Das »Ende des Zeitzeugen« wurde schon oft beschworen.1 Doch führte das lange Ende gelebter Zeitzeugenschaft in der Vergangenheit vielmehr zu einem Boom von Zeitzeugen- und Oral-History-Projekten als zu ihrem Schwinden â letztlich um zu bewahren, was andernfalls drohen würde verloren zu gehen. So auch im Ruhrgebiet, wo das lange Ende des Steinkohlenbergbaus nicht nur von dem Bewusstsein um das Auslaufen eines bedeutenden Industriezweiges und dem damit verbundenen Wandel geprägt war. Vielmehr waren die vergangenen Jahrzehnte gleichsam von einem Bewusstsein um die Endlichkeit gelebter Zeitzeugenschaft durchdrungen. Nicht umsonst stellte der vierte Geschichtskonvent des Forums Geschichtskultur an Ruhr und Emscher 2014 die Fragen in den Mittelpunkt, wie der Verlust von persönlichen Erfahrungs- und Erinnerungswelten im Ruhrgebiet zukünftig aufgefangen und wie auch weiterhin, nach einem Ende gelebter Zeitzeugenschaft, in den Kultureinrichtungen der Eindruck von Authentizität vermittelt werden könne.2 Der Zeitzeuge ist damit nicht nur Träger historischen Wissens, seine Erinnerungserzählungen sind nicht allein als (zeit)historische Quellen von Bedeutung, die uns Einblicke in vergangene Begebenheiten und ihre gegenwärtigen Deutungen ermöglichen. Die Sorge um ein Ende gelebter Zeugenschaft ist vielmehr auch die Sorge um das Fehlen des Zeitzeugen als geschichtskulturellem Akteur und als öffentliche Erzählfigur, die eine besondere, wenn nicht gar besonders authentisch anmutende, in jedem Fall aber einzigartige Wirkungsmacht zu entfalten vermag. Der Beitrag fragt in diesem Zusammenhang nach der Bedeutung und nach den Perspektiven von Oral History und Zeitzeugenschaften für die Erzählung des vom Bergbau geprägten Ruhrgebiets. Im Mittelpunkt stehen dabei neben ausgewählten Projektbeispielen aus der Vergangenheit die bisherigen Arbeitserfahrungen und Zwischenergebnisse aus dem Oral-History-Projekt »Digitaler Gedächtnisspeicher. Menschen im Bergbau«, welches seit 2014 in Kooperation zwischen der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets und dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum durchgeführt wird.
Oral History zwischen Geschichte und Geschichten
Der Begriff der Oral History, in den Anfängen der 1980er Jahre versuchsweise auch als âºmündliche Geschichte⹠übersetzt, beschreibt eine Methoden- und Quellenform innerhalb der Geschichtswissenschaften, die sich der Befragung und Erforschung historischer Erfahrungen und ihrer gegenwärtiger Rekonstruktionen und Deutungen widmet.3 Heute gilt die Oral History als etablierte Form wissenschaftlichen Arbeitens. Dafür sprechen neben der Institutionalisierung der Oral History, den zahlreichen Forschungsprojekten unter anderem auch die gute Vernetzung auf internationaler, seit einigen Jahren auch auf nationaler Ebene.4 Dem war jedoch nicht immer so. Im Zuge der »neuen Geschichtsbewegung« ab den 1970er Jahren dominierte zunächst eine groÃe Skepsis gegenüber den neuen alltags- und erfahrungsgeschichtlichen Zugängen zur Geschichte. Diese brachten einen Perspektiv- und Dimensionswechsel mit sich, da anstelle groÃer Strukturen nun das Alltägliche im Blick stand. Zudem sollten Perspektiven »von unten« verstärkt in die Geschichtsschreibung einflieÃen und eine Demokratisierung der Geschichte befördern. Mehr als das verstand sich die »neue Geschichtsbewegung« auch als Teil einer Gegengeschichte. Die »einfachen Leute« sollten nicht mehr nur Objekte der Geschichte sein, sondern auch selbst zu Wort kommen. Dieser Funktionswechsel brachte auch neue Methoden mit sich, darunter die Oral History. Doch gerade dieser politische Impuls wurde seitens der Historikerzunft kritisch beäugt. Sowohl der Alltagsgeschichte als auch der Oral History, so der Vorwurf, fehle es an methodischem Rüstzeug. Mündliche Quellen seien bedingt durch ihre Subjektivität und situative Konstruiertheit besonders problematisch. Denn anders als es bei schriftlichen Quellen der Fall ist, sind Historiker*innen durch das Interview maÃgeblich an der Produktion der Quelle beteiligt und beeinflussen mit ihrer Anwesenheit, der Forschungsfrage und Interviewtechnik die gewonnenen Inhalte. Doch Hauptargument gegen die Oral History blieb die vor allem seitens der Bielefelder Schule geäuÃerte Kritik, der Blick auf das Lokale und Individuelle würde gesamtgesellschaftliche Kontexte ausblenden und letztlich nicht zu neuen historischen Erkenntnissen führen.5 Einen Meilenstein zur wissenschaftlichen Etablierung der Oral History stellte das erste groà angelegte Forschungsprojekt der Bundesrepublik zur »Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930â1960« (LUSIR) dar.6 Denn das Projektteam um Lutz Niethammer hat die Oral History nicht nur methodisch vorangetrieben, es lieferte durch die Auswertung der lebensgeschichtlich geführten Interviews neue und überraschende Einsichten in die Erfahrungswelt der Ruhrgebietsbevölkerung. Im Mittelpunkt des Projekts stand die Frage, wie die Bevölkerung des Ruhrgebiets ihren Alltag vor, während und nach dem Nationalsozialismus in ihren Erinnerungserzählungen rekonstruierte. Befragt wurden hierfür Frauen und Männer, vorwiegend aus der Arbeiterschaft, die die Machtübernahme 1933 als Erwachsene miterlebt hatten. In ihren Erzählungen zeigte sich eine überraschend positive Beschreibung des Zeitraums ab Mitte der 1930er Jahre als eine von Stabilität und Wohlstand geprägte Phase, die gerade bei den jungen Bergleuten von Aufstiegs- und Ausbruchshoffnungen geprägt gewesen war.7 Die Zeiten davor und danach, die der Wirtschaftskrise, der ersten Kriegsjahre sowie der unmittelbaren Nachkriegszeit hingegen stellten für die Befragten von Not und Armut geprägte Zeiten dar, die keinerlei Normalität zulieÃen. Andere Themen wie die Zwangsarbeit blieben entweder ausgeklammert oder wurden heruntergespielt. Die Projektmitarbeiter*innen kamen zu dem Ergebnis, dass das vorherrschende Klischee einer kollektiv widerständigen Arbeiterschaft in der Form nicht mit den Erinnerungserzählungen übereinstimmte. Hier zeigte sich vielmehr ein differenzierteres Bild einer am gesellschaftlichen Konsens orientierten Arbeiterschaft.8
Obgleich LUSIR, ausgehend vom Ruhrgebiet, den Weg zur Professionalisierung und akademischen Etablierung der Oral History ebnete, gab es bereits zuvor alltags- und erinnerungsgeschichtliche Projekte im geschichtskulturellen Feld, die ihren Blick ebenfalls auf die Arbeiter*innen und ihre Angehörigen richteten. Dabei zeigt die angewandte Oral History unterschiedliche und doch eng beieinander liegende Entwicklungsstränge. Sie alle verbindet die Hinwendung zur Alltagsgeschichte, die Suche nach neuen Formen der Dokumentation und Erforschung des Ruhrgebiets und seiner Menschen. Ausgewählte Beispiele aus der dokumentarischen Literatur, dem Dokumentarfilm, der Arbeit von Geschichtswerkstätten als auch der Museen sollen als Schlaglichter die geschichtskulturelle Bandbreite deutlich machen, mit der unterschiedliche Akteure den Versuch unternahmen, die Narration des Ruhrgebiets mitzugestalten. Die 1968 von Erika Runge veröffentlichten Bottroper Protokolle9 sind hierbei insofern ein wichtiges Beispiel, da es sich dabei um eines der ersten Projekte handelt, bei dem Menschen aus dem Ruhrgebiet nach ihrem Leben und Alltag sowie nach ihrem Blick auf ihre Geschichte, Gegenwart und Zukunft befragt worden sind. Im Fokus standen bei Erika Runge Gespräche mit Arbeitern, mit einem Pfarrer, einer Putzfrau und einer kaufmännischen Angestellten aus Bottrop. Runge verfolgte dabei einerseits das Ziel, die Lebenswelten der Ruhrgebietsbevölkerung möglichst authentisch zu dokumentieren, nahm sich als Autorin andererseits aber auch die Freiheit der letztlichen, im Ãbrigen unkommentierten Zusammenstellung und Ausgestaltung der Texte. Das Authentische lag für sie weniger im Konkreten und Individuellen als im (in ihren Augen) Typischen. Die daraus resultierende Publikation umfasste entsprechend zusammengestellte Auszüge aus den Interviews, einen Auszug aus der Betriebsratsversammlung der von der Hibernia AG betriebenen Zeche Möller/Rheinbaben, bei der der Stilllegungsbeschluss bekannt gegeben wurde, gefolgt von Gesprächsauszügen zweier Ehepaare zum besagten Beschluss. Ob es sich bei dem Projekt nun um Literatur oder doch eher um eine dokumentarische Materialsammlung handelt, wurde in der Rezeption der Protokolle ebenso diskutiert wie die mögliche Prägung und Ãberzeichnung der als âºtypischâ¹ empfundener Erzählungen durch Runge. Dadurch würde es, so beispielsweise die Kritik bei Britta Caspers, weniger um »die Authentizität der Aussage und deren Bedeutung im lebensgeschichtlichen Zusammenhang als um deren Wahrscheinlichkeit« gehen.10 Die Bottroper Protokolle weichen an dieser Stelle durchaus von unserem heutigen Verständnis einer Oral History als Weg zur Förderung kritischen Wissens über die Geschichte ab. Nichtsdestotrotz können sie aufgrund ihres innovativen Charakters und der erstmaligen Hinwendung zur Befragung der Ruhrgebietsbevölkerung auch als »Wegbereiter einer an mündlichen Ãberlieferungstraditionen orientierten Auseinandersetzung mit Geschichte« im Ruhrgebiet angesehen werden.11
Ebenfalls an der authentischen Dokumentation regionaler und proletarischer Lebenswirklichkeiten interessiert zeigten sich die beiden Filmemacher Gabriele Voss und Christoph Hübner und betraten damit Neuland im Bereich des Dokumentarfilms im Ruhrgebiet (Abb. 18.1). Ãber Jahre hinweg dokumentierten sie gemeinsam mit weiteren Kollegen das Leben der Menschen einer Zechensiedlung in Bottrop-Ebel. Entstanden sind daraus zwischen 1979 und 1982 fünf Filme zu den Entwicklungen und Veränderung rund um die Zeche Prosper/Ebel und ihrer Siedlung im Zuge des Strukturwandels, die damit als konkretes Beispiel für allgemeine Entwicklungen in der Region diente. Beleuchtet haben die Filmemacher das Alltagsleben in der Siedlung, die Migrations- und Arbeitserfahrungen der Bewohner, Geschlechterrollen sowie die Erfahrungen der damals jungen Generation. Dabei war ihr Zugang ein eher ethnografischer, der Interviews mit teilnehmender Beobachtung verband. Voss beschreibt das Vorgehen in ihrem Buch Der zweite Blick. Prosper Ebel. Chronik einer Zeche und ihrer Siedlung (1983) auch als eine »Dokumentation der inneren Vorgänge bei der Betrachtung der äuÃeren«.12 15 Jahre nach Abschluss der Chronik kehrten die Filmemacher mit der Frage zurück, wie sich das Leben in der Siedlung inzwischen gewandelt hatte und schufen damit eine umfassende Langzeitbeobachtung.13 Obgleich es sich in den Filmen zwangsläufig um eine verdichtete Darstellung dieser jahrelangen Arbeit handelt, legten Hübner und Voss Wert auf einen ergebnisoffenen Zugang und eine möglichst authentische, nicht verzerrte Darstellung des Gesehenen: Es war der »Versuch der filmischen Alltagsgeschichtsschreibung einer Region«, wie Hübner es in seinem Beitrag Filmarbeit vor Ort nannte.14 Voss erläutert hinsichtlich der Projektkonzeption: »Denn das war es, was die Arbeit für mich fruchtbar machte: aufgefordert zu sein, nicht nach der Bestätigung meines Weltbildes zu suchen, nicht auszublenden, was da nicht hineinpaÃte.«15



Gabriele Voss mit Cilie Golomb bei den Dreharbeiten zu Frauen-Leben, 1980
Bereits 1977 arbeiteten Hübner und Voss, zugleich Mitbegründer des 1978 initiierten »RuhrFilmZentrums«, an einer achtteiligen, letztlich 22-stündigen Interview-Dokumentation, bei der die »Lebensgeschichte des Bergarbeiters Alphons S.« im Fokus stand (Abb. 18.2).16 Die in Anlehnung an den sowjetischen Schriftsteller Sergej Tretjakov als »Bio-Interview«17 konzipierte und damit lebensgeschichtlich ausgerichtete Dokumentation steht der heutigen Oral History näher als die Chronik um Prosper/Ebel. Denn im Unterschied zur filmischen Dokumentation um Bottrop-Ebel konzentrieren sich Hübner und Voss in filmisch reduzierter Form allein auf die Erinnerungserzählung des 1906 geborenen Bergmanns Alphons Stiller. Die Interview-Dokumentation beeinflusste mit ihrem Zugang weitere, ebenfalls lebensgeschichtlich orientierte Vorhaben im Ruhrgebiet, so beispielsweise das Hochlarmarker Lesebuch, welches bis heute als eines der Pionierprojekte einer partizipativen »Geschichte von unten« rezipiert wird.18 Der unter dem Titel Kohle war nicht alles. 100 Jahre Ruhrgebietsgeschichte erschienene Band versammelt Geschichten zur Geschichte Recklinghausen-Hochlarmarks zwischen 1880 und 1980.19 Kontextualisierende Texte, Fotografien und Dokumente als auch Erinnerungserzählungen und Interviewauszüge kommen hier zusammen und zeigen die Recherche- und Diskussionsergebnisse einer zu ihrer Entstehungszeit neuartigen Form der Projektarbeit. Denn im Unterschied zu den zuvor aufgeführten Beispielen waren es hier die Bewohner selbst, die maÃgeblich die eigene Geschichte beforschten und die Ergebnisse zusammentrugen. Die 16 Mitwirkenden, Männer wie Frauen, waren Teilnehmer eines von der Volkshochschule Recklinghausen ausgerichteten Kurses mit dem Titel »Wissen Sie noch â¦? Hochlarmarker erzählen von früher«. Zwischen 1978 und 1981 trafen sich die Teilnehmer*innen, um die Geschichte des Stadtteils in gemeinsamen Gesprächen und Recherchetätigkeiten zu erforschen. Begleitet wurden sie von Kulturarbeitern, die zu Beginn des Projekts durchaus erst die Intention des Kurses und das Rollenverständnis der Teilnehmer*innen zu klären hatten. Das Videointerview um Alphons Stiller bot dabei insofern Hilfestellung, als es die Teilnehmenden dabei unterstützte, die historische Relevanz ihres eigenen Lebens zu begreifen. Gerade für die arbeitenden Mitmenschen sei es, so im Vorwort der im Projekt entstandenen Publikation, wichtig sich der eigenen »Geschichte zu erinnern, sie selbstbewusst zu formulieren und sie sich zu eigen zu machen!«20 Damit war das Projekt auch dem politischen Anspruch einer »Geschichte von unten« verbunden.



Ausschnitt aus Lebens-Geschichte des Bergarbeiters Alphons S., 1978
Auch die Musealisierung von Kohle und Stahl beförderte Projekte zur Bewahrung lebensgeschichtlicher sowie ausstellungs- und themenbezogener Interviews. Sie führte gemeinsam mit der allgemeinen Herausbildung industriekultureller Strukturen zu einer geschichtsdidaktischen Einbindung medialer sowie personaler Zeitzeugen.21 Ihre Erzählungen sollten einerseits bei der Rekonstruktion der historischen Arbeitsorte helfen, andererseits aber auch einen niederschwelligen und unmittelbaren Zugang zur Industriegeschichte ermöglichen. Museale Zeitzeugen, die beispielsweise als Ausstellungsführer agieren, befinden sich damit in der nicht immer unproblematischen Lage einer doppelten Zeugenschaft, da sie Zeitzeuge und Experte zugleich sind. Sie sprechen einerseits für sich und ihre eigenen Erlebnisse, andererseits für die gängige Erzählung des Museums, welches sie in dieser Funktion vertreten. Bei Gründung des dezentralen LWL-Industriemuseums 1979 stellte die Einbeziehung ehemaliger Mitarbeiter und ihrer Erfahrungen einen wichtigen Schritt dar, um die Geschichte der früheren Industriestandorte, die Arbeits- und Produktionsprozesse und individuellen Bedeutungsschichten im Sinne einer Spurensuche und Spurensicherung aufzuarbeiten. Im Laufe der Jahre entstanden hier zahlreiche Interviews und ausstellungsbezogene Interviewprojekte wie »Keine Herrenjahre« (1998), bei dem durch Interviews mit ehemaligen Zolleranern Fragen zur Jugend im Ruhrbergbau zwischen 1898 und 1961 am Dortmunder Standort bearbeitet wurden.22 Die Projektbeteiligten betonten, dass die lebensgeschichtliche Befragung von Bergleuten zu Ergebnissen führte, die schriftliche Fachliteratur insofern zu ergänzen vermag, als dass sie nach den persönlichen Wahrnehmungen von Alltag und Arbeit am konkreten Beispiel fragt. Durch die Aussagen der Gesprächspartner wurde keine Repräsentativität gesucht, vielmehr war es gerade die Unterschiedlichkeit der Aussagen, die ein Spannungsfeld von Handlungsspielräumen und persönlichen Deutungsmustern aufzuzeigen vermochte. Auch die Publikation Schichtaufnahmen. Erinnerungen an die Zeche Zollern II/IV (1994) mit Fotografien von Martin Rosswog stellte die Erfahrungen der Zolleraner in den Fokus.23 Neuere Ausstellungsprojekte wie »RevierGestalten. Von Orten und Menschen« (2018) erweitern den erfahrungsgeschichtlichen Blick, indem sie auch spätere Generationen, die Kinder und Enkel einiger der bereits interviewten Ehemaligen, nach ihrem Blick auf den Bergbau und das Ruhrgebiet befragten.24 Mittlerweile verfügt das »Erinnerungsarchiv Industriearbeit« des LWL-Industriemuseums über eine Sammlung von rund 1600 Intervieweinheiten, die in den vergangenen vierzig Jahren in den unterschiedlichsten Bewahrungs-, Forschungs- und Ausstellungskontexten entstanden sind und nun verstärkt für eine Sekundärauswertung nutzbar gemacht werden sollen.25
Die Liste an Beispielen unterschiedlicher Akteure, Zugänge und Themenstellungen wäre noch weiter zu ergänzen, so beispielsweise um jene Interviewprojekte, die sich im Ruhrgebiet mit der Erforschung der Arbeitersiedlungen oder mit den Erinnerungserzählungen von Arbeiterfrauen auseinandersetzten.26 Die unterschiedlichen Formen lebensgeschichtlicher Befragungen der Ruhrgebietsbevölkerung im Allgemeinen und der Bergarbeiter im Konkreten sind bis heute vielfältig: So bewegt sich die Oral History auch gegenwärtig zwischen wissenschaftlichem Anspruch, politischem Impuls, geschichtskultureller Praxis und touristischer Vermarktung. Und obgleich die Oral History in den Geschichtswissenschaften angekommen ist und ihre Berechtigung als Zugangsform zur Geschichte mehrfach bewiesen hat, werfen die Vielfalt ihrer Anwendungsbereiche als auch die wachsende Präsenz des Zeitzeugen als Erzählfigur durchaus methodische Fragen auf: Wie kann, zum Beispiel, die Komplexität und Widersprüchlichkeit von Quellen der Erinnerungserzählung in die geschichtskulturellen Repräsentationen des Bergbaus übersetzt werden? Auf welche Herausforderungen stoÃen Interviewprojekte, die sich an der Schnittstelle akademischer und geschichtskultureller Interviewpraxis bewegen? Im Folgenden sollen einige Beobachtungen hierzu aus der Arbeitspraxis eines gegenwärtigen Interviewprojekts zum Ruhrbergbau näher gebracht werden.
Digitaler Gedächtnisspeicher: Menschen im Bergbau
Das Oral-History-Projekt »Digitaler Gedächtnisspeicher: Menschen im Bergbau« reiht sich ein in die Liste jener Projekte, die die Erfahrungswelt des Bergbaus bewahren und erforschen wollen. Das Kooperationsprojekt zwischen der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets und dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum verstand sich in der ersten Projektphase bis 2018 zunächst als Sammlungs- und Bewahrungsprojekt. Zugleich sollten bis dahin erste Zwischenergebnisse auf einer Internetplattform präsentiert werden. Eingefangen wurden in dieser Phase die Erinnerungserzählungen, Erfahrungen und Vergangenheitsdeutungen von Menschen, die entweder selbst im Steinkohlenbergbau tätig gewesen sind oder die in einer anderen Form mit dieser Industrie verbunden waren. Die rund 90 lebensgeschichtlichen Videointerviews sind anschlieÃend aufbereitet, mitsamt der Metadaten archiviert und so für wissenschaftliche Sekundärauswertungen und geschichtskulturelle Nachnutzungen zur Verfügung gestellt worden.27 Die »Menschen im Bergbau« kommen aus dem Ruhrgebiet, dem Aachener Revier, aus Ibbenbüren28 und dem Saarland. Die Bergbaureviere der ehemaligen DDR, wo bis in die 1970er Jahre Steinkohle gefördert wurde, sind aufgrund anderer politischer wie gesellschaftlicher Rahmenbedingungen bewusst in der Konzeption des Projekts ausgespart geblieben. In generationeller Hinsicht sind Interviewpartner*innen vertreten, die zwischen den frühen 1920er Jahren und Mitte der 1990er Jahren geboren sind. Durch diese Spannbreite dokumentiert das Projekt aus erinnerungsgeschichtlicher Perspektive den Zeitraum zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der SchlieÃung der letzten Steinkohlezechen im Jahr 2018. Das schlieÃt mehrere thematische Aspekte ein: den gesellschaftlichen Wiederaufbau nach 1945, die aufkommende Bergbaukrise ab 1958 bis hin zur Gründung der Ruhrkohle AG als Einheitsgesellschaft ab 1968 sowie den Schrumpfungsprozess des Steinkohlenbergbaus. Durch die lebensgeschichtliche Ausrichtung spielen auch die Erfahrungen aus Musik- und Jugendkultur oder Familie und Freizeit eine Rolle. Zeitlich wie thematisch schlieÃt das Projekt damit an bestehende Interview-Projekte aus der Region an.
Bei der Zusammenstellung der Interviewpartner*innen strebte das Projektteam eine gröÃtmögliche Multiperspektivität und Vielstimmigkeit an. An diesem Punkt grenzt es sich damit insofern von früheren Vorhaben der 1980er Jahre ab, als dass neben erfahrungs- und alltagsgeschichtlichen Perspektiven »von unten« auch jene »von oben« eingeschlossen sind. Zum einen, da eine Grenzziehung zwischen »oben« und »unten« angesichts sich wandelnder Arbeitswelten nicht eindeutig umsetzbar schien: Auch der erfolgreiche Gewerkschafter oder Konzernmanager kann von seiner Sozialisation als Kind einer Arbeiterfamilie und seinem Aufstieg berichten. Zudem sollte die erfahrungsgeschichtliche Perspektive möglichst umfassend greifen. So suchte das Projektteam nach der Gegenüberstellung verschiedener Akteure, nach ihren Gemeinsamkeiten, Widersprüchen und perspektivischen Ergänzungen. Das »Menschen im Bergbau«-Projekt schlieÃt damit Interviewpartner*innen unterschiedlicher Hierarchie- und Funktionsebenen ein, die als ehemalige Pferdejungen, Hauer oder Steiger wie auch als Gewerkschafter, Konzernvorstände oder Knappschaftsärzte zu Wort kommen. Den weiblichen Blick auf den Bergbau ergänzen Ehefrauen und Witwen von Bergleuten unterschiedlicher Generationen. Stärker an die Arbeitswelt angebundene Perspektiven finden zumindest punktuell statt, zum Beispiel mit der Befragung einer Bergvermessungstechnikerin (Abb. 18.3) und der Sprecherin einer Fraueninitiative, die sich gegen die ZechenschlieÃungen im Aachener Revier einsetzte. Auch Personen, die in erster Generation im Rahmen der Anwerbeabkommen nach Deutschland gekommen oder als Kinder von Zugewanderten in Deutschland aufgewachsen sind, erzählen im Projekt ihre persönlichen Bergbaugeschichten.



Interviewpartnerin Marlies Rohde im Markscheidebüro, 1976
Internetseite und Ausblick: Menschen im Bergbau
Neben der Generierung, Aufbereitung und Archivierung der Interviewquellen war es auch Bestandteil der ersten Projektphase eine Internetplattform zu erarbeiten, die interessierten Nutzer*innen einen lebensgeschichtlich orientierten Zugang zu(r) Bergbaugeschichte(n) der vergangenen rund 70 Jahre eröffnen sollte. Die entstandene Internetplattform (www.menschen-im-bergbau.de; Abb. 18.4) versteht sich nicht als virtuelles Archiv, da anstelle vollständiger Videointerviews ausgewählte und aufeinander abgestimmte Interviewpassagen anzutreffen sind. Vielmehr ist sie als virtuelle Quellenedition und Ausstellung konzipiert, die sowohl bergbaufremden Nutzer*innen einen niederschwelligen (und dennoch der inhaltlichen Komplexität gerecht werdenden) Zugang zur Erinnerungsgeschichte des deutschen Steinkohlenbergbaus ermöglichen möchte als auch bergbauaffinen Besucher*innen neue, vertiefende Einblicke und Perspektiven eröffnen soll. Grundlegende Hintergrundinformationen liefert die Plattform durch eine Chronologie zu technischen, sozialen, politischen als auch kulturellen Entwicklungen der Bergbaugeschichte ab 1945. Ein Bergbauglossar erläutert grundlegende Fachbegriffe. Der hauptsächliche Zugang zu den Interviewvideos erfolgt über die filterbare Personenrecherche, wo sich neben Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Interviewpartner*innen auch alle zur Person gehörenden und für die Plattform ausgewählten Interviewsequenzen befinden. Ein thematischer Zugang konzentriert sich hingegen darauf, einzelne Aspekte der Erinnerungs- und Bergbaugeschichte aus verschiedenen lebensgeschichtlichen Perspektiven der Interviewpartner zu beleuchten. »Sie alle erzählen nicht die Geschichte des deutschen Steinkohlenbergbaus â aber sie erzählen die Geschichten ihrer eigenen Erfahrungen in und mit der Bergbauindustrie«, heiÃt es auf der Internetplattform im Einleitungstext zur Personenrecherche.29 Was zwangsläufig für das gesamte Projektsample gilt, wird unter dem Themenbereich der Internetseite besonders deutlich: Hier können durch den multiperspektiven Blick auf einzelne Themen perspektivische und individuelle Gegenüberstellungen, aber auch Konflikte und Widersprüche ebenso erfahren werden wie sich generationell wandelnde Perspektiven auf einzelne Themenbereiche.



Screenshot der Projektwebseite »Menschen im Bergbau«, 2019
Auf der Webseite sind rund 800 Minuten Interviewmaterial, verteilt auf über 300 Interviewsequenzen einzusehen. Zwangsläufig handelt es sich dabei nur um einen geringen Bruchteil des eigentlichen Quellenmaterials. Nicht alle Interviewpartner stimmten einer Nutzung des Materials für die Internetseite zu. Umgekehrt gab es auch seitens des Projektteams Argumente, die dagegen sprachen, bestimmte Interviewsequenzen auf die Internetseite zu stellen. Hierzu zählen beispielsweise Interviewsequenzen, die aus ethischen Gründen oder auf Wunsch der Interviewpartner nicht in Frage kamen: Besonders private und konfliktbehaftete, emotional schwierige sowie potenziell retraumatisierende Interviewsequenzen sind von der Webseite zunächst ausgeschlossen worden und haben nur in sehr wenigen Fällen und in Absprache mit den Interviewpartnern Einzug auf die Webseite erhalten. Gleiches gilt für jene Interviewsequenzen, in die sich Fehlinformationen, falsche Ortsnamen oder Jahresangaben eingeschlichen haben. Für eine wissenschaftliche Auswertung, die sich vor allem für die Wahrnehmungen, Rekonstruktion und Darstellung von Vergangenheit interessieren, bildet dieser Umstand im Rahmen einer herkömmlichen Quellenkritik keinen Nachteil. Doch sind solche Passagen in einem öffentlichen Kontext, in dem sie als Vermittler von Vergangenheit agieren, nicht kommentarlos einsetzbar. Gleiches gilt für Interviewsequenzen, die ohne einen umfassenderen Erzählkontext nicht nachzuvollziehen sind oder denen, bedingt durch die Erzählform (assoziative Abschweifungen etc.), inhaltlich nur schwer gefolgt werden kann.
Aktuell wird die Internetseite ergänzt und erweitert. In der aktuell zweiten Phase des Projekts »Menschen im Bergbau« soll bis zum Sommer 2022 in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Didaktik und Geschichte der Ruhr-Universität Bochum stärker geschichtsdidaktischen Fragen nachgegangen werden. In empirischen Studien im Rahmen des Alfried Krupp-Schülerlabors werden hierfür Lerneffekte durch Erinnerungserzählungen am konkreten Beispiel des Projekts »Menschen im Bergbau« erprobt. Die Ergebnisse flieÃen als eine geschichtsdidaktische Erweiterung der Internetplattform mit Lehrmaterialien und Lernmodulen ein. Eine zweite Projektlinie widmet sich bis zum Sommer 2021 einer umfassenden inhaltlichen Auswertung des Quellenmaterials sowie methodischen Ãberlegungen der Oral History im Kontext regionaler Geschichts- und Industriekultur.30
Bergbaugeschichte(n) von unten?
Sowohl für die Internetseite als auch im allgemeinen Projektkontext war die Zusammenstellung der Interviewpartner*innen (wie auch die Interviewmethode selbst) darauf ausgerichtet, dominierende Erzählungen nach Möglichkeit nicht von neuem zu reproduzieren. Für viele Gesprächspartner*innen schien die Teilnahme am Projekt eine Möglichkeit darzustellen, die eigene Geschichte bewusst zu einem Teil des »Bergbauerbes« werden zu lassen. Entsprechend waren es zunächst vorwiegend Personen höherer Funktions- und Hierarchieebenen â Bergleute mit Erfolgsgeschichten oder solche, die sich seit Jahren erfolgreich geschichtskulturell engagieren â, die sich bereitwillig für ein Interview zur Verfügung stellten. Interessant hieran war, dass es in einigen Fällen zu einer spannenden Widersprüchlichkeit in den Gesprächen kam, bei der die Interviewpartner einerseits dominierende Erzählbilder reproduzierten, zwischen den Zeilen und nach längerer Gesprächszeit dann allerdings ein komplexeres Bild zeichneten. Ein Beispiel hierfür bildeten Erzählungen zur Zusammenarbeit und Kameradschaft im untertägigen Berufsalltag. Während Fragen hierzu eingangs eher positiv erzählt und mögliche Konflikte ausgeklammert oder heruntergespielt worden sind, zeigten sich im weiteren Verlauf der Interviews oftmals doch die Grenzen guter Zusammenarbeit am konkreten Beispiel. Als geradezu mustergültig perfektionierte Erzählungen tauchten solche Darstellungsmuster gerade bei jenen Interviewpartnern auf, die sich regelmäÃig als Zeitzeugen in der Industriekultur engagieren. Diese narrativen »Drehbücher«31 galt es während des Interviews zu durchbrechen oder zumindest zu hinterfragen. Dazu zählte ebenfalls die Hinterfragung solcher »Drehbücher« bei den Interviewern, die ebenfalls mit (un)bewussten Erwartungshaltungen an die Interviewpartner*innen und ihre Erinnerungserzählungen herantreten.
Wie es auch schon frühere Interviewprojekte taten, war es auch Ziel des »Menschen im Bergbau«-Projekts, Perspektiven einzubringen, die bislang in der Repräsentation des Ruhrbergbaus nur wenig Berücksichtigung fanden. Bewusst wurde beispielsweise der Kontakt zu Personen gesucht, die keine Erfolgs- und Identifikationsgeschichten zu erzählen hatten. Wie zu vermuten ist, hielt sich die Bereitschaft zur Teilnahme an dieser Stelle zunächst in Grenzen. Dazu zählten zum Beispiel Menschen, die nur wenige Jahre ihres Berufslebens, in manchen Fällen lediglich die Ausbildungszeit über, im Bergbau tätig gewesen sind. Diese »gebrochenen« Bergbaugeschichten erzählen von den Folgen des Strukturwandels und sind generationell bedingte Erfahrungen. Damit bildeten sie für das Projekt wichtige und ergänzende Perspektiven. Für die Interviewpartner hingegen waren eben dies Argumente, die gegen eine Teilnahme sprachen: Zu kurz sei die Arbeitserfahrung im Bergbau, zu gering die persönliche Identifikation mit der Bergbauindustrie gewesen, als dass man öffentlich als Zeitzeuge auftreten könne. Ãhnliche Bedenken traten auf, wenn nach den Arbeits- und Alltagserfahrungen jüngerer Generationen gefragt wurde. All ihre Bedenken machten deutlich, was von den Interviewpartner*innen als typisch und erzählenswert gewertet wurde und was nicht. Sobald in der eigenen Lebenserfahrung nicht die als typisch empfundenen Erfahrungen von Bergarbeitern oder Bergarbeiterfrauen gemacht worden sind, äuÃerten die Teilnehmer*innen deutliche Zweifel daran, ob die eigene Perspektive denn überhaupt von Interesse sei. Während sich einige Gesprächspartner nicht als »echte« Bergleute sahen, da sie, bedingt durch den technischen Fortschritt, nicht die gleiche körperliche Anstrengung im Untertagebetrieb erfahren haben, wie sie noch ein, zwei Generationen zuvor der Fall war, waren es bei den Bergarbeiterfrauen die fehlenden Erfahrungen von Kohlenstaub auf der Fensterbank, von schwerer Hausarbeit und dem sonntäglichen Waschen der Arbeitskleidung des Mannes, die aus ihnen dann eben doch keine »echten« Bergarbeiterfrauen machen würden.
Diese Sichtweisen sind auch von den gegebenen (geschichts)kulturellen Rahmungen geprägt. Die regionale Geschichts- und Industriekultur ist längst zu einem bedeutenden Faktor im Fremd- und Selbstbild der Region und der im Ruhrgebiet lebenden Menschen geworden.32 Zugleich werden manche ihrer medialen Auftritte als »Nostalgiemaschine« beschrieben.33 Als »mainstreaming of industrial heritage« benennen Stefan Berger, Jana Golombek und Christian Wicke die Entwicklungen in der Industriekultur seit den 1990er Jahren und beschreiben damit eine narrative Verdichtung und zunehmende Vereinheitlichung.34 Die regionale Herausforderung wird dabei in Zukunft darin bestehen, Zeitzeugen nicht zu einem Teil dieser Wirkmechanismen werden zu lassen. Mit den Worten eines Interviewpartners aus »Menschen im Bergbau« formuliert, der frühere Ãberlegungen zur eigenen Zukunft im Kollegenkreis bewusst zugespitzt umschreibt: »Ja, neue Arbeitsplätze können wir ja auch schaffen, indem wir als Museumsbergleute hier durch das Ruhrgebiet wandern, indem wir alle Museum werden. Und dann kann man uns begucken, als verflossene Wirklichkeit. Also das darf es nicht sein.«
Abbildungen
Abb. 18.1 Foto: RuhrFilmZentrum.
Abb. 18.2 Foto: RuhrFilmZentrum.
Abb. 18.3 Foto: Privatbesitz M. Rohde.
Abb. 18.4 Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets.
Das âºEnde des Zeitzeugenâ¹ stand bislang vor allem im Zusammenhang mit den Krisen- und Gewaltgeschichten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vgl. Jan Taubitz: Holocaust Oral History und das lange Ende der Zeitzeugenschaft. Göttingen: Wallstein 2016.
Susanne Abeck: Die Bedeutung von Zeitzeugen für die Narration der Ruhrgebietsgeschichte. Vierter Geschichtskonvent Ruhr. In: H-Soz-Kult, 7.10.2014, online verfügbar unter: http://www.hsozkult.de/event/id/termine-26025 (abgerufen am 1.5.2019); siehe hierzu auch die Beiträge in: Forum Geschichtskultur Ruhr 1/2015, S. 34â42.
Siehe zur Problematik des Begriffs: Veronika Settele/Paul Nolte: Oral History in der deutschen Zeitgeschichte. Lutz Niethammer im Gespräch mit Veronika Settele und Paul Nolte. In: Geschichte und Gesellschaft 43 (2017), S. 110â145; Annette Leo: Der besondere Charme der Integration. Einführende Bemerkungen zu diesem Band. In: Dies./Franka Maubach (Hg.): Den Unterdrückten eine Stimme geben? Die International Oral History Association zwischen politischer Bewegung und wissenschaftlichem Netzwerk. Göttingen: Wallstein 2013, S. 7â20, hier S. 8; Dorothee Wierling: Oral History. In: Michael Mauer (Hg.): Aufriss der historischen Geschichtswissenschaften. Bd. 7: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft. Stuttgart: Reclam 2003, S. 81â151.
Beispielhaft zu nennen sind hier einerseits die Hamburger Werkstatt der Erinnerung als auch das Institut für Geschichte und Biographie an der Fernuniversität Hagen, welches zugleich Herausgeber von BIOS â Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen ist. Seit 2014 besteht zudem das Netzwerk Oral History in Deutschland (NOH).
Vgl. Hans-Ulrich Wehler: Königsweg zu neuen Ufern oder Irrgarten der Illusion? Die westdeutsche Alltagsgeschichte. In: Franz-Josef Brüggemeier/Jürgen Kocka (Hg.): Geschichte von unten â Geschichte von innen. Kontroversen um die Alltagsgeschichte. Hagen: Fernuniversität Hagen 1985, S. 17â47.
Lutz Niethammer (Hg.): Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930 bis 1960. Bd. 1: »Die Jahre weià man nicht, wo man die heute hinsetzen soll«. Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet. Berlin/Bonn: Dietz 1983; Bd. 2: »Hinterher merkt man, daà es richtig war, daà es schiefgegangen ist«. Nachkriegserfahrungen im Ruhrgebiet. Berlin/Bonn: Dietz 1983; Bd. 3: »Wir kriegen jetzt andere Zeiten«. Auf der Suche nach der Erfahrung des Volkes in nachfaschistischen Ländern. Berlin/Bonn: Dietz 1985.
Michael Zimmermann: Ausbruchshoffnung. Junge Bergleute in den DreiÃiger Jahren. In: Niethammer (Hg.): »Die Jahre weià man nicht â¦Â« (Anm. 6), S. 97â132.
Siehe auch Franka Maubach: »Mehr Geschichte wagen«! LUSIR und die ganze Geschichte der Arbeiter im Ruhrgebiet vor, während und nach dem Nationalsozialismus. In: Sprache und Literatur 47 (2018), H. 117, S. 29â57.
Erika Runge: Bottroper Protokolle. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1968.
Britta Caspers: Zwischen literarischer Avantgarde und politischer Aktion. Die Bottroper Protokolle und die Diskussion um dokumentarische, realistische und authentische Literatur. In: Dies. u.â a.: Ruhrgebietsliteratur seit 1960. Eine Geschichte nach Knotenpunkten. Stuttgart: Metzler 2019, S. 87â134, hier S. 91â95.
Ebd., S. 88.
Gabriele Voss: Der zweite Blick. Prosper Ebel. Chronik einer Zeche und ihrer Siedlung. Berlin: Verlag Ãsthetik und Kommunikation 1983, S. 6. Siehe auch den Beitrag von Gabriele Voss im vorliegenden Band.
Der komplette Zyklus ist als DVD-Edition erschienen: Prosper/Ebel. Chronik einer Zeche und ihrer Siedlung 1979â1998. Ein Filmzyklus in sieben Filmen von Christoph Hübner, Gabriele Voss, Theo JanÃen, Werner RužiÄka und Christa Donner. Hg. vom LWL-Medienzentrum für Westfalen. Münster: LWL-Medienzentrum für Westfalen 2018.
Christoph Hübner: Filmarbeit vor Ort. RuhrFilmZentrum 1978â1982. Drei, bald vier Jahre Filmarbeit in einer Region. In: Bert Hogenkamp (Hg.): Bergarbeiter im Spielfilm. Oberhausen: Laufen 1982, S. 126â133, hier S. 129.
Voss: Der zweite Blick (Anm. 12), S. 10.
Jaimi Stüber: Textbuch zum Filmzyklus »Lebensgeschichte des Bergarbeiters Alphons S.«. Ein Bio-Interview in acht Filmen. Bremen: Universität Bremen 1980; Alphons Stiller/Christoph Hübner/Gabriele Voss: Lebens-Geschichte des Bergarbeiters Alphons S. Ein Bio-Interview in acht Teilen. Hg. vom LWL-Medienzentrum für Westfalen. Münster: LWL-Medienzentrum für Westfalen 2018.
Sergej Tretjakow: Den Schi-Chua. Die Geschichte eines chinesischen Revolutionärs. Bio-Interview. Aus dem Russischen von Alfred Kurella. Darmstadt: Luchterhand 1974.
Vgl. Dirk Hallenberger: Vom Hochlarmarker Lesebuch zur Oral-History-Forschung im Ruhrgebiet. Lebensgeschichte(n) von unter und über Tage. In: Caspers u.â a.: Ruhrgebietsliteratur seit 1960 (Anm. 11), S. 283â326, hier S. 286; Sven Lindqvist: Grabe wo du stehst. Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte. Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. 1989.
Stadt Recklinghausen (Hg.): Hochlarmarker Lesebuch. Kohle war nicht alles. 100 Jahre Ruhrgebietsgeschichte. Bergarbeiter und ihre Frauen aus Recklinghausen-Hochlarmark haben in Zusammenarbeit mit dem kommunalen Stadtteilkulturreferat ihre Geschichte aufgeschrieben. Oberhausen: Asso 1981.
Erich Wolfram: Vorwort. In: Stadt Recklinghausen (Hg.): Hochlarmarker Lesebuch (Anm. 19), S. 4.
Vgl. zum Begriff des Zeitzeugen: Sabrow Martin/Norbert Frei: Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945. Göttingen: Wallstein 2012.
Olge Dommer/Dagmar Kift: Keine Herrenjahre. Jugend im Ruhrbergbau 1898â1961. Das Beispiel Zeche Zollern II/IV. Essen: Klartext 1998.
Martin Rosswog: Schichtaufnahmen. Erinnerungen an die Zeche Zollern II/IV. Essen: Klartext 1994.
Jana Flieshart/Jana Golombek (Hg.): RevierGestalten. Von Orten und Menschen. Essen: Klartext 2018.
Vgl. Dagmar Kift/Olaf Schmidt-Rutsch: Tonband â Vitrine â Digitalisat. Das Erinnerungsarchiv des LWL-Industriemuseums. In: Westfälische Forschungen 65 (2015), S. 283â292; Ders.: Arbeit â wie sie nicht im Buche steht. Das Erinnerungsarchiv Industriearbeit des LWL-Industriemuseums. In: Ferrum 91 (2019), S. 102â108.
Janne Günter: Mündliche Geschichtsschreibung. Alte Menschen im Ruhrgebiet erzählen erlebte Geschichte. Mülheim an der Ruhr: Westarp 1982; Jutta de Jong (Hg.): Kinder, Küche, Kohle â und viel mehr! Bergarbeiterfrauen aus drei Generationen erinnern sich. Essen: Klartext 1991.
Mittlerweile fanden Videosequenzen aus dem Projekt Einzug in wissenschaftliche Arbeiten und museale Präsentationen, wie beispielsweise der neuen Dauerausstellung des Deutschen Bergbau-Museums oder der Sonderausstellung »Wandel is immer« im Nordsternturm Gelsenkirchen.
Zwischen 2014 und 2018 dokumentierte die Volkskundliche Kommission des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) unter der Leitung von Thomas Schürmann mittels Interviews das Ende des Steinkohlenbergbaus in Ibbenbüren. Vgl. Thomas Schürmann (Hg.): Anthrazit. Ibbenbürener Bergbaukultur im Spiegel lebensgeschichtlichen Erzählens. Münster: Waxmann 2020.
https://menschen-im-bergbau.de/menschen (abgerufen am 3.3.2019).
Stefan Moitra/Jens Adamski/Katarzyna Nogueira: Erfahrung, Erinnerung, Erzählung. Potenziale einer Oral History für die Bergbaugeschichte heute. In: Der Anschnitt 71 (2019), S. 93â105.
Dorothee Wierling: Zeitgeschichte ohne Zeitzeugen. Vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis â drei Geschichten und zwölf Thesen. In: BIOS â Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 21 (2008), H. 1, S. 28â36.
Stefan Berger: Industriekultur und Strukturwandel in deutschen Bergbauregionen nach 1945. In: Dieter Ziegler (Hg.): Rohstoffgewinnung im Strukturwandel. Der deutsche Bergbau im 20. Jahrhundert. Münster: Aschendorff 2013, S. 571â601.
Bettina Jäger: Tagung in Dortmund: Bestimmt die »Nostalgiemaschine« das Bild des Bergbaus? In: Ruhrnachrichten, 1.3.2018, online verfügbar unter: https://www.ruhrnachrichten.de/nachrichten/bestimmt-die-nostalgiemaschine-das-bild-des-bergbaus-1261488.html (abgerufen am 1.5.2019).
Stefan Berger/Jana Golombek/Christian Wicke: A post-industrial Mindscape? The Mainstreaming and Touristification of Industrial Heritage in the Ruhr. In: Dies. (Hg.): Industrial Heritage and Regional Identities. New York: Routledge, Taylor & Francis 2018, S. 74â94.