Der evangelische Theologe Johannes Lepsius (1858–1926) gehört zu den prominenten deutschen Personen des Humanitarismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Über dreißig Jahre lang standen das humanitäre und menschenrechtliche Engagement für die verfolgten Armenier des Osmanischen Reiches im Zentrum seiner Aktivitäten. Sein Lebenswerk solle „dem Vergessen entrissen“ und „gepflegt und erhalten werden“ – so forderte es der Bundestag in einer parteiübergreifenden Resolution über den Genozid an den Armeniern 2005 (Drucksache 15/5689) und wiederholte 2016, dass diese Aufgabe im Kontext des Völkermordes an den Armeniern 1915/16 „schulischer, universitärer und politischer Bildung in Deutschland“ bedürfe (Drucksache 18/8613). Die Herausgeber wollen mit der Edition der wichtigsten Schriften zur „Armenischen Frage“ von Johannes Lepsius einen wesentlichen Beitrag dazu leisten.
Wie kaum ein anderer Zeitgenosse repräsentiert Lepsius die Entstehung eines modernen Humanitarismus, der sich in einer Spannung zwischen Patriotismus und dynamischen transnationalen – meist protestantischen – Netzwerken formte. Angetrieben von der Idee einer christlichen Weltmission im Rahmen einer Theologie des innerweltlich zu verwirklichenden „Reiches Gottes“ wurde für Lepsius das Schicksal bedrängter christlicher Bevölkerung, insbesondere im „Nahen Osten“, in einer sich schnell verändernden Welt zwischen krisenerschütterten Vielvölkerstaaten und politischem Nationalismus zu einer moralpolitischen Herausforderung. Seine ursprünglich missionarischen, erst recht aber seine ethisch-moralischen Impulse zwangen ihm besonders nach den großen Massakern an den osmanischen Armeniern 1894–96 politisches Handeln auf. Dabei akzeptierte er – wie klassisch Max Weber – die Prämisse, das Deutsche Reich sei zur Weltpolitik genötigt, wenn es sich im Zeitalter des Imperialismus behaupten wollte. Im Unterschied zu vielen anderen Zeitgenossen – wie beispielweise Friedrich Naumann – postulierte er jedoch einen „ethischen Imperialismus“, der sich auch im Bereich der internationalen Politik in moralisch begründeten, rechtsstaatlich-liberalen Ordnungsstrukturen zu realisieren habe, die utilitaristischen und machtpolitischen Ansprüchen nicht zum Opfer fallen dürften. Der Umgang mit Minderheiten im Osmanischen Reich – einem Vielvölkerstaat, der spätestens seit der „Orientreise“ von Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1898 zu imperialen Phantasien im Deutschen Reich angeregt hatte – wurde zum Prüfstein dieses „ethischen Imperialismus“. Durch zahlreiche Publikationen, die der Herstellung politischer Öffentlichkeit für verfolgte christliche Bevölkerungsgruppen – besonders die der Armenier – im Osmanischen Reich dienten und durch die Gründung von humanitären Hilfswerken ist Lepsius eine Schlüsselfigur in der Geschichte des modernen Humanitarismus.
Die politisch-gesellschaftliche Ordnung des spätosmanischen Reiches destabilisierte sich durch den Russisch-Osmanischen Krieg von 1877–1878 zunehmend. Er hatte zur Folge, dass Bulgarien, Rumänien, Serbien und Montenegro nach jahrhundertelanger osmanischer Herrschaft unabhängig wurden. Das Osmanische Reich verlor Zypern an England und Bosnien-Herzegowina an Österreich-Ungarn. Die russische Armee stand im Westen vor den Toren Konstantinopels. Im Osten hatte sie in kurzer Zeit mehrere „armenischen Provinzen“ erobert. Die Kriegsparteien schlossen am 3. März 1878 den Friedensvertrag von San Stefano. Artikel 16 dieses Vertrages sah vor, dass die „armenischen Provinzen“ durch Russland besetzt werden. Bedingung für den Abzug der russischen Truppen war die Verpflichtung der Hohen Pforte zu unverzüglichen Reformen und Schutzmaßnahmen zugunsten der Armenier. Die anderen europäischen Großmächte, vor allem England, sahen in dieser Entwicklung die Gefahr einer erheblichen Ausdehnung des russischen Machtbereichs, die das europäische Machtgleichgewicht bedrohte.
Auf der Berliner Konferenz 1878, bei der sich das gastgebende Deutsche Kaiserreich als vermeintlich „ehrlicher Makler“ ohne eigene Interessen an Einfluss im „Nahen Osten“ präsentierte, wurden die durch den Ausgang der Balkankrise und des Russisch-Osmanischen Krieges entstandenen Spannungen und Konflikte zwischen den europäischen Großmächten vorerst beigelegt. Vor allem auf Drängen Englands wurde Artikel 16 des Präliminarvertrages von San Stefano durch den Artikel 61 des Berliner Vertrages abgelöst. Die Hohe Pforte verpflichtete sich weiterhin zu Verbesserungen und Reformen in den von Armeniern bewohnten Provinzen und zur Gewährung von Schutz für die Armenier gegen die Übergriffe von Tscherkessen und Kurden. Aber zur praktischen Umsetzung dieser Verpflichtung hatte die Hohe Pforte nur „in bestimmten Zeiträumen von den zu diesem Zweck getroffenen Maßregeln den Mächten, welche die Ausführung derselben überwachen werden, Kenntniß [zu] geben.“1 England hatte wenige Wochen vor der Berliner Konferenz den Zypernvertrag mit der Hohen Pforte geschlossen. Als Gegenleistung für die Erlaubnis zur Besetzung Zyperns hatte sich England verpflichtet, dem Sultan die kleinasiatischen Provinzen, insbesondere Armenien, wenn nötig mit Waffen zu garantieren. England und Russland hatten sich damit in der „Armenischen Frage“ gegenseitig neutralisiert. Die Konsequenz war eine schwache Schutzgarantie für die Armenier, der es an effektiven Druck- und Kontrollmitteln fehlte. In der Folge konnte das Osmanische Reich die „Armenische Frage“ weitgehend dilatorisch behandeln. Die „Armenische Frage“ und ihre geo- und machtpolitischen Implikationen im Raum des „Nahen Ostens“, ab 1895/96 dann anhaltend in der Frage nach einer angemessenen Antwort auf die immer massivere politische Gewalt gegen christliche Bevölkerungsgruppen im Osmanischen Reich, blieben ein Dauerkonflikt.
Um die Folgen dieser Aspekte mit Blick auf die Gewaltgeschichte gegen die Armenier auch gegenwärtig noch historisch angemessen einordnen zu können, ist ein Studium der wichtigsten Schriften von Johannes Lepsius zur „Armenischen Frage“ unverzichtbar. Dafür werden diese Texte erstmals ausführlich erschlossen und neu abgedruckt. Den Anfang dieser Edition der Schriften zur „Armenischen Frage“ macht der Text Armenien und Europa. Eine Anklageschrift wider die christlichen Großmächte und ein Aufruf an das christliche Deutschland, erschienen im September 1896.
Dafür wurde erstens ein Quellenkommentar erarbeitet. Darin werden die verschiedenen von Lepsius verwendeten Quellen nachgewiesen und besprochen. Zweitens wurden Anmerkungen zum Text erarbeitet, die den Leserinnen und Lesern den zeitgeschichtlichen Kontext, Begriffe und Personen darlegen. Drittens wurde, um die Schichten und Komplexität der ersten großen Monografie von Lepsius zu dokumentieren, ein längerer Essay über Armenien und Europa verfasst, der die Reise von Lepsius in das Osmanische Reich von April bis Juni 1896 nachzeichnet und die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Textes darstellt. Viertens bieten ein Personen- und Ortsregister umfangreiche Recherchemöglichkeiten zum Text. Für die vorliegende Edition sind verschiedene Archive und zeitgenössisches gedrucktes und nichtgedrucktes Quellenmaterial ausgewertet worden, insbesondere neue Dokumente des Archivs im Lepsiushaus Potsdam und des ABCFM-Bestandes in der Houghton Library, Boston. Armenien und Europa wird somit als Text wieder wissenschaftlich lesbar und für zukünftige Forschungen bereitgestellt.
Durch diese Edition wird Lepsius im Rahmen der gegenwärtigen Historiografie des Humanitarismus lesbar als jemand, der erstens auch die Ursachen des menschlichen Leidens adressiert hat: Dadurch wird die Art und Weise sichtbar, wie humanitäre Akteure Wissen über die Situation der Armenier im Osmanischen Reich generiert haben und damit ein internationales moralpolitisches Bewusstsein schufen und moderierten; und zweitens als jemand, der moderne Techniken (Text, Bild, später auch Film) in der Untersuchung des Leidens, der Vermittlung der Ursachen des Leidens, aber auch in der Darstellung des Leidens selbst verwendete. Diese Verschränkung aus Zeugenschaft für politische Gewalt durch eine längere Reise in das Osmanische Reich von April bis Juni 1896, der Sammlung und Auswertung in- und ausländischer Quellen zu den Massakern und deren mediale Aufbereitung durch Berichte, Zeitschriften, Fotografien und Flugschriften ist ein besonderes Merkmal der Arbeit von Lepsius. Dabei lässt sich dieses Vorgehen durchgehend beschreiben als ein prozessualer Dreischritt aus (1.) der Sammlung von Informationen und Erschließung von politischen Netzwerken, (2.) der Auswertung und publizistischen Aufbereitung der Informationen und Erfahrungen zur Herstellung einer moralpolitischen Öffentlichkeit, sowie (3.) der Bildung, Pflege und Erweiterung der humanitären Netzwerke, die durch sein Engagement parallel zur publizistischen Tätigkeit mit einhergingen.
Dieses Buch bildet Band 1 der Edition „Johannes Lepsius. Schriften zur Armenischen Frage“, das im Rahmen eines DFG-Projektes an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg in enger personeller und institutioneller Kooperation mit dem Lepsiushaus Potsdam entstanden ist. Die erste wissenschaftliche Edition eines in der Forschung nur marginal behandelten Autors ist immer Neuland. Deshalb danken die Herausgeber jenen, die mit Rat und Tat zur Seite standen: Hilmar Kaiser, Hans-Lukas Kieser, Martin Kröger, Michael Kühn, Hayk Martirosyan, Deborah Mayersen, Stephan Mikusch, Ulrich Rosenau, Daniel Sander und Marco Seidenfaden.
Erlangen/Potsdam
Hacik R. Gazer Roy Knocke Bartholomäus Kühn
Vertrag zwischen Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Frankreich, Großbritannien, Italien, Rußland und der Türkei vom 13. Juli 1878, in: Deutsches Reichsgesetzblatt, Band 1878, Nr. 31, Seite 307–345, S. 343.