1 Konstellation
1.1 Innerschweiz
In dem 1928 erschienenen Roman Grand Hotel Excelsior des Schriftstellers Meinrad Inglin, der bis auf einen – allerdings prägenden – einjährigen Aufenthalt 1922 als Journalist in Berlin immer in seinem Innerschweizer Geburtsort Schwyz gelebt hat, stellt Peter Sigwart, Mitglied der Hoteliersfamilie und zivilisationskritischer Dandy-Philosoph, den Menschen seiner Zeit eine deprimierende Diagnose:
Die Menschen sind müde und verdorben; ich habe sie bei der Arbeit und beim Vergnügen gesehen, mehr kennen sie ja nicht mehr, und beides zermürbt sie. Aber ich habe von allem genug, verstehen Sie? Von dem, was sich Wissenschaft, Kunst, Religion, Politik nennt, von dieser ganzen abendländischen Betriebsamkeit.1
Als Ursachen des Unbehagens bezeichnet die Diagnose die vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg in der antimodernistischen Zeitkritik breit traktierten „Grundübel“ der „Zersetzung menschlichen Wesens“ durch die „vielfältige Trennung von Kräften“ und die Dynamisierung aller räumlichen, zeitlichen und politischen Verhältnisse.2 Das Grand Hotel, das die Logik der Steigerung im Namen „Excelsior“ trägt, manifestiert, dass die Modernisierung auch im seegelegenen, berg- und waldumkränzten Flecken in der Innerschweiz Einzug gehalten hat, dessen fiktiver Name Urglsau Ursprünglichkeit bedeuten soll. Den damit exponierten Antagonismus zwischen Natur und Zivilisation spielt die Handlung in den verschiedenen Registern und Variationen durch,3 lässt ihn aber zunehmend als Reduktionismus erscheinen, der dann ohne eigentliche dialektische Zuspitzung, Vermittlung oder Aufhebung in der Brandkatastrophe verpufft. Jenseits der literarischen Faktur ist Grand Hotel Excelsior indes ein bedeutendes Zeugnis des auch und gerade in der Schweiz heftig geführten Kulturkampfes zwischen den Kräften der Modernisierung und jenen der Konservierung in den 1920er- und 1930er-Jahren. Und nicht umsonst ist gerade das Hotel, das bereits als Topos einer schon längeren touristischen Industrialisierung der alpinen Schweiz gelten kann, Gegenstand und Schauplatz der Debatten.4
Eingestellt auf das topische Setting der Antithesen von Natur vs. Zivilisation, Seele vs. Geist, Heimat vs. Fremde, Land vs. Stadt, Volk vs. Masse etc.,5 das für Inglins ganzes Werk konstitutiv ist und sich zeitbedingt mit unterschiedlichen Akzenten und Konturen ausformt, kann man die jeweilige konkrete und handlungsspezifische Thematik und Motivik sowie ihr Deutungspotenzial leicht übersehen. Die zitierte Diagnose der Dekadenz bezieht sich nämlich auf die Aktivitäten der Arbeit und des Vergnügens. Neben der Muße und dem Konsum im Luxusambiente, die eher im modernitätskritischen Fokus stehen, können Szenen und Schilderungen des arbeitenden Hotelpersonals, der verschiedenen Tätigkeiten der anderen Personen sowie der ökonomischen Verhältnisse in den Hintergrund der Aufmerksamkeit rücken. Doch sobald man den Blick dafür geschärft hat, erweist sich der Bereich der Arbeit als quantitativ beträchtlich und qualitativ vielfältig. Das mag erstaunen, denn die deutschsprachige Literatur gilt diesseits der sozialistischen Kampflieder und der einschlägigen Arbeiterliteratur als betont ‚arbeitsscheu‘.6
1.2 Berlin
Ganz anders als Meinrad Inglin in Grand Hotel Excelsior blickt in dieser Epoche Walter Benjamin von den Metropolen Berlin oder Paris aus, die er zeitweilig auch mit ein paar weniger urbanisierten Orten in der Schweiz oder in der touristischen ‚Natur‘ Südeuropas tauscht (Capri, Ibiza), auf den Prozess der Modernisierung, die Problematik von Natur und Zivilisation und die Veränderungen in der Kunst- und der Arbeitswelt. Im berühmten Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936/1939) bezieht auch Benjamin Arbeit und Vergnügen in kritischer Betrachtung aufeinander, deren Hintergrund allerdings nicht eine mythische Urlandschaft ist, sondern die sogenannte ‚Aura‘. Die Aura ist nicht an eine unveränderliche und unbedingte Natur geknüpft, sondern an die historisch wandelbare „Art und Weise“ der „Sinneswahrnehmung“ und die „gesellschaftlichen Umwälzungen“, „die in diesen Veränderungen der Wahrnehmung ihren Ausdruck fanden“.7 Die Wahrnehmung der Aura eines Objekts war vor der technisch-medialen Moderne im „Ritual“ fundiert, das Präsenz erforderte, aber „Ferne“ erzeugte und auf „Einmaligkeit und Dauer“ der Tradition ausgerichtet war, wie Benjamin an der kontemplativen Betrachtung einer Naturlandschaft oder eines Originalkunstwerks illustriert.8 Dagegen ist die „Reproduktionstechnik“, wie Benjamin zunächst anhand der Fotografie illustriert, auf „massenweises“ Vorkommen der Objekte und der Rezeption durch die „Massen“ angelegt, sie stellt orts- und zeitunabhängige Nähe her und ermöglicht die flüchtige, wiederhol- und ersetzbare Rezeption.9
So weit lässt sich Benjamins technisch-mediale und psychophysische Analyse der Konditionierung zum Konsum mühelos auf jenes ‚zermürbende Vergnügen‘ übertragen, das Inglins narrative Kritikinstanzen pauschal „dieser ganzen abendländischen Betriebsamkeit“10 zuschreiben. Etwas weniger offenkundig ist der Nexus, den Benjamin zwischen den ästhetischen Rezeptions- oder eben Konsumbedingungen der technischen Reproduktion und den Produktionsbedingungen der modernen Arbeit knüpft. Letztere stehen auch nicht im Zentrum der Analyse, die jedoch von Beginn an mit marxistischen Begriffen hantiert. In der Analyse der Filmproduktion stellt Benjamin die strukturelle und materielle Analogie der „Technik des Films“11 und der ökonomisch-industriellen Technisierung und Rationalisierung der Arbeit im Sinne Frederick Winslow Taylors (1856–1915), Henry Fords (1863–1947) oder Frank Bunker Gilbreths (1968–1924) und anderer Lebensbereiche im Zeichen der Leistung bzw. der Effizienz deutlich heraus: Die filmischen Techniken der Segmentierung und Isolierung von Momenten und Abläufen verwandelten die Darstellung des Schauspielers in eine mechanisierte „Testleistung“, genauso wie der „Arbeitsprozeß, besonders seit er durch das laufende Band normiert worden sei, täglich unzählige Prüfungen am mechanisierten Test“ hervorrufe.12 In der Analogisierung der ‚Leistungen‘ der Filmdarstellenden und der Arbeitenden einerseits und der Parallelisierung der Produktion und des Konsums andererseits erhält die Oberflächendiagnose der Inglin-Figur vom gleichermaßen zermürbenden Effekt von Arbeit und Vergnügen eine analytische Plausibilität:
Im Licht der Jupiterlampen zu spielen und gleichzeitig den Bedingungen des Mikrophons zu genügen, ist eine Testleistung ersten Ranges. Ihr entsprechen heißt, im Angesicht der Apparatur seine Menschlichkeit beibehalten. Das Interesse an dieser Leistung ist riesengroß. Denn eine Apparatur ist es, vor der die überwiegende Mehrzahl der Städtebewohner in Kontoren und in Fabriken während der Dauer des Arbeitstages ihrer Menschlichkeit sich entäußern muß. Abends füllen dieselben Massen die Kinos, um zu erleben, wie der Filmdarsteller für sie Revanche nimmt, indem seine Menschlichkeit (oder was ihnen so erscheint) nicht nur der Apparatur gegenüber sich behauptet, sondern sie dem eignen Triumph dienstbar macht.13
Der mechanisierten Arbeit (Produktion) und dem Vergnügen (ästhetische Rezeption) liegt dieselbe (re-)produktive Technik zugrunde, die potenziell das ganze humane Sensorium durchdringt und zweckgerichtet konditioniert.14 Die Unterhaltungsmedien wirken mithin nicht einfach nur als erholende oder zerstreuende Kompensation für die Mühen der Arbeit, sondern arbeiten mit an der (wirklichen oder vermeintlichen) Effizienz. Gleichzeitig aber erzeugen sie eine Art von sekundärer Aura, eine „Pseudo-Aura“,15 welche die zerstörte Kult-Aura scheinbar ersetzt und die Apparaturen der Leistung sowie die psychophysische Strapazierung der Arbeitenden überstrahlt. In der zitierten Passage klingt bereits an, dass „[j]eder heutige Mensch […] einen Anspruch [hat], gefilmt zu werden“ und auf diese Weise am „Starkultus“ teilzuhaben.16
Der kunstbezogene Ausgangsgegensatz zwischen älterer auratischer und neuerer technisch-materieller Rezeption erweist sich unter den erweiterten Bedingungen von Produktion und Konsum als reformulierungsbedürftig, da die neuen Technologien, welche die Effizienz steigern, zugleich eine Re-Auratisierung betreiben, die allerdings nicht mehr als kontemplative Versenkung ergeht, sondern als konsumistische „Rezeption in der Zerstreuung“.17 Wie sich in Analogie und Differenz zu diesem konsumistischen Rezeptionsmodus das praktische Erleben von Arbeit gestaltet, bleibt bei Benjamin jenseits der von der Filmtechnik her geworfenen Schlaglichter unausgeführt.
1.3 These
Vor dem Horizont von Benjamins technisierter „Merkwelt“18 erfährt die in Grand Hotel Excelsior gestellte Diagnose, die modernen Menschen seien gleichermaßen zermürbt von der Arbeit wie vom Vergnügen, eine gewisse Tiefenschärfe. Sie wird zwar in Bezug auf die technisch-medialen und materiellen Bedingungen der Zeit nicht analytisch ausgelotet (soweit das narrativ möglich wäre), Arbeit und Konsum werden aber in den Schilderungen des Betriebs und des Treibens der Arbeitenden, der Gäste und der Hoteliersfamilie sowie in den kritischen Kommentaren der Erzählstimme und der philosophischen Reflektorfiguren vielfältig thematisiert und episodisch fokussiert. Dabei kommt eine Fülle von zuordenbaren (negativen) Wirkungen und diffuseren Symptomen des (technischen) Fortschritts zur Sprache, die sich im Licht von Benjamins Analyse der Beziehung von Produktion und Rezeption unter den neueren technisch-medialen Bedingungen geschärft analysieren lassen.
Diese Bedingungen können ihrerseits im Spannungsfeld von Aura und Effizienz betrachtet werden: Die im Roman performierte Kritik an der im Grand Hotel allegorisch verdichteten dekadenten Modernität und die Bestrebungen eines Retour à la nature oder eines Great Reset können als Versuch der Re-Auratisierung interpretiert werden. Dieser Versuch scheint allerdings nicht zu einer Retablierung vormoderner Verhältnisse zu führen, sondern die technische Modernisierung und kapitalistische Ökonomisierung im Sinn der Effizienzsteigerung erst recht zu katalysieren. Bedeutet dies, dass der Roman in seinem Ausgang die natur- und heimatideologisch genährte Modernitätskritik der Peter-Figur sowie der Erzählstimme und die politisch-heilsideologischen Aktionen einer (von Peter angestachelten) Gruppe von Hotelangestellten als verfehlt zu erkennen gibt und in den Fatalismus einer – wenigstens unmittelbaren – Unwiederbringlichkeit münden lässt? Und lässt sich dabei eine Art von Bewusstsein der eigenen Tendenz zur Re-Auratisierung beobachten und damit eine Einsicht in den Umstand, dass diese Tendenz die kritisierte Modernisierung nur weiter in eine fatale Richtung befördert, indem sie sie durch die Beschwörung von Urkräften der Natur illusorisch kaschiert?
Umgekehrt kann man auch versuchen, Benjamins im urbanen Terrain situierte Analyse der technisch-medialen (Re-)Produktion von Kunst mit ihren Ausgriffen in die Arbeitswelt vor dem Horizont der Schilderungen des Arbeitsalltags und der Zivilisationskritik im ländlich-mondänen Mikrokosmos von Inglins Grand Hotel Excelsior zu betrachten. Es geht nicht darum, den von Benjamin erforschten Zusammenhang zwischen der Produktion und Rezeption von Kunst und von Arbeit im Dienst der Leistung bzw. der Effizienz und der Re-Auratisierung in technisch-medialer Hinsicht entscheidend zu erweitern und zu vertiefen.19 Vielmehr kann die Analyse der literarischen Anschauung zeigen, wie sich das Verhältnis von Effizienz und Aura als Dialektik im Prozess der sozialen, ökonomischen und ästhetischen Modernisierung in einem literarisch modellierten überschaubaren Raum konkret gestaltet. Insbesondere gilt es die These zu prüfen, inwiefern die zivilisationskritische Retro-Ideologie als Gegenbewegung zur Modernisierung keine effektive Gegenstrategie bietet, sondern die Kehrseite derselben Ideologie bildet, die noch zu charakterisieren sein wird. Dabei soll deutlich werden, wie wenig Benjamins Kultur- und Kunstkritik ‚Arbeit‘ als konkrete und diverse Tätigkeiten effektiv beschreibt, sondern vor allem die allgemeineren ökonomischen, sozialen und politischen Voraussetzungen und Folgen der Produktion fokussiert.
Diese Beobachtung wirft die Frage nach der ästhetischen Repräsentation und Performanz von Arbeit auf, die hier im Bereich der Literatur untersucht werden soll. Wie einleitend bemerkt, kann die relative Breite und Dichte, mit der sich der Roman Grand Hotel Excelsior der Arbeitssphäre widmet, erstaunen, folgt man der These von der „Arbeitsscheu (in) der Literatur“.20 Aber was ist unter „Arbeitsscheu“ zu verstehen und wie wird Arbeit in der Literatur repräsentiert? – Dieser Frage geht das zweite Kapitel mit literaturhistorischen und literaturtheoretischen Sondierungen und Überlegungen nach: Dabei können einige Besonderheiten der Repräsentation der deutschsprachigen Literatur seit 1800 im Umgang mit der Arbeitssphäre benannt werden. Es wird sich zeigen, dass und wie auch die Literaturkritik und die Literaturwissenschaft als Lenkungsmomente der rezeptiven und – als Rückkopplungseffekt – produktiven Wahrnehmung von Arbeit mitwirken. Zwar erhob die sozialistische und marxistische Theorie Arbeit zu ihrem Zentralbegriff und bescherte ihr eine zunehmende Aufmerksamkeit in allen Bereichen der Kultur, doch führte dies auch zu einer entdifferenzierenden Nivellierung der verschiedenen Tätigkeiten auf die proletarische Lohnarbeit. Dies hat Hannah Arendt in Vita activa (1958/1960) gezeigt, deren kritische Differenzierung auch heute noch zur Analyse von Arbeit als Ensemble pluraler Tätigkeiten taugt. Tatsächlich wird die Analyse von Grand Hotel Excelsior in Kapitel drei auf der Folie der Arendt’schen Differenzierung zeigen, dass der antimodernistische ‚Verzicht‘ auf den ökonomisch und klassenkritisch geeichten marxistischen Arbeitsbegriff eine differenzierte Wahrnehmung der verschiedenen beruflichen und funktionellen Tätigkeiten begünstigt.
2 Wie ‚arbeitsscheu‘ sind Literatur und Literaturwissenschaft? Geschichte, Theorie und Methode der Analyse von Literatur und Arbeit
2.1 Idealistische Ideologie der Literatur, Literaturkritik und Literaturwissenschaft seit dem Realismus
Die These, dass Arbeit als solche und zumal als konkrete Tätigkeit in der Literatur, und besonders in der deutschsprachigen, wenig thematisiert worden ist, lässt sich unterschiedlich begründen: Zum einen forderte die traditionelle (aristotelische) Poetik nicht die Darstellung des Alltags und der Norm, sondern des Ereignisses und der Ausnahme.21 Zum anderen aber wirkte auch der spezifische Idealismus der deutschsprachigen Klassik und Romantik, der Literatur als „ewiger Sonntag“22 propagierte, in den Realismus hinein und auch noch über den Naturalismus hinaus ins 20. Jahrhundert. Kaufmannsromane von Gustave Freytags Soll und Haben (1855) bis Thomas Manns Buddenbrooks (1906) beschränkten sich auf die bürgerliche Sphäre und klammerten die Phänomenalität des Handwerks oder der Lohnarbeit als Tätigkeiten aus. Über die topische und kontextuelle Bestückung hinaus erhielten die Sphären des Bauerntums, des Handwerks oder der Lohnarbeit in den Dorfgeschichten Johann Peter Hebels, Jeremias Gotthelfs, Berthold Auerbachs oder Gottfried Kellers zwar zunehmend Raum, doch nur selten stehen die konkreten Tätigkeiten mit ihrem sozialen und ökonomischen Kontext im Zentrum der Handlung, wie das etwa in Kellers Seldwyla-Novelle Die drei gerechten Kammmacher (1856) der Fall ist.
Georg Büchner, Bettina von Arnim, Louise Aston oder Louise Otto-Peters rückten ab Mitte der 1830er-Jahre die soziale Sphäre der Ärmsten und der niederen Lohnarbeit ins Feld der Literatur (allerdings noch ohne nachhaltige Rezeptionswirkung) und Heinrich Heine stiftete mit dem ‚Weberlied‘ (Die schlesischen Weber, 1844) ein Manifest, das die Arbeitsmissstände direkt thematisierte und die sozialistische Kampfliteratur begründete. Doch konnte sich dieser frühe ‚naturalistische‘ Schub neben dem dominierenden Bürgerlichen Realismus nicht etablieren und wurde erst im eigentlichen Naturalismus gegen Ende des Jahrhunderts eine bestimmende Kraft. Die naturalistischen und expressionistischen Texte, teils in marxistischer Mission, behandelten jedoch vor allem die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und die soziale Misere und die sozialistischen Protestlieder betrieben sozialpolitische Agitation, so dass auch hier Arbeit in Form materieller Praktiken selten so konkret und extensiv artikuliert wurde wie dann in der ‚Angestelltenliteratur‘, die nach 1900 mit Robert Walser einsetzte und mit Franz Kafka, Robert Musil, Erich Kästner, Irmgard Keun u. a. bis in die 1930er-Jahre Konjunktur hatte. Dass gerade hier Arbeit als Tätigkeit besondere Aufmerksamkeit zuteil zu werden scheint, verdankt sich wohl dem Umstand, dass die kaufmännisch-ökonomischen Tätigkeiten der Figuren sich mit denjenigen der Autor:innen, die den ihnen auch existenziell vertrauten Arbeitsalltag im städtischen Lebensraum ausleuchten, mehr decken oder überschneiden, als dies bei handwerklichen und industriellen Tätigkeiten der Fall ist.
Diese Beispiele zeigen, dass es weder nur an der Art der Tätigkeit noch an einem besonderen poetologischem Wert im engeren Sinn liegt, wenn Arbeit im Sinne konkreter und diverser Tätigkeiten unterrepräsentiert zu sein scheint, sondern auch an der Rezeption bzw. deren Ideologie (oder Poetologie im weiteren Sinn). Denn auch ein erweiterter Parcours im 19. und frühen 20. Jahrhundert entdeckt Texte, die mehr oder weniger intensiv und extensiv von Arbeit handeln, ohne dass dies zunächst im Kanon oder in den wechselnden Forschungsaktualitäten Widerhall gefunden hätte. Büchner wurde von Julian Schmidt, dem einflussreichen Chefprogrammatiker des Realismus, der diesen explizit an den klassischen Idealismus anschließen wollte, schon in den 1850er-Jahren als ‚Naturalist‘ in der Nachfolge von Victor Hugo marginalisiert.23 Die Arbeit, die Schmidt und Gustav Freytag der Literatur verordnen, ist diejenige der Kaufmannssphäre, in der gerade die Tätigkeit weitgehend unsichtbar bleibt.
2.2 Sozialistische und marxistische Literaturideologie
Anders als von den bürgerlich-kapitalistischen Literaturideologien, welche die deutschsprachige Literaturwissenschaft bis in die 1960er-Jahre dominieren,24 würde man von der marxistischen und sozialhistorischen Literaturwissenschaft erwarten, dass ihre Rezeption die tätige Arbeit ins Zentrum rückt und auch mehr nicht-kanonisierte Texte Beachtung finden. Was Letzteres betrifft, so ist zwar z. B. Büchner in den 1970er-Jahren vom marginalisierten zum kanonischen Autor avanciert, und es wurde immer wieder ‚Arbeiter:innenliteratur‘ gesammelt und herausgegeben.25 Indes dominiert in der einschlägigen Forschung die Kritik der materiellen und strukturellen Bedingungen der Arbeit und der sozialen Existenz in der Textwelt oder der Autorin bzw. des Autors im Zeichen der Entfremdung. Bertolt Brechts Texte können als exemplarisch gelten für die Repräsentation der Existenzverhältnisse der Unterschicht und der Lohnarbeitenden, und im Dreigroschenprozeß (1931) legt Brecht dar, inwiefern die Literatur selbst in die Produktionsverhältnisse involviert ist.26 Doch auch hier wird nicht die literarische Phänomenalität von Tätigkeiten fokussiert, die bislang überlesen worden wäre, sondern die dargestellte Arbeit gilt pauschal als ein Zeugnis der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung mit mehr oder weniger kritischem Bewusstsein.
Ein paar Ansätze Benjamins aus dem Einzugsgebiet des Kunstwerk-Aufsatzes gehören zu den fruchtbareren Analysen des Doppelverhältnisses von Literatur bzw. Kunst und Arbeit im Zeichen der Modernität. Nicht wie Literatur Arbeit darstellt steht jedoch zunächst zur Debatte, sondern wie (literarisches) Schreiben als Arbeit neben anderen Arbeiten begriffen werden kann. Wie Brecht ist Benjamin bestrebt, einen Anschluss herzustellen zwischen den Werkarbeitenden, die aufgrund ihrer Kompetenz zu Schreibenden werden, und den zünftigen Autor:innen, die ihre (kritischen) Texte (über die Produktionsverhältnisse) als Arbeit verstehen.27
In seinem Vortrag „Der Autor als Produzent“ (1934) analysiert Benjamin die wechselseitige Bedingtheit von „politische[r] Tendenz“ und „literarische[r] Qualität“. Die „richtige politische Tendenz“, nämlich die revolutionäre, „schließt“ demnach die „literarische Qualität“ ein.28 Dafür müsse der Arbeitende selbst zum Schreibenden werden und als „Sachverständiger“ die „Arbeit selbst […] zu Wort“ kommen lassen.29 Der „Autor“ seinerseits solle das Schreiben als eine die Produktionsverhältnisse verändernde revolutionäre Praxis betreiben. Es reiche nicht, den „Produktionsapparat“ mit „Stoffe[n]“ selbst „revolutionärer Natur“ zu beliefern, denn der „bürgerliche Produktions- und Publikationsapparat“ könne „erstaunliche Mengen von revolutionären Themen assimilieren, ja propagieren“.30 Als Beispiele analysiert Benjamin die Fotografie und Literatur der Neuen Sachlichkeit, die sich neuer Techniken bedienen, um den proletarischen Alltag zu ästhetisieren und den „Kampf gegen das Elend zum Gegenstand des Konsums“ zu transformieren, anstatt die vom medialen Produktionsapparat vorgegebenen „Schranke[n]“ und „Gegensätze“ zu überwinden, welche die „Produktion der Intelligenz in Fesseln legen“.31
Um ‚Arbeit‘ in der Literatur nicht einfach als dargestellten Stoff zum Zweck des ästhetischen Konsums betrachten zu können, sondern als kritische Analyse des Diskurses, will Benjamin also literarisches Schreiben, das grundsätzlich jede:r betreiben kann, selbst als revolutionäre Arbeit in und an den vom Proletariat genährten und vom Bürgertum gelenkten Produktionsverhältnissen verstehen. Seine Anschlussversuche an die (proletarische) Lohnarbeit implizieren nicht die Behauptung, literarisches, philosophisches, kulturkritisches usw. Schreiben sei dasselbe wie etwa die Fabrikarbeit, die Simone Weil im Fabriktagebuch (1934–1935) beschreibt.32 Das Anliegen besteht darin, den Widerstreit zwischen der „ästhetischen Ordnung der Literatur“ und der „ökonomischen Verwertungslogik“, der den modernen Literaturbetrieb seit seiner Kapitalisierung von Mitte des 18. Jahrhunderts an als besondere Sphäre erst entstehen lässt,33 gerade auf der Basisebene der Arbeit produktiv werden zu lassen. Aber den Widerstreit zwischen dem Autonomiestreben des l’art pour l’art und der notwendigen Marktgängigkeit der Ware übergeht Benjamin im Bestreben, das intellektuelle und künstlerische Prekariat,34 das die massive Kapitalisierung und Industrialisierung des Buchmarktes nach 1871 mitproduzierte, mit dem Fabrikproletariat zu verschwistern. Entsprechend entwickelt er selbst auch keine Begrifflichkeit zur qualitativen Beschreibung von Tätigkeiten und insbesondere des literarischen Schreibens.
Zweifellos haben die Analysen des Marxismus und der Kritischen Theorie einen entscheidenden Beitrag geleistet, jenseits der idealistischen Ideologie vom ‚ewigen Sonntag‘ die Wahrnehmung des ‚Werktags‘ (in) der Literatur zu schärfen. Doch gerade für eine Funktionsanalyse der Arbeit, sei dies in marxistischer oder in erweiterter diskursanalytischer und poetologischer Perspektive, bedarf es einer differenzierenden Beschreibung und analytischen Begrifflichkeit von Arbeit als Tätigkeit.
2.3 Statt ‚Arbeit‘: Arbeiten, Herstellen, Handeln in Hannah Arendts Vita activa
Trotz der intensiven und nachhaltigen Rezeption, die Hannah Arendts Vita activa erfahren hat, ist die zentrale Unterscheidung von Arbeiten, Herstellen und Handeln und die quer dazu gedachte dyadische Unterscheidung von vita activa und vita contemplativa in der Kultur- und Literaturwissenschaft analytisch wenig fruchtbar angewandt worden. Die Modellierung dieser beiden Unterscheidungen unternimmt das Buch zum einen in einer historisch-kritischen Genealogie des Arbeitsbegriffs, zum anderen in einer konstruktiv-philosophischen Begründung des menschlichen Lebens in der Natalität und in Beziehung zur Sprache.
Die These zur Genealogie der Arbeit fragt danach, warum und wie der Begriff der Arbeit oder des Arbeitens, der in der Antike und bis in die Neuzeit der jüdisch-christlichen Kultur die niedersten, mühevollsten und vor allem verachteten Arten menschlicher Tätigkeit bezeichnete, seit der Neuzeit, vom Liberalismus John Lockes und Adam Smiths und bis zur Theorie von Karl Marx und Friedrich Engels, zur „Quelle aller ‚Werte‘“,35 zum dominanten Referenz- und Normbegriff für alle anderen menschlichen Tätigkeiten geworden ist. In der maßgeblichen triadischen Unterscheidung, deren Wandel das Buch verfolgt, entspricht die „Tätigkeit der Arbeit“
dem biologischen Prozeß des menschlichen Körpers, der in seinem spontanen Wachstum, Stoffwechsel und Verfall sich von Naturdingen nährt, welche die Arbeit erzeugt und zubereitet, um sie als […] Lebensnotwendigkeiten dem lebendigen Organismus zuzuführen.36
Im „Herstellen“ dagegen manifestiert sich
das Widernatürliche eines von der Natur abhängigen Wesens, das sich der immerwährenden Wiederkehr des Gattungslebens nicht fügen kann und für seine individuelle Vergänglichkeit keinen Ausgleich findet in der potentiellen Unvergänglichkeit des Geschlechts. Das Herstellen produziert eine künstliche Welt von Dingen, die sich den Naturdingen nicht einfach zugesellen, sondern […] der Natur bis zu einem gewissen Grade widerstehen und von den lebendigen Prozessen nicht einfach zerrieben werden. […] Die Grundbedingung, unter der die Tätigkeit des Herstellens steht, ist Weltlichkeit, nämlich die Angewiesenheit menschlicher Existenz auf Gegenständlichkeit und Objektivität.37
Das „Handeln“ schließlich ist
die einzige Tätigkeit der Vita activa, die sich ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen abspielt. Die Grundbedingung, die ihr entspricht, ist das Faktum der Pluralität […]. Das Handeln bedarf einer Pluralität, in der zwar alle dasselbe sind, nämlich Menschen, aber dies auf die merkwürdige Art und Weise, daß keiner dieser Menschen je einem anderen gleicht, der einmal gelebt hat oder lebt oder leben wird.38
Das Modell muss man als quasihistorische Rekonstruktion und Synthese betrachten, die sich, von der Antike vorgeprägt, im Mittelalter als Verständnis der vita activa, des tätigen Lebens, etabliert und sich in der Neuzeit aufzulösen beginnt. In Aristoteles’ Verständnis fallen weder Arbeiten noch Herstellen in den Bereich der Tätigkeit des freien Mannes (Frauen gelten in der Antike nicht als freie Subjekte), insofern sie von der Notwendigkeit erzwungen werden. Als Arbeit gelten die Tätigkeiten, die in der Befriedigung der Lebensnotdurft aufgehen und keine Spur in der Welt hinterlassen. Ihre Produkte werden unmittelbar konsumiert, das heißt verbraucht, während das Herstellen sich gegen den Prozess des natürlichen Lebens mit Einrichtungen und Gegenständen behauptet, die einen dauerhafteren Bestand haben und gebraucht werden. Demnach ist nur das, was gleich wieder konsumiert wird, Sache der Sklaven und wird verachtet. Weil körperliche Aktivität im Zeichen der Notwendigkeit (und nicht als Ertüchtigung) generell geringgeschätzt wird, gelten aber auch die herstellenden Handwerker und handelnde Kaufleute, die im öffentlichen Raum agieren, als unfrei und werden von der Aristokratie als Banausen geringgeschätzt. Dem freien Mann, der als Oberhaupt seinen oikos, dem Frau, Kinder, Sklaven und Vieh angehören, regiert, stehen grundsätzlich drei Tätigkeiten bzw. Lebensweisen zu Gebote, die nicht der Notdurft des Lebens oder einem sozialen Zwang unterliegen: Zum einen der bios politikos, das Handeln in der Gemeinschaft, das heißt die Teilnahme an der polis, zweitens das Genießen der kulturellen Güter, und drittens der bios theoretikos, das Schauen und Erforschen des Unvergänglichen, also die Betätigung als Philosoph.39
Arendt zufolge verschwand mit dem Niedergang der griechischen Stadtstaaten auch das politische Handeln als Primat von Handeln überhaupt, die vita activa verlor ihre politische Bedeutung und bezog sich auf alle Arten von Tätigkeiten. Dabei bleibt die Geringschätzung gegenüber dem Arbeiten und Herstellen bis ins Spätmittelalter und in die Renaissance erhalten, als die als Handwerk verstandenen artes durch die Verwissenschaftlichung und Technisierung eine Aufwertung und erste Konjunktur erlebten. Arendt lässt hier die Karriere des homo faber beginnen, der im 19. Jahrhundert seinerseits abzusteigen beginnt. Gleichzeitig wird das Handeln als wesentlich politische Tätigkeit und insbesondere das Regieren, das wesentlich monarchisch, plutokratisch und oligarchisch funktionierte, „auf das Niveau der Tätigkeiten herabgedrückt, die für das Leben auf der Erde unbedingt notwendig waren“.40
Diese Nivellierung beförderte der Liberalismus von Locke und Smith, die den Wert der Produkte deshalb an die investierte Arbeitskraft koppelten, weil sie darin die Möglichkeit erkannten, die Erwerbung von Eigentum und Anhäufung von Besitz gegen die damals hauptbesitzenden Stände, den Adel und den Klerus, durchzusetzen: Besitz rechtfertigt sich durch dessen Erarbeitung, das heißt dadurch, dass man Arbeit investiert und – in der kapitalistischen Logik – den erzielten Mehrwert nicht einfach abschöpft, sondern reinvestiert.41 Allgemeinbegrifflich besiegelt wurde die Nivellierung durch die gegen die kapitalistische Akkumulation gewendete Theorie von Marx und Engels, für die der „Gebrauch der Arbeitskraft […] die Arbeit selbst“ ist, die ihrerseits, in „Gebrauchswerten“ gemessen, zur „Ware“ wird.42 Als einzig freie Lebensweise blieb der bios theoretikos übrig, der als vita contemplativa latinisiert ist und der vita activa als philosophisch oder religiös fundierte Lebensweise entgegengesetzt worden ist. Von „den drei freien Lebensweisen des Aristoteles“ blieb „nur die dritte, die Vita contemplativa“, der bios theoretikos, übrig.43
Das Verhältnis von kontemplativem und tätigem Leben kann in Bezug auf die Entwicklung des tätigen Lebens in seiner triadischen Differenzierung nicht als wechselseitige Exklusion gesehen werden, sondern als Interferenz oder dann, in der Neuzeit, als zunehmende Inklusion. So wirkte die Kirche durch ihre Kontrolle des religiösen Lebens auf vielfältige Weise in das tätige Leben hinein, z. B. durch die Organisation des religiösen Kalenders und die Überwachung durch die Beichte. Umgekehrt bauten die Klöster, in denen das Leben grundsätzlich von der Askese bestimmt war, sukzessive Elemente der vita activa ein, z. B. die Übertragung der sogenannten industria als Begriff der spirituellen Befleißigung auf den effizienten Gebrauch von Arbeitskräften und Arbeitsinstrumenten.44 Die Reformation lancierte die Inklusion des kontemplativen Antriebs in die vita activa, die Max Weber in seiner berühmten Studie Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus von 1904–1905 analysiert hat. Weber kritisiert die gängige These, dass der Kapitalismus gerade in protestantischen Gegenden und Milieus am stärksten erblüht sei und dass dies an der Frömmigkeit und Weltfremdheit der Katholiken liege. Demgegenüber verfolgt er über mehrere historische Stationen die Gegenthese, dass es gerade die Frömmigkeit der extremen protestantischen Gruppierungen in der Nachfolge von Jean Calvin sei, die den Geist des Kapitalismus befeuert habe. Den Antrieb hätten sie aus der „innerweltliche[n] […] Askese“ gewonnen, die den Beruf nicht als gottgegebenes Schicksal verstehe, sondern als selbst gewählte Bewährung in der zeitlich begrenzten und darum optimal zu nutzenden Lebenszeit, in der es sich das Heil ökonomisch zu verdienen gelte.45
Die Motivationen der vita contemplativa werden demnach transformiert und in die moderne vita activa implementiert und spiritualisieren diese gewissermaßen. Unter den Bedingungen der Nivellierung der Tätigkeiten nach dem Maß der Arbeitskraft und ihrer technischen (Re-)Produktion im Zeichen der Effizienz kann man diese Spiritualisierung durchaus als Auratisierung im Sinn der Benjamin’schen Analyse bezeichnen. Trotz der zunehmenden Dominanz der vita activa, der Nivellierung der Tätigkeiten im Zeichen der Notwendigkeit und der finalen „Verherrlichung der Arbeit“46 bleibt die vita contemplativa als Ideal einer asketischen Lebensweise erhalten, die sich nicht bereichert, sondern (im Sinn von Weber auch im Kapitalismus) an der Lebensnotwendigkeit und der Genügsamkeit oder dann an der Armut oder der sklavischen Unterwerfung orientiert und daraus subversive oder revolutionäre Kraft schöpft (wie Friedrich Nietzsche analysiert hat).47
Die relative Kontinuität der Idealisierung bedeutet wiederum nicht, dass sie als praktische Lebensweise von der ökonomischen Moral nicht zunehmend weniger toleriert worden ist. Die ambivalente Haltung lässt sich an der moralischen Beurteilung von geistigen bzw. künstlerischen Tätigkeiten ablesen: Bis in die Renaissance zählten künstlerische Tätigkeiten zu den artes mechanicae, die auch dem Lebensunterhalt dienten, die Künstler-Handwerker galten aus der Sicht der Oberschicht als Banausen. Die Aufwertung der Künstler als Schöpfer und Genie seit der Renaissance rückte sie zwar näher an die kontemplativen Philosophen bzw. Geistlichen, doch geraten sie im Zug der aufklärerischen Nützlichkeitsideologien im 17. und 18. Jahrhundert in den Ruch der Unproduktivität, so dass sich – neben dem Ideal des Autorgenies – im Verlauf des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Selbstverständnis der Künstler:innen als Handwerkende oder gar (proletarisch) Arbeitende herausbildete, an das, wie oben erwähnt, Benjamin und andere im marxistischen Verstand anzuschließen versuchten.
3 Tätigkeiten im Grand Hotel Excelsior
Peter Sigwart, der Protagonist von Grand Hotel Excelsior, welcher der Zeit und insbesondere dem alpin-mondänen Hotel die eingangs zitierte Diagnose der Dekadenz stellt, kann als eigentümliche Figuration der vita contemplativa bzw. des bios theoretikos betrachtet werden. In der Vorgeschichte hat er studiert,48 scheint im Milieu der Lohnarbeit verkehrt und an publizistischen Aktivitäten mit revolutionären Zielen teilgenommen zu haben (vgl. 189–191). Doch nun tut er nichts, spukt geisterhaft im und ums Hotel herum, beobachtet, verwickelt Gäste und Personal in Gespräche, kritisiert und zieht sich immer wieder in die Natur zurück. Als Tätigkeitsloser unterscheidet er sich von der Belegschaft des Hotels und den anderen Mitgliedern seiner Besitzerfamilie und nähert sich merkwürdigerweise der Seinsweise der Tourist:innen an, die allerdings dem Typus der frei Handelnden im Sinn des (aktiven) Genießens zuzurechnen sind, wenn auch größerenteils wohl nur temporär. – Welchen Stellenwert hat ‚Arbeit‘ bzw. haben die Tätigkeiten im Text? Wie verhalten sich die Tätigkeiten zueinander? Wie sind sie im diskurshistorischen Kontext verankert? Welches sind ihre sozialen, ökonomischen und politischen Implikationen? Und wie – wenn überhaupt – verortet der Text die Literatur und also sich selbst im Spektrum der Tätigkeiten?
Im Folgenden werden diese Fragen vor dem Hintergrund der erarbeiteten Geschichte zum Verhältnis von Literatur und ‚Arbeit‘ und in den methodisch-analytischen Perspektiven von Benjamin und Arendt behandelt. Dabei bildet Benjamin mit seiner materialistischen Diagnostik der technisch-medialen Moderne die zeithistorische Antipode und zugleich das dialektische Pendant zur antimodernistischen Tendenz, die Inglins Roman prägt und die er zeitgleich etwa im Essay Lob der Heimat (1928) unverstellt darlegt, was die entsprechende literarische Beobachtung der im Hotel versammelten Tätigkeiten zu unterstützen scheint. Zu diesem Antimodernismus gehört eine messianische Apokalyptik, die mit vagen nietzscheanischen Philosophemen alimentiert wird.49 Wie sich dazu Benjamins messianistische Geschichtsphilosophie verhält, kann hier nur am Rand berührt werden. Mit Arendt lassen sich die verschiedenen Tätigkeiten in ihren Mischverhältnissen (in Bezug auf die Trias von Arbeiten, Herstellen und Handeln) beschreiben und auf ihre zeitgenössischen sozialen, politischen und ökonomischen Implikationen im Diskurs beziehen. Zunächst aber sollen der Roman in Inglins Werk situiert und inhaltlich skizziert sowie die wichtigsten Forschungsthesen dazu referiert und diskutiert werden.
3.1 Werkkontext
Weder der Roman Grand Hotel Excelsior noch das Werk von Inglin als Ganzes muss als Ausnahmeerscheinung in Bezug auf eine tätigkeitsdifferenzierte Thematisierung und Reflexion von ‚Arbeit‘ innerhalb der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur bewertet werden. Auch viele Texte der zeitgenössischen Literatur wie etwa von Robert Walser, Emmy Hennings oder Friedrich Glauser – um im deutschschweizerischen Einzugsbereich zu bleiben – überraschen mit thematischer Vielfalt und reflexiver Tiefenschärfe, hat man sich einmal von der ideologischen Fixierung auf die Figurenentwicklung gelöst und eine arbeits- bzw. tätigkeitsspezifische Perspektive etabliert.
Wie Grand Hotel Excelsior sind auch die früheren literarischen Werke Inglins stark von der Kritik des Verlusts einer ursprünglichen Naturbindung und des sittlich-moralischen Zerfalls geprägt, unter dem der individualistische Protagonist leidet. Die Kulturkritik folgte einem populären Verständnis von Nietzsche, das die Überwindung der Dekadenz und Mobilisierung ursprünglicher Kräfte mit einer Verachtung der Doppelmoral durch den aristokratischen Einzelgänger verband. Der Roman Die Welt in Ingoldau (1922) exponiert die Lüstern- und Verlogenheit im katholischen Mief eines Schwyzer Dorfes (was prompt einen Skandal auslöste) und lässt die Figuren Ideale projizieren.50 Im Roman Wendel von Euw (1925), den Inglin in Berlin unter dem schockhaft negativen Eindruck der Großstadt beginnt,51 wendet sich der Protagonist vom Chaos der Großstadt ab, wo sich die Hure Lydia unter seinem Einfluss geläutert hat, und kehrt zurück in die vermeintlich heile Gemeinschaft, um auch dort nur leere Larven vorzufinden und in die Natur der Berge zu flüchten.
Arbeit bzw. konkrete Tätigkeiten und die ökonomische Sphäre werden in den beiden ersten Romanen weniger thematisiert, so dass es erstaunen mag, dass sie in Grand Hotel Excelsior so stark in den Vordergrund treten. Ein wichtiger Faktor dürfte Inglins eigene Erfahrung als Spross einer Hoteliersfamilie, die mit dem Hotel Axenstein 1900 einen Brand erlitten hatte, und als Kellner in Luxushotels von 1910 bis 1911 sein. Im Mikrokosmos des Hotels eröffneten die verschiedenen durch Tätigkeiten charakterisierten Lebensweisen Motiv- und Strukturmöglichkeiten, um sowohl die behäbig realistische Erzählweise des Gesellschaftsromans Die Welt in Ingoldau und die beschleunigt abenteuerliche des Entwicklungsromans Wendel von Euw zusammenzuführen als auch den Antagonismus von Natur und Zivilisation in den zeitgenössischen Mikrokosmus des Alpenhotels zu integrieren.52
Nach Grand Hotel Excelsior widmet sich Inglin im Essay Lob der Heimat dem „Volke […] in seinem unverfälschten bäuerlichen Kern“ und seiner „Naturkraft“,53 die der „unaussprechlichen […] Landschaft“ entströmt.54 Diese Rückkehr „in ein Anfängliches, Primitives, in das grosse Ur“, wohin viele der „Erkennenden“ aus den „Wüsten der grossen Städte“ zurück drängen,55 vollzieht er mit der Neugestaltung von Sagen im Erzählband Jugend eines Volkes (1933). Die Manifestationen der modernen Zivilisation wie die technische und ökonomische „Betriebsamkeit“ – die Reduktion auf den „Nutzwert“, die „gedankenlose[] Einbürgerung“ „artfremde[r] Menschen“ usw. – werden nur noch negiert,56 eine Haltung, die mit dem Aufzug des Nationalsozialismus Kritik erfährt und Inglin zu Rechtfertigungen veranlasst.57
Schon Anfang der 1930er-Jahre beginnt Inglin den Schweizerspiegel, der allerdings erst 1938 erscheint. Unter dem Eindruck der aktuellen politischen Entwicklungen setzt sich der Roman erneut mit den widerstreitenden Kräften von Tradition und Modernisierung auseinander, diesmal in einer Weise, die ihn zum liberalen Manifest der Geistigen Landesverteidigung hat werden lassen.58 In epischer Breite und strukturell klassischer Ausgewogenheit59 entfaltet er die gesellschaftlichen und politischen Vorgänge und Verhältnisse entlang der Generationengeschichte der Familie Ammann, eingebettet in die Zeit von 1912 bis 1919, die als Folie für die Gegenwart gilt. Anhand der verschiedenen Lebensentwürfe der vier Kinder des liberalen Nationalrats und Obersts Alfred Ammann werden die ideologischen Verwerfungen in den familiären Beziehungen und im Gefüge des Kollektivs während des Erstens Weltkriegs, des Landesstreiks und der Grippepandemie ausgebreitet. Anders als in Grand Hotel Excelsior, wo die politisch-ideologischen Belange im Milieu der Arbeitenden und im Kontext verschiedener Tätigkeiten thematisiert werden, fehlen diese im Schweizerspiegel in dieser Konkretheit und Quantität. Dennoch bietet der Roman eine Fülle von Episoden und Szenen, in denen Tätigkeiten unter sozialen, ökonomischen und politischen Aspekten Präsenz und Kontur gewinnen, besonders etwa das Arbeiter:innenmilieu um den sozialistisch orientierten Paul, einen der drei Brüder.
3.2 Inhalt und Struktur
Dass im zehn Jahre früher erschienenen Roman Grand Hotel Excelsior tätigkeitsspezifische ‚Arbeit‘ so prominent thematisiert und reflektiert wird, verdankt sich wie erwähnt dem Topos des Hotels als Mikrokosmos der Gesellschaft und Inglins intimen Kenntnissen des realen Milieus. Die Familiengeschichte mit den antipodischen Brüdern findet sich in Grand Hotel Excelsior bereits als tragendes Narrativ ausgebildet: Nach dem Tod des Patriarchen Peter Sigwart Senior, der das alte „Kurhaus Sigwart“ (11) mit langer Tradition geführt hat, haben die Erben unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft des Unternehmens. Neben den drei Nachkommen des alten Sigwart (von einer Ehefrau ist nicht die Rede), Eugen, Peter (Junior) und Johanna, gehört die Familie seines Bruders zur Erbengemeinschaft: Jakob, seine Frau Martina (die erst spät und beiläufig einen Namen erhält) und sein Sohn Josef. Die Brüder Eugen und Peter sind Antipoden in Bezug auf die Zukunft des Kurhauses und den Kulturkampf zwischen Konservativismus und Progressivität. Ihre Schwester Johanna, die als äußerlich unattraktive Frau gezeichnet wird, erscheint zunächst als vermittelnde und dienende gute Seele, die sich mit ihrer Funktion, die Wäsche des Hotels zu besorgen, nutzlos vorkommt und einen Klostereintritt erwägt, dann aber in der Pflege des todkranken reichen Amerikaners Barker einen Sinn findet und von ihm als Erbin einer maßgeblichen Investition in die Erneuerung des neuen Hotels eingesetzt wird. Der alte Jakob, der zusammen mit Barker den Tod erwartet, bewirtschaftet die Meierei Urglsau, zu der territorial auch das Hotel gehört. Sohn Josef ist Privatdozent für Philosophie, der das Angebot einer Professur ausgeschlagen hat, stattdessen Klassiker übersetzt und eine dialektische Mittlerposition zwischen den antagonistischen Brüdern einnimmt.60 Dass die Familie Jakobs kein Interesse am Kurhausbetrieb hat, ist auch ihren christlichen Vornamen eingeschrieben.
Eugen, der das Kurhaus schon zusammen mit dem Vater geleitet hat, möchte fortschrittseuphorisch expandieren und „neben dem Kurhaus Sigwart ein zweites Fremdenhotel […] erstellen, ein Grand Hotel, das den neuesten Anforderungen genügen sollte“. Während die anderen Beteiligten Unentschlossenheit oder Zurückhaltung zeigen, ist Peter mit seiner zivilisationskritischen Mission kategorisch dagegen. Er meint, man solle das Kurhaus verkaufen, anstatt sich noch länger zu „bereichern“, denn diese „Fremdenindustrie“ würde sie nur alle verderben (12). Der Familienrat entscheidet sich dagegen, wie Eugen geahnt hat, weshalb er als Kompromiss den Ausbau des alten Kurhauses vorschlägt, was dann auch geschieht. Um den ‚Größenwahnsinn‘ seines Bruders zu verspotten, schlägt Peter als neuen Namen „Grand Hotel Excelsior“ vor (14), womit Eugen tatsächlich Ernst macht.
Im Hotel rottet sich eine Gruppe von „Unzufriedenen“ zusammen (203), von der Arbeit oder dem Leben Frustrierte, zum Teil religiös inspiriert, indem sie „Zeichen“ (220) der nahenden Apokalypse zu erkennen glauben,61 teils politisch revolutionär, alles aber ziemlich unbestimmt. Peter, der zwei der revolutionär-messianischen Führerfiguren, die er von früher kannte, eine Anstellung im Hotel verschafft, befeuert den kollektiven Wahn (vgl. 219–222).62 Wer zuletzt für den Brand verantwortlich ist, bleibt ungeklärt. Peter sieht sich als Verursacher der Katastrophe, auch wenn er vielleicht nicht das Streichholz gezündet hat, so hat er doch die Lunte gelegt. Während er die Folgen- und Sinnlosigkeit der Tat erkennt und im mütterlich-magischen Ursprungsort der Waldnatur verschwindet, fasst sich Eugen rasch, denn er hat das Hotel gut versichert, so dass er seine Expansionspläne nun sogar potenziert wird verwirklichen können.
Die Erzählsituation des Romans ist heterodiegetisch und generell nullfokalisiert, aber die Erzählstimme zeigt doch immer wieder eine größere personale Nähe zum philosophischen Bruder Peter, von dem sie sich allerdings im Verlauf der Geschichte zunehmend distanziert. Die Handlung ist episodisch vielfältig gestaltet, zum einen intern in den verschiedenen sozialen bzw. funktionalen Milieus des Hotels und der Familie, zum anderen in den störungsanfälligen Begegnungen der Milieus und den mehr oder minder konfliktuösen Begegnungen einzelner Figuren. Davon bietet die Narration eine Vielzahl, die den Milieus und Funktionsbereichen entsprechend typisiert und in Bezug auf die Handlung auch individualisiert werden, aber kaum an dynamischer Tiefe gewinnen: die betrügerische Comtesse, der zeitgeistige Erfolgsschriftsteller Jouanique, das jüdische Geschwisterpaar Goldstein, der bisexuelle Baron von Thal, der reiche und todkranke amerikanische Investor Barker, die kleinbürgerliche Frau Müller, die ihre Töchter Josy und Fanny vorführt, der Portier Hotz, der junge aufstiegsbegierige Volontär-Kellner Ungricht, die mächtige Speiseverwalterin Frank, der von seiner Frau betrogene und von der Apokalypse beseelte Entremetier Würmli, die religiös-revolutionären Heller und Mastakowitsch und viele mehr.
3.3 Forschung
In der Forschung erscheint Grand Hotel Excelsior vor allem in der Inglin’schen Entwicklungslinie des Antagonismus von Natur und Zivilisation, Tradition und Modernität, der sich am Ende des Romans aufzulösen beginnt, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Sinn eines „Ecocriticism“, wie vor allem anhand des Romans Urwang (1954) über den Bau eines Stauseekraftwerks, dargelegt worden ist.63 Die dominanten Dichotomien und ihre Auflösung sind in Grand Hotel Excelsior in den narrativen und semantischen Zeit- und Raumverhältnissen, aber auch in den Figuren als Schwellenphänomene analysiert worden.64 Die Strukturierung der Räume und Zeiten steht in semantischer Wechselbeziehung mit den Episoden, den sozialen Milieus sowie der Semantik der Verhaltensweisen, Reden und Handlungen, vor allem ist sie auch direkt und maßgeblich mit den verschiedenen Tätigkeiten verknüpft, wie zu zeigen sein wird. Zeitgeschichtlich wird die diffuse apokalyptisch-messianische Erwartung, es müsse „[e]twas hinreißend Großes […] geschehen“ (82), die sich im Hotelbrand erfüllt, als Allegorie dieser Sehnsucht nach Reinigung, Erlösung und Erneuerung vor dem Ersten Weltkrieg gedeutet.65 Gleichzeitig aber ist diese Stimmung auch deutlich als Folge des Krieges erkennbar, welcher der Lost Generation jegliche Orientierung raubte und sie wiederum anfällig für Messianismen und esoterische Strömungen werden ließ.
Die philosophisch-ideologischen Einflüsse hat, im Anschluss an die umfassende Biographie Beatrice von Matts, Eva Wiegmann-Schubert in ihrer Monographie über Kulturkritik und Naturverbundenheit im Werk von Meinrad Inglin herausgearbeitet. Als Ideengeber für die individualistisch-aristokratische Haltung und die Dekadenzkritik wird immer wieder Nietzsche genannt,66 für die konservative Zeitkritik kommen Oswald Spengler und Ludwig Klages in Frage. Einen ideologischen Gegenakzent in Konsequenz der Kriegserfahrung liefert der Theologe Leonhard Ragaz, der mit seiner sozialreligiösen Schrift Die neue Schweiz (1918) einige der „Unzufriedenen“ (203) zu inspirieren scheint. Und schließlich bildet der Psychologe Paul Häberlin, bei dem Inglin studierte, sowohl in der moralphilosophischen Wertung als auch in der psychologischen Charakteristik der Figuren eine bedeutende Referenz, insbesondere für die latente psychische Zerrüttung Peters, der bei seinen Denkversuchen immer wieder in viele „kleine Peterchen“ „zerfällt“ (314, vgl. 82).67
Als literarische Einflüsse gelten, neben dem (auch nietzscheanisch genährten) Expressionismus auf die frühen Texte Phantasus (entstanden 1915, postum publiziert) und Wendel von Euw, dann vor allem die großen Romane des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts von Gottfried Keller über Gustave Flaubert, Leo Tolstoi, Fjodor Dostojewski und bis zu Thomas Mann. Expressionistisch gebärdet sich in Grand Hotel Excelsior nur noch die Schilderung des Hotelbrandes, die Familienstory mag an die genealogischen Sagas von Krieg und Frieden (1868–1869) (dies dann deutlicher im Schweizerspiegel), Die Brüder Karamasow (1878–1880) oder die Buddenbrooks (1901) (in Bezug auf die Geschwisterkonstellation und das Verfallsmotiv) erinnern, die Frivolität der Hotelgäste an Madame Bovary (1857) und die Kapitalismuskritik an Martin Salander (1886). Für das Titelmotiv des Hotels können die zeitgenössischen Hotel- bzw. Kurhaus-Texte angeführt werden, Joseph Roths Roman Hotel Savoy (1924), das ebenfalls abbrennt, insbesondere aber Thomas Manns Tod in Venedig (1911) sowie Der Zauberberg (1924) und Hermann Hesses Kurgast (1925),68 an denen sich Inglin auch in puncto des philosophischen Gehalts zu orientieren scheint, ohne aber deren Komplexität zu erreichen. Diese vor Grand Hotel Excelsior publizierten und die weiteren um 1930 herum erschienenen Hotel-Romane wie Vicki Baums Menschen im Hotel (1929) oder Maria Leitners Hotel Amerika (1930) verbindet trotz unterschiedlicher ideologischer Tendenzen das Bestreben, die Gesellschaft angesichts der zunehmenden Komplexität noch einmal „innerhalb einer fassbaren Hülle […] zu bündeln und Menschen über die Gemeinsamkeit ihres Aufenthalts als Kollektiv zu beschreiben“,69 wie Cordula Seger in ihrer großen Studie Grand Hotel. Schauplatz der Literatur (2005) darlegt. Gleichzeitig kommen aber auch die illusionistische Konstruktion und die Instabilität und Disparität der Verhältnisse auf diese Weise zum Vorschein.
Daran anknüpfend hat Seán M. Williams den aufschlussreichsten Beitrag zur diskurshistorischen Einordnung und Bestimmung der verschiedenen politischen und ökonomischen Positionen in der Diskussion um die Förderung der alpinen Hotelindustrie der Schweiz geliefert, die mit dem Ersten Weltkrieg zusammenbrach. Auf der Basis der Schweizer Hotel-Revue und anderer Publikationen zeigt er auf, wie nach der tourismusfreundlichen Zeit vor dem Krieg einerseits die Vorbehalte gegen die ‚Fremdenindustrie‘ aus heimat- und naturschützerischen, aber auch sozialpolitischen Motiven, teils mit fremdenfeindlicher Färbung, erstarkt waren, andererseits die Hotellobby und politische Kräfte versuchten, mit verschiedenen Vorschlägen die Branche anzukurbeln. Denn die Bundesregierung hatte schon 1915 ein Gesetz erlassen, dem zufolge für den Bau oder Ausbau von Hotels der Bedarfsnachweis zu erbringen war. Die einen forderten den Aus- oder Neubau von Luxusetablissements ein, um die reiche amerikanische Klientel anzulocken.70 Andere setzten sich dafür ein, dass anstelle von Reichen aus dem Ausland das Angebot auf die mittelständische Schweizer Bevölkerung ausgerichtet werden sollte. Im Kreuzungspunkt der verschiedenen Interessen „Hotels became symbolic of an inherent social contradiction and unequal, unethical hospitality“.71 Im Wissen um die Wirkkraft der Literatur annoncierte und rezensierte die Schweizer Hotel-Revue auch einschlägige Texte, die das Hotelwesen positiv darstellten, wie Williams am Beispiel von Robert Jakob Langs (1889–1946) Novelle Das Hotel „Zum blauen Band“ (1925) vorführt, der das spekulative Projekt eines Hotelunternehmers, mittels theatraler Simulation von Gästen Wachstum zu erzeugen, gelingen lässt.
Dieser Kontext verleiht dem Roman zwar eine potenziell politische Kontur, die in den Positionen der Figuren jedoch nur verwaschen erscheint, wie denn überhaupt kaum konkrete faktische und diskursive Zeitindices vorkommen (z. B. das Versicherungswesen).72 Immerhin thematisiert Grand Hotel Excelsior sowohl diese Simulation mit der betrügerischen Comtesse als auch die literarische Propaganda im verbrannten Werk des Modeautors Jean Jouanique, das statt der Großstadt erstmals die „internationale[] Zivilisation“, „wie sie in den großen Kurhäusern Europas auftritt“, mit all „ihre[n] geheimsten Reize[n]“ erfasst habe (272). Williams gelingt es aber auch, diesseits der beigebrachten Kontexte und Ereignisse (etwa der Hotelbrand mit doppeltem Ersatz in Mürren 1926) herauszuarbeiten,73 wie im Verlauf der Handlung die ökonomische Haltung Eugens als Erfahrungswissen und die emanzipative Entwicklung Johannas vor dem Hintergrund des Erbens miteinander vermittelt und von Vetter Josef im Sinn von Bewahren und Erneuern (der Goethe’schen Tradition) kommentiert werden.74 Dabei erweist sich Peter, der zunächst noch als revolutionär wahrgenommen werden kann, zunehmend als ideenloser konservativer Naturschwärmer, während die Erzählerposition als „overall critical of a reactionary attitude“ situiert wird.75
Diese ‚zentristische Kritik‘ wurde in der zeitgenössischen Polarisierung vor allem als Kritik an der expansionsorientierten Hotellerie interpretiert. Die ästhetisch verflachende Vermittlung zwischen der Intellektualität der Kurhaus- und Hotelliteratur und den branchenbedingten gesellschaftlichen Spannungen der Schweiz trage dazu bei, dass Grand Hotel Excelsior ohne den historischen Kontext bestenfalls als „clunky narrative“ erscheine, wie Williams urteilt.76 Das ist jedoch nicht angemessen, denn die ganze episodische Handlung, welche den Betrieb des Hotels in seinen verschiedenen Milieus mit den verschiedenen Tätigkeiten, den Lebens- und Verhaltensweisen und Interaktionen schildert, bleibt aus der Analyse ausgeklammert. Doch gerade hier – und eben weniger in den Figuren und deren Kontroversen, die beide vage gehalten sind77 – investiert der Autor das Zeitwissen und auch seine biographische Erfahrung, was sich allerdings nicht so umstandslos an Zeitdiskurse anschließen lässt. Das ist es auch, was Grand Hotel Excelsior – neben dem Roman Werber Amberg (1948), in dem das Hotel- und Tourismuswissen streckenweise noch einmal zum Zug kommt78 – innerhalb des Werks von Inglin und im literaturgeschichtlichen Kontext der Zwischenkriegszeit als literarischen Text und Zeitdokument von Diskurspraktiken besonders heraushebt und der Analyse von literarisch dargestellter ‚Arbeit‘ unter den mit Benjamin und Arendt eröffneten Aspekten empfiehlt.
3.4 Arbeit und Aura
Die eingangs zitierte Diagnose Peter Sigwarts, dass die Menschen „müde und verdorben“ seien, „zermürbt“ von der „Arbeit“ wie vom „Vergnügen“, reformuliert Benjamins Diagnose, wonach die fabrikmäßig mechanisierte Arbeit und der mediale Glanz des Luxuslebens dialektisch aufeinander bezogen sind.79 Während die Schlaffheit der „Gäste“ nach dem Nachtessen bald überwunden ist und in der „prunkvollen Halle des Hotels […] das Leben, das fortgeschrittene, freie Leben, schon nach neuen Genüssen“ „giert“, „schweifen“ auch die „Köche, Kellner, Burschen und Mädchen“, nachdem sie die Nacharbeiten in „einer sonderbaren Hast“ hinter sich gebracht haben, im „Tiefsten unberührt von der Arbeit des Tages“ und „entfacht vom Beispiel einer hemmungslos genießenden Welt“, „mit dem Hunger von Betrogenen hinaus, in den benachbarten Kurort, auf den Damm, in nahe Gasthäuser“ (79 f.).
Die Annäherung von Arbeit und Vergnügen könnte auch als Hinweis auf die relative Durchlässigkeit der sozialen Schichtungen gelten:80 Neben den als wohlhabend gekennzeichneten Gästen figurieren auch die kleinbürgerliche Frau Müller, die sich das Hotel leistet, um ihre Töchter an den Mann zu bringen (vgl. 137 f.), oder der Volontär-Kellner Herbert Ungricht, der vom Aufstieg träumt (vgl. 69, 95 f.). Doch außer von den beiden ‚revolutionären‘ Jugendfreunden Peters, Heller und Mastakowitsch, werden die sozialen Verhältnisse nicht explizit problematisiert (und auch von den beiden nur vage). Ihre Mission erscheint, als das Hotel brennt, mehr als religiös-messianische denn als politische im engeren Sinn (vgl. 289 f.).81 Wenn „gegen Ende der Kurzeit“ die „Angestellten“, „nach dem klugen Willen des Prinzipals“, einen Abend im großen Speisesaal feiern und ein „reiche[s] Dîner“ und Tanz genießen dürfen (90), so wird durch diese im Jahr einmalige karnevaleske Umkehrung die herrschende Ordnung im Sinn des Prinzipals Eugen bekräftigt, allerdings von der Erzählinstanz auch exponiert. Als beim finalen Brand Gäste wie Angestellte das Hotel verlassen müssen, befinden sie sich im Park zwar alle auf demselben Boden, aber es formiert sich keine unterschiedslose paradiesische Gemeinschaft wie in Heinrich von Kleists Das Erdbeben in Chili (1808), sondern sie gruppieren sich gleich wieder nach ihrer funktionalen und sozialen Zugehörigkeit.
Konsumismus und Produktion, die in der Regel örtlich getrennt (Fabrik und Kino oder Luna Park) erfolgen, finden sich im modernen Grand Hotel zusammengedrängt, wenn auch räumlich und funktional strukturiert, so dass auch die Effizienz der Arbeit und die ästhetische Auratisierung unmittelbar mit- und ineinanderwirken und ein technisch-vitales Gesamtkunstwerk bilden:
lnzwischen ist draußen die Nacht angebrochen, Nebel sind aus dem See gestiegen und verhüllen den Himmel, die Erde liegt in tiefer Dunkelheit; was zum Tage bestimmt, was dem Lichte verwandt ist, schläft. Doch das Leben des Riesenhauses gehorcht weder der Nacht noch der Sonne; im hellen Schein des künstlichen Lichtes, von hundert Reizen berührt und gesteigert, entgleitet es der natürlichen Ordnung und versprüht überwach, sinnlos, ohne Zusammenhang wie ein schönes Feuerwerk. (80 f.)
Die beiden exzessiven Modi des Hotellebens, Arbeit und Vergnügen, sind gleichermaßen erschöpfend, weil die Regeln und Rhythmen der Natur suspendiert sind. Dieser ständig in Variationen wiederholte Antagonismus und die in seinem Licht negative Wertung von Arbeit und Vergnügen hindert die Erzählinstanz (oft durch Peter fokalisiert) nicht, diese Lebensmodi als differenzierte Tätigkeiten und mit Sympathie für sachliche und fachliche Eigentümlichkeit und Stimmungen darzustellen.
3.5 Topo- und Typologie der Tätigkeiten
Das Spektrum der Lebensweisen und Tätigkeiten durchmisst der Text aus der Sicht der Erzählinstanz oder Peters mehrfach entweder ausschnittweise oder dann auch zusammenhängend. Einen Längsschnitt durch das Innere des Hotels bietet Peters Gang, vom Dach in den Keller, im Zeichen der Resignation (aber zugleich als Weg zu ihrer Überwindung durch die Tat der Brandstiftung, deren Möglichkeit er dann durchspielt) (vgl. 206 f.):
Er verläßt die kühle, trockene Luft, den nebelbegrenzten Raum da oben, er steigt langsam durch die Stockwerke hinab, und je weiter er kommt, desto lauter, heller, prächtiger wird es um ihn. Man hat die Lichter angezündet, obwohl der Abend noch weit ist, in der warm strahlenden Halle gibt sich die erlesene Gesellschaft in pflichtloser Muße dem sanften Anreiz warmer Getränke, kitzelnder Musik und fremder Tänze hin, ein weltberühmtes Paar tritt auf, und so wird die Ungunst der Witterung im gesteigerten Genuß überwunden. […]
Er wendet sich ab, er geht. Er steigt in seiner Ratlosigkeit noch weiter hinab; angewidert von dieser glänzenden Oberfläche, kommt er langsam und fast willenlos in die hinteren und unteren Räume. Es wird kahl, feucht und trüb um ihn, er sieht schmutzige Gestalten rennen und arbeiten, ein wüster Lärm schlägt ihm entgegen, zwischen stumpfen, tüchtigen, frechen und gleichgültigen Gesichtern taucht da und dort ein gequältes auf, ein leidenschaftlich hoffendes, ein zornig verbissenes, ein gutes, ehrliches, ein verzweifeltes. Hier unten wenigstens ist die Zufriedenheit nicht allgemein, hier gären hinter dem gesunden Menschenverstand noch dumpfe Säfte, und wenn das Treiben auch nur dem nackten Erwerb gilt, es spielt doch in gebrochenem Licht und ehrlich nüchterner Enge. Er glaubt, in dieser Luft eine geheime Spannung zu wittern, er spürt die ferne Möglichkeit eines bescheidenen aber echten Blitzens oder Blühens, und wenn er auch nicht daran teilhaben kann, so will er doch hier unten bleiben, bis ihn die Unrast weitertreibt. Elend setzt er sich auf eine Abfallkiste. (199 f.)
Auch wenn die Dachkammern, in denen das Personal schläft und die mehrmals Schauplatz von Interaktionen sind (vgl. 128 f.), sowie die Gästezimmer, die nur am Rand in den Berichten erscheinen (insbesondere als Ort sexueller Affären; vgl. 54–57, 116 f., 163 f.) hier ausgespart bleiben, ist eine topologische Struktur der Tätigkeitssphären gut erkennbar. Das Dach markiert die Enthobenheit, die dem bios theoretikos, dem reinen Philosophen, entspricht, der nur schaut und die Wahrheit zu erkennen sucht (ganz im Sinn der theoria als Götterschau). Der Abstieg gestaltet sich in einer gewissen Umkehranalogie zu Dantes Abstieg in das Inferno und dem anschließenden Aufstieg durch das Purgatorium ins Paradies: Die eigentlichen ‚Sünder:innen‘ sind demnach die exklusiv genießenden Gäste in der Halle und im Speisesaal, die nach der antiken Urtypologie eine Alternative des philosophischen Lebensmodus bilden, im Verlauf der Geschichte jedoch zunehmend – sich durchaus wandelnden – moralischen Wertungen unterzogen werden. Sie bewegen sich in einem falschen Paradies des Scheins, von dem sich Peter angeekelt abwendet. Ausgespart bleibt hier das mit den Gästen im ganzen Parterre und bis in den Außenraum interagierende Personal wie Portier und Kellner, die jedoch in anderen Passagen zum Zug kommen.
Die Zone der unbewussten Anziehung ist jedoch der deutlich mit Attributen des Infernos bestückte Untergrund. Unter der Oberfläche der Zufriedenheit wimmeln die vielfältigen Figuren und brodeln die Leidenschaften. Die ‚unteren Räume‘ sind damit im populären Verstand als Ort des ‚Unbewussten‘ markiert. Während in der oben zitierten Diagnose Peters die Menschen sowohl bei der Arbeit als auch beim Vergnügen „zermürbt“ sind, erkennt er (bzw. die durch ihn fokalisierte Erzählinstanz) hier einen Kontrast zwischen den Müßigen und den Arbeitenden in Bezug auf einen ideellen Wert, der zunächst nicht in den Tätigkeiten („Treiben“) zu liegen scheint, sondern in der ‚Ehrlichkeit‘ der Triebe („dumpfe Säfte“) und ‚Echtheit‘ der Stimmung („geheime Spannung“). Doch werden hier scheinbar beiläufig auch Arbeit und Tätigkeiten differenziert.
3.6 Arbeit im Plural der Tätigkeiten
Peter nimmt verschiedene Gesichter wahr, die sich durch ihren Affektausdruck unterscheiden. Diese Diversität, die der allgemeinen „Zufriedenheit“ entgegensteht, geht gleich wieder im „Treiben“ um den „nackten Erwerb“ auf (200), eine Entwertung, die wiederum durch die ‚ehrlich nüchterne Enge‘ relativiert wird. Der ‚nackte Erwerb‘ entspricht zum einen der Marx’schen ‚Arbeitskraft‘, deren begriffliche Generalisierung Arendt kritisch betrachtet, zum anderen charakterisiert er die im „Treiben“ aufgehenden Tätigkeiten als solche, die vollständig im Kreislauf von Produktion und Konsumtion aufgehen und als solche nichts Dauerhafteres (kein werthaltiges Ding des Gebrauchs) herstellen und erst recht keine politische Wirkung erzielen. Wenn Peter hier, bei seinem resümierenden Abstieg, das Treiben nur unter dem ökonomischen und biologischen oder psychophysischen Aspekt rubriziert, dann entspricht das jedoch nicht einer dominanten erzählerischen Qualifizierung der Tätigkeiten. Vielmehr werden diese sehr bald und immer wieder fokussiert und detailreich beschrieben. Es entsteht mithin eine Spannung zwischen der pauschalen Disqualifizierung der Tätigkeit unter dem Aspekt der Arbeit, hauptsächlich aus der Sicht Peters, und der relativen Qualifizierung der Tätigkeiten, vornehmlich aus der Sicht der Erzählinstanz (wobei sich die beiden Fokalisierungen oft überlagern und die Erzählinstanz erst gegen Ende deutlich auf Distanz zu Peter geht).
Nach der Vorgeschichte der Familie, der Entstehung des Grand Hotels aus dem Kurhaus und der Neupositionierung der drei Geschwister Johanna, Peter und Eugen, wendet sich die Erzählinstanz den „Bewohner[n]“ des Hotels zu. Sie philosophiert darüber, dass die meisten, jenseits von „Vergnügen“ oder „Arbeit“, sich in die „Ordnung des Ganzen“ fügen, ohne „in diesem Leben []einen tieferen Sinn“ zu erkennen, während das „Schicksal“ „dauernd“ „waltet“ (45). Damit rücken Vergnügen und Arbeit in eine Ersatzfunktion der Sinnstiftung, die sie eben nicht erfüllen können. Wenn sich die Erzählung anschließend ausführlich dem Arbeitsgeschehen in den unteren Geschossen widmet, dann scheint allerdings nicht der Sinnvorbehalt im Vordergrund zu stehen, sondern ein sozusagen intrinsisches Interesse an den Tätigen und ihren Funktionen und Tätigkeiten:
Die mächtige Jungfer [Karoline Frank, Verwalterin der Speisevorräte, Anm. H.Th.] wandte sich unwillig ab und schrie in den Speicher hinein nach einem ihrer Mädchen: „Marie! Da – zähl die Eier nach! Ist die Frau Würmli noch nicht gekommen? Die Milch sei da! Und der Stoffel soll endlich einmal – da kommt er gestoffelt! Was? Ja was denn! Die leeren Milchbehälter sollst du im Eiskeller holen … vorwärts! Das ist doch jeden Morgen die gleiche Sauerei!“
„Sss … ofort, ss … ofort!“ lallte der Gescholtene, ein armseliger, stotternder Mensch, der schon im Kurhaus Sigwart den Küchendienst eines „Casseroliers“ versehen hatte.
Frau Würmli, die Kaffeeköchin, erschien erst, als der Auftritt vor der Speichertür zu Ende war und die ersten zwanzig Liter Milch für das Frühstück der Angestellten in der Küche bereitstanden. Halb versonnen, halb verschmitzt lächelnd, wie vom Nachklang nächtlicher Träume beherrscht, mit einem leisen Summen auf den Lippen, trat die wohlgebaute, schwarzhaarige Frau vor den Herd und entzündete die Gasflammen.
Auch in den untersten Gängen des rechten Flügels, wo sich die Zimmer der Kellner befanden, erwachte das Leben. Georg Schaudt griff schlaftrunken nach der Taschenuhr, die über ihm an der Wand hing, starrte sie wie einen befremdenden Gegenstand lange an, hing sie sorgfältig an den Nagel zurück und schien dann, aufrecht im Bette sitzend, angestrengt über etwas nachzudenken. Plötzlich aber sagte er laut: „Na Kinder, aus der Klappe!“ (46 f.)
Der Reihe nach werden daraufhin einige der Angestellten namentlich und zum Teil mit ihren Funktionen vorgestellt, die in der Folge im Arbeitsgeschehen, in den personellen Intrigen oder in der quasi-revolutionären Heilsbewegung der „Unzufriedenen“ mitwirken. Sie sind zwar individualisiert, teils aber auch allegorisch typisiert in Bezug auf ihre Funktionen. Es werden Hierarchien und Rivalitäten merkbar, die nicht unmittelbar und explizit macht- und gesellschaftsanalytisch thematisiert werden, aber, wie noch darzulegen ist, ein gewisses Potenzial dazu bergen. Jedenfalls erscheint die Tätigkeit des „Kasserolier[s]“, des „Pfannenputzer[s]“, der ein „guter Kerl, aber ein halber Tölpel“ ist, als unterste Charge (191). Und der junge Volontär-Kellner Herbert Ungricht träumt noch im Bett liegend vom raschen Aufstieg bis zum Hoteldirektor (49), um dann aus verliebtem Ungeschick beim Servieren Sauce in den Nacken einer Gästin (der „strahlenden Jüdin“) zu verschütten (135).
Während die Techniken und Fertigkeiten der Tätigen im Sinn der Exposition zunächst nur als Funktion der Figuren erscheinen, werden einzelne Bereiche und Tätigkeiten in der Folge auch deskriptiv fokussiert:
In der Küche aber krachten wieder die eisernen Klappen, Flüssigkeiten brodelten, Butter und Fette zischten, im feuchtwarmen Dampfe bewegten sich schwitzend die weißen Gestalten; hier reißt eine Hand mit dem schützenden Lappen eine dicht belegte Platte aus dem Herd und schiebt sie hastig wieder hinein, dort leuchtet in jähem Feuerschein ein Gesicht auf, das runde, unglücklich eifrige Gesicht Würmlis, aus einer Schöpfkelle fließt ein brauner Strahl in die fauchende Pfanne, ein Topf wird abgedeckt, eine Wolke dampft auf … Grandpierres bleiches Gesicht erscheint zwischen Gluten und Dämpfen, der schwarze Schnurrbart zuckt über dem herrschenden Mund, die Augen sprühen … Ein halbnackter, schmutziger Mensch gerät dem Herrscher in die Quere, erhält einen Stoß und trollt sich geduckt und stotternd in den hintersten Winkel. „Paysan!“ zischt der Herrscher. (77, vgl. 63)
In der infernalischen Atmosphäre kommen die physischen Aspekte des Kochens und der Küchenarbeit besonders zur Geltung, welche die Arbeit als im Vitalprozess aufgehende kennzeichnet. Zugleich treten auch praktische Gesten und Utensilien in Aktion, welche die Tätigkeit als Handwerk qualifizieren. Das von der höheren Kulinarik hergestellte Menu hat zwar keinen Bestand, kann jedoch immer wieder hergestellt werden. Bekanntlich hat Sokrates in Platons Gorgias-Dialog die Rhetorik des titelgebenden Exponenten der Sophistik mit der „Kochkunst“ verglichen, die keine echte Kunst sei, sondern eine einfache Praktik zur Erzeugung von Vergnügen wie auch die „Putzkunst“.82 Der sokratische Vergleich intendiert eine Herabsetzung der Redekunst zur Sklavenarbeit, umgekehrt kann man darin eine relative Aufwertung der Kochkunst sehen. Die Küchenszene variiert diese Ambivalenz gewissermaßen, indem sie die physische Arbeit und die handwerkliche Praktik – auch und gerade durch die Situierung in der Unterwelt – als ‚ehrliche‘ Tätigkeiten kennzeichnet, während die Rhetorik bzw. die Literatur – in der Gestalt des erfolgreichen Schriftstellergastes Jouanique mit seinen Gesellschaftsromanen (worauf später noch einzugehen ist) – konsumistische Dekadenz repräsentiert. Diesen Stellenwert nimmt auch die Kulinarik ein, sobald ihre Produkte im Speisesaal serviert werden:
Die Kellner verlassen eilig den Saal und kehren, die Serviette unter den linken Arm geschleudert, mit einer umfangreichen silbernen Platte zurück, auf der in vielen kleinen Schalen das „hors d’oeuvre“ hergerichtet ist, eine Sammlung erlesener, den Gaumen reizender Leckerbissen, das ausgeklügelte Vorgericht für Menschen, die täglich zweimal ohne Hunger ein langes, schweres Mahl genießen. (78)
Der Luxuskonsum als Ausdruck des pervertierten Lebenstriebs kontaminiert zwar auch das Produkt, aber die Kulinarik als Arbeit, Handwerk und Organisation scheint ihren Eigenwert zu bewahren, was sich auch in der Charakterisierung des „Chef de cuisine Grandpierre“ und bei seiner ausführlicher geschilderten ‚Visite‘ entlang von ein paar Stationen der Zubereitung zeigt.83 Dies gilt auch für das Metier des Servierens, das in zwei längeren Passagen (vgl. 67–69, 78–80) und immer wieder ausschnittweise in den Blick gerückt wird: die orchestrierten Abläufe und Bewegungen (151), die ge- oder misslingende Interaktion mit den Gästen, etwa wenn ein Gast zu langsam isst (10), wenn der schöne „Herrschaftskellner“ Hugo das „Lächeln der Frauen so gelassen und freundlich entgegen[nimmt] wie die Trinkgelder“ (74),84 oder das erwähnte Missgeschick des Volontärs Ungricht, der seiner heimlich Angebeteten Sauce in den Nacken schüttet (135).
Der Zusammenhang zwischen den Tätigkeiten des Personals und dem Hotel als technisierter Illusionsmaschine wird nirgendwo in einer Reflexion im Sinn von Benjamins am Beispiel des Films entwickelter diskursorientierter Diagnose des Nexus von Aura und Effizienz enggeführt. Der Hotelbetrieb im Untergrund nimmt zwar maschinelle Züge an, doch das Organische überwiegt, so dass der Vergleich mit einer Fabrik nur in Bezug auf die Arbeitsteilung (eines von Smiths innovativen Prinzipien) gezogen wird und weniger aufgrund mechanisch wiederholter Handgriffe oder Vorgänge. Die Analogie zur Fabrik wird explizit aufgerufen, aber nicht in Bezug auf die sozialen und materiellen Arbeitsbedingungen, sondern in Bezug auf die symbolische Funktion: Peter will das „Grand Hotel nicht als ein bestimmtes Merkmal der Zeit [ansehen], wie etwa die Fabrik, sondern als ihr sichtbares Gleichnis, ja als ihr unbewußtes Wunschbild, als das Ziel, mit dem der abendländische Fortschritt notgedrungen enden muß“ (103, Hervorhebung H.Th.). Abgesehen davon, dass unklar bleibt, wie „Merkmal“, „Gleichnis“ und „Wunschbild“ begrifflich zu differenzieren sind, bedeutet dies natürlich nicht, dass der Arbeitsbetrieb eines Hotels keine Analogien zu demjenigen einer Fabrik aufweist, denn der Text lädt durch die Relativierung dazu ein.
Arbeit und Vergnügen sind mithin vor allem über die moralisierende Zivilisationskritik miteinander verbunden und werden entsprechend vom Brand sanktioniert. Dieser löst auch die ‚gute‘ Arbeitsordnung auf, entfesselt die wilden Kräfte und realisiert das Infernalische, das im Untergrund schon immer brodelte: Es bildet sich eine „Rotte“, „die unheilvoll dem Feuer vorantobte“: Getrieben von etwas „Gesetzlose[m]“, „das in seiner wilden Lust dem lohenden Elemente verwandt war“, „stürzten sie zu den Lagern, zerbrachen den Flaschen die Hälse und schluckten den Wein mit zurückgelegten Köpfen gurgelnd hinab, um nach wenigen gierigen Zügen den Rest zu verschleudern und besudelt die wunden Lippen an den Scherbenrand neu erbrochener Flaschen zu legen“ (264 f.). Das marodierende Bacchanal ist Ausdruck der von Peter immer wieder beschworenen allgemeinen Unzufriedenheit, manifestiert aber ex negativo die domestizierende und disziplinierende Kraft jener Tätigkeiten, die einen großen Anteil an ‚Arbeit‘ im Sinn des Verbrauchs von Arbeitskraft ohne Produkt oder (reinvestierbaren) Mehrwert haben. Die Marodeur:innen verlieren mit dem Hotel erst einmal ihre Arbeit und ihre Existenzgrundlage und haben kein vitales oder ökonomisches Interesse (abgesehen von der unsicheren Aussicht, im neu errichteten Hotel angestellt zu werden). Doch die Entfesselung scheint nicht durch eine ökonomisch-existenzielle Verzweiflung motiviert zu sein, sondern eher die Folge eines Durchbruchs des ‚niederen‘ Lusttriebes nach dem Wegfall der disziplinierenden Arbeit und der kontrollierenden Autorität. Damit würde der Text die doch mit einem gewissen Engagement geschilderten Tätigkeiten und die wesentlich über ihre Tätigkeiten identifizierten Ausübenden, das heißt also die eigentlich ‚Tätigen‘, zuletzt wieder entwerten. Am Ende bleiben demnach arbeitskräftige Subjekte übrig, die in einer „kleine[n], lockere[n] Prozession […] in die ungewiß vom Morgengrauen berührte Nacht hinaus“ ziehen auf der Suche nach Arbeit, die auch als eigenwertige Tätigkeit gelten kann (292).
3.7 Homo faber oeconomicus
Eines der revolutionären Prinzipien für eine relativ freie Zirkulation der Werte als Grundlage des Kapitalismus, die Adam Smith in Der Wohlstand der Nationen (1776) abhandelt, ist neben Arbeitseinteilung, Wettbewerb, Angebot und Nachfrage die Reinvestition des Mehrwerts der Arbeit. Für Smith ist nicht nur das ökonomisch abhängige Hausgesinde unproduktiv, dessen Arbeitskraft im Prozess des Alltags ohne Mehrwert aufgeht (was Arendts von der Antike her bestimmtem Begriff von Arbeit entspricht), sondern ebenso die Großgrundbesitzer der alten Ökonomie, die nur ein vorbestimmtes Einkommen (z. B. den Zehnten) abschöpfen und verbrauchen, ohne einen Teil davon wieder als Gewinn oder eben Kapital zu reinvestieren. Das kapitalistische Prinzip der Reinvestition bedingt Wachstum und ist ein wesentlicher Motor von Fortschritt.85
Eugen, der „Direktor“ (42) oder „Prinzipal“ (68) des Grand Hotel Excelsior ist in diesem elementaren Sinn der reine Typus des Kapitalisten: Nicht nach Reichtum, Luxus und Glanz strebt er, sondern nach Erfolg, Wachstum und Fortschritt wie auch der (schon erwähnte) reiche „Großindustrielle[]“ (37) Robert Barker aus New York, der lebensmüde und todkrank ins Hotel kommt, sich mit Johanna befreundet, die ihn pflegt, und Johanna (ohne ihr Wissen) mit der Erbschaft einer Investition ins neue Hotel (und also einer maßgeblichen Beteiligung) ausstattet. Eugens „tatkräftiger Geist“ war im Familienrat mit seinen Plänen, neben dem alten Kurhaus ein neues „Grand Hotel, das den neuesten Anforderungen genügen sollte“ trotz verfügbaren „Kapital[s]“ und belastbarer „Zahlen“ gescheitert und musste sich mit Erneuerung und Ausbau des Kurhauses begnügen (12 f.). Prompt zeigt sich, dass das zum Grand Hotel umgebaute Kurhaus in puncto Baukosten, Zimmerzahl, Preise und Dauer der Saison auch die „bescheidenste Erwartung“ der Rendite nicht erfüllt (36). Zudem sind die „Amerikaner“, die touristischen Prognosen zufolge „in Rudeln kommen“ sollten, ausgeblieben (107). Doch auch wenn „alles den erwünschten Verlauf genommen hätte, er wäre doch nicht ganz zufrieden gewesen, denn solange es noch größere Möglichkeiten gab, beschied sein zu rastlosem Planen erwachter Geist sich nicht mit den schon erfüllten minderen“ (36, vgl. 240). So plant Eugen, indem er den früheren „Kurdirektor“ von St. Moritz als „Sachverständige[n]“ beizieht, auch die Wintersaison zu bespielen (100), so dass sich „im nächsten Winter schon […] ein anderes Leben entfalten“ wird (104).
Dazu aber wird es wegen des Brandes nicht kommen: Eugen ist sich bewusst, dass das Hotel noch vor der „Wende zum eisernen Jahrhundert“ erbaut wurde, und scheut den hohen Betrag der „Feuerversicherung“ trotz der Ertragsprobleme nicht, denn er ist „bei allem Unternehmungsdrang ein viel zu vorsorglicher Mann, um sich zu seiner Sicherung nicht aller Vorteile dieser Zeit ausgiebig zu bedienen“ (240). Dass die Erzählstimme keine direkte und konkrete (materialistisch-marxistische) Kritik an Eugens kapitalistischem Gebaren übt, ist narratologisch plausibel (obwohl sie sich an anderen Stellen expliziter vernehmen lässt).86 Doch auch Peters Gründe für seine kategorische „Abneigung […] gegen das Hotelwesen“ (42) verlieren sich stets im Vagen einer fundamentalen Zeitkritik. Bei einem Disput mit Eugen, der ihn wegen seiner Untätigkeit zur Rede stellt, würdigt Peter ohne Ironie die Verdienste des Bruders, weil er „so und so vielen Leuten Arbeit und Einkommen“ verschafft und die „wirtschaftliche Bedeutung […] der Hotelindustrie“ mehrt (43). Einen konkreten Einwand bringt er nicht, sondern wendet sich mit dem abbrechenden Satz ab: „Der Geist befindet sich in unserer Zeit in einer schwierigen, außerordentlich problematischen Lage …“. (44) Und als die beiden Revolutionäre Heller und Mastakowitsch im Hotel erscheinen und Peter vorwerfen, „unsere Sache verraten“ zu haben, verteidigt Peter, verärgert durch den Ton der beiden, das „Grand Hotel“: Es sei „immer noch ein großartiges Werk, verglichen mit dem, was ihr vielleicht aufbauen würdet“, ein „prachtvoll zweckmäßige[s] und kluge[s] Gefüge“, „ein Wunder des menschlichen Geistes“ „im Vergleich mit dem chaotischen Zustande, den ihr herbeiführen müßtet“ (191). Das ändert aber nichts an der ‚philosophischen‘ Überzeugung, dass das Hotel gerade als „äußerst zivilisiertes Unternehmen […] ein unbeseeltes und geistverlassenes Gebilde ist“ (156).
Im Text streuen zwar verschiedene Stimmen, vor allem aber Peter, ständig Skepsis und Kritik am fortschrittseuphorischen Unternehmertum Eugens, aber konkretere sozioökonomische oder gar politische Alternativen werden nur ex negativo in der Gruppe der „Unzufriedenen“ oder in Peters wolkiger Zivilisationskritik und seinen Rückzügen in den Wald entworfen. Eugen bleibt als homo faber im Sinn des Herstellers und Machers und als homo oeconomicus im Sinn des kapitalistischen Unternehmers eigentlich unangefochten. Die Bandbreite seiner Tätigkeiten – die kaufmännische im Büro, die unternehmerische mit der Planung des Wintertourismus, die organisatorische mit dem Personal und die des Gastgebers, der wichtige Leute persönlich empfängt und im Speisesaal mitunter „selber, für die Tafelnden sichtbar, [die Suppe] spielend aus der gewaltigen Silberschüssel [schöpft]“ (78) – findet sich nicht mit derselben Intensität wie diejenigen der Angestellten, aber immerhin redlich geschildert. Doch der Fokus bleibt auf dem mit „Tatenlust“ (298) strebenden Unternehmergeist. Dessen Zusammenhang mit dem Hotel als technisierter Illusionsmaschine ist thematisch enger geknüpft als beim Personal. Eugens Expansionsprojekte sind vor allem von der technischen und räumlichen Dimension beseelt: Barker berichtet von einem „Hotelwunder mit sechshundert Betten, mit kaltem und warmem Wasser in jedem Zimmer, mit privaten Telephonanschlüssen, fünf Fahrstühlen, eigenem Warenhaus und direkten unterirdischen Zugsverbindungen [!]“ (70). Als Eugen am Morgen nach dem Brand die „rauchende Trümmerstätte“ „umschreitet“, schwebt ihm ein „zweckmäßiges Riesenhaus […] mit eigener elektrischer Kraftanlage, mit selbsttätigen Aufzügen, prachtvollen Gesellschaftsräumen und Hunderten von Zimmern, mit kaltem und warmem Wasser, privaten Telephonanschlüssen und drahtlosen Wellenempfängern, mit Bädern, Spielplätzen und berühmten Tanzkapellen“ etc. vor (298 f.). Doch wie beim Personal bietet der Zusammenhang kaum Substanz für eine implizite diskurskritische Analyse der Allianz von Ökonomie und Technologie.
3.8 Homo natura
Die politische Dimension des Tätigseins, die Arendt im Rahmen des öffentlichen Handelns typisiert, wird im Text nie explizit thematisiert. Sie erscheint indes, wie erwähnt, implizit etwa in der Gruppe der „Unzufriedenen“ bzw. in Peters früheren Weggefährten Heller und Mastakowitsch, deren damalige und aktuelle politische Mission vage bleibt und die Peter gerade in ihrer politischen Bedeutung durch den erwähnten Vergleich mit der technisch-ökonomischen Qualität des Hotels zurückweist. Ebenso kann in Peters Anerkennung von Eugens Leistung als Unternehmer und Arbeitgeber ein Verweis auf eine Überschneidung der ökonomischen mit der politischen, das heißt gemeinschaftlichen Sphäre gesehen werden. Gerade das Aussparen oder Verdrängen politischer Implikationen erfährt vor dem Hintergrund der mit dem Erscheinen des Romans beginnenden besonders natur- und heimatseligen Phase Inglins einen Anstrich von programmatischer Ideologie. Diese ideologische Beseelung manifestiert sich auch in einer von Peters ‚Aktionen‘ (die noch zu betrachten sind). Zu Besuch bei einem Bauern – der gegen die „gottverlassene Welt“ von „Glanz und Flitter“ wettert, aber gern „hineinsehen [würde] […] in dieses Schlaraffenland, meinetwegen nur, um diesen Leuten, die […] den Bauern […] offenbar für einen dummen Lümmel hielten, lachend den Rücken zu drehen“ – fasst er tatsächlich den „verrückten Plan“ und führt den Bauern nach beträchtlichem Weinkonsum durch das Hotel und den dinierenden Gästen als Kontrastfigur zu ihrer Dekadenz vor (vgl. 149 f.).
[…] es ist ein wirklicher Bauer, es ist der Mensch, von dem sie [das Hotelpersonal und die Gäste, H. Th.] alle ausgegangen sind, und es ist seine Kraft, mit der sie im Wandel der Jahrhunderte Wunder über Wunder gewirkt; aber die Zeit hat sie immer weiter von diesem Menschen fortgeweht, und seine Kraft stirbt ab in ihnen. […] Die hier sitzen, sind die Äußersten, sie sitzen da auf der äußersten Klippe und betäuben die Not mit Glanz und Genüssen, und sie kennen diesen Menschen nicht mehr. (152)
Die anaphorische Reihung von Emphasen beschwört einen homo natura, eine Urgestalt des Menschen, der auch die Arbeit in Reinform verkörpert.87 Nach der Arendt’schen Typologie ist das Arbeiten koextensiv mit dem Lebensprozess, der die Produkte der Arbeitskraft immerzu konsumiert, ohne dass ein investierbarer Mehrwert entsteht. Abgesehen davon, dass die Tätigkeiten der Bauern bzw. der Bäuerinnen, welche die Grundnahrung für die Bevölkerung produzieren, nicht im Arbeiten aufgehen, erscheint diese Existenzform in ihrer Elementarität als Retroideal im Vergleich zur Gesellschaft des Überflusses, ohne dass ihre (mögliche oder wirkliche) sozioökonomische Prekarität in den Blick käme. Dies entspricht auch der idealisierten Darstellung der Landschaft, die Peter mit der (seiner Nichte Klara erzählten) Sage vom „große[n] Geist“ „Urgal“ mythisiert: Urgal sei einst die „Seele“ der Gegend gewesen, habe sich jedoch vor den „Motorbooten“, „Telephonleitungen“ und Hotels zurückgezogen (16 f.). Die Tätigkeiten des Bauern, die selbst als techne Natur urbar machen und Landschaft gestalten und auch in einem Kontinuum mit denjenigen des homo faber stehen, erscheinen mit dem Heuen auf der Meierei nur ganz partiell und – kontrastiert durch eine das hohe Gras zertretende Engländerin – in scheinbarer Harmonie mit dem Werden der Natur selbst (vgl. 148 f.).
3.9 Homo femina
Die vielfältigen Tätigkeiten des Personals sind von einer Genderisierung durchwirkt: Köche, Kellner, Portiers und der Concierge sind Männer, die Frauen üben Funktionen wie Zimmermädchen, Wäscherin, Kaffeeköchin oder Verwalterin der Speisevorräte aus. Deutlich mehr Männer als Frauen des Personals erscheinen individualisiert. Unter den Frauen sind es Karoline Frank, die Verwalterin der Speisevorräte, deren Körperlichkeit der Text über das Epitheton der „mächtige[n] Jungfer“ hinaus ausführlicher schildert (46). Die Kaffeeköchin Würmli, Ehefrau des erlösungssehnsüchtigen Entremetier, kommt vor allem wegen ihrer Affäre mit dem Chefkoch Grandpierre zur Geltung. Das Zimmermädchen Frieda (neben ihr wird noch Luise namentlich genannt), wird vom Portier Hotz umworben, ist aber schwanger vom schönen Hugo, dem Herrschaftskellner. Natürlich tritt auch das männliche Personal nicht nur in Bezug auf die Funktionen und Tätigkeiten, sondern auch durch Aussehen, Beziehungen und Vorfälle hervor, doch die Bestimmung der Frauen durch Körperlichkeit und Sexualität sticht klar heraus.
Peters und Eugens Schwester Johanna dagegen wird über ihre vermittelnde Familienrolle hinaus zunächst durch ihre äußerliche Unattraktivität sowie ihre ‚bedeutungslose‘ Tätigkeit und dann durch ihre emanzipatorische Entwicklung charakterisiert. Während sie ihren nach der Eröffnung des Hotels von einer Reise ins Unbestimmte zurückkehrenden Peter durch das Hotel führt, äußert sie schließlich ihre Unzufriedenheit mit der Funktion als Leiterin der Lingerie und mit ihrer Existenz überhaupt:
[…] die Lingerie ist mir im Grunde so gleichgültig wie dir. Aber was soll ich denn sonst tun, was soll ich tun? Weißt du mir vielleicht etwas Besseres? Ich arbeite eben irgend etwas, es bleibt mir gar nichts anderes übrig und schaden wird es wohl auch nicht. (27)
Unter dem Eindruck dieser Klage scheint es ihrem Bruder, als würde er seine „vierunddreißig Jahre alt[e]“ Schwester „zum erstenmal“ jenseits der Gewohnheit betrachten und dabei entdecken, „daß sie von Angesicht nahezu häßlich war, nicht abstoßend zwar, mit einem gewissen sympathischen Grundzug, aber doch reizlos“ (27). Damit scheint er im Dienst der Textintention den Umstand zu motivieren, dass Johanna – anders als Klara, ihre Nichte (die Tochter Eugens) (vgl. 39) – den Sinn des Lebens nicht in der Liebe und der Ehe finden kann, sondern in einer Tätigkeit. Gegenüber ihrem Onkel Jakob bekräftigt sie das Gefühl der Sinnlosigkeit insbesondere auch in Bezug auf das Milieu des Hotels und äußert ihre Gedanken über einen Eintritt ins Kloster (vgl. 105 f.). Nach einem Sturz von einem „Leiterchen“ beim Wäschestapeln, den Eugen und Barker durch ihr plötzliches Erscheinen provoziert haben (72), freundet sie sich mit Barker an, pflegt ihn zusammen mit dem ebenfalls sterbenden Jakob und wird, wie erwähnt, von ihm als Erbin seiner testamentarischen Beteiligung am neuen Hotel eingesetzt. Dabei hatte sie ein „Geldgeschenk“ für ihren „Dienst“ enttäuscht abgelehnt, was Barker nicht mit der ökonomischen „Vernunft“ einer angemessenen „Zahl“ zu lösen vermochte (181 f.).
Johannas konkretes Tätigsein und ihre Haltung dazu ergeben ein ambivalentes Bild, das vor dem Hintergrund der zeitgenössisch unterbestimmten Möglichkeiten der beruflichen Tätigkeit von Frauen genauer betrachtet werden kann.88 Frauen der unteren und mittleren Klassen stießen nach dem Ersten Weltkrieg auch über die herkömmlichen Tätigkeiten der Dienstbarkeit (Hausmagd, Zimmermädchen, Serviertochter etc.) und der Heim- und Fabrikarbeit (größtenteils in der Textilindustrie) hinaus in den Bereich der etwas besser bezahlten Lohnarbeit der Angestellten vor.89 Dagegen blieben Frauen, die aufgrund ihrer ökonomischen Verhältnisse keine Lohnarbeit leisten mussten, aus der sozial anerkannten vita activa ausgeschlossen. Denn die sogenannte Care-Arbeit in der familiären Sphäre wird bis zum Feminismus der 1970er-Jahre kaum problematisiert, auch wenn sie literarisch durchaus wie etwa im Werk von Marlen Haushofer prominent thematisiert wird. In Grand Hotel Excelsior gerät sie indirekt durch die Pflege der beiden Moribunden in den Blick. Die Frage der ökonomischen Bewertung wird durch die Auseinandersetzung um das Angebot Barkers zwar aufgeworfen, aber durch Johannas Ablehnung gleich wieder verworfen. Während der homo oeconomicus Barker nicht verstehen kann, dass man für eine geleistete Arbeit, auch wenn kein Lohn erwartet wird, nicht trotzdem einen solchen annehmen kann und soll, bleibt der Grund für Johannas Ablehnung unklar: Entweder betrachtet sie die Pflege als Dienst, dessen amouröse Motivation unausgesprochen bleibt bzw. mit der christlichen agape kaschiert wird, oder sie hält es nicht für standesgemäß, dass sie als Spross einer besser gestellten bürgerlichen Familie und effektive Teilhaberin des Grand Hotel Excelsior für Arbeit im Sinn von Arendt (verbrauchte Arbeits- bzw. Lebenskraft ohne Mehrwert) überhaupt Lohn empfängt. Welche konkrete Tätigkeit sich für sie aus der von Barker verfügten Beteiligung am neuen „Hotelwunder“ ergeben würde, lässt sich aus dem Text nicht erschließen.
3.10 Homo (a)politicus, (a)theoreticus et (non) scribens
Überblickt man die Romanfiguren in ihrer Typologisierung durch die Tätigkeiten, so erscheint die Hauptfigur Peter Sigwart, wie bereits erwähnt, als Verkörperung des bios theoretikos, der seit dem Mittelalter in den religiösen Formen der vita contemplativa und dann in der Moderne in den philosophischen und intellektuellen Figurationen diffundiert. Doch der homo theoreticus tut nicht nichts, sondern betrachtet und denkt über das Betrachtete nach, frei von allen Zwängen des Sozialen und Politischen, wie das Arendt in Platons Höhlengleichnis artikuliert sieht.90 Das scheint auch das Ziel von Peter zu sein, der die studentische und politische Vergangenheit hinter sich lässt und das Handeln auf die Schwundstufe von Manifestationen der Zivilisationsverweigerung im Namen einer ursprünglichen Einheit von Mensch und Natur reduziert. Die ideologischen und philosophischen Argumente bleiben – wie bereits dargelegt – sehr vage, was im Sinn der Reduktionsbewegung interpretiert werden könnte und auch als zivilisationsinduzierte „Schwäche“ thematisiert wird (42).
Am deutlichsten konturiert sich die Zeit-Krankheit in den Gesprächen mit dem „Irrenarzt“, den Eugen auf Peter „losgelassen“ hat (162), um ihn für verrückt erklären zu lassen und auf diesem Weg loszuwerden (dagegen bleiben, wie angesprochen, die Dispute zwischen Peter und dem gemäßigten Josef völlig inhaltsleer):
[…] meine Einstellung zur Zivilisation beruht wohl auch auf gewissen Schwächen, auf Schwächen aber, an denen eben die Zivilisation schuld ist, oder besser gesagt die Zeit, unsere Zeit, und die sie durchaus mit mir teilt. Sie beruht aber auch noch auf etwas völlig anderem, das ich selber noch nicht genau verstehe, auf etwas Instinktivem, das auf keinen Fall eine falsche Voraussetzung ist. (157 f.)
Peter erkennt sich (angelehnt an Nietzsche)91 als Verkörperung der décadence und zugleich als deren Überwinder durch die Tat, deren Möglichkeit (als Brandstiftung des Hotels) er nach seinem Abstieg in den Untergrund in einem mehrstimmigen inneren Gespräch erwägt (wer oder was den Brand dann effektiv ausgelöst hat, bleibt unklar). Diese innere kontroverse Vielstimmigkeit führt zu keinen konsistenten Beobachtungen und kohärenten Gedanken: „[W]enn er zu denken beginnt, zerfällt er aus dem einigen Peter in kleine Peterchen, die miteinander streiten. Je schärfer und weiter er denkt, desto zahlreicher werden sie, und zuletzt gehört ihm nicht viel mehr als auch dem Dümmsten oder Unwürdigsten noch.“ Das „hinreißend Große[]“, der Great Reset, der die Welt auf ihren „Uranfang“ zurückstufen würde, bleibt ein (leeres) Phantasma (82).92
Sprache bzw. das Vermögen zu sprechen ist für Arendt Grundbedingung für das freie Denken des homo theoreticus und das Agieren in der kommunikativen Pluralität des Kollektivs. Sprache lässt die Handelnden erst als Subjekte erscheinen und vermittelt zwischen Individuum und Kollektiv und zwischen Identität und Alterität bzw. Diversität. Literatur ist für Arendt die „menschlichste und unweltlichste der Künste“, weil ihr „Material die Sprache selbst ist und [ihr] Produkt dem Denken, das es inspirierte, am nächsten bleibt“.93 Literatur ist deswegen das eminente Medium dieser Vermittlungen in der politischen Sphäre des Sprachhandelns, weil sie über die Darstellung hinaus auch ihre eigenen Voraussetzungen und Folgen reflektieren kann. Auch wenn sie nicht intentional und direkt im Politischen interveniert, wirkt sie dennoch indirekt handlungsanleitend. Und indem sie sich als Schrift und Buch materialisiert, gestaltet sie die Welt, auch wenn weniger offensichtlich, im Sinn der Herstellung nachhaltig mit.
Peters Denken kommt zu keinen Begriffen, zu keiner Methode und hinterlässt keine Schrift mehr, es vermag sich gerade noch als zivilisationskranke Schwundstufe zu performieren. Seine gestischen und tätlichen Manifestationen bestehen im unvermittelten Abbrechen und Sich-Abwenden mitten im Gespräch, was als Geste der Unsagbarkeit erscheint. Mitten in der „wichtigen Beratung“ der Familie um die Zukunft des Hotels springt er grußlos aus dem Fenster, um mit der Nichte Klara zu spazieren (15). Nach längerem Verschwinden deponiert er vor dem Hotel auf einem Geländerpfosten am See einen Totenschädel, auf dessen Anblick Personal und Gäste unterschiedlich reagieren, bis ihn der Prinzipal Eugen entfernen lässt (vgl. 121–125). Solche Manifestationen, die man auch als paradoxe Intervention, als Störmanöver und als Gesten der Rat- und Hilflosigkeit verstehen kann, können noch am ehesten mit dem Kynismus in Verbindung gebracht werden: Die kynische ‚Lehre‘ besteht in den öffentlichen Demonstrationen eines reduktionistisch bedürfnisgeleiteten Lebensstils und ist konsequenterweise nur im Form von Anekdoten überliefert.94 Doch inhaltlich lassen sich kaum Verbindungen ziehen.
Poetologisch erwartbar wäre ein Bezug von Peters Verhalten zur Literatur bzw. zum Schreiben, fungiert er doch vor allem in der ersten Hälfte des Romans als Reflektor der Erzählstimme (bevor sich diese dann von ihm abwendet und Josef in eine Mittlerposition rückt, was auch als kompositorische Notlösung erscheinen kann).95 Der Schriftsteller Jean Jouanique erscheint als schöner und eitler Erfolgsautor, dessen Romane das (vor allem Pariser) Luxusmilieu abbilden und der nun ausnahmsweise einmal an einem weniger mondänen Ort halb inkognito wandeln möchte und dabei doch beobachten kann, wie seine Bücher gelesen werden (vgl. 57, 59 f., 74). Seine nuancierende Beobachtung disqualifiziert sich dadurch, dass er auf die falsche Comtesse reinfällt (vgl. 224–226). Die Tätigkeit des Schreibens selbst kommt erst indirekt zur Sprache, als sein neustes, noch unveröffentlichtes Manuskript, das er der jungen Bewunderin Olivia ausgeliehen hat, verbrennt. Jouaniques Verzweiflung bei der Suche durch das in Flammen stehende Hotel bezieht sich nicht auf die investierte Arbeit als Tätigkeit, sondern auf das Hervorbringen in Analogie zum Gebären und zur affektiven Bindung an ein Geschöpf:
[…] er hatte seine herzlichsten Gefühle daran gegeben, neuen Stolz daraus bezogen, neue Hoffnungen darauf gebaut und es geliebt als ein Kind aus seinem Geist und Blute. Es war verloren. Er konnte sich so wenig hinsetzen und es neu erschaffen wie eine Mutter dasselbe Kind zum zweitenmal gebären kann. (273)
Die Ironisierung der ganzen fokalisierten Rede96 disqualifiziert die Literatur als solche, denn es fehlt eine literarische Gegenfigur oder Gegenpraxis. Die schriftstellerische Tätigkeit wird auf der mit Arendt gezeichneten Linie der modernen Abwertung des bios theoretikos als unproduktive Tätigkeit denunziert. Eine Anbindung der Figur Peters an das tätige Personal über das Schreiben als Tätigkeit, wie sie Benjamin in „Der Autor als Produzent“ als Möglichkeit einer politischen Solidarität über die Tätigkeit auspizierte (ohne diese allerdings zu differenzieren), kann sich nicht etablieren. Die angedeutete gemeinsame politische Vergangenheit mit Mastakowitsch und Heller ist ohne Tätigkeitsbezug, und die Verbindung zur Gruppe der „Unzufriedenen“ gründet nicht in einer sozialen oder gar politischen Aktivität, die etwa gewerkschaftlich verstanden werden könnte, sondern speist sich bloß aus dem zivilisatorischen Unbehagen und der Erwartung eines revolutionär-messianischen Ereignisses. Die Reduktion Peters zu einer atheoretischen, apolitischen und antiliterarischen Figur färbt nicht nur auf die Selbstreferenz der diffamierten Literatur, sondern auch narratologisch auf den Roman und seine Komposition ab, indem die Erzählstimme zunehmend von ihr abrückt und sie abgehen lässt ins „mütterliche Geheimnis […], aus dem er gekommen ist“ (298). Nicht in diesem Faustischen Schluss liegt die Qualität des Romans, sondern in der besonderen Aufmerksamkeit für das tätige Leben.
4 Schluss
Ausgehend von einer diskursanalytischen Begegnung zwischen Walter Benjamins materialistischer Diagnose der technisch-medialen und der antimodernistisch-naturverbunden Kritik des Innerschweizer Autors Meinrad Inglin in seinem Roman Grand Hotel Excelsior (1928) wurde zunächst der Stellenwert von ‚Arbeit‘ in der Literatur befragt. Die sodann entwickelte Grundthese lautete, dass Benjamin zwar eine differenzierte Analyse der neuen technisch-medialen Bedingungen von Arbeit im Spannungsfeld von Aura und Effizienz liefert, ‚Arbeit‘ aber fast ausschließlich unter dem Aspekt der ökonomisierbaren, mit der Lebenskraft koextensiv gedachten Arbeitskraft begreift und damit die verschiedenen Tätigkeiten oder Tätigkeitstypen verdeckt. Inglins Roman dagegen stellt ‚Arbeit‘ im Mikrokosmos des Hotels, das als Topos der dekadenten Modernität im Kontrast zu einer auratisierten Natur erscheint, in einer Vielfalt und Breite von Tätigkeiten mit Gespür für Details dar, spart jedoch die sozialen und politischen Implikationen aus und thematisiert die technisch-ökonomischen Bedingungen nur negativ. Die konkrete Analyse von ‚Arbeit‘ als Vielfalt von Tätigkeiten in ihren Kontexten kann mit Hannah Arendts in der Kultur- und Literaturwissenschaft wenig beachteter Unterscheidung von Arbeiten, Herstellen und Handeln und der bekannteren Unterscheidung von vita activa und vita contemplativa in Vita activa (1958/1960) geleistet werden. Damit ließen sich im Hauptteil der Textanalyse nacheinander die geschilderten Tätigkeiten der Gäste, der Hotelangestellten, des homo oeconomicus in Person des Direktors, der Gegenfigur des Dandy-Philosophen, der weiblichen und weiterer Figuren bzw. Tätigkeiten wie zuletzt des Schriftstellers differenziert beobachten und jeweils auf die Konstellation von Benjamins marxistischer ‚Arbeitstheorie‘ und der Inglin’schen zivilisationskritischen Retroideologie und das daraus extrapolierte Verhältnis von Aura und Effizienz beziehen.
Meinrad Inglin, Grand Hotel Excelsior. Roman (1928), Zürich: Ammann, 1988, S. 161 f.
Ebd., S. 83.
Vgl. Eva C. Wiegmann-Schubert, Kulturkritik und Naturverbundenheit im Werk von Meinrad Inglin. Von der antimodernen Verweigerung zur konstruktiven Kulturkritik, Essen: Klartext, 2012, S. 17–185.
Vgl. Seán M. Williams, „Home Truths and Uncomfortable Spaces. Swiss Hotels and Literature of the 1920s“, in: Forum for Modern Language Studies 55,4 (2019), S. 444–465.
Vgl. Wiegmann-Schubert, Kulturkritik und Naturverbundenheit (wie Anm. 3), S. 186.
Vgl. Jochen Hörisch, „‚Groze Arebeit‘. Eine Grille über die Arbeitsscheu (in) der Literatur“, in: Burkhardt Krause (Hg.), Verstehen durch Vernunft. Festschrift für Werner Hoffmann, Wien: Fassbänder, 1997, S. 159–163; Susanne Heimburger, Kapitalistischer Geist und literarische Kritik. Arbeitswelten in deutschsprachigen Gegenwartstexten, München: edition text + kritik, 2010, S. 16–50.
Walter Benjamin, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936/1939), dritte Fassung, in: ders., Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann / Hermann Schweppenhäuser, 7 Bde., Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1991, Bd. I.2: Abhandlungen, S. 471–508, hier S. 478 f., Hervorhebung im Original.
Ebd., S. 479 f., Hervorhebung im Original, vgl. S. 504.
Ebd., S. 477 und S. 479 f., Hervorhebung im Original.
Inglin, Grand Hotel Excelsior (wie Anm. 1), S. 162.
Benjamin, „Das Kunstwerk“, dritte Fassung (wie Anm. 7), S. 492.
Walter Benjamin, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936/1939), erste Fassung, in: ders., Gesammelte Schriften (wie Anm. 7), Bd. I.2, S. 431–469, hier S. 449 f.
Ebd., S. 450, Hervorhebung im Original.
Zwar betrachtet Benjamin die Situation hier vor allem von den neuen Bildmedien her, doch zeigt er auch andernorts, wie der zunehmend technisierte, medialisierte und mobilisierte Alltag das Sensorium umprogrammiert, indem die neuen Technologien und Medien unterhalb der Apperzeptionsschwelle operieren, so etwa am Beispiel des „Chockerlebnis[ses]“ im Großstadtverkehr oder des „Amüsements“ in Lunaparks. Walter Benjamin, „Über einige Motive bei Baudelaire“ (1939/1940), in: ders., Gesammelte Schriften (wie Anm. 7), Bd. I.2, S. 605–653, hier S. 614 und S. 632.
Josef Fürnkäs, „Aura“, in: Benjamins Begriffe, 2 Bde., hg. von Michael Opitz / Erdmut Wizisla, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2000, Bd. 1, S. 95–146, hier S. 142.
Benjamin, „Das Kunstwerk“, erste Fassung (wie Anm. 12), S. 455 und S. 452, Hervorhebung im Original.
Ebd., S. 466, Hervorhebung im Original.
Benjamin, „Das Kunstwerk“, dritte Fassung (wie Anm. 7), S. 498.
Vgl. Nina Verheyen, Die Erfindung der Leistung, München: Hanser, 2018.
Hörisch, „Groze Arebeit“ (wie Anm. 6), S. 159.
Heimburger, Kapitalistischer Geist und literarische Kritik (wie Anm. 6), S. 27 f.
Joseph von Eichendorff, Aus dem Leben eines Taugenichts (1826), Stuttgart: Reclam, 1970, S. 3.
Vgl. Julian Schmidt, „Der neueste englische Roman und das Princip des Realismus“, in: Die Grenzboten 15,4 (1856), S. 466–474, und ders., „Georg Büchner“ [Rezension zu Büchner, Nachgelassene Schriften, Frankfurt a. M., 1850], in: Die Grenzboten 10/1 (1851), S. 121–128, S. 122, beide Texte in: Realismus und Gründerzeit. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1848–1880, mit einer Einführung in den Problemkreis und einer Quellenbibliographie, 2 Bde., hg. von Max Bucher / Werner Hahl / Georg Jäger / Reinhard Wittmann, Stuttgart: Metzler, 1975–1976, Bd. 2, S. 90–94 und S. 87 f.
Mit einem letzten Höhepunkt im Zürcher Literaturstreit, vgl. Walter Höllerer (Hg.), Der Zürcher Literaturstreit. Eine Dokumentation, in: Sprache im technischen Zeitalter 22 (1967) und 26 (1968); vgl. Robert Weninger, „‚Kloaken und Psychopathen‘. Der Zürcher Literaturstreit um eine Rede Emil Staigers“, in: ders., Streitbare Literaten. Kontroversen und Eklats in der deutschen Literatur von Adorno bis Walser, München: Beck, 2004, S. 68–251.
Vgl. Arbeiterlyrik 1842–1932, hg. und mit einem Nachwort versehen von Heinz Ludwig Arnold, Berlin: Parthas, 2003.
Vgl. Claas Morgenroth, Literaturtheorie. Eine Einführung, Paderborn: utb / Fink, 2016, S. 90–95.
Zum Verständnis von Kunst als ‚Leistung‘ und ‚Arbeit‘ unter dem Aspekt der Genialität siehe auch den Beitrag von Martin Andersson in diesem Band, S. 61–73.
Walter Benjamin, „Der Autor als Produzent“ (1934), in: ders., Gesammelte Schriften (wie Anm. 7), Bd. II.2: Aufsätze, Essays, Vorträge, S. 683–701, hier S. 685; vgl. für das Folgende auch Morgenroth, Literaturtheorie (wie Anm. 26), S. 96–98.
Benjamin, „Der Autor als Produzent“ (wie Anm. 28), S. 688.
Ebd., S. 692 und S. 695, Hervorhebung im Original.
Ebd., S. 693.
Vgl. Simone Weil, Fabriktagebuch und andere Schriften zum Industriesystem, aus dem Französischen und mit einer Einleitung versehen von Heinz Abosch, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1978.
Carolin Amlinger, Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit, Berlin: Suhrkamp, 2021, S. 45, vgl. S. 39–55.
Vgl. ebd., S. 96–129.
Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben [1958], München: Piper, 1981, S. 80.
Ebd., S. 14.
Ebd.
Ebd., S. 14 f.
Ebd., S. 19 f.
Ebd., S. 20, vgl. S. 314.
Vgl. ebd., S. 92–99.
Karl Marx, Das Kapital. Band I: Kritik der politischen Ökonomie [1867], in: ders. / Friedrich Engels, Marx Engels Werke (MEW), 44 Bde., Berlin: Dietz, 1956 ff., Bd. 23 (1962), S. 192; vgl. Arendt, Vita activa (wie Anm. 36), S. 99–106.
Arendt, Vita activa (wie Anm. 35), S. 20.
Vgl. Pierre Musso, La religion industrielle. Monastère, manufacture, usine, Paris: Fayard, 2017, S. 68–105 (zur schrittweisen christlichen Transformation des Industriebegriffs) und S. 132–191 (zur konkreten Umsetzung in den Klöstern).
Vgl. Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus (1904–1905/1920), Textausgabe auf der Grundlage der ersten Fassung von 1904–1905, mit einem Verzeichnis der wichtigsten Zusätze und Veränderungen aus der zweiten Fassung von 1920, hg. und eingeleitet von Klaus Lichtblau / Johannes Weiß, Bodenheim: Athenäum u. a., 1993, S. 145.
Arendt, Vita activa (wie Anm. 35), S. 85.
Vgl. Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift (1887), in: ders., Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe (KSA), 15 Bde., hg. von Giorgio Colli / Mazzino Montinari, München u. a.: Deutscher Taschenbuchverlag / De Gruyter, 1980, Bd. 5, S. 245–412, S. 270–278 und S. 351–363.
Vgl. Inglin, Grand Hotel Excelsior (wie Anm. 1), S. 159; in der Folge erscheinen die Seitenangaben direkt eingeklammert im Text.
Vgl. beispielsweise S. 207: „Das Größere ist die Umwandlung der Werte“.
Vgl. hierzu im Folgenden auch Beatrice von Matt, Meinrad Inglin. Eine Biographie, Zürich u. a.: Atlantis 1976, S. 101–149. – Eine aktuelle schriftstellerische Einschätzung der Bedeutung des Romans und von Inglins Werk bietet Thomas Hürlimann, „Da will einer ganz nach innen und verliert sich darin“ [zum Zentenarium von Meinrad Inglins 1922 erschienenem Debüt-Roman Die Welt in Ingoldau], in: Neue Zürcher Zeitung, 8. Oktober 2022, S. 36 f.
Vgl. Wiegmann-Schubert, Kulturkritik und Naturverbundenheit (wie Anm. 3), S. 75–84.
Vgl. ebd., S. 172.
Meinrad Inglin, Lob der Heimat, Horgen-Zürich: Münster-Presse, 1928, S. 16.
Ebd., S. 32.
Ebd., S. 36.
Ebd., S. 18 und S. 26.
Vgl. von Matt, Meinrad Inglin (wie Anm. 51), S. 153 f.
Vgl. Charles Linsmayer, „Die Krise der Demokratie als Krise ihrer Literatur. Die Literatur der deutschen Schweiz im Zeitalter der geistigen Landesverteidigung“, in: Frühling der Gegenwart. Schweizer Erzählungen 1890–1950, hg. von Andrea Linsmeyer / Charles Linsmeyer, 3 Bde., Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1990, Bd. 3, S. 436–493.
Vgl. Wiegmann-Schubert: Kulturkritik und Naturverbundenheit (wie Anm. 3), S. 18–21.
Vgl. Felix Müller, „Nachwort“, in: Inglin, Grand Hotel Excelsior (wie Anm. 1), S. 301–324, S. 319.
Zu den ‚kosmischen‘ Zeichen des Wetters vgl. Inglin, Grand Hotel Excelsior (wie Anm. 1), S. 232–237.
Die Gruppe ist zwar wesentlich sozialreligiös, antimodernistisch und nicht explizit künstlerisch-philosophisch inspiriert, lässt sich aber in die Reihe der alternativen, lebensreformerischen und sozialutopischen Gemeinschaften stellen, die sich nach 1900 als Gegenbewegung zum totalitären Staat des Kaiserreichs und zur technisch-industrielle Moderierung herausbilden. Vgl. Rolf Parr, Interdiskursive As-Sociation. Studien zu literarisch-kulturellen Gruppierungen zwischen Vormärz und Weimarer Republik, Tübingen: Niemeyer, 2000, S. 47–89.
Vgl. Eva Wiegmann, „Ecocriticism im Kontext kapitalistischer und sozialistischer Systemkritik Meinrad Inglins Urwang und Valentin Rasputins Abschied von Matjora“, in: Claudia Schmitt / Christiane Solte-Gresser (Hg.), Literatur und Ökologie. Neue literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, Bielefeld: Aisthesis, 2017, S. 377–388, und Wiegmann-Schubert: Kulturkritik und Naturverbundenheit (wie Anm. 3), S. 161–232.
Vgl. grundlegend Cordula Seger, Grand Hotel. Schauplatz der Literatur, Köln u. a.: Böhlau 2005, S. 259–443, und dies., „Grand Hotel Excelsior – Chiffre seiner Zeit“, in: Christian von Zimmermann / Daniel Annen (Hg.), „Kurz nach Mittag aber lag der See noch glatt und friedlich da“. Neue Studien zu Meinrad Inglin, Zürich: Chronos, 2013, S. 129–143, und Christian von Zimmermann, „Vom Hadern mit der Moderne. Raum, Zeit und Menschenbild in Meinrad Inglins Roman Urwang“, in: ders. / Annen (Hg.), „Kurz nach Mittag“, S. 239–253.
Vgl. Wiegmann-Schubert, Kulturkritik und Naturverbundenheit (wie Anm. 3), S. 38–45.
Z. B. die Kritik des Großstadtlebens in Also sprach Zarathustra III (1884), in: Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke (KSA) (wie Anm. 47), Bd. 4, S. 191–291, hier S. 222–225, aber auch in Bezug auf den Topos der Katastrophe bzw. des Krieges als „Brutalitäts-Cur“ zur Heilung der „[m]att und erbärmlich werdenden Völker“ in Menschliches, Allzumenschliches II. Der Wandrer und sein Schatten (1880), § 187, in: ders., Sämtliche Werke (KSA) (wie Anm. 47), Bd. 2, S. 535–704, hier S. 634; vgl. die Verweise bei Wiegmann-Schubert, Kulturkritik und Naturverbundenheit (wie Anm. 3), S. 81 und S. 43 f.
Vgl. Wiegmann-Schubert, Kulturkritik und Naturverbundenheit (wie Anm. 3), S. 41, S. 175–178 und S. 199–208 (hier auch weitere Verweise auf Nietzsche). Diese zeittypische und geradezu modische Auflösung oder Vervielfältigung der Persönlichkeit, zu deren Theorie und Empirie etwa Ernst Mach mit seiner Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zu Psychischen (1886) beigetragen hat, findet sich literarisch fast gleichzeitig in Hermann Hesses Der Steppenwolf (1927) oder schon früher Gottfried Benns Novellen Gehirne (1916).
Während die anderen Namen und Titel immer wieder genannt werden, findet sich der Hinweis auf Hesses Kurgast m. W. exklusiv bei Williams, „Home Truths and Uncomfortable Spaces“ (wie Anm. 4), S. 445–447 und S. 462.
Seger, Grand Hotel (wie Anm. 64), S. 425.
Vgl. Williams, „Home Truths and Uncomfortable Spaces“ (wie Anm. 4), S. 447–450.
Ebd., S. 451.
Vgl. ebd., S. 457.
Vgl. ebd., S. 456.
Vgl. ebd., S. 460 f.
Ebd., S. 458.
Ebd., S. 462.
Ein Grund für eine gewisse Zurückhaltung der Figurenzeichnung könnte die Erfahrung mit Die Welt in Inglodau (1922) gewesen sein.
Vgl. Dominik Müller, „Vom Kellner zum Dichter. Das Wechselverhältnis von Tourismus und Literatur in Meinrad Inglins Werner Amberg“, in: von Zimmermann / Annen (Hg.), „Kurz nach Mittag“ (wie Anm. 64), S. 223–238.
Zum literarischen Luxus vgl. Christine Weder / Maximilian Bergengruen, „Moderner Luxus. Einleitung“, in: dies. (Hg.), Luxus. Die Ambivalenz des Überflüssigen in der Moderne, Göttingen: Wallstein, 2011, S. 7–31.
Vgl. Seger, Grand Hotel (wie Anm. 64), S. 415–419. Diese relative Durchlässigkeit taucht Seger zufolge erst nach dem Ersten Weltkrieg deutlicher auf (man könnte hier auf den 1931 geprägten Begriff des ‚American Dream‘ von James Truslow Adams verweisen) und wird in Maria Leitners Hotel Amerika (1929) als Illusion vorgeführt.
Im Vorausblick auf den Schweizerspiegel könnte die Peter und den beiden ‚Revolutionären‘ gemeinsame politische Erfahrung im Landesstreik von 1918 bestehen.
Platon, Gorgias, in: ders., Werke, griechisch / deutsch, Sonderausgabe, 8 Bde., aus dem Griechischen von Friedrich Schleiermacher, hg. von Gunther Eigler, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1990, Bd. 2, S. 269–503, hier S. 315.
Vgl. S. 63 f.: „Sein Blick blieb am ‚Entremetier‘ Würmli haften, der mit krummem Rücken und unglücklich eifrigem Gesichte die Vorspeise der Tageskarte zubereitete, oeufs à la Pacha, kleine, mit Champignonköpfchen gemischte Schnitten hartgesottener Eier, die noch in einer Tomatensauce gewärmt und auf Reispolster gebettet werden mußten. ‚Hein malheureux, qu’est-ce qu’ils font vos oeufs Würmli a la Pacha?‘ rief er mit schallender Stimme, trat neben ihn und half ihm spielend mit geschickten Griffen.“
Vgl. S. 163 den „untadelig[en]“ „Zimmerkellner“ Henschke.
Vgl. Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen [1776], aus dem Englischen von Horst Claus Recktenwald, herausgegeben und gekürzt von Georg von Wallwitz, München: dtv, 2018, S. 185: „Dort, wo Kapital vorherrscht, überwiegt der Erwerbsfleiß. Und wo die Einkommen dominieren, hat die Trägheit Oberhand.“
Obwohl die Kritik am Spekulationskapitalismus (auch ohne direkten Marxismus) spätestens mit Gottfried Kellers Martin Salander (1886) in der Deutschschweizer Literatur ‚heimisch‘ geworden ist; vgl. Rolf Zuberbühler, „‚Excelsior!‘ Idealismus und Materialismus in Kellers und Fontanes politischen Altersromanen ‚Martin Salander‘ und ‚Der Stechlin‘“, in: Ursula Amrein / Regina Dieterle (Hg.), Gottfried Keller und Theodor Fontane. Vom Realismus zur Moderne, Berlin / New York: De Gruyter, 2008, S. 87–111.
Vgl. Wolfgang Riedel, Homo Natura. Literarische Anthropologie um 1900, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2011.
Vgl. Simona Isler, Politiken der Arbeit. Perspektiven der Frauenbewegung um 1900, Basel: Schwabe, 2019, insbes. S. 18–20.
Vgl. Siegfried Kracauer, Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland [1929], Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 152017, S. 11 f.
Vgl. Arendt, Vita activa (wie Anm. 35), S. 25 f.
Vgl. etwa Friedrich Nietzsche, Ecce homo. Wie man wird, was man ist (1889), Warum ich so weise bin, § 2, in: ders., Sämtliche Werke (KSA) (wie Anm. 47), Bd. 6, S. 255–374, S. 266: „Abgerechnet nämlich, dass ich ein décadent bin, bin ich auch dessen Gegensatz.“
Vgl. Müller, „Nachwort“ (wie Anm. 60), S. 314 f.
Arendt, Vita activa (wie Anm. 35), S. 157.
Vgl. Heinrich Niehues-Pröbsting, Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1988.
Vgl. Müller, „Nachwort“ (wie Anm. 60), S. 320 f.
„Leidenschaftlich hingegeben hatte er ein langes Jahr hindurch daran gearbeitet und zum erstenmal nicht die Gesellschaft nur der Hauptstadt, sondern der internationalen Zivilisation geschildert, wie sie in den großen Kurhäusern Europas auftritt; er hatte mit allen Abschattungen seiner Sprache ihre geheimsten Reize erfaßt, ihren Wandel begleitet, ihrer Macht gehuldigt, und mit dem melancholischen Unterton des Zugehörigen in ihrem Dasein das verklärt, was sie ihm bedeutete, das Leben.“ (ebd., S. 272 f.)