Plotins Gedanke, daà die Künste in ihrer Nachahmung zu den
Die künstlerische Schöpfung steht darum in Analogie zur göttlichen Schöpfung: sie geschieht durch oder genauer: im âBildâ (Kol 1,16). Der Unterschied besteht darin, daà die Geschöpfe Gottes von dem ewigen Bild, in dem sie erschaffen sind, sehr wohl unterschieden sind. Die Ãbereinstimmung besteht darin, daà man von dem Kunstwerk nicht sagen kann, es sei geringer als der Gegenstand in der Natur, aus dem es gemacht worden ist, es sei ânurâ eine Nachahmung. Es verhält sich also damit ähnlich wie mit dem ewigen Bild, das
Als SchluÃfolgerung läÃt sich nun sagen: Mimesis ist nicht eine solche Nachahmung des äuÃeren Scheins des Naturdings, daà man meinen könnte, es sei dieses Naturding selbst. Zuweilen haben Künstler eine solche Nachahmung auch beabsichtigt, und manchmal sind dabei durchaus gute Kunstwerke entstanden: die trompe lâoeil-Malerei, oder schon die perspektivisch gemalten antiken Bilder, welche Platon eine Trugbildnerei nannte3 ; Skulpturen, die farbig gefaÃt und gelegentlich auch bekleidet sind und die von vorbeigehenden Menschen â zum Scherz, aber dieser Scherz enthält Wahrheit â gegrüÃt werden. Ihre GröÃe als Kunstwerk haben sie dann aber nicht aufgrund dieses Verwechslungseffektes, sondern weil dieselbe Kraft, welche die Naturdinge hervorbringt, auch durch die künstlerische Gestaltung das Kunstwerk hervorbringt â und eben das ist wahre mimesis. Die inspirierte Wahrnehmung des Kunstbetrachters nimmt diese kreative Kraft wahr.
Das Gleiche wie von der bildenden Kunst gilt von Dichtwerken oder Filmen, die Fiktives zeigen, aber eine solche Nähe zur recherchierbaren Wirklichkeit erzielen, daà man meint, einen Bericht vor sich zu haben, und glauben zu müssen, eben das sei geschehen, was da geschrieben steht oder gezeigt wird. Künstlerische GröÃe können diese Werke nur haben, wenn das, was von innen her die gezeigte Wirklichkeit formt, auch durch das Kunstwerk strömt. Es liegt auf der Hand, daà dann aber auch Kunstwerke, welche mehr oder weniger auf eine solche Ãhnlichkeit mit dem sinnlichen Schein verzichten, künstlerische GröÃe haben können, solange sie den Geist des Betrachters zu einer sinnlichen Erfahrbarkeit des Geistes bringen, der in der Naturwirklichkeit tätig ist.
Es ergibt sich daraus, daà auch die Photographie, die Kunstgattung, der man lange die gröÃte Wirklichkeitstreue zuschrieb4, auch nur dann als Kunst überhaupt zählen kann in dem MaÃe, in dem sie über eine mimesis verfügt, die von innen kommt. Eine Portraitphotographie von künstlerischem Rang enthüllt das Innere des gezeigten Menschen, und es kann dabei gleichgültig sein, wer dieser Mensch war, der photographiert wurde. Sie nähert sich damit einem gemalten oder gemeiÃelten oder in Ton geformten Portrait, nur mit dem Unterschied, daà das Bild bei ihr durch eine umständliche technische Apparatur gewonnen wurde, beim gemalten oder gemeiÃelten Portrait hingegen durch Werkzeuge, die unmittelbar in den Händen des Künstlers liegen und ihnen gehorchen, und dieses Wirken durch beseelte Hände ist etwas, das der für Geistiges empfängliche Betrachter durchaus wahrzunehmen versteht. Eine solche Portraitphotographie ist weit entfernt von einem SchnappschuÃ, der nur Zufälliges zeigt und die wahre Wirklichkeit des Gezeigten völlig verzerren kann.
Plotin, Enneade V 8, 1,35â41.
Sayers, Christliche Ãsthetik, insbes. 60â63; die Begriffe âexperienceâ und âeventâ in der engl. Ausgabe, Christian Aesthetic, auf 38.
Sophistes 235dâ236c.
Mit der Erfindung der Digitalphotographie dürfte bekannter geworden sein, welche Manipulationsmöglichkeiten die Photographie schon immer besaÃ.