und Ravizza. 1994. 4ff; Deigh. 2012. 208ff.). Wenn sich die Schulleiterin über den Arbeitsstil des Lehrers empört, hält dieser ihr vielleicht entgegen, dass ihre Vorstellungen davon, was einen guten Lehrer ausmacht, völlig unangemessen seien. Läge er damit richtig, wäre die Empörung der Schulleiterin unbegründet. Die Tatsache, dass wir reaktive Einstellungen und Emotionen haben, weist aber allererst auf etwas anderes hin, nämlich darauf, dass wir jemanden für das, was er denkt und tut, verantwortlich halten. Die Schulleiterin hält den Lehrer offensichtlich für seinen Arbeitsstil verantwortlich und zieht ihn, da sie diesen Stil problematisch findet, dafür zur Rechenschaft. Der Lehrer ist dementsprechend mit der Erwartung konfrontiert, Gründe dafür zu liefern, warum er in einer bestimmten Weise arbeitet. Vielleicht ist die Schulleiterin insbesondere darüber empört, dass der Lehrer seiner Aufgabe nicht nachgekommen ist, Konzepte zum digitalen Unterrichten auszuarbeiten. Doch der Lehrer rechtfertigt sich für dieses Versäumnis, indem er auf seine zusätzliche Arbeitsbelastung hinweist. Er muss viel Vertretungsunterricht leisten, da der Krankenstand im Kollegium aktuell sehr hoch ist. Für die Schulleiterin könnte das ein Grund sein, das Versäumnis des Lehrers als entschuldigt zu werten. Er ist zwar nach wie vor grundsätzlich für diese Aufgabe verantwortlich, doch in dieser Situation war es ihm nicht möglich, beides zu schaffen – den Vertretungsunterricht und die Entwicklung neuer Konzepte. Wir begegnen Menschen also dann in reaktiven Einstellungen, wenn wir sie für moralisch verantwortlich halten. Wenn etwas schiefläuft, es gleichzeitig aber Gründe dafür gibt, die als Rechtfertigung gelten können, ändern sich damit in der Regel auch die reaktiven Einstellungen gegenüber der Person und man nimmt ihr das Versäumnis nicht länger übel.
Allerdings schreiben wir nicht allen Menschen moralische Verantwortung zu. Ein kleines Baby trägt für nichts moralische Verantwortung und ebenso wenig Menschen, die sich zum Beispiel in einer akuten Psychose befinden oder eine starke geistige Behinderung haben. Der Lehrer, der nach der Arbeit nach Hause fährt und sich dort um sein geistig schwerbehindertes Kind kümmert, wird diesem keine Vorwürfe dafür machen, dass es beim Abendessen den Kakao verschüttet. Anders als er selbst in der Situation mit der Schulleiterin ist sein Kind aber nicht entschuldigt, weil es einen guten Grund dafür gab, den Kakao zu verschütten. Stattdessen muss das Kind gar nicht entschuldigt werden, weil es kein Adressat für moralische Vorwürfe ist. Würde man es für irgendetwas zur Verantwortung ziehen, nähme man ihm gegenüber eine grundsätzlich verfehlte Haltung ein. Den grundsätzlich unterschiedlichen Umgang mit Menschen, die verantwortungsfähig sind, und solchen, die es nicht sind, kann man also als eine grundlegende soziale Praxis verstehen, die große Teile unseres zwischenmenschlichen Lebens formt. Ich habe bereits im ersten Kapitel darauf hingewiesen, dass beides ein Ausdruck von Achtung sein kann. Wir sind einerseits verpflichtet, der besonderen Verantwortung gegenüber einem anderen Menschen gerecht zu werden, zu dem wir in einer bestimmten Beziehung stehen. Andererseits sind wir ebenfalls dazu verpflichtet, einen Menschen in seiner Verantwortungsfähigkeit und Eigenständigkeit ernst zu nehmen (vgl. Strawson. 1994. 51ff.).
Für meine Untersuchung sind zudem die beiden folgenden Gesichtspunkte von Strawsons Ansatz besonders wichtig. Erstens zeigt er, dass wir eine Praxis der Verantwortung haben, die nicht ohne Emotionen auskommt, und zweitens haben reaktive Emotionen Einfluss auf die Haltungen, die wir anderen gegenüber einnehmen. Der erste Punkt, dass unsere Praxis der Verantwortung von Emotionen geprägt ist, ist sehr plausibel, wenn man bedenkt, welche Rolle Verantwortung in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen spielt. In Beziehungen nehmen wir bestimmte Rollen gegenüber anderen ein, aufgrund derer wir spezifischen Pflichten haben. Je nach Art der Beziehung sind wir zwar sehr verschieden emotional involviert und verletzlich. Da man prima facie jedoch in allen Beziehungen zu einem Minimum an Vertrauenswürdigkeit und Wertschätzung verpflichtet ist, können auch Menschen, die einem nicht besonders nahestehen, zurecht enttäuscht, empört, dankbar und ähnliches mehr sein, je nachdem, wie gut oder schlecht man seiner Verantwortung gerecht wird (vgl. Scanlon. 2008. 122ff.). Ebenso ist der zweite Punkt sehr plausibel, nämlich dass reaktive Einstellungen und Emotionen sich auf die Haltungen gegenüber anderen auswirken. Wenn jemand das Vertrauen eines Freundes enttäuscht, wird dieser ihm den Vertrauensbruch nicht nur übelnehmen, sondern vielleicht auch in Zukunft weniger offenherzig begegnen oder sogar die Freundschaft beenden (vgl. Scanlon. 2008. 123.).
Mit unserer sozialen Praxis sind also normative Erwartungen verbunden, die unsere Beziehungen prägen. Je nachdem, ob unsere Erwartungen übertroffen, enttäuscht oder erfüllt werden, reagieren wir mit unterschiedlichen reaktiven Emotionen, wie beispielsweise Dankbarkeit, Empörung oder Vertrauen. Wenn es uns nicht gelingt, die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen, haben wir auch in Bezug auf uns selbst oft reaktive Emotionen, beispielsweise empfinden wir Gewissensbisse, Reue oder Scham (vgl. Strawson. 1994. 57.). Wer ein schlechtes Gewissen hat oder etwas bereut, hält sich für verantwortlich dafür, normative Erwartungen enttäuscht und sich gegenüber anderen moralisch verwerflich verhalten zu haben. Es kann sich dabei um Erwartungen handeln, die andere an eine Person stellen und ebenfalls um solche, die man an sich selbst richtet. Oft ist es so, dass man das, was andere von einem erwarten, auch von sich selbst erwartet, doch selbstverständlich können diese Erwartungen auch auseinanderfallen. Es gibt auch Erwartungen, die nur die Person selbst an sich stellt. Die Bewohnerin des Pflegeheims, von der weiter oben die Rede war, schämt sich vielleicht, im Jogginganzug dazusitzen, wenn sie von ihrem Sohn Besuch bekommt, und das obwohl sie weiß, dass ihr Sohn gar nicht erwartet, dass sie etwas anderes trägt. Sie schämt sich also allein deshalb, weil sie selbst den Anspruch an sich hat, schick angezogen zu sein, und sich Zeit ihres Lebens darum bemüht hat. Es gehört zu ihrem Bild von sich selbst, wie sie sich gern vor anderen Menschen zeigen möchte. Wer sich schämt, erfüllt nicht die Vorstellung davon, wer er sein und wie er gesehen werden möchte (vgl. Williams. 2000. 91.).
Mit einer Haltung der Selbstachtung sind also bestimmte Vorstellungen verbunden, sie sind Teil des Selbstbildes einer Person. Dieses Bild muss einem nicht in Gänze bewusst sein. Manchmal wird man dessen erst dann gewahr, wenn man es verfehlt und das Gefühl der Scham darauf aufmerksam macht. Davon abgesehen kann es selbstverständlich auch sein, dass jemand gar keine eigenen Vorstellungen davon hat, wie er sein will, obwohl er in der Lage wäre, ein Selbstbild zu entwickeln. Vielleicht ist es ihm nur insofern wichtig, bestimmte Erwartungen zu erfüllen, als diese von anderen Menschen an ihn herangetragen werden und er Sanktionen vermeiden möchte, die drohen, wenn er die Erwartungen nicht erfüllt. Diese Person nimmt keine Haltung der Selbstachtung ein und ist, wenn das Ergebnis des zweiten Teils meiner Untersuchung stimmt, auch nicht dazu verpflichtet, Selbstachtung auszubilden. Häufiger ist es aber wohl so, dass Menschen bestimmte Vorstellungen davon haben, wer sie sein wollen. Diesen Menschen sind Schamgefühle vertraut, wenn sie ihren Vorstellungen nicht entsprechen, und zwar auch dann, wenn keine Pflichten gegenüber anderen Menschen versäumt oder deren Erwartungen enttäuscht werden. Scham kann sich also auch auf das Verhalten einer Person gegenüber sich selbst beziehen, etwa dann, wenn sie dessen gewahr wird, dass sie hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibt (vgl. Thomason. 2018. 69.).
Um das Konzept der Haltung differenzierter zu betrachten, habe ich zunächst die Annahme verfolgt, dass unsere Haltungen mit bestimmten Vorstellungen davon verknüpft sind, wie etwas ist oder sein sollte. Auch eine Haltung der Selbstachtung rekurriert auf Vorstellungen von der eigenen Identität und davon, wie man sein will. Zu einer Haltung, die sich auf Menschen bezieht (auf andere oder auf sich selbst), gehören darüber hinaus bestimmte reaktive Einstellungen und Emotionen, die unter anderem implizieren, dass man andere oder sich selbst für verantwortlich hält. Welche Haltung man gegenüber anderen oder sich selbst einnimmt, ist dementsprechend auch davon bestimmt, ob man reaktive Einstellungen und Emotionen gegenüber der Person hat. Die Zuschreibung von Verantwortung hat sich bisher als plausibel erwiesen, sofern eine Person in der Lage ist, Vorstellungen und Erwartungen, die an sie herangetragen werden oder die sie selbst hat, zu prüfen und ihr Denken und Handeln damit abzugleichen. Diese Verantwortung bezieht sich also nicht ausschließlich auf einzelne Handlungen oder Verhaltensweisen einer Person, sondern auch auf die jeweilige Haltung, die sie gegenüber anderen oder sich selbst einnimmt. Wer beispielsweise das Geheimnis eines Freundes verrät, obwohl er versichert hat, es nicht zu tun, hat nicht nur ein Versprechen gebrochen, sondern zeigt, dass er keinen Wert auf eine vertrauensvolle Freundschaft legt. Er drückt damit eine bestimmte Haltung aus, für die sein Freund ihn zur Rechenschaft ziehen kann. Man kann annehmen, dass der Person spätestens dann, wenn der Freund sie zur Rede stellt, bewusst wird, dass sie sich falsch verhalten hat. Dieses Bewusstsein in Verbindung mit der Möglichkeit, dass man auch anders hätte handeln zu können, rechtfertigt die Zuschreibung von moralischer Verantwortung (vgl. Wagner. 2020. 40ff.).
Doch was ist mit Haltungen, die dazu führen, dass wir uns schlecht verhalten, die uns aber nicht bewusst sind? Wenn jemand in einem Umfeld aufwächst, in dem sexistische und rassistische Haltungen unhinterfragt reproduziert werden, ist er sich möglicherweise nicht bewusst darüber, dass er diese Haltungen weiterträgt und sich deshalb diskriminierend gegenüber bestimmten Menschen verhält. Diese unbewussten Einstellungen werden unter dem Begriff der impliziten (Vor-)Urteile (implicit biases) diskutiert und empirische Untersuchungen zeigen, dass die meisten Menschen derartige implizite Vorurteile haben (vgl. Brownstein und Saul. 2016a, b.). Es handelt sich dabei um Urteile oder Einstellungen, derer wir uns nicht bewusst sind und die in krassem Gegensatz zu unseren moralischen Überzeugungen stehen können, welche wir reflektiert haben und aus guten Gründen für wahr halten. Für das Konzept der Haltung erscheinen mir diese unbewussten Einstellungen ebenso relevant, wie bestimmte Vorstellungen und reaktive Emotionen, denn sie prägen unser Verhalten, Denken und Handeln, auch wenn wir nicht ohne Weiteres in der Lage sind, sie zu reflektieren. Die Frage, ob wir für unsere Haltungen verantwortlich sind, ist gerade in diesem Zusammenhang spannend, denn einerseits scheint es gerechtfertigt zu sein, jemandem moralische Vorwürfe zu machen, wenn er sich sexistisch oder rassistisch verhält. Andererseits aber ist es offenbar sehr schwierig, sich von impliziten Urteilen zu befreien, womit infrage steht, inwieweit man auf diese Aspekte des eigenen Verhaltens überhaupt Einfluss nehmen kann. Diese Überlegungen sind zum einen für die Zuschreibung von Verantwortung gegenüber anderen relevant. Zum anderen spielen sie eine wichtige Rolle für das Konzept der Selbstachtung, weil auch das Selbstverhältnis von fragwürdigen unbewussten Einstellungen geprägt sein kann.
7.3.3 Unbewusste Einstellungen
Unsere Haltungen sind von unbewussten Einstellungen und Urteilen geprägt, die teils sehr hilfreich und aus moralischer Sicht vollkommen unproblematisch sein können, teils aber auch zu moralisch verwerflichen Verhaltensweisen führen. Gewiss leiten uns unbewusste Einstellungen, wenn wir uns im Straßenverkehr bewegen oder im Supermarkt an der Kasse stehen, wenn wir bei einem Unfall spontan zur Hilfe eilen oder ein Gespräch mit einem nahstehenden Menschen führen. Vermutlich kommt beispielsweise tiefes Vertrauen gegenüber nahstehenden Menschen oder ein rudimentäres Vertrauen gegenüber Fremden nicht ohne bestimmte Einstellungen aus, derer wir uns nicht in Gänze bewusst werden können. Zugleich aber gibt es auch implizite Einstellungen, die zu diskriminierenden, herabwürdigenden, missachtenden oder geringschätzigen Verhaltensweisen führen. Diese Hypothese wird unter anderem durch eine mittlerweile sehr bekannte empirische Untersuchung belegt, den sogenannten Implicit Association Test. Während dieses Tests sind die Testpersonen aufgefordert, so schnell wie möglich Wörter oder Bilder bestimmten Kategorien zuzuordnen und dabei so wenige Fehler wie möglich zu machen (vgl. Brownstein und Saul. 2016c. 4.). Der bekannteste Test prüft implizite Einstellungen, die die Testpersonen gegenüber anderen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe haben. Die Testperson sieht beispielsweise das Gesicht eines schwarzen Menschen und muss entscheiden, ob sie es der Kategorie „European American“ oder „African American“ zuordnet. Unter diesen deskriptiven Kategorien sind zudem die normativen Begriffe „Bad“ oder „Good“ aufgeführt, wobei die Kombinationen (European American – Good; European American – Bad; African American – Good; African American – Bad) wechseln. Der Implicit Association Test zeigt, dass siebzig Prozent der weißen Testpersonen eine schnellere Zuordnung mit weniger Fehlern vornehmen, wenn die Paare European American – Good und African American – Bad auftauchen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben daraus zunächst den naheliegenden Schluss gezogen, dass die weißen Testpersonen in Bezug auf die Gruppe, der sie selbst angehören, bestimmte positive Voreinstellungen haben. Doch dasselbe Ergebnis gilt auch für vierzig Prozent der schwarzen Testpersonen, weshalb man ebenfalls darauf schließt, dass sich in impliziten Einstellungen gesellschaftliche Werte und Stereotype spiegeln. Man geht deshalb davon aus, dass das Ergebnis eine Kombination aus unbewusster Bevorzugung aufgrund von Gruppenzugehörigkeit und einer Sensibilität für gesellschaftliche Bewertungen bestimmter sozialer Gruppen zeigt, die impliziten Einstellungen zugrunde liegen (vgl. Brownstein und Saul. 2016c. 5f.).
Für Menschen, die rassistische Überzeugungen weit von sich weisen und jederzeit Partei für den Kampf gegen Diskriminierung ergreifen würden, ist das Ergebnis dieses Tests erschreckend, denn es spricht dafür, dass wir weder wissen noch kontrollieren können, ob wir uns rassistisch verhalten oder nicht. Zudem wurden implizite Einstellungen, die zu diskriminierendem Verhalten führen, auch gegenüber anderen sozialen Gruppen festgestellt, beispielsweise gegenüber Menschen mit Behinderungen, älteren Menschen oder Personen, die nicht den heterosexuellen Normen entsprechen (vgl. Brownstein und Saul. 2016d. 1.). Menschen verhalten sich auch dann diskriminierend gegenüber Mitgliedern bestimmter sozialer Gruppen, wenn sie explizit gegen derartige Diskriminierungen kämpfen oder selbst zu der jeweiligen Gruppe gehören (vgl. Brownstein und Saul. 2016c. 2.). So kann man etwa auch dann, wenn man eine feministisch engagiert Frau ist, unbewusst Frauen für weniger glaubwürdig in ihrer Zeugenschaft halten (vgl. Saul. 2013b. 40.).
Derartige implizite Einstellungen sind relevant für den Begriff der Haltung, da sie unsere Verhaltens- und Handlungsdispositionen unter Umständen stark beeinflussen. Wir sind aufgrund impliziter Einstellungen möglicherweise geneigt, andere ungerecht zu behandeln und haben nicht auf Anhieb die Möglichkeit, das zu bemerken. Doch wenn wir es nicht bemerken können und dementsprechend keine Kontrolle darüber haben, ob wir uns diskriminierend verhalten, stellt sich die Frage, ob wir für diese Verhaltensweisen zur Rechenschaft gezogen werden können. Das Problem der impliziten Einstellungen betrifft nicht nur unsere Haltungen gegenüber anderen Menschen, sondern auch jene, die wir zu uns selbst einnehmen. Eine Haltung der Selbstachtung könnte dadurch untergraben werden, dass sich die Person aufgrund impliziter Einstellungen für weniger berücksichtigenswert oder schätzenswert hält als andere Menschen. Vielleicht gehört sie zu einer Gruppe, deren Mitglieder regelmäßig Diskriminierung erfahren. Oder ihr wurde in anderen Zusammenhängen lange Zeit eine geringschätzige und herabwürdigende Haltung entgegengebracht. Menschen, die zu benachteiligten Gruppen gehören, haben unter Umständen mit solchen Prägungen zu kämpfen (vgl. Saul. 2013a. 41ff.). Dabei ist es keineswegs selbstverständlich, dass sich jemand darüber bewusst ist, dass er ungerecht oder herabwürdigend behandelt wird. Viele Befreiungsbewegungen, wie etwa der feministische Kampf um Geschlechtergerechtigkeit, die Arbeiterbewegung, die Black Lives Matter-Bewegung oder der Kampf Psychiatrieerfahrener um Achtung und Würde, spiegeln wider, dass bestimmte Überzeugungen auch tief in diejenigen Menschen abgesunken sind, die unter ihnen leiden. Denn diese Bewegungen richten sich in der Regel auch an Betroffene, um ihnen die Situation, in der sie sich befinden, bewusst zu machen. Wenn man eine Haltung der Selbstachtung als moralisches Selbstverhältnis versteht, betrachtet man eine Person als verantwortlich in Bezug auf ihren Umgang mit sich selbst. Doch ist diese Zuschreibung von Verantwortung auch dann gerechtfertigt, wenn Menschen sich ihres moralischen Status erst bewusst werden müssen, um entschieden dafür einzustehen, dass ihre Rechte anerkannt werden (vgl. Fischer und Ravizza. 1994. 6f.)?
Implizite Einstellungen sind Prägungen, die Menschen im Laufe ihrer Geschichte erfahren, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Man kann zwar wissen, dass man bestimmte implizite Einstellungen hat, allerdings braucht man dazu Mittel wie den Implicit Association Test, eine Reflexion der eigenen Haltung reicht also nicht aus (vgl. Washington und Kelly. 2016. 18.). Auf den ersten Blick lädt das zu der Schlussfolgerung ein, dass man keine Kontrolle über seine impliziten Einstellungen hat und deshalb nicht für sie verantwortlich ist. Daraus würde aber auch folgen, dass man beispielsweise einer Chefin, die aufgrund ihrer impliziten Einstellungen bevorzugt männliche Kandidaten einstellt, keine moralischen Vorwürfe machen dürfte, wenn ihre Entscheidungen durch entsprechende unbewusste Dispositionen geleitet sind. Hier lohnt es sich jedoch, einmal genauer zu schauen, wofür genau die Chefin verantwortlich oder nicht verantwortlich sein könnte. Als Chefin ist sie aufgrund ihrer sozialen Rolle offenbar dafür verantwortlich, wen sie einstellt und wen nicht. Dank ihrer impliziten Einstellung kommt es dazu, dass ihre Einstellungspraktiken ungerecht sind, ohne dass sie das weiß. Doch was sie weiß oder nicht weiß, ist nicht unbedingt entscheidend dafür, sie zur Rechenschaft ziehen zu können. Sie hat zwar weder Kontrolle darüber, welche impliziten Einstellungen sie hegt, noch ob eine konkrete Entscheidung von diesen Einstellungen beeinflusst wird. Wenn sie aber wissen kann, dass ihre Entscheidungen in dieser Weise beeinflusst sein können, trägt sie durchaus Verantwortung dafür, inwiefern sie dieses Wissen in ihren Entscheidungen über die Stellenvergabe berücksichtigt (vgl. Washington und Kelly. 2016. 19ff.).
Unbewusste Einstellungen sind wie gesagt auch dann relevant, wenn einem daran gelegen ist, sich selbst zu achten. Zum einen kann es sein, dass Menschen, die es aufgrund bestimmter Erfahrungen und Behandlungen ohnehin schon schwerer haben, eine Haltung der Selbstachtung einzunehmen, bestimmte gesellschaftliche Bewertungen verinnerlicht haben, ohne dies zu bemerken. Zum anderen kann es das Selbstbild einer Person infrage stellen, wenn sie realisiert, dass ihre unbewussten Einstellungen im Konflikt stehen mit ihren reflektierten und begründeten moralischen Vorstellungen. Wer sich entschieden gegen Rassismus, Sexismus oder anderen Formen der Diskriminierung positioniert, nimmt es wahrscheinlich nicht mit einem Schulterzucken hin, wenn er erfährt, dass sein Verhalten aufgrund unbewusster Einstellungen wahrscheinlich dennoch diskriminierend ist.
In diesem Kapitel habe ich mich dem Begriff der Haltung gewidmet. Haltungen drücken sich sowohl in mentalen Zuständen aus als auch in Handlungen und Verhaltensweisen aus. Wer eine spezifische Haltung erkennen lässt, ist dispositioniert, in bestimmter Weise zu denken, zu fühlen, zu handeln und sich zu verhalten. Um eine Haltung zu verstehen, ist es hilfreich, sie insbesondere im Hinblick auf drei Aspekte zu beurteilen, nämlich in Bezug auf die Vorstellungen, reaktiven Emotionen und impliziten Einstellungen, die mit der Haltung verbunden sind. Grundsätzlich sind Menschen dann für ihre Haltungen verantwortlich, wenn sie die Möglichkeit haben, sich ihrer Dispositionen bewusst zu sein oder zu werden. Denn unter diesen Umständen sind sie in der Lage, sich bewusst zu ihrem Handeln, ihren intentionalen und ebenso ihren unbewussten Einstellungen zu verhalten. Je nachdem, in welcher Weise man sich zu seinen Dispositionen verhält, nimmt man unterschiedliche Haltungen ein. Wer sich etwa darin übt, mutiger zu sein, versucht, eine bestimmte emotionale Disposition zu entwickeln, und ein Teil der Haltung, die diese Person einnimmt, besteht dann in der Regulation einer bestimmten Emotion (vgl. Weber-Guskar. 2016. 99.).
So, wie man grundsätzlich Wege finden kann, sich seiner Haltungen gegenüber der Welt oder anderen Menschen bewusst zu werden, gilt dies auch für Haltungen in Bezug auf sich selbst. Wir können das Verhältnis zu uns selbst also gestalten und uns dazu entscheiden, eine Haltung der Selbstachtung einzunehmen. Wer Selbstachtung hat, hat bestimmte Vorstellungen davon, wer er ist und wer er sein will. Außerdem fühlt er sich dafür verantwortlich, diesen Vorstellungen zu entsprechen. Dennoch hat er möglicherweise auch unbewusste Einstellungen, die seine Identität, sein Selbstbild und sein Verhalten prägen, und es ist eine separate Frage, inwieweit wir für unsere unbewussten Einstellungen verantwortlich sind. Die Vorstellungen, die im Selbstbild einer Person enthalten sind, bilden einen bestimmten normativen Maßstab. Selbstachtung hat, wer diesen normativen Maßstab weitestgehend erfüllen und seinem Selbstbild gerecht werden kann. Um zu verstehen, was das genau bedeutet, untersuche ich nun die Konzepte der Identität und des Selbstbildes. Je geringer die Differenz ist zwischen der Identität einer Person und den Vorstellungen davon, wer sie sein will, desto leichter kann sie eine Haltung der Selbstachtung einnehmen. Fallen Identität und Selbstbild dagegen auseinander, empfinden Menschen oftmals Scham, weil sie nicht so sind, wie sie sein und gesehen werden wollen. Scham ist eine selbst-reaktive Emotion und ein Indikator dafür, dass die Selbstachtung einer Person instabil ist. Eine stabile Haltung ist im Gegensatz dazu ein Ausdruck von Integrität. Doch auch wenn die Integrität einer Person gewahrt ist, ist damit noch nicht gesagt, dass sie sich als die, die sie ist, achtet und wertschätzt. Denn hier kommt es auch darauf an, welche Persönlichkeit und welches Selbstbild jemand hat und aus welchen Gründen er sich für schätzenswert hält.
Aquino ordnet das Denken und die Vernunft dem inneren Menschen zu, während die Empfindungen und sinnlichen Eindrücke dem äußeren Menschen zukommen, weil diese ohne den Körper nicht zu denken sind. Vgl. auch Platon. 2001a (Phaidon).
Descartes behauptet beispielsweise, dass „[…] alles, was in uns ist, und von dem wir in keiner Weise begreifen können, daß es einem Körper zu kommen kann, unserer Seele zugeteilt werden [muß].“ (vgl. Descartes. 1984. 7.).