Meine queere Diskussion des Hohelieds,1 die über eine Interpretation des Hohelieds als queeren Gegentext zum zweiten Schöpfungsbericht und dessen konservative Auslegungen noch hinausgeht, ist thematisch in folgende sechs Abschnitte gegliedert: (1) âSexuelle Liebe auÃerhalb der Ehe: Das Hohelied als queerer Gegentext zu konservativen Interpretationen der Schöpfungsberichteâ, (2) âBegeisterung für den menschlichen Eros und gegenseitiges Begehren: Das Hohelied als queerer Gegentext zu Gen 3,16â19â, (3) âDie Perspektive weiblichen Begehrensâ, (4) âDie Perspektive queerer Selbstbehauptungâ, (5) âEine andere Sprache der Erotikâ und (6) âDas Hohelied als nicht religiöse Liedersammlungâ.
3.1 Sexuelle Liebe auÃerhalb der Ehe
Das Hohelied ist das Buch der Hebräischen Bibel, in dem gegenseitige Anziehung und sexuelle Handlungen zwischen Frau und Mann am ausführlichsten â als sexuelle Anspielungen, metaphorisch und oft mehrdeutig â2 besungen werden. In dieser Sammlung von Liebesliedern wird allerdings nicht von einem ehelichen Verhältnis zwischen Frau und Mann gesprochen. Wird der Begriff âqueerâ im allgemeinen Sinn als âgegen die vorherrschende Normâ verstanden, so kann das Hohelied aus heutiger Sicht von Leser_Innen als queerer biblischer Gegentext zu konservativen Ehevorstellungen betrachtet werden. Zum Beispiel begründet Papst Benedikt XVI. weiterhin die heterosexuelle monogame Ehe unter anderem mit einem Teil des zweiten Schöpfungsberichts. Laut Gen 2,18.21â243 formte G*tt (
11. [â¦] Der Eros ist gleichsam wesensmäÃig im Menschen selbst verankert; Adam ist auf der Suche und âverlässt Vater und Mutterâ, um die Frau zu finden; erst gemeinsam stellen beide die Ganzheit des Menschseins dar, werden âein Fleischâ miteinander [vgl. Gen 2,24]. Nicht minder wichtig ist das zweite: Der Eros verweist von der Schöpfung her den Menschen auf die Ehe, auf eine Bindung, zu der Einzigkeit und Endgültigkeit gehören. So, nur so erfüllt sich seine innere Weisung. Dem monotheistischen Gottesbild entspricht die monogame Ehe. Die auf einer ausschlieÃlichen und endgültigen Liebe beruhende Ehe wird zur Darstellung des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk und umgekehrt: die Art, wie Gott liebt, wird zum MaÃstab menschlicher Liebe. Diese feste Verknüpfung von Eros und Ehe in der Bibel findet kaum Parallelen in der auÃerbiblischen Literatur.6
Auch Papst Franziskus würdigt im nachsynodalen apostolischen Schreiben Amoris Laetitia (âDie Freude der Liebeâ) aus dem Jahr 2016 im Zusammenhang mit Gen 2,24 allein die Liebe eines Manns zu seiner Frau,7 welche Zeugung von Kindern und Familiengründung bedeutet,8 und lehnt weiterhin die Gleichstellung von Partnerschaften zwischen Personen des gleichen Geschlechts mit der Ehe heterosexueller Personen ab.9
Queere Personen müssen die Hebräische Bibel nicht verwerfen, wenn sie mit der Tatsache konfrontiert werden, dass einzelne Bibelstellen von Konservativen herangezogen werden, um rechtmäÃige sexuelle Vergnügen auf den Kontext monogamer heterosexueller Ehen zu beschränken.10 Queer Lesende können stattdessen die Aufmerksamkeit auf die â damals wie heute immer noch â umstrittene Bejahung weiblicher wie männlicher, nicht ehelicher sexueller Begehren und Vergnügen im Hohelied lenken.11 Sie mögen sich einerseits aufgrund der im Hohelied beschriebenen sexuellen Handlungen, die ausschlieÃlich ein Verhältnis zwischen Frau und Mann betreffen, kaum oder gar nicht angesprochen fühlen. Andererseits kann diese erotische biblische Liedersammlung aber als bewegendes Zeugnis sexueller Vergnügen gelesen werden, welche patriarchale Normvorstellungen im Zusammenhang mit vorherrschenden Ehemodellen hinterfragen. Eine Liebeslyrik wie die des Hohelieds, in dem sexuelles Begehren und erotische Anziehung im Vordergrund stehen, kann sämtliche Ehe- und Lebenspartner_Innenschaftsmodelle herausfordern, auch jene von lesbischen und schwulen Paaren.
3.2 Begeisterung für den menschlichen Eros und gegenseitiges Begehren
Im Hohelied ist von der Attraktivität und der Schönheit der Liebenden die Rede, und nicht etwa von den Strapazen des Gebärens und der landwirtschaftlichen Arbeit, wie sie im zweiten Schöpfungsbericht in Gen 3,16â19 ätiologisch beschrieben werden: Weil Adam und seine Frau im Garten die klug machende Frucht des Baums verspeist haben, wird er von nun an am Feld ackern müssen, um sich von ihm ernähren zu können, und für sie wird das Kindergebären anstrengend sein. In Gen 3,16 ist auÃerdem zu lesen, dass das Begehren (
3.3 Die Perspektive weiblichen Begehrens im Hohelied
Auffallend ist, dass im Hohelied, wo sich die Liebenden gegenseitig besingen, öfter aus der Perspektive der Frau erzählt wird als aus der des Manns. In drei Passagen des Hohelieds zeigt die Frau aktiv ihr sexuelles Begehren, nämlich in Hld 3,1â5, in Hld 7,11â14 und in Hld 8,1â2 Formulierungen, die erkennen lassen, dass die Frau den Mann verführen möchte, stehen im Gegensatz zur meist androzentrischen Sichtweise anderer Texte der Hebräischen Bibel, egal welche Autor_Innenschaft hinsichtlich des Hohelieds angenommen wird. Ich diskutiere hier beispielsweise die Verse Hld 8,1â2, in denen die Frau ihr sexuelles Begehren ausdrückt. Sie spricht zu ihrem Geliebten Folgendes:
Wärest Du doch mein Bruder, der an den Brüsten meiner Mutter gesogen hat! Fände ich dich [d. h. den Geliebten] drauÃen, so wollte ich dich küssen; auch dürfte mich niemand verachten [
Hld 8,1â2×Ö´× ×Ö´×ªÖ¼Ö¶× Ö°×Ö¸ ×Ö¼Ö°×Ö¸× ×Ö´× ××Ö¹× Öµ×§ ש×Ö°×Öµ× ×Ö´×Ö¼Ö´× ×Ö¶×ְצָ×Ö²×Ö¸ ×Ö·××Ö¼×¥ ×ֶש×ָּקְ×Ö¸ 16×Ö¼Ö·× ×Ö¹×Ö¾×Ö¸××Ö¼××Ö¼ ×Ö´× ]. Ich wollte dich leiten, ich wollte dich ins Haus meiner Mutter bringen, die mich unterwies [×Ö¶× Ö°×Ö¸×Ö²×Ö¸ ×Ö²×Ö´××Ö²×Ö¸ ×Ö¶×Ö¾×Ö¼Öµ×ת ×Ö´×Ö¼Ö´× ×ªÖ¼Ö°×Ö·×Ö¼Ö°×Öµ× Ö´× ]. Ich wollte dir vom Würzwein, von meinem Granatmost zu trinken geben [×ַש×Ö°×§Ö°×Ö¸ 17×Ö´×Ö¼Ö·×Ö´× ×Ö¸×¨Ö¶×§Ö·× 18×ֵעֲסִ×ס רִ×Ö¼Ö¹× Ö´× 19 ].
Die Frau stellt sich vor, drauÃen nach ihrem Geliebten zu suchen und ihn ins Haus ihrer Mutter zu bringen, um ihm dort sexuell begegnen zu können. Auffallenderweise kommt hier die Mutter zentral vor. Der Bruder der Frau wird als einer beschrieben, der âan den Brüsten der Mutter gesogen hatâ. Wer würde seinen Bruder heute so vorstellen? Der Ort für ihre Liebe, den sich die Frau im Hohelied wünscht, ist das Haus der Mutter, was zu Spekulationen darüber führt, wie viel Macht Frauen im Kontext des Hohelieds hatten. Gehört die Mutter als Hausbesitzer_in in den Bereich der Wunschvorstellungen der Frau? Warum wird ein Vater gar nicht erwähnt? Heute wäre der Wohnbereich der Mutter nicht für alle queeren Personen der erträumte Ort, um ihre Geliebten heimzubringen, nämlich dann nicht, wenn es Konflikte mit einem Elternteil oder beiden wegen deren homophoben Anschauungen gibt. Vielleicht ermöglichen aber Mütter â eher als Väter? â ihren heranwachsenden Kindern, auch queeren, einen Ort für sich und ihre Geliebten zu haben bzw. sich zu schaffen. Die Frau im Hohelied behauptet, dass ihre Mutter sie quasi âaufgeklärtâ hätte. Sie möchte nun ihren Geliebten verführen: Jemanden vom köstlichen Würzwein und Granatmost zu trinken geben, bedeutet im übertragenen Sinn mit ihm geschlechtlich verkehren. Dies wird mit einem Wortspiel ausgedrückt: Im Hebräischen klingt
Paradoxerweise wird weibliche Erotik im Hohelied gefeiert, aber auch kontrolliert, wobei Letzteres nie gänzlich gelingt.27 In zwei der drei Stellen, wo das weibliche Begehren eine Stimme erhält, nämlich in Hld 8,1â4 und in Hld 3,1â5, kommt auch die Kontrolle ihrer Lust vor, was die Aussagen des Lieds in einem literarischen Zusammenhang hauptsächlich patriarchaler biblischer Vorstellungen realistisch erscheinen lässt und wodurch nötige Kontraste geliefert werden, die für Spannung innerhalb dieser Liebeslyrik sorgen. In Hld 8,1â2 wird deutlich, dass die Frau gesellschaftliche Zwänge verinnerlicht hat. Sie kann sich ihren Liebhaber nur als Bruder vorstellen, wenn sie ihn öffentlich küssen möchte, und fürchtet gesellschaftliche Verachtung wegen ihrer Liebe. Obwohl in Hld 3,1â5 die in den StraÃen der Stadt umherirrende Frau ihren Geliebten zuerst nicht findet, sondern stattdessen von den Wächtern gefunden wird, begegnet sie danach doch ihrem Liebhaber und bringt ihn laut Hld 3,4 glücklich ins Haus ihrer Mutter. Während sie sich ihre Verführung des Liebhabers in Hld 8,2 in ihrer Fantasie nur ausmalt, gelingt sie ihr laut Hld 3,4. In einer anderen Episode, in der die gesellschaftliche Kontrolle des weiblichen Begehrens thematisiert wird, nämlich in Hld 5,7, wird sie jedoch von Wächtern geschlagen, verwundet und ihres Tuchs beraubt. Möglicherweise bieten solche negativen Szenen Anknüpfungspunkte für queer Lesende, falls die damalige patriarchale Kontrolle als der heutigen ähnlich empfunden wird.
3.4 Die Perspektive queerer Selbstbehauptung im Hohelied
Die Brüder der Frau verkörpern â neben den Wächtern der Stadt â ihre Kontrolle. Zum ersten Mal kommen sie im Lied in Hld 1,5â6 vor, das eine Travestie (ein Fantasiespiel) nach unten â ins Arbeiter_Innenmilieu â darstellt. Die erotische Wunschfigur ist dort die Frau als Arbeiter_in im Weinberg. Dieses Gedicht beginnt mit einer prägnanten Selbstbehauptung der Frau:
Schwarz bin ich, aber schön, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte von Kedar, wie die Zeltdecken von Schalma [
Hld 1,5â6ש×Ö°××Ö¹×¨Ö¸× ×Ö²× Ö´× ×Ö°× Ö¸××Ö¸× ×Ö¼Ö°× ×ֹת ×ְר×ּש×Ö¸×Ö¸Ö´× ×Ö¼Ö°×Ö¸×Ö³×Öµ× ×§Öµ×ָר 28×Ö¼Ö´×רִ××¢×ֹת ש×Ö·×Ö°×Ö¸× 29 ]. Schaut mich nicht an, weil ich so schwärzlich bin, da die Sonne mich verbrannt hat [×Ö·×־תִּרְ××Ö¼× Ö´× ×©×Ö¶×Ö²× Ö´× ×©×Ö°×ַרְ×ֹרֶת ש×ֶש×Ö¼Ö±×Ö¸×¤Ö·×ªÖ°× Ö´× ×ַש×Ö¼Ö¸×Ö¶×©× ]. Die Söhne meiner Mutter30 zürnten mit mir [×Ö¼Ö°× Öµ× ×Ö´×Ö¼Ö´× × Ö´×ֲר×Ö¼Ö¾×Ö´× ]. Als Hüter_in der Weinberge stellten sie mich auf [ש×Ö¸×Ö»× Ö´× × Ö¹×Öµ×¨Ö¸× ×ֶת־×Ö·×ְּרָ×Ö´×× ]; meinen eigenen Weinberg habe ich nicht behütet [×ַּרְ×Ö´× 31ש×Ö¶×Ö¼Ö´× ×Ö¹× × Ö¸×Ö¸×¨Ö°×ªÖ¼Ö´× ].
Ihre schwarze, das heiÃt ihre â aufgrund ihrer Arbeit im Weinberg, zu der sie ihre Brüder angehalten haben â sonnenverbrannte Haut entspricht nicht etwa einem damaligen Schönheitsideal. Die Frau stellt aber selbstbewusst fest, dass sie trotz ihrer dunklen Haut schön ist. Das Vergleichsmoment der schwarzen Farbe ihrer Haut ist das schwarze Ziegenfell der Zelte der arabischen Stämme Kedar und Schalma. Diese Textstelle ist ein locus classicus der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die den Slogan âBlack is beautifulâ geprägt hat. Der Liedtext in Hld 1,5â6 ermöglicht eine queere, antirassistische Auslegung. Deshalb unterscheidet er sich auch von heutiger herkömmlicher Pornographie. Die Lieder des Hohelieds legen Lesenden nicht nur den erotischen oder voyeuristischen Blick nahe, sondern laden sie auch dazu ein, die unterschiedlichen Perspektiven der besungenen Subjekte, der Frau oder des Manns, einzunehmen.
3.5 Eine andere Sprache der Erotik im Hohelied
Nicht nur queere Personen mögen die Perspektiven weiblicher wie männlicher Erotik im Hohelied heute unterschiedlich hinterfragen: Wie werden die Körper dargestellt? Welche Art des Begehrens und welche sexuellen Handlungen werden geschildert? Diese Sammlung von Liebesliedern mag auch heute noch vor allem wegen der Andersartigkeit ihrer besonderen bildhaften Sprache als reizvoll erscheinen. Der weibliche Schoà und die Brüste der Frau vom Stamm Schalma32 werden zum Beispiel in der Bewunderung der Schönheit ihres gesamten Körpers aus der Sicht des Geliebten in Hld 7,2â6 folgendermaÃen euphemistisch umschrieben:
Deine Scham ist eine runde Schale â möge es nicht an Mischwein [d. h. an gemischten Körperflüssigkeiten der Liebenden] mangeln [
Hld 7,3ש×ָרְרֵ×Ö° 33×Ö·×Ö¼Ö·× ×ַסַּ×ַר ×Ö·×Ö¾×Ö¶×ְסַר ×Ö·×Ö¼Ö¸×Ö¶× 34 ]. Dein Schoà ist ein Getreidehaufen, umzäunt mit Lotusblüten [×Ö¼Ö´×Ö°× Öµ×Ö° 35עֲרֵ×ַת ×Ö´×Ö¼Ö´×× 36ס×Ö¼×Ö¸× ×ַּש×Ö¼×ֹש×Ö·× Ö´×× 37 ].
Wird durch diese metaphorische Beschreibung der reale Körper einer Frau versteckt oder zur Schau gestellt? Er ist mit Bildern bekleidet, die ebenso sehr verbergen, wie sie zu enthüllen versprechen.38 Im Beschreibungslied der altorientalischen waá¹£f-Gattung Hld 7,1â6 steht die Scham der Frau im Zentrum: Im Parallelismus membrorum in Hld 7,3 werden
Der Begriff
Nicht nur der weibliche SchoÃ, sondern auch die Brüste der Frau, welche in Hld 7,4 mit zwei jungen Gazellen verglichen werden, erquicken den Liebhaber: âDeine beiden Brüste sind wie zwei Gazellenjungen, wie Zwillinge eines Gazellenweibchens [
[Die Frau deiner Jugendzeit]54 ist eine Damhirschkuh der Liebesfreuden und ein Steinbockweibchen der Anmut [
Spr 5,19×Ö·×Ö¼Ö¶×ֶת ×Ö²×Ö¸×Ö´×× 55×Ö°×Ö·×¢Ö²×ַת־×Öµ× 56 ]. Ihre Brüste erquicken dich zu jeder Zeit, wegen ihrer Liebe kannst du stets nicht mehr geradeaus gehen [×Ö¼Ö·×Ö¼Ö¶××Ö¸ 57×ְרַ×Ö¼Ö»×Ö¸ ×Ö°×Ö¸×־עֵת ×Ö¼Ö°×Ö·×Ö²×ָתָ×Ö¼ תִּש×Ö°×Ö¼Ö¶× ×ªÖ¸×Ö´×× ].
In den folgenden Beispielen lassen sich aufgrund der mehrdeutigen bildhaften Sprache im Hohelied Anklänge an queere Sexualität finden. Ein Hld 7,4 ähnlicher Vers, nämlich Hld 4,5, mag wegen seiner zusätzlichen Formulierung manchen heutigen Lesenden als sonderbar, wenn nicht gar als lesbisch erscheinen: âDeine beiden Brüste sind wie zwei Gazellenjungen, wie Zwillinge eines Gazellenweibchens, die sich unter Lotusblüten erquicken [
In Hld 2,9 wird der Liebhaber unter anderem auch als Gazelle (
3.6 Das Hohelied als nicht religiöse Liedersammlung
Normalerweise wird in der Hebräischen Bibel bei unterschiedlichen Bezeichnungen für G*tt bzw. Gott (
Die Gazellen und Damhirschkühe können in Hld 2,7 und Hld 3,5 auch als Attribute einer â weiblichen â Gottheit verstanden werden.71 Im Hohelied werden die Gazellen und Damhirschkühe aber als Tiere des Feldes (
Ich plädiere dafür, die Gazellen und Damhirschkühe des Feldes als eigenständige poetische Motive des Hohelieds zu interpretieren, welche Rückschlüsse auf altorientalische Gottheiten nicht erzwingen. Ich betrachte die Lieder des Hohelieds als selbständige Poesie. Sie sind möglicherweise ihrem Umfeld gegenüber distanziert, aus dem sie schöpfen. Das Hohelied als Ganzes bildet als säkulare Liedersammlung eine Ausnahme in den ansonsten religiösen Texten der Bibel, in denen diverse Bezeichnungen für Gottheiten â im Unterschied zum Hohelied â72 vorkommen. Das mindert aber keineswegs die Aussagekraft des Hohelieds, das sowohl im Judentum als auch im Christentum als Heilige Schrift betrachtet wird.73 Möglicherweise spricht das Hohelied wegen seiner Weltlichkeit queer Lesende besonders an. Aus heutiger Sicht kann diese biblische Liedersammlung aufgrund ihrer nicht religiösen Liebeslieder â mit ihren sexuellen Anspielungen und metaphorischen, häufig mehrdeutigen Beschreibungen sexueller Handlungen â in der ansonsten religiösen Textsammlung der Bibel als queer betrachtet werden.
3.7 Fazit
Das Hohelied kann aus gegenwärtiger Sicht vor allem aufgrund seiner positiven, reizvollen Darstellung auÃerehelichen sexuellen Begehrens, nicht nur des Manns, sondern besonders der Frau, als queerer biblischer Gegentext gegenüber heutigen konservativen Ehevorstellungen angesehen werden, die mithilfe bestimmter Interpretationen der Schöpfungsberichte der Genesis immer noch einzementiert werden. Queer wird hier allgemein als âgegen die vorherrschende Normâ verstanden. Während im zweiten Schöpfungsbericht in der Genesis die Frau dem Mann untergeordnet ist, zeugt das Hohelied von gegenseitigem Begehren und von einer grundsätzlichen Begeisterung für den menschlichen Eros. Das Hohelied, in dem von der Attraktivität und der Schönheit der Liebenden die Rede ist, kann als queerer Gegentext zu Gen 3,16â19 aus dem zweiten Schöpfungsbericht interpretiert werden, wo die Strapazen des Gebärens und der landwirtschaftlichen Arbeit ätiologisch als Folge des Verzehrs der klug machenden Frucht des Baums durch Adam und seine Frau beschrieben werden. Im Gegensatz zur meist androzentrischen Sichtweise anderer Texte der Hebräischen Bibel wird im Hohelied weibliches Begehren aus der Sicht der Frau formuliert, und zwar öfter als der Mann seine sexuellen Leidenschaften nach der Frau besingt. Paradoxerweise wird weibliche Erotik im Hohelied gefeiert, aber auch kontrolliert, wobei Letzteres nie gänzlich gelingt. Die prägnante Selbstbehauptung der Frau in Hld 1,5: âSchwarz bin ich, aber schönâ, wurde ein locus classicus der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. âBlack is beautifulâ ist ihr Slogan. Dieser Text des Hohelieds ermöglicht eine queere, antirassistische Auslegung. Im Hohelied begegnen wir einer anderen Sprache der Erotik. Queer Lesende mag das Hohelied wegen seiner Weltlichkeit besonders ansprechen. Diese nicht religiöse Liedersammlung kann mit ihren sexuellen Anspielungen und metaphorischen, häufig mehrdeutigen Beschreibungen sexueller Handlungen in der ansonsten religiösen Textsammlung der Bibel als queer betrachtet werden.
Während das Hohelied eine Ausnahme innerhalb der Hebräischen Bibel bildet, indem darin weibliches Begehren aus der Sicht der Frau besungen wird, sind all die jüdischen gesetzlichen Auslegungen zu weiblicher Homoerotik, welche ich im nächsten Kapitel behandle, von rein androzentrischen Sichtweisen geprägt. Meine queeren Ausführungen, welche die biblischen Schöpfungsberichte der Genesis, des ersten der fünf Bücher des Moses, als Ausgangspunkt haben, sind hiermit abgeschlossen. Nun komme ich in den nächsten beiden Kapiteln dieses Sammelbands auf Themen im Zusammenhang mit dem biblischen Buch Levitikus, dem dritten Buch des Moses aus der Tora bzw. dem Pentateuch zu sprechen. Grundlage für meine nun folgenden jüdisch rechtlichen Auslegungen zu weiblicher Homoerotik sind ein Bibelvers aus der einleitenden Ermahnung aus dem 18. Kapitel des Buchs Levitikus. AnschlieÃend werden im übernächsten Kapitel queere Auslegungen der Liebesgebote aus dem 19. Kapitel des Buchs Levitikus diskutiert.
Dieses Kapitel ist eine geringfügige Ãberarbeitung von Karin Hügel, âQueere Lesarten des Hoheliedsâ, in In-between Spaces: Creative Possibilities for Theologies of Gender / Entre espacios: propuestas creativas para las teologÃas de género / Zwischenräume: Kreative Möglichkeiten für Gender-Theologien, ed. Uta Blohm / Marta Bodo / SigrÃður Guðmarsdóttir / Stefanie Knauss / Ruth Papacek. Journal of the European Society of Women in Theological Research / Anuario de la asociación europea de mujeres para la investigación teológica / Jahrbuch der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen 21 (Leuven: Peeters, 2013), 169â85, https://doi.org/10.2143/ESWTR.21.0.3017282. Dieser Artikel wurde im Zuge der Veranstaltung âCoVen Donât Preach: Lezzing my Religionâ im Autonomen Zentrum in Köln 2016 und auf der jährlichen Konferenz der European Association of Biblical Studies an der Universität Wuppertal 2021 vorgetragen.
Exum, Song of Songs, 10.
Bezüglich meiner Ãbersetzung von Gen 2,18.21â24 vgl. Abschn. 1.2. âTeilungâ.
Katechismus der Katholischen Kirche, 432.
Benedikt XVI., Gott ist Liebe, 43â44.
Hier in neuer deutscher Rechtschreibung, zitiert nach ibid., 44 (Hervorhebung im Original).
Franziskus, Amoris Laetitia, Art. 9.
Ibid., Art. 13.
Ibid., Art. 52.251.
In der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes (âFreude und Hoffnungâ), Artikel 50, des zweiten Vatikanischen Konzils aus dem Jahre 1965 wird z. B. auf Gen 1,28 und Gen 2,18 verwiesen, um zu behaupten, dass die Ehe und eheliche Liebe ihrem Wesen nach auf die Zeugung (sic) und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet ist. Vgl. auch Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1652 (Katechismus der Katholischen Kirche, 443). In Gaudium et Spes, Artikel 50, wird auÃerdem die Unauflöslichkeit einer solchen Ehe festgehalten. Pastoralkonstitution über die Kirche, 44.
Stone, âPleasure and Dangerâ, 109.
Vgl. Hld 2,16 und Hld 6,3 in Abschn. 3.5. âSprache der Erotik im Hoheliedâ.
Lavoie/Létourneau, âHerméneutique Queerâ, 512.515.
Isherwood, ââEat, Friends, Drinkââ, 152.
Das Verb
âWeinâ (
Vgl. meine Besprechung dieser Blume im Zusammenhang mit ihrer metaphorischen Bedeutung in Abschn. 3.5. âSprache der Erotik im Hoheliedâ.
Rätsch, Pflanzen der Liebe, 110.
Granatapfelsaft ist reich an Vitamin C, sehr gesund und schmackhaft. Als Aphrodisiakum ist er hingegen nicht besonders wirksam, er eignet sich aber als Trägersubstanz für andere Wirkstoffe, z. B. in Cocktails. Rätsch / Müller-Ebeling, Lexikon der Liebesmittel, 318â19.
Ibid., 705.
Exum, Song of Songs, 26.
Es ist inhaltlich sinnvoller,
In Hld 1,6 werden die Brüder als âSöhne der Mutterâ bezeichnet und so auffallenderweise nicht auf eine männliche, sondern auf eine weibliche Person bezogen â vgl. die Formulierung âHaus der Mutterâ in Hld 3,4; 8,2 bzw. Rut 1,8.
Der im Chiasmus in Hld 1,6 neben
In der Bibel wird die Frau nur in Hld 7,1 als
Exum, Song of Songs, 232.
Keel, Deine Blicke sind Tauben, 27.
Snaith, Song of Songs, 102.
Keel, Hohelied, 216.
Rätsch, Pflanzen der Liebe, 39.75.
Die köstlich duftende Blüte der Blauen Lotusblume war im alten Ãgypten ein Symbol der Vulva. Rätsch / Müller-Ebeling, Lexikon der Liebesmittel, 624.
Vgl. meine Argumentation im Zusammenhang mit dem Hohelied weiter unten in diesem Abschnitt.
Keel, Deine Blicke sind Tauben, 63.
Ibid., 66â67.
Rätsch, Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 398â99.
Keel, Deine Blicke sind Tauben, 75.
Ibid., 936â37.
âTo find pleasure inâ oder âto desireâ. Jastrow, 1258.
Der Halbvers ist verloren gegangen.
Vgl. meine Diskussion der Lotusblüte ausgehend von Hld 7,3 im selben Abschnitt weiter oben.
Hld 2,1â2.
Hld 2,16.
Hld 6,3. Das Partizip
Exum, Song of Songs, 130.210.
Im Anschluss an das biblische Hohelied â vgl. neben Hld 2,9 auch noch Hld 2,17 und Hld 8,14 â ist die âGazelleâ sowohl in hebräischer als auch in arabischer Dichtung eine Metapher für einen jungen Mann, so auch in dem homoerotischen Gedicht âIn Spanien begehrte Gazelle â¦â von Yiṣḥaq ben Mar-Saul aus Lucena in Andalusien aus dem 11. Jh. Bezüglich dieses Gedichts vgl. Roth, ââDeal Gentlyââ, 31, Lowin, ââSlain Me Like Uriahââ, 49â83, und Hügel, âQueere Lesarten der Hebräischen Bibelâ (unveröffentlichtes Manuskript). In diesem Gedicht von Yiṣḥaq ben Mar-Saul wird der junge männliche Geliebte u. a. mit dem biblischen Josef wegen dessen (schöner) Gestalt verglichen. Vgl. Kap. 6. âJosefâ.
Vgl. die dazu aufgelisteten Bibelstellen bei Keel, Deine Blicke sind Tauben, 90.
Gordis, Song of Songs, 28.
Vgl. Abschn. 8.2. âDavid und Jonatanâ.
Keel, Hohelied, 92â94, und Keel, Deine Blicke sind Tauben, 93â100.
Ich interpretiere das Hapax legomenon
Exum, Song of Songs, 70â73.