Innerhalb der Hebräischen Bibel finden sich Texte verschiedener Gattungen mit mannigfaltigen Aussagen zum Thema âSexualitätâ. Im Zuge einer queeren Lektüre, das heiÃt einer, die Ehe- und Geschlechternormen hinterfragt, gilt es, diese Vielstimmigkeit zu betonen. Beispielsweise legt sich aus heutiger queerer Sicht ein Vergleich von Koh 4,9â12 mit dem zweiten Schöpfungsbericht nahe, da diese Verse als queerer Gegentext zu konservativen Auslegungen der Schöpfungsberichte betrachtet werden können.1
Im Buch Kohelet2 wird, ähnlich wie im Hohen Lied,3 sexuelle Sinnlichkeit nicht verworfen, sondern es wird dazu aufgefordert, sich ihr zu öffnen.4 Das Buch Kohelet gehört in jene biblische und antike Tradition, die als Entdeckung des inneren Menschen bezeichnet werden kann.5
2.1 Die Ãberwindung des Alleinseins
Sowohl in Koh 4,9â12 als auch in Gen 2,18â246 ist vom Alleinsein die Rede, welches überwunden werden soll. In Gen 2,18 wird ausgesagt, dass es nicht gut sei, dass der Mensch allein ist. Laut Gen 2,21â24 schuf G*tt (
Im Buch Kohelet, in Koh 4,11, wird gefragt, wie ein Mann allein Sex haben kann. Hier ist im Unterschied zum zweiten Schöpfungsbericht in Gen 2,18â24 auffallenderweise von zwei Männern die Rede, die miteinander Sex haben. Diese Passage wird im Kontext der biblischen Verse Koh 4,9â12 von mir angeführt, um deutlich zu machen, dass es sich an dieser Stelle tatsächlich um zwei Männer handelt:
Besser istâs zu zweit als einer allein [
Koh 4,9â12××Ö¹×Ö´×× ×ַש×Ö¼Ö°× Ö·×Ö´× ×Ö´×Ö¾×Ö¸×Ö¶×Ö¸× ], denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe [×ֲש×ֶר ×ֵש×Ö¾×Ö¸×Ö¶× ×©×Ö¸×ָר ××Ö¹× ×Ö¼Ö·×¢Ö²×Ö¸×Ö¸× ]. Fällt einer von ihnen, hilft ihm sein Gefährte auf [×Ö¼Ö´× ×Ö´×Ö¾×ִפֹּ××Ö¼ 9×Ö¸×Ö¶×Ö¸× ×ָקִ×× 10×ֶת־×Ö²×Öµ×¨Ö¹× 11 ]. Doch wehe dem, der allein ist, wenn er fällt [×Ö°×Ö´×××Ö¹ ×Ö¸×Ö¶×Ö¸× ×©×Ö¶×ִּפּ×Ö¹× ]. Dann ist kein anderer da, der ihm aufhilft [×Ö°×Öµ×× ×©×Öµ× Ö´× ×Ö·×Ö²×§Ö´×××Ö¹ ]. Auch wenn zwei liegen, erregen/wärmen sie sich [×Ö¼Ö·× ×Ö´×Ö¾×ִש×Ö°×Ö¼Ö°××Ö¼ 12ש×Ö°× Ö·×Ö´× ×Ö°×Ö·× 13×Ö¸×Ö¶× ]. Wie kann aber ein Einzelner sich erregen / sich wärmen [×Ö¼×Ö°×Ö¶×Ö¸× ×Öµ××Ö° ×Öµ×Ö¸× ]? Wenn jemand auch den, der allein ist, überwältigt, zwei halten ihm gegenüber stand [×Ö°×Ö´×Ö¾×ִתְקְפ×Ö¹ ×Ö¸×Ö¶×Ö¸× ×ַש×Ö¼Ö°× Ö·×Ö´× ×Ö·×¢Ö·×Ö°××Ö¼ × Ö¶×Ö°×Ö¼×Ö¹ ], und der dreifache Faden wird nicht so schnell zerrissen [×Ö°×Ö·××Ö¼× ×Ö·×ְש×Ö»×Ö¼Ö¸×©× 14×Ö¹× ×Ö´×Ö°×Öµ×¨Ö¸× ×Ö´× Ö¼Ö¸×ªÖµ×§ ].
2.2 Wärme als sexuelle Erregung
Es ist aus queerer Sicht naheliegend, im Vers Koh 4,11 zwei Männer zu lesen, die sich beim Liegen sexuell erregen und nicht etwa nur gegenseitig âwärmenâ. Aufgrund der Wortwahl im hebräischen Text ist eine solche sexuelle Lesart nicht auszuschlieÃen:
Wehe dem, der seinen Freunden zu trinken gibt und ihre Glut anfacht [
Hab 2,15××Ö¹× ×ַש×Ö°×§Öµ× ×¨Öµ×¢Öµ××Ö¼ 22×ְסַפֵּ×Ö· ×Ö²×ָתְ×Ö¸ ], ja, der sie betrunken macht, um ihre Geschlechtsteile anzuschauen [d. h. sexuelle Handlungen an ihnen zu vollziehen] [×Ö°×Ö·×£ ש×Ö·×ֵּר ×Ö°×Ö·×¢Ö·× ×Ö·×Ö¼Ö´×× ×¢Ö·×Ö¾×Ö°×¢×ֹרֵ××Ö¶× ].
Im Kontext des Buchs Habakuk weist dieser Vers im fünften Weheruf auf ein sexuelles Geschehen unter Männern hin.
Theoretisch wäre im Zusammenhang mit Koh 4,11 auch eine Ãbersetzung von
Im Wienerischen gibt es auffallend viele Begriffe, welche im Zusammenhang mit Wärme stehen, für Leute, die heute als schwule Personen bezeichnet werden: Die salopp abwertende Bezeichnung âWoamerâ (âWarmerâ) bzw. das Adjektiv âwoamâ (âwarmâ)26 ist heute noch am geläufigsten. Hingegen sind die gleichbedeutenden Worte im Wienerischen âghaztâ (âgeheiztâ)27 und âbochnâ (âgebackenâ)28 eher weniger bekannt. Wem dieser Dialekt nicht fremd ist, der assoziiert also selbst bei einer Ãbersetzung von
Auch bezüglich Koh 4,9â12 gilt es, die androzentrische Sichtweise zu kritisieren, weshalb inzwischen auch eine inklusive Ãbersetzung dieser Passage zum Beispiel in der Bibel in gerechter Sprache formuliert wurde.31 Ich selbst gebe diese Bibelstelle in inklusiver Schreibweise mit Gendergap (Geschlechterzwischenraum) folgendermaÃen wieder:
Besser istâs zu zweit als eine_r allein, denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe. Fällt eine_r von ihnen, helfen sie einander auf. Doch wehe, wenn jemand fällt, und es niemanden zum Aufrichten gibt. Auch wenn zwei liegen, erregen/wärmen sie sich. Wie können aber Einzelne sich erregen / sich wärmen? Wenn jemand auch eine_n allein überwältigt, zwei halten ihr_ihm gegenüber stand, und der dreifache Faden wird nicht so schnell zerrissen.
Koh 4,9â12
Im Rahmen einer queeren Interpretation könnten in Koh 4,11 eventuell auch andere, unterschiedliche, queere Gefährt_Innen assoziiert werden, die einander beim Liegen sexuell erregen.
Max Raabes Lied aus dem Jahr 2011 mit dem Titel âKüssen kann man nicht alleineâ, dessen Text er gemeinsam mit Annette Humpe geschrieben hat, thematisiert ähnlich wie Koh 4,11, dass es jemanden Zweiten für Sex braucht â zum Küssen eben einen anderen Mund.
2.3 Der dreifache Faden
Im Zuge meiner queeren sexuellen Lesart der biblischen Passage Koh 4,9â12 verweise ich auÃerdem auf eine Stelle aus dem Midrasch zu Kohelet,32 nämlich zu Koh 4,9â12. Dort wird diese biblische Stelle ebenfalls in einem sexuellen Sinn verstanden, wenn auch als geschlechtliche Beziehung zwischen Mann und Frau, der Kinder entspringen:
Rabbi Jochanan [
ר׳ ×××× × ××׳ ]33 sagte:
Besser istâs zu zweit [Koh 4,9], [d. h. wenn] ein Mann und seine Frau [miteinander leben] [
KohR zu Koh 4,9â12××××× ×©× ×× ××ש ×××©×ª× ], als [wenn] einer allein [Koh 4,9], er für sich und sie für sich [lebt] [×× ×××× ×× ×עצ×× ××× ×עצ×× ], und der dreifache Faden [wird nicht so schnell zerrissen] [Koh 4,12], wenn G*tt durch Kinder [die Beziehung] festigt [××××× ××ש×ש ש××§××´× ×¤××§×× ××× ×× ].34
Die Formulierung âein Mann und seine Frauâ kommt auch im Targum35 zu Kohelet36 4,11 vor, wobei darin auf die kalte Jahreszeit, auf den Winter, verwiesen wird:
Auch wenn zwei, ein Mann und seine Frau, miteinander schlafen [
Targum zu Koh 4,11×××£ ×××× ××××× ×ª×¨×× ××ר ××תת×× ], dann haben sie Wärme im Winter [×ש××× ×××× ×סת×× ]. Aber wie kann einer allein warm sein [×××× ×××××× ×ש×× ]?37
Aus heutiger Sicht könnte interpretiert werden, dass eine Lebensgemeinschaft oder Paarbeziehung nicht eventuell durch Kinder gefestigt wird â quasi als dritter Faden â, sondern durch die Zuneigung bzw. das Begehren zweier â auch queerer â Personen.
Die Formulierung des âdreifachen Fadensâ in Koh 4,12 kommt in unterschiedlichen Kontexten vor, zum Beispiel in der Schifffahrt im Gilgamesch-Epos: In der Version A des sumerischen Gedichts âBilgames38 und Ḫumbabaâ39 antwortet Bilgames Enkidu, dass zwei Männer nicht miteinander sterben werden, weil der nicht untergehen kann, der an seinem Schiff festgebunden ist:
âPah, Enkidu! Zwei Männer zusammen werden nicht sterben; wer an seinem Schiff festgebunden ist, kann nicht ertrinken.
Niemand kann ein dreisträngiges Seil abschneidenâ [â¦]
âDu, steh mir bei, und ich werde dir beistehen, was kann uns jemand dann tun?â40
Bilgames und Ḫumbaba, Version A, Zeilen 106â7.110 (George, Epic of Gilgamesh)
Ein solches dreisträngiges Seil ist also ein sehr starkes Seil, und ein dreifacher Faden ist ein Ausdruck für eine besonders starke Verbindung angesichts der Gefährdung durch eine andere Person.
Im Standardbabylonischen Gilgamesch-Epos spricht Gilgamesch seinem Freund Enkidu Mut zu, wobei die akkadische Formulierung des âdreisträngigen Seilsâ (aÅ¡lu Å¡uÅ¡luÅ¡u) in Tafel V, Zeile 79 â ähnlich jener des âdreifachen Fadensâ (
Enkidu [öffnete] seinen Mund [um zu sprechen und sagte zu Gilgamesch] [enkÄ«du pâšu Ä«puÅ¡-(ma iqabbi izakkara ana gilgÄmeÅ¡)]:
âMein Freund, Ḫumbaba ⦠[â¦] [ibrÄ« ḫumbÄba ⦠(â¦)]
Ein Freund ist einer allein, aber [zwei sind zwei] [ibru iÅ¡tÄn iÅ¡tÄn-ma Å¡(ina Å¡inÄ-ma)] [!]
âAuch wenn sie schwach sind, zwei [â¦] [lÅ« makû-ma Å¡it(tÄ â¦)]42
[obwohl einer allein] einen schrägen Wall [nicht erklimmen kann], zwei [werden es schaffen] [lÅ« mušḫalṣītum-ma u(l â¦) Å¡ittÄ â¦ (â¦)] [!]
Zwei Drillinge ⦠[â¦] [Å¡ittÄ takÅ¡Äti ⦠(â¦)]
ein dreisträngiges Seil [reiÃt nicht so leicht] [aÅ¡lu Å¡uÅ¡luÅ¡u (â¦)]
âDie zwei Welpen eines starken Hundes [werden es überwinden] [iÅ¡tÄn kalbu43 dannu Å¡ittÄ mÄ«rÄ(nūšu â¦)]44
Standardbabylonisches Gilgamesch-Epos, Tafel V, Zeilen 73â80 (George, Poem of GilgameÅ¡ Chapter Standard Babylonian V)
Mithilfe dieser Sprichwörter betont Enkidu, dass sie gemeinsam viel erreichen können.45 Der Kern dieser Worte ist, dass in Situationen, in denen einer scheitern könnte, eine gemeinsame Anstrengung sicher zum Erfolg führen wird.46 Auch hier im Standardbabylonischen Gilgamesch-Epos findet sich die grundsätzliche Aussage, dass zwei stärker sind als einer allein, wenn sie zusammenhalten. Und dieser Selbstverteidigungsrat gilt auch heute nicht nur für unterschiedliche queere Personen, die aufgrund von homophober Gewalt oft besonders auf sich aufpassen müssen. Bereits in rabbinischer Literatur wird von einem Zwischenfall berichtet, wo sich zwei Männer, die beim gemeinsamen Sex von einem Rabbi ertappt wurden, wehren, indem sie ihm entgegnen: âErkenne, dass du einer bist, wir aber zwei sindâ.47
Die Bibelstelle Koh 4,9â12 ist wie Rut 1,16â17 ein beliebter Trauspruch, der auf â vornehmlich heterosexuellen â Hochzeitsbillets zu finden ist, obwohl sich Koh 4,9â12 eigentlich auf ein Männerpaar und Rut 1,16â17 auf ein Frauenpaar, nämlich auf Rut und Noomi, beziehen. Inzwischen werden sowohl Koh 4,9â12 als auch Rut 1,16â17 als Lesung oder Predigttext in Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren verwendet. Das Buch Rut kann aus heutiger Sicht ebenfalls als queerer Gegentext zu Gen 2,18â24 aus dem zweiten Schöpfungsbericht interpretiert werden. Argumente für queere Lesarten des Buchs Rut liefere ich meinen Artikeln,48 wo ich im Zusammenhang mit der Geschichte des Frauenpaars Rut und Noomi auf einen Vergleich zwischen Gen 2,24 und Rut 1,14 bzw. Rut 2,11 zu sprechen komme.
Koh 4,11 kann auÃerdem mit der Geschichte des alten, impotenten Königs David in 1 Kön 1,1â4 verglichen werden. Der hochbetagte König erwärmte sich nicht mehr in seinem Kleid (
Da sprachen seine Knechte zu ihm [d. h. David] [
1 Kön 1,2×Ö·×Ö¼Ö¹××ְר×Ö¼ ××Ö¹ ×¢Ö²×Ö¸×Ö¸×× ]: âLasst sie ein unverheiratetes, reifes Mädchen für meinen Herrn, den König, ausfindig machen und es ehrerbietig vor dem König stehen [×Ö°×ַקְש××Ö¼ ×Ö·××Ö¹× Ö´× ×Ö·×Ö¼Ö¶×Ö¶×Ö° × Ö·×¢Ö²×¨Ö¸× ×ְת×Ö¼×Ö¸× ×Ö°×¢Ö¸×Ö°×Ö¸× ×Ö´×¤Ö°× Öµ× ×Ö·×Ö¼Ö¶×Ö¶×Ö° ]; lasst es ihm nützlich sein, es auf seinem SchoÃ50 liegen und meinen Herrn, den König, wärmen/erregen [×ּתְ×Ö´×Ö¾××Ö¹ סֹ×Ö¶× Ö¶×ª ×ְש×Ö¸×Ö°×Ö¸× ×Ö°×Öµ××§Ö¶×Ö¸ ×Ö°×Ö·× ×Ö·××Ö¹× Ö´× ×Ö·×Ö¼Ö¶×Ö¶×Ö° ].â
In diesem Vers kommen wie in Koh 4,11 die Verben
2.4 Ledige Männer unter einem Mantel
Obwohl in Koh 4,11 nicht explizit von einem Mantel die Rede ist, könnte dieser leicht mitassoziiert werden, worunter sich die beiden Gefährten wärmen bzw. miteinander Sex haben. Erst innerhalb späterer jüdischer Interpretationen, in der Mischna55 Qidduschin56 4,14 und im palästinischen Talmud57 Qidduschin, in pQid 4,11,65a und pQid 4,11,66c, und im babylonischen Talmud Qidduschin, in bQid 82a, wird überliefert, dass es auch als suspekt erscheint, wenn zwei Männer miteinander unter demselben Mantel (
Rabbi Jehuda58 sagte [
ר׳×× ××××× ×××׳ר ]:
Ein lediger Mann darf nicht Vieh hüten [
mQid 4,1463×× ××¨×¢× ×¨×××§ ×××× ], auch sollen zwei unverheiratete Männer nicht miteinander unter demselben Mantel schlafen [××× ×××©× × ×©× × ×¨×××§×× 59×××ת 60××ת ], aber die Gelehrten erlauben es [××××׳×× 61×ת×ר×× ].62
Aus dieser Aussage, die namentlich Rabbi Jehuda zugeschrieben wird, um eine abweichende Meinung aufzuzeigen, geht hervor, dass es die Gelehrten bisher nicht verboten haben, wenn zwei unverheiratete Männer miteinander unter demselben Mantel (
In Platons Werk Das Gastmahl wird eine päderastische Bettsituation geschildert, wo wir erfahren, wie Alkibiades nachts unter den Mantel (
[â¦] und legte mich unter seinen Mantel [
Platon, Symp. 219bâcá½Ïὸ Ïὸν ÏÏίβÏνα ],68 indem ich mit beiden Armen diesen göttlichen und in Wahrheit ganz wunderbaren Mann umfasste, und so lag ich die ganze Nacht.69
Dies wird auch bei Flavius Philostratos in einem seiner Liebesbriefe mit dem Titel âAn einen Knabenâ erwähnt: âSokrates war ein Bettler, aber der reiche Alkibiades kroch unter seinen Mantel [
2.5 Fazit
Die Vielstimmigkeit in der Hebräischen Bibel widerspricht heterosexistischen Interpretationen der Schöpfungsberichte im Zusammenhang mit heutigen Definitionen von Ehe. Es gibt unterschiedliche Anschauungen zu den Themen âLiebeâ, âsexuelles Begehrenâ und âPaarbeziehungenâ, wie beispielsweise der Vergleich von Gen 2,18â24 aus dem zweiten Schöpfungsbericht mit Koh 4,9â12 aus dem Buch Kohelet zeigt. Aus heutiger Sicht kann Koh 4,9â12 als queerer Gegentext vor allem zu konservativen Auslegungen des zweiten Schöpfungsberichts interpretiert werden. Auf die Fragestellung, welche Partner_Innen wir brauchen, um nicht allein zu sein oder überleben zu können, legt ein Text der Hebräischen Bibel wie Koh 4,9â12 auch andere Modelle als eine ausschlieÃliche Mann-Frau Beziehung nahe. Aus queerer Sicht kann behauptet werden, dass ein sexuelles Verhältnis zwischen Männern in Koh 4,11 erwähnt wird: Dass sich zwei Männer beim Liegen wärmen, kann bedeuten, dass sie sich sexuell erregen. Im Rahmen einer queeren Lesart könnten in Koh 4,11 womöglich auch andere, unterschiedliche, queere Gefährt_Innen assoziiert werden, die einander beim Liegen sexuell erregen. Mit dem in Koh 4,12 erwähnten dreifachen Faden, der nicht so schnell zerrissen wird, kann Verschiedenes gedanklich verbunden werden. Nicht nur zukünftige Kinder, wie im Midrasch zu Kohelet behauptet wird, festigen â eventuell auch queere â Paarbeziehungen, sondern Zuneigung und sexuelles Begehren spielen eine wesentliche Rolle. Das Vorhandensein eines positiv beschriebenen sexuellen Verhältnisses zwischen zwei Männern mag aufgrund der Verbote im Heiligkeitsgesetz Geschlechtsverkehr zwischen Männern betreffend, nämlich Lev 18,22 und Lev 20,13,73 verwundern, zeugt aber von unterschiedlichen Aussagen innerhalb der Hebräischen Bibel. Aus späteren jüdischen Interpretationen, nämlich aus der Mischna Qidduschin 4,14 und aus Parallelstellen wie dem babylonischen Talmud Qidduschin 82a etc. geht hervor, dass es jüdische Gelehrte bisher nicht verboten haben, wenn zwei unverheiratete Männer miteinander unter demselben Mantel schlafen. Zur Zeit der Rabbinen könnte das berühmte Liebesverhältnis zwischen Alkibiades und Sokrates in Platons Das Gastmahl bekannt gewesen sein: Alkibiades schlüpft nachts unter den Mantel des von ihm so verehrten Sokrates, in der Absicht, diesen sexuell in Versuchung zu führen.
Während meine queere Lesart von Koh 4,9â12 im Zuge der Betonung der Vielstimmigkeit von Aussagen zu menschlicher Sexualität in der Hebräischen Bibel vor allem für schwule queer Lesende von Interesse sein mag, sind meine nun folgenden queeren Lesarten des Hohelieds vornehmlich an ein weibliches* Publikum gerichtet. Auch das Hohelied wird von mir als queerer Gegentext zu konservativen Auslegungen der Schöpfungsberichte begriffen.
Dieses Kapitel ist eine Ãberarbeitung von Karin Hügel, âEine queere Lesart von Kohelet 4,9â12â, Scandinavian Journal of the Old Testament 28, no. 1 (2014): 104â15, https://doi.org/10.1080/09018328.2014.926697. Dieser Artikel wurde auf der 6. Jahrestagung der Ãsterreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung âWissenskulturen und Diversität. Positionen, Diffraktionen, Partizipationenâ an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien 2018 vorgetragen.
Das Buch Kohelet ist auch unter den Bezeichnungen âPredigerâ bzw. âEkklesiastesâ bekannt. In Koh 1,1 wird die Verfasser_In als
Vgl. Kap. 3. âLesarten des Hoheliedsâ bzw. Abschn. 3.2. âEros und gegenseitiges Begehrenâ.
Vgl. Koh 9,7â10.
Schwienhorst-Schönberger, âZwischen Agonie und Glückâ, 184.
Bezüglich meiner Ãbersetzung von Gen 2,18.21â24 vgl. Abschn. 1.2. âTeilungâ.
Katechismus der Katholischen Kirche, 432.
Benedikt XVI., Gott ist Liebe, 43â44.
Ibid., 315.
Ibid., 389.
âTo conceiveâ. Vgl. Gen 30,38â39. DCH, 4:202.
Vgl. Gen 30,41a. HALAT, 389.
Vgl. Gen 30,41b. Ibid.
Willi-Plein, Buch Genesis. Kapitel 12â50, 201.
Bezüglich einer ähnlichen Aussage (Stichwort: âmaternal impressionâ [âmütterlicher Eindruckâ]) vgl. Doniger/Spinner, âMisconceptionsâ, 99â100.
Da der anschlieÃende Satz in Hab 2,15 aufgrund von
Lyons, ââOutingâ Qohelethâ, 197.
Lee, Brokeback Mountain.
Proulx, Brokeback Mountain. Bezüglich der ersten sexuellen Szene zwischen den zwei Cowboys im Zelt vgl. ibid., 14.
Fabris/Horak/Soltész, Wien lesbisch, 208.
Ibid., 198.
Ibid., 196.
Skinner, Warme Brüder â Kesse Väter, 145â46.
Fabris/Horak/Soltész, Wien lesbisch, 207.
Bail/Crüsemann/Crüsemann, Bibel in gerechter Sprache, 1335.
Der Midrasch zu Kohelet legt den Bibeltext von Vers zu Vers aus und ist im 6. oder 7. Jh. in Palästina entstanden. Stemberger, Einleitung, 352.
Die jüdische Tradition siedelt Rabbi Jochanan, auch Rabbi Jochanan bar Nappacha (âder Schmiedâ) genannt, in Palästina in der zweiten Generation der Amoräer an. Er lehrte anfangs in Sepphoris, wo er auch geboren war, später in Tiberias. Er soll achtzig Jahre lang Schulhaupt gewesen sein, bevor er 279 n. d. Z. starb. Ibid., 101.
Eigene Ãbersetzung aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen nach Hirshman/Baruchi, Midrash Kohelet Rabbah, 256. Bezüglich einer anderen deutschen Ãbersetzung vgl. Wünsche, Midrasch Kohelet, 62â63. Bezüglich einer englischen Ãbersetzung vgl. Freedman/Simon, Midrash Rabbah: Ruth, 120.
Targum (
Der Targum zu Kohelet wurde vor der arabischen Eroberung Palästinas, aber nach der Fertigstellung des palästinischen und des babylonischen Talmuds vollendet. Die groÃe Ãhnlichkeit zwischen den Auslegungen des Midrasch zu Kohelet und des Targums und die dennoch klare Eigenständigkeit dieser jüdischen Schriften legen nahe, dass sie beide vermutlich zur selben Zeit redigiert worden sind und auf ähnliche Quellen zurückgreifen. Der Targum zu Kohelet ist daher â wie der Midrasch zu Kohelet â im 6. oder 7. Jh. entstanden. Knobel, Targum of Qohelet, 14â15.
Eigene Ãbersetzung aus dem Aramäischen nach Sperber, Hagiographa, 155. Bezüglich einer englischen Ãbersetzung, von der die Kursivierung übernommen wird, vgl. Knobel, Targum of Qohelet, 32.
Gilgamesch heiÃt sum. Bilgamesch.
Ḫumbaba, auch Huwawa, ist in der sumerischen Mythologie der Hüter des Zedernwaldes. George, Babylonian Gilgamesh Epic, 1:144.
Eigene Ãbersetzung aus dem Englischen nach George, Epic of Gilgamesh, 154â55 und aus dem Französischen nach Shaffer/Tournay, Ãpopée de Gilgamesh, 298. Bezüglich der sumerischen Textausgabe und einer anderen deutschen Ãbersetzung vgl. Edzard, âGilgameÅ¡ und Huwawa A. I. Teilâ, 187 und Edzard, âGilgameÅ¡ und Huwawa A. II. Teilâ, 202.
George, Babylonian Gilgamesh Epic, 1:467, Fn. 84.
Variante: â[zwei] Kleidungsstücke, in der Tat, [â¦] [(Å¡inÄ) | lubÄrÄtÅ«-ma | (â¦)]â.
Im Unterschied zur früheren Lesung âla-biâ (âLöweâ) z. B. im Standardbabylonischen Gilgamesch-Epos, Tafel V, Zeile 77, in George, Babylonian Gilgamesh Epic, 1:606, wird hier die Tontafel T.1447, auf welcher die Keilschriftzeichen âUR.GI7â = akk. âkalbuâ (âHundâ) eingemeiÃelt sind, berücksichtigt, sodass die korrekte Lesung nun âiÅ¡tÄn kalbuâ (âein Hundâ) lautet.
Eigene Ãbersetzung aus dem Englischen nach George, Poem of GilgameÅ¡ Chapter Standard Babylonian V. Bezüglich einer anderen deutschen Ãbersetzung vgl. Gilgamesch-Epos, übersetzt von Franke, 77â78. Vgl. auch Standardbabylonisches Gilgamesch-Epos, Tafel V, Zeilen 70â77, in George, Babylonian Gilgamesh Epic, 1:604â7, bzw. Standardbabylonisches Gilgamesch-Epos, Tafel IV, Spalte VI, Zeilen 1â6, in Shaffer/Tournay, Ãpopée de Gilgamesh, 118.
Gilgamesch-Epos, übersetzt von Franke, 185.
George, Babylonian Gilgamesh Epic, 1:467.
Bezüglich meiner queeren Lesart von pSan 6,3,23b im Zusammenhang mit Koh 4,12 vgl. Einleitung, Abschn. âSex zwischen Männern im Schulhausâ.
Hügel, âQueere Lesarten der Hebräischen Bibelâ, 174â84, bzw. Hügel, âQueere Lesarten des Buchs Ruthâ, 90â97. Vgl. auÃerdem Abschn. 8.3. âRuts Treueschwur gegenüber Noomiâ.
Eigentlich bedeutet
Mischna (
Qidduschin (âAntrauungâ, âVerlobungâ, im Unterschied zu der später erfolgenden Heimführung, der eigentlichen EheschlieÃung) ist ein Traktat in Naschim (âFrauenâ). Stemberger, Einleitung, 130.
Der palästinische Talmud (hier mit âpâ abgekürzt) wurde im frühen 5. Jh. redigiert, während der babylonische Talmud im Kern im 6. Jh. redigiert, doch bis in das 8. oder 9. Jh. fortgeschrieben und erweitert wurde. Stemberger, Mekhilta, 592.
Rabbi Jehuda, auch Rabbi Jehuda bar Ilai genannt, stammt nach jüdischer Tradition aus Uscha in Galiläa, Palästina. Kaplan/Wald, âJudah Bar Ilaiâ, 481. Die jüdische Tradition betrachtet ihn als Tannait der dritten Generation und späteren Schüler Rabbi Akibas. Stemberger, Einleitung, 92.
In mQid 4,14 ist
Eigene Ãbersetzung aus dem Mischna-Hebräischen von mQid 4,14 nach Krupp, Mischna, 3.7. Kidduschin, 33. Bezüglich einer anderen deutschen Ãbersetzung von mQid 4,14 vgl. Correns, Mischna, 436. Bezüglich englischer Ãbersetzungen von pQid 4,11,65a und pQid 4,11,66c vgl. Guggenheimer, Jerusalem Talmud: Tractate QidduÅ¡in, 403.408 und von bQid 82a vgl. Epstein, Babylonian Talmud: Ḳiddushin, 422.
Vgl. pQid 4,11,65a, pQid 4,11,66c, bQid 82a.
Ãhnlich Israeli, Massekhet Qiddushin: Chapter 4, 78, Fn. 109.
Tosefta (
Neusner, Tosefta, 3:260.
Vgl. pQid 4,11,66c und bQid 82a bzw. Einleitung, Abschn. âAbwehrâ.
Hier in neuer deutscher Rechtschreibung, zitiert nach Platon, Phaidon. Das Gastmahl. Kratylos, 377. Bezüglich einer englischen Ãbersetzung samt griechischem Text vgl. Nooter, How to Be Queer, 222â23.
Flavius Philostratos, Brief 7 [44], âAn einen Knabenâ. Eigene Ãbersetzung aus dem Griechischen nach Alciphron/Aelian/Philostratus, Letters, 424â25.
Vgl. bQid 82a, pQid 4,11,65a, pQid 4,11,66c.
Vgl. Abschn. 1.1. âAndrogynes Geschöpfâ und 1.2. âTeilungâ.
Bezüglich Lev 18,22 und Lev 20,13 vgl. Einleitung, Abschn. âVerbote von Sex zwischen Männernâ.