„Lang ist / Die Zeit, es ereignet sich aber / Das Wahre“1 – dieses Zitat aus dem Werk Friedrich Hölderlins, das als Kalligraphie im Arbeitszimmer von Karlheinz Ruhstorfer nicht nur manifest physisch, sondern auch als intellektuelle Provokation2 über den Köpfen derer schwebt, die dieses Zimmer betreten, kann als Programmatik gelesen werden, der das Nach-Denken Ruhstorfers gilt. „Wie aber?“– wie lassen sich unterschiedlichste, auf den ersten Blick relationslos nebeneinanderstehende Wahrheiten integrieren und vermitteln zu dem geoffenbarten Wahren? In meinem Beitrag zur Festschrift für Karlheinz Ruhstorfer möchte ich eine These verfolgen, die selbst versucht, unterschiedliche Denkansätze zu integrieren: Sie besteht in der Intuition, dass Charles Sanders Peirces logische Schlussform der Abduktion aufgrund einer Strukturanalogie womöglich dazu genutzt werden kann, weiter aufzuklären, welches Potenzial in Ruhstorfers Vorschlag einer „produktiven Konstellation unterschiedlicher epochaler ‚Vernunftausprägungen‘“ als topologische Vernunft-Weise für die Gegenwart liegt.3
1. Die „Problemstellen“ der Vermittlung: von Vernunft, Metaphysik – und Wahrheit
Die spannendsten Elemente einer Theorie sind meist die Annahmen, die nicht explizit gemacht werden und daher notwendig vage erscheinen. Hier gibt es Raum, sich selbst mit eigenen Assoziationen einzuschreiben. Im Ansatz Ruhstorfers ist solch spannungsreiche Vagheit jüngst im Vorschlag einer „produktiven Konstellation“ von epochalen Vernunftausprägungen kulminiert, die er in dem diesem Band vorangestellten Aufsatz als das epochale Vernunftprinzip eines gegenwärtig anbrechenden neuen Zeitalters vorstellt.4 Als Anliegen dieses Vorschlags kann die Suche nach einer Möglichkeit der Integration bzw. Vermittlung unterschiedlicher epochaler Vernunftausprägungen geltend gemacht werden. Die Vermittlungsproblematik ist dabei letztlich keine Frage, die sich spezifisch nur im epochalen Binnenkontext der „produktiven Konstellation“ stellt, sondern – insofern sie als zeitgemäßer Erkenntnis-Ort postuliert wird5 – vermag selbst epistemische Weichenstellungen bezüglich der Metaebene von Ruhstorfers Ansatz zu stellen. Es gilt, so Ruhstorfer, „die verschiedenen epochalen Prägungen des Absoluten miteinander ins Gespräch [zu] bringen. Dieses Gespräch soll als eine neuartige Dia-Lektik verstanden werden, die gerade zu keiner Synthese führen, sondern die eine produktive Konstellation vorstellen möchte“6.
Der Begriff der „produktiven Konstellation“ ist in sich jedoch höchst voraussetzungsreich, nicht zuletzt weil er sich im direkten Umfeld paralleler Benennungen befindet, mit denen Ruhstorfer das eine – von ihm postulierte – Zeitenwende einleitende neue epochale Prinzip zu fassen sucht: In den Begriffen „Identität 3.0“, „globale Identität“, „Identität**“, „synodale Vernunft“, u.a. drückt sich ein offenes erkenntnistheoretisches Dilemma der Gegenwart aus, ob und wie nämlich allgemeine, synthetisch-vermittelnde Aussagen – wie sie praktisch immer wieder getätigt werden – angesichts unendlicher Streuung von Wahrheit theoretisch möglich sind.7
1.1 Vernunft
Ein weiteres Problem in diesem Umfeld, das zudem unmittelbar mit der Unterscheidung eines zeitgemäßen Konstellationen-Begriffs von einem tendenziell neuzeitlichen Begriff der „Synthese“ verbunden ist, und dem sich daher Ruhstorfers Verwendung der Rede einer Konstellation von Vernunftausprägungen stellen muss, ist die Frage nach der zugrundeliegenden Definition von Vernunft.
Ruhstorfer greift bei seiner Vernunftdefinition des Öfteren auf die von Wolff bzw. Kant geprägte und von Hegel weitergeführte Unterscheidung von Vernunft und Verstand zurück,8 der zufolge „Vernunft das (menschliche) Vermögen der Einheit der Verstandesregeln unter Prinzipien“9 – und zumindest theoretisch allgemein zugänglich – ist.10 Der spezifisch neuzeitliche Charakter dieser idealistischen Definition besteht in dem einheitlichen Moment der Vernunft, sowohl im Bezug auf den Einzelnen, wo es das einheitsstiftende Vermögen der Denkprinzipien darstellt, wie auch als gemeinmenschliches Vermögen, welches dasselbe in jedem Individuum ist und damit als das Band gelten kann, das die Individuen – theologisch gesprochen: in einem Geist bzw. Logos – verbindet.11 Diesen wesentlich allgemeinen, gemeinschaftlichen bzw. überindividuellen Charakter behält Vernunft auch in der Diktion und Verwendung Ruhstorfers, er wird dadurch explizit, dass Vernunft eine immer bereits theologisch qualifizierte Relationskategorie im Verhältnis von Gott und Mensch ist. In ihr legt sich die anfänglich gegebene Weisung – christlicherseits interpretiert als Offenbarung Gottes im Ereignis der Inkarnation des Sohnes in die Geschichte – auf epochal unterschiedliche Weise auseinander.12 Das bedeutet, dass die epochalen Vernunftprinzipien sich gewissermaßen aus einer höheren Vernunft13 speisen müssen, die in Relation zu den je einzelnen Ausprägungen einen transzendenten und uneinholbaren Vernunftüberschuss besitzt.14 Dieser theologische Vernunftbegriff ist wesentlicher Motor der „big story“, der metaphysisch konzipierten Heilsgeschichte Ruhstorfers.15
1.2 (Heilsgeschichtliche) Metaphysik
Der Begriff der Vernunft bzw. der Vernunftausprägung dient im Denken Karlheinz Ruhstorfers jedoch daneben, wie schon angesprochen, auch dazu, topologisch-epochal verortete „Geisteshaltungen“ bzw. den „Zeitgeist“ bestimmter temporal bzw. lokal eingegrenzter Ausschnitte der Geschichte ausfindig zu machen. Diese Geisteshaltungen sind – so der Ansatz – weder ohne weiteres hintergehbar noch ineinander übersetzbar und geben jeweils eigene, als metaphysisch charakterisierbare16 Plausibilitäten vor.17
Seiner Komposition folgend muss Ruhstorfer allerdings einen überindividuellen Charakter von Vernunft auf der Metaebene der „big story“ auch dann noch postulieren, wenn andererseits auf Mikroebene der einzelnen epochalen Vernunftausprägungen – wie insbesondere im Falle der Moderne und der Postmoderne – davon ausgegangen wird, dass der Inhalt der jeweiligen epochalen Vernunft wesentlich in der Absolutsetzung von Individualität und damit in der Absage an überindividuelle Vernunft besteht.18 Obwohl also die Vernunftausprägungen der unterschiedlichen Epochen als distinkt anzusehen sind, folgt daraus Ruhstorfer zufolge gerade nicht, dass es keine sie verbindende Kontinuität gäbe. Ausführlich hat er dargestellt, wie eine Vernunftform jeweils andere voraussetzt, ablöst, negiert, aufhebt, etc. Dadurch bleibt er der Grundidee der einen, sich in der Geschichte kontinuierlich facettenreich auffächernden göttlichen Vernunft treu, wie besonders anschaulich in seiner Metapher des „göttlichen striptease“ deutlich wird: Hierin werden „Raum und Zeit“ als „Falten des göttlichen Gewandes“ zu je unterschiedlichen Darstellungsorten göttlicher Offenbarung.19
Besondere Wichtigkeit hinsichtlich der Vermittlungsleistung zwischen diesen unterschiedlichen Darstellungsorten kommt meines Erachtens nun der anbrechenden neuen Vernunftausprägung zu: Ruhstorfers Vorschlag, der in einer „produktiven Konstellation“ einerseits alle vorausgegangenen christlich interpretierten Vernunftausprägungen, andererseits aber auch alle (nicht-christlichen) Vernunftausprägungen auf globaler Ebene zusammenstellen möchte,20 ist gerade deswegen als „produktiv“ zu bezeichnen, weil er sich durch die Zusammenstellung die Entstehung eines Mehrwerts erhofft, der über die Summe der einzelnen Vernunftausprägungen hinausgeht und der daher in der Vermittlungsleistung des Zusammenstellens als solchem liegen muss. Gegenüber den anderen, vorangegangenen Geisteshaltungen nimmt die Vernunftausprägung der produktiven Konstellation daher einerseits gewissermaßen den Standpunkt einer deskriptiven Meta-Geisteshaltung ein; aufgrund des theoretischen Anspruchs allen bisherigen und gegenwärtigen Vernunftausprägungen einen Ort bieten zu wollen.21 Andererseits ist sie selbst nur eine Geisteshaltung, eine epochale Vernunftausprägung unter anderen.
Ihre Besonderheit als Meta-Geisteshaltung für die Gegenwart begründet sich dabei allein aus ihrer topologischen Verortung: Es ist diese Vernunftform der „produktiven Konstellation“, die jetzt an der Zeit zu sein scheint, die das Denken jetzt angeht, insofern sie eine Zeitenwende und in dieser eine sich abzeichnende, gerade neu anbrechende Epoche vorstellt. Sie wird als unhintergehbare Vernunftausprägung der Heutigen zum Integrationspunkt und Denk-Ort, von dem aus Vermittlung zu denken ist. Aus dieser sich dem Denken als neue Vernunftform gebender, ja aufdrängenden Plausibilität allein, aus ihrer ereignishaften Aktualität, zieht sie ihre Berechtigung, eine Metaposition im Gegenüber zu anderen Vernunftausprägungen einzunehmen – wie andere epochale Vernunftausprägungen vor ihr andere, ihnen je eigene Plausibilitäten besaßen und von diesen aus ihr Weltbild als Ganzes konzipierten.22
1.3 Wahrheit
Eine wesentliche Plausibilität der Vernunftausprägung der „produktiven Konstellation“ wäre dementsprechend, dass durch Zusammen-Stellung ein (auch theologisch qualifizierter) Bedeutungsüberschuss pro-duziert wird, in dem sich Identität bzw. Wahrheit zeigt. Dabei ist jedoch zu beachten, dass Ruhstorfer – analog zum Begriff der Vernunft – auch den Begriff der Wahrheit höchst differenziert verwendet:23 Sie zeigt sich – wie schon die Vernunft, die der Wahrheit nachdenkt – auf epochal je unterschiedliche Weise: Das neue Wahrheitsverständnis, das dem neuen epochalen Prinzip zuzuordnen ist, zeichnet sich daher ebenfalls durch das konstituierende Element der Konstellation aus: „Dieses Wahrheitsverständnis fordert die Verbindung von geschichtlich gewachsenen Wahrheitsverständnissen der je eigenen Tradition.“24 Und: „Die neue Relationierung der Wahrheit zielt darauf, die produktiven Momente aller Phasen der Metaphysik und der Nachmetaphysik für eine neue, globale Identität** fruchtbar zu machen.“25
Während jedoch die Relationierungen von Wahrheit der vorangehenden Epochen noch einigermaßen deutlich herausgearbeitet werden können,26 fällt es schwer, das „neue Wahrheitsverständnis“ näherhin zu charakterisieren: Denn die der Vernunft einsichtigen Wahrheiten wurden durch die Tradition hindurch immer propositional verfasst.27 Wie werden jedoch propositionale Aussagen aus reiner Zusammen-Stellung ableitbar, die sich einer argumentierenden und dadurch vereinenden Synthese ja gerade verweigern will? Fraglich wird, ob ein solcher Begriff von Wahrheit überhaupt noch als koextensiv mit dem bisherigen Wahrheitsverständnis gelten kann.28
Ruhstorfer muss daher dem Dilemma Raum schaffen, dass seine Meta-Geisteshaltung, die in dem „big picture“ in gewisser Weise zur Darstellung (bzw. zur Zusammen-Stellung) kommen soll, zumindest als in sich abgeschlossene nicht mehr zu postulieren ist, dann nämlich nicht, wenn eine solche Meta-Geisteshaltung vor allem die Plausibilitäten der Moderne (Negation) und der Postmoderne (Dekonstruktion) ernstnimmt, wofür Ruhstorfer immer wieder vehement einsteht.29 Gesucht ist daher eine Metaphysik, die Universalität bzw. Identität „schwächer“ zu denken vermag; schwächer jedenfalls als die Identität der ersten Epoche der Metaphysik es tut, wenn sie eine Identität im Sinne des ist=ist veranschlagt, und ebenfalls schwächer noch als dies der dynamisierte Identitätsbegriff der Neuzeit vermag, der zwar das Moment der Negation in der Identität kennt, dieses jedoch wieder zu einer geschlossenen Identität aufheben kann. Trotzdem soll die neu gesuchte „Identität 3.0“ noch als Identität gelten können.30 Der Begriff der Identität muss dafür an seine äußerste Grenze getrieben werden, dahin, wo gerade eben noch von Identität zu sprechen ist, das Identische sich aber in seinen Sicherheiten permanent selbst in Frage stellt: „Genau in diesem neuen, synthetischen Denken, das komplexe Wahrheiten zu vermitteln vermag, manifestiert sich globale Identität als neuer Grenzbegriff.“31
2. „Eingebaute Schwächungen“
Jeder Grenzbegriff hat aber wesentlich Fluchttendenzen in Richtung Bestimmtheit und ist daher der permanenten Gefahr des Kippens ausgesetzt: Die Forderung nach einem neuen Grenzbegriff von Identität ist dabei insbesondere dazu geeignet, postmodern geschulte Ohren nervös zu machen.32 Ruhstorfer ist sich im Kontext der von ihm geforderten Konstellation der Gefahr des „Rückfalls“ zugunsten der Idealisierung einer der vergangenen Vernunftformen nur zu bewusst33 – und stellt daher Bedingungen auf, die eine sich durch Konstellation konstituierende Identität erfüllen muss.34
2.1 Schwache Identität hat den Charakter einer Narration
Die Betonung der Narrativität seines Ansatzes ist ein tele-semeio-logisches „Erbe“ Ruhstorfers.35 Es geht ihm um eine „Zusammen-Stellung von geschichtlichen Momenten zu einer großen Erzählung“36, die er selbst als „big story“ beschreibt. Was trägt die Verwendung des „story“-Begriffs jedoch hinsichtlich einer Schwächung des Identitätsbegriffs aus? Deutlich macht Ruhstorfer, dass seine epochale Geschichtsbetrachtung und die damit zusammenhängende heilsgeschichtliche Metaphysik in „metaphorische Redeweise“37 gekleidet ist.38
Diese Selbstverortung ermöglicht, dass auch sein eigener Entwurf als eine Geschichte unter bzw. neben anderen verstanden werden kann, ohne zu ihnen schon im Vorhinein in eine ausschließende Konkurrenz eines entweder–oder treten zu müssen. Obwohl er einen eigenen Meta-Entwurf vertritt, erhebt dieser keine absolute Geltung, sondern möchte als Gesprächsbeitrag mit expliziter Einladung zur Diskussion gelesen werden: „Die hier angestrebte Dialektik versteht sich in diesem Sinn als eine Einladung zum Gespräch, zum Gespräch, das seinen Beitrag zu den aktuellen Welt-Geschichten leisten will.“39 Dieser Exponierung des Eigenen zugrunde liegt die in Auseinandersetzung mit der Epoche der Postmoderne gewonnene Überzeugung, dass wir „[n]ur durch eine Öffnung auf das Außen hin […] das Rüstzeug [gewinnen], das uns in die Zukunft trägt“40.
Abgezielt ist dabei immer auch auf einen ästhetischen, theatralen Aspekt: Die unterschiedlichen epochalen Prinzipien sollen in der Gegenwart sprachlich bzw. darstellerisch immer wieder nebeneinander, übereinander und gegeneinander zur Aufführung kommen, und zwar so, dass sie den Rezipienten nicht äußerlich bleiben, sondern ihnen eine existenzielle Resonanzerfahrung ermöglichen, und so auf je eigene Art auf die Offenbarung rückverweisen, diese partiell erhellen und dadurch facettenhaft zum Strahlen bringen:
Jedes der fünf Kapitel hat etwas Besonderes zu sagen und kann im wahrsten Sinn des Worts erbaulich sein. Die Geschichten sollen denkenden und glaubenden Menschen unserer Tage einen intellektuellen Wohnraum eröffnen.41
Der Hinweis auf die Narrativität ist dabei eng verbunden mit der Möglichkeit – nicht jedoch mit der Notwendigkeit! – die so erzählten Geschichten und die alles verbindende Meta-Geschichte als sinnstiftend zu erfahren, wobei der sinnstiftende Charakter sich letztlich durchaus an gewissen Kriterien – an einer „Statik des Gebauten“42 – bemessen lassen muss.
Durch die stark metaphorische, vage Redeweise spitzt sich die oben schon eingeführte Frage jedoch eher zu: Wie ist nun die Verfasstheit der „Statik“ zu verstehen, die „intellektuelles Wohnen“ ermöglicht?43 Denn der Begriff der Statik dient Ruhstorfer ja als Beschreibung des Verhältnisses der Geschichten zueinander. Für eine weitere Anwendbarkeit der Metapher müsste austariert werden, worin ihr Verbindendes besteht und, darüber hinaus, was diejenigen verbindet, die in diesen je unterschiedlichen Geschichten beheimatet sind – oder sich beheimaten. Wie – ob – dies ohne eine Konkretisierung der Vagheiten innerhalb der metaphorischen Redeweise (was wahrscheinlich deren Vernichtung bedeutete) möglich ist, bleibt fraglich.
2.2 Schwache Identität macht das Individuum zum „Konstrukteur seiner Geschichten“
Insofern Ruhstorfer die Einzelne zum Austragungsort der Vermittlung von Allgemeinheit und Besonderheit – zur Herrin über ihre Geschichten – macht, gibt er einer Intuition nach, die zuerst mit der Neuzeit aufkam, sich in der gegenwärtigen Spätmoderne jedoch radikalisiert und transformiert hat; ihr zufolge ist das Individuum Konstrukteur seines Lebens:44
Die Spannung zwischen Partikularität und Universalität, zwischen Allgemeinem und Besonderem ist letztlich in jedem Individuum und in jedem Einzelnen auszutragen. Der Einzelne und die Einzelne wird so zum Ort, wo globale Identität** wirklich wird.45
Mit der Verortung der Bildung von Identität bzw. Wahrheit im Individuum scheint einerseits eine weitere Schwächung des Identitätsbegriffs erreicht, denn eine objektive Identitätsbestimmung über unterschiedliche Individuen hinweg wird spätestens seit der postmodernen Akzentuierung von Alterität verunmöglicht – jedem Individuum wird dadurch eine eigene Geschichtsmacht zugesprochen, insofern es ermächtigt wird, sein Wohnen selbst in Unterscheidung zu anderen zu bestimmen. Allerdings bleibt auch an dieser Stelle vage, welche Freiheit das Individuum gegenüber dem – narrativ, aber doch auch chronologisch zu verstehenden – epochalen Geschichte hat: Ist eine Einschreibung in eine bzw. die Aneignung einer bestimmten Geschichte nur in der jeweiligen historischen Lokalisierung oder auch darüber hinaus möglich? Darf ich mich an den Plausibilitäten einer Epoche bedienen und andere gänzlich vernachlässigen, oder gerät das Gesamtkonzept der Konstellation damit in eine Schieflage? Ist der Rückgriff auf Plausibilitäten unterschiedlicher Epochen kontextgebunden bzw. passen manche Plausibilitäten zu manchen existenziellen Situationen besser als zu anderen – ist in solchen Fällen dann ein Umzug möglich?46
2.3 Schwache Identität ist erkenntnisoptimistisch
Die Verlagerung von Geschichtsmacht in das Individuum ist jedenfalls bleibend mit einem zuerst idealistisch geprägten Epochenmerkmal verbunden, das sich in dem Vertrauen ausdrückt, dass die Welt – und das in ihr lebende Individuum – im Grunde „gut ist“ – bzw. jede Situation Potenzial hat, zum Guten gewendet zu werden, weil in ihr das Göttliche zu sich selbst findet. Im Ruhstorfer’schen Konzept des Individuums werden neuzeitliches und postmodernes Moment ineinandergeblendet. Die dadurch entstandene Überzeugung, dass der Mensch am Ende trotz aller äußerer Bestimmtheit die grundsätzliche Möglichkeit in sich trägt, sich selbst zu bestimmen,47 gegen alle Widrigkeiten der konkreten Niederungen, in denen er sich aktual befindet und dadurch einen „Unterschied im Ganzen“ zu machen,48 führt damit zu einem weiteren Kriterium, das charakteristisch für Ruhstorfers Ansatz ist: Seine „big story“ ist grundlegend erkenntnisoptimistisch und getragen von einem grundsätzlich positiven Weltverhältnis, das darin begründet ist, dass die unterschiedlichen Formen der Vernunft doch in Konstellation gebracht werden können und jeweils Verweisfunktion darauf haben, wovon in der Weisung der Heiligen Schrift(en) als Gott gesprochen worden ist. In dieser Verweisfunktion besteht ein formales gemeinsames Band zwischen den unterschiedlichen Geschichten – selbst wenn es inhaltlich (noch?) nicht (mehr) benennbar ist.
2.4 Schwache Identität ist zukunftsoffen und unabgeschlossen
Dieser Erkenntnisoptimismus trägt ein weiteres Element der Schwächung des Identitätsbegriffs in den Konstellationen-Ansatz ein. Es besteht in seiner prinzipiellen Unabgeschlossenheit und Zukunftsoffenheit – Identität konstituiert sich darin prozessual: Dass die Legitimität dieses Identitätsbegriffs sich an der „Statik des Gebauten“ bewähren muss, ist dabei ein im eigentlichen Sinne pragmatisches Argument. Die Zukunft selbst wird zeigen, ob das System, mit dem die Wirklichkeit zumindest partiell erfasst werden soll, funktional ist – und wo es Ergänzung bzw. Veränderung bedarf. Identität kann somit immer nur (partiell) behauptet, aber niemals letztgültig bewiesen werden – und im besten Fall sind diejenigen, die Identität behaupten, sich dessen bewusst. Identität ist damit nicht länger gemeinsamer Abstoßpunkt, sondern wird zum gemeinsamen, jedoch noch unbekannten Ziel einer Schicksalsgemeinschaft auf dem Weg. Eine solche Identität kann dann als von „synodaler Vernunft“ getragen beschrieben werden.49 Verhärtete dogmatische Positionen sind von diesem Vernunftmodus grundlegend zu hinterfragen, denn sie blockieren den Weg, der doch in die Zukunft führen will:50
Zukunft soll aus der Geschichte hervor-geführt werden und zwar in einem ‚pro-duktiven‘, weil kreativen Sinn. Die Zuwendung zur Geschichte dient also gerade nicht der Restauration, sondern der Innovation.51
In dieser Pro-duktion dem Spielerischen Raum zu geben, ist für das Hinterfragen von Sicherheiten unabdingbar. Erst im spielerischen Einsatz der ganzen Person, der ganzen Existenz, eröffnen sich Möglichkeitsbedingungen für Zukunft: „So wird es möglich, neue Geschichte und neue Geschichten spielerisch zu generieren.“52 Das Spielerische kann somit als ein weiteres Element auf die unvollständige Liste der in den neuen Identitätsbegriff „eingebauten Schwächungen“ aufgenommen werden.
Allen bisher erwähnten Schwächungen ist gemein, dass sie deutliche Parallelen zu Elementen haben, die auch im Pragmatismus von Charles Sanders Peirce zu finden sind. Im Folgenden wird unterstellt, dass sich diese Parallele aus einer wesentlichen Gemeinsamkeit zwischen Peirces und Ruhstorfers Denken erklärt, die in dem Versuch besteht, trotz vollem Bewusstsein für die Notwendigkeit von Dekonstruktion trotzdem zu konstruieren: Wie Ruhstorfer steht auch Peirce vor der Schwierigkeit, einerseits einen Entwurf zu vertreten, der zumindest implizit und unter bestimmter Hinsicht stark metaphysische Ansprüche in Form eines umfassenden, in sich weitgehend geschlossenen Entwurfs vorträgt,53 dessen Geltungsanspruch anderseits aber einer grundsätzlichen Relationierung bedarf, damit der Entwurf den selbstgesetzten Grundprämissen noch entspricht. Eine zentrale Rolle bei der Vermittlung dieser Gegensätzlichkeiten spielt bei Peirce die logische Schlussform der Abduktion. Im Folgenden soll nun in groben Zügen dargestellt werden, wie insbesondere das Konzept der Abduktion ähnliche Momente der „Schwächung“ bzw. Vagheit in Begriffsbildungen einführt, wie dies Ruhstorfers Anliegen mit dem Identitätsbegriff zu sein scheint. Es wird daher unterstellt, dass die Figur der Abduktion, wie Peirce sie einführt, auch dazu geeignet sein könnte, Ruhstorfers Rede von einer „produktiven Konstellation“ weiter zu plausibilisieren. Dieser Unterstellung wird im Folgenden zunächst eine skizzenhafte Darstellung der Schlussform der Abduktion vorangestellt,54 an die sodann die anvisierte Zusammenstellung anschließt, die dann abschließend daran zu bewerten ist, in welchem Maße sie sich als produktiv erweist.
3. Voranstellung: Eine Darstellung des Abduktionsschlusses
Abduktion ist als eine vernunftinduzierte Reaktion auf den Zweifel daran zu verstehen, dass etwas innerhalb der gewöhnlichen „Standardbahnen“ erklärt werden kann: „Es handelt sich […] um pragmatische Schlüsse, die in bedrängender Sprachlosigkeit nötig werden.“55 Der in einer solchen Situation entstehende Handlungsdruck verlangt, dass eine Tatsache, die einen von einem wie auch immer gearteten Außen „an-geht“, d.i. „über-rascht“, erklärt wird. Gesucht wird nach einer Regel, die die überraschende Tatsache erklären kann; das Problem ist jedoch, dass es diese Regel noch nicht gibt, sie muss erst aufgestellt werden. Bevor eine neue Regel jedoch als solche formuliert und dann aufgestellt werden kann, muss sie zunächst als Hypothese unterstellt werden. Wie kommt man aber zu einer Unterstellung, die nicht rein arbiträr ist, sondern die einen gewissen heuristischen Wert beanspruchen kann? Peirce bringt hier – nota bene: innerhalb eines logischen Schlussverfahrens – einen Prozess ins Spiel, den er musing nennt, und der vergleichbar mit einem Inspirationsprozess ist.56 Im musing kommt es zu einer produktiven Spannung zwischen etwas gerade noch Unbekanntem, sprachlich wie gedanklich noch nicht klar Fassbarem und dem bereits Bekannten, auf das das Unbekannte notwendigerweise bezogen wird. Am Anfang steht dabei die aktive Selbstkonfrontation des musers mit etwas ihn Überwältigendem:
Es gibt in der Abduktion […] sowohl ein Moment von Kontinuität und wie eines von Diskontinuität, ein Moment von Zumutung und ein Moment von Bestärkung. Interessant dabei ist, dass mit der Zumutung begonnen wird, weil sie von dem Ort ausgelöst werden, dessen verstörendem Potential nicht ausgewichen wird.57
Dass der menschliche Verstand überraschenden Tatsachen Erklärungsmuster unterstellt, die bei näherer Betrachtung häufiger richtig als falsch sind, ist Peirce zufolge einer instinktiven Intuition anzurechnen, die gemeinhin mit dem Konzept des common sense umschrieben wird, und die von Peirce durch die leibseelische Kontinuität des Menschen zu seiner Umwelt erklärt wird. Musing, verstanden als absichtsloses – spielerisches – Sein in und mit dieser Umwelt, hilft nun dabei sich „einzutunen“ auf die eigene, vorreflexive Fähigkeit einer logica utens, die es vermag, sinnvolle Schlüsse vorzusortieren, die dann von der logica docens innerhalb methodisch gesicherter Verfahren symbolisiert und pragmatisch analysiert werden können.58
4. Zusammenstellung: Schwache Identität – abduktiv gewendet
Insofern abduktives Denken zu verstehen ist als ein vorsichtiges Vortasten auf einem Feld, auf dem man notwendigerweise noch blind ist,59 bietet es sich als die Methode der Wahl an, um sich der Frage anzunähern, was in einer Situation zu tun wäre, die als „Zeitenwende“ begriffen wird. Die Anwendung dieser Methode soll im Folgenden anhand eines schematisierten Abduktionsschlusses veranschaulicht werden:
[1] Zunächst ist nach der konkret bedrängenden Situation zu fragen, nach dem Problem, auf das es keine Antwort zu geben scheint. Dieses drängt sich in unserem Falle als soziologisch beschreibbares Problem auf: Die Theorien, die sich in Reaktion auf mit der Moderne entstehende soziologische Fragen entwickeln, liefern, so die Erfahrung nicht nur Ruhstorfers, zwar das Know-How, mit denen sich viele Gegenwartsprobleme erklären lassen, allerdings lassen sie eine gewisse Defizienz darin erkennen, diese Probleme auch zu lösen.60 Die Postmoderne hat ein immenses Wissensgebäude errichtet, aber es wird immer offenkundiger, dass wir in diesem Gebäude nicht länger unbehelligt leben können:61 „Unser gemeinsames Haus brennt.“62 Wir sehen uns zusehends vor die Tür gesetzt – und müssen uns einen anderen topos suchen, ganz realiter, aber eben auch epistemisch.
[2] Nun folgt die Suche nach einer Erklärung: Der Befreiungsschlag, mit dem versucht wird, der dieser Sprachlosigkeit verursachenden Situation zu entkommen, wäre die Setzung von Differenz in Form einer Zäsur, eben durch die Proklamation einer Zeitenwende. Dass die Zeiten sich wenden, ist dabei jedoch eine Hypothese, deren Gültigkeitsstatus keinesfalls unangefochten gelten kann.63
[3] Im letzten Schritt des Abduktionsschluss wird einer Erklärung sodann eine ihr bisher noch fehlende – weil eben noch nicht bekannte – Regelhaftigkeit unterstellt. Gewendet auf Ruhstorfers Ansatz hieße dies: Wenn es der Fall wäre, dass die Postmoderne Erschöpfungserscheinungen zeigte; dass sich in ihr selbst nur ein Narrativ mit begrenzter Gültigkeit ausspräche und dass Narrative ihre Plausibilitäten notwendig wechseln, dann wäre das als Zeitenwende charakterisierte Phänomen nicht überraschend, sondern könnte als logische Konsequenz einer – in der Diktion Ruhstorfers – an ihre Grenze gekommenen epochalen Vernunft begriffen werden.
Als Abduktionsschluss gewendet kann Ruhstorfers Suche nach einer neuen Allgemeinheit verstanden werden als Suche nach einer Regel (Regeln haben definitionsgemäß einen allgemeinen Charakter), die sich als nützlich erweist, um eine zumindest in Teilen als Bedrängung erfahrene gegenwärtige Situation einzuordnen. In diesem Sinne ließe sich nicht nur die Vernunftausprägung der nun neu anbrechenden Epoche der Konstellation, sondern – viel weiterreichender – die Methodik, von der der gesamte Ansatz Ruhstorfers getragen ist, abduktiv nennen. So verstanden ginge es Ruhstorfer zuvorderst um den Anstoß eines Prozesses von Kreativität auf der Suche nach einem Gebäude, dessen Statik nicht bereits deterministisch vorgegeben ist. Gleichwohl blieben wir bei aller Kreativität auf das Bauzeug ange- bzw. rückverwiesen, das uns die Geschichte zur Verfügung stellt – unsere Zukunft bestimmt sich einerseits unvermeidlich durch ihre Kontinuität mit unserer Herkunft.64 Andererseits übernehmen wir das Bauen der Zukunft doch selbst; in einem Prozess, in dem wir uns auch selbst hinsichtlich der Frage bestimmen, in welchem Gebäude wir leben wollen, weil wir es für gut befinden, für lebenswert halten. In der Proklamation der Zeitenwende steckt also sowohl innovative als auch performative Kraft: Denn indem sie benannt bzw. gefordert wird, ereignet sich eine Anstrengung, die darauf abzielt, im Denken neu anzusetzen und damit: Zeiten zu wenden. Was lebenswert – sinnvoll – erscheint, ist – on the long run – jedoch nicht allein die Entscheidung des einzelnen Individuums, sondern dessen abduktive Intuition ist in einem demokratischen Prozess induktiv und deduktiv zu erschließen: Dabei zählt das im pragmatischen Sinne beste Argument, das anzeigt, ob die „Statik des Gebauten“ sich als haltbar erweist. Dieses Vorgehen ist nur als vages Vorgehen – als Tasten – möglich: Der Ortswechsel65 ist als gemeinsame, interdisziplinäre, intergenerationelle und interkulturelle kon-stellative Kraftanstrengung zu verstehen, die einen bestimmten „Gärungsprozess“ benötigt:
Direct endeavor can achieve almost nothing. It is as easy by taking thought to add a cubit to one’s stature, as it is to produce an idea acceptable to any of the Muses by merely straining for it, before it is ready to come.66
Solche Geisteshaltung erfordert eine grundlegende Akzeptanz dessen, was ist – im Sinne einer präsentischen Eschatologie, die zu einer Haltung der Gelassenheit zu führen vermag. Was ist, was kommen wird, ist in gewissem Sinne gut – vollbracht. Dies ist die neuzeitlich, idealistische Einsicht, die Ruhstorfers wie Peirces Kosmologie tief prägen. Das Ganze ist umfangen, dadurch dass es im Letzten als sinnvoll erfahren (oder besser: postuliert) ist.67 Dieses Bewusstsein dient als das Standbein, als Integrationsanker, der es dem Spielbein erst ermöglicht kreativ in den Dialog mit seiner Umwelt einzutreten.68
5. Pragmatische Überlegungen zum Verhältnis von menschlichen und narrativen Personen
Interessant ist in unserem Kontext auch eine weitere Peircesche Intuition, wonach die Verwirklichung von concrete reasonableness in der Zukunft nicht mit dem Verhalten des einzelnen Individuums steht oder fällt. Stattdessen ist das Individuum als in eine zutiefst relationale Struktur eingebettet zu verstehen, wobei die Relationen das Individuum selbst erst relationierend konstituieren – oder auflösen. Wer mit Peirce davon ausgeht, dass Personalität sich durch einen Prozess der Habitualisierung konstituiert, und ihr kein Wesenskern zu eigen ist, gewinnt ein Verständnis von Individualität, das nur vor dem Hintergrund von Relationalität überhaupt gedacht werden kann.69 Das Konzept von Personalität besteht diesem Verständnis zufolge darin, dass etwas eine schlüssige, gute Geschichte (= im Sinne des Aufeinanderschichtens von Argumenten) vorweisen kann,70 die Anerkennung erfährt, in dem Sinne, dass sich jemand diese Geschichte zu eigen macht. Auf solche Weise „geschichtete“ Personalität ist nicht auf menschliche Individuen beschränkt, sondern auch Kollektive, sogar Ideen können so als Personen begriffen werden.71 Personale Individualität wird so zu einem Ort, der ein besonderes Ereignis indiziert, das jedoch nur vor dem Hintergrund von Allgemeinheit als bedeutendes Ereignis intelligibel gemacht werden kann. Dabei konstituiert sich die Individualität der Person durch (gesellschaftlich vermittelten) Anspruch und Zuspruch. Sie ist die symbolische Codierung eines Ereignisses, in der Vermittlung von Besonderheit und Allgemeinheit geschieht.72
Ein solch semiotisches Verständnis von Personalität könnte sich als hilfreich dabei erweisen, zu zeigen, auf welche Weise es möglich wäre nachzuvollziehen, dass in Ruhstorfers Ansatz die epochalen Prinzipien als wirksam, quasi-handelnd als „personae dramatis“ angesehen werden.73 Verstanden als Zeitgeist, den eine Epoche ausbildet, sind die Prinzipien einerseits natürlich wesentlich bestimmt von den menschlichen Individuen, die in einer Epoche leben und von der Kultur, die diese Individuen schaffen.
Andersherum bilden diese Individuen eben nicht nur ihre eigenen Personalitäten aus, sondern konstituieren durch anerkennende Habitualisierung auch die Personalität des jeweiligen epochalen Prinzips74 – so lange, bis es, in Ruhstorfers Diktion,75 als „vollendet“ gelten muss, seine Plausibilitäten und dadurch Anerkennung verliert und demzufolge nicht länger habitualisiert, sondern dekonstruiert wird.76
Die epochalen Prinzipien sind in diesem Sinne „Personen“, wie wir alle Personen sind, insofern und nur so lange jemand sie bzw. uns als solche anerkennt – und bei dieser Anerkennung kommt es auf den liebenden Blick und nicht auf eine kritische Masse an:
Love is not directed to abstractions but to persons; not to persons we do not know, nor to numbers of people, but to our own dear ones, our family and neighbors. ‚Our neighbor,‘ we remember, is one whom we live near, not locally perhaps, but in life and feeling.77
Das bedeutet aber, dass die epochalen Personen und die menschlichen Personen sich gegenseitig konstituieren und dadurch intrinsisch miteinander verwoben sind. Und es bedeutet letztlich auch, menschliche Personen als zutiefst und untrennbar eingebunden in epochale Verhältnisse zu begreifen, als topologisch verortet. „Kein Individuum vermag seine Zeit zu überspringen“, weil alle Plausibilitäten bzw. Selbstvergewisserungen verwiesen bleiben auf logische Argumentationsketten. Bestimmte Epochen bilden bestimmte Evidenzen aus, können sie aber auch wieder verlieren. Nach dem Evidenzverlust setzt die Suche nach neuer Evidenz aber eben nicht wieder bei null ein, sondern stets auf Grundlage des „Vollendeten“ – das Argument als kontinuierlich fortlaufender Schluss bestimmt sich weiter fort. Dies widerspricht allerdings nicht der Einsicht, dass ein Zeitgeist – als symbolisiertes Ereignis – tatsächlich aus der Geschichte hinaus destilliert, theoretisch abgegrenzt und näherungsweise bestimmt werden kann.
Verbinden wir nun Peirces pragmatizistische Theorie einer Evolution durch kontinuierliche Schlussprozesse mit der Idee der sich abzeichnenden Zeitenwende, die sich in einer Neukonstitution von Zeitgeist äußerte, dann ließe sich fragen, ob wir die Personalität der Postmoderne noch habitualisieren, oder ob sie – als Meta-Metaphysik – ihre Plausibilität induktiv gerade verliert. Es wäre dann nur folgerichtig, in einem methodisch die Argumentationskette fortführenden nächsten Arbeitsschritt wieder abduktive Thesen zu wagen.
Wir befänden uns dann in einer strukturell vergleichbar geschichtlichen Situation, wie, Ruhstorfer zufolge, etwa die Vorsokratiker (Parmenides), die Neuplatoniker (Plotin), die Spätscholastik (Cusanus/Meister Eckhart), die Junghegelianer oder auch die radikalisierte Phänomenologie78 und die mit Peirce als von einem vorrangig „abduktiven Epochengeist“79 geprägt zu beschreiben wäre: Die epochale Plausibilität der Postmoderne scheint verzehrt80 und wir stehen an der Schwelle, suchend und tastend einen Weg bahnend, der zwar noch nicht da ist, der sich aber durch unser Suchen und Tasten zunächst als Trampelpfad konstituiert und der dadurch, dass ihm gefolgt wird, immer breiter ausgetreten und damit immer stärker plausibel wird.
6. Bauen auf sandigem Grund
Ein solch abduktiv-konstellativer Vorschlag, der eine schwache Identität als neuen Epochengeist vorstellt, erscheint attraktiv vor allem weil er in Kontinuität zu Einsichten der Postmoderne steht – und diese nicht einstampft, sondern fortbestimmt. Die Einsichten der Postmoderne sind bereits in den Kern des Subjektdenkens eingetragen worden: Es ist gut möglich, dass dadurch der Mensch als definierbare Größe verschwinden wird wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.81 Dass diese Einsicht mit guten Gründen zu tiefer Verunsicherung führt, hat die Postmoderne ausdifferenziert. Muss uns diese Einsicht jedoch so beunruhigen, dass wir fortan alles Bauen unterlassen müssen? Was spricht dagegen, im Grenzgebiet auf sandigem Grund Sandburgen zu bauen, wenn dies der einzig verbliebene Grund ist?82 Dass konstruierendes Bauen auch auf solchem Grund bleibend notwendig ist, kann als das verbindende Anliegen derjenigen geltend gemacht werden, die eine Zeitenwende fordern. Die bleibende Herausforderung ist, dass bei allen Baumaßnahmen fortan auf einen „solid ground of fact“ verzichtet werden muss – stattdessen wird es zur Aufgabe der Wissenschaft und mit ihr der Theologie, sich darauf einzurichten, auf moorigem Sandboden zu bauen, im Bewusstsein, dass das Gebäude jederzeit weggewaschen werden kann. Mit Peirce:
The only end of science, as such, is to learn the lesson that the universe has to teach it. […] It is driven in desperation to call upon its inward sympathy with nature, its instinct for aid […]. But in so far as it does this, the solid ground of fact fails it. It feels from that moment that its position is only provisional. It must then find confirmations or else shift its footing. Even if it does find confirmations, they are only partial. It still is not standing upon the bedrock of fact. It is walking upon a bog, and can only say, this ground seems to hold for the present. Here I will stay till it begins to give way.83
Solcherart Bauen hat insofern ein spielerisches Element, als es gewisse Parameter ausblendet und für gewisse Zeit eine von der faktischen Situation differente „als-ob-Haltung“ einnimmt und diese in dem Maße kultiviert, in dem sie sich als zielführend erweist. Die spielerische Haltung gegenüber der Welt verlangt die selbstbestimmte Kultivierung einer Ästhetik des eigenen Lebens; das Individuum ist aufgefordert, sich seinen „intellektuellen Wohnraum“ einzurichten, der den Herausforderungen des Lebens standhält. Die Herausforderung besteht darin, einerseits bedingungslos anzuerkennen, dass das Ich wirklich nicht Herr:in im eigenen Haus ist, und doch andererseits dadurch nicht den Mut zu verlieren, und trotz dieses Wissens weiterhin Geschichten zu erzählen, die von dem Standpunkt aus, an dem man sich in seiner je eigenen Lage befindet, darauf abzielen im Letzten einen Anspruch auf Gültigkeit zu erheben.
Das Austarieren der Gültigkeit ist jedoch nur gemeinschaftlich und im Prozess vorstellbar – kein noch so kleines Detail ist dabei unwichtig, weil es womöglich unter veränderter Perspektive und bei wankendem Grund einst zur Statik des Gesamten beizutragen vermag. Einen solchen komplexen Gebäudebau trotzdem anzugehen, erfordert Resilienz, die Fähigkeit mit Scheitern und existenzbedrohender Kritik umzugehen und die gedankliche Flexibilität, Gebäudestrukturen jederzeit umzubauen und anzupassen, wenn es notwendig wird. Als Grenz-Perspektive erfordert eine schwache Identität radikales Vertrauen darauf, dass die unterschiedlichen Geltungsansprüche von einem Transzendenten her vervollkommnet werden können, denn aus sich heraus kann das Subjekt Vervollkommnung nicht herstellen. Und dennoch konstituiert das Einzelne, als individuelles Ereignis, – wie prekär auch immer – Identität in Form von Allgemeinheit mit. Im Prozess, innerhalb einer performativen „logic of events“84 ist Allgemeinheit und Identität, um sich im Ereignis dann sofort wieder zu verflüssigen.
Identität ist so womöglich als wesenhaft aus der Zukunft auf uns kommende zu denken, sie zu verwirklichen aber ist ein offener Prozess mit unabsehbarem Ende: Insofern ist sie schwach. Identität existiert als Idealbild (und als solches hat sie sich vor allem in der ersten Epoche der Metaphysik zu denken gegeben); sie ist die lockende Zielvorstellung, der wir faktisch nur in Annäherung entsprechen können, die aber all unser Streben lenkt.
7. Trotz – oder was am Ende bleibt
Am Ende dieser Überlegungen zu einem gewinnbringenden Zusammenlesen des Konstellationen-Ansatzes mit Peirces Abduktionstheorie ist noch einmal auf das Ausgangsanliegen zurückzukommen:
Es konnte gezeigt werden, inwiefern Ruhstorfer mit seiner Rede von den „Vernunftkonstellationen“ darum bemüht ist, auf gewisse Weise „zeitgemäße Metaphysik“ zu betreiben – seine Geschichtstopologie ist in hohem Maße spekulativ, was allerdings unproblematisch bleibt, solange der Geltungsanspruch mit dem sie auftritt, abduktiv verstanden wird.85 Dass der mit dem Konstellationen-Ansatz einhergehende Geltungsanspruch tatsächlich als abduktiv zu beschreiben ist, konnte in zwei Schritten eruiert werden: Zunächst wurde im ersten Teil eine Aufstellung von „Schwächungselementen“ innerhalb des Identitätsbegriffs erarbeitet, den Ruhstorfer als Identität seiner Konstellation veranschlagen möchte. Im zweiten Schritt wurde dafür argumentiert, dass es ebendiese Schwächungen bzw. Vagheiten sind, die die Logik des Abduktionsschlusses ausmachen, der eben gerade keinen deduktiv- bzw. induktiv-logischen Begründungsstrukturen unterliegt.86 In einem weiteren über diese einfache Identifikation hinausgehenden Schritt wurde außerdem angedeutet, wie die Anwendung der Schlussformen von Abduktion, Induktion und Deduktion auf das geschichtstopologische Denken von Ruhstorfer angewendet werden könnten. Daran anschließend wurde vorgeschlagen, den topologischen Ort der Zeiten-Wende selbst als ein abduktives Geschichtsmoment zu verstehen. Daraus ergab sich dann eine zunächst wissenschaftstheoretische Einsicht: Wahrheitssuche, wie sie im 21. Jahrhundert nach der Postmoderne noch zu betreiben wäre – weil sie notwendigerweise noch betrieben werden muss, was als Erkenntnis der als so postulierten „Zeitenwende“ gelten kann –, ist nurmehr eine „Wanderung über ein Moor“. Um es mit der Philosophin Margarete Susman zu sagen:
Niemals war sie [die Wahrheit Gottes] da, niemals wurde sie gefunden im Lande der Lebendigen. Niemals war sie zu ergreifen ohne die Entscheidung des Menschen; immer mußte sie mit allen Kräften des Seins und Tuns aus dem ungeheuren Wirrwarr der Stimmen und Kräfte um uns her herausgerissen werden. […] [A]ber Gott, der allein den Weg zu ihr weiß, hat sie auch für alle Zeiten den Menschen offenbart.87
In dieser wissenschaftstheoretischen Haltung, die jedoch darüber hinaus als Lebenshaltung kultiviert werden muss, damit sie nachhaltig Wirksamkeit zeitigen kann, liegt meines Erachtens die Sinnspitze, die auch den Konstellationen-Ansatz von Karlheinz Ruhstorfer maßgeblich prägt. Das dieser Vernunftausprägung wesentliche Wissen um das bleibende Provisorium allen Bauens kann wiederum religiös gewendet werden und gar als spezifische Ausprägung des Christlichen verstanden werden:
In einem nahezu liturgischen Vollzug werden in solch provisorischem, konstellativem Bauen individuelle Gaben – Vernunftausprägungen – hingestellt: In der Hoffnung darauf, dass Verwandlung ihrer Unvollkommenheit stattfinden möge. Dass doch Harmonie werden kann, wo faktisch stets auch Chaos und Dunkelheit herrscht. So wäre abschließend zu fragen, ob nicht gerade Trotz, verstanden als ein Trotzdem im vollen Bewusstsein über die eigene Unvollkommenheit, als Signum der Vernunft unserer Tage in Erscheinung tritt: „Es ereignet sich aber / Das Wahre!“
Literatur
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Hölderlin, Mnemosyne.
Vgl. explizit v.a. Ruhstorfer, ‚Lang ist die Zeit‘, S. 224.
Für eine eingehendere Darstellung dieses Vorschlags sei auf Ruhstorfers Aufsatz am Anfang dieses Bandes verwiesen, auch andere Theorieelemente des sehr differenziert ausgearbeiteten Ansatzes Ruhstorfers werden in diesem Beitrag weitestgehend vorausgesetzt und nur bei direkterer Auseinandersetzung mit ihnen nochmals näher erklärt.
Vgl. Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 7 und S. 20–27.
Die These, der in diesem Beitrag gefolgt wird, besteht darin, dass die „produktive Konstellation“, wenn sie als zeitgemäße Vernunftausprägung gelten soll, dann auch die „epistemische Brille“ wäre, mit der Ruhstorfer – aufgrund seiner topologischen Verortung – seinen gesamten Ansatz zu vermitteln hätte. Vgl. Whitehead, Religion in the Making, 71–73. In diese Richtung ließe sich m. E. auch Ruhstorfer, Verdeutlichung, S. 248 interpretieren.
Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 7. Die Formulierung der Vorstellung lässt sich dahingehend lesen, dass mit ihr bereits ein Hinweis auf die Art der Geltung gegeben wird: Es ginge Ruhstorfer mit dem gesamten Ansatz vorrangig um eine Vor- bzw. Unterstellung einer Meta-These („big story“).
Diese Streuung von Wahrheit bzw. unterschiedlicher Vernunft ist ein wesentlich postmodernes Element im Ansatz von Ruhstorfer selbst – vorrangig dieses Element führt dazu, dass eine Vermittlungsproblematik der unterschiedlichen epochalen Vernunft-Weisen überhaupt entsteht, insofern es wesentlich für Unabgeschlossenheit und Offenheit steht, vgl. Ruhstorfer, Verdeutlichung, S. 248.
Vgl. Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 51: „Wie wir noch mehrfach sehen werden, gewinnt die Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft gerade in der Krise der Gegenwart wieder an prinzipieller Bedeutung. Vernunft ist das Vermögen, das Prinzipien unmittelbar einsieht. Verstand dagegen ist das Vermögen der widerspruchsfreien Schlussfolgerung. Der Verstand ist stets mit Endlichkeiten befasst und denkt bipolar im Ausschluss von Gegensätzen.“ Vgl. Ruhstorfer, Offenbarung, S. 389–391.
KrV A 298/B 356.
Vgl. Stolzenberg, System der Vernunft, S. 11–15.
Diesem Verständnis von Vernunft wurde insbesondere durch die Postmoderne widersprochen, vgl. Schnädelbach, Vernunft, 121, sowie seine spezifische Machtförmigkeit und sein Eurozentrismus herausgearbeitet, vgl. Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft, S. 68, v.a. S. 163.
Vgl. Ruhstorfer, Gotteslehre, S. 28f.: „[S]o erscheint nun die transzendentale Weisung als das einheitsstiftende Moment, das wiederum selbst in seiner Vernünftigkeit nur durch die Vielfalt der kategorialen Verhältnisse angemessen gedacht werden kann.“
Vgl. Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 209: „Ich nehme an, dass in Jesus Christus die Fülle der Wahrheit zur Welt gekommen und im Heiligen Geist gegenwärtig geblieben ist. Diese Wahrheit hat zu denken gegeben, affirmativ, destruktiv, dekonstruktiv, deshalb wird die Vernunftgeschichte für die Glaubensbegründung elementar.“ Diese höhere Vernunft wäre trinitarisch gewendet wohl parallelisierbar mit dem Geist, wobei sich hier durchaus die Frage stellen ließe, ob von dieser „höheren Vernunft“ als Bedingung der Möglichkeit der epochalen Vernünfte überhaupt noch als Vernunft gesprochen werden kann, da sie ja gerade ein wesentliches Definitionsmerkmale des Vernunftbegriffs nicht mehr erfüllt, nämlich theoretisch allgemein zugängliches Vermögen des Denkens darzustellen.
Vgl. Ruhstorfer, Freiheit – Würde – Glauben, S. 18–20.
Zur Verwendung des Begriffs der „metaphysischen Heilsgeschichte“ vgl. Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 124–126.
Hier wird ein Metaphysik-Begriff genutzt, der zu unterscheiden ist von einem enger gefassten Metaphysik-Begriff der wesentlich die onto-theologische Epoche und deren spezifische Vernunftausprägung charakterisiert. Stattdessen geht es diesem sehr weitgefassten Metaphysik-Begriff je perspektivisch um die letzten, unhintergehbaren Plausibilitäten, denen Vernunft an ihrem jeweiligen topologischen Ort unterworfen ist. Vgl. zu diesem weiteren Metaphysik-Begriff, der auch über die onto-theologische Epoche hinweg verwendet werden kann bspw. Whitehead, Religion in the Making, S. 71–73, bzw. Tetens, Gott denken, S. 16–20.
Vgl. Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 105: „Identität [darf] keinen Rückfall in vorkritische Zeiten meinen […]. Die erarbeiteten Einsichten der Moderne und Postmoderne bleiben gültig – auch in Zeiten globaler Identität. […] Kein Individuum überspringt seine Zeit und seinen Raum.“
Vgl. Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 4.
Ruhstorfer, Der Gott, den wir brauchen, S. 124.
Vgl. Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 22.
Vgl. Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 23, FN 67; von einem Aufgehobensein vergangener Vernunftausprägungen in der gegenwärtigen geht grundsätzlich schon Boeder, Topologie der Metaphysik, 50, aus: „Die Vernunft, welche in jeder seiner Epochen ihre Bestimmung erfüllt hat, ist verschieden, um mit ihren Prinzipien gegenwärtig zu bleiben.“
Dieser Interpretation zufolge wäre im System keine der Positionen den anderen systematisch-absolut vorgeordnet, auch wenn bestimmte epochale Plausibilitäten systematische Vorordnungen bestimmter epochaler Vernunftausprägungen konkret immer wieder befördern.
Vgl. zur Parallelisierung von Vernunft und Wahrheit Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 43 sowie S. 136: „Die Wahrheit hält die Gegensätze der Welt zusammen und garantiert deren Differenzeinheit.“
Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 135.
Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 155.
Vgl. Ruhstorfer, Verortungen, S. 155f., sowie Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 127f.
Vgl. Szaif, Wahrheit, S. 50f.
Wäre ein solcher Begriff noch in der Lage, ontologische Verpflichtungen zu übernehmen – und damit letztlich überhaupt noch Aussagen über Wahrheit bzw. Falschheit tätigen zu können – oder liefe eine Konstellation letztlich doch auf ein unverbundenes Nebeneinanderstellen in sich abgeschlossener und nicht weiter vermittelbarer Entitäten hinaus, über das man schweigen muss? Dass Letzteres nicht als Ruhstorfers Anliegen gelten kann, sollte durch das zuvor Gesagte bereits hinreichend klar geworden sein. Vgl. Ruhstorfer, Verdeutlichung, S. 247.
Eine Frage, der in diesem Beitrag nicht weiter nachgegangen wird, besteht darin, wie man dem Anliegen einer einzelnen Epoche – vor allem der Moderne und Postmoderne – mit einer sie erneut einschließenden Klammer überhaupt gerecht werden kann. Ruhstorfer löst dies, insofern er Moderne und Postmoderne auf die vorangegangene Onto-Theologie und deren Begriff von Metaphysik bleibend verwiesen bezieht, beispielsweise in Ruhstorfer, Christologie, S. 30–38 in Auseinandersetzung mit Derrida. Die Postmoderne eben auch noch als eine Form des Ganzen und Teil der metaphysischen Heilsgeschichte zu begreifen, birgt die Möglichkeit, auch für ihre Ansprüche und Plausibilitäten begrenzte Gültigkeit zu veranschlagen – wobei die Grenzen dieses Vorgehens eigens auszuloten wären.
Vgl. Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 35–37: „Um die aktuellen Gefahren bestehen zu können, brauchen wir, braucht die Weltgemeinschaft gerade auch Allgemeinheit, Universalität und Katholizität. [S. 35] […] Das „Katholische“ ist ein Signum der Zeitenwende, d.h. der neuen, sich in unseren Tagen eröffnende Phase der Selbstmitteilung Gottes in ökumenischer Globalität [S. 37].“
Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 125. In diesem Zitat zeigt sich bereits ein Ringen Ruhstorfers um einen Begriff von Synthese, die nicht eigentlich aufhebende Synthese im Sinne Hegels sein will, sondern Konstellation.
Dem zu Grunde liegt die von Friedrich Nietzsche formulierte und seitdem immer wieder transponierte Annahme, dass „der Wille zum System […] eine Form der Unmoralität“ sei, vgl. Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, NF-1887, 11 [410].
Vgl. etwa Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 105; S. 126; Ruhstorfer, Gotteslehre, S. 22; „Die Antwort auf die Frage unserer Tage kann also nur in Richtung einer differenzierten Einheit und einer vermittelte[n] Verbindlichkeit gehen, die nicht hinter die Einsichten der paradoxischen Vernunft, etwa eines Derrida, zurückfallen.“
Diese Bedingungen sind hauptsächlich Einsichten der tele-semeio-logischen Epoche, die in der neuen Identität bewahrt – aufgehoben – bleiben sollten und diese so von den onto-theologischen Identitäten unterscheiden.
Hans Blumenberg zufolge ist „die Metaphysik oft nur eine ‚beim Wort genommene Metaphorik‘ […][und daher] tritt die Metaphorik nach einem zu erwartenden Schwund der Metaphysik mit verstärktem Nachdruck auf den Plan“. Vgl. dazu Weinrich, Metapher, Sp. 1182. Vgl. bei Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 133 sowie S. 205, Fn. 112, sowie Ruhstorfer, Verdeutlichung, 241: „Die metaphorische Rede vom ‚Gott über uns‘, ‚Gott unter (zwischen) uns‘ und ‚Gott in uns‘ darf aber in keiner Weise überstrapaziert werden.“
Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 22.
Ruhstorfer, Verdeutlichung, S. 241.
In Metaphern existiert aufgrund ihrer analogen Übertragungsweise immer ein Residuum für Undeutlichkeit, eigene Interpretationsmöglichkeiten, Vagheit bzw. Kreativität, die in der Philosophie wahlweise geächtet oder aber als unumgänglicher Urzustand menschlicher Sprache anerkannt wurde, vgl. Weinrich, Metapher, Sp. 1179–1182.
Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 7.
Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 36.
Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 21.
Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 6: „Die Frage, inwiefern es legitim ist, derartige logische Kategorien aufzunehmen und als aus der Geschichte genommenes Bauzeug für deren Rekonstruktion zu verwenden, muss sich an der Statik des Gebauten selbst bewähren.“
Bei der Metapher des „intellektuellen Wohnens“ klingt bei Ruhstorfer wohl am ehesten ein über Heribert Boeder vermittelter Bezug an Martin Heideggers Bauen Wohnen Denken an. Wiewohl sich die Metapher durch die gesamte Philosophiegeschichte zieht, lässt gerade der Begriff der „Statik“ auch an Kants „architektonischen“ Anspruch an ein Wissensgebäude denken, vgl. KrV A 13/B 27, sowie KrV A 831–851/B 860–879.
Wie sehr der Imperativ vom Individuum als Konstrukteur seines eigenen Lebens gerade die Spätmoderne prägt, hat pointiert Andreas Reckwitz herausgearbeitet: Vgl. Reckwitz, Gesellschaft der Singularitäten.
Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 157.
Es ließe sich hier weiterfragen, inwiefern eine solche narrative Identität eine Individualisierungstechnik ist, die Andreas Reckwitz mit dem Begriff der „Hyperkultur“ als hybride, spezifisch spätmoderne und wesentlich kapitalismuskompatible Ausprägung von Identitätsbildung beschrieben hat. Und daran anschließend: Ist es möglich, sich aus dem Fundus der Tradition und der Kultur zu bedienen, wie es einem gerade gefällt? Vgl. Reckwitz‘ Begriff der „Hyperkultur“ in Reckwitz, Das Ende der Illusionen, S. 36–42. Andererseits scheint ein kreativer Umgang mit der Tradition und Kultur kein rein spätmodernes Spezifikum zu sein, vielmehr könnte sich hier ein weiterer Hinweis auf einen verstärkt abduktiven „Zeitgeist“ in/am Ende der Spätmoderne finden lassen.
Zu diesem m. E. vor allem von Michel Foucault inspirierten Gedanken vgl. Ruhstorfer, Konversionen, S. 62–67, Ruhstorfer, Christologie, S. 42, sowie Ruhstorfer, Michel Foucault, S. 294f.
Vgl. Ruhstorfer, Konversionen, S. 27, sowie Boeder, Topologie der Metaphysik, S. 50: „Eine Philosophie, die sich – gleichgültig gegen das Vollbrachte der reinen Vernunft – auf die Endlichkeit des menschlichen Denkens beruft, um ihren Widerwillen gegen das Vollbringen zu erklären, ist dadurch entkräftet, daß sie der Vernunft ihre Freiheit anzufangen und erneut mit sich ins Reine zu kommen verhehlt. Die Vorgabe dazu ist nämlich da.“
Zum Begriff der „synodalen Vernunft“ vgl. Ruhstorfer, Synodale Vernunft wagen, S. 50.
Vgl. Peirce, The First Rule of Reason, CP 1.135–1.140.
Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 22.
Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 24.
Bei Ruhstorfer äußert sich dieser Anspruch v.a. in seiner Formulierung einer „heilsgeschichtlichen Metaphysik“, vgl. Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 124–126. Peirce stellt seine evolutionäre Kosmologie maßgeblich in einer Reihe von fünf Artikeln dar: vgl. Peirce, The Monist Metaphysical Series, EP 1.285–1.371. Was Peirce für unseren Kontext besonders interessant macht, ist seine vordergründige Widersprüchlichkeit: Obwohl (eigentlich gerade weil) Peirce streng pragmatisch denkt, vertritt er gleichwohl einen starken Realismus. Obwohl er eine differenzierte Kosmologie vorlegt, kritisiert er gleichzeitig die Metaphysik seiner Tage aufs Schärfste.
Vgl. Peirce, Lectures on Pragmatism VI, Three Types of Reasoning, CP 5.151–5.179. Für eine detailliertere, gleichwohl anschauliche Abgrenzung der Abduktion zur Schlussform der Deduktion und Induktion vgl. Fischbach, Lob aufs ‚Rumraten‘, S. 175–191.
Sander, Gotteslehre, S. 26: „Die Sprachlosigkeit wird von der Konfrontation mit einer Größe erzeugt, der man an dem Ort nicht ausgewichen ist, an dem sie bedrängend wurde. Dieses Problem kennzeichnet in den entscheidenden Phasen so ziemlich jeden Forschungsprozess und wird bei Entdeckungen dann mit einer veränderten Sprache gelöst.“
Peirce, Neglected Argument, EP 2.443: „[E]very plank of its [inquiry’s] advance is first laid by Retroduction alone, that is to say, by the spontaneous conjectures of instinctive reason.“
Sander, Gotteslehre, S. 26f.
Vgl. Peirce, Why Study Logic?, CP 2.186ff; de Waal, Cornelis, Why Metaphysics Needs Logic, 2005. Dass der musing-Prozess im Allgemeinen zu erfolgreichen Hypothesen zu führen vermag, ist von Peirce mithilfe seiner synechistischen Kosmologie erklärbar.
Vgl. Sander, Gotteslehre, S. 20f.
Vgl. z.B. Newiak, Einsamkeiten, 59: „Die moderne weltliche Gegenwart bietet zunächst keine adäquaten Deutungsangebote für die – ja auch in der Moderne weiter bestehenden – existentiellen Fragen des menschlichen Daseins, liefert nur unzureichende Angebote gesamtgesellschaftlicher Sinnvermittlung und scheitert an der Herausforderung, einen als Konsens erlebten Modus der gesellschaftlichen Lebensführung zu etablieren.“
Vgl. Dürnberger (Hrsg.), Zukunft der Wissensgesellschaft.
Dieser Satz amalgamiert Papst Franziskus‘ „Sorge um das gemeinsame Haus“ mit Greta Thunbergs Warnung vor dem „Brennen“ ebendieses global bzw. planetarisch verstandenen gemeinsamen Hauses.
Vgl. zum epistemischen Status einer solchen Proklamation Pape, Love’s Power, S. 64: „Peirce argues that even all formal reasoning builds on possibilities, and that the foundation of possibilities is ‚subjective in us, dreams‘.“ Zwar wurde das Wort „Zeitenwende“ zum Wort des Jahres 2022 gekürt, vgl. tagesschau.de, „Zeitenwende“ – Wort des Jahres, doch gibt es an dessen inflationärer Verwendung auch Kritik: Vgl. bspw. Sloterdijk, Deutschland – größte Exportnation für Irrtümer.
Vgl. Marquard, Zukunft braucht Herkunft, S. 236–248. Weiterführend zum Verhältnis von Neuem und Alten in der Abduktion: Sander, Gotteslehre, S. 25: „Die neue Erkenntnis lässt sich aus den alten insofern erschließen, als sie im Modus des Überschreitens darin anwesend ist. Die alten Erkenntnisse geben den neuen Wissensgehalt nicht vor, aber sie bilden einen Kontrast, ohne den dieser nicht hinreichend bestimmt werden kann.“
Vgl. Sander, Gotteslehre, S. 17–31 (insbes. S. 20), betont die topologische Dimension von Abduktion als Ortswechsel.
Peirce, Evolutionary Love, EP 1.362.
Bei Peirce ist diese Sinnhaftigkeit die pragmatisch-normativ begründete „concrete reasonableness“, die als „opinion which is fated to be ultimately agreed to“ das „summum bonum“ darstellt. Vgl. Erny, Konkrete Vernünftigkeit.
Vgl. Fischbach, Lob aufs ‚Rumraten‘, S. 190f.
Vgl. Peirce, Manuskript, MS 637, S. 23–24: „The unity of Thought does not consist in that ‚Ich denke‘ which Kant, in his first edition, called the „=x“, and not ‚Ich denke‘ or ‚I opine‘. The unity of thought, if we would view our own consciousness, would probably consist in the continuity of life of a growing idea; but as well as we can observe it, it lies in the logical coherence and consistency of argument.“
So hat bspw. der Kognitionspsychologe Daniel Kahneman herausgearbeitet, dass Zufriedenheit bzw. Lebensglück vor allem daran zu bemessen ist, ob jemand eine gute Geschichte seines Lebens erzählen kann und nicht daran, wie viele tatsächliche Momente des Glücks jemand erlebt hat. Vgl. Kahneman, Thinking, fast and slow, S. 386–407.
Den Personenstatus über menschliche Individuen hinaus auszuweiten, ist nicht unüblich: So kennen wir beispielsweise gesellschaftliche Kollektive als juristische Personen an, in jüngerer Zeit wird dieser Personenstatus vermehrt auch Flüssen, wie z.B. dem Amazonas, zuerkannt: Zum Konzept der „environmental personhood“ bzw. zur Natur als „political player“ vgl. Gordon, Environmental Personhood, 49–91, sowie Scholz, Regierung der Natur.
Vgl. Colapietro, Approach to the Self, S. 80f.
Vgl. Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 24: „Diese Positionen könnten […] als personae dramatis imaginiert werden, die miteinander ins Gespräch treten, handelt es sich doch dabei auch um von wirklichen Menschen entworfenes Denken.“ Vgl. zu der Beteiligung nichtmenschlicher Entitäten an gesellschaftlichen Prozessen weiterführend auch die Akteur-Netzwerk-Theorie, wie sie bspw. Latour, Neue Soziologie, ausgearbeitet hat.
Vgl. Peirce, Evolutionary Love, EP 1.365, über die Realität von individuenübergreifenden Ideen: „I cannot help thinking […] that students have been reluctant to admit a real entitative ‚spirit‘ of an age or of a people.“
Vgl. Ruhstorfer, Konversionen, S. 22–33, vgl. hier v.a. Ruhstorfers von Boeder übernommenen Fokus auf „epochale Vollendungs- bzw. Abschlussgestalten“, vgl. Ruhstorfer, Befreiung des ‚Katholischen‘, S. 50.
Vgl. Peirce, Evolutionary Love, EP 1.354: „Suppose, for example, that I have an idea that interests me. It is my creation. It is my creature; for […] it is a little person. I love it; and I will sink myself in perfecting it.“
Peirce, Evolutionary Love, EP 1.354.
Vgl. hierzu die „ratio terminorum“ in Ruhstorfer, Konversionen, S. 27–33, sowie – für die Einordnung der radikalisierten Phänomenologie den Beitrag von Daniel Remmel in diesem Band.
Vgl. Peirce, Evolutionary Love, EP 1.371 sowie Viola, Peirce On the Uses of History, S. 167–177.
Vgl. Ruhstorfer, Produktive Konstellation, S. 20f.
Zu dieser Metapher für den „Tod des Menschen“ vgl. Foucault, Ordnung der Dinge, S. 460–462.
David R. Griffin bezeichnete diese Haltung des konstruktiven Umgangs mit der Postmoderne, die er mit Vertretern der amerikanischen Philosophie verband, als „constructive postmodernism“; vgl. dazu Griffin, Constructive Postmodern Philosophy, S. 1–42.
Peirce, Methods for Attaining Truth, CP 5.589.
Pape, Logical Structure of Idealism, S. 153–184. Vgl. darüber hinaus auch Pape, Ontologie des logischen Idealismus, S. 68–89, 69.
Dieses Kriterium stellt Peirce auch an seine eigene Metaphysik in Form einer evolutionären Kosmologie. Vgl. Peirce, Neglected Argument, EP 2.438: „I would suggest that the Muser be not too impatient to analyze [universe-wide aggregates of unformulated but partly experienced phenomena], lest some significant ingredient be lost in the process; but that he begin by pondering them from every point of view, until he seems to read some truth beneath the phenomena.“
Vgl. Peirce, Neglected Argument, EP 2.443: „Finally, comes the bottom question of logical Critic, what sort of validity can be attributed to the First Stage of inquiry? Observe that neither Deduction nor Induction contributes the smallest positive item to the final conclusion of the inquiry. They render the indefinite definite: Deduction Explicates; Induction evaluates: that is all. Over the chasm that yawns between the ultimate goal of science and such ideas of Man’s environment as, coming over him during his primeval wanderings in the forest, while yet his very notion of error was of the vaguest, he managed to communicate to some fellow, we are building a cantilever bridge of induction, held together by scientific struts and ties. […] [N]either Deduction nor Induction contributes a single new concept to the structure.“
Susman, Trost, S. 259.