Diese Ãberlegungen haben aber nun auch eine bestimmte Konsequenz für die Ordnung der Kunstgattungen. Man kann sie nicht nach einer solchen Hierarchie ordnen, wie Hegel sie bestimmt, weil es diesen Aufstieg zur Absolutheit des Geistes nicht gibt. Die Kunstgattungen haben als solche, wie sie zur Lebenswelt des Menschen gehören (I.15), gar keine Hierarchie. In Blick darauf, wie sie sich durch Gottes Wort in Dienst nehmen lassen, und in Blick darauf, was dieses Wort aus dem Menschen machen will, haben sie allerdings eine bestimmte Ordnung. Diese Ordnung wird eben dadurch bestimmt, daà Gott das Wort ist â das ewige Wort, Joh 1,1 â und daà er sein Wort spricht â das von beauftragten Menschen ausgesprochene Wort des Evangeliums: 2. Kor 5,19. Diesem Wort entspricht das menschliche Wort, in dem der Mensch seinen Glauben mit seinem Mund bekennt (Röm 10,10).
Auf diese Weise wird die Sprachkunst hervorgehoben, wobei hier zunächst von dem Fiktiven der Dichtkunst abgesehen werden muÃ, denn es geht nicht um eingebildete, sondern um tatsächliche Wirklichkeit, die aber künstlerisch gestaltet werden kann. Diese Sprachkunst ist an erster Stelle die geistliche Lyrik im Gottesdienst, die mit Musik verbunden, die gesungen wird, also der Hymnus (Eph 5,19; Kol 3,16). Gott kommt dem Menschen nahe dadurch, daà er spricht und von sich sprechen läÃt. Das Ohr hat hier einen Vorrang vor dem Auge. Wir wandeln im Glauben â an das hörbare Wort â und nicht im Schauen (2. Kor 5,7). Die Vorstellung, die der Mensch von der Wahrnehmung, der
Dieser Eingeborene ist aber nicht nur das Wort, sondern auch das Bild des Vaters (Kol 1,15; Hebr 1,3; 2. Kor 4,4). Gerade die Aussage 2. Kor 5,7 weist darauf hin, daà das Schauen über dem Hören steht. Die Sehnsucht, die in Ps 17,15; 42,3; 63,3 ausgedrückt wird, die VerheiÃung, die Mt 5,8 ausgeprochen wird, sie wird in der jenseitigen Vollendung erfüllt werden. Es gibt aber auch ein Sehen Christi, das durch die Verkündigung des Wortes erzeugt wird, eine Vorwegnahme der eschatologischen Schau Christi und Gott Vaters: Joh 1,14b; 2. Kor 3,18; 4,6. Darauf kann die Theologie des Bildes aufbauen, auch der Plastik, die Theologie des sakralen Bildes, ganz besonders die Theologie der Ikone.
Im Wort steigt also Gott unter das herab, was er eigentlich ist. Er ist zwar eigentlich sichtbar â aber nur in einem unzugänglichen Licht (1. Tim 6,16) â und seine Worte sind eigentlich hörbar, aber sie sind auch unaussprechlich und es kann kein Mensch sie selbst sagen (2. Kor 12,4). Es ist also auch eine Selbstherablassung Gottes, wenn er in menschlichen Worten spricht, von sich sprechen läÃt und sich ansprechen läÃt, in Worten, die ein Mensch verstehen kann. An diesem Punkt weist nun die Musik, und zwar die rein instrumentale Musik, die mit keinem gesungenen Wort verbunden ist, hinaus über den Bereich des verständlichen menschlichen Wortes in das verborgene, dem menschlichen Sprechen und Begreifen (Phil 4,7,
In dieser Hinsicht betrachtet ist also die Musik die höchste der Kunstgattungen, und das 19. Jahrhundert hat dafür ein Gespür gezeigt in seiner Höchstschätzung der Musik, von der Adorno sagt, der Totalanspruch der Religion und dann der philosophischen Systeme in dieser Zeit sei auf die Musik übergegangen, nachdem sich die Gesellschaft zuerst von der Leitung durch die christliche Religion und dann auch durch die Philosophie verabschiedet hat2. Der Anspruch, den Hegel äuÃerte, mit dem Begriff über die Kunst zu Gott hinaufzusteigen, läÃt sich in der Tat nicht erfüllen. Es steht dann nicht die Dichtkunst über der Musik, und über jener die Philosophie in prosaischer Sprache, sondern es steht die Musik über beidem â nur, daà sich auch von ihr kein Weg zur ultimativen Erfüllung des menschlichen Daseins, also zu Gott finden läÃt. Dieser Weg nach oben ist versperrt. Es gibt nur den Weg, den Gott selbst eröffnet hat, in dem er ins Fleisch und zum Wort hinabgestiegen ist.
SchlieÃlich hat auch die Architektur eine besondere Stelle unter den Kunstgattungen, wenn auch sie sich durch Gottes Wort in Dienst nehmen läÃt. Sie gehört nämlich selbst zur vollendeten Welt: diese ist die heilige Stadt, das neue Jerusalem (Apk 21,2.10â21). Das wichtigste Merkmal der Architektur ist dabei das Wohnen. Das Wohnen zunächst des Menschen: die Architektur dient in erster Linie dem Menschen, damit er etwas zum Wohnen hat. Durch das Wort Gottes verwandelt wird die Schöpfung als neue Schöpfung aber nun zu dem Ort, an dem Gott selbst wohnt: âSiehe da, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen!â (Apk 21,3). Der Seher sieht in dieser neuen Stadt keinen Tempel, âdenn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm.â (Apk 21,22). Gerade diese Verneinung weist aber darauf hin, daà das Haus, das den Gottesdiensten der Gemeinde gewidmet ist, also der Kirchenbau, in der Zeit vor dieser Vollendung der âTempelâ ist, in dem Gott wohnt.
In dieser Weise sind zunächst die Gattungen der sakralen Kunst qualifiziert: In welche Ordnung kommen sie dadurch, daà sie vom Wort Gottes in Dienst genommen werden? Dies hat aber auch eine Auswirkung auf die Gattungen der Kunst jenseits der sakralen Kunst. Von Natur her sind sie hingeordnet auf diese In-Dienstnahme und auf diese Ordnung.
Wie dies Balthasar tut: Herrlichkeit Bd.1: Schau der Gestalt, 118. Vorauslaufend 111 und 18, wo Balthasar, sich an Thomas anschlieÃend, vom âGestaltâ und âGlanzâ als den beiden Momenten der Schönheit spricht. Das sind aber beide Ausdrücke des Sehens. Aus diesem Grunde ist gegen Balthasar auch daran festzuhalten, daà die Künste des Hörens eine nähere Affinität zur Offenbarung haben. Nur besagt das nicht, daà sie damit eine höhere theologische Dignität hätten. Siehe dazu die folgenden Ãberlegungen und vgl. Hans Urs von Balthasar, Christliche Kunst und Verkündigung, in: Mysterium Salutis. Grundrià heilsgeschichtlicher Dogmatik, hg. v. Johannes Feiner u. Magnus Löhrer, Bd.1, Einsiedeln u.a. 1965, 708â726, hier: 724f.
Theodor W. Adorno, Philosophie der neuen Musik, Erstveröffentlichung 1949, Frankfurt/M. 1976, 23; wobei Adorno ausdrücklich an Richard Wagner denkt.