Demütigungen, BloÃstellungen und Kränkungen können die Würde eines Menschen verletzen und je nachdem, wie sich eine Person verhält, kann sie ihre Würde ihrerseits gefährden oder versuchen, sie zu schützen, um ihre Selbstachtung aufrechtzuerhalten. An verschiedenen Stellen dieser Arbeit ging es bereits darum, was man tun sollte, um andere nicht in ihrer Würde verletzten. Es ist jedoch ebenfalls ein Anliegen dieser Untersuchung herauszufinden, wie man die eigene Würde schützen kann, das heiÃt, was man also tun sollte, wenn man sich selbst achten will. Auch dann, wenn es um das Selbstverhältnis der Person geht, spielt es eine wichtige Rolle, wie sich das Verhältnis zu anderen Menschen gestaltet. Denn einerseits können andere uns in unserer Selbstachtung unterstützen, indem sie wertschätzend mit uns umgehen. Andererseits können andere es uns deutlich erschweren, uns selbst achten, denn man wird durch und vor anderen Menschen gedemütigt, bloÃgestellt, beschämt oder gekränkt. Dementsprechend hat Würde etwas damit zu tun, wie wir vor anderen erscheinen und von ihnen gesehen werden. Deshalb liegt uns in der Regel viel daran, vor anderen nicht das Gesicht zu verlieren, uns möglichst attraktiv oder wenigstens akzeptabel zu präsentieren, um von ihnen geachtet und geschätzt zu werden (vgl. Stoecker. 2004.).
Wer hingegen sein Gesicht verliert, bloÃgestellt oder beschämt wird, ringt darum, nicht würdelos zu erscheinen. Angesichts dessen könnte man auf die Idee kommen, dass Selbstachtung genau das Gegenteil davon ist und eine Person, die sich selbst achtet, würdevoll in Erscheinung tritt (vgl. Weber-Guskar. 2016. 108ff, 171ff.). Eine würdevolle Haltung ist mit Erhabenheit, Unabhängigkeit und Kontrolle verbunden, vielleicht auch mit einer gewissen Macht oder Herrschaft. Als würdevoll werden besondere Akte beschrieben sowie die Personen, um die es dabei geht, beispielsweise eine Rede, die mit einem besonderen Habitus gehalten wird, die Königin bei ihrer Krönung, der gemessene Schritt, mit dem sich jemand durch den Raum bewegt, die Weise, in der ein Leichnam hergerichtet wird, aber auch das erhobene Haupt eines Menschen, dem es gelingt, einer leidvollen und unvermeidbaren Situation gefasst entgegenzutreten. Die mit diesen Beispielen verbundenen Vorstellungen knüpfen an ein bestimmtes Bild des Menschen an, das zumindest im westlichen Denken seit langer Zeit existiert und bis heute präsent ist (vgl. Bayertz. 2014.). Vor dem Hintergrund, dass Selbstachtung als Haltung auch einen sichtbaren Ausdruck findet, stellt sich die Frage, ob Selbstachtung darin besteht, würdevoll in Erscheinung treten.
9.1 Ist eine Haltung der Selbstachtung eine würdevolle Haltung?
Eine Idee, wie andere auf die Würde einer Person angemessen reagieren, stammt von Aurel Kolnai und könnte dafür sprechen, dass Würde zu haben bedeutet, würdevoll in Erscheinung zu treten: âDignity commands emphatic respect, a reverential mode of response, an âupward-lookingâ type of the pro attitude; a âbowingâ gesture if I may so call it.â (Kolnai. 2013. 55.) Diese Form des emphatischen Respekts oder der ehrfürchtigen Resonanz, die damit verbunden ist, zu jemandem aufzuschauen oder sich vor ihm zu verneigen, macht Würde zu etwas, dass einem Menschen Erhabenheit verleiht. Dazu passen die typischen Einstellungen, die Kolnai mit Würde verbunden sieht, wie Contenance, Ruhe, Unnahbarkeit, geduldig sein statt ängstlich-defensiv, Gelassenheit, eine bestimmte Form der Selbstbehauptung etc. (vgl. Kolnai. 2013. 56.). Die Haltung, von der Kolnai hier spricht, lässt sich leicht mit dem Begriff würdevoll in Verbindung bringen. Würdevoll scheint diejenige zu sein, die selbstbeherrscht, unabhängig und unverletzlich wirkt (vgl. Weber-Guskar. 2016. 109.).
Wir sprechen davon, dass jemand Würde ausstrahlt, eine würdevolle Rede hält oder würdevoll auftritt (vgl. Weber-Guskar. 2016. 92.) und es kann wie gesagt würdevoll wirken, wenn man gemessenen Schrittes oder erhobenen Hauptes geht. Schon um die Zeitenwende beschreibt Ovid in seiner Schilderung der Entstehung der kosmischen Ordnung die Körperhaltung des Menschen als etwas Besonderes. Er betrachtet die âbis dahin nicht bekannten menschlichen Formenâ als Ausdruck der überlegenen Stellung des Menschen gegenüber dem Tier, insofern der Mensch ânach dem Bildnis der alles regierenden Götterâ geformt wurde (Ovid. 2017. 43.).
Während die übrigen Wesen gebückt zum Erdboden blicken, lieà er [der Weltschöpfer, NR] den Menschen den Kopf hoch halten und hieà ihn den Himmel schauen und aufrecht das Antlitz empor zu den Sternen erheben. (Ovid. 2017. 43.)
In dieser Vorstellung ist es der aufrechte Gang, der den Menschen zum Menschen macht und ihn auf das Höhere und Göttliche hin ausrichtet (vgl. Bayertz. 2014. 13f.). Die westliche Geschichte hat viele Bilder, die Ãberlegenheit, Erhabenheit, Herrschaft und Macht mit der aufrechten Haltung des Menschen verbinden und ihn damit gegenüber dem Tier auszeichnen. Im Bild des Würdenträgers, dem eine bestimmte Macht und ein besonderer Status zukommt, findet man diese Vorstellungen wieder und ebenso in dem Gedanken, dass Würde etwas mit Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Autonomie zu tun hat. Würdenträger ist, wer ein hohes Amt innehat, das es zu repräsentieren gilt. Eine Würdenträgerin wird von anderen Menschen in einer Weise behandelt, wie es zu Kolnais Beschreibung passt. Vor einer Person, die ein hohes Amt bekleidet, kann es angemessen sein, sich zu verneigen, um damit seinem Bewusstsein Ausdruck zu verleihen, dass dieses Amt mit einem bestimmten, höheren Status im Vergleich zu denjenigen verbunden ist, die dieses Amt nicht bekleiden. Gleichzeitig ist aber auch eine Würdenträgerin ihrerseits verpflichtet, sich dieses Amtes würdig zu erweisen. Sie kann sich nicht benehmen wie jedermann, sondern muss als Repräsentantin bestimmte Normen beachten. Sie tritt in diesem Amt nicht als die individuelle Person auf, die sie ist, sondern nimmt eine bestimmte Rolle ein, die mit konkreten Anforderungen verbunden ist.
Ausgehend von der römischen dignitas, die mit einer besonderen (politischen) Stellung verbunden war, entwickelt Marcus Tullius Cicero ein allgemeines Verständnis der menschlichen Würde, mit dem ebenfalls bestimmte Verhaltensnormen verbunden sind, wie etwa klug zu handeln sowie maÃvoll und beherrscht zu sein (vgl. Cicero. 1873.). Würde ist damit nicht mehr auf bestimmte Ãmter beschränkt, sondern eine Aufgabe, die man grundsätzlich als Mensch erfüllen sollte. Merkmale wie Selbstständigkeit, Vernunft, Stärke und Unnahbarkeit sind auch im 18. und 19. Jahrhundert eng mit den Vorstellungen von Würde verbunden (vgl. Stoecker und Neuhäuser. 2013. 49f.). Und noch heute sind diese Qualitäten Teil unserer Vorstellungen davon, was würdevoll ist. Nach wie vor passen diese Beschreibungen, wenn es um die Würde eines Amtes geht, denn einerseits sind mit besonderen Ãmtern in der Regel eine bestimmte Macht und Unnahbarkeit verbunden, die es der Inhaberin dieses Amtes erlauben, selbstständig zu agieren. Andererseits leuchtet es ein, dass man den anspruchsvollen Aufgaben solcher Ãmter entsprechen sollte, etwa indem man klug handelt, sich Unabhängigkeit und Integrität bewahrt und dergleichen mehr. Je nachdem, in welchem Ausmaà eine Amtsinhaberin ihre Aufgaben verfehlt, wird sie der Würde des Amtes möglicherweise nicht gerecht.
Betrachtet man aber den Menschen wie Ovid als ein Ebenbild der Götter, dann wäre es allen Menschen gegenüber angemessen, ihnen mit einer gewissen Ehrfurcht zu begegnen, zu ihnen emporzublicken oder sich vor ihnen zu verneigen. Zugleich müsste man sich als Mensch aber auch seinerseits dieser besonderen Stellung als würdig erweisen, beispielsweise indem man von seiner Fähigkeit zur Vernunft Gebrauch macht sowie selbstständig, stark, klug und unnahbar ist, denn nur dann könnte man eine würdevolle Haltung aufrechterhalten. Für die Frage, ob Selbstachtung eine würdevolle Haltung ist, hieÃe es, dass diese Haltung bedroht wäre, sobald es der Person nicht gelänge, die beschriebenen Merkmale zu verkörpern. Dementsprechend anspruchsvoll ist auch ein Selbstbild, das sich an diesen Merkmalen orientiert. Augenblicke, in denen man nicht selbstständig, vernünftig, stark, klug und unnahbar ist, bieten dann einen Anlass zur Scham. Doch strenggenommen hätten wir ständig einen Anlass, uns zu schämen, weil es nun einmal mit unserem menschlichen Sein verbunden ist, auf andere angewiesen zu sein, unvernünftig zu handeln, Schwäche zu zeigen usw. Diese Merkmale einer würdevollen Haltung sind deshalb viel zu weit von unseren alltäglichen Erfahrungen entfernt. Das Menschen- und Selbstbild, das aus ihnen folgt, ist unerreichbar und lässt die Idee, dass sich eine Haltung der Selbstachtung in einer würdevollen Erscheinung zeigt, fragwürdig erscheinen.
Selbstachtung hat sich in der bisherigen Untersuchung als eine Haltung erwiesen, durch die wir besonders verletzlich und angreifbar werden und die unter anderem gerade darin besteht, dass man eigene Wege finden muss, mit dieser Verletzlichkeit umzugehen, statt sie zu leugnen. Kolnais Begriff von Würde sowie das Bild der Würdenträgerin, die ein besonderes Amt innehat, sind aus diesem Grund nicht geeignet, um die Haltung der Selbstachtung zu beschreiben. Hinzukommt, dass eine so verstandene würdevolle Haltung keineswegs erstrebenswert erscheint, weil sie uns um wichtige Qualitäten in unseren Nahbeziehungen brächte. Diese Beziehungen sind sehr davon geprägt, dass Menschen einander Fürsorge, Interesse, Anerkennung, Schutz und Zuneigung entgegenbringen. In ihnen geht es nicht in erster Linie darum, unabhängig von anderen zu sein, sondern sich auf andere Menschen einzulassen, ihnen zu vertrauen und sich um sie zu sorgen. Zugleich sind Nahbeziehungen meist ein wichtiger Teil im Leben von Menschen. Sie sind kein nebensächlicher Schauplatz, der für das Bild des Menschen bloà eine untergeordnete Rolle spielt, sondern wir sind als soziale Wesen allererst Beziehungswesen. Diese Ãberlegungen sprechen also offensichtlich dagegen, dass Selbstachtung als eine würdevolle Haltung verstanden werden sollte.
Allerdings könnte man hier einwenden, dass es nicht die Merkmale sein müssen, auf die ich bisher eingegangen bin, die eine würdevolle Haltung ausmachen. SchlieÃlich entstammen sie ursprünglich einem Konzept der Amtswürde und es scheint naheliegend, dass mit der menschlichen Würde andere Vorstellungen verbunden sind. Eva Weber-Guskar schlägt beispielsweise vor, dass die Merkmale, um die es bei der menschlichen Würde geht, sich aus dem jeweiligen Selbstbild einer Person ergeben. Demzufolge wäre eine Person dann würdevoll, wenn sie ihrem Selbstbild entspricht (vgl. Weber-Guskar. 2016. 149.). Dieser Vorschlag steht allerdings vor der groÃen Herausforderung, dass Menschen ihre Würde auch dann gefährden können, wenn sie ihrem Selbstbild entsprechen. Hills Figuren, die des Schwarzen und die der Ehefrau, kann man sich durchaus so vorstellen, dass sie ihrem Selbstbild entsprechen. Es gehört zu ihrem Selbstbild, weniger Rechte zu haben bzw. die eigene Identität auf eine bestimmte Rolle festgelegt zu sehen. Doch gerade die Annahmen, nicht gleichberechtigt zu sein oder den eigenen Wert allein daraus abzuleiten, dem Ehemann dienlich zu sein, scheinen mit dem Konzept der Würde nicht vereinbar, vorausgesetzt, dass man die Herabsetzung des moralischen Status einer Person sowie Demütigungen als Verletzungen der Würde versteht. Dieser Herausforderung könnte man begegnen, indem man bestimmte Vorannahmen macht, die ein Selbstbild erfüllen muss, um Teil einer würdevollen Haltung zu sein (vgl. Weber-Guskar. 2016. 216ff.). Dazu zählen laut Weber-Guskar grundlegende Ansprüche unter anderem darauf, âals Mensch behandelt zu werdenâ (vgl. Weber-Guskar. 2016. 220. Herv. im Org.). Das heiÃt, erst unter bestimmten Prämissen ist die Ãbereinstimmung mit seinem Selbstbild hinreichend, um eine würdevolle Haltung innezuhaben. Selbstachtung wäre also nur dann eine würdevolle Haltung, wenn diese Prämissen erfüllt wären, lässt sich aber nicht grundsätzlich als eine solche definieren. In dieser Hinsicht ist Weber-Guskars Definition voraussetzungsreicher, als es zunächst den Anschein hat, was dagegenspricht, die Haltung der Selbstachtung als würdevolle Haltung zu verstehen.
Hinzukommt, dass auch die Annahme, man müsse seinem Selbstbild entsprechen, um sich selbst zu achten, zu anspruchsvoll ist. In diesem Zusammenhang ist eine Unterscheidung wichtig, die ich bereits zu Beginn des drittens Teils dieser Untersuchung formuliert habe. Nicht jede Person, die ihrem Selbstbild entspricht, achtet sich als die Person, die sie ist. Zugleich ist es umgekehrt auch plausibel, dass es nicht notwendig ist, seinem Selbstbild zu entsprechen, um sich selbst zu achten. Die Geschichte von Eddy, auf die ich bereits mehrfach eingegangen bin, zeigt das sehr gut. Louis erzählt, dass Eddy es nicht schafft, seinem Selbstbild als echter Kerl zu entsprechen, und ihm schlieÃlich auÃer der Flucht kein anderer Ausweg bleibt. Eddy betrachtet seine Flucht als ein Scheitern und tatsächlich scheitert er ja auch daran, eine Ãbereinstimmung zu seinem Selbstbild herzustellen. Dennoch ist seine Flucht ein Akt der Selbstachtung, es ist der Moment, in dem Eddy seine Identität annimmt und nicht länger bereit ist, sich selbst zu verleugnen. Die Einsicht, dass er an seinem Selbstbild scheitert, ermöglicht es ihm also überhaupt erst, sich selbst zu achten.
Man könnte hier einwenden, dass Eddy in diesem Moment sein Selbstbild aufgibt, es deshalb also gar nicht länger sein Selbstbild ist, und in gewisser Weise stimmt das auch. Es stimmt aber eben nur in gewisser Weise, denn in der Regel, und das zeigt auch die Geschichte von Eddy, ist es ein langes Hin und Her, ein anstrengendes Ringen, bis eine Person zu dem Punkt gelangt, ein bestimmtes Bild von sich selbst aufzugeben. Ein eindeutiger Punkt, an dem das geschieht, ist zudem oftmals gar nicht auszumachen. Selbstbilder werden nicht ausgetauscht, wie das Foto in einem Wechselrahmen. Es sind komplexe normative Vorstellungen über das Verhältnis von sich selbst und der Welt und sie sind eng mit der Haltung zu sich selbst verwoben. Selbstbilder entwickeln sich oder bröckeln, sie verändern sich, können reflektiert und infrage gestellt werden, doch man legt sie nicht ab wie einen alten Hut.
Wie aber komme ich zu der Behauptung, dass seine Flucht für Eddy die Möglichkeit eröffnet, sich als den zu achten, der er ist? Eine Antwort liegt auf der Hand, wenn man bedenkt, dass es Eddy nicht gelingen wird, seine Identität mit dem beschriebenen Selbstbild in Ãbereinstimmung zu bringen. Die Flucht bietet dann die Chance, ein passenderes Selbstbild zu entwickeln. Doch das kann nicht die einzige Antwort sein, denn auch wenn man seinem Selbstbild entspricht, folgt daraus nicht notwendigerweise, dass man sich selbst achtet, wie ich es anhand der Figuren von Hill veranschaulicht habe. Um eine Haltung einzunehmen, aus der heraus man sich selbst achtet, spielt das Verhältnis zwischen der eigenen Identität und seinem Selbstbild eine wichtige Rolle. Eine Voraussetzung dafür ist, die eigene Identität zu berücksichtigen, und zwar einerseits in Bezug darauf, dass man eine Person ist, sowie andererseits in Bezug auf seine individuelle Persönlichkeit. Auch wenn es nicht notwendigerweise so ist, dass die Identität und das Selbstbild übereinstimmen müssen, um sich selbst zu achten, kann eine fehlende Ãbereinstimmung leichter dazu führen, dass man seine Selbstachtung einbüÃt. Dies liegt schlieÃlich auch daran, dass mit einer Haltung der Selbstachtung das Anliegen verbunden ist, sich selbst wertschätzen zu können. Wer die eigene Identität oder sein Selbstbild infragestellt, schätzt sich (in einer bestimmten Hinsicht) selbst nicht wert, wodurch die Selbstachtung der Person fragiler wird.
Bis hierher habe ich in diesem dritten Teil im siebten Kapitel zunächst das Konzept der Haltung untersucht. Haltungen sind beeinflussbare Dispositionen, die Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen, Handlungen, Gedanken und Gefühlen haben. Sie zeichnen sich insbesondere durch drei Merkmale aus, nämlich erstens durch bestimmte Vorstellungen, aus denen sich oft normative Erwartungen gegenüber anderen und uns selbst ergeben. Zweitens sind reaktive Emotionen ein Aspekt von Haltungen und spielen eine wichtige Rolle für unsere moralische Praxis, wenn es darum geht, anderen und uns selbst Verantwortung zuzuschreiben. Und drittens werden unsere Haltungen auch durch unbewusste Einstellungen geprägt. Normative Vorstellungen innerhalb einer Gesellschaft formen oft unbemerkt unsere Bilder von anderen und uns selbst mit und können dazu führen, dass wir andere oder uns selbst nicht achten.
Gegenstand des achten Kapitels war das Konzept der Selbstachtung als einer Haltung zu sich selbst. Um Selbstachtung zu haben, muss man eine Vorstellung davon haben, wer man ist, sowie einen normativen MaÃstab, anhand dessen man sich selbst beurteilt. Diesen MaÃstab habe ich als Selbstbild beschrieben. Wer Selbstachtung hat, will in einer bestimmten Weise angesehen werden, um sich selbst wertschätzen zu können. Selbstachtung zielt demnach auf den Schutz der individuellen Würde. Die Ãbereinstimmung zwischen der Identität und dem Selbstbild einer Person kann zu einer stabilen Haltung der Selbstachtung beitragen. Instabil wird diese Haltung in Augenblicken der Scham, in denen wir nicht so gesehen werden, wie wir gesehen werden wollen. Als selbst-reaktive Emotion weist Scham daraufhin, dass wir uns als verantwortlich dafür betrachten, wer wir sind. Zugleich bedeutet Scham, einen Kontrollverlust zu erleben, weil wir in dem Moment nicht verhindern können, in einem schlechten Licht dazustehen. Obwohl diese beiden Aspekte der Scham auf den ersten Blick unvereinbar wirken, habe ich dafür argumentiert, dass eine Peron tatsächlich verantwortlich dafür ist, die zu sein, die sie ist. Wenn man bedenkt, dass die Identität und das Selbstbild einer Person oft von anderen Menschen, Umständen und unbewussten Einstellungen geprägt sind, steht diese Verantwortung steht allerdings wiederum infrage. Dennoch bleibt es mit einigen Einschränkungen dabei, dass wir für unsere Persönlichkeit Verantwortung tragen, weil wir uns zu unserer Identität und unserem Selbstbild verhalten können. Auch wenn diese Verantwortung unter Umständen eine Zumutung sein kann, ist es wichtig, von anderen diesbezüglich ernstgenommen zu werden, nicht zuletzt deshalb, weil sie eine notwendige Voraussetzung dafür ist, sich selbst achten zu können.
Diese Verantwortung zu tragen, ist leicht, wenn man sich als die Person wertschätzen kann, die man ist. Andernfalls hadert man mit sich selbst, mit der eigenen Identität und seinem Selbstbild, was es wiederum schwer macht, sich selbst zu achten. Welche Gründe wir haben können, uns selbst nicht wertzuschätzen, ist deshalb Gegenstand des folgenden Unterkapitels.
9.2 Was es schwer macht, sich selbst zu achten
Eine ethische Haltung der Selbstachtung ist zwar eine grundlegende Haltung, die eine Person zu sich einnimmt, gleichzeitig ist es aber oft nicht leicht, zu dieser Haltung zu finden und sie zu bewahren. Es gibt vielfältige Weisen, in denen man daran scheitern kann, sich selbst zu achten. Um das exemplarisch zu zeigen, bin ich bisher vor allem auf die Romanfigur von Eddy eingegangen.
In dem Roman Was vom Tage übrig blieb von Kazuo Ishiguro (2021) wird eine andere Geschichte erzählt, die aber auch von der Frage nach der Selbstachtung handelt. Stevens, der Protagonist, ist ein Butler mit einer unerschütterlichen beruflichen Ehre (vgl. auch Appiah. 2010. 10ff.). Teil seiner Ehrvorstellungen ist es, sich als Person stets zurückzunehmen, nach Möglichkeit keine eigenen Bedürfnisse und Anliegen zu entwickeln, sondern stattdessen perfekt, fast unsichtbar, dem Herrn des Hauses zu Diensten zu sein. Stevens hat ein klar umrissenes Selbstbild, das mit seiner Identität übereinzustimmen scheint, tatsächlich aber achtet er sich nicht selbst. Der Grund dafür ist, dass Stevens sich bereitwillig wie ein Mensch zweiter Klasse behandeln lässt, dem weniger Rechte zustehen als jenen, die im sozialen Gefüge aufgrund ihres Geldes, ihrer Bildung oder ihrer Herkunft eine höhere Position einnehmen. Stevens unterliegt in seiner Vorstellung davon, was es heiÃt, sich selbst zu achten, einer Verwechslung. Dasjenige, was lediglich einen Teil von ihm ausmacht, nämlich sein Beruf und die damit verbundene Ehre, ist für ihn der alleinige Gegenstand seiner Selbstwertschätzung. Dies führt dazu, dass er sich demütigen lässt, ohne es zu bemerken, aber auch dazu, dass ihm andere soziale Rollen abhandenkommen. Er vermag es nicht, seiner innigen Wertschätzung Ausdruck zu verleihen, die er für seine jahrelang an seiner Seite arbeitende Kollegin empfindet. Indem Stevens sich ausschlieÃlich mit seiner beruflichen Rolle als Butler identifiziert, akzeptiert er ein Leben, in dem Privatheit keinen Platz hat. Er ist nicht Stevens, der auch Butler ist, sondern er ist der Butler Stevens, weshalb er sich nicht darum kümmert, seine individuelle Identität als Mensch zu entwickeln und zu schützen. Das Beispiel von Stevens wirkt zugegebenermaÃen etwas aus der Zeit gefallen, denn Butler mit einer derart unumstöÃlichen Berufsehre gibt es heute vermutlich nur noch selten. Menschen allerdings, die sich beinah ausschlieÃlich mit ihrer Berufstätigkeit identifizieren und ihr Selbstbild im GroÃen und Ganzen darauf reduzieren, gibt es durchaus. Möglicherweise besteht für sie eine ähnliche Gefahr wie für Stevens, sich um den Preis des beruflichen Erfolgs Demütigungen gefallen zu lassen und sich nicht um die Menschen zu kümmern, die aus persönlichen Gründen wichtig für sie sind.
Eddys Situation ist eine andere. Er sieht sich durchaus als individueller Mensch, lebt aber in einem Umfeld, in dem die Vorstellung davon, wie ein schätzenswerter und achtungswürdiger Mensch zu sein hat, eingeschränkt und grob ist. Eddy kann sich nicht in seiner individuellen Persönlichkeit achten, weil es in diesem Umfeld keine echte Option ist, ein schwuler, femininer Junge mit zartem Körperbau zu sein. Eine Persönlichkeit mit solchen Merkmalen ist dort per se der Missachtung und Geringschätzung anderer Menschen ausgesetzt. Dementsprechend hat Eddy als der, der er ist, gar keine Chance, sein Gesicht zu wahren. Entweder gibt er sich permanent den Demütigungen preis oder er versucht, ein anderer zu werden. Unabhängig davon, wie er sich entscheidet, ist es ihm in dieser Situation unmöglich, sich als die Person wertzuschätzen, die er ist. Ein Selbstbild zu haben, das nicht zur eigenen Persönlichkeit passt, macht es schwer, sich in seiner Würde zu schützen. Dagegen ein Selbstbild zu entwickeln, das allen Wertvorstellungen der Mitmenschen zuwiderläuft, birgt die Gefahr, von ihnen schlecht angesehen und abschätzig behandelt zu werden, was wiederum für die Würde der betroffenen Person bedrohlich ist. Die eigene Würde hängt eben nicht nur daran, ein gutes Ansehen zu genieÃen, sondern auch daran, die Gewissheit zu haben, dass man als die Person gesehen wird, die man ist. Dieses Beispiel zeigt, wie sehr Selbstachtung davon abhängt, wie man von anderen Menschen gesehen und behandelt wird und ob diese bereit sind, das Selbstbild der Person zu akzeptieren und bestenfalls als wertzuschätzen.
In Eddys Situation ist der Einfluss auf sein Selbstbild seitens anderer Menschen extrem, insbesondere da er in diese Lage hineingeboren wird und erst nach und nach eine Ahnung davon bekommt, dass es auch ganz anders sein könnte. Doch Beziehungen zu anderen Menschen können es uns auch in anderer Weise schwer machen, die zu sein, die wir sind oder sein wollen. Besonders bedrohlich für die Selbstachtung ist das beispielsweise dann, wenn wir entgegen unseren moralischen Ãberzeugungen handeln und mit anderen etwas tun oder geschehen lassen, das verwerflich ist. So sieht beispielsweise Anna, die Protagonistin aus der Geschichte âWir töten Stellaâ von Marlen Haushofer, dabei zu, wie ihr Ehemann kaltherzig die Einsamkeit und Sehnsucht nach Geborgenheit einer jungen Frau ausnutzt. Stella, die junge Frau, wohnt während ihres Studiums eine Zeitlang bei der Familie. Annas Ehemann beginnt ein sexuelles Verhältnis mit Stella und Anna schaut tatenlos zu, obwohl sie weiÃ, dass ihr Mann Stella in eine schwere seelische Notlage bringen und ihre Einsamkeit und Verzweiflung nur verschlimmern wird. Tatsächlich führen die Ereignisse dazu, dass Stella schlieÃlich Suizid begeht. Anna fühlt sich schuldig, weil ihr der Mut gefehlt hat, in das Geschehen einzugreifen. Sie wollte das Bild der âglücklichen Familieâ nicht zerstören, wollte ihrem Sohn die scheinbar heile Welt erhalten, statt sich darum zu bemühen, Stella zu schützen. Anna leistet keinen Widerstand, obwohl sie weiÃ, dass sie es tun müsste. Es gelingt ihr nicht, für ihre moralischen Werte einzustehen und die damit verbundenen Konsequenzen zu akzeptieren. In einer Situation wie Annas ist es schwer, sich selbst zu achten, denn es hieÃe anzuerkennen, dass man moralisch nicht integer ist und sein Selbstbild in einem wichtigen Belang nicht erfüllt. Man steht dann vor einer ähnlichen Aufgabe wie Eddy, da man sich eingestehen muss, dass man, obwohl es einem sehr wichtig ist, nicht die Person ist, die man gern wäre. Es liegt auf der Hand, dass in diesen Situationen die Haltung der Selbstachtung instabil wird und ins Wanken gerät.
Wenn man es in wesentlichen Bereichen nicht schafft, die Person zu sein, die man sein will, kann man versuchen, einen Umgang damit zu finden. Man kann versuchen, das zu tun, was Eddy tut, und die Umstände verlassen, in denen es so schwer ist, sich selbst zu achten. Man kann in den sauren Apfel beiÃen und die eigene Verantwortung anerkennen, wenn man sich seiner moralischen Verfehlungen bewusst wird. Eine naheliegende Option ist allerdings auch, sich selbst etwas darüber vorzumachen, wer man ist, die eigene Persönlichkeit also gar nicht erst anzuerkennen. Dieser Weg lockt mit der Aussicht, dem Leid und Schmerz zu entgehen, die damit verbunden sind, sich unter diesen Umständen als die Person zu sehen, die man ist. Wer sich (und andere) über sich selbst täuscht, versucht, sein Gesicht zu wahren, indem er vorgibt, ein anderer zu sein.
In diesem Zusammenhang ist die Geschichte von Hank interessant, die der Film Swiss Army Man erzählt. Obwohl der Film mit einem Suizidversuch von Hank beginnt, wirkt er wie eine absurde, teilweise alberne Komödie, in der Hank sich mit einer Leiche anfreundet, die er Manny nennt. Die Geschichte erzählt davon, wie die beiden durch einen Wald streifen. Sie sind auf der Suche nach Zivilisation und sprechen während ihres Weges über die sozialen Normen und Regeln, nach denen eine Gesellschaft funktioniert. Manny, der vollkommen schamlos seine körperlichen Bedürfnisse thematisiert, wundert sich, dass Hank seinerseits so schamvoll und gehemmt ist. Es wird deutlich, dass Hank versucht, jemand zu sein, der mit basalen menschlichen Bedürfnissen nicht viel zu schaffen hat. Möglicherweise kommt sein Bild von sich selbst nah an die althergebrachten Vorstellungen von Würde, über die ich weiter oben gesprochen habe. Er will kontrolliert und selbstbeherrscht sein, souverän und stark. Am Ende wird allerdings klar, dass Hank Manny und sich selbst etwas vorgemacht hat. Er entpuppt sich als ein schüchterner, verklemmter Mensch, der einer schönen Frau nachstellt, womöglich weil er keinen Mut hat, Beziehungen einzugehen. Als Zuschauerin versteht man in diesem Moment den Anfang des Films, den Augenblick, in dem Hank so verzweifelt war, dass er sich das Leben nehmen wollte. Offensichtlich war er einsam und sah keinen anderen Ausweg. Hanks Geschichte ist ein weiteres Beispiel dafür, aus welchen Gründen es schwer sein kann, sich selbst zu achten. Nicht jeder ist der selbstsichere und lässige Typ, der selbstverständlich schöne Frauen anspricht. Hank scheint sich aber zu wünschen, so zu sein, und zugleich auch seine körperlichen und seelischen Bedürfnisse völlig unter Kontrolle zu haben. Da beides nicht zutrifft, sondern er sich im Gegenteil vielmehr von seinen unerfüllten Bedürfnissen beherrscht fühlt, sieht er offenbar keinen Grund dafür, sich selbst wertzuschätzen, was wiederum seine Selbstachtung bedroht.
Ãhnlich wie Eddy versucht er, einem Selbstbild zu entsprechen, dem er nicht entsprechen kann. Das Besondere an Hanks Geschichte ist, dass er sich und andere zunächst erfolgreich darüber täuscht, wer er ist. Dementsprechend stellt der Augenblick, in dem die Täuschung auffliegt, eine besondere Herausforderung für seine Selbstachtung dar. Er muss nicht nur anerkennen, dass er sein Selbstbild nicht erfüllen kann, sondern zugleich damit fertig werden, dass er vor anderen Menschen sein Gesicht verliert, weil er eben nicht der ist, der er zu sein vorgibt â ein mutiger und unabhängiger Mensch, der sich im Geflecht der sozialen Normen souverän zurechtfindet. Wenn man andere und sich selbst darüber täuscht, wer man ist, bedroht das die Haltung der Selbstachtung also in doppelter Weise. Zum einen nimmt man sich, wenn man sich selbst verleugnet, die Chance, sich als die Person zu achten, die man ist, und zum anderen verliert man im Augenblick der Entlarvung sein Gesicht.
Man kann sich aber nicht nur deshalb selbst verleugnen, weil man aufgrund eines bestimmten Selbstbildes Schwierigkeiten hat, die eigene Identität anzuerkennen. Manchmal verleugnen sich Menschen, weil sie ihre eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen nach denjenigen anderer richten, in der Hoffnung, sie mögen sich dann erfüllen. Beispiele dafür sind Casting- und Realityshows oder andere Formen, in denen man vor der Ãffentlichkeit private Dinge von sich preisgibt, um dafür Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen. Man nimmt dabei das Risiko in Kauf, öffentlich bloÃgestellt oder lächerlich gemacht zu werden, vielleicht weil es einem wichtig ist, überhaupt wahrgenommen zu werden, oder weil man die Situation falsch einschätzt und glaubt, sich in einem guten Licht präsentieren zu können. Für die Würde einer Person wird es besonders prekär, wenn diese nicht bemerkt, dass die Anerkennung, die ihr zuteilwird, weil sie sich zur Schau stellt, keine Wertschätzung ihrer selbst ist, sondern bloà der Unterhaltung oder den finanziellen Interessen anderer Menschen dient. Sie gibt es in dieser Situation auf, sich selbst zu schützen, und wird nicht zuletzt deshalb von anderen Menschen herabgewürdigt und lächerlich gemacht. Auch in solchen Augenblicken hat man oft keine Chance mehr, sein Gesicht zu wahren.
Für die Figuren in den verschiedenen Beispielen ist es aus unterschiedlichen Gründen schwer, sich selbst zu achten. Manche versuchen, jemand anderes zu sein, als sie sind, wie Eddy und Hank es tun. Manche beschränken ihr Selbstbild auf eine bestimmte Rolle, so wie beispielsweise Stevens sich nur als Butler sieht, aber auch so, wie die von Hill beschriebene Frau sich allein mit ihrer Rolle als Ehefrau identifiziert. Manche übergehen etwas, das ihnen sehr wichtig ist, so wie Anna ihren moralischen Ãberzeugungen nicht folgt oder wie die Teilnehmerin einer Realityshow private und intime Aspekte ihrer Persönlichkeit offenbart, um berühmt zu werden. Und auch die Figur des Schwarzen, der sich seiner moralischen Rechte nicht bewusst ist, kann sich selbst nicht achten, wenn er damit einverstanden ist, von anderen nicht in seinem moralischen Status anerkannt zu werden. All dies sind Beispiele für Situationen, in denen es besonders schwer ist, sich selbst zu achten. Sie haben auÃerdem gemeinsam, dass die Figuren in diesen Situationen besonders anfällig dafür sind, von anderen beschämt und gedemütigt zu werden. Entweder, weil das Selbstbild von vornherein damit vereinbar ist, von anderen Menschen missachtet zu werden, oder aber, weil ihre Haltung der Selbstachtung instabil ist, aufgrund der groÃen Diskrepanz zwischen ihrem Selbstbild und ihrer Identität. Diese Diskrepanz erschwert es, sich in seiner Persönlichkeit anzuerkennen und seine individuelle Würde zu schützen und damit eben auch, sich als die Person achten wertschätzen zu können, die man ist.
Die Beispiele machen noch einmal deutlich, dass eine Haltung der Selbstachtung einzunehmen bedeutet, in seiner Würde verletzt werden zu können. Eine Würdeverletzung ist damit verbunden, in seinem moralischen Status infrage gestellt oder in einer Weise gesehen zu werden, die nicht mit dem eigenen Selbstbild vereinbar ist. Da eine Würdeverletzung die betroffene Person also offenbar schädigt, liegt es auf den ersten Blick nahe, dass es eine moralische Pflicht besteht, die Würdeverletzungen verbietet. Dieser Gedanke knüpft auch an das Ergebnis des zweiten Teils dieser Arbeit an, nämlich dass wir verpflichtet sind, andere Menschen nicht zu schädigen und ihnen mit einem Minimum an Wertschätzung zu begegnen. Darüber hinaus sind wir verpflichtet, die moralischen Rechte anderer Menschen nicht zu verletzen. Die besondere Vulnerabilität, die durch das empfindliche Verhältnis zwischen dem Selbstbild und der Identität einer Person entsteht, spricht dafür, dass Würdeverletzungen grundsätzlich verboten sind. Dagegen spricht jedoch, dass es manchmal sogar angemessen sein kann, die Persönlichkeit eines Menschen infrage zu stellen, beispielsweise dann, wenn die Person moralisch verwerfliche Haltungen einnimmt oder es Teil ihres Selbstbildes ist, andere Menschen herabzuwürdigen. Für einen überzeugten Sexisten kann es beispielsweise würdeverletzend sein, wenn seine Frau von ihm verlangt, sich seinen familiären und häuslichen Pflichten zu widmen. Trotzdem ist die Frau keineswegs verpflichtet, ihren Mann in dieser Hinsicht zu schonen.
Wir sind also in besonderer Weise verletzlich, insofern wir gekränkt, bloÃgestellt, erniedrigt, beschämt oder entwürdigt werden können. Das Prinzip des Nichtschadens, der moralische Status und die Pflicht, Menschen grundsätzlich wertschätzend zu begegnen, sprechen stark für eine moralische Pflicht, sie in ihrer Würde zu schützen. Allerdings scheinen nicht alle Würdeverletzungen kategorisch verboten zu sein. Im nächsten Abschnitt widme ich mich deshalb der Frage, ob es unterschiedliche Arten von Würdeverletzungen gibt und ob darunter auch solche sind, die sich unter keinen Umständen rechtfertigen lassen. Für das Konzept der Selbstachtung sind diese Ãberlegungen aufschlussreich, weil erkennbar wird, dass eine Person sich nicht zwangsläufig selbst achtet, auch wenn sie Teile ihrer Persönlichkeit wertschätzt.
9.3 Würdeverletzungen
Im ersten Teil dieses Kapitel habe ich die Frage untersucht, ob Selbstachtung zu haben bedeutet, eine würdevolle Haltung einzunehmen. Je nachdem, was man unter Würde versteht, ist eine würdevolle Haltung allerdings entweder nicht notwendig oder nicht hinreichend, um sich selbst zu achten. Nicht notwendig ist es, würdevoll zu erscheinen, wenn man unter Würde versteht, dass ein Mensch sich vernünftig und beherrscht verhält, dass er stark und unabhängig ist. Unvernünftiges Verhalten, leidenschaftliche Ausschweifungen, schwach oder von anderen abhängig zu sein, all dies lässt sich mit einer Haltung der Selbstachtung vereinbaren. Falls man Würde hingegen als eine Haltung im Sinne einer stimmigen Erscheinung versteht, bei der die Person ihrem Selbstbild entspricht, erweist sich dies als nicht hinreichend dafür, sich selbst zu achten. Der Grund dafür ist, dass man auch einem Selbstbild entsprechen kann, das damit vereinbar ist, von anderen Menschen gedemütigt und erniedrigt zu werden, und das scheint gerade nicht würdevoll zu sein.
Im vorausgegangenen Abschnitt ist deutlich geworden, dass Menschen in ihrer Würde verletzlich sind. Durch eine Demütigung, Beschämung oder Erniedrigung, aber auch durch Kränkungen und andere Verletzungen der Ehre fügt man einem Menschen eine bestimmte Art von Schaden zu, der es ihm erschwert, seine Selbstachtung aufrechtzuerhalten. Ich habe bereits angedeutet, dass es Gründe geben kann, Menschen in dieser Weise zu verletzen, denn nicht jede Person hat ein Selbstbild, das mit dem Achtungsgebot gegenüber anderen Menschen vereinbar ist. In solchen Momenten mag es zwar schmerzhaft und verletzend sein, wenn eine Person nicht als die wertgeschätzt wird, die sie ist, es ist aber dennoch gerechtfertigt, ihr diese Wertschätzung vorzuenthalten.
Oft ist es moralisch verwerflich, eine Person dadurch in ihrer Würde zu verletzen, dass man sie in ihrer individuellen Persönlichkeit nicht schätzt. Um das nachzuvollziehen, kann man sich die Situation von Eddy vor Augen führen, der in seinem Umfeld keine Chance hat, ein attraktives Bild von sich selbst zu entwickeln, das zu seiner Persönlichkeit passt. Eddy steht deshalb vor dem Problem, sich als die Person, die er ist, nicht wertschätzen zu können. Allerdings kann man die eigene Persönlichkeit auch zurecht in einem kritischen Licht sehen. So hat beispielsweise Anna, die es in Kauf nimmt, dass ihr Ehemann die junge Frau verletzt und missachtet, möglicherweise allen Grund, sich Vorwürfe zu machen und sich für ihren Mangel an moralischer Integrität zu schämen. Und Stevens, der Butler, täte gut daran, sein Selbstbild infrage zu stellen, und sich seiner moralischen Rechte bewusst zu werden, um sich nicht nur als Butler, sondern als die Person achten zu können, die er ist. Die Frage, wann man als die Person, die man ist, Wertschätzung verdient hat, ist oft nicht leicht zu beantworten, insbesondere, wenn es einem zwar an Selbstachtung fehlt, man sich aber anderen Menschen gegenüber nicht verwerflich verhält. Im zweiten Teil dieser Arbeit hat sich gezeigt, dass moralische Vorwürfe nicht gerechtfertigt sind, insoweit der Mangel an Achtung nur die Person selbst betrifft, weil sie keine Pflicht hat, sich selbst zu achten. Dennoch kann auch ein Mangel an Selbstachtung ein Grund dafür sein, jemanden nicht wertzuschätzen. Ein recht eindeutiges Beispiel dafür ist der Kriecher, dessen Persönlichkeit man insgesamt nicht als attraktiv und schätzenswert beurteilt. Allgemeiner gesprochen, kann man eine Person mehr oder weniger in ihrer Persönlichkeit wertschätzen, und dies hängt unter Umständen auch aber selbstverständlich nicht nur daran, ob sie sich selbst achtet oder nicht.
Manchmal gibt es aber auch Umstände, unter denen es sogar gerechtfertigt sein kann, einer Person nicht nur die eigene Wertschätzung vorzuenthalten, sondern sie sogar bloÃzustellen. So wäre es nicht moralisch verwerflich, sondern ein mutiges Zeichen von Zivilcourage, jemanden, der eine Person aufgrund ihrer sexuellen Identität beleidigt hat, vor den Augen anderer zur Rede zu stellen, auch wenn man dabei riskiert, dass er sich dadurch bloÃgestellt und beschämt fühlt. Es scheint also plausibel zu sein, dass unterschiedliche Persönlichkeiten in verschiedenem MaÃe schätzenswert sind und es Situationen geben kann, in denen man eine Person nicht vor einer Verletzung ihrer individuellen Würde schützen muss. Mit Blick auf den zweiten Teil dieser Arbeit zum Gebot der moralischen Achtung melden sich hier zugleich aber auch Zweifel an. Wie passt es zu diesem Gebot, das uns verpflichtet, anderen keinen Schaden zuzufügen und sie in ihren moralischen Rechten nicht zu verletzen, dass wir Menschen unter Umständen in ihre Würde verletzen dürfen? Eine Würdeverletzung besteht schlieÃlich auch dann â und gerade dann â wenn man den moralischen Status einer Person missachtet. Es ist herabsetzend und demütigend, nicht als gleichberechtigtes Mitglied der Gemeinschaft anerkannt zu werden, weil Würde eben nicht nur darin besteht, dass man in einer bestimmten Weise erscheint, wie es beispielsweise Menschen mit einer würdevollen Haltung gelingt. Würde zu haben, bedeutet auch, als gleicher Mensch geachtet zu werden (vgl. Stoecker und Neuhäuser. 2013. 62.).
In Hills Ãberlegungen zum Konzept der Selbstachtung spielt es eine zentrale Rolle, dass sich eine Person als gleichberechtigt gegenüber anderen Menschen betrachtet. Die von ihm beispielhaft beschriebenen Figuren zeichnen sich dadurch aus, dass sie für sich selbst annehmen, weniger Rechte als andere Menschen zu haben (vgl. Hill. 1973. 97.). Auch im Falle der Romanfigur Stevens wird deutlich, dass er sich zwar um die Ãbereinstimmung mit seinem Selbstbild bemüht und sich um sein Ansehen als Butler sorgt, sich selbst aber nicht achten kann, weil es Teil seines Selbstbild ist, einen geringeren moralischen Status als andere zu haben. Besonders deutlich wird dieser Punkt gegen Ende des Romans, wenn Stevens in einer Gaststätte mit Fremden zusammensitzt und sich über den wahren Gentleman und verschiedene Vorstellungen von Würde unterhält. Die Gesprächsrunde ist sich einig, dass man âeinen wahren Gentleman von einem falschen unterscheiden [kann], der nur in feinen Kleidern stecktâ (Ishiguro. 2021. 222.). Ein falscher Gentleman mag verschiedene Attribute eines Gentlemans präsentieren können, zum wahren Gentleman wird er jedoch erst, wenn er auch bestimmte Ãberzeugungen und Einstellungen hegt. Ihm fehlt, so könnte man es vor dem Hintergrund der vorausgegangenen Ãberlegungen zum Selbstverhältnis einer Person sagen, die Ãbereinstimmung zwischen seiner Identität und dem Bild, das er von sich hat und gegenüber anderen zu zeigen versucht. Dementsprechend glaubt Stevens, dass nur ein wahrer Gentleman Würde haben kann. Vom politisch engagierten Mr. Harry Smith wird ihm dazu jedoch Folgendes entgegengehalten:
Wir haben das Recht errungen, freie Bürger zu sein. Und zu den Vorrechten eines Menschen, der als Engländer auf die Welt kommt, gehört es, dass er â ganz gleich, wer er ist und ob er reich oder arm ist â, dass er frei geboren ist und dass er seine Meinung frei äuÃern und seinen Parlamentsabgeordneten wählen und auch wieder abwählen kann. Darum geht es in Wirklichkeit bei der Würde [â¦]. (Ishiguro. 2021. 224.)
Smith behauptet, dass unabhängig davon, wer man ist und wie man sich repräsentiert, alle Menschen den gleichen Anspruch auf Freiheit und politische Beteiligung haben. Rechte, die Stevens nicht für sich beanspruchen würde, weil er glaubt, zu einer gesellschaftlichen Klasse zu gehören, der das nicht zustünde. Stevens Vorstellungen von Würde wären demnach damit vereinbar, dass Menschen je nach Klasse oder sozialer Zugehörigkeit nicht denselben moralischen Status hätten. Entsprechend wüsste Stevens vermutlich auch nichts mit dem Konzept der Menschenwürde anzufangen, mit der Idee, dass alle Menschen ein Recht darauf haben, vor bestimmten Verletzungen bedingungslos geschützt zu werden.
Die Frage ist nur, wodurch sich diese Verletzungen, vor denen wir bedingungslos geschützt werden sollen, gegenüber anderen Würdeverletzungen auszeichnen. Haben Menschen zwei Würden? Dann gäbe es einmal die individuelle Würde, die beispielsweise dem wahren Gentleman zugeschrieben wird, die aber auch Gegenstand von Eddys Suche nach einem für ihn passenden Selbstbild ist, die Hank verfehlt, wenn er sich selbst verleugnet, die Anna aufs Spiel setzt, wenn sie nicht nach ihren moralischen Ãberzeugungen handelt, und die man riskiert, wenn man sich selbst vor anderen Menschen unbedacht bloÃstellt, um sein Bedürfnis nach Anerkennung zu befriedigen. Bei der zweiten Würde handelte es sich dann um die Menschenwürde, die darin bestünde, einen bestimmten moralischen Status zu haben, aufgrund dessen man Gleiche unter Gleichen ist und der mit bestimmten moralischen Rechten verbunden ist (vgl. Schaber. 2017.). Diese beiden Perspektiven weisen auf eine wichtige Differenz hin, um unterschiedliche Qualitäten von Würdeverletzungen voneinander zu trennen, doch es heiÃt nicht, dass jeder Mensch zwei Würden hat. Sinnvoller ist es, Würde als einen Begriff zu verstehen, der sich auf eine spezifische Verletzlichkeit des Menschen bezieht, nämlich gedemütigt, beschämt, herabgesetzt, bloÃgestellt etc. werden zu können. Demnach sind wir in einer besonderen Weise vulnerabel, und zwar einerseits in Bezug auf unsere individuelle Persönlichkeit sowie andererseits in Bezug auf unser Personsein. Das bedeutet, die individuelle Würde bezieht sich darauf, eine bestimmte soziale Identität zu haben, während die Menschenwürde auf die personale Identität eines Menschen rekurriert (vgl. Neuhäuser. 2015. 465f.). Dementsprechend lässt sich dann auch zwischen Würdeverletzungen und Menschenwürdeverletzungen unterscheiden. Beispiele für paradigmatische Verletzungen der Menschenwürde sind Folter oder Versklavung und es ist unmittelbar einleuchtend, warum Verletzungen der Menschenwürde ausnahmslos verboten sind. Aber auch Verletzungen der individuellen Würde sind prima facie verboten, da wir verpflichtet sind, Menschen mit Wertschätzung zu begegnen, allerdings mit der Einschränkung, dass es Gründe dafür geben kann, einer Person ihr (moralisch) verfehltes Verhalten vor Augen zu führen.
Der Rückgriff auf die Idee, dass Menschen zweierlei Würde haben, löst das Problem, dass manche Würdeverletzungen absolut verboten sind, während dieses Verbot für andere nur prima facie gilt. Es ist wichtig, diesen Unterschied zu betonen, um deutlich zu machen, dass es manchmal Gründe dafür geben kann, einen Menschen bloÃzustellen, niemals aber dafür, jemanden zu foltern oder zu versklaven. Die Benennung dieses Unterschieds erklärt allerdings nicht, warum Menschenwürdeverletzungen kategorisch verboten sind und ob ein engerer Zusammenhang zwischen der individuellen Würde und der Menschenwürde besteht. Einleuchtend ist es, dass Menschen in beiden Fällen Grund haben, sich gedemütigt zu fühlen, wenn ihre Würde verletzt wird. Dieser Grund besteht unabhängig davon, ob sie darin bloÃgestellt werden, dass sie es wie Hank nicht schaffen, zu sich selbst zu stehen, ob sie wie Eddy davon abgehalten werden, ein attraktives Selbstbild zu entwickeln, oder ob sie wie Anna vor sich selbst und vor anderen Scham über ihren Mangel an moralischer Integrität empfinden. Erst recht haben die beiden Figuren, die Hill beschreibt, einen Grund, sich gedemütigt zu fühlen, da sie in einem sozialen Umfeld leben, in dem sie als Menschen zweiter Klasse behandelt werden (vgl. Margalit. 2012. u.a. 21f, 106f.). Ihnen wird abgesprochen, den gleichen moralischen Status wie andere zu haben. Allen Beispielen ist gemeinsam, dass es für die Betroffenen mehr oder weniger schwierig ist, eine individuelle Vorstellung davon, wer sie selbst sind und sein wollen, zu entwickeln oder zu bewahren. Sie scheitern daran, ihren eigenen und selbstbestimmten Ausdruck dessen zu finden, was ihnen wichtig ist und wie sie gesehen werden wollen. Das geschieht aus unterschiedlichen Gründen, mal, weil die Person selbst etwas versäumt, ein andern Mal, weil andere sie daran hindern, ein attraktives Selbstbild zu entwickeln, oder aber, weil sie durch viel zu enge gesellschaftliche Vorstellungen glauben, auf eine bestimmte Rolle festgelegt zu sein, und vermutlich oft aus einer Mischung dieser Gründe. Schlimmstenfalls können Menschen aber auch daran scheitern, weil sie Dinge erfahren haben, die sich nicht in ein attraktives Selbstbild integrieren lassen. Verletzungen der Menschenwürde wie Folter oder Versklavung stellen solche Erfahrungen dar (vgl. Stoecker. 2010. 111f.).
Vor diesem Hintergrund lässt sich nun begründen, warum Verletzungen der Menschenwürde kategorisch verboten sind, während Verletzungen der individuellen Würde manchmal gerechtfertigt sein können. Weil Menschen bloÃgestellt, gekränkt, erniedrigt und gedemütigt werden können, sind sie in ihrer Würde verletzlich. Würdeverletzungen bedeuten, dass man in einer Weise gesehen wird, die sich nicht mit seinem Selbstbild vereinbaren lässt. Dies geschieht ebenfalls bei Verletzung der Menschenwürde, hinzukommt aber, dass solche Verletzungen dazu führen, kaum noch eine Chance zu haben, ein attraktives und selbstbestimmtes Bild von sich auszubilden oder zu bewahren (vgl. Stoecker. 2003. 147ff.). Diese Situation ist äuÃert leidvoll und schmerzhaft, insbesondere dann, wenn die Person keinen Weg findet, sich selbst achten und wertschätzen zu können. Darüber hinaus lassen Verletzungen der Menschenwürde die Betroffenen mit der Last einer Verantwortung zurück, die ihnen zwar zukommt, doch der sie nicht oder nur unter gröÃter Anstrengung gerecht werden können, der Aufgabe nämlich, sich um ihre individuelle Würde und den Schutz derselben zu kümmern, die durch die Verletzung der Menschenwürde ebenfalls angegriffen wird. Diese Verantwortung kann man nicht an andere übertragen und gibt man sie auf, dann nur um den Preis, keine Haltung der Selbstachtung einnehmen zu können.
Positiv ausgedrückt, sind wir verpflichtet, die Menschenwürde anderer zu schützen, weil dies eine zentrale Voraussetzung dafür ist, der Verantwortung bezüglich sich selbst nachkommen und eine individuelle Würde ausbilden zu können. Bedroht ist die Menschenwürde dann, wenn eine Person in ihren moralischen Rechten verletzt und dadurch in ihrem Status als Gleiche unter Gleichen nicht anerkannt wird. Der Schutz der Menschenwürde ist kategorisch geboten. Doch auch Verletzungen der individuellen Würde sind in der Regel leidvolle Erfahrungen, weshalb wir hier prima facie verpflichtet sind, die individuelle Würde anderer Menschen zu schützen. Davon kann es allerdings auch Ausnahmen geben, beispielsweise dann, wenn das Selbstbild einer Person Vorstellungen beinhaltet, die sich nicht mit dem Schutz der (Menschen-)Würde vereinbaren lassen. Dementsprechend sind wir beispielsweise nicht verpflichtet, die Persönlichkeit einer Rassistin oder eines Sexisten wertzuschätzen. Im Gegenteil scheint es hier vielmehr angezeigt, die Personen auf ihre ethisch verwerflichen Haltungen aufmerksam zu machen und sie in ihrem Selbstbild infrage zu stellen, in der Hoffnung, dass sie ihre Haltungen überdenken.
Die Diskussion der unterschiedlichen Arten von Würdeverletzungen hat gezeigt, dass wir sowohl von anderen Menschen als auch von uns selbst geachtet werden müssen, um unsere Würde vor Verletzungen zu schützen (vgl. Neuhäuser. 2015. 462.). Gemäà dem Gebot der moralischen Achtung sind wir dazu verpflichtet, einander als verletzliche und gleichberechtigte Wesen zu achten. Zudem sollten wir anderen mit Wertschätzung begegnen, um ihre Würde zu schützen und sie darin zu unterstützen, ihre Würde zu bewahren (vgl. Stoecker. 2010. 112.), auch wenn es Umstände gibt, unter denen diese Pflicht nicht gilt. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn wir gute Gründe haben, die Persönlichkeit eines Menschen nicht wertzuschätzen.
Für das Konzept der Selbstachtung wird vor dem Hintergrund dieser Ãberlegungen deutlich, warum eine Person sich selbst für etwas wertschätzen kann, ohne sich als die Person zu achten, die sie ist. Denn Gegenstand ihrer Wertschätzung muss nicht zwangsläufig sie selbst als Person sein, sondern es können auch nur bestimmte Eigenschaften oder Anteile ihrer Persönlichkeit sein. Unter Umständen kann die Haltung, die sie zu sich selbst einnimmt, dann dazu beitragen, dass andere Menschen sie demütigend oder erniedrigend behandeln. Zur Selbstachtung gehört deshalb auch die Erwartung, von anderen Menschen mit moralischer Achtung behandelt zu werden.
Gleichzeitig können nicht nur anderen Menschen, sondern auch man selbst gute Gründe haben, die eigene Persönlichkeit oder bestimmte Anteile derselben nicht wertzuschätzen. Wenn man beispielsweise moralisch verwerflich gehandelt hat, eine unterwürfige und servile Haltung gegenüber anderen einnimmt, wenn man nicht dazu stehen kann, wer man ist, oder den eigenen Ansprüchen aus Gründen wie Willensschwäche oder Bequemlichkeit nicht genügt, ist die eigene Persönlichkeit in wesentlichen Punkten möglicherweise tatsächlich nicht besonders attraktiv. Es gilt selbstverständlich nach wie vor, dass keine Pflicht zur Selbstachtung besteht. Hier ist jedoch darüber hinaus die Frage spannend, ob man sich überhaupt achten sollte, wenn man einen Grund hat, seine Persönlichkeit beziehungsweise wichtige Aspekte derselben als nicht schätzenswert zu betrachten. Im folgenden Kapitel wird es dementsprechend um den Unterschied zwischen Selbstachtung und Selbstwertschätzung gehen und um die Frage, unter welchen Umständen die jeweilige Haltung aus moralischen Gründen gerechtfertigt ist.