Die feministische deutsche Schriftsteller_in Johanna Elberskirchen äuÃert sich Anfang des 20. Jahrhunderts in ihrem Buch Was hat der Mann aus Weib, Kind und sich gemacht? Revolution und Erlösung des Weibes: Eine Abrechnung mit dem Mann â Ein Wegweiser in die Zukunft! selbstbewusst zu ihrem sexuellen Selbstverständnis und bezieht sich dabei auf die Gottesebenbildlichkeit des ersten Schöpfungsberichts im biblischen Buch Genesis in Gen 1,27:1
Dann [wenn wir homosexual sind] sind wir es doch mit gutem Recht. Wen gehtâs an? Doch nur die, die es sind. Die sich mit ihrer Anormalität [sic] abzufinden haben, wie die anderen [sic] mit ihrer Normalität. Wen gehtâs an? Doch höchstens nur noch die Natur â Gott! Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Auch den Homosexualen. Sind wir homosexual â gut, dann lasse man uns.2
Hier bekräftigt Elberskirchen, die in der Frauen-, Arbeiter_Innen- und Sexualreformbewegung aktiv war, ihre positive Identifikation als homosexuale Person. Gleichzeitig führt sie die Kategorien von ânormalâ und âanormalâ ad absurdum. Besonders als âFrauâ, die sich selbst um ca. 1903 im positiven Sinn als homosexual bezeichnet, sticht sie in der damaligen Zeit heraus.
Meine queere Lektüre der beiden Schöpfungsberichte in den Kapiteln 1 und 2 des Buchs Genesis geschieht im Rahmen queerer Jüdischer Studien. Meine queere Lesart schlieÃt zwar an Ergebnisse früherer feministischer Auslegungen an, die sich gegen frauenfeindliche Interpretationen der Schöpfungsberichte wenden, konzentriert sich aber hauptsächlich auf queere Fragestellungen, welche nicht normative Sexualitäten ins Blickfeld nehmen.
Unterschiedliche Ansätze â queer anders als feministisch â führen zu verschiedenen Ergebnissen im Zusammenhang mit dem ersten Schöpfungsbericht. Während feministische Auslegungen diesen â aufgrund von Gen 1,27 â als egalitären Schöpfungsbericht betrachten, können sich diverse queere Personen nicht durch diesen religiösen Text bestärkt fühlen, wenn er seitens konservativer Interpretationen heute immer noch zu deren Diskriminierung herangezogen wird. Im Sinne eines Engagements für volle Menschenrechte sind also queere Lesarten dieser biblischen Stelle unbedingt notwendig.3
AuÃerdem stellt sich die Frage, ob sich in der Hebräischen Bibel tatsächlich Figuren befinden, die heutigen queeren Personen ähnlich sein könnten. Wo wird die Dichotomie männlich/weiblich in der Hebräischen Bibel eventuell hinterfragt? Adam, der erste biblische Mensch, kann auch als androgyne Figur verstanden werden. Im Rahmen meiner queeren Abhandlung von Adams Androgynie komme ich in diesem Kapitel im Anschluss an feministische Interpretationen â erstens â auf den ersten Menschen als androgynes Geschöpf und â zweitens â auf die Teilung des zweigesichtigen ersten Menschen im Zusammenhang mit alten jüdischen Traditionen vorwiegend aus rabbinischer Zeit zu sprechen.
Können sich queer Lesende, sofern sie sich selbst auf die eine oder andere Art und Weise mit Androgynie in Verbindung bringen, im Anschluss an rabbinische Aussagen zum ersten Schöpfungsbericht als Teile der Schöpfung wiederfinden? Warum muss das nicht widersinnig sein? Ziel meiner queeren Lektüre von Adams Androgynie ist es, nicht nur diese Fragen zu beantworten, sondern auch heterosexistische Anschauungen der Entstehung der Geschlechterdifferenz in rabbinischen Interpretationen biblischer Schöpfungsvorstellungen im Zusammenhang mit dem zweiten Schöpfungsbericht zu hinterfragen. Meine queeren Lesarten thematisieren nicht nur mögliche Identifikationen heutiger queerer Personen mit einer biblischen Figur wie Adam, sondern liefern auch eine detaillierte Analyse rabbinischer geschlechtlicher Vorstellungswelten, welche die biblische Schöpfung mit Platons Mythos von den Kugelmenschen aus der klassischen Antike in Zusammenhang bringen.
Anlass zu jüdischen Auslegungen von Adam als androgynem Geschöpf und der Teilung des zweigesichtigen ersten Menschen gab eine unklare, widersprüchliche Formulierung in einer Bibelstelle, welche dem Vers Gen 1,27 aus dem ersten Schöpfungsbericht sehr ähnlich ist, nämlich Gen 5,1â2. So lauten die beiden Texte:
Gott schuf den Menschen als sein Abbild [
Gen 1,27×Ö·×Ö¼Ö´×Ö°×¨Ö¸× ×Ö±×Ö¹×Ö´×× ×ֶת־×Ö¸×Ö¸×Ö¸× ×ְּצַ×Ö°××Ö¹ ], als Abbild Gottes schuf er ihn [×ְּצֶ×Ö¶× 4×Ö±×Ö¹×Ö´×× ×Ö¼Ö¸×¨Ö¸× ×ֹת×Ö¹ ], und schuf sie als Mann und Frau / männlich und weiblich5 [×Ö¸×ָר ×Ö¼× Ö°×§Öµ×Ö¸× ×Ö¼Ö¸×¨Ö¸× ×Öº×ªÖ¸× ].
An dem Tag, als Gott den Menschen schuf [
Gen 5,1â2×Ö¼Ö°××Ö¹× ×Ö¼Ö°×¨Öº× ×Ö±×Ö¹×Ö´×× ×Ö¸×Ö¸× ], machte er ihn als Abbild Gottes [×Ö¼Ö´×Ö°××ּת 6×Ö±×Ö¹×Ö´×× ×¢Ö¸×©×Ö¸× ×ֹת×Ö¹ ]. Als Mann und Frau / männlich und weiblich schuf er sie [×Ö¸×ָר ×Ö¼× Ö°×§Öµ×Ö¸× ×ְּרָ×Ö¸× ] und gab ihnen den Namen âMenschâ, an dem Tag, als sie geschaffen wurden [×Ö·×Ö¼Ö´×§Ö°×¨Ö¸× ×ֶת־ש×Ö°×Ö¸× ×Ö¸×Ö¸× ×Ö¼Ö°××Ö¹× ×Ö´×ָּרְ×Ö¸× ].
Warum steht in Gen 5,1â2 â und leicht variiert auch in Gen 1,27 â, dass Gott (
Warum sind überhaupt unterschiedliche jüdische Auslegungstraditionen zur Erschaffung des ersten Menschen überliefert? Im Judentum gibt es andere Sprach- und Auslegungskonzepte als in der christlich-westlichen Kultur. Nach der jüdischen Vorstellung einer göttlichen Sprache kann es keine âwahreâ, âursprünglicheâ Bedeutung geben, weil sich uns die göttliche Weisheit nicht erschlieÃt. Ein Midrasch8 â wie jene Schriftauslegung zur Erschaffung des ersten Menschen â setzt voraus, dass eine göttlich inspirierte sprachliche ÃuÃerung eine unendliche Anzahl von wahren Bedeutungen enthält. Diese Bedeutungen mögen voneinander unterschieden sein oder sich sogar widersprechen, dennoch ist jede von ihnen gleichermaÃen wahr.9 Das gilt auch für die Vorstellung vom ersten Menschen als androgynem Geschöpf bzw. als geteilte, ursprünglich zweigesichtige Person.
1.1 Der erste Mensch als androgynes Geschöpf
Während die feministische Rhetorikkritiker_in Phyllis Trible10 bezüglich Gen 1,27 aus dem ersten Schöpfungsbericht und der Parallele Gen 5,1â2 behauptet, dass der Mensch (
In jüdischer Tradition wird die Behauptung der Androgynie des ersten Menschen unterschiedlichen Rabbinen aus Palästina aus der dritten Generation der Amoräer in den Mund gelegt, nämlich im Midrasch zu Genesis, dem ältesten Auslegungsmidrasch,16 in BerR 8,1 zu Gen 1,26 Rabbi Jirmeja ben Leazar17 und im Midrasch zu Levitikus, einem Predigtmidrasch,18 in LevR 14,1 zu Lev 12,2 Rabbi Jischmael bar Nachman bzw. Rabbi Samuel bar Nachman.19 Im Midrasch Tehillim (Midrasch Psalmen),20 einer viel jüngeren Schriftensammlung, wird sie in MidTeh 139,521 Rabbi Eliezer, der möglicherweise mit Rabbi Jirmeja ben Leazar zusammenhängt,22 in den Mund gelegt.
Nicht nur in diesem Zusammenhang mögen Zuordnungen (annähernd) gleicher Aussagen zu verschiedenen Rabbinen verwirrend erscheinen. Grundsätzlich wurden anonyme jüdische Aussprüche nachträglich aus mehreren Gründen jüdischen Gelehrten zugeschrieben: So wurde durch die Zuweisung an einen bestimmten jüdischen Gelehrten eine von den vorherrschenden Meinungen abweichende Anschauung eingeführt. AuÃerdem wurde die Traditionalität eines jüdischen Ausspruches aufgezeigt. Die jüdischen Aussprüche in rabbinischen Schriften geben Ansichten wieder, lassen aber keine Rückschlüsse auf die Biographien jener Personen zu, denen sie später zugeordnet wurden.23
Dies gilt auch für folgende rabbinische Aussagen zur Androgynie des ersten Menschen im Midrasch zu Genesis 8,1 zu Gen 1,26 (âGott sprach [
Rabbi Jirmeja ben Leazar sagte [
××ר ר׳ ×ר××× ×× ××¢×ר ]:
Als G*tt den ersten Menschen schuf [
BerR 8,1 zu Gen 1,26××©×¢× ×©××¨× ××§××´× 25×ת ××× ×ר×ש×× ], schuf er ihn als androgynen [×× ×ר×××× ×¡ 26×ר×× ], denn es heiÃt [×©× ×³ ]: Männlich und weiblich27 schuf er sie28 [××ר ×× ×§×× ×ר×× ] [Gen 5,2].29
Rabbi Jischmael30 bar Nachman sagte [
××׳ ר׳ ×ש××¢×× ×ר × ××× ]:
Als G*tt den ersten Menschen schuf [
LevR 14,1 zu Lev 12,232××©×¢× ×©××¨× ××§××´× ×ת ××× ×ר×ש×× ], schuf er ihn als androgynen [×× ×ר×××× ×¡ ×ר×× ] und zersägte ihn und machte ihm zwei Rücken [×× ×¡×¨× ××¢×©× ×× ×©× × ×××× ], Rücken hiervon und Rücken davon [××××× ×××× ×××××× ×××× ].31
Nur im Midrasch zu Genesis 8,1 zu Gen 1,26 (und auch in Midrasch Tehillim zu Ps 139,5) kommt auch das Schriftzitat Gen 5,2 vor. Die Auslegungen von Rabbi Jirmeja ben Leazar in BerR 8,1 zu Gen 1,26 und von Rabbi Jischmael bar Nachman (laut der Ausgabe von Mordechai Margulies) bzw. Rabbi Samuel bar Nachman (laut der Wilnaer Ausgabe) in LevR 14,1 zu Lev 12,2 bergen ein subversives Potenzial: Eine androgyne Person wird nicht nur als intendiertes Geschöpf G*ttes (
Nach Ansicht des antiken griechischen Philosophen Platon aus Athen bestand das ursprüngliche Menschengeschlecht aus drei verschiedenen Geschlechtern, wobei eines davon das sogenannte androgyne war. Es stellt sich die Frage, ob Platons Mythos von den Kugelmenschen in Das Gastmahl (Symposion) aus den Jahren ca. 385â380 v. d. Z. den Rabbinen bekannt war, sodass sie darauf Bezug nahmen, als sie Adam als androgyn bezeichneten. Während eines Trinkgelages lässt Platon den Komödiendichter Aristophanes Folgendes vortragen:
Unsere ehemalige Natur [
Platon, Symp. 189deâ190abÏá½»ÏÎ¹Ï ] war nämlich nicht dieselbe wie jetzt, sondern ganz eine andere. Denn erstens gab es drei Geschlechter von Menschen, nicht wie jetzt nur zwei, männliches und weibliches, sondern es gab noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche war von diesen beiden, dessen Name auch noch übrig ist, es selbst aber ist verschwunden. Mannweiblich [á¼Î½Î´Ïá½¹Î³Ï Î½Î¿Î½ ]35 nämlich war damals das eine, Gestalt und Benennung zusammengesetzt aus jenen beiden, dem männlichen und dem weiblichen, jetzt aber ist es nur noch ein Name, der zum Schimpf gebraucht wird. Ferner war die ganze Gestalt eines jeden Menschen rund, sodass Rücken und Brust [νῶÏον καὶ ÏÎ»ÎµÏ Ïá½±Ï ]36 im Kreise herumgingen. Vier Hände hatte jeder und Schenkel ebenso viel wie Hände und zwei Angesichter [ÏÏá½¹ÏÏÏα δύο ]37 auf einem kreisrunden Halse einander genau ähnlich und einen gemeinschaftlichen Kopf für beide einander gegenüberstehenden Angesichter und vier Ohren, auch zweifache Schamteile und alles Ãbrige, wie es sich hieraus ein jeder weiter ausbilden kann. Er ging aber nicht nur aufrecht wie jetzt, nach welcher Seite er wollte, sondern auch wenn er schnell wohin strebte, so konnte er, wie die Radschlagenden jetzt noch, indem sie die Beine gerade im Kreise herumdrehen, das Rad schlagen, ebenso, auf seine acht GliedmaÃen gestützt, sich sehr schnell im Kreise fortbewegen. Diese drei Geschlechter gab es aber deshalb, weil das männliche ursprünglich der Sonne Ausgeburt war und das weibliche der Erde, das an beidem teilhabende aber des Mondes, der ja auch selbst an beiden teilhat.38 Kreisförmig waren sie selbst und ihr Gang, um ihren Erzeugern ähnlich zu sein.39
Zur Zeit Platons sei
Harry Freedman und Maurice Simon,41 die Herausgeber der aktuellen englischen Ãbersetzung des Midrasch zu Genesis, behaupten, dass
Die von Platon in seinem Mythos von den Kugelmenschen verwendeten Begriffe
Es gibt weder Jüd_Innen noch Heid_Innen, weder Sklav_Innen noch Freie, keine Männer und Frauen [mehr] [
Gal 3,28οá½Îº á¼Î½Î¹ á¼¸Î¿Ï Î´Î±á¿Î¿Ï οá½Î´á½² á¼Î»Î»Î·Î½, οá½Îº á¼Î½Î¹ Î´Î¿á¿¦Î»Î¿Ï Î¿á½Î´á½² á¼Î»Îµá½»Î¸ÎµÏοÏ, οá½Îº á¼Î½Î¹ á¼ÏÏεν καὶ θá¿Î»Ï ], denn ihr bildet alle eine Einheit in Christus Jesus [ÏάνÏÎµÏ Î³á½°Ï á½Î¼Ïµá¿Ï Îµá¼·Ï á¼ÏÏε á¼Î½ ΧÏιÏÏá¿· ἸηÏοῦ ].49
Ich übersetze die Mischung aus griechischen Substantiven (
Nur bei den Worten
Gott schuf den Menschen [
LXX Gen 1,27καὶ á¼ÏοίηÏεν á½ Î¸Îµá½¸Ï Ïὸν á¼Î½Î¸ÏÏÏον ], nach dem Bild Gottes schuf er ihn [καÏá¾½ ϵἰκόνα θεοῦ á¼ÏοίηÏεν αá½Ïόν ]; und schuf sie als Mann und Frau [á¼ÏÏεν καὶ θá¿Î»Ï á¼ÏοίηÏεν αá½ÏÎ¿á½»Ï ].56
An dem Tag, als Gott Adam schuf [
LXX Gen 5,1â2ᾠἡμέÏá¾³ á¼ÏοίηÏεν á½ Î¸Îµá½¸Ï Ïὸν Îδαμ ], machte er ihn nach dem Bild Gottes [καÏá¾½ ϵἰκόνα θεοῦ á¼ÏοίηÏεν αá½Ïόν ]. Als Mann und Frau schuf er sie und segnete sie [á¼ÏÏεν καὶ θá¿Î»Ï á¼ÏοίηÏεν αá½ÏÎ¿á½ºÏ ÎºÎ±á½¶ εá½Î»á½¹Î³Î·Ïεν αá½ÏÎ¿á½»Ï ] und gab ihnen den Namen âAdamâ [καὶ á¼ÏÏνόμαÏεν Ïὸ á½Î½Î¿Î¼Î± αá½Ïῶν Îδαμ ], an dem Tag, als er sie schuf [ᾠἡμέÏá¾³ á¼ÏοίηÏεν αá½ÏÎ¿á½»Ï ].
Theoretisch könnte Paulus in diesem Spruch im Galaterbrief, der seinen Platz in der frühchristlichen Taufliturgie hatte,57 auf eine androgyne Interpretation Adams, des ersten geschaffenen Menschen, in diesen Stellen der Septuaginta anspielen. Hypothetisch kann zwar behauptet werden, dass hinter Gal 3,28c die Lehre von einer androgynen Christusfigur steht. Es gibt aber keine weiteren vergleichbaren Parallelen dazu im Neuen Testament und damit überhaupt keine ausdrücklichen Belegstellen für eine solche Christologie.58 Die Aussage in der Taufformel in Gal 3,28c hat also höchstwahrscheinlich nichts mit einer androgynen Figur wie Adam zu tun, sondern stellt vielmehr eine neue religiöse Anschauung, auf Jesus Christus fokussiert, ohne Hinweis auf Androgynie dar.
Wird grundsätzlich ein Zusammenhang zwischen Gal 3,28c und den ersten geschaffenen Menschen in der Septuaginta in LXX Gen 1,27 bzw. LXX Gen 5,1â2 angenommen, dann entspricht die neue Identität der getauften Gläubigen im Galaterbrief der âneuen Schöpfungâ in Christus Jesus.59 Besteht tatsächlich ein solcher Konnex zwischen Gal 3,28c und diesen Texten der griechischen Ãbersetzung des ersten Schöpfungsberichts und dessen Parallele im Buch Genesis, dann ist doch sehr bemerkenswert, dass Paulus im Galaterbrief die biblische Behauptung der göttlichen Schöpfung von Mann und Frau dahingehend radikal verändert, dass das Mann- und Frausein im Zuge der Einheit der Gläubigen in Christus Jesus nicht mehr von Belang ist. Ich habe bereits anfangs in diesem Beitrag erwähnt, dass feministische Auslegungen den ersten Schöpfungsbericht aufgrund von Gen 1,27 als egalitären betrachten. Auch in Gal 3,28 wird schlieÃlich aus feministischer Sicht eine Vision radikaler Egalität gefunden.60 Diese neutestamentliche Bibelstelle verkündet nicht nur die Abschaffung religiös-kultureller Trennungen und der durch die Institution der Sklaverei aufrechterhaltenen Herrschaft und Ausbeutung, sondern auch die Abschaffung der auf Geschlechtertrennung basierenden Herrschaft.61
Hinsichtlich von LXX Gen 1,27 bzw. LXX Gen 5,1â2 wird die Egalität aus feministischer Sicht von der gleichzeitigen göttlichen Erschaffung von Mann und Frau abgeleitet. Paulus könnte den egalitären Aspekt in dieser Stelle der Septuaginta aus dem ersten Schöpfungsbericht samt Parallele auch schon wahrgenommen haben und deshalb paradoxerweise durch die vorangestellten Worte
Kann der Gedanke der Einheit in Christus Jesus in Gal 3,28d tatsächlich ausschlaggebend für eine Interpretation dieses ganzen Bibelverses sein? Die Erwähnung der Einheit in Christus Jesus in Gal 3,28d (
Im Galaterbrief 3,28 werden also verschiedene Arten von Diskriminierungen, die religiöse Diskriminierung von Nicht-Jüd_Innen,65 die soziale Diskriminierung von Sklav_Innen und die sexuelle Diskriminierung von Frauen, abgeschafft, indem im Zusammenhang mit der Taufe eindrücklich auf die Einheit in Christus Jesus verwiesen wird.66 Eine Diskriminierung im Hinblick auf queere Personen wird in einem solchen antiken christlichen Text aber nicht explizit angesprochen. In der damaligen Zeit werden auch keine Menschen mit vergleichbaren Selbstverständnissen heutiger lesbischer, schwuler, bisexueller und weiterer queerer Personen67 von Paulus beschrieben. Aus heutiger queerer Sicht, wo die Diskriminierung von sogenannten âHomosexuellenâ oft noch Realität in christlichen Gemeinschaften ist und wo die Unterscheidung nicht nur zwischen homo- und heterosexuellen Personen, sondern auch zwischen queeren und straighten Personen gegeben ist, wird zusätzlich die Aufhebung unterschiedlicher Formen von Diskriminierungen in diese paulinische Aussage in Gal 3,28 im Zusammenhang mit der Taufe hineingelesen.68 Laut gegenwärtiger queerer Lesart von Gen 1,27 hat Gott im ersten Schöpfungsbericht die gesamte Menschheit in ihrer Bandbreite von verschiedenen Geschlechtern und Geschlechtlichkeiten geschaffen.69 Es ist daher aus queerer Sicht naheliegend, die in der Taufformel in Gal 3,28 angesprochene Einheit in Christus Jesus heute tatsächlich als Einheit zu betrachten, welche alle christlichen Menschen miteinschlieÃt, also auch sämtliche christliche queere Personen. Ãber die realen Konsequenzen hinsichtlich der sozialen Geschlechterverhältnisse wird im Galaterbrief leider nichts weiter berichtet. So gibt es eigentlich â wie im Falle der Vorstellung der Androgynie im Anschluss an Adam â keine vergleichbaren Parallelen hinsichtlich der Frauenemanzipation oder gar queerer Emanzipationen bei Paulus in diesem Brief.70
Laut dem Galaterbrief 3,28 haben aus Paulusâ Sicht all die Bestimmungen eines Menschen, die religiösen, sozialen und sexuellen, im Zuge der christlichen Taufe ihre Bedeutung verloren.71 Diese Behauptung von Paulus mag angesichts weiterer ÃuÃerungen dieses Apostels â im 1. Korintherbrief wird zum Beispiel in 1 Kor 11,2â16 eine klare Hierarchie zwischen Mann und Frau in Ableitung vom zweiten Schöpfungsbericht beschrieben und deshalb womöglich in der Taufformel in 1 Kor 12,13 das Ende der Frauendiskriminierung im Unterschied zu in Gal 3,28 nicht erwähnt â mehr als seltsam erscheinen. Selbst bei Paulus könnten daher die beiden unterschiedlichen Schöpfungsberichte der Genesis einen Anteil an solch fatalen, divergierenden Anschauungen bezüglich der Frauenfrage im frühen Christentum gehabt haben.
In frühchristlichen Kreisen ist also nicht unbedingt im Neuen Testament, aber zum Beispiel bei Aurelius Augustinus, dem gröÃten lateinischen Kirchenlehrer des christlichen Altertums, die Rede von androgynen Personen bezeugt. Dieser polemisierte in seinem 415 n. d. Z. fertiggestellten Kommentar Ãber den Wortlaut der Genesis (De Genesi ad litteram)72 gegen die Erschaffung des androgynen Menschen. Seiner Ansicht nach sollten Leute nicht etwa daran glauben, dass laut Gen 1,27 in einem einzelnen Menschen beide Geschlechter ausgeprägt seien, âso wie hie und da Menschen zur Welt kommen, die Mannweiber [androgynos] genannt werdenâ.73
1.2 Die Teilung des zweigesichtigen ersten Menschen
Nach feministischer Neuinterpretation wäre es im Zusammenhang mit dem zweiten Schöpfungsbericht besser zu denken, dass G*tt nicht Eva aus Adam erschaffen hat, sondern dass G*tt eher Adam und Eva geschaffen hat, indem er ein einziges androgynes Wesen,
Erwachen:
In früheren traditionellen jüdischen Interpretationen, wie den Midraschim zu Genesis und Levitikus,76 findet sich im Anschluss an die rabbinische Behauptung der Androgynie des ersten Menschen77 die Vorstellung der Teilung des zweigesichtigen ersten Menschen â in Mann und Frau â in Anlehnung an Platons Mythos von den Kugelmenschen. Eine queere Lektüre hinterfragt heterosexistische Auslegungen, welche die Entstehung der Geschlechterdifferenz anhand von solchen rabbinischen Interpretationen biblischer Schöpfungsvorstellungen im Zusammenhang mit dem Schriftzitat Gen 2,21 aus dem zweiten Schöpfungsbericht begründen. Einzelne rabbinische Behauptungen in weiteren rabbinischen Quellen wie dem Predigtmidrasch Tanchuma Tazria (âWenn eine Frau schwanger wirdâ) â sowohl in der gewöhnlichen Tanchuma-Ausgabe als auch in jener von Salomon Buber â78 und den babylonischen Talmudtraktaten Berachot und Ê¿Eruvin,79 welche Ps 139,5 als Schriftzitat anführen, liefern keine konkreten Hinweise auf eine solche Geschlechterdifferenz im Zusammenhang mit der Teilung des zweigesichtigen ersten Menschen.
Vor meiner Diskussion all dieser rabbinischen Quellen zur Teilung des zweigesichtigen ersten Menschen zitiere ich jedoch jene Passage des zweiten Schöpfungsberichts, in welcher der Körperteil erwähnt wird, aus welchem die Frau gemäà der Bibel geschaffen wurde, nämlich die Rippe (
G*tt sprach [
Gen 2,18×Ö·×Ö¼Ö¹××ֶר ×Ö°××Ö¸× ×Ö±×Öº×Ö´×× ]: âEs ist nicht gut, dass der Mensch allein ist; ich will ihm eine zu ihm passende Hilfe machen [×Ö¹×Ö¾××Ö¹× ×Ö±××ֹת ×Ö¸×Ö¸×Ö¸× ×Ö°×Ö·×Ö¼×Ö¹ ×ֶעֱש×Ö¶×Ö¼Ö¾××Ö¹ ×¢Ö¶×ֶר 82×Ö¼Ö°× Ö¶×Ö°×Ö¼×Ö¹ 83 ].â
Da lieà G*tt einen Tiefschlaf auf den Menschen fallen und er schlief ein [
Gen 2,21â24×Ö·×Ö¼Ö·×¤Ö¼Öµ× ×Ö°××Ö¸× ×Ö±×Ö¹×Ö´×× ×ªÖ¼Ö·×¨Ö°×Ö¼Öµ×Ö¸× ×¢Ö·×Ö¾×Ö¸×Ö¸×Ö¸× ×Ö·×Ö¼Ö´×ש×Ö¸× ]. Er nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle [d. h. die der Rippe] mit Fleisch [×Ö·×Ö¼Ö´×§Ö¼Ö·× ×Ö·×ַת ×ִצַּ×ְעֹתָ×× ×Ö·×ִּסְ×ֺּר ×ָּש×ָר תַּ×Ö°×ªÖ¼Ö¶× Ö¼Ö¸× ]. Dann formte G*tt die Rippe die er vom Menschen genommen hatte, zu einer Frau und brachte sie zu dem Menschen [×Ö·×Ö¼Ö´×Ö¶× ×Ö°××Ö¸× ×Ö±×Ö¹×Ö´×× ×ֶת־×ַצֵּ×ָע ×ֲש×ֶר־×Ö¸×§Ö·× ×Ö´×Ö¾×Ö¸×Ö¸×Ö¸× ×Ö°×ִש×Ö¼Ö¸× ×Ö·×Ö°×Ö´×Ö¶×Ö¸ ×Ö¶×Ö¾×Ö¸×Ö¸×Ö¸× ]. Da sprach der Mensch [×Ö·×Ö¼Ö¹××ֶר ×Ö¸×Ö¸×Ö¸× ]: âDiese ist letztendlich ein Knochen von meinem Knochen und Fleisch von meinem Fleisch [×Ö¹×ת ×Ö·×¤Ö¼Ö·×¢Ö·× ×¢Ö¶×¦Ö¶× ×ֵעֲצָ×Ö·× ×Ö¼×ָש×ָר ×Ö´×ְּש×Ö¸×¨Ö´× ]. Sie wird Frau genannt, weil diese vom Mann genommen wurde [×Ö°×Ö¹×ת ×Ö´×§Ö¼Ö¸×¨Öµ× ×ִש×Ö¼Ö¸× ×Ö¼Ö´× ×Öµ×Ö´××©× 84×Ö»×§Ö³×Ö¸×Ö¾×Ö¼Ö¹×ת ].â Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau fest anhangen [×¢Ö·×Ö¾×Ö¼Öµ× ×Ö·×¢Ö²×Ö¸×Ö¾×Ö´××©× ×ֶת־×Ö¸×Ö´×× ×Ö°×ֶת־×Ö´×Ö¼×Ö¹ ×Ö°×Ö¸×Ö·×§ ×Ö¼Ö°×ִש×ְתּ×Ö¹ ], und sie werden ein Fleisch sein [×Ö°×Ö¸××Ö¼ ×Ö°×ָש×ָר ×Ö¶×Ö¸× ].
Dem ersten Menschen, dem sogenannten âErdgeschöpfâ oder dem âErdlingâ (
Von seinen Rippen [
Raschi zu Gen 2,21×צ××¢×ת×× ] [Gen 2,21] [bedeutet] von seinen Seiten [×ס×ר×× ].87 Es ist [die Seite] wie [××× ] [in folgender Bibelstelle gemeint]: Für die Seite der Stiftshütte [××צ××¢ ××ש×× ] [Ex 26,20]. Dies ist, [was sie meinten,] als sie sagten [××× ×©×××¨× ]: Mit zwei Gesichtern wurden sie geschaffen [×©× × ×¤×¨×¦×פ×× × ×ר×× ].88
Raschi argumentiert mithilfe eines Analogieschlusses, einer sogenannten Gezera schawa (wörtlich: âgleiche Verordnungâ oder âSatzungâ),89 nach der zwei Bibelverse â in diesem Fall Gen 2,21 und Ex 26,20 â zusammengelesen werden, weil in ihnen der gleiche hebräische Begriff
Die Annahme des zweigesichtigen (
Rabbi Samuel bar Nachman sagte [
××ר ר׳ ש×××× ×ר × ××× ]:
Als G*tt den ersten Menschen schuf [
××©×¢× ×©××¨× ××§××´× ××× ×ר×ש×× ], schuf er ihn zweigesichtig [××פר×ס×פ×× 100×ר×× ], zersägte ihn und machte ihm Rücken hier und Rücken dort [×× ××¡×¨× ×עש×× ××××× ×××× ×××××× ×××× ].
Demgegenüber wurde eingewendet [
×ת×××× ××× ]:
Aber es steht doch geschrieben [
××× ×ת׳ ]: Er [d. h. G*tt] nahm eine seiner Rippen [×××§× ××ת ×צ××¢×ת×× ] [Gen 2,21]?
Er [d. h. Rabbi Samuel bar Nachman] antwortete [
××ר ××× ]:
[Das Wort
BerR 8,1 zu Gen 1,26×צ××¢×ת×× , welches du âeine seiner Rippenâ übersetzt, bedeutet âeine] seiner Seitenâ [×× ×¡×ר×× ], wie du in der Schrift liest [××× ×× ××ת ××ר ]: Für die [zweite] Seite der Stiftshütte etc. [××צ××¢ ××ש×× ×××׳ ] [Ex 26,20].101
Rabbi Samuel bar Nachman behauptet hier im Midrasch zu Genesis 8,1 im Rahmen von rabbinischen Auslegungen ausgehend von Gen 1,26 aus dem ersten Schöpfungsbericht die göttliche Erschaffung und anschlieÃende gewaltsame Teilung des zweigesichtigen ersten Menschen. Den Einwand aufgrund vom Gen 2,21â22 aus dem zweiten Schöpfungsbericht, wonach G*tt eine Rippe (
Während im Midrasch zu Genesis 8,1 zu Gen 1,26 ânurâ ein Zersägen des zweigesichtigen ersten Menschen in mehrere Rücken behauptet wird, beinhaltet der Midrasch zu Levitikus 14,1 zu Lev 12,2 als erster rabbinischer Midrasch dabei eine explizite Teilung dieses ersten Menschen in Mann und Frau. Diese Behauptung wird â je nach Ausgabe des Midrasch zu Levitikus 14,1 zu Lev 12,2 â unterschiedliche Rabbinen wie Rabbi Simeon ben Laqisch oder Rabbi Levi zugeschrieben. Diese Nennung weitere Rabbinen neben Rabbi Samuel bar Nachman im Midrasch zu Genesis 8,1 zu Gen 1,26 zeugt von einer groÃen Bekanntheit und einer weiten Verbreitung solcher recht ähnlichen Anschauungen zur gewaltsamen göttlichen Teilung des zweigesichtigen ersten Menschen:104
Rabbi Simeon ben Laqisch105 sagte [
××׳ ר׳ ש××¢×× ×× ××§×ש ]:
Als G*tt den ersten Menschen schuf [
××©×¢× ×©××¨× ××§××´× ××× ×ר×ש×× ], schuf er ihn mit zwei Gesichtern [×× ×¤×¨×¦×פ×× ×ר×× ], zersägte ihn und machte ihm zwei Rücken [×× ×¡×¨× ××¢×©× ×× ×©× × ×××× ], Rücken für den Mann und Rücken für die Frau [××××× ×××ר ×××××× ×× ×§×× ].
Ein Einwand wurde [gegenüber dieser Behauptung] erhoben [
×ת×××× ] [ausgehend von dem Vers]: Er [d. h. G*tt] nahm eine seiner Rippen [×××§× ××ת ×צ××¢×ת×× ] [Gen 2,21].Er [d. h. Rabbi Simeon ben Laqisch] antwortete [
××׳ ××× ]:
[Das Wort
LevR 14,1 zu Lev 12,2×צ××¢×ת×× , welches du âeine seiner Rippenâ übersetzt, bedeutet âeine] seiner Seitenâ [×תר×× ×¡×ר××× ]. Vergleiche [××××´× ]: Für die zweite Seite der Stiftshütte, die Nordseite [××צ××¢ ××ש×× ××©× ×ת ×פ×ת צפ×× ] [Ex 26,20].106
Nach dieser rabbinischen Interpretation im Midrasch zu Levitikus 14,1 zu Lev 12,2 wurde also die Frau nicht durch Entnahme eines inneren Körperteils â nämlich der Rippe â aus dem Erdgeschöpf hervorgebracht, wie im zweiten Schöpfungsbericht in Gen 2,21â22 beschrieben wird, sondern ist das Produkt der Teilung des zweigesichtigen ersten Menschen.
Sowohl im Midrasch zu Genesis 8,1 zu Gen 1,26 als auch im Midrasch zu Levitikus 14,1 zu Lev 12,2 wird den rabbinischen Diskussionen von Adams Androgynie107 und von der Teilung des zweigesichtigen ersten Menschen der âSchöpfungspsalmâ 139,5 vorangestellt: âHinten und vorn bildest du [d. h. G*tt] mich [
In den Predigtmidraschim Tanchuma108 Tazria (âWenn eine Frau schwanger wirdâ),109 nämlich in der gewöhnlichen Tanchuma-Ausgabe Tazria 1 und in der Tanchuma-Ausgabe von Salomon Buber Tazria 2 â beide sind spätere jüdische Textpassagen zu Lev 12,2 â werden die Worte âhinten und vornâ (
Rabbi Samuel bar Nachman(i) sagte [
רש××´× ×××ר ]:
Was heiÃt âHinten und vorn bildest du michâ [
Tan Tazria 1 zu Lev 12,2×× ××× ×××ר ×××ר ××§×× ×¦×¨×ª× × ] [Ps 139,5]? Diese [Worte verweisen auf] zwei Gesichter [××× ×× ×¤×¨×¦×פ×× ].110
Rabbi Samuel bar Nachmani sagte [
ר׳ ש×××× ×ר × ××× × ××ר ]:
Was heiÃt âHinten und vornâ [
TanB Tazria 2 zu Lev 12,2××× ×××ר ××§×× ] [Ps 139,5]? Zwei Gesichter [×× ×¤×¨×¦×פ×× ].111
Was im Midrasch zu Genesis 8,1 zu Gen 1,26 und im Midrasch zu Levitikus 14,1 zu Lev 12,2 nicht geschrieben steht, aber vorausgesetzt wird, wird hier in den Predigtmidraschim Tanchuma Tazria erklärt: Die Erschaffung des zweigesichtigen ersten Menschen steht in direktem Zusammenhang mit einer Schriftauslegung von Ps 139,5, einer Bibelstelle, welche die Rabbinen im Kontext der Schöpfung verstehen. In diesen rabbinischen Auslegungen ist Ps 139,5 anders als in heutigen Ãbersetzungen der Hebräischen Bibel zu übersetzen: Im rabbinischen Kontext âumschlieÃtâ (
Auch in den Ãbersetzungen der Septuaginta und der Vulgata gibt es â im Unterschied zum ursprünglichen Text von Ps 139,5 in der Hebräischen Bibel â ein ähnliches Verständnis des Verbs âbildenâ, âerschaffenâ (
Siehe, Herr, du kennst alles, das Letzte und das Erste [
LXX Ps 138,5117ἰδοÏ, κÏÏιε, Ïὺ á¼Î³Î½ÏÏ ÏάνÏα, Ïá½° á¼ÏÏαÏα καὶ Ïá½° á¼ÏÏαá¿Î± ]. Du hast mich gebildet [Ïὺ á¼ÏλαÏÎ¬Ï Î¼Îµ ].116
Siehe, Herr, du kennst alles, das Neue und das Alte [ecce Domine tu cognovisti omnia novissima et antiqua]. Du hast mich gebildet [tu formasti me].118
Vg Ps 138,5119
In den rabbinischen Auslegungen zur Erschaffung des zweigesichtigen ersten Menschen wird
Im babylonischen Talmud122 findet sich die Erschaffung des zweigesichtigen ersten Menschen schlieÃlich im Traktat Berachot,123 in bBer 61a, und im Traktat Ê¿Eruvin,124 in bEr 18a, als Aussagen von Rabbi Jirmeja ben Eleazar, der wiederum ein Amoräer aus Palästina ist (Rabbi Jirmeja ben Leazar ist in BerR 8,1 zu Gen 1,26 bereits die Behauptung der Androgynie des ersten Menschen zugeschrieben worden):125
Denn Rabbi Jirmeja ben Eleazar sagte [
×××ר ר×× ×ר××× ×× ×××¢×ר ]:
G*tt [âder Heilige, gepriesen sei erâ] schuf zwei Gesichter im ersten Menschen [
bBer 61a×× ×¤×¨×¦×פ×× ××¨× ××§××ש ×ר×× ××× ×××× ×ר×ש×× ], denn es heiÃt [×©× ××ר ]: Hinten und vorn bildest du mich [×××ר ××§×× ×¦×¨×ª× × ] [Ps 139,5].126
Rabbi Jirmeja ben Eleazar sagte [
××ר ר×× ×ר××× ×× ×××¢×ר ]:
Der erste Mensch hatte zwei ganze Gesichter [
bEr 18a××× ×¤×¨×¦××£ ×¤× ×× ××× ×× ×××× ×ר×ש×× ], denn es heiÃt [×©× ××ר ]: Hinten und vorn bildest du mich [×××ר ××§×× ×¦×¨×ª× × ] [Ps 139,5].127
Somit hatte der erste geschaffene Mensch nach den rabbinischen Interpretationen der Homilien-Midraschim Tanchuma Tazria und den babylonischen Talmudtraktaten Berachot 61a und Ê¿Eruvin 18a zwei Gesichter. In diesen rabbinischen Behauptungen finden sich keine geschlechtlichen Zuordnungen dieser beiden Gesichter, auch wenn diese hineingelesen werden: âAus einem davon wurde Eva geschaffenâ.128 Der erste Mensch ist hier im Kontext mit dem âSchöpfungspsalmâ 139,5 sexuell undifferenziert, und seine beiden Gesichter sind es daher in diesen rabbinischen Aussagen auch. Im Anschluss an Platons Mythos von den Kugelmenschen könnten aus heutiger queerer Sicht womöglich unterschiedliche Varianten von Geschlechtern nachträglich im Zusammenhang mit diesen jüdischen Schriften hineingelesen werden, also nicht nur ein weibliches und männliches Gesicht, sondern auch zwei weibliche oder zwei männliche Gesichter etc. Die Androgynie des ersten Menschen wird nämlich im Zusammenhang mit der Schöpfung im biblischen Buch Genesis, auÃer in den Midraschim zu Genesis, Levitikus und Psalmen,129 nirgendwo sonst in rabbinischer Literatur erwähnt, also auch nicht etwa im Homilienmidrasch Tanchuma oder im babylonischen Talmud.
Diese jüdischen Interpretationen der Teilung des sexuell undifferenzierten, zweigesichtigen ersten Menschen dürften tatsächlich auf einer Kenntnis von Platons Mythos von den Kugelmenschen aus seinem Werk Das Gastmahl beruhen, weil die Begriffe
Heute werden aber aus queerer Sicht unterschiedliche Arten und Weisen sexueller Anziehung zwischen Personen wahrgenommen und reflektiert. Die sexuelle und geschlechtliche Wirklichkeit wird als komplex begriffen. Trotzdem mag es in der Gegenwart einige Leser_Innen geben, denen selbst Platons Mythos von den Kugelmenschen seltsam erscheint. Schon damals wurde nämlich homoerotischer Eros sowohl unter Männern als auch unter Frauen thematisiert, und zwar gleichwertig neben der sexuellen Anziehung zwischen Mann und Frau. Die heutige schwule Sicht ist jedoch eine andere als Platons Anschauung der Knabenliebe.
Aus heutiger feministischer Sicht ist es bedenklich, dass die rabbinische Vorstellung einer spaltenden Gottheit im Anschluss an Platons Mythos von den Kugelmenschen patriarchalem Gedankengut entspringt. In Platons Mythos von den Kugelmenschen in Das Gastmahl schildert Aristophanes die Entstehung des geschlechtlich ausdifferenzierten Menschen als eine gewaltsame Halbierung ganzheitlicher Kugelwesen und erklärt den Eros als das Streben nach Wiedererlangung von ursprünglicher Ganzheit. In diesem griechischen Mythos ist es Zeus, welcher die Kugelmenschen spaltet.135 Innerhalb der späteren jüdischen Traditionen zersägt (
Der englische Song âThe Origin of Loveâ (âDer Ursprung der Liebeâ) aus dem Musical Hedwig and the Angry Inch (Hedwig und der zornige Zoll) von 1994, welches später unter dem gleichnamigen Titel 2001 auch verfilmt wurde,137 ist von Platons Mythos von den Kugelmenschen in Das Gastmahl inspiriert. Er ist ein Beispiel für eine heutige, queere Rezeption dieses alten griechischen Mythos. Darin wird die androgyne Drag Queen Hedwig, vormals Hansel (nach einer missglückten Geschlechtsumwandlung ist ein Zoll übrig geblieben), von einem Jungen in ihrer Liebe enttäuscht und emotional auseinandergerissen.
Der rabbinische Mythos der Teilung des androgynen ersten Menschen ist weit weniger populär als der platonische Mythos. Aber auch der biblische androgyne erste Mensch liefert eine Identifizierungsmöglichkeit für unterschiedliche queere Personen, nicht etwa wegen seiner_ihrer Erdbeschaffenheit, sondern wegen der weiblichen und männlichen Anteile. Von Emotionen dieses ersten Menschen â die etwa queere musikalische oder literarische Aneignungen zum Ausdruck bringen würden, wenn es sie bereits gegeben hätte â ist jedoch weder in der Bibel noch bei den Rabbinen die Rede. Wer wollte wie der erste geschaffene Mensch in Mann und Frau oder auch sonst wie entzwei gesägt werden? Auf diese Weise mag die eigene Unvollkommenheit und emotionales und körperliches Angewiesensein auf andere Personen ätiologisch erklärt werden. Aus queerer Sicht gilt dies nicht nur für heterosexuelle Personen, die wegen der Teilung des androgynen Kugelwesens auf der Suche nach gegengeschlechtlichen Partner_Innen sind, sondern auch für verschiedene queere Menschen, welche mit ihren unterschiedlichen Körpern und Begehren Ausschau nach Partner_Innen halten.
Zuletzt komme ich nochmals auf die anfangs erwähnte Bibelstelle Gen 1,27 aus dem ersten Schöpfungsbericht zu sprechen. Im Targum Pseudo-Jonathan, dessen Endform nicht vor dem 7. oder 8. Jahrhundert n. d. Z. datiert werden kann,138 wird in dessen aramäischer Ãbersetzung von Gen 1,27 auf die rabbinische Tradition, nach der Gott den ersten Menschen mit zwei Gesichtern geschaffen hat, sogar in einer Ergänzung zum Bibeltext hingewiesen:139 â[â¦] und [Gott] schuf sie als Mann und Frau in ihren äuÃeren Erscheinungen140 [
Meine queere Relektüre von Gen 1,27 bezüglich der Erschaffung der Menschheit im ersten Schöpfungsbericht lautet jedoch im Anschluss an die Gedanken der Rabbiner_in Margaret Moers Wenig143 folgendermaÃen: âGott [
1.3 Fazit
Aus traditioneller jüdischer Sicht wird Adam, der erste geschaffene Mensch in der Hebräischen Bibel, angefangen mit den Rabbinen, in Anlehnung an Platons Mythos von den Kugelmenschen aus Das Gastmahl, androgyn bzw. zweigesichtig vorgestellt.
Erstens wurde angenommen, dass der erste Mensch beide Geschlechter in sich vereinte. Rabbinische Auslegungen wie der Midrasch zu Genesis 8,1 zu Gen 1,26 und der Midrasch zu Levitikus 14,1 zu Lev 12,2, welche den ersten geschaffenen Menschen seltsam androgyn verstehen, legen eine queere Interpretation bestimmter Bibelstellen zur Schöpfung im Buch Genesis nahe: Queer Lesende, sofern sie sich selbst auf die eine oder andere Art und Weise mit Androgynie in Verbindung bringen, können sich in Gen 1,27 im ersten Schöpfungsbericht und in der Parallele in Gen 5,1â2 als Teile der Schöpfung wiederfinden, erschaffen von G*tt, der ebenfalls als androgyn begriffen werden kann.
Zweitens wurde von Rabbinen behauptet, dass zwei Menschen in einem angelegt waren. Das wurde durch das sprachliche Bild des zweigesichtigen ersten Menschen veranschaulicht, der schlieÃlich geteilt worden sein soll. Eine queere Lektüre hinterfragt eine heterosexistische Anschauung der Entstehung der Geschlechterdifferenz anhand von rabbinischen Interpretationen biblischer Schöpfungsvorstellungen im Midrasch zu Genesis 8,1 zu Gen 1,26 und im Midrasch zu Levitikus 14,1 zu Lev 12,2 im Zusammenhang mit dem Schriftzitat Gen 2,21 aus dem zweiten Schöpfungsbericht. In weiteren rabbinischen Quellen wie Tanchuma Tazria (âWenn eine Frau schwanger wirdâ) (in der gewöhnlichen Tanchuma-Ausgabe Tazria 1 und in jener von Salomon Buber Tazria 2 â beide zu Lev 12,2 â) und in den babylonischen Talmudtraktaten Berachot 61a und Ê¿Eruvin 18a wird die Zweigesichtigkeit des ersten Menschen explizit von Ps 139,5 abgeleitet, welcher im Kontext der Schöpfung verstanden wird.
Die deutsche feministische Schriftsteller_in Johanna Elberskirchen hat bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts die Gottesebenbildlichkeit des â damals von ihr so genannten â Homosexualen im Zusammenhang mit Gen 1,27 aus dem ersten Schöpfungsbericht behauptet. Meine queere Relektüre dieses Bibelverses bezüglich der Erschaffung der Menschheit lautet im Anschluss an die Rabbiner_in Margaret Moers Wenig folgendermaÃen: âGott [
Nach meinen Abhandlungen zu Adams Androgynie im Rahmen queerer Lesarten, welche sich auf Passagen aus den biblischen Schöpfungsberichten im Buch Genesis in der Tora beziehen, wende ich mich in den nächsten beiden Kapiteln queeren Lesarten verschiedener biblischer Bücher der Ketuvim zu, nämlich dem Buch Kohelet und dem Hohelied. Beide Bücher sind vermutlich erst in der Mitte des 2. Jahrhunderts v. d. Z. mit der Autorität Salomos versehen worden.144 Sie zählen nach jüdischer Tradition zu den Megillot und nach christlicher Tradition zur biblischen Weisheitsliteratur. Folgende queere Auslegungen zu Koh 4,9â12 und dem Hohelied sollen auf die Vielstimmigkeit von Aussagen über menschliche Sexualität in der Hebräischen Bibel aufmerksam machen. Sowohl Koh 4,9â12 als auch das Hohelied werden aus queerer Sicht als Gegentexte zu konservativen Auslegungen des zweiten Schöpfungsberichts der Genesis in Bezug auf die Ehe verstanden. In Koh 4,9â12 werden andere Modelle als eine ausschlieÃliche Mann-Frau Beziehung nahegelegt. Im Hohelied wird Liebe auÃerhalb der Ehe besungen und dabei der menschliche Eros gefeiert.
Dieses Kapitel basiert auf Karin Hügel, âQueere Lesarten von Adams Androgynieâ, Scandinavian Journal of the Old Testament 38, no. 2 (2024): 328â57, https://doi.org/10.1080/09018328.2024.2339284. Kurze Versionen dieses Kapitels wurden auf der 17. Internationalen Konferenz der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen âTranslation. Transgression. Transformationâ im Kardinal König Haus in Wien 2017, auf der 9. Jahrestagung der Ãsterreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung âGender Embodied â Verkörpertes Geschlechtâ an der Paris Lodron Universität Salzburg 2022 und beim TransX-Villa-Abend in der Türkis Rosa Lila Villa in Wien 2024 in Ãsterreich vorgetragen.
Bezüglich dieses Zitats vgl. Leidinger, Tochter, 158.
Bezüglich der beiden unterschiedlichen Darstellungen der Erschaffung der Menschheit in Gen 1,27 und Gen 2,7 vgl. Einleitung, Abschn. âUnterschiedliche Darstellungen der Erschaffung der Menschheitâ. Bezüglich der göttlichen Erschaffung der Menschheit in ihrer Gesamtheit in Gen 1,27 vgl. Einleitung, Abschn. âErschaffung der Menschheit in ihrer Gesamtheitâ.
Die Ãbersetzungsvariante von
Stemberger, Midrasch, 97.
Der Begriff âMidraschâ (
Dan, âSprache/Sprachwissenschaft/Sprachphilosophie V. Judentumâ, 761.
Trible, God and the Rhetoric, 18, bzw. Trible, Gott und Sexualität, 39.
Mit dieser feministischen Argumentation im Zusammenhang mit Gen 1,27 wird die Egalität der Geschlechter im ersten Schöpfungsbericht betont. Trible, âDepatriarchalizing in Biblical Interpretationâ, 35.
Bal, Lethal Love, 113.
Trible, God and the Rhetoric, 80, bzw. Trible, Gott und Sexualität, 99.
Bal, Lethal Love, 113.
Korsak, âTranslating the Bibleâ, 138â39. Darin zitiert sie Teile ihrer Genesisübersetzung: Korsak, At the Start.
Der Midrasch zu Genesis beinhaltet nicht nur rabbinische Auslegungen zum Buch Genesis, sondern wurde im Laufe der Textüberlieferung mit Midraschim zum übrigen Pentateuch und zu den fünf Megillot zu einer uneinheitlichen Sammlung des Midrasch Rabba zusammengestellt. Aus den im Text zitierten Rabbinen und geschichtlichen Ereignissen sowie nach sprachlichen Kriterien kann auf eine Entstehung des Midrasch zu Genesis knapp nach 400 n. d. Z. in enger Verbindung mit dem palästinischen Talmud geschlossen werden. Stemberger, Midrasch, 39.
Die jüdische Tradition siedelt Rabbi Jirmeja ben Leazar in Palästina in der dritten Generation der Amoräer an. Bacher, Agada der palästinensischen Amoräer, 3:583â87.
Der Midrasch zu Levitikus ist ein Beleg für eine Predigtsammlung als eigene Literaturgattung. Sprachliche Gründe sowie vor allem enge literarische Verbindungen mit dem Midrasch zu Genesis und dem palästinischen Talmud legen nahe, dass die Schrift im frühen 5. Jh. n. d. Z. entstanden ist. Stemberger, Midrasch, 44.
Die jüdische Tradition siedelt Rabbi Samuel bar Nachman (im babylonischen und zuweilen auch im palästinischen Talmud: bar Nachmani), einen Schüler Jonathans ben Eleazar und hochangesehenen Haggadisten, in Palästina in der dritten Generation der Amoräer an. Er war in Palästina geboren und wirkte in Tiberias in Galiläa, verweilte aber auch in Babylonien. Stemberger, Einleitung, 104.
Der Midrasch Tehillim (Midrasch Psalmen) besteht aus zwei Teilen (Psalmen 1â118 und Psalmen 119â50). Der zweite Teil stellt quasi eine Vervollständigung des ersten Teils dar und wurde allein erstmals in Saloniki 1515 gedruckt. Er steht aber in keinen Handschriften. Ibid., 358â59.
Buber, Midrasch Tehillim, 529, bzw. Braude, Midrash on Psalms, 2:345.
Bacher, Agada der palästinensischen Amoräer, 1:547, Fn. 3.
Neusner, âEvaluating the Attributionsâ, 105â6.
Die Gottesbezeichnung
Im Zusammenhang mit BerR 8,1 zu Gen 1,26 ist es sinnvoll, die biblischen Worte
Die hebräischen Bibelzitate werden von nun an in jüdischen Texten durch Kursivierung hervorgehoben.
Eigene Ãbersetzung aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen nach Theodor/Albeck, Midrash Bereshit Rabba, 1:55. Von nun an stammen alle hebräischen bzw. aramäischen Zitate des Midrasch zu Genesis, wenn nicht anders angegeben, aus Theodor/Albeck, Midrash Bereshit Rabba, 3 vols. Bezüglich einer anderen deutschen Ãbersetzung vgl. Stemberger, Midrasch, 92. Bezüglich einer englischen Ãbersetzung vgl. Freedman/Simon, Midrash Rabbah: Genesis, 1:54.
In der Wilnaer Ausgabe von LevR 14,1 zu Lev 12,2 (vgl. Vayyikra Rabba [Vilna, 1878; repr., Jerusalem]) wird diese Aussage Rabbi Samuel bar Nachman (
Eigene Ãbersetzung aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen nach Margulies, Midrash Wayyikra Rabbah, 2:296. Von nun an stammen alle hebräischen bzw. aramäischen Zitate des Midrasch zu Levitikus, wenn nicht anders angegeben, aus Margulies, Midrash Wayyikra Rabbah, 5 vols. Bezüglich einer englischen Ãbersetzung vgl. Freedman/Simon, Midrash Rabbah: Leviticus, 177.
Bezüglich meiner Diskussion rabbinischer Behauptungen von G*ttes Teilung des ersten Menschen in zwei Rücken vgl. Abschn. 1.2. âTeilungâ.
Vgl. annähernd ähnlich Schleicher, âConstructionsâ, 428.
Auch in Bal, Lethal Love, 113 wird Gen 1,27 als Beleg für ein zugrunde liegendes androgynes Bild der Gottheit angeführt.
Die wörtliche Ãbersetzung von
Zwei Angesichter (
âAn beidenâ könnte heiÃen: an Erde und Sonne oder an beiden Geschlechtern (was ein orphischer Hymnus belegt). Platon, Phaidon. Das Gastmahl. Kratylos, 269, Fn. 36.
Hier in neuer deutscher Rechtschreibung, zitiert nach ibid., 267â69. So lautet die Ãbersetzung des evangelischen Theologen und Altphilologen Friedrich Schleiermacher. Bezüglich einer englischen Ãbersetzung samt griechischem Text vgl. Nooter, How to Be Queer, 132â35.
Duden, s. v. androgyn.
Freedman/Simon, Midrash Rabbah: Genesis, 1:54, Fn. 2.
Bezüglich rabbinischer Texte zum androgynen Menschen im Zusammenhang mit verbotenem Sex vgl. mYev 8,6, tYev 10,2, pYev 8,6,9d, bYev 82b und bYev83b bzw. Hügel, âQueere Lesarten der Hebräischen Bibelâ (unveröffentlichtes Manuskript).
Bezüglich
Diese griechische Ãbersetzung der Tora wurde nach der Erzählung des Aristeasbriefes unter Ptolemaios II. Philadelphos (285â247 v. d. Z.) ursprünglich von 70 bzw. 72 jüdischen Gelehrten in Alexandrien angefertigt, woher der Name âSeptuagintaâ (LXX) kommt. Rahlfs, Septuaginta, xix. In Wirklichkeit ist die Septuaginta in einem Zeitraum von über dreihundert Jahren im ägyptischen Alexandrien sukzessive, von fast ausschlieÃlich unbekannten Ãbersetzer_Innen angefertigt, entstanden: Zuerst um die Mitte des 3. Jh. v. d. Z. der Pentateuch, dann die Geschichts- und die Prophetenbücher (denen das Buch Daniel sekundär zugestellt wurde) sowie die Psalmen, schlieÃlich die übrigen Schriften (zuletzt, schon im 1. Jh. n. d. Z., das Hohelied und Kohelet). Siegert, Zwischen Hebräischer Bibel, 30â31.41â42.
Meine hier nun folgende queere Lesart vom Galaterbrief 3,28 wurde auf Englisch auf der jährlichen Konferenz der European Association of Biblical Studies an der Universität Uppsala 2025 vorgetragen.
Vgl. die Erwähnung der Taufe in Gal 3,27, wo vom Teilhaftigwerden an Christus durch das âAnziehenâ von Christus die Rede ist: âDenn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.â Das impliziert die Vorstellung, dass der âalte Menschâ âausgezogenâ und der âneue Menschâ âangezogenâ wird, so wie in Gal 6,15 von der âNeuschöpfungâ (
Betz, Galatians, 1, bzw. Betz, Galaterbrief, 34.
Meeks, âImage of the Androgyneâ, 185.
Eigene Ãbersetzung aus dem Altgriechischen nach Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece, 584. Auch alle weiteren Ãbersetzungen aus dem Altgriechischen von Passagen des Neuen Testaments aus dieser Ausgabe stammen von mir.
Der Begriff
Meine wörtliche Ãbersetzung davon lautet: âEs gibt weder Jude noch Heide, weder Sklave noch einen freien Mann, nicht [mehr] männlich und weiblich.â
Lategan, âGalatians 3:28â, 18.
So z. B. Betz, Galatians, 182, bzw. Betz, Galaterbrief, 321.
Im Unterschied zur attischen Form
Die beiden griechischen Adjektive im Neutrum Singular
Eigene Ãbersetzung aus dem Altgriechischen nach Rahlfs, Septuaginta, 1:2. Von nun an wird diese Ausgabe der Septuaginta mit LXX abgekürzt. Auch alle weiteren Ãbersetzungen aus dem Altgriechischen von Passagen der Septuaginta stammen von mir.
Betz, Galatians, 181, bzw. Betz, Galaterbrief, 320.
Betz, Galatians, 197â200, bzw. Betz, Galaterbrief, 347â52.
De Boer, Galatians, 246.
Schüssler Fiorenza, âGal 3,28â, 184.
Schüssler Fiorenza, In Memory of Her, 213, bzw. Elisabeth Schüssler Fiorenza, Zu ihrem Gedächtnis, 265.
Tatsächlich kann auch der Codex Sinaiticus als Quelle für diese Lesart herangezogen werden, weil in dieser Handschrift selbst nachträgliche Korrekturen zu erkennen sind. Herzer, ââAlle Einer in Christusââ, 125â42.
Betz, Galatians, 200, Fn. 157, bzw. Betz, Galaterbrief, 352, Fn. 151.
Betz, Galatians, 200â201, bzw. Betz, Galaterbrief, 352â53.
In Gal 3,28 wird an eine Inklusion von Nicht-Jüd_Innen im Zuge der Einheit in Christus Jesus gedacht. So ist in Gal 6,15 von der Beschneidung die Rede: âDenn weder Beschneidung noch Unbeschnittensein gilt etwas, sondern nur eine Neuschöpfung.â Vgl. auÃerdem die Parallele zu Gal 3,28 in Kol 3,11: â[â¦] wo keine Heid_Innen und Jüd_Innen, Beschnittene und Unbeschnittene, Barbar_Innen, Skyth_Innen, Sklav_Innen, Freie mehr sind, sondern alles und in allen Christusâ.
Betz, Galatians, 200, bzw. Betz, Galaterbrief, 352.
Vgl. Einleitung, Abschn. âQueer â ein radikales Plädoyerâ.
Cheng, âGalatiansâ, 626â27.
Vgl. Einleitung, Abschn. âErschaffung der Menschheit in ihrer Gesamtheitâ.
Prominent sind jedoch im Galaterbrief Paulusâ Argumente gegen Christ_Innen, welche am jüdischen Ritual der Beschneidung als Zeichen des Gehorsams gegenüber der Tora festhalten wollen. Bezüglich einer Einleitung dazu vgl. Betz, Galatians, 31, bzw. Betz, Galaterbrief, 81â82.
Niederwimmer, Theologie des Neuen Testaments, 217.
Vgl. Augustinus, Wortlaut der Genesis, 1, xx.
Gen. litt., lib. 3, 22. Eigene Ãbersetzung aus dem Lateinischen nach Augustinus, Genèse au sens littéral (IâVII), 268.
Vgl. Gen 2,23.
Eigene Ãbersetzung aus dem Englischen nach Gottlieb, She Who Dwells Within, 80â81. Im Unterschied zu Gottlieb schreibe ich das Wort âEr_Sieâ mit dem Gendergap (Geschlechterzwischenraum), damit gerade auch an dieser Stelle Menschen angesprochen werden, die sich nicht in einem rein binären Männlich/Weiblich-Schema wiederfinden können/wollen.
Vgl. BerR 8,1 zu Gen 1,26 und LevR 14,1 zu Lev 12,2.
Vgl. Abschn. 1.1. âAndrogynes Geschöpfâ.
Vgl. Tan Tazria 1 zu Lev 12,2 und TanB Tazria 2 zu Lev 12,2.
Vgl. bBer 61a und bEr 18a.
Bezüglich der beiden unterschiedlichen Darstellungen der Erschaffung der Menschheit in Gen 1,27 und Gen 2,7 vgl. Einleitung, Abschn. âUnterschiedliche Darstellungen der Erschaffung der Menschheitâ.
Raschi ist das Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak, der 1040 n. d. Z. in Troyes geboren wurde und 1105 n. d. Z. auch dort starb. Er war ein Rabbiner, maÃgeblicher Herausgeber und Kommentator des Talmuds im Hochmittelalter.
Eigene Ãbersetzung aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen nach Rashi (Vienna, 1859; repr., Jerusalem, 1959). Bezüglich einer englischen Ãbersetzung vgl. Rashi, Torah with Rashiâs Commentary, 1:28.
Vgl. Einleitung, Abschn. âUnterschiedliche Darstellungen der Erschaffung der Menschheitâ.
Vgl. Rashi (Vienna, 1859; repr., Jerusalem, 1959) bzw. Rashi, Torah with Rashiâs Commentary, 1:17.
Bezüglich Rabbi Jischmael bar Nachmans Behauptung von G*ttes Teilung des ersten Menschen in zwei Rücken in LevR 14,1 zu Lev 12,2 vgl. Abschn. 1.1. âAndrogynes Geschöpfâ.
Die jüdische Tradition siedelt Rabbi Simeon ben Laqisch, gewöhnlich Resch Laqisch genannt, in Palästina in der zweiten Generation der Amoräer an. Er war in Tiberias in Galiläa wohnhaft. Stemberger, Einleitung, 102.
Die jüdische Tradition siedelt Rabbi Levi, einen Schüler Jochanans und bedeutenden Haggadisten, in Palästina in der dritten Generation der Amoräer an. Ibid., 104.
Buber, Midrasch Tehillim, 528â29, bzw. Braude, Midrash on Psalms, 2:344â45.
Bacher, Agada der palästinensischen Amoräer, 1:547, Fn. 3.
Vgl. Abschn. 1.1. âAndrogynes Geschöpfâ.
In der Wilnaer Ausgabe von BerR 8,1 zu Gen 1,26 (vgl. Bereishit Rabba [Vilna, 1878; repr., Jerusalem]) steht
Eigene Ãbersetzung aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen nach Theodor/Albeck, Midrash Bereshit Rabba, 1:55. Bezüglich einer anderen deutschen Ãbersetzung vgl. Stemberger, Midrasch, 92. Bezüglich einer englischen Ãbersetzung vgl. Freedman/Simon, Midrash Rabbah: Genesis, 1:54.
Freedman/Simon, Midrash Rabbah: Genesis, 1:54, Fn. 4.
Stemberger, Midrasch, 91.
Neusner, âEvaluating the Attributionsâ, 94â95.
In der Wilnaer Ausgabe des Midrasch zu Levitikus 14,1 zu Lev 12,2 (vgl. Vayyikra Rabba [Vilna, 1878; repr., Jerusalem]) wird eine recht ähnliche Behauptung Rabbi Levi (
Eigene Ãbersetzung aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen nach Margulies, Midrash Wayyikra Rabbah, 2:296. Bezüglich einer englischen Ãbersetzung vgl. Freedman/Simon, Midrash Rabbah: Leviticus, 177.
Vgl. Abschn. 1.1. âAndrogynes Geschöpfâ.
Tanchuma oder Yelamdenu bezeichnet einen in mehreren Sammlungen bekannten Homilien-Midrasch zum ganzen Pentateuch. Materiell könnte Tanchuma bereits um 400 n. d. Z. vorgelegen haben, wird aber auch erst gegen Ende der byzantinischen Zeit ins 5.â7. Jh. n. d. Z. datiert. Als Entstehungsort der Gattung ist Palästina anzunehmen, auch wenn später andere Länder zur Weiterentwicklung der Textrezensionen beigetragen haben. Stemberger, Einleitung, 336, 338â39.
Bezüglich des Namens Tazria (âWenn eine Frau schwanger wirdâ) dieser Parasche vgl. Lev 12,2.
Eigene Ãbersetzung aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen nach Sefer midrash tanḥuma, Folio 153.
Eigene Ãbersetzung aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen nach Buber, Midrasch Tanchuma, 2:33.
Selbst die Konnotation von âumschlieÃenâ (
Bezüglich Gen 2,7 vgl. Einleitung, Abschn. âUnterschiedliche Darstellungen der Erschaffung der Menschheitâ.
In der Septuaginta gibt es mit LXX Ps 118,73 (einer griechischen Ãbersetzung des hebräischen Psalms 119,73) einen annähernd ähnlichen Psalm zum Thema der göttlichen Schöpfung von Menschen: âDeine Hände [d. h. jene des Herrn (
LXX Ps 138,5 ist die griechische Ãbersetzung des hebräischen Psalms 139,4â5.
Eigene Ãbersetzung aus dem Lateinischen nach Weber/Gryson, Biblia Sacra, 942.
Vg Ps 138,5 ist die lateinische Ãbersetzung des hebräischen Psalms 139,4â5.
Daher wird im Zusammenhang mit bEr 18a auch behauptet, dass
Vgl. dazu auch Stemberger, Midrasch, 92 im Zusammenhang mit BerR 8,1 zu Gen 1,26.
Der Talmud (
Berachot (âSegenssprücheâ) ist ein Traktat in ZeraÊ¿im (âSamenâ). Ibid., 126.
Ê¿Eruvin (âVermischungenâ, mit denen bestimmte Sabbatgesetze umgangen werden können) ist ein Traktat in MoÊ¿ed (âFestzeitenâ). Ibid., 128.
Vgl. Abschn. 1.1. âAndrogynes Geschöpfâ.
Eigene Ãbersetzung aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen nach Talmud Bavli (Steinsaltz ed.). Bezüglich einer englischen Ãbersetzung vgl. Epstein, Babylonian Talmud: Berakoth, 381.
Eigene Ãbersetzung aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen nach Talmud Bavli (Steinsaltz ed.). Bezüglich einer englischen Ãbersetzung vgl. Epstein, Babylonian Talmud: Ê¿Erubin, 123.
Das schreibt der englische Ãbersetzer zur göttlichen Erschaffung von zwei Gesichtern im ersten Menschen im Zusammenhang mit bBer 61a in Epstein, Babylonian Talmud: Berakoth, 381, Fn. 7.
Vgl. BerR 8,1 zu Gen 1,26, LevR 14,1 zu Lev 12,2 und MidTeh 139,5 bzw. Abschn. 1.1. âAndrogynes Geschöpfâ.
Vgl. BerR 8,1 zu Gen 1,26. Vgl. auÃerdem
Vgl. LevR 14,1 zu Lev 12,2, Tan Tazria 1 zu Lev 12,2, TanB Tazria 2 zu Lev 12,2 und bBer 61a. Vgl. auÃerdem
Vgl. Abschn. 1.1. âAndrogynes Geschöpfâ.
Meeks, âImage of the Androgyneâ, 186, Fn. 90, bzw. Teugels, âCreation of the Humanâ, 109. Die Rabbinen haben womöglich nicht nur den Mythos von den Kugelmenschen aus Das Gastmahl gekannt, sondern auch die berühmte Darstellung des Liebesverhältnisses zwischen Alkibiades und Sokrates aus demselben Werk Platons. Vgl. meine Ausführungen zu mQid 4,14, pQid 4,11,65a, pQid 4,11,66c und bQid 82a in Abschn. 2.4. âMänner unter einem Mantelâ.
Schleicher, âConstructionsâ, 428â29.
Vgl. Platon, Symp. 190â91.
Mitchell, Hedwig.
Maher, Targum Pseudo-Jonathan: Genesis, 1.12.
Ibid., 20, Fn. 49.
Die Kursivierungen innerhalb meiner Ãbersetzungen des Targums Pseudo-Jonathan verweisen von nun an â wie in englischen Ãbersetzungen in der Reihe âThe Aramaic Bibleâ â auf die aramäischen Ergänzungen zum Bibeltext.
Bei der Wiedergabe von
Eigene Ãbersetzung aus dem Aramäischen nach Diez Macho, Biblia Polyglotta Matritensia 4,1:9. Bezüglich einer englischen Ãbersetzung vgl. Maher, Targum Pseudo-Jonathan: Genesis, 20.
âGod created human kind [â¦] male and female and every combination in betweenâ. Moers Wenig, âMale and Femaleâ, 16.
De Pury, âKanon des Alten Testamentsâ, 16.