Friedrich Nietzsche hat die plotinische, Platon weiterdenkende und von Schelling und Hegel weitergedachte Auffassung von der Kunst und dem Schönen auf den Kopf gestellt. So wie Schelling diese Auffassung von Gott und der Kunst in einer konstruktiven Weise mit der Mythologie verbunden hat, so tut dies Nietzsche auch für seine Auffassung von Kunst und Leben. Es bleiben die Zusammenhänge gewahrt, nur daà sie nun umgekehrt werden. Was die christliche Offenbarung hier zu sagen hat, wird nun angesichts dieser veränderten Konstellation zu denken sein.
Für Plotin ist Schönheit in der höchsten Form erreicht, wenn es dem Menschen gelungen ist, den Aufstieg zu Gott zu schaffen. Dies ist die höchste Freude. Nietzsche hingegen spricht von einem Ur-Einen, das allein die wahre Wirklichkeit ist, und diese Wirklichkeit ist von Grauen und Schmerz erfüllt. Man kann und soll dies aber bejahen, und dann ist sie zugleich höchste Lust. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Mensch sich zu dieser Wirklichkeit verhält, und je nachdem, welche er ergreift, verwirklicht er zwei Formen von Kunst: die dionysische oder die apollinische.
Nietzsche nennt das âWahrhaft-Seiende und Ur-Eineâ âdas ewig Leidende und Widerspruchsvolleâ. Diese braucht âdie entzückende Vision, den lustvollen Schein seiner steten Erlösungâ. Dieser Schein ist das, was man als das normale Dasein zu leben gewöhnt ist. Es ist in Wirklichkeit das âWahrhaft-Nichtseiendeâ, âein fortwährendes Werden in Zeit, Raum und Causalitätâ1. Dieses scheinbare Sein ist zwar, von dem Ur-Einen aus betrachtet, etwas, das den Schein der Erlösung hat; es trägt aber selbst doch noch immer in starkem MaÃe den Charakter des Jammervollen. Nietzsche spricht von dem âfurchtbare[n] Vernichtungstreiben der sogenannten Weltgeschichte, eben so wieâ der âGrausamkeit der Naturâ.2 Diese âRealitätâ ist somit noch immer âdie Wiederspiegelung des ewigen Urschmerzes, des einzigen Grundes der Welt: der âScheinâ ist hier Widerschein des ewiges Widerspruchs, des Vaters der Dinge.â3 So bringt diese Realität selbst eine weitere, also potenzierte Vorstellung eines erlösten Zustandes hervor: die apollinische Kunst, welche die Kunst des Traums ist, âder Schein des Scheinsâ4. Die sogenannte griechische Heiterkeit ist dann nichts anderes als nur âleuchtende Flecken, zur Heilung des von grausiger Nacht versehrten Blickes.â5
Dabei ist auch in dieser Kunst sehr wohl auch das Leidvolle enthalten, so auch die Tragödie mit Gestalten wie Oedipus6. âNicht etwa nur die angenehmen und freundlichen Bilder sind es [â¦] auch das Ernste, Trübe, Traurige, Finstere [â¦]â, aber es ist in die Distanz eines Traumes gerückt, den man gerne träumt: âEs ist ein Traum! Ich will ihn weiter träumen!â7 Die in der Natur nicht nur schönen, sondern auch häÃlichen oder grauenerregenden Gegenstände werden in eine Sphäre der Kunst aufgenommen, in der sie schön sind8. Dieser Traum, dieser Schein des Scheins ist also dadurch in gewisser Weise eine Erlösung, weil er schön ist. Man kann mit allem Problematischen des Lebens umgehen, aber so, daà es in Schönheit getaucht wird. Damit ist aber notwendig verknüpft, daà diese Schönheit die Schönheit einer Scheinwelt ist, die nicht mehr bedrückt. Wäre es keine Scheinwelt, dann würde sie nicht â in einem bestimmten Sinne â erlösend sein, und dann würde sie nicht schön sein. Die âErlösungâ besteht hier nur darin, daà man sich in einen verklärenden Abstand zur Normal-Welt träumt. Sie ist keine wirkliche Erlösung, keine Erlösung durch das Eintreten einer stärkeren Wirklichkeit.
Wie bei Plato wird die Kunst â die mimetische Kunst â hier als Schein betrachtet, und wie bei Plato und Plotin ist Erlösung, Aufstieg auf den Gipfel des Daseins, notwendig mit Schönheit verbunden. Nur fällt bei Nietzsche beides zusammen: der menschliche Aufstieg fällt auf seinem Höhepunkt mit dem Schein des Scheins zusammen. Schönheit kann in ihrer höchsten Potenz nur in der Kunst gegeben sein, die nicht zugleich eine besondere Form des Wahrheitserkenntnis ist, sondern nur Schein.
Das Verhältnis zwischen der Normal-Wirklichkeit, insofern sie das Grauenvolle des Ur-Einen in sich widerspiegelt, und dem Dasein, das durch die Kunst verklärt ist, drückt Nietzsche aus durch eine altgriechische Sage von einem Silen, den der König Midas fangen lieÃ. Er wollte von ihm wissen, was für den Menschen das Allerbeste sei. Der Silen antwortete: âDas Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich â bald zu sterben.â9 Unter dem Eindruck der apollinischen Kunst wird das Leben so verklärt, daà die Aussagen des Silens umgekehrt werden: âdas Allerschlimmste sei für sie [die Menschen] bald zu sterben, das Zweitschlimmste, überhaupt einmal zu sterben.â10
Es gibt aber auch ein anderes Verhalten des Menschen gegenüber dem Leiden und dem Grauenvollen in seinem Normal-Leben. Und dieses besteht gerade in einer dem Apollinischen entgegengesetzten Bewegung: es ist das DurchstoÃen zu dem Ur-Einen, das dem Normal-Leben zugrunde liegt, in dem Bejahen des Grauenvollen, das in der höchsten Potenz im Ur-Einen liegt â wahrlich die Aufgabe für einen Ãbermenschen, weil sie etwas letztlich übermenschliches verlangt. Und gerade damit wird höchste Lust gewonnen: die Lust des Rausches. Dies ist das Dionysische11. Dionysius ist der Gott, der leidet und sich verherrlicht, und mit ihm wird der Mensch eins12.
Die Kunstgattung, die zu ihm zuallererst gehört, ist die nicht-mimetische Kunst der Musik, und zwar die dionysische Musik. âAus dem Wesen der Kunst, wie sie gemeinhin nach der einzigen Kategorie des Scheines und der Schönheit begriffen wird, ist das Tragische in ehrlicher Weise gar nicht abzuleiten; erst aus dem Geiste der Musik heraus verstehen wir eine Freude an der Vernichtung des Individumsâ13 â nämlich des Helden der Tragödie, wie beispielsweise des Oedipus, der sich die Augen aussticht.
Auf dem dionysischen Wege gelangt man zu einer â wenngleich nur kurz währenden â unio mystica mit dem Ur-Einen: âWir sind wirklich in kurzen Augenblicken das Urwesen selbst und fühlen dessen unbändige Daseinsgier und Daseinslust; der Kampf, die Qual, die Vernichtung der Erscheinungen dünkt uns jetzt wie nothwendig [â¦] wir werden von dem wüthenden Stachel dieser Qualen in demselben Augenblicke durchbohrt, wo wir gleichsam mit der unermesslichen Urlust am Dasein eins geworden sind und wo wir die Unzerstörbarkeit und Ewigkeit dieser Lust in dionysischer Entzückung ahnen.â14 In der dionysischen Kunst ist âdas Erhabene als die künstlerische Bändigung des Entsetzlichen und das Komische als die künstlerische Entladung vom Ekel des Absurdenâ15.
Es ergibt sich damit auch eine Ordnung der Gattungen der Kunst. Apollinisch sind die mimetischen Künste: die Plastik und die Malerei16, in Verbindung mit der Plastik die Architektur17, und unter den Gattungen der Dichtkunst die Epik, gerade die homerische Epik18. Es gibt auch eine apollinische Musik, aber diese ist eine â im Nietzscheschen Sinne â uneigentliche Musik: âDie Musik des Apollo war dorische Architektonik in Tönen, aber in nur angedeuteten Tönen, wie sie der Kithara zu eigen sind.â Dazu gehört ein âWellenschlag des Rhythmus, dessen bildnerische Kraft zur Darstellung apollinischer Zustände entwickelt wurde.â Es ist also gerade kein orgiastischer Rhythmus, der einen in Ekstase bringen soll19.
Gerade dies charakterisiert die dionysische Musik20 und sie hat, stellt man sich auf den Standpunkt des Dionysischen, den Primat unter den Künsten. Der dionysische Künstler ist âgänzlich mit dem Ur-Einen, seinem Schmerz und Widerspruch, eines geworden und producirt das Abbild dieses Ur-Einen als Musikâ21. Diese Musik ist also wesentlich sprachlos; sie geht der Sprache voraus22.
Eine zweite, dem Apollinischen nähere Produktionsstufe ist dann, nun innerhalb des Dichtkunst, die Lyrik23 ; die Tragödie enthält dionysische und apollinische Elemente24 ; das grundlegende ist aber das dionysische: âdass die Tragödie aus dem tragischen Chore entstanden istâ25, welcher im Grunde ein dionysisches Satyrlied war26. Darum ist sie eben âaus dem Geiste der Musikâ geboren. Für die Komödie als die andere Form des Dramas ist wiederum das dionysische Element âals die künstlerische Entladung vom Ekel des Absurdenâ27 grundlegend.
Geht man den Weg vom Dionysischen zum Apollinischen weiter, dann gelangt man schrittweise auch aus diesem heraus. Im Ãbergang findet man, bei Euripides, einen âaesthetischen Sokratismusâ: âalles muà verständig sein, um schön zu seinâ28. Mit ihm wird anstelle der Trunkenheit die Nüchternheit gesetzt29. SchlieÃlich tritt man in einen neuen Bereich, den des philosophischen und überhaupt wissenschaftlichen Denkens. Es âüberwächstâ dann âder philosophische Gedanke die Kunstâ; der Syllogismus mit seinem Optimismus â man kann durch einen Schluà die Wahrheit finden und am Schluà steht die Wahrheit! â verdrängt den Pessimismus der Tragödie30.
Die dionysische Kunst in ihrer Reinform, die Musik, hat dann aber auch nicht die Schönheit als Kriterium; diese ist ein fremdes Element aus der apollinischen Kunst31. Für die dionysische Kunst ist hingegen gerade die Dissonanz charakteristisch: âdass nur als ein aesthetisches Phänomen das Dasein und die Welt gerechtfertigt erscheint: in welchem Sinne uns gerade der tragische Mythus zu überzeugen hat, dass selbst das Hässliche und Disharmonische ein künstlerisches Spiel ist [â¦] Dieses schwer zu fassende Urphänomen der dionysischen Kunst wird aber auf directem Wege einzig verständlich und unmittelbar erfasst in der wunderbaren Bedeutung der musikalischen Dissonanzâ32. Damit hat Nietzsche Wagners Tristan-Akkord (1857) ästhetisch gedeutet und die Disposition vorweggenommen, von welcher aus Arnold Schönberg um 1910 zur âEmanzipation der Dissonanzâ schritt.
Die Berechtigung von Nietzsches gewaltsamer Umkehrung der plotinischen Skala liegt an diesem Punkt: der Aufstieg des Menschen zu dem Einen, das als das Schöne gefaÃt wird, scheitert tatsächlich. Er kann nur gedacht werden; das Denken der Vollendung kann gelegentlich so intensiv werden, daà man gelegentlich die Erfahrung hat, exaiphnes den Gipfel erreicht zu haben, von dem man aber sogleich wieder herabgleitet. Der Aufstieg gelingt nur scheinbar. Nietzsche macht daraus den Aufweis, daà das Ziel, das Eine-Gute-Schöne, selber nur Schein sei.
An diesem Punkt befindet sich Nietzsche auch in Ãbereinstimmung mit der christlichen Lehre: der Mensch ist unvermögend, aus eigener Kraft zu Gott zu gelangen.
âErlösungâ geschieht für Nietzsche aber nur durch die Kunst, in sehr verschiedener Weise durch die apollinische und durch die dionysische Kunst, und das Wort muà hier in Anführungszeichen gesetzt werden, denn in der apollinischen Kunst ist die Erlösung nur eine geträumte, und in der dionysischen wird Ãbermenschliches verlangt: das Grauen, indem man es bejaht, als Erlösung zu erfahren.
Das Christentum lehrt dies nun gerade nicht. Erlösung gibt es allein dadurch, daà tatsächlich, in einem Fall, das geschehen ist, was Nietzsche für den Weg in die Wirklichkeit hinein hält: daà ein Mensch rückhaltlos und bis zur Neige das Leid in seinem ganzen Grauen bejaht hat und über sich hat zusammenschlagen lassen. Mehr noch: daà er dabei in den innersten Kern dieses Leidens hineingedrungen ist, aus dem es hervorkehrt: es ist nämlich nicht das Wesen der Ur-Wirklichkeit, sondern das Ergebnis der Rebellion gegen Gott, der tatsächlich der Eine, der Gute und Schöne ist, und dieses Sich-WegreiÃen von Gott hat er zwar nicht selbst begangen, aber erlitten. Dieser Mensch ist aber niemand anderes als der Sohn Gottes selbst. Jesus Christus ist die Wirklichkeit, die in dem mythischen Gott Dionysius nur vorgezeichnet wird. Er ist der Gott, der durch sein Leiden und Sterben für die Menschen Erlösung bringt.
Diese Grundentscheidung bringt aber auch eine andere Auffassung vom Schönen und von der Kunst mit sich. Das Schöne ist bei Nietzsche in signifikantem MaÃe mit dem Schein verbunden. Gemäà der christlichen Lehre, die an diesen Punkten mit der plotinischen übereinstimmt, leuchtet im Schönen aber die Wirklichkeit Gottes auf und auch im Schein der mimetischen Kunst scheint diese Wirklichkeit durch. Aber alle Gattungen der Kunst, auch die Musik, hat Schönheit als Ziel, und insofern ist, um es mit diesem Nietzscheschen Begriff zu sagen, die christliche Kunstauffassung apollinisch. Sie birgt indes auch ein dionysisches Element, denn das HäÃliche, das Dissonante, wird nicht nur ästhetisch in einer schönen Darstellung oder Komposition gebändigt, sondern es wird in die Wirklichkeit Gottes hineingesogen im Akt der Erlösung, so wie der Kreuzestod Jesu in das ewige Leben Gottes hineinverschlungen wird. Das Schöne der christlichen Kunst hat darum auch das HäÃliche in sich aufgenommen und überwunden.
Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie (1872), in: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari, Bd.1, München / Berlin 1988 (2., durchges. Aufl.), 23â156, hier: 38,29â39,3.
Ein wesentliches Merkmal ist dabei das principium individuationis: man bestimmt sich als ein einzelnes Wesen, das sich abscheiden kann von dem Grauen, das die Welt erfüllt. Für diesen Gedanken, den er in einem âexcentrischen Sinneâ auf die apollinische Kunst überträgt, beruft sich Nietzsche ausdrücklich auf Schopenhauer. Dieser spricht dabei nicht von der Kunst, sondern von der Normal-Wirklichkeit, die aber nur dem durch den âSchleier der Maja befangenen Menschenâ als Wirklichkeit erscheint, s. Arthurs Schopenhauerâs sämmtliche Werke, hg. v. Julius Frauenstädt, 2. Aufl., neue Ausgabe, Bd.2: Die Welt als Wille und Vorstellung, Leipzig 1923, 416; Nietzsche, a.a.O., 28, 9â34.
Ebd., 56, 18â20.
Ebd., 39,19â21.
Ebd., 39,8.
Ebd., 65,17f.
Ebd., 65f.
Ebd., 27,7â9. 17.
Apoll âbeherrscht auch den schönen Schein der inneren Phantasie-Welt.â, ebd., 27,28f.
Ebd., 35,21â24.
Ebd., 36,29f.
Zum Rausch als Merkmal des Dionysischen: ebd., 26,3â7; 28,24â30,16. [hier auch Schopenhauer paraphrasiert.]
Ebd., 63,5; 64,5; 58,11.
Ebd., 108,8â12.
Ebd., 109,9â19.
Ebd., 57,24â26.
Apollo ist der Bildnergott: ebd., 28,6; 27,26.
Der griechische Tempel mit seinen Giebelreliefs: 34,14â27. Vgl. 44,27f: âDer Plastiker und zugleich der ihm verwandte Epiker ist in das reine Anschauen der Bilder versunken.â
Welche ein olympische Welt entfalten: ebd., 36,5â38,7.
Ebd., 33,20â22; 33,19f.
Ebd., 33f.
Ebd., 43,33â44,2.
Ebd., 48f. Vgl. die Ausführungen 104â107 mit langen Zitaten aus Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 309â311.
Ebd., 42â48, insbes. 44,6â15.
Ebd., 26,1f.
Ebd., 52,13f.
âDer metaphysische Trost, â mit welchem, wie ich schon hier andeute, uns jede wahre Tragödie entlässt â dass das Leben im Grunde der Dinge, trotz allem Wechsel der Erscheinungen unzerstörbar mächtig und lustvoll sei, dieser Trost erscheint in leibhafter Deutlichkeit als Satyrchor, als Chor von Naturwesen, die gleichsam hinter aller Civilisation unvertilgbar leben und trotz allem Wechsel der Generationen und der Völkergeschichte ewig dieselbe bleiben. Mit diesem Chore tröstet sich der tiefsinnige und zum zartesten und schwersten Leiden einzig befähigte Hellene, der [â¦] mitten in das furchtbare Vernichtungstreiben der sogenannten Weltgeschichte, eben so wie in die Grausamkeit der Natur geschaut hat und in Gefahr ist, sich nach einer buddhaistischen Verneinung des Willens zu sehnen. Ihn rettet die Kunst, und durch die Kunst rettet ihn sich â das Leben.â, ebd., 56,7â22.
Ebd., 57,25f.
Ebd., 85,5. 7.
Ebd., 87.
Ebd., 94f mit 94,11f. Nietzsche unterscheidet dann schlieÃlich drei Illusionsstufen: die tragische, d.h. dionysische, die künstlerische, d.h. apollinische und schlieÃlich, am stärksten illusionär, die sokratische, d.h. theoretische, intellektuelle Kultur: 116.
Ebd., 104,8â18, unter Berufung auf Richard Wagners Beethoven-Schrift. Nietzsche nimmt damit offenkundig auch an der Seite Wagners Stellung gegen Eduard Hanslick mit dessen Ideal des âMusikalisch-Schönenâ, das in den tönend bewegten Formen der Musik besteht, s. ebd., 104,17f: âdie Erregung des Gefallens an schönen Formenâ gehöre in den Bereich der bildenden Kunst, nicht der Musik, vgl. Eduard Hanslick, Vom Musikalisch-Schönen (1854).
Ebd., 152,19â27 [Hervorhebung F.N.]. Dies ist gerade keine Dissonanz, die nach einer Auflösung strebt, wie das in der Verwendung des Dissonanz in der abendländischen Musik nach der Gregorianik bis Wagner der Fall gewesen war. Nietzsche spricht im Zusammenhang mit dem Zerfall der Tragödie, die ihren dionysischen Charakter verliert, von âeiner irdischen Lösung des tragischen Dissonanzâ im übertragenen Sinne: 114,20. Es gilt vielmehr âdie lustvolle Empfindung der Dissonanzâ als solcher: 152,31f.