II.1 âBlutbäder in Urfaâ
Bei der ersten zeitgenössischen Quelle nach Lepsiusâ Wahrheit über Armenien handelt es sich um einen 18,5-seitigen Bericht des britischen Vizekonsuls Gerald H. Fitzmaurice an den britischen Botschafter Philip Currie. Von seinem Vorgesetzten erhielt Fitzmaurice am 7. März 1896 den Auftrag, die Hintergründe und den Ablauf der Massengewalt in Urfa zu untersuchen und einen Bericht darüber zu erstellen.1 Von Adana aus, wo der Vizekonsul stationiert war, reiste er nach Urfa, wo er am 10. März eintraf und bei den Missionaren des âAmerican Boardâ untergekommen ist.2 Von dort aus leitete er seine Untersuchungen, die nur sechs Tage später in diesem Bericht mündeten.
Es ist davon auszugehen, dass Fitzmaurice vor der Abreise aus Urfa seinen Bericht an die Missionare übergeben hat, denn dieses Dokument findet sich an drei Orten im Bestand des ABCFM.3 Alle Versionen dieses Textes sind identisch. Allerdings stimmen sie nicht gänzlich mit der offiziellen Fassung überein, wie sie im âBlaubuchâ Turkey. No. 5 (1896) publiziert worden ist. Ein Vergleich dieser Version mit der Fassung von Lepsius ergibt, dass er auf die Version des âAmerican Boardâ zurückgegriffen hat.4 An mindestens drei Stellen weist die im âBlaubuchâ publizierte Version Unterschiede in Form von Auslassungen auf. In allen drei Stellen ist Nazif PaÅa ein Hauptakteur, der im schlechten Licht dargestellt wird.5 Möglicherweise spielte politisches Kalkül eine Rolle für die Tilgung dieser Stellen, schlieÃlich war die Absicht des britischen Botschafters gewesen, mittels dieses â und der anderen Berichte Fitzmauriceâ â die Entscheidungsträger in Konstantinopel dazu zu bewegen, die Situation der Armenier im Vilayet Aleppo zu verbessern.6 Tatsächlich gelang es den Diplomaten im weiteren Verlauf, die Osmanische Regierung zu MaÃnahmen zumindest zugunsten der armenischen Einwohner von Birecik zu bewegen. Fitzmaurice wurde mit der Ãberwachung dieser Vorhaben beauftragt und kehrte alsbald an seinen ursprünglichen Einsatzort zurück.7
Zur publizistischen Verbreitung des Urfaberichtes kann Folgendes gesagt werden. Dieser wurde abgesehen von dem engen Kreis der Kenner des âBlaubuchesâ Turkey. No. 5 (1896) und des persönlichen Umfeldes des âAmerican Boardâ wohl eher ausschlieÃlich dem deutschen Publikum bekannt gemacht. Der Urfabericht ist in der einschlägigen zeitgenössischen Literatur â bis auf Garabed Thoumaian â nur in wenigen deutschsprachigen Publikationen erschienen. Mit allen ihren Urhebern hatte Lepsius persönliche Verbindungen, daher sind diese Veröffentlichungen sehr wahrscheinlich auf seine Initiative zurückzuführen. Charmetants Åuvre des écoles dâOrient ist das einzige fremdsprachige Organ, das den Abdruck des Urfaberichtes zwar in Angriff nahm, dies aber nicht umsetzte.8
Fitzmaurice bezieht seine Informationen zum Teil von armenischen Zeugen, wie er aber selbst versichert, stammt der GroÃteil aus âmuhammedanischen Quellenâ bzw. er hat sie âdurch muhammedanische Autoritäten bestätigen lassenâ.9 Der Vizekonsul beteuert, er habe sich âgroÃe Mühe Kosten lassen, meine Informationen sorgfältig zu sichtenâ.10 Diese ÃuÃerungen sollen Fitzmauriceâ Text als glaubwürdig qualifizieren.
Fitzmaurice informiert über die aktuelle Situation der Armenier in Urfa nach den Massakern. Demnach bietet die Stadt einen Anblick, âwelche zerstört und verwüstet wurde durch ein Strafgericht, schrecklicher als Krieg und Eroberungâ.11 Den gröÃten Umfang seines Berichtes nimmt freilich die Erörterung der Genese der Massaker und der Verlauf der Massengewalt ein, wobei die entstandene materielle Not, die Zwangserklärungen und die Zwangskonversion ebenfalls eine groÃe Rolle spielen. Darüber hinaus diskutiert Fitzmaurice die Frage der Schuld und Verantwortung für die Massaker, die er eindeutig bei der Osmanischen Regierung verortet. Die Provinzialbehörden sowie die einheimische Bevölkerung haben ihm zufolge im stillen Einvernehmen gehandelt. Fitzmaurice liefert eine Prognose, wie es für die Armenier unter diesen Umständen weitergehen soll â ein übliches Vorgehen bei Arbeitsberichten in der diplomatischen Domäne. Bemerkenswert ist seine Handlungsempfehlung, die er in einen gröÃeren, internationalen Kontext stellt: Nur die Furcht vor militärischer Intervention der GroÃmächte könne die osmanische Regierung dazu bewegen, âdie Wahrheit an den Tag zu legen und das Unheil wieder gut zu machen, nichts anderes wird eine Farce sein, die, weil bestimmt, Europa zu täuschen, nur das Los der christlichen Bevölkerung dieser Provinzen verschlimmern würde.â12
Fitzmauriceâ Bericht ist sehr anschaulich und zugleich bewegend aber dennoch durchgehend sachlich und nüchtern geschrieben. Die Darstellung der Ereigniskette und des gröÃeren Kontextes wirkt plausibel und glaubwürdig, für den Leser einfach und nachvollziehbar. Auch wenn er selbst über seine eigenen Ausführungen erschüttert ist (âscheuÃliche Schlächtereiâ, âteuflische Barbareiâ, âSchreckensereignisseâ)13, bleibt er seinem diplomatischen Erzählduktus stets treu und wahrt die Distanz in seinem Bericht.
Auf der inhaltlichen Ebene der beiden Dokumentationen lassen sich kaum Unterschiede zwischen Fitzmaurice und Lepsius finden. Beide legen nüchterne und erschreckende Tatsachen vor, ergreifen Partei für die armenischen Opfer und erheben hinsichtlich der Verantwortung für die Massaker schwerste Vorwürfe gegen die osmanische Regierung. Dennoch scheint das Auswahlkriterium für Lepsius der distanzierte und neutral gehaltene Berichtston gewesen zu sein, den Urfabericht in sein Kompendium der zeitgenössischen Quellen aufzunehmen. SchlieÃlich verleiht die diplomatische Stellung Fitzmauriceâ als Vizekonsul dem Text die erforderliche Autorität und trägt dazu bei, Lepsiusâ Darstellung nur schwer angreifbar zu machen. Dies sind die Aspekte, die die Funktion des Berichts von Fitzmaurice innerhalb von Armenien und Europa determinieren.
II.2 âDas Blutbad in Zilehâ
âDas Blutbad in Zilehâ ist ein 2,5-seitiger Bericht aus der westlich von Tokat gelegenen Stadt Zile, der über die dortigen Massaker informiert, die am 28. November 1895 stattgefunden haben. Er basiert auf einem Bericht, den die Missionare des âAmerican Boardâ verfasst haben. Bis auf eine Ausnahme ist Lepsius der einzige seiner Zeitgenossen, der dieses Dokument reproduzierte.14 Im Bestand des ABCFM liegt es in zwei Akten vor.15 Beide Versionen sind identisch, jedoch sind in der Konstantinopler Fassung einige wenige Korrekturen manuell vorgenommen worden. Das ist insofern interessant, als dass sich daraus schlieÃen lässt, dass Lepsius die korrigierte Version verwendet hat. Hier ist der Briefkopf durchgestrichen; die andere Version gibt das Datum (17. Febr. 1896) und den Ort des Verfassens (Merzifon) an. Der obere Blattrand ist in der Konstantinopler Version mit einem Titel versehen (âThe massacre in Zileh in the Province of Sivasâ), der bei der anderen fehlt. Ferner wird in der Konstantinopler Fassung die Schreibweise von Zile korrigiert, indem am Ende des Namens ein âhâ angehängt wird (= âZilehâ). Lepsius übernimmt diese Schreibweise.
Aufschlussreich sind ferner die letzten neun Zeilen der Briefe, die in der überarbeiteten Version durchgestrichen sind. Auch bei Lepsius fehlt diese Passage, was die geäuÃerte Annahme stützt, dass er die Konstantinopler Version für âDas Blutbad in Zilehâ benutzt hat. Indes liefern die erhaltenen Zeilen hilfreiche Detailinformationen hinsichtlich der Bestimmung und Einordnung der Quelle: âLast week a reliable man came from there [i.e. Zile], and for the first time we heard the full account.â AuÃerdem schätzt der Verfasser den Wahrheitsgehalt des Briefinhalts als âsubstantially correct in all its main featuresâ ein. Der âAmerican Boardâ ist also der Mittler dieses Berichts und auch Garant für seine Verlässlichkeit. SchlieÃlich explizieren die letzten Zeilen die Intention beider Berichtenden: Während der Informant aus Zile seinen Bericht zu einem âmost powerful plea for aidâ macht, schlussfolgert der Verfasser: âDoubtless we shall send more aid soon.â16
Der Zielebericht hat einen reinen dokumentarischen Charakter und reduziert alle relevanten Informationen auf das wesentlichste. Bereits im ersten Absatz werden die demographischen Daten zur Stadt, der gröÃere politische Kontext, die militärischen Vorbereitungen auf die Massaker und die Stimmung sowie das allgemeine Verhalten der türkischen wie der armenischen Bevölkerung skizziert.
Im Zentrum des Textes steht die unmittelbare Vorgeschichte der Massengewalt, ihr Verlauf und die Rolle der staatlichen Funktionäre und insbesondere des Gouverneurs. Dieser wird als Schlüsselfigur bei der Initiierung und Durchführung der Angriffe auf die Armenier dargestellt. Der Autor legt ferner Wert auf die Erwähnung der Offiziere, die die Angriffe vorbereiteten und diese für den Lynchmob militärisch absicherten.17 Die Ermordung der armenischen Bevölkerung wird anhand von äuÃerst kurz gehaltenen Beispielen für einen jeweiligen Stellvertreter einer Altersgruppe beschrieben. Auffällig dabei ist der Verzicht auf die Darstellung schauerlicher Szenen und Bilder. Besonders ist der Einsatz von sechs direkten Zitaten, die gleichmäÃig im Mittelteil des Textes angeordnet werden. Sie erinnern stark an die Funktion von Zitaten in der antiken Geschichtsschreibung, auf kurze und prägnante Weise den Inhalt und Charakter der Aussage so wiederzugeben, wie sie hätte gesagt werden können aber sicherlich nicht den zitierten Wortlaut aufgewiesen haben.18
Insgesamt enthält âDas Blutbad in Zilehâ bis auf die Behandlung politischer Aspekte und die Funktion der Anklage nahezu sämtliche von Lepsius zuvor behandelten Elemente der Massaker. Die Vermittlung gleicher Inhalte nur in anderer Form stellt eine passende Ergänzung zu Lepsiusâ Erzählform und mag ihn dazu bewogen haben, diesen Text in sein Buch zu integrieren. Die Konzentration des Berichtes auf einen Schauplatz, auf wenige Akteure und der Verzicht auf die Erörterung groÃer Handlungsstränge und -zusammenhänge verhilft dazu, dem Leser die Ereignisse eingängiger zu machen. Auf diese Weise sticht der Inhalt gestochen scharf hervor und verleiht dem Bericht seinen authentischen Charakter.
II.3 âDas Blutbad in Schepikâ
Beim âBlutbad in Schepikâ handelt es sich um einen 1,5-seitigen Bericht zu dem Schicksal des bei Arapgir gelegenen Dorfes Åepik, das Anfang November 1895 geplündert wurde und eine Vielzahl an Todesopfern zu beklagen hatte. Die Herkunft dieses Berichtes lässt sich vergleichsweise gut rekonstruieren. Ursprünglich als Brief verfasst stammt er aus den Händen der Missionare des âAmerican Boardâ. In den Akten des ABCFM liegt er in zwei Versionen vor: Eine davon als Kopie in ABC 16.10.1, vol. 6 und ABC 16.9.7, vol. 11 unter dem Titel âTranslation of an Armenian Letter from Shepik a village in the vicinity of Harpoot, Turkeyâ und trägt das Datum 31. Dez. 1896. Die zweite trägt den â leicht abweichenden â Titel âTranslation of an Armenian letter from Shepik a village between Harpoot and Arabkhirâ19, ist ohne Angabe des Datums und ist in zweifacher Ausführung unter der Rubrik âGeneral Statisticsâ bzw. âHarpoot Station, Statistical Reports, January 18, 1896 and n.d.â in ABC 16.9.4.5, vol. 3 archiviert. Diese Version unterscheidet sich von der erstgenannten lediglich durch eine zusätzliche Episode am Ende des Berichtes.20 Die erste Version ist sicherlich die ursprüngliche, wie aus einem Brief von Herman N. Barnum vom 14. Jan. 1896 hervorgeht. Allein das Datum ist ein Hinweis darauf, dass diese Version des Berichtes zuerst vorlag, denn zwischen beiden Dokumenten liegen nur zwei Wochen. Hier berichtet Barnum: âI have received a letter from one of our brethren there [i.e. Åepik], which describes so well the experience [â¦] that I give a translation of it here.â (Ob er selbst die Ãbersetzung vorgenommen hat, geht hieraus nicht eindeutig hervor.) Er datiert den Bericht auf den 31. Dez. 1896 und erwähnt die Auslassung der Unterschrift des Autors âfor obviuos reasonsâ. Darauf folgt der Bericht â handschriftlich â, der sich mit den zuerst erwähnten Versionen bis auf ein Detail deckt.
Der Åepik-Brief wurde im weiteren Verlauf an mindestens zwei andere Empfänger weitergeleitet. Der britische Konsul Cumberbatch aus Erzurum hat ihn noch im selben Monat erhalten und den Brief an seinen Vorgesetzten am 1. Febr. weitergeleitet.21 Auch Cumberbatch äuÃert sich zum Verfasser des Briefes â unklar ist nur, ob er persönlich diese Informationen eingeholt hat â, indem er ihn als Augenzeugen und âa reliable enough personâ bezeichnet. Darüber hinaus lobt er seine Darstellung, die âis the most intelligent statement that has yet come into my hands of the occurances of last autumn in the villages of the outlying districtsâ. Den Bericht bezeichnet er als exemplarisch für die zerstörerischen Vorgänge, die die Armenier in zahlreichen Orten erleiden mussten.22 Vielleicht aus diesem Grund, aber explizit weil er das Martyrium der Armenier ergreifend illustriert, entschied sich wohl auch der Christian Herald dazu, einen Auszug aus dem Åepik-Brief abzudrucken. Der Autor wird als âan Armenian formerly living at Shefik [sic]â apostrophiert.23
Lepsius hat in seiner Version einige geringfügige Veränderungen im Åepik-Brief vorgenommen. Auffällig ist, dass er die Erzählperspektive tendenziell von der 1. Pers. Sg. in die 3. Pers. Pl. verlagert und den Bericht dadurch objektiviert. AuÃerdem berichtet er chronologisch, indem er eine im Original im zweiten Textteil vom Verfasser nachgeholte Information an die zeitlich entsprechende Stelle in seiner Version setzt.24 Zusätzlich hat er einige wenige Auslassungen vorgenommen, die jedoch den Text nicht entstellen oder wichtige Informationen vorenthalten. SchlieÃlich ergänzte er den Bericht im Schlusssatz durch einen Zusatz aus einem Brief aus Åepik vom März 1896, der bilanzierende Angaben zu dem Dorf vor und nach den Ereignissen macht.25
Wie in âDas Blutbad in Zilehâ ist auch dieser Bericht sehr konzis konzipiert, es werden kaum unwichtige Informationen präsentiert. Es wird auf die Vorgeschichte verzichtet, die Erzählung beginnt direkt mit der Schilderung der Angriffe auf das Dorf. Diese konzentriert sich (anfangs) auf die Betonung der ungestillten Raublust der kurdischen Angreifer. Als Forderung dafür, dass die Angreifer die Dorfbewohner unversehrt lieÃen, fordern sie von diesen zuerst Lösegeld, dann die Ãbergabe von Waffen, dann die Aushändigung von Vieh, bis sie schlieÃlich zur Plünderung der Häuser übergehen. Diese als Klimax funktionierende Beschreibung ruft die zuvor von Lepsius immer wieder erwähnten Plünderungen ins Gedächtnis und lässt sie an einem konkreten Fallbeispiel erfassen. Darin wird auch die Gnadenlosigkeit der Täter und die Hilflosigkeit der Opfer anschaulich und begreifbar gemacht, bis hin zur Ausweglosigkeit der Situation. Die Steigerung des Ausraubens wird noch überboten, denn die Plünderer räumen die Häuser vollends aus, nehmen sogar Türen, Fenster und Dachsparren mit, die Frauen werden ihrer Schuhe und Kleider beraubt.
Doch damit nicht genug fordern die Angreifer die Auslieferung von 45 jungen Männern, um ihnen auch noch das letzte, das die besitzen â den christlichen Glauben â wegzunehmen. Diese folgende Szene, in der es letztendlich um die Darstellung der christlichen Gemeinde nur wenige Stunden vor ihrem Märtyrertod geht, wird sehr detailliert und symbolhaft geschildert: âSie beteten und sangen, sie baten einer den andern um Vergebung, sie küÃten die Hände ihrer Eltern und schieden mit Thränen in der Erwartung, sich nicht wiederzusehen. [â¦] Sie alle sagten mit einer Stimme und unerschrocken: Wir wollen unsern Heiland nicht verleugnen, wir sind bereit, für die Liebe unseres Heilands zu sterben.â26 Diese Beschreibung ist kaum an Pathos und Dramaturgie zu überbieten und sie hebt nicht nur die zu Tode verurteilten armenischen Männer auf die Stufe von standhaften Märtyrern, sondern sie knüpft gleichzeitig an Darstellungen von Märtyrertum an, die dem Leser aus der christlich-hagiografischen Literatur bekannt waren. In dieser Szene im Besonderen und dem Bericht im Allgemeinen steht die Leidensfähigkeit und Standhaftigkeit der Armenier im Zentrum, die für die christlichen Glaubensgenossen in Europa einen Vorbildcharakter aufweisen soll. Damit einhergehend symbolisiert der Bericht die von Lepsius immer wieder thematisierte Christenverfolgung, die auf das Schicksal aller Armenier übertragen werden kann.
II.4 âDas Blutbad in Wanâ
Bei dem Artikel aus der Frankfurter Zeitung handelt es sich um einen längeren, 15-seitigen Text, der die Kämpfe und nachfolgenden Massaker in der Stadt Van und Umgebung zum Thema hat, die vom 14. bis 22. Juni 1896 stattgefunden haben.27 Dabei handelt es sich um eine komplette Wiedergabe des Berichtes eines âzuverlässigen Augenzeugenâ, der aus der Region selbst stammt. Ob er Armenier oder Angehöriger einer Missionsstation ist, lässt sich nicht eindeutig sagen.28
Zentral bei der Verwendung des Textes durch Lepsius ist die Tatsache, dass er durch die renommierte deutsche Tageszeitung aus Frankfurt/Main publiziert worden ist. Es darf nicht vergessen werden, dass es Lepsius und seinen Mitstreitern stets darum ging, die Glaubwürdigkeit der Quellen der Berichte möglichst abzusichern und die Autorität und Integrität der Berichtenden hervorzuheben. Da die pro-armenischen Akteure mit dem Vorwurf der âAnglophilieâ konfrontiert waren, war es von besonderer Bedeutung, diesen Vorwurf zu entkräften und Informationen aus nicht-britischer Provenienz zu besorgen und zu verwenden. Nichts scheint dabei glaubwürdiger als eine angesehene deutsche Tageszeitung.
Ein weiterer möglicher Beweggrund, diesen Artikel in das Kompendium der zeitgenössischen Quellen aufzunehmen, mag in dem Umstand liegen, dass er sehr jungen Datums (Juni 1896) ist. Da er erst Mitte August publiziert worden ist â also zeitgleich mit Lepsiusâ Veröffentlichung der Artikelserie â, konnte er ihn nicht direkt in âWahrheit über Armenienâ verarbeiten. Wichtiger jedoch scheint, dass eben der damals höchstaktuelle Zeitpunkt der Massaker bezeugte, dass die rücksichtslose Verfolgung der Armenier weiterhin anhielt! Wo Lepsius in seiner Schrift âlediglichâ von der grassierenden materiellen Not der überlebenden Armenier berichtete, trat erneut die mörderische Gewalt auf. Somit unterstreicht die Veröffentlichung des Van-Artikels die von Lepsius so emphatisch betonte Notwendigkeit einer Intervention zugunsten der Armenier, neben der Leistung erforderlicher Nothilfe.
Als letzter Aspekt soll die Beweiskraft erwähnt werden, die die vorangehenden Schilderungen von Lepsius durch den Artikel der Frankfurter Zeitung gewinnen. Dieser enthält alle Elemente, die Lepsius zuvor ausführlich erörtert hat: Er thematisiert den âmuhammedanischen Fanatismusâ, das Vorhandensein eines âvon langer Hand wohlvorbereiteten Angriff[s] auf die Armenierâ, die Beteiligung derselben Akteure (kurdische Banden, türkischer Lynchmob, Hamidiye-Regimenter, reguläre Militäreinheiten, Angehörige staatlicher Institutionen), ferner die Massenmorde sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, den Raub, die Schändung und Versklavung von armenischen Frauen und Mädchen, die Zerstörung der Kirchen und Klöster, die Zwangskonversionen, das armenische Märtyrertum und die Zwangserklärungen. Freilich bilanziert der Bericht auch die Opferzahlen und die folgende materielle Not.29 Dadurch wird Lepsiusâ Version untermauert und anhand eines ausführlichen Berichtes zu einer spezifischen Region exemplifiziert, sodass der Leser sich ein weitestgehend genaues Bild über die Genese und den Verlauf eines konkreten Massakers machen kann.
II.5 âDas Blutbad in Eghinâ
Die in diesen Briefen beschriebenen Ereignisse fanden erst nach der Publikation von Armenien und Europa statt, daher werden sie erst in der dritten Auflage des Buches dokumentiert. Die Eghinbriefe stammen aus der Sammlung des âAmerican Boardâ. Im Bestand des ABCFM sind sie in zahlreichen Exemplaren in den Akten ABC 16.9.7, vol. 11 und ABC 16.9.7, vol. 12 Part 2 sowie ABC 16.10.1, vol. 5, vol. 6 und vol. 12 sowohl in handschriftlicher als auch in maschinengeschriebener Form erhalten.30 Die Anzahl der überlieferten Kopien weist auf die besondere Bemühung hin, die Ereignisse in Eghin (=Kemaliye) zu dokumentieren und sie bekannt zu machen.31
Dank der Ãberlieferung der handschriftlichen Fassungen kann der Urtyp dieser Berichte auf Herman N. Barnum aus Harput zurückgeführt werden. Sein erster Brief ist auf Grundlage von Informationen zustande gekommen, die er in der unweit von seiner Station gelegenen Stadt Mezereh (=ElazıÄ) gewonnen hat: âI have just come from Mezereh where I spent several hours in learning particulars as far as possible.â32 Seine Informationen stammen â um es in der Ãbersetzung Lepsiusâ auszudrücken â âvon zwei unparteiischen [âcandidâ] Türkenâ. Einer von ihnen war der Vali von Harput: âThe Vali told me that as in Constantinople, so here, it was the work of the âCommitteeâ.â33 Am Ende dieses Briefes charakterisiert Barnum seine Informanten als âthe best informed menâ. Für den Brief vom 29. Sept. bezog er weitere Nachrichten aus Briefen, die er noch am selben Tag erhalten hat und die das bisher in Erfahrung gebrachte bestätigten. Barnum sagt explizit, dass er bis dato zu keinem Bewohner von Eghin, der sich zu der Zeit womöglich in der Region von Harput aufhielt, persönlichen Kontakt hatte. Der folgende Bericht basiert auf eben diesen Briefen.34
Abgesehen von diesen und einigen stations-internen Informationen werden in den Kopien der Eghin-Briefe keine wesentlichen Auslassungen vorgenommen. Alle Kopien sind identisch und decken sich mit Lepsiusâ Version bzw. vice versa: Lepsius hat eine dieser Kopien als seine Vorlage verwendet. Dabei hat er lediglich vier geringfügige Veränderungen vorgenommen. Erstens hat der den Ort des Verfassens weggelassen. Zweitens hat er im ersten Brief die allgemeine Angabe des Zeitpunkts der Angriffe (âthe late affairâ) auf die Armenier durch eine konkrete ersetzt (âdie Entstehung des Blutbades vom 15. und 16. September d. J.â). Drittens greift Lepsius im Bericht vom 29. Sept. per Parenthese in den Text ein, um die Angabe zu den getöteten Armeniern zu bestätigen.35 SchlieÃlich tilgt er im selben Text die Information über einen gewissen Apel, der anscheinend den Missionaren bekannt war und die Gewalt überlebt hat. Ansonsten hält sich Lepsiusâ Ãbersetzung streng an die Vorlage.
Die Briefe schildern ein mittlerweile bekanntes Szenario: Erst kursieren Gerüchte über aufrührerische Aktivitäten von Armeniern, die dann durch die lokalen Behörden nach Konstantinopel in aufgebauschter Form weitergeleitet werden, von wo aus wiederum die Anweisung ausgegeben wird, die aufständischen Armenier âauszumerzenâ. Ohne einen Anlass werden die armenischen Stadtbewohner unvermittelt angegriffen, getötet und ihre Häuser zerstört. Ãber die direkte Verantwortung für die Gewalt äuÃert sich der zweite Brief mit dem expliziten Hinweis: âDas Werk wurde von Bürgern und Soldaten [sic] ausgeführt.â36 Damit bestätigt der Bericht den von Lepsius so häufigen und auch in den anderen hier erörterten zeitgenössischen Quellen angebrachten Vorwurf der staatlichen Urheberschaft der Massaker und deren Ausführung. Darüber hinaus erhärten beide Briefe am Schluss die düstere Prognose, dass die Armenier auch in naher Zukunft von weiteren Gewaltausbrüchen bedroht sind und der nun näher rückende Winter aufgrund ihrer Mittellosigkeit ein groÃes Elend verheiÃt.
Die Massaker in Eghin fanden statt als (die erste Auflage von) Armenien und Europa bereits erschienen war und die Kampagne zur Herstellung einer deutschen Ãffentlichkeit und zur humanitären Hilfe mittlerweile auf Hochtouren lief. So sollte der Bericht dem zeitgenössischen Leser als aktueller Beleg dafür dienen, dass die Gewalt gegen die Armenier weiterhin fortgesetzt und die Dringlichkeit einer â wie auch immer gearteten Intervention â noch deutlicher sichtbar wurde. Zum anderen zeigt der Bericht anschaulich die Methode der Informationsbeschaffung auf und macht deren Verarbeitungsprozess transparent durch unmittelbare Augenzeugenschaft nach den Ereignissen am Ort des Geschehens und durch Informationsbeschaffung aus zuverlässigen und unvoreingenommenen Quellen. Unbestätigte Aussagen und nicht ganz valide Angaben werden kenntlich gemacht (âAllem Anschein nachâ, âMan nimmt anâ, âMan berichteteâ etc.). Eigentlich wäre so mit dem ersten Bericht die Aufgabe abgeschlossen, aber der Augenzeuge setzt seine Recherche fort, weitere Nachrichten aus anderen Quellen zu akquirieren. Diese werden im zweiten Brief berücksichtigt, wobei sich herausstellte, dass die Opferzahlen nach oben hin korrigiert werden mussten.37 Einerseits wird durch dieses Vorgehen die Glaubwürdigkeit des Berichtes im Besonderen und die der pro-armenischen Akteure im Allgemeinen bestätigt. Anderseits dient diese Arbeitsweise dazu, den Vorwurf der protürkischen Seite zu entkräften, man übertreibe die Berichte und falle auf die ânichtsnutzige[n] Phantasieprodukte englischer Diplomaten und Zeitungsschreiberâ38 blindlings herein.
III. âArmenien vor den Massacresâ
Dieser Text stammt von dem irischen Publizisten Emile Joseph Dillon und erschien im August 1895 in der Zeitschrift Contemporary Review.39 Dank eines überlieferten Briefes von Lepsiusâ Frau Margarethe wissen wir, dass ihr Bruder Friedrich Zeller diesen Artikel für Armenien und Europa übersetzt hat.40 AuÃer Lepsius nutzten auch andere zeitgenössische Autoren Dillonâs Aufsatz, um die allgemeine Bedrückung der Armenier zu beschreiben.41
Dillon arbeitete seinerzeit für den Londoner Daily Telegraph als Russlandkorrespondent und durchreiste die Ostprovinzen Anatoliens, um über die dortige Situation der Armenier zu berichten. Doch Dillon war kein gewöhnlicher Journalist. Er war polyglott, Polyscribent und hatte ferner eine Neigung zu Kulturbereichen, die abseits der gewöhnlichen Forschungsfelder von Gelehrten liegen. So publizierte er u.a. über die baktrische Sprache, schrieb auf Französisch über Schriften der zoroastrischen Religion, übersetzte aus dem Hebräischen die metrischen Teile des Alten Testaments und verfasste auf Russisch eine historische Monographie über die mittelalterliche skandinavische Literatur. Ãber seine journalistische Begabung sagte sein damaliger Arbeitgeber Burnham, Dillon hätte das seismographische Gespür, stets vor Ort zu sein, noch ehe sich dort die Spannungen entladen.42 Darüber hinaus besaà er das Geschick und Bestreben, sich für seine Recherchen immerzu neue Quellen zu besorgen und am Einsatzort neue Zugänge zu Informationen und Personen zu erschlieÃen.43 Allein die von den osmanischen Behörden nicht erteilte Erlaubnis, ins östliche Anatolien reisen zu dürfen, umging Dillon, indem er sich als Kosak verkleidete. An der Grenze zu den armenischen Gebieten angekommen empfingen ihn die osmanischen Beamten gar mit militärischen Ehren.44
Ausgangspunkt der Recherchen von Dillon war das Schicksal einer Gruppe armenischer Geflüchteter, deren Familienangehörige und Freunde ermordet worden waren. Hierbei gelang es ihm, sich über Umwege Zugang zu deren Mörder zu verschaffen. Dieser, ein bei Türken angestellter kurdischer Chief, erklärte sich bereit zu einem Interview, im Laufe dessen er unumwunden zugab, armenische Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet zu haben.45 Dillon berichtete über diese und viele andere Geschichten im Daily Telegraph. Sein Aufsatz The Condition of Armenia â hier âArmenien vor den Massacresâ â bündelte sie zu einer grausigen Gesamterzählung, auf die sogar der ehemalige britische Premierminister William Gladstone aufmerksam geworden ist und Dillon dafür u.a. als âthoroughly master of the factsâ eingehend lobte.46 Als seine journalistische Wühlarbeit den osmanischen Behörden zu Ohren gekommen ist, intervenierte der GroÃwesir beim britischen Botschafter, um sich des unliebsamen Dillon zu entledigen. Jener jedoch stellte sich vor ihn, indem er erwiderte, es stünde auÃerhalb seines Einflussbereichs, Dillon aus dem Osmanischen Reich zu entfernen.47 Auf welchem Wege und wann Dillon schlieÃlich Anatolien verlieÃ, lieà sich hier bis dato nicht rekonstruieren.48
Seine Recherche über die unterdrückerischen Lebensbedingungen der osmanischen Armenier fasste Dillon zu einer Reportage zusammen, die sich auf die Auswertung zahlreicher Zeugenaussagen und Dokumente stützte. Mit dem Umfang von 37 Seiten nimmt dieser Text den gröÃten Platz unter den verwendeten zeitgenössischen Quellen ein. Trotz der Bedenken von Lepsius wegen der âzur Krankhaftigkeit ausgeartete[n] Anglophobie unserer Presseâ49 nahm er den Aufsatz englischer Provenienz in sein Buch auf.
Dillon behandelt die Situation der Armenier noch vor den Herbstmassakern des Jahres 1895 und zeichnet dabei ein Bild äuÃerster Bedrängnis und Willkür, der die armenische Bevölkerung ausgesetzt ist. Noch drückt sich diese ânurâ in Raub, Arretierung und allgemeiner Entrechtung aus. Der Text dient daher als unmittelbare Vorgeschichte der Massaker und als Behelf zum Verständnis der Kontinuität der Gewalt. Diese kündigt Dillon bereits an, indem er u.a. von âAusrottungspolitikâ und âVernichtungsplanâ gegen die Armenier spricht.
Als Beleg dafür dokumentiert er anschaulich und ausführlich Beispiele von Verhaftungen von armenischen Männern und beschreibt ihre Situation in den Gefängnissen, die er als âPhantasien der Hölle, die lebendig geworden sindâ, bezeichnet.50 AuÃerdem thematisiert Dillon ausführlich den Aspekt der Willkür, der armenische Familien ausgeliefert sind, wenn kurdische Räuber armenische Frauen und Mädchen missbrauchen, vergewaltigen und stehlen und untermauert somit den strukturellen Aspekt der antiarmenischen Gewalt anhand von vielen Beispielen. In zahlreichen von Dillon geschilderten Fällen landen die Armenier letzten Endes im Gefängnis, nicht etwa weil sie sich haben etwas zu Schulden kommen lassen, sondern weil sie sich an die osmanischen Behörden um Schutz vor Raub und Bedrohung seitens der kurdischen Räuber gewandt haben. Das erinnert stark an das von Lepsius diskutierte Prinzip der Täter-Opfer-Umkehr. An diesen Beispielen offenbart sich, dass die Armenier rechtlose Subjekte sind und zwei Gegnern mittellos ausgeliefert sind: den kurdischen Räuberbanden und den Organen staatlicher Repression. Gleichzeitig geht es Dillon darum, die allgemein herrschende Straflosigkeit dieser Unterdrückung zu beschreiben und zu beweisen. Am deutlichsten macht er das anhand der Episode über den kurdischen Räuberchef Mostigo, der zu seinen verbrecherischen Taten gegen die Armenier befragt ungeniert antwortet: âIch werde nicht gestraft, weil ich Armenier beraubt habe. Das thun wir alle. [â¦] Aber wenn ich gehängt werde, so ist es nur, weil ich die türkische Post ausgeraubt und die Frau eines türkischen Obersten entehrt habeâ.51 Diese offenen Worte des als Kronzeugen fungierenden Mostigo dürften dazu beigetragen haben, bei dem Leser jegliche noch bestehende Hoffnung zu beseitigen, dass es sich hinsichtlich der Straflosigkeit um eine unglückliche Häufung von Fehlern im osmanischen Justizsystem handelte, die doch noch irgendwie wieder eingerenkt werden könnte. Dillon beschreibt ein Rechtssystem, das für die Armenier ausschlieÃlich Repression kennt.
Angesichts dieser alltäglichen Gewalterfahrungen und der fehlenden Aussicht auf Hilfe von auÃen suchten viele Armenier einen Ausweg, indem sie beispielweise nach Russland emigrierten. Dillon hat einige dieser Flüchtlinge aufgesucht und berichtet über ihre Erfahrungen. Die Geschichten dieser Menschen unterscheiden sich zwar kaum von dem bisher Geschilderten, jedoch tragen sie insofern zur Steigerung der tragischen Situation der Armenier bei, als dass sie noch auf dem Weg zur russischen Grenze durch kurdische Banden ihrer letzten Habseligkeiten beraubt oder gar getötet werden. Dillon zieht den Schluss, dass die erzwungene Auswanderung ein weiteres Mittel der âAusrottungspolitikâ sei, die zügig vorangetrieben werde und unbedingt aufgehalten werden müsse. Er adressiert daher Appelle, die ihm von Armeniern überreicht wurden, an das âmenschenfreundliche und edle Volk von Englandâ52, weil dieses über das Ausmaà der Unterdrückung informiert werden muss, damit jene endlich beschützt werden können. Damit weist er auf das Phänomen hin, dass Europa anstatt seiner Verpflichtung nachzukommen und den bedrängten Christen zu helfen, sich durch Schweigen und Tatenlosigkeit auszeichne.53 Dillon pocht auf die moralische Verantwortung der europäischen GroÃmächte und fordert eine möglichst baldige Intervention.
Ãber diese inhaltlichen Aspekte hinaus weist Dillons Text ein anderes wichtiges Merkmal auf, nämlich die Verwendung zahlreicher authentischer Berichte von Augenzeugen und Dokumente verschiedener Herkunft und Gattung. In seiner Reportage stützt er sich auf Schreiben ausländischer Konsuln, auf verbürgte Berichte osmanischer Regierungsbeamter, auf von âden Vertretern der auswärtigen Mächte untersucht[e] und bestätigt[e]â54 Fälle, Petitionen etc. Der Autor hat ferner viele Dörfer und Städte bereist und mit unzähligen Opfern persönlich gesprochen. Aber es kann ihm keine Einseitigkeit in der Recherche vorgeworfen werden, denn er hat andererseits auch mit Offizieren der Hamidiye-Regimenter gesprochen, mit Gefängniswärtern, mit Chiefs kurdischer Banden, mit osmanischen Regierungsvertretern. Die Breite der befragten Personengruppen ist in Dillons Reportage beachtlich. Auf diese Weise wird seine objektive Herangehensweise deutlich sowie der empirische Charakter seiner Studie und Validität der Ergebnisse.
Die schriftlich und mündlich überlieferten Berichte, die â mal direkt, mal indirekt zitiert â in voller Länge in seinen Text eingeflochten werden, machen rein quantitativ einen GroÃteil seines Textes aus: Extrahiert man diese Wiedergaben aus dem Gesamttext (und fügt sie anschlieÃend zusammen), ergibt sich ein Prozentsatz von 67 % des Gesamttextes, d.h. er besteht zu exakt zwei Dritteln aus Augenzeugenberichten! Dieser Aspekt lenkt also zwangsläufig das Auge des Lesers auf das drastisch geschilderte Leid der Armenier und verschafft ihren Stimmen so viel Raum, dass sie nicht überhört werden können. Dillon unterstützt auÃerdem den Leser sich dem zu öffnen, indem er unablässig und explizit die Authentizität seiner Quellen bekundet. Allein an 31 Stellen verbürgt sich der Autor für die Echtheit des folgenden Berichtes durch die Versicherung, er habe das vorliegende Dokument selbst gesehen oder mit dem jeweiligen Zeugen persönlich gesprochen. Wenn sich das Ausräumen von Zweifeln und die Garantie des Wahrheitscharakters seiner Berichte noch steigern lässt, könnte ergänzt werden, dass er die Situationen der Bezeugung dadurch bekräftigt, dass er sie visualisiert: Dillon befragt einen osmanischen Beamten, der für seine Beschattung zuständig war; er bekundet, selbst bei Bauern zuhause gewesen zu sein, eine Familie persönlich zu kennen, die Porträts von allen Familienmitgliedern gesehen zu haben, die Wunden der Opfer von Misshandlung bezeugen zu können etc. Die Visualisierung dieser Situationen und Szenen vermitteln überdies einen Eindruck von Intimität, weil der Leser einen Einblick in die private Sphäre des Autors bekommt und miterleben darf, unter welchen teils eindringlichen Umständen er zu seinen Informationen gekommen ist.
Die Funktion von Dillons Armenien vor den Massacres in Lepsiusâ Anklageschrift hat folglich drei Hauptaspekte. Zum einen richtet der Text, wie der Titel es bereits ankündigt, den Fokus auf die unmittelbare Zeit vor den Massakern, wodurch eine nachvollziehbare politische und historische Entwicklung zu den Ereignissen gezogen werden kann, die Lepsius ausführlich behandelt. Durch diese Kontextualisierung sollen Dillons Berichte die Geschehnisse nachvollziehbar machen und den Wahrheitsgehalt der Schilderungen von Lepsius bestätigen. Zum anderen ergänzen die zahlreichen und ausführlichen Berichte armenischer Zeugen Lepsiusâ Erzählung, der aufgrund der Konzeption seiner Schrift nur in Schlaglichtern über die Gewalt vor Ort erzählen konnte. Aufgrund der kurzen Zeit, die ihm zur Fertigstellung seiner Anklageschrift zur Verfügung stand, und des begrenzten Platzes innerhalb seiner Schrift konnten die Berichte über die armenische Not nicht in aller Ausführlichkeit wiedergegeben werden. Diese Aufgabe übernimmt nun Dillons Reportage. SchlieÃlich hat die Authentizität von Dillons Berichten eine zentrale Funktion innerhalb von Armenien und Europa. Die vielen unüberhörbaren Stimmen der armenischen Opfer lassen keinen Zweifel an der Echtheit ihrer Aussagen aufkommen. Diese Berichte aus erster Hand machen Dillon zu dem, worauf Lepsius und die proarmenische Kampagne angewiesen war: einen genuinen und zweifelsfreien Gewährsmann.
IV. âEine Liste von Schandthatenâ
Bei diesem 14-seitigen Text handelt es sich um ein Kapitel aus dem Buch Martyrologe Arménien von Félix Charmetant, das nur ein halbes Jahr vor Lepsiusâ Armenien und Europa veröffentlicht worden ist.55 Als Generaldirektor des âÅuvre des écoles dâOrientâ verfügte Charmetant über viele Kontakte zu christlichen Akteuren verschiedener Konfessionen im Osmanischen Reich und hat auf diese Weise vom Armenisch-apostolischen Patriarchen von Konstantinopel Matthäus II. Izmirlian das Dokument erhalten, das die Grundlage für dieses Kapitel bildet.
Dieses Dokument ist von Izmirlian noch vor dem 26. Dezember 1895 unter dem Titel âProfanations dâéglises et conversions forcées ayant eu lieu, lors des massacres, dans les provinces habitées par les Arméniensâ aus dem von ihm zu diesem Thema gesammelten Material zusammengestellt und im Anschluss in verschiedenen Kreisen verbreitet worden.56 Charmetants Liste der Schandthaten ist jedoch keine reine Kopie dieses Textes, sondern er hat alle Unterkapitel durch weitere Informationen ergänzt. Dies ist dem Sachverhalt zu verdanken, dass â wie aus den Frühjahrsausgaben seines Bulletins Åuvre des écoles dâOrient ersichtlich wird â Charmetant regelmäÃig eine Unzahl an Berichten über die antiarmenische Gewalt aus Kleinasien erhalten hat.57 Charmetants âStatistique dresséeâ rezensierte ein gewisser S. Burnichon und lobte â mit einer Einschränkung â ihren authentischen Charakter: sie möge zwar nicht die gleiche Gewähr für die Zuverlässigkeit (âvéracitéâ) liefern wie der Botschafterbericht, aber âla gravité et la netteté de leurs affirmations lui donnent dans lâensamble une autorité indéniable.â58
Lepsius übernahm dieses Dokument in seiner Form, ohne selbst in den Text durch Hinzufügungen von weiteren Informationen aus anderen Vorlagen einzugreifen, bis auf eine Ausnahme: er hat die letzten Unterkapitel (âX. Sandjak dâIsmidtâ und âXI. Vilayet Angoraâ, S. 70) nicht übernommen, wohl weil sie weder umfangreich noch ergiebig sind. Allerdings ist Lepsius im Zuge der Ãbersetzung ein technischer Fehler unterlaufen, der zwar lediglich die Datierung der geschilderten Ereignisse betrifft, jedoch nicht unerheblich auf den Inhalt zurückwirkt: an mehreren Stellen überträgt Lepsius Zeitpunkte in Zeitspannen.59 In der Liste der Schandthaten ist diese Schreibweise teils missverstanden worden, indem die beiden bei Charmetant angegebenen Zeitpunkte als ein gesamter Zeitraum wiedergegeben worden sind. So heiÃt es beispielweise für die Massaker in Bitlis, sie hätten vom â1. bis zum 13. Oktoberâ (S. 163) stattgefunden anstatt am 1. nach dem julianischen bzw. am 13. Oktober nach dem gregorianischen Kalender. Diese Unterschiede kommen an fünf Stellen vor. Das auf diese Weise terminierte Ereignis gewinnt jedoch an gröÃerer Dimension, da es einen Unterschied macht, ob ein Massaker an einem Tag stattfindet oder ob es knapp zwei Wochen andauert. Einen Fehler â in der Angabe des Datums zu den Ereignissen in Tercan â hat Lepsius von Charmetant übernommen, der ohnehin inkonsequent und oft fehlerhaft in seinen Datierungen ist.60 MutmaÃlich gehen diese Fehler nicht auf Lepsius selbst zurück, sondern auf die Person, die er womöglich mit der Ãbersetzung anvertraut haben mag. Dafür spricht, dass Lepsius seine Daten relativ gut kontrollierte und dass viele der in der Liste der Schandthaten angegebenen Datierungen nicht in Die Wahrheit in Armenien vorkommen.
Was aber ist der thematische Schwerpunkt der Liste der Schandthaten? Der Autor selbst bringt den Inhalt des Textes in seinem langen Originaltitel treffend auf den Punkt: Es geht um einen statistischen âAbrià nach Berichten von Augenzeugen über Profanationen von Kirchen, Ermordungen von Priestern, gewaltsame Bekehrungen, MiÃhandlungen von Frauen und jungen Mädchen, welche in elf Vilajets61 während der armenischen Unruhen stattgefunden habenâ. Zu ergänzen wäre, dass der Autor ferner über die Zerstörung der Kirchen, Klöster und sonstiger christlicher Einrichtungen spricht sowie über individuell bzw. kollektiv praktiziertes Märtyrertum armenischer Frauen und Geistlicher. Unter âstatistischem Abrissâ ist gemeint, dass in der Darstellung der Opfer- und Schadensbilanz die betroffenen Dörfer, Priester, Dorfbewohner (wobei meistens Frauen und Mädchen behandelt werden) sowie die zerstörten Kirchen und Klöster mit Zahlen beziffert werden. Diese faktische und zahlenmäÃige Auflistung erfolgt hierarchisch nach Vilayet, Distrikt und Dorf.
Mag der Leser die durch Dillons Augenzeugenberichte hervorgerufene Betroffenheit überwunden haben, erfährt er in diesem Kapitel abermals eine Darstellung schlimmster Brutalität in geballter Form. Charmetants Dokumentation vermittelt den Eindruck, durch die schrankenlose Gewalt wäre das gesamte armenische Christentum in eine Finsternis versunken. Hier existiert kein sicherer Ort, kein Einhalt der Gewalt, keine Gnade für die Opfer und keine Hoffnung auf ihre Rettung. Dieser Eindruck wird v.a. dadurch erzielt, dass der Autor sich in seinem Bericht auf die Vermittlung der allernotwendigsten Informationen konzentriert, die er unentwegt aneinanderreiht und auf engsten Raum verdichtet. Es findet keine ausführliche Darstellung der Gewalttaten an sich statt, sondern eine scheinbar nicht enden wollende Aufzählung begangener Brutalität, die der Autor von Beginn bis zum Ende seines Berichtes konsequent einhält. In diesem Sinne fällt auch das Ausbleiben jeglicher historischen Kontextualisierung, politischer Einordnung etc. und der sich daraus ergebenden Forderungen auf. Der Autor fordert keine Intervention Europas oder er verlangt kein christliches Engagement europäischer Glaubensgenossen. In diesem Text geht es darum, die Verbrechen aufzuzählen und eine Opfer- und Schadensbilanz vorzulegen, was sich explizit in Lepsiusâ Titelgebung (âEine Liste von Schandthatenâ) widerspiegelt. Der Autor tritt stets kommentarlos hinter die Benennung des Sachverhalts zurück und wahrt konsequent Distanz zu seinem Bericht. Indem er so die Tatsachen für sich sprechen lässt, entsteht ein Eindruck von Objektivität.
Aber die Konzentration des Textes auf das absolut Wesentliche vermittelt im Verein mit einem anderen Aspekt einen weiteren wichtigen Effekt. Dabei handelt es sich um den Eindruck reiner Sachlichkeit, den seine Dokumentation dadurch erzielt, dass er zu den geschilderten einzelnen Ereignissen die namentliche Nennung der Opfer und die Zuordnung zum geographischen Ort vornimmt. So wird beispielweise berichtet, dass dem Abt Sarkià die Augen ausgestochen werden, aber der Autor verzichtet darauf, die grausame Tat â etwa durch Erwähnung der Folterwerkzeuge oder Beschreibung der physischen Reaktion auf die Gewalt â näher auszuführen. Es wird lediglich erwähnt, dass es sich bei dem Abt um den Prior des Klosters von Dzerkor im Distrikt Ober-Gargar handelt und reiht im Anschluss die nächste neue Information an.62 Auf diese Weise werden auf 14 Seiten insgesamt 82 armenische Personennamen und 454 Ortsnamen â wovon 21 auf Städte, 45 auf Distrikte und 388 auf Dörfer entfallen â dokumentiert!63 Im Gegensatz dazu ist der Verzicht des Autors auf die Benennung der Täter besonders auffällig: es treten nur drei namentlich genannte Effendis auf. Es ist ferner bemerkenswert, dass der Autor nur selten die Täter einer jeweiligen sozialen oder ethnischen Gruppe zuordnet. Geschieht dies gelegentlich, dann nur vereinzelt und sehr vage. Es ist höchstens die Rede von Kurden, Türken, Gendarmen, Soldaten, Mullahs, Tscherkessenhäuptern etc.; insgesamt werden zehn Gruppen genannt. Hierin liegt womöglich ein Defizit des Berichtes, allerdings könnte argumentiert werden, dass sein Fokus auf der Dokumentation der armenischen Opfer liegt.
âDie Liste der Schandthatenâ ist stark verdichtet. Die Informationen werden auf ihre Hauptaussage reduziert und ihre Wiedergabe sodann abgeschlossen. Nähere oder weitere Umstände werden allenfalls mit einem oder zwei Nebensätzen erläutert. Dadurch dass der Autor im folgenden Satz kurzerhand mit einem weiteren neuen Sachverhalt fortfährt, kommt diese Erzählweise in ihrem Duktus dem Telegrammstil sehr nahe. Auf diese Weise wird der Leser im Eiltempo durch die unzähligen Tatorte geführt, die sich sequenzartig abwechseln. Die enorm groÃe Zahl der Namen christlicher Opfer und der zerstörten Kirchen, Klöster und Dörfer trägt zu dem Eindruck einer allumfassenden Gewalt bei, die in ihrer Konklusion auf eine Christenverfolgung hinausläuft.
Die verdichtete Dokumentation der Vernichtung der Armenier und ihres kulturellen Lebens, die in dieser Lesart als Christenverfolgung resümiert werden muss, macht die Hauptfunktion des Berichtes von Charmetant innerhalb von Armenien und Europa aus. Zwar hat Lepsius in seiner Schrift immer wieder die Gewalt gegen die Armenier als Christenverfolgung charakterisiert und auf diese als den Kern der Massaker hingewiesen, allerdings hat er das nicht in dieser fokussierten und verdichteten Form gemacht. Daher stellt Die Liste der Schandthaten eine gelungene Ergänzung zu Lepsiusâ Schrift dar. Charmentants Dokumentation fungiert somit als empirischer Beleg der von Lepsius erörterten Verfolgung der Armenier als Christenverfolgung. Im Hinblick auf die Anordnung des Textes (hinter Dillons Reportage) kann gesagt werden, dass Charmetant nun die tatsächliche Eskalation der anti-armenischen Gewalt dokumentarisch bestätigt, die Dillon im kleineren MaÃstab bereits beschrieben und deren Zuspitzung er angekündigt hat. In ihrer schlimmsten Form bewahrheitet sich also die Aussage des irischen Autors im Besonderen und die Gesamtaussage von Armenien und Europa im Allgemeinen.
V. âDer Botschafter-Berichtâ
Bei dem sogenannten Botschafterbericht handelt es sich um eine tabellarische Aufstellung von Informationen über die Massengewalt in den zehn osmanischen Vilayets und dem Mutesarriflık Izmit, die durch die diplomatischen Vertreter der sechs GroÃmächte zusammengestellt und als Anhang an ihre Kollektivnote der Hohen Pforte im Februar 1896 überreicht worden ist.64 Mit diesem Text liegt ein höchst offizielles Dokument zu den armenischen Massakern vor. Die Botschafter heben in ihrer Note hervor, dass die gesammelten Erkenntnisse aus europäischen Quellen und Konsularberichten stammen. Für Lepsiusâ Leser bedeutet das, dass ihnen hiermit Informationen aus den Massakergebieten vorliegen, die auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüft und verifiziert worden sind. Sie garantieren, soweit dies nur möglich ist, dass die Berichte nicht aus voreingenommenen (ânot [â¦] interested sourcesâ), d.h. tendenziösen, Quellen stammen. Mit dem Umfang von 31 Seiten macht der Botschafterbericht den zweitlängsten Beitrag in Lepsiusâ Kompendium der zeitgenössischen Quellen aus. Die tabellarische Aufstellung der präsentierten Informationen erfolgt nach Ort, Datum, der (quantitativen) Angabe der Toten sowie Verwundeten, den eigentlichen âBericht über die Ereignisse und ihre Ursachenâ und schlieÃlich die Dokumentation der âHaltung der Behörden und der Bevölkerungâ. Diese Informationen sind chronologisch nach Vilayets gegliedert.
Im Botschafterbericht wird die antiarmenische Gewalt in den von ihnen bewohnten Vilayets systematisch und möglichst präzise dokumentiert. Allerdings liegt der Fokus in diesem Bericht nicht auf den Angriffen gegen das armenische Christentum als solches, sondern gegen die Armenier als Bevölkerungsgruppe. Hierbei werden Angaben zu der Anzahl der Todesopfer und der Verwundeten gemacht sowie die genauen Zeitpunkte der Ereignisse genannt, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Massengewalt stehen. Die Ereignisse an sich werden in aller Kürze wiedergegeben. Das beinhaltet ihre Vorgeschichte (z.B. das Aufkommen von Gerüchten), ihre Begleitumstände (z.B. die Bewaffnung der muslimischen Bevölkerung, die Entwaffnung der Armenier), ihren Ablauf (z.B. die Beteiligung bestimmter Tätergruppen, Morde, Zwangskonversionen) und ihre Nachgeschichte (Ausbleiben der Konsequenzen für Täter und verantwortliche osmanische Amtsträger, Arretierung von Armeniern, Elend letzterer durch Mittellosigkeit etc.).
Während der Lektüre stellt man rasch fest, dass die meisten Sachverhalte, genannte Orte und Ereignisse, ja manchmal einzelne Akteure (dem Leser) mittlerweile bekannt sind, es gibt nur selten einen neuen Aspekt oder einen neuen Blickwinkel auf die Massaker. Wollte man etwas Neues anführen, dann geht aus dem Bericht der Umstand hervor, dass es tatsächlich häufiger Versuche seitens hoher osmanischer Amtsträger zum Einhalt der Gewalt gab, als dies in den vorangegangenen Texten erwähnt wurde und auÃerdem, dass die Abläufe der Angriffe gegen die Armenier doch hier und da differieren. Jedoch bleibt auch hier die Hauptaussage, dass die armenische Bevölkerung stets schutzlos ihren Peinigern ausgeliefert war und die osmanischen Behörden die Massaker, wenn nicht befördert, so doch überhaupt erst ermöglicht hätten.
Zur Varianz des Botschafterberichts sei anzumerken, dass hier unterschiedlich ausführlich informiert wird. Wo kaum Angaben zu den Geschehnissen vorliegen, werden diese sehr konzis oder gar vage wiedergegeben. Ãber den Ort Ãorum heiÃt es beispielweise: âInfolge eines Streits finden einige Unruhen statt.â Ãber die Stadt Hajdjeikeni (=GümüÅhacıköy) wird berichtet: âEine Bande von 250 Tscherkessen plündert und brandschatzt das Dorf und tötet 90 Christen und Muhammedaner.â Und über die Stadt Bayazid (=DoÄubeyazıt) können die Botschafter überhaupt nichts über den Tathergang berichten, obwohl sie für die Stadt 500 Todesopfer anführen. Auf der anderen Seite stellen die Verfasser des Berichtes stellenweise äuÃerst präzise Angaben über die Zahl der Mordopfer und Zerstörungen der armenischen Dörfer, wie an den Beispielen der Region Ova oder Egin (=Kemaliye) deutlich wird: hier wird detailliert aufgelistet, welche Dörfer welche materiellen Verluste zu verzeichnen hatten. Die am meisten profunden und stets ausführlichsten Informationen stammen aus den Hauptstädten der Provinzen, da es sich um Orte handelt, die auch die Niederlassungen von den Konsulaten der GroÃmächte waren und die Konsuln sogar selbst Augenzeugen der Ãberfälle auf die Armenier wurden.
Ganz gleich jedoch wie viel oder wie wenig über einen Ort berichtet wird, durch die unverbundene Aneinanderreihung der grausamen Ereignisse und die auf das Wesentliche konzentrierte Erzählweise entsteht bei der Lektüre überwiegend der Eindruck einer allumfassenden Gewalt einerseits und der absoluten Schutzlosigkeit der Armenier andererseits. Es muss bei diesem Bericht in Erinnerung gerufen werden, dass der Adressat des Textes die osmanische Regierung selbst war und das hier vorliegende Dokument nur gesicherte und unzweifelhafte Inhalte aufweisen sollte. Aus dieser Sicht wird die Bedeutung und die Funktion dieses Dokumentes innerhalb und vor allem am Schluss von Armenien und Europa deutlich: Lepsius bietet damit den einschlägigsten Beleg für seine Darstellung der armenischen Massaker. Mit dem Botschafterbericht als höchst offiziellem Dokument der sechs GroÃmächte â und auch die deutschen Diplomaten haben sich für die Validität der Ergebnisse verbürgt â setzt Lepsius nicht nur den Schlussstein für sein Werk, sondern bietet darüber hinaus Material für bereits gewonnene und zukünftige Mitstreiter, die durch seine Schrift in die Lage versetzt werden sollten, an der Propagierung des armenischen Anliegens und an dem âAufruf an das christliche Deutschlandâ mitzuwirken.
Anhang
In der 1897 erschienenen dritten Auflage von Armenien und Europa dokumentierte Lepsius durch einen Anhang auszugsweise die evangelischen und katholischen Reaktionen durch Proklamationen, verschiedenen öffentlichen Kundgebungen und Beschlüsse der Provinzialsynoden: âDie letzten Monate haben bewiesen, daÃ, nachdem die Wahrheit über Armenien an den Tag gekommen ist, die Evangelische Kirche in Deutschland einmütig für die Not des armenischen Volkes einzutreten gewillt ist.â65
Sämtliche diese Veranstaltungen fanden im September und Oktober 1896 statt, also in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu der Veröffentlichung von Armenien und Europa. Auf zwei dieser Tagungen â auf der Versammlung der Gustav-Adolf-Stiftung in Dessau und auf dem Pfarrvereinstag in Braunschweig â war Lepsius persönlich anwesend und wirkte dort, um die angelaufene pro-armenische Kampagne voranzubringen.
Bereits bei der ersten Lektüre der im Anhang präsentierten Texte lässt sich feststellen, dass die Resolutionen und Erklärungen deckungsgleich sind in ihrer Parteinahme für die verfolgten Armenier mit der von Lepsius verbreiteten Sichtweise. Hier lassen sich viele von ihm verbreitete Informationen und Einschätzungen zu der Lage der Armenier wiederfinden, was darauf hindeutet, dass seine publizistische Arbeit als glaubwürdig eingestuft worden ist und die hier angeführten kirchlichen Institutionen auf dieser Grundlage dazu bewogen worden sind, sich klar hinter die Armenier als Opfer zu stellen. Das ist nicht selbstverständlich, bedenkt man, mit welchem Enthusiasmus und wie global die offiziöse deutsche Presse sich gegen die Darstellung der Ereignisse im Osmanischen Reich im Sinne der Armenier gestemmt hatte.66
Die Resolutionen der Versammlungen anerkennen den Opferstatus der Armenier und sehen diese als christliches Brudervolk an. Auf dieser Grundlage geben sie ihre âsittlichen Entrüstungâ über deren Verfolgung kund und sprechen ihre Anteilnahme und ihr Mitleid mit den Bedrängten aus. In diesen Stellungnahmen wird ferner Klage gegen die Zwangskonversion und die Verwandlung christlicher Einrichtungen in muslimische Gotteshäuser erhoben: in manchen Veranstaltungen wird auch von Christenverfolgung gesprochen. In diesem Zusammenhang wird das standhafte Festhalten der Armenier an ihrem Glauben und das Märtyrertum als beispielhaft gelobt. Im Sinne der christlichen Barmherzigkeit fordern die Versammlungen, den âBedrängtenâ tatkräftig Hilfe zu leisten. Zunächst bedeutet das, dass die deutschen Christen zum Gebet für die Armenier angehalten werden sollen; die jeweiligen höheren kirchlichen Instanzen werden aufgefordert, Kirchengebete anzuordnen und ihren Gemeindemitgliedern von dem Leid der Armenier zu berichten. SchlieÃlich wird in einigen Resolutionen zu Kollekten und überhaupt zu einer materiellen Hilfsleistungen aufgerufen, um die Not der Armenier lindern zu können. Diese Aspekte decken sich mit den Ansichten und Forderungen, die Lepsius in seinem Werk formuliert hat. Nur ein Themenfeld wird entweder nur durch vereinzelte Resolutionen aufgegriffen oder durch die anderen umschifft: die politische Anklage der GroÃmächte aufgrund ihres Versagens hinsichtlich des versprochenen Schutzes der christlichen Armenier. Anders als Lepsius wagen es die Versammlungen nicht oder nicht in dem MaÃe, wie er selbst es gemacht hatte, die Massaker in ihrer politischen Dimension zu diskutieren und den politischen Charakter zu betonen.67
Der von Lepsius erstellte Anhang kann als Dokumentation des Sachverhaltes verstanden werden, dass es zu guter Letzt gelungen ist, âdaà die öffentliche Meinung in Deutschland nicht mehr so unempfindlich wie bisher den Leiden der Christenheit des Morgenlandes gegenüberstehen möge.â68 Er belegt, dass sein âAufruf an das christliche Deutschlandâ reichsweit gehört und aufgegriffen worden ist und zwar nicht nur durch die protestantischen, sondern auch â wie das Kölner Beispiel zeigt â durch die katholischen Kreise. In dem evangelischen Spektrum haben sich sogar unterschiedliche Institutionen des Themas Armenien angenommen und es weitergetragen. Lepsiusâ weiteres Anliegen, eine rasche, direkte und umfassende materielle Hilfsleistung in die Wege zu leiten, ist innerhalb kurzer Zeit von sehr vielen Menschen aufgegriffen und in die Tat umgesetzt worden.69 Und auch der leidenschaftliche Charakter seiner Agitation ist â wie an den Reden auf der Kölner Veranstaltung deutlich wird â durch andere Akteure adoptiert worden. Der Anhang dokumentiert das Ausmaà des Erfolgs in evangelischen und katholischen Kreisen, den Lepsius mit Armenien und Europa maÃgeblich vorbereitet hat. Da die einzelnen Kundgebungen in ihren Ergebnissen nur auszugsweise in Armenien und Europa abgedruckt sind, seien sie hier noch einmal zusammenfassend dargestellt.
Der 2. deutsche Pfarrvereinstag in Braunschweig, 9. bis 10. September 189670
Bei dem zweiten deutschen Pfarrvereinstag in Braunschweig, der vom 9. bis zum 10. September 1896 in Braunschweig tagte, wurde über zwei Resolutionen (eine allgemeine und eine besondere) betreffs der Not in Armenien debattiert. Der Pfarrvereinstag sollte Initiativen ergreifen und durch soziale Kundgebungen mehr zu den brennenden Fragen der Zeit Stellung nehmen: die âGreuel und Not in Armenienâ. In der am 9. September 1896 von dem Vorsitzenden Superintendenten A. D. Sternberg geleiteten Hauptversammlung hielt Pfarrvereinsmitglied des Pfarrvereins für die Provinz Sachsen Johannes Lepsius aus Friesdorf (Mansfeld) einen Vortrag. Sein Vortrag ist schon am 11. September 1896 mit Kommentaren der Redaktion des Reichsboten fast vollständig veröffentlicht worden.71 Nach dem eindringlichen Appell von Lepsius verabschiedete die Hauptversammlung am 10. September 1896 eine Resolution.72
Die 9. Generalversammlung des Evangelischen Bundes, 28. September bis 1. Oktober 1896 in Darmstadt
In Darmstadt tagte vom 28. September bis zum 1. Oktober die 9. Generalversammlung des Evangelischen Bundes.73 Der Evangelische Bund wurde am 5. Oktober 1886 in Erfurt gegründet und verfolgte als Ziel die Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen.74 Einer der Hauptinitiatoren war bei der Gründung Willibald Beyschlag, der als Professor für Praktische Theologie und Neues Testament an der Universität in Halle lehrte. Beyschlag hatte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert öfters zur âArmenischen Frageâ geäuÃert.75 Der erste Vorsitzende des Evangelischen Bundes, Wilko Levin Graf Wintzingerode-Bodenstein, hatte bereits den âArmenien Aufrufâ der Evangelischen Allianz vom März 1896 mitunterzeichnet. In Darmstadt wurde die âArmenien Resolutionâ allerdings von einem anderen, nämlich von dem Magdeburger Superintendenten August Christian Friedrich Ernst Heinrich Trümpelmann eingebracht und begründet. Darauf wurde eine Resolution zu Gunsten der Armenier verlesen und nach der Begründung durch Superintendent Trümpelmann aus Magdeburg angenommen.76
Die 49. Hauptversammlung des Evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung, 15. bis 18. September 1896 in Dessau
In der 49. Hauptversammlung des Evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung77, die vom 15. bis 18. September 1896 in Dessau stattfand, wurde über die Armenier debattiert.78 In der Kirchenprovinz Sachsen hatten sich damals neben Wilibald Beyschlag, er war seit 1862 Vorsitzender des Gustav-Adolf-Vereins in der Kirchenprovinz Sachsen, mehrere Pfarrer für die im Osmanischen Reich verfolgten Armenier eingesetzt. Dazu zählten u.a. der Wittenberger Superintendent Carl Emil Wilhelm Quandt, Superintendent Franz Emil Gustav Rosenthal aus Gatterstadt, Superintendent August Christian Friedrich Ernst Heinrich Trümpelmann aus Magdeburg, Superintendent Karl Friedrich Zschimmer aus Naumburg, Oberkonsistorialrat Konrad Ferdinand Schott aus Barby sowie Pastor Dietrich aus Breitungen am Harz. Sie waren in den Haupt- und Zweigvereinen der Gustav-Adolf-Stiftung engagiert.79
Bei der Hauptversammlungssitzungen wurde in Dessau am 15. und am 16. September 1896 die âArmenische Frageâ behandelt. Der Vorsitzende Gustav Adolf Fricke legte am 16. September der Hauptversammlung einen Antrag zur Abstimmung vor. Dieser war von den Herrn Hofprediger Friedrich Braun (Stuttgart), Oberkonsistorialrat Konrad Ferdinand Schott (Barby), Pfarrer Paul Martin Rade (Frankfurt/Main und Studiendirektor Franz Martin Leopold Rendtorff (Preetz) gemeinsam eingebracht worden. Der Antrag wurde einstimmig angenommen.80 Am 16. September hielten Johannes Lepsius und Garabed Thoumajan in Dessau im Saal des âVereinshausesâ jeweils einen Vortrag.81
Die 21. Westfälische Provinzialsynode, 5. bis 22. September 1896 in Soest
Die Provinzialsynode der westfälischen Provinzialkirche machte mit der Beschäftigung mit der âArmenischen Frageâ innerhalb der Provinzialsynoden im Herbst 1896 den Auftakt. Die Einundzwanzigste Westfälische Provinzialsynode tagte vom 5. bis 22. September 1896 in Soest.82 Am 7. und am 8. September wurde also an zwei Tagen über die Kundgebung zu Gunsten der verfolgten armenischen Christen verhandelt. Zunächst stellte Superintendent des Kirchenkreises Bochum, Pfarrer Friedrich König, am 7. September 1896 in der zweiten Sitzung den Entwurf einer Kundgebung zu Gunsten der verfolgten Armenier der Provinzialsynode vor. Am Dienstag den 8. September wurde diese von der Westfälischen Provinzialsynode einstimmig angenommen.83
Die 23. Rheinische Provinzialsynode, 5. bis 23. September 1896 in Neuwied
In der neunten Sitzung debattierten die Synodalen der 23. Rheinischen Provinzialsynode am 17. September 1896 in Neuwied über eine Kundgebung betreffs der âGreuel gegen die armenischen Mitchristenâ.84 Für die Sitzung hatte Pfarrer Karl Franz Giesekke aus Solingen einen Antrag, welcher von der Kreissynode Solingen einstimmig angenommen worden war, vorgelegt.
Die Provinzialsynode wollte in Bezug auf die âarmenischen Greuelâ ihre Stimme einmütig erheben, um âdie Regierung des deutschen Reiches an ihre internationale Christenpflicht zu erinnern.â85 Präses Philipp Valentin Umbeck stellte Giesekkes Antrag der Provinzialsynode vor. Dazu hatte die Kommission III. bestehend aus 22 Mitgliedern den Antrag bearbeitet und dieser wurde dann am 17. September 1896 einstimmig angenommen.86
Die 8. Provinzialsynode der Kirchenprovinz Sachsen, 10. bis 22. Oktober 1896 in Merseburg
Vom 10. bis 22. Oktober 1896 wurde in Merseburg die 8. ordentlichen Provinzial-Synode der Kirchenprovinz Sachsen abgehalten.87 Die-Synode der Kirchenprovinz Sachsen befasste sich damals mit dem Thema der im Osmanischen Reich verfolgten Armenier. In der 8. Sitzung am 19. Oktober 1896 wurde in Merseburg auf den Antrag des Synodalen Superintendenten August Christian Friedrich Ernst Heinrich Trümpelmann aus Magdeburg eine aus vier Abschnitten bestehende Resolution vorgetragen. AnschlieÃend wurde kontrovers darüber diskutiert und die Resolution wurde gegen vier Stimmen von der Synodalen angenommen.
Die 8. ordentliche Brandenburgische Provinzialsynode, 17. bis 29. Oktober 1896 Berlin
Am 27. Oktober 1896 standen in Berlin in der achten Sitzung der 8. ordentlichen Brandenburgischen Provinzialsynode zwei Petitionen auf Gewährung einer Kirchenkollekte für die Witwen und Waisen der hingemordeten armenischen Christen auf der Tagesordnung.
Der eine Antrag war im Vorfeld, am 7. Oktober, von der Niederlausitzer Pastoralkonferenz in Cottbus verabschiedet worden. In Berlin trug der Superintendent und Vorsitzende der Pastoralkonferenz Synodale, Johann Friedrich Otto Boettcher, diesen Antrag der Synode vor.88 Der Cottbuser Beschluss bezweckte eine von dem königlichen Konsistorium angeordneten Kirchenkollekte für die armenischen Christen.
Der zweite Antrag stammte aus dem Berliner Evangelischen Pfarrverein vom 3. Oktober 1896 und bezweckte ebenfalls wie der Cottbusser Antrag die Anordnung eine Kirchenkollekte durch den Evangelischen Oberkirchenrat. Der Pfarrer der Berliner Bartholomäuskirche und Vorstandsmitglied des Berliner Pfarrvereins Karl Hermann Freidank hat es unterzeichnet.
Darin bat der Pfarrverein eine klare Vorgabe durch den Evangelischen Oberkirchenrat bei der Sammlung der Spenden für die Armenier. Offensichtlich gab es innerhalb der Pfarrerschaft in Berlin Unklarheit in Sachen der Spendensammlung für die Armenier.89 Die beiden vorliegenden Anträge wurden in Berlin unter einem Kreis von zehn Personen sehr intensiv diskutiert.90 Der Antrag wurde am 27. Oktober 1896 angenommen.
Volksversammlung in Köln am 27. September 1896
Am Sonntag, den 27. September 1896, wurde in Köln eine Protestversammlung gegen die âtürkischen Greuel in Armenienâ im groÃen Gürzenich-Saale abgehalten. Einberufen wurde die Versammlung vom Kölner Katholiken-Komitee. Auf der Tribüne nahmen am Vorstandstisch u. a. Erzbischof Theodore Dalhoff von Bombay, Weihbischof Hermann Josef Schmitz, Abgeordneter Karl Josef Emil Bachem, Beigeordneten Julius Bachem, Karl Trimborn und die beiden Justizräte Karl Custodis und Franz Jansen teil.91 Bis auf Karl Bachem ergriffen während der Sitzung alle Vorstandsmitglieder das Wort.
Ãber diese von den Mitgliedern der Zentrum Partei Deutschlands und die katholischen Geistlichen in Köln organisierte Solidaritätskundgebung wurde an zwei Stellen berichtet. Zunächst am 28. September 1896 im Rheinischen Merkur unter der Ãberschrift âDie Protestversammlung gegen die türkischen Greuel in Armenienâ.92 Lepsius übernahm diesen Bericht vom Rheinischen Merkur. In der Zeitschrift Das Heilige Land. Organ des Deutschen Vereins vom hl. Lande (früher Organ des Vereins vom Hl. Grabe) ist der gesamte Ablauf der Kölner Kundgebung mit den Wortbeiträgen sowie die vom Kölner Katholiken-Comité vorbereitete und von der Versammlung verabschiedeten Resolution publiziert.93
In seinem Bericht beruft sich der Vizekonsul auf âconformity with Your Excellencyâs telegraphic instructions of March 7thâ. Bericht âVice-Consul Fitzmaurice to Sir P. Currieâ als Anhang 2 in Depesche Nr. 3 des britischen Botschafters Philip Currie an den britischen Premierminister Robert Salisbury vom 27. April 1896, in: Turkey. No. 5 (1896), S. 7. Fitzmaurice wurde darüber hinaus im selben Auftrag in die Städte Birecik, Adıyaman, Siverek und Besni beordert. Vgl. die Depesche Nr. 3, in: Turkey. No. 5 (1896), S. 2.
Laut Corinna Shattuck, die die Verantwortliche für die Urfaer Station war, blieb Fitzmaurice zwölf Tage in der Stadt: âMr. Fitz Maurice [sic] leaves also in the morning having completed what he came for + having been here about a fortnight. We have enjoyed him much.â Corinna Shattuck aus Urfa vom 22. März 1896, in: ABC 16.9.5, vol. 14 Part 2.
Der Bericht findet sich den Akten ABC 16.9.7, vol. 11, ABC 16.10.1, vol. 5 und vol. 12 unter dem Titel âReport of G.H. Fitzmaurice to Sir Philip Currie, Constantinople-. Ourfa, March 16, 1896â.
James R. Harris, der Ende 1896 Lepsiusâ Armenien und Europa übersetzt hat, hat dafür die Version aus dem âBlaubuchâ verwendet.
Die drei ausgelassenen Stellen bei Lepsius vorhanden: S. 104, 105 und 111 in diesem Band. In der erstgenannten Stelle wird Nazif PaÅa als zorniger Prahlhans geschildert, in der zweiten als korrupter Kommandeur und in der letzten als Lügner und Anstifter zu militärischen Angriffen gegen die Armenier.
Konkret hieà das, die antichristlichen MaÃnahmen â v.a. Zwangsbekehrungen, Umwandlungen der Kirchen in Moschen etc. â insbesondere in Birecik wieder rückgängig zu machen. Vgl. dazu die Depesche Nr. 4 von Currie an Salisbury vom 7. Mai 1896, in: Turkey. No. 5 (1896), S. 17f.
Vgl. dazu die Depeschen Nr. 5â8, insbesondere Nr. 5, von Currie an Salisbury vom 7., 18., 19. und 26. Mai 1896, in: Turkey. No. 5 (1896), S. 18f. Henry O. Dwight vom Bible House des âAmerican Boardâ entging dieser Erfolg nicht und in seinem Rundschreiben teilte er den Stationsangehörigen mit: âConsul Fitzmaurice has made a very strong report to the Ambassador, on the basis of which Sir Philip Currie has made representations to the Porte about the forced conversions at Birejik.â Dwight vom 18. Mai 1896, in: bMS 1136/1 (5).
Der Reichsbote publizierte den Urfabericht als Artikelserie âVize-Konsul Fitzmaurice an Sir P. Currieâ in den Ausgaben vom 16. August (Nr. 192, S. 5), 18. August (Nr. 193, S. 5) und 19. August (Nr. 194, S. 5) 1896. In seiner Broschüre gab Thoumaian einen kurzen Auszug aus dem Bericht: Thoumaian, Le cri de lâArménie, S. 58â60. Filian erwähnt zwar im Zuge seiner Angabe zu 8000 getöteten in Urfa Fitzmaurice als Quelle, entscheidet sich aber für ein anderes Dokument, um über die dortigen Ereignisse zu berichten. Vgl. Filian, Armenia and her People, S. 294. Das Bulletin Charmetants schlieÃlich hat im August 1896 zwar angekündigt, ânous publierons prochainement le Rapport officiel de M. Fitz-Maurice [â¦] sur les massacres dâOrfa, Biredjik, etc.â, das Vorhaben ist jedoch nicht in die Tat umgesetzt worden. Vgl. âConversions forcées de Crétiens au Mahométismeâ, in: Åuvre des écoles dâOrient, August 1896 (Nr. 215), S. 361.
Armenien und Europa, S. 113.
Ebenda.
Armenien und Europa, S. 98.
Armenien und Europa, S. 111.
Armenien und Europa, S. 108.
Ausgenommen von Lepsius nahm William Howard dieses Dokument als Teil seiner Monographie auf. Vgl. Howard: Horrors of Armenia, S. 37â39. Selbst James R. Harris, der gemeinsam mit seiner Frau Helen 1896 über Monate Anatolien bereist und sich sogar in Merzifon aufgehalten hat, scheint nicht über den Zile-Brief verfügt zu haben. Für die Erstellung seiner englischen Version von Armenien und Europa hat er für diesen Bericht kein Original verwendet, sondern Lepsius direkt übersetzt, wie aus dem Vergleich beider Texte hervorgeht.
ABC 16.10.1, vol. 6 und ABC 16.9.3, vol. 19. Zur einfacheren Unterscheidung soll im Folgenden die Version aus erstgenanntem Ort als Merzifoner, die aus dem letztgenannten als Konstantinopler Fassung bezeichnet werden.
Tatsächlich wurden seitens der Missionare aus Merzifon alsbald Anstrengungen zu Hilfeleistung für die Bewohner von Zile unternommen. Circa zwei Wochen nach dem Bericht wurde beschlossen, dass Edward Riggs und Mr. White zu diesem Zweck nach Zile reisen sollten. Allerdings wurde ihnen während des Zwischenhalts in Amasya unter verschiedenen Begründungen von der Weiterreise dorthin abgeraten, sodass sie diesen Plan aufgaben und die Hilfe per Sendboten verschickten. Vgl. dazu den Brief von Edward Riggs aus Merzifon vom 12. März 1896 an Judson Smith, in: ABC 16.9.3, vol. 26 Part 1.
Um den staatlichen Charakter der Organisation der Massaker zu betonen, hat auch Howard Teile aus dem Zile-Bericht in seine Monographie aufgenommen: âas the official method of carrying out the Sultanâs orders will stand as a fair type for the rest of the massacres [in Zile], I will give parts of the reportâ. Howard, Horrors of Armenia, S. 36.
Vgl. z.B. die schriftliche Mitteilung des Gouverneurs an die armenischen Honoratioren: âDie Regierung macht sich allâ diese Ausgaben, um euch zu schützen; wenn ihr noch Furcht zeigt, so ist dies eine Beleidigung der Regierung, wofür ich euch als Rebellen behandeln und eure Bestrafung verfügen werde.â Armenien und Europa, S. 113.
Åepik liegt eher zwischen Arapgir und Egin/Kemaliye als zwischen Arapgir und Harput.
Hierbei geht es um eine Dorfbewohnerin, die den Angriffen auf Åepik entflohen tagelang in den Bergen umhergeirrt und während ihrer Rückkehr viele Leichen am Wegesrand gesehen hat, die von Hunden angefressen waren. Diese Leichname wollte sie beerdigen, fand jedoch keinen Spaten und warf sie schlieÃlich in den Fluss. Am Ende wird der Hinweis gegeben, dass sie diese Geschichte ihrem Ehemann brieflich nach Konstantinopel berichtet hat. Das ist insofern interessant, als dass es die Annahme erlaubt, ihr Mann könnte Kontakt zum dortigen âBible Houseâ aufgenommen haben, sodass der Åepik-Brief auf diese Weise ergänzt worden wäre.
Vgl. Anhang 1 und 2 in der Depesche Nr. 30 des britischen Botschafters Currie an den Premierminister Salisbury vom 13. Febr. 1896, in: Turkey. No. 8 (1896), S. 27â29. In dieser Version ist die oben erwähnte Episode noch nicht vorhanden.
Vgl. ebenda, Anhang 1.
Vgl. Howard: âOur Commissionerâs safe Returnâ, in: Christian Herald vom 1. April 1896 (Nr. 14), S. 267. Howard charakterisiert die Schilderungen aus Åepik als â[o]ne of the most touching stories of martyrdom that has yet come to lightâ.
Konkret handelt es sich um die Sätze âDarauf sandten wir sieben junge Leute in die Stadt [â¦] Einige Tage später versuchte einer zu entfliehen und wurde erschossen.â In der Vorlage entspricht es: âI forgot to say that when the first attack was made, seven young men went to Arabkir [â¦] A few days later one of them tried to get away to come to us but he was killed.â Vgl. die oben genannten Belegstellen.
Vgl. den Brief âTranslation of a letter from Shepik, near Arabkirâ, in: ABC 16.10.1, vol. 6. Interessant ist übrigens, dass in der Akte dieser Brief dem hier besprochenen direkt vorausgeht. Möglicherweise wurden bei der Verbreitung dieser Dokumente beide gleichzeitig an Interessierte weitergereicht.
Armenien und Europa, S. 116.
In der Frankfurter Zeitung und Handelsblatt erschien der Artikel unter dem Titel âDie Metzeleien in Wanâ am 15. August 1896 (Nr. 226) in der dritten Morgenausgabe auf der ersten Seite.
Es handelt sich dabei definitiv nicht um den langen Bericht von George Reynolds aus der Station des âAmerican Boardâ in Van. Sein hochinteressanter, weil Einblicke und Informationen aus nächster Nähe liefernder Bericht liegt in mehreren Akten im Bestand ABCFM vor: ABC 16.9.7, vol. 16 (George C. Reynolds aus Van vom 23. Juni 1896); als Kopie in: ABC 16.10.1, vol. 5, vol. 6 und vol. 12 (âVan, June 23, 1896â). Dass âMetzeleien in Wanâ sehr wahrscheinlich nicht von Missionaren des âAmerican Boardâ stammt, ist an der negativen Charakterisierung Reynolds als eine Person, die âsich bei den türkischen Behörden wieder einzuschmeichelnâ versuchte, ersichtlich.
Allerdings liegen hier auch Besonderheiten vor, die spezifisch lokaler Natur sind und in der Form bei Lepsius nicht vorkommen. Zu erwähnen ist die â relativ ausführliche â Darstellung des armenischen Widerstandes (den Lepsius jedoch explizit rechtfertigt und legitimiert); die Darstellung der Rolle des Gouverneurs Nazim Pascha, der die Massaker zu verhüten suchte und als guter Regierungsvertreter hervorsticht, jedoch letzten Endes Platz machen muss für Saadeddin Pascha, der â laut dieser Darstellung â im Auftrag der Regierung die Massenmorde initiiert und mit angeführt hat. Auf ähnliche Weise erwähnt der Text lobend den Einsatz eines gewissen Majors Emin AÄa, der seine Soldaten und die wütenden Pöbelmassen zurückhielt; er wird allerdings mit dem Major Halim Effendi kontrastiert, der diese zum Angriff angefeuert hat. SchlieÃlich spricht der Text von dem unrühmlichen Verhalten ausländischer Diplomaten, weil sie im Zuge der Verhandlungen keineswegs Schutz für die Armenier besorgen wollten und schlieÃlich selbst Angriffen ausgesetzt waren.
Der Brief vom 22. Sept 1896 liegt in der handschriftlichen Form zweifach vor, in der maschinengeschriebenen vierfach. Eine der handgeschriebenen Fassungen ist vermutlich an James L. Barton gerichtet, da die Anrede dort âDear Harputleeâ lautet. (Barton war zwei Jahre zuvor noch in der Harputer Station aktiv.) Von dem Brief vom 29. Sept. 1896 gibt es zwei handschriftliche und drei maschinengeschriebene Exemplare. Eine der handgeschriebenen Ausführungen sollte wohl laut Notiz neben dem Eingangsdatum an Edwin M. Bliss als Mitarbeiter der Zeitung The Independent weitergereicht werden.
Nebst Lepsius finden sich diese Briefe in den zeitgenössischen Monographien nur bei James R. und Helen B. Harris wieder: Letters from the Scenes, S. 209â211 (22. Sept.) und 213f. (29. Sept.). (Irrtümlicherweise ist hier das Datum des ersten Briefes mit 23. Sept. 1896 angegeben.) Dass andere Autoren die Eghin-Briefe nicht aufgegriffen haben, liegt an ihrem späten Publikationsdatum; bis zum September sind die meisten Werke über die antiarmenische Gewalt bereits publiziert worden. Darüber hinaus fand der Brief vom 29. Sept. Eingang in die Korrespondenz der britischen Botschaft. Vgl. dazu den Anhang in der Depesche Nr. 123 von Currie an Salisbury vom 20. Okt. 1896, in: Turkey. No. 3 (1897), S. 113. AuÃer diesen Briefen liegen im Bestand des ABCFM noch weitere Berichte späteren Datums sowie ein zusammenfassender Bericht über die Ereignisse in Eghin vor.
Herman N. Barnum aus Harput vom 22. Sept. 1896, ohne Angabe des Empfängers (Eingangsstempel von James L. Barton), in: ABC 16.9.7, vol. 12 Part 2. Dieser Satz wurde übrigens in der später kopierten Version ausgelassen.
Vgl. ebenda. Auch diese Information kommt in den kopierten Fassungen nicht vor.
Vgl. Barnum aus Harput vom 29. Sept. 1896, in: ABC 16.9.7, vol. 12 Part 2. Ãber diese Briefe als Basis für seinen Bericht vgl. z.B. âThe letters give the number of houses as 1100 [â¦]â. Seine Angabe â[â¦] but we have no detailsâ einige Zeilen später mag aus einem von den Barnum vorliegenden Briefen übernommen worden sein, da Barnum selbst in der 1. Pers. Sg. schreibt.
â(Der amtliche Konsularbericht giebt die gleiche Zahl an.)â Für den âKonsularberichtâ kommen zwei Dokumente infrage: die Depesche Nr. 273 des französischen Botschafters in Konstantinopel Cambon an den AuÃenminister Hanotaux vom 8. Okt. 1896, in: Documents diplomatiques. (1893â1897), S. 296 und der Bericht des britischen Vizekonsuls Fontana aus Harput als Anhang in der Depesche Nr. 108 des britischen Botschafters Currie an den Premierminister Salisbury vom 13. Okt. 1896, in: Turkey. No. 3 (1897), S. 94f. Beide Dokumente geben 980 niedergebrannte armenische Häuser an und v.a. 2000 getötete Armenier, auf die Lepsius rekurriert.
Armenien und Europa, S. 126.
Im ersten Brief wird die Zahl der zerstörten armenischen Häuser mit 600 angegeben, später auf 1100 nach oben korrigiert. Die Zahl der getöteten Armenier korrigiert der zweite Brief von 800â1000 auf 2000. Diese Angaben werden schlieÃlich anhand des âKonsularberichtesâ abgesichert. Auch die zeitlichen Daten der Massaker werden im zweiten Brief berichtigt.
Armenien und Europa, S. 15.
Vgl. Dillon, Emile J.: The Condition of Armenia, in: The Contemporary Review, JulyâDec. 1895 (vol. 68), S. 153â189.
Vgl. Margarethe Lepsius an ihre Eltern vom 23. August 1896, in: LHA (17503), Bl. 3.
Vgl. beispielweise Greene: Armenian Massacres, S. 187â242; Williams: Bleeding Armenia, S. 319 und 353â359; Thoumaian: Le cri de lâArménie, S. 14f. und S. 19â21; Stead: Haunting Horror, S. 22â26, S. 31â34 und S. 36â38; Erwähnung dieses Aufsatzes in Godet: Les souffrances, S. 16, Anm. 2.
Vgl. Burnham, The Story of Daily Telegraph, S. 45.
Vgl. Rafter, Special Correspondent, S. 95. Dieser Sachverhalt wird in dem hier besprochenen âArmenien vor den Massacresâ allein schon an der Anzahl und Vielfalt der von Dillon interviewten Personen deutlich. Dillon brachte dabei die für solche Aufgaben notwendige Ausdauer und Beharrlichkeit mit. Als er beispielweise die Erzählungen über den inhaftierten kurdischen Chief Mostigo verifizieren wollte, investierte er drei Wochen in seine Bemühungen, bis er schlieÃlich nicht nur bloà mit ihm zusammentreffen konnte, sondern dies sogar auÃerhalb der Gefängnismauern arrangieren lieÃ.
Vgl. Rafter, Special Correspondent, S. 96. Aufgrund seines alter ego musste Dillon im Gegenzug Schmähungen armenischer Frauen in Kauf nehmen. Vgl. ebenda. Hinsichtlich Dillonâs List der Verkleidung berichtet Burnham, jener hätte sich mal als kurdischer Chief, mal als türkische Frau ausgegeben. Vgl. Burnham, The Story of Daily Telegraph, S. 46.
Vgl. Rafter, Special Correspondent, S. 96. Es ist nicht ganz klar, ob es sich bei diesem kurdischen Chief um die gleiche Person handelt, wie um jenen zum Tode verurteilten kurdischen Anführer Mostigo. Vgl. Burnham, The Story of Daily Telegraph, S. 46.
Vgl. den Auszug aus der Rede Gladstoneâs Anfang August 1895, die in der Broschüre Facts about Armenia, S. 13â20 abgedruckt worden ist. Zu Dillons Würdigung durch Gladstone vgl. insbesondere S. 16.
Auch andere unterstützten Dillonâs Arbeit, indem sie beispielweise seine Spuren verwischten. So meinte etwa Sir Ashmead Bartlett in einer Sitzung des Britischen Unterhauses, es gäbe überhaupt keinen britischen Korrespondenten in Armenien. Sir Edward Grey hingegen bestätigte die Existenz eines Korrespondenten des Daily Telegraph, verweigerte jedoch die Preisgabe seines Namens. Vgl. Burnham, The Story of Daily Telegraph, S. 46.
Es wäre sehr lohnenswert, Dillons investigativen Einsatz in den armenischen Provinzen historisch aufzuarbeiten. Hier sei auf zwei Nachlassbestände hingewiesen, die dafür gesichtet und verarbeitet werden müssten. Zum einen verfügt die National Library of Scotland über die Korrespondenz von Dillon, seinen Familienmitgliedern und anderen Briefpartnern sowie über seine Tage- und Notizbücher, Presseausschnitte etc. in den Sammlungen âPapers of and relating to Emile Joseph Dillon, Acc. 14111/1â19. Archives and Manuscriptsâ sowie âPapers of Emile Joseph Dillon, containing correspondence, notebooks and literary papers., Acc. 12382/1-67. Archives and Manuscriptsâ. Zum anderen bieten die Stanford Libraries Material ähnlichen Typs in der Sammlung âEmil [sic] J. Dillon papers, M0935. Dept. of Special Collections, Stanford University Libraries, Stanford, Calif.â
Armenien und Europa, S. 3.
Armenien und Europa, S. 145. Dillon fasst die Situation in den osmanischen Gefängnissen wie folgt zusammen: âWenn man sich die alte englische Sternkammer, die spanische Inquisition, eine chinesische Opiumhöhle, eine Ecke in einem Cholerahospital und einen Winkel in der tiefsten Tiefe von Dantes Hölle in eins zusammengeschmolzen denkt, dann kommt ungefähr das heraus, was ein schlechtes, türkisches Gefängnis ist. Schmutz, Gestank, Seuchen, HäÃlichkeit, Schmerzen in allen Formen und Graden [â¦]â Armenien und Europa, S. 145.
Armenien und Europa, S. 140.
Armenien und Europa, S. 135.
Am Ende dieser Politik steht nach Dillon lediglich eine Beileidsbekundung: âDas armenische Volk liegt in den letzten Zuckungen. Soll das europäische Mitleid keine andere Form annehmen, als die eines Kreuzes auf unseren Gräbern?â Armenien und Europa, S. 155.
Armenien und Europa, S. 143.
Das Kapitel trägt den Titel Statistique dressée par des témoins oculaires Grégoriens et Protestants des profanations dâéglises, assassinants dâecclésiastiques, apostasies forcées, enlèvements de femmes et jeunes vierges und ist in der Broschüre S. 46â70 abgedruckt. Diese erschien unter dem Titel Tableau officiel des massacres dâArménie dressé après enquétes par les six ambassades de Constantinople et statistique dressée par des témoins oculaires Grégoriens et Protestants des profanations dâéglises, assassinants dâecclésiastiques, apostasies forcées, enlèvements de femmes et jeunes vierges. Kharazian datiert die Publikation der Broschüre auf März 1896. Vgl. dazu Kharazian, Lâopinon publique française, S. 81 und S. 84. Dies kann auf die zweite Märzhälfte eingegrenzt werden: Noch am 10. März bespricht Charmetant in seinem Bulletin lediglich den Botschafterbericht (der ebenfalls Teil seiner Broschüre ist), während in einer an ihn ergangenen Zuschrift vom 1. April der Autor sich für âvotre brochureâ bedankt. Vgl. Åuvre des écoles dâOrient, März 1896 (Nr. 213), S. 269 und S. 279.
Insbesondere hat er das Dokument den diplomatischen Vertretern der sechs GroÃmächte als Anhang einer Petition überreicht. Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes sind die Schriftstücke in der Akte PA AA, RZ 201 14423, Bl. 56â70 dokumentiert. Es liegt ferner in mehreren Kopien im Archiv der Pariser Bibliothèque Nubar in der Akte DOR 4/1 vor. Hier sind viele Berichte aus den Gebieten zu finden, die über die Gewaltereignisse berichten und vermutlich die Grundlage für Izmirlians âProfanations dâéglises et conversasions forcéesâ bilden.
Bereits im Januar 1896 schreibt Charmetant über die Fülle an Berichten aus dem Osmanischen Reich: âDe nombreuses lettres nous arrivent aujourdâhui de divers points de lâArménie. Elles nous sont adressées par des témoins oculaires [â¦]â. Åuvre des écoles dâOrient, S. 193 (Hervorhebung im Original). Allein in seinem Artikel âRécit des massacresâ zitiert er aus ihm zugegangenen Zuschriften von Missionaren aus verschiedenen Städten, von privaten Briefen, von Korrespondenzen von Erzbischöfen, Katholikoi oder Patriarchen. Vgl. Ebenda, S. 226â253.
Burnichon, Rezension von Martyrologe Arménien, in: Åuvre des écoles dâOrient, Juni 1896 (Nr. 214), S. 356â358, hier S. 358.
Charmetant nämlich datiert die Ereignisse parallel nach dem julianischen und dem gregorianischen Kalender, indem er â in den Kapiteln IâV â beide Angaben mit dem Schrägstrich trennt (z.B. â16/28 novembreâ) oder â in den Kapiteln VIâIX â die Trennung der kalendarischen Zeitpunkte so markiert, dass er das Datum nach dem gregorianischen Kalender in Klammern der Angabe nach dem julianischen Kalender folgen lässt (z.B. âLe 28 octobre (9 novembre)â).
Beispielweise gibt Charmetant nicht selten nur ein Datum an, ohne es anschlieÃend einem Kalender zuzuordnen. Oder er markiert es nur mit dem seinerzeit üblichen Kürzel âv.s.â (vieux style, d.h. nach dem julianischen Kalender). Oder das jeweilige Datum ist falsch berechnet wie, am Beispiel Bitlis oder Urfa deutlich wird: Für Bitlis macht er die Angabe â1/13 octobreâ, während die Ereignisse auf den 25. Okt. zu datieren sind; im Falle von Urfa rechnet Charmetant vorwärts, indem er die Massaker auf â28 octobre (9 novembre)â datiert, während die Massaker dort am 28. Okt. nach dem gregorianischen Kalender stattgefunden haben.
Tatsächlich behandelt Lepsius die Ereignisse in nur neun Vilajets (Trabzon, Erzurum, Van, Bitlis, Sivas, Mamuret-ul-Aziz, Diyarbakır, Aleppo und Adana). Charmetant verbuchte das Sancak Izmit in seine Aufzählung als Vilayet.
Der Autor verzichtet ebenfalls auf die Kommentierung der geschilderten Fälle seinerseits. Er klagt z.B. nicht über die Verzweiflung âmehrere[r] Frauen und junge[n] Mädchenâ, weil sie geraubt wurden, sondern listet sie unter die Dörfer Gendz und Maden auf und schlieÃt an, dass darunter auch die Gattin des Priesters der gregorianischen Kirche zu Gentzik war. Er verzichtet auch auf das Lob der Priester Der-Arisdakes und Der-Megherditsch, den sie sich verdient haben mögen, weil sie den Märtyrertod der Apostasie bevorzugten, sondern er dokumentiert, dass es am 28. November (1895) in der Stadt Zile geschehen ist.
AuÃerdem werden 114 Kirchen und Klöster namentlich angeführt.
Vgl. den Anhang (âCollective Communication made to the Sublime Porteâ) in der Depesche Nr. 535 von dem britischen Botschafter Currie an den britischen Premierminister Salisbury vom 6. Febr. 1896, in: Turkey. No. 2 (1896), S. 338.
Armenien und Europa, S. 89.
Vgl. Saupp: Das Deutsche Reich und die Armenische Frage, S. 33.
Wie das Studium des Verlaufs der Debatten auf den Tagungen ergibt, gab es zwar seitens der pro-armenischen Geistlichen Bestrebungen, einen politisch expliziten Standpunkt der Resolution zu erstreiten, aber dies wurde durch Einwände oder gar Obstruktion verschiedener Mitglieder (insbesondere von Regierungsvertretern) nach teils konfrontativen Diskussionen unterbunden. Das drückt sich in den produzierten Resolutionen aus, deren Charakter in der Antragstellung oftmals politischer oder hinsichtlich ihrer Ziele weitergehender war. Vgl. dazu beispielweise den Debattenverlauf der Gustav-Adolf-Stiftung in Dessau (Bericht über die 49. Hauptversammlung des Evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung abgehalten in Dessau am 15., 16. und 17. September 1896, Leipzig 1896.) oder die Diskussionen während und nach der Brandenburgischen Provinzialsynode.
Armenien und Europa, S. 4.
Vgl. zur Geschichte einer Vielzahl von Hilfswerken Martirosyan: Humanismus und Christliche Barmherzigkeit.
Es handelte sich um einen Berufsverband. Der Verband der deutschen Pfarrvereine war vor wenigen Jahren am 31. Oktober 1892 in Wittenberg gegründet worden und hatte sich die Wahrnehmung der Interessen der deutsch-evangelischen Pfarrer zur Aufgabe gemacht. Dem Verband gehörten 1896 insgesamt 21 Pfarrvereine mit 5560 Mitgliedern an. In Braunschweig waren 150 Geistliche anwesend. Davon gehörten 42 Pfarrvereinsabgeordneten als Stimmberechtigte aus den Pfarrvereinen Sachsen, Brandenburg, Pommern, Kurhessen, GroÃherzogtum Hessen, OstpreuÃen, Nassau, WestpreuÃen, Braunschweig, Meiningen, Gotha, Wetzlar=Braunfels.
Reichsbote Freitag 11. September 1896 2. Beilage zur Nr. 214.
Pfarrervereinsblatt. Organ der evangelischen Pfarrervereine, Brandenburg, Pommern, Sachsen, Nassau, WestpreuÃen, Posen, S.=Meiningen, S.=Koburg=Gotha, Rheinprovinz. Organ des Verbandes deutscher Pfarrervereine, 5. Jg., Nr.10, Oktober 1896, S. 131.
Der Bote des evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung, 24. Jahrgang 1896 1. November Nr. 21, S. 325. Vgl. auch S. 323â324 und auch MeiÃner: Martin Rades âChristliche Weltâ, S. 72.
Zum Evangelischen Bund vgl. Armin Müller-Dreier: https://evangelischer-bund.de/der-evangelische-bund/geschichte/1883-1918/2/.
MeiÃner: Martin Rades âChristliche Weltâ, S. 53â55; 122â123. Vgl. auch Akten des Internationalen Dr. Johannes- Lepsius-Symposiums, S. 164â173.
Der Bote des evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung, 24. Jahrgang 1896 1. November Nr. 21, S. 325. Vgl. auch S. 323â324 und auch MeiÃner: Martin Rades âChristliche Weltâ, S. 72.
Die Gustav-Adolf-Stiftung wurde am 9. Dezember 1832 in Leipzig gegründet und wenige Jahre später wurde am 31.10.1841 auch in Darmstadt ein âVerein für die Unterstützung hilfsbedürftiger protestantischer Gemeindenâ gegründet. Die Stiftung und der Verein vereinigten sich am 16. September 1842 in der Thomas Kirche zu Leipzig. An jenem Tag wurde der âEvangelische Verein der Gustav-Adolf-Stiftungâ gegründet und diese Organisation gab sich in der zweiten Hauptversammlung am 21. September 1843 in Frankfurt am Main eine eigene Satzung und besteht bis heute.
Bericht über die 49. Hauptversammlung des Evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung abgehalten in Dessau am 15., 16. und 17. September 1896, Leipzig 1896 und Der Bote des evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung, 24. Jahrgang 1896 1. November Nr. 21, S. 322.
Der Evangelische Verein der Gustav-Adolf-Stiftung wurde bei der Ersten Hauptversammlung am 16. September 1842 in der Thomas Kirche zu Leipzig gegründet und gab sich in der zweiten Hauptversammlung am 21. September 1843 in Frankfurt am Main eine eigene Satzung. Diese Stiftung war ein Zusammenschluss der beiden Stiftungen bzw. Vereine der 1832 in Leipzig entstandenen âGustav-Adolf-Stiftungâ und der 1841 in Darmstadt gegründeten hessischen Diasporavereins.
Bericht über die 49. Hauptversammlung des Evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung abgehalten in Dessau am 15., 16. und 17. September 1896, Leipzig 1896, S. 183.
Der 49. Hauptversammlung des Evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung., in: Hamburgischer Correspondent, Abendausgabe, Nr. 660, 18.9.1896, S. 3. Neue Westfälische Volkszeitung 24.9.1896, S. 3.
Verhandlungen der einundzwanzigsten Westfälischen Provinzial=Synode in Soest vom 5. bis 22. September 1896, Als Manuskript gedruckt, Unna 1896.
Der 49. Hauptversammlung des Evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung., in: Hamburgischer Correspondent, Abendausgabe, Nr. 660, 18.9.1896, S. 3. Neue Westfälische Volkszeitung 24.9.1896, S. 3.
âAntrag betreff Armenische Greuel für die Kreissynode Solingen.â in: Verhandlungen der dreiundzwanzigsten Rheinischen Provinzialsynode gehalten zu Neuwied vom 5. bis 23. September 1896. Nebst 6 Anlagen. Coblenz 1897, S. 25. Vgl. auch zu âKreisynode Solingenâ 1896, in: Kirchliches Monatsblatt für die evangelischen Gemeinden Rheinland und Westfalen, 11. Jg. 1896, S. 248 und âDie XXIII. Rheinische Provinzialsynode I.â S. 255â258, bes. S. 257; âDie XXIII. Rheinische Provinzialsynode II.â S. 275â279. bes. 279.
Verhandlungen der dreiundzwanzigsten Rheinischen Provinzialsynode gehalten zu Neuwied vom 5. bis 23. September 1896. Nebst 6 Anlagen. Coblenz 1897, S. 15.
Verhandlungen der dreiundzwanzigsten Rheinischen Provinzialsynode gehalten zu Neuwied vom 5. bis 23. September 1896. Nebst 6 Anlagen. Coblenz 1897, S. 213â215. Von der Rheinischen Provinzialsynode II. in: Evangelisches Gemeindeblatt für Rheinland und Westfalen, Beiblatt zur Nr. 38. Krefeld, 20. September 1896, S. 329â330.
Verhandlungen der Achten ordentlichen Provinzial-Synode der Provinz Sachsen. Abgehalten zu Merseburg in den Tagen vom 10. bis 22. Oktober 1896. Herausgegeben von dem Vorstande der Provinzial-Synode, Magdeburg 1897.
Verhandlungen der Achten ordentlichen Brandenburgischen Provinzialsynode im Jahre 1896. Herausgegeben von dem Bureau der Provinzialsynode, Berlin 1897, S. 130â131.
Verhandlungen der Achten ordentlichen Brandenburgischen Provinzialsynode im Jahre 1896. Herausgegeben von dem Bureau der Provinzialsynode, Berlin 1897, S. 131â132.
Verhandlungen der Achten ordentlichen Brandenburgischen Provinzialsynode im Jahre 1896. Herausgegeben von dem Bureau der Provinzialsynode, Berlin 1897, S. 132.
âDie Protestversammlung gegen die türkischen Greuel in Armenienâ, in: Rheinischer Merkur Kölner Nachrichten. Allgemeiner Anzeiger für Stadt und Land. XIX. Jahrgang, Nr. 224, Montag den 28. September 1896, S. 2.
Die Protestversammlung gegen die türkischen Greuel in Armenien, in: Rheinischer Merkur Kölner Nachrichten. Allgemeiner Anzeiger für Stadt und Land. XIX. Jahrgang, Nr. 224, Montag den 28. September 1896, S. 2.
Volksversammlung in dem groÃen Saale des Gürzenich zu Köln zur Besprechung der Greulthaten in Armenien am 27. September 1896, in: Das Heilige Land. Organ des Deutschen Vereins vom hl. Lande (früher Organ des Vereins vom Hl. Grabe), 40 Jg. Heft 5. Köln 1. October 1896, S. 193â206.