Ein Teil der Künste ahmt also nach. Diese Nachahmung kann das Schöne in das Kunstwerk auf diese Weise bringen, daà sie etwas Schönes in der Natur nachahmt. Plotin präzisiert aber diesen Gedanken und bringt damit bereits eine Näherbestimmung von dem, was mimesis überhaupt heiÃt: âSodann muà man wissen, daà die Künste das Geschehen nicht schlechtweg nachahmen [
Die Kunst ist in den mimetischen Künsten eine Nachahmung der Natur; eine andere Nachahmung der Natur findet indes in der Technik statt. Aristoteles sagt:
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ἡ ÏÎÏνη Ïá½° μὲν á¼ÏιÏελεῠἠἠÏÏÏÎ¹Ï á¼Î´Ï ναÏεῠá¼ÏεÏγάÏαÏθαι, Ïá½° δὲ μιμεá¿Ïαι â.
Dies kann so übersetzt werden: âDie Kunstfertigkeit bringt teils zur Vollendung, was die Natur nicht zu Ende bringen kann, teils eifert sie ihr (der Natur) nach.â, aber man könnte auch sagen â und mit mehr Recht: sie ahmt sie nach3. Der Zusammenhang ergibt hier eindeutig, daà es sich um das âZeugâ handelt, das einem bestimmten Zweck zu dienen hat, einem âwegen etwasâ. Das Beispiel ist ein Haus. Es geht dann also um das Wohnen. Man kann ein Haus mit einer Höhle vergleichen: eine Höhle dient, wenn sie bestimmte Eigenschaften hat, z.B. groà genug ist, keinen Regen einläÃt, keine feuchten Wände hat, dem Zweck des Wohnens von Menschen. Wenn der Mensch nun ein Haus baut, dann achtet er auf die gleichen Eigenschaften, weil er in dem Haus wohnen will; er schaut nur, daà das Haus noch bessere Eigenschaften hat, die diesem Zweck dienen.
Bei der Kunst in dem eigentümlichen Sinne, wie er hier definiert worden ist, richtet sich die mimesis hingegen auf etwas, das sinnlich wahrnehmbar ist, auf die Schönheit, aber auch auf die Wahrheit. Sie kann sich auch auf etwas richten, das nicht schön ist; es ist dann nur wahr4. Das muà die Schönheit, welche die Zielbestimmung der Kunst ist, nicht aufheben; das dargestellte HäÃliche wird dann aufgenommen in eine Darstellung, die schön ist. Die Schönheit der künstlerischen Darstellung erweist sich dann als etwas anderes als die Schönheit des Naturdings und hebt sich damit von ihr ab. Aristoteles stellt fest, daà wir âvon Dingen, die wir in der Wirklichkeit nur ungern anblicken [â¦] mit Freude möglichst getreue Abbildungenâ sehen, âz.B. Darstellung von äuÃerst unansehnlichen Tieren und von Leichenâ5. Er führt das auf den Wahrheitsgewinn zurück, den solche Abbildungen vermitteln. Man muà aber noch hinzufügen: diese Freude kann nur eintreten, weil eben nicht die Wirklichkeit selbst begegnet, sondern nur ihre mimesis. Diese hat dann aber auch ihre eigenen Regeln der Schönheit.
Durch die mimesis hat die Kunst einen Wahrheitscharakter, den das Naturding als solches nicht hat. Guardini hat dies herausgearbeitet. Man kann seine Ãberlegungen an die oben genannten Heideggers anknüpfen. Das künstlerische Schaffen strebt, wie Guardini sagt, auf ein vollkommenes Dasein zu, âworin das Seiende seine volle Wahrheit erreicht hat [â¦] wo die Dinge in der Innerlichkeit des offen gewordenen Herzens stehen, und das Herz durch die befreite Mannigfaltigkeit der Dinge redet.â6 Es ist dort âdas Wesen der Dinge offenbarâ. âDas ist das neue Dasein, wo alles offen ist; wo die Dinge im Herzraum des Menschen stehen und der Mensch sein Wesen in die Dinge einströmen läÃt. Von diesem Neuen rede die Kunst â oft nicht wissend, was sie redet.â7
Die Wahrheit der Dinge, die von ihrer mimesis im Kunstwerk angekündigt wird, kann sich erstens auf das Verhältnis beziehen, das sie, so wie sie sind, zu dem Menschen haben, der mit ihnen zu tun bekommt. Sie sind zunächst einmal verschlossen; der Mensch geht an ihnen im Grunde blind vorbei, gerade dann, wenn er sie nur zu seinen Zwecken gebraucht8.
Sie kann aber zweitens auch das Sein betreffen, das die Dinge an sich haben: sie sind noch nicht geworden, was sie eigentlich sein sollen, aber das Kunstwerk kündigt dieses Sein an. Dies ist das eschatologische Sein: âder neue Himmel und die neue Erde.â9
Steht nun aber das Schöne in der Natur über dem Schönen in der Kunst oder umgekehrt?
Immanuel Kant hat sich für das Erste ausgesprochen. Er führt den Fall vor, daà etwas Schönes in der Natur, z.B. der Gesang einer Nachtigall, künstlich nachgeahmt wird. Sobald man entdeckt hat, daà man auf diese Weise getäuscht worden ist, wird man kein Interesse mehr daran haben. Ja, es wird der Fall sein, âdaà auch der Geschmack alsdann nichts Schönes, oder das Gesicht [das Sehvermögen in einem entsprechenden Fall] etwas Reizendes mehr daran finden kannâ. âEs muà Natur sein, oder von uns dafür gehalten werden, damit wir an dem Schönen als einem solchen ein unmittelbares Interesse nehmen könnenâ10.
Georg Friedrich Wilhelm Hegel hingegen erklärte, daà âdas Kunstschöne höher stehe als die Natur. Denn die Kunstschönheit ist die aus dem Geiste geborene und wiedergeborene Schönheit, und um soviel der Geist und seine Produktionen höher steht als die Natur und ihre Erscheinungen, um soviel auch ist das Kunstschöne höher als die Schönheit der Natur.â11
Die Vorzüge jeweils der Natur und der Kunst gehören aber in zwei verschiedene Kategorien und können darum nicht als gröÃer oder minder miteinander verglichen werden. Man darf nicht versuchen, das Schöne in der Natur zu ersetzen durch ein Kunstschönes, das dieses täuschend nachahmt wie in dem Beispiel von Kants Nachtigall. Hier beharrt die Natur auf ihrem Recht, die ursprüngliche, die primäre Wirklichkeit zu sein. Die Schönheit, die sie hat, nimmt Teil an dieser Ursprünglichkeit. Das Kunstwerk hat indes den Vorzug, aus dem Geist eines Menschen hervorgebracht zu sein. Hegel verkennt nur an dieser Stelle, daà die Natur nicht einfach da ist, sondern daà sie selber etwas aus einem Geist hervorgebrachtes ist, nämlich aus dem Geist Gottes hervorgebrachtes. Er spricht hier so von der Natur, als gäbe es Gott nicht. Das ergibt sich aber nur daraus, daà Hegel hier ganz die Perspektive des menschlichen Geistes einnimmt, der noch nicht durch die Natur zu Gott hindurchgedrungen ist12.
Der Geist des Menschen mit seiner Fähigkeit zur künstlerischen Kreativität hat aber auch seine Berufung, und im Blick darauf besteht Hegels Recht. Das Anliegen, das Hegel dabei verfolgt, ist der Aufstieg, der den Geist über die Kunst und die Religion zur Philosophie führt13.
Enneade V 8, 1,35â41 (S.36/37).
Plinius Maior, Historia naturalis XXXV, 64, vgl. auch Cicero, De Inventione II, c.1. Der Topos wieder wieder aufgenommen von Leon Battista Alberti, Drei Bücher über die Malerei, ital.-dt. Im Originaltext hg. u. übers. v. Hubert Janitschek, Grafrath 2015 (Neudruck der Ausgabe Wien 1877, Leone Battista Albertiâs Kleinere kunsthistorische Schriften, Quellenschriften für Kunstgeschichte und Kunsttechnik des Mittelalters und der Renaissance, Bd.11), 107. Vgl. damit Ficino, De Amore VI, xviii: Ãber die Liebe oder Platons Gastmahl, übers. v. Karl Paul Hasse, hg u. eingel. v. Paul Richard Blum, lat.-dt., Hamburg 1984, 291,28ff: Diotima läÃt Sokrates seine jugendlichen Freunde betrachten, an denen hier und da etwas Schönes erkennbar ist, aber nicht uneingeschränkt. Daraus soll er erkennen, daà Schönheit nicht im Körperlichen aufgeht.
Aristoteles, Physik II, 8 / 199a 15â17, die erstgenannte Ãbersetzung ist aus: Aristotelesâ Physik, übers., mit einer Einleitung u. mit Anm. hg. v. Hans Günter Zekl, griech.-dt., Bd.1, Hamburg 1987. Ãbertragen auf die Kunst (wie sie hier verstanden wird) bei Marsilio Ficino: Theologiae Platonicae de immortalitate animorum libri XVIII ad Laurentium Medicem, lat.-engl. Ausgabe hg. v. James Hankins, übers. von Michael Allen, Cambridge/Mass. 2001â2006, IV 1 = Bd. 1,146: âArs imitatur naturam et perficit eam.â, bzw.: âars humana nihil est aliud quam naturae imitatio quaedamâ, Hankins, Bd.1, 252.
Diese Möglichkeit hat bereits Aristoteles offen gehalten: âSo halten es auch die Maler: Polygnot hat schöne Menschen abgebildet, Pauson häÃlichere, Dionysios ähnliche.â: Poetik, Kap.2, 1448a, über. u. hg. v. Manfred Fuhrmann, griech.-dt., Stuttgart 1982, 7â9.
Poetik, Kap.4, 1448b, S.11.
Guardini, Wesen des Kunstwerks, 48. An dieser Stelle kann auch zustimmend Konrad Fiedler zitiert werden: âKunst ist nicht Natur; denn sie bedeutet eine Erhebung, eine Befreiung aus den Zuständen, an die gemeiniglich das BewuÃtsein einer sichtbaren Welt gebunden ist; und doch ist sie Natur: denn sie ist nichts anderes als der Vorgang, in dem die sichtbare Erscheinung der Natur gebannt und zu immer klarerer und unverhüllterer Offenbarung ihrer selbst bezwungen wird.â, Schriften 1, 315* / 1, 188, vgl. ebd., 1*, 322â324 / 1, 193f.
Ebd., 51.
Das zeigt Heidegger gerade an dem Bild, das van Gogh von einem Paar Bauernschuhen gemalt hat: Ursprung des Kunstwerkes, 22â24. âDas Zeugsein des Zeuges [also in diesem Fall der Bauernschuhe] wurde gefunden. Aber wie? [â¦] nur dadurch, daà wir uns vor das Gemälde van Goghs brachten.â, ebd., 24.
Guardini, Wesen des Kunstwerks, 51.
Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, § 42: Vom intellektuellen Interesse am Schönen, Ausgabe hg. v. Weischedel, 236, im Zusammenhang 231â236. Das letzte Kriterium Kants dabei ist, daà das unmittelbare Interesse an der Schönheit in der Natur ein Kennzeichen einer moralisch guten Seele sei: 231.
Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Vorlesungen über Ãsthetik, Bd.1, hg. v. Eva Moldenhauer u. Karl Markus Michel (Theorie-Werkausgabe = TWA Bd. 13), Frankfurt/Main 1970, als suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1986, 14.
Gleichlaufend sind die Darlegungen Hegels in seiner Enzyklopädie der Wissenschaften, wo er von der Natur spricht als der âIdee in der Form des Andersseinsâ. Anders, wenngleich unterbetont sagt er dort aber auch: âWeil sie [die Natur] jedoch, obzwar in wolchem Elemente der ÃuÃerlichkeit, Darstellung der Idee ist, so mag und soll man in ihr wohl die Weisheit Gottes bewundern.â, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830), hg. v. Friedhelm Nicolin und Otto Pöggeler, Hamburg 1991, 200f. Dazu Sven Grosse, Theologie und Wissenschaftstheorie, Paderborn 2019, 146.
Hegel, Ãsthetik, Bd.1, 139.