I lifted my eyes toward the crescent Earth, lying in her cradle of stars, and I wondered what her clouds had covered when these unknown builders had finished their work. Was it the steaming jungle of the Carboniferous, the bleak shoreline over which the first amphibians must crawl to conquer the land â or, earlier still, the long loneliness before the coming of life?1
Dieser Ausschnitt aus Arthur C. Clarkes Kurzgeschichte The Sentinel (1948/51) verschränkt den Anblick der Erde aus dem Weltraum mit der Frage nach dem Anfang, zeitlicher und räumlicher Rückblick gehen darin einher. Hervorgerufen wird die Frage nach dem Anfang durch den Planeten, der einerseits wie die aufgehende Sichel des Halbmonds erscheint, und der andererseits in eine Wiege aus Sternen gebettet ist â beide Metaphoriken rekurrieren auf den Anfang und werden in den späteren Fotografien der Erde tatsächlich wieder aufgegriffen. Aber weshalb ruft der Anblick der Erde aus dem Weltraum Gedanken an den Anfang hervor? Und von welchen Anfängen kündet der Rückblick auf die Erde? Welche Implikationen sind mit dem Blick auf die ganze Erde verbunden?
Zwischen dem Verfassen von Arthur C. Clarkes Kurzgeschichte im Jahr 1948 und dem darauf basierenden Film 2001: A Space Odyssey (1968) von Stanley Kubrick liegen 20 Jahre, die mit einiger Berechtigung als Space Age bezeichnet werden können und dessen vorläufiger Höhepunkt die Mondlandung 1969 war.2 Die astronautischen Entdeckungsfahrten gingen mit einem erheblichen öffentlichen sowie medialen Interesse einher, was sich nicht zuletzt in der zeitgenössischen Rock- und Popmusik niederschlägt; diesem Interesse an neu entdeckten und noch zu entdeckenden Welträumen wird zumindest versuchsweise in einigen Ãberschriften Rechnung getragen. Was also bei Weltraumreisen à la Paradise Lost noch Astronoetik war, die mit der Vorstellung neuer (Welt-)Räume neue Welten erzeugt, wurde in der Astronautik des Space Age eingeholt und manifest. Dass diese Ausgriffe ins All nicht frei von politischen Interessen sind und unter erheblichen Frontstellungen im Kalten Krieg gefahren werden, wird in die Analyse des Films miteinbezogen. Kubrick knüpft dabei an seine satirisch-dystopische Auseinandersetzung mit dem Kalten Krieg an, die er unter dem Titel Dr. Strangelove, or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb (1964) veröffentlicht.3
Den mehr inhaltlichen und thematischen Aspekten stehen formale ebenso wie ästhetische gegenüber, welche den Film schon dem Titel nach ins Kielwasser der Odyssee rücken, wie Friedrich Kittler formuliert. Dabei stellen sich besonders Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit eines filmischen Epos, weshalb auch auf die Odyssee zurückgegangen wird, um von dessen rekursiver Struktur ausgehend die Space Odyssey näher zu untersuchen. Neben den langen Einstellungen und den langsamen Kamerafahrten sowie Fahrten der Raumschiffe, die auf diese Weise epische Breite erzeugen, sind es besonders die medialen Rekursionen, die aus der Schiff- eine Raumfahrt machen. Was überdies die Raum- mit der Schifffahrt der Odysseen verschiedenster epischer Ausformung verknüpft, ist die Kybernetik. Einerseits ist sie Steuerungstechnik, ohne die keine dieser Reisen und Unternehmungen gelingen würde, andererseits findet sie ihr Unheil in der Ãbersteuerung, lässt so Seemänner wie Astronauten zu Schiffbrüchigen werden. Obwohl sich alle Figuren der Space Odyssey im Transit befinden und sich unentwegt von ihrem Heimatplaneten entfernen, kehrt Bowman, wie Odysseus, auf wundersame Weise wieder zurück zur Erde. Unerwartet schlieÃt sich also in diesem astronautischen nóstos der Kreis doch noch zur epischen Totalität.
Arthur C. Clarke, The Sentinel (1948/51), London: Harper Collins 2000, S. 159.
Alle Zitate und Filmstills aus Space Odyssey entstammen dem Film von Stanley Kubrick, 2001: A Space Odyssey, GB/USA: Metro-Goldwyn-Meyer (MGM) 1968 [DVD Warner Bros. 2008]. Alle Filmstills werden im Abbildungsverzeichnis aufgeführt. Direkte Zitate aus dem Film werden unter dem Sigel SO in Klammern direkt im Text angegeben. Von der Angabe des Timecodes wird aufgrund unterschiedlicher Abspielgeschwindigkeiten abgesehen.
Alle Zitate und Filmstills aus Dr. Strangelove entstammen dem Film von Stanley Kubrick, Dr. Strangelove or: How I learned to stop worrying and love the Bomb, GB/USA: Columbia Pictures 1964 [DVD Sony Pictures 2009].