Einleitung
Der Steinkohlenbergbau, die Bergleute und ihre Arbeit unter Tage haben die Wahrnehmungen und Deutungen des Ruhrgebiets als Arbeitslandschaft, als Industrielandschaft und heute als Industriekulturlandschaft entscheidend mit geprägt. Auch nachdem der aktive deutsche Steinkohlenbergbau mit einem Festakt am 21. Dezember 2018 auf der letzten Zeche im Ruhrgebiet, Prosper/Haniel in Bottrop, endgültig ausgelaufen ist, werden die Erinnerungen an den Bergbau wohl noch länger prägend für die Region sein und ihre Wahrnehmung innerhalb und außerhalb des Ruhrgebiets maßgeblich mitbestimmen. Visuelle Erinnerungen und Rückblicke, vor allem filmische Reflexionen über die Bedeutung des Bergbaus im Ruhrgebiet stellen dabei einen wichtigen Teil heutiger Erinnerungskulturen und -diskurse dar.1
Dabei war die Welt unter Tage der breiten Bevölkerung nicht zugänglich und damit nicht unmittelbar erfahrbar. Insofern kam und kommt vor allem heute der medialen Vermittlung dieser charakteristischen Welt über die Literatur, die Fotografie oder nicht zuletzt den Film eine entscheidende Bedeutung für deren Wahrnehmung und Deutung zu. Entsprechende Bilder wurden in der Vergangenheit von einer Vielzahl von Akteuren in verschiedenen Kontexten produziert, und natürlich fand sich darunter nicht zuletzt auch die Bergbauindustrie selbst. Das gilt gerade für das Jahr 2018, in dem Bilder und Filme vom Bergbau auf ungezählten Veranstaltungen und in unterschiedlichsten Kontexten präsentiert worden sind. Inwieweit und in welcher Weise dies dazu beigetragen hat und weiter dazu beitragen wird, den Bergbau über die Zeit der aktiven Förderung hinaus als einen zentralen Erinnerungsort bzw. Zeit-Raum des Ruhrgebiets langfristig im kollektiven Gedächtnis zu verankern, ist heute nur schwer zuverlässig abzusehen. Das gilt zumal für jüngere Generationen, die den Bergbau kaum mehr als aktive Industrie aus eigener Anschauung, sondern im Wesentlichen nur mehr oder minder abstrakt vermittelt, aus Erzählungen und Medien kennengelernt haben.
Ebenso schwierig scheint eine zuverlässige und differenzierte Antwort auf die Frage nach den Auswirkungen von Bildern und Filmen auf individuelle und gesellschaftliche Wahrnehmungen und Deutungen. Man kann sie keineswegs in Abrede stellen, aber die Frage ist, wie man diese Wirksamkeit wissenschaftlich valide misst und nachweist, scheinen doch die methodischen Probleme einer historischen Medienwirkungsforschung nur schwer überwindbar. Ebenso problematisch scheint die Vorstellung eines gleichsam verbindlichen Bildkanons, gibt es doch immer auch widerspenstige Bilder, die sich dem Mainstream teils offen, nicht selten auch subversiv entziehen. Insofern ist eine Leitfrage der interdisziplinären Tagung »Leben in der Arbeitslandschaft. Narrationen des Ruhrbergbaus«, wie sehr Fotografie, Film, Literatur und museale Vermittlung die Vorstellungswelt im und vom Ruhrgebiet breitenwirksam und nachhaltig geprägt haben, nur näherungsweise zu beantworten.
Ein Weiteres kommt hinzu: Der Bergbau war ein beliebtes Sujet in vielen unterschiedlichen Filmgenres und wurde mithin in den je spezifischen Deutungsmustern und mit den je spezifischen Stilmitteln aufgeladen. Vor diesem Hintergrund versucht der Beitrag einen weiten Bogen zu spannen. Im Zentrum stehen die interessengeleiteten Inszenierungen des Bergbaus und der Bergleute in den Industriefilmen der Branche aus den 1930er bis 1960er Jahren. Auf dieser Grundlage sollen dann vergleichende Seitenblicke auf die Inszenierungen im Spielfilm Kameradschaft (1931), im Dokumentarfilm Das Alte und das Neue (1998) sowie in der TV-Produktion Der lange Abschied von der Kohle (2017) geworfen werden. Die Schwierigkeiten solch eines exemplarischen und damit sehr lückenhaften, zeit- und genreübergreifenden und hier notwendigerweise wenig differenzierten Blicks liegen auf der Hand. Gleichwohl soll versucht werden, eine paar vorläufige vergleichende Gedanken zu formulieren.
Selbstinszenierungen der Branche im Industriefilm
Die Bergbauindustrie war mit ihren Unternehmen und vor allem mit ihren Verbänden ein zentraler Produzent visueller und audio-visueller Bergbau-Darstellungen. Das gilt insbesondere für die durch die Industrie beauftragten oder selbst produzierten Industriefilme, die ihre hohe Zeit in den 1950er und 1960er Jahren erlebten. Wie andere Industriebranchen nutzte auch der Bergbau das Medium Film seit den 1920er Jahren zu vielfältigen Zwecken: zur Selbstdarstellung, zur Werbung für den Bergmannsberuf und den Gebrauch von Kohle, zu Lehrzwecken in den Betrieben und der Öffentlichkeit oder zur Dokumentation betrieblicher Anlagen und Produktionsprozesse. Die Vielfalt der historischen Verwendungskontexte spiegelt sich in der umfangreichen Filmsammlung des Bergbau-Archivs Bochum des Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum als dem überregionalen Branchenarchiv für die deutsche Bergbauindustrie wider.2
Wichtig scheint der Hinweis, dass es sich um Gebrauchsfilme handelt. In der klassischen Differenzierung zwischen Spiel- und Dokumentarfilmen sind Industriefilme zwar der letztgenannten Gattung zugeordnet, sollten allerdings aufgrund ihrer spezifischen Entstehungs- und Verwendungskontexte als eigenständige Kategorie analysiert werden. In diesem Sinn hat Yvonne Zimmermann Industriefilme prägnant als »Gebrauchsfilme der Wirtschaft im Dienst der Wirtschaft« charakterisiert, in denen Auftragsproduktionen und Auftraggeber dominieren.3 Weniger der Autor bzw. Urheber eines Filmes, sondern vorrangig der Auftraggeber definiert Botschaften, Verwendung und Adressaten. Ein künstlerischer Anspruch verbindet sich mit dem Gros dieser Gebrauchsfilme kaum, ist allenfalls willkommenes Beiwerk.4 Als Gebrauchsfilme sind Industriefilme in umfassendere, auch andere Medien nutzende Kampagnen und Kommunikationsstrategien von Unternehmen und Verbänden eingebunden und dienen in diesen Kontexten u. a. der Erzeugung von Konsens und Kooperationsbereitschaft im eigenen Unternehmen wie auch im sozialen, politischen und wirtschaftlichen Umfeld.
Im vorliegenden Zusammenhang sollen vorrangig ausgewählte Repräsentations- bzw. Imagefilme des Steinkohlenbergbaus im Ruhrgebiet von Interesse sein, da sie sich an eine breitere und ganz überwiegend bergfremde Öffentlichkeit wandten. Dabei vermischt sich die allgemeinere, positive Selbstdarstellung oftmals mit ganz konkreten Zwecken, vorrangig der Anwerbung von beruflichem Nachwuchs. Zu erwähnen sind aber auch die sogenannten Kulturfilme sowie die Lehr- und Bildungsfilme, die vorrangig für Schulen und Bildungseinrichtungen produziert worden sind. Hier trat die Bergbauindustrie zwar nicht direkt als Auftraggeber oder Produzent in Erscheinung, allerdings hat sie gerade solche Filme häufig initiiert, auch mitfinanziert und in der Regel fachlich begleitet. Angesichts der Unzugänglichkeit und der Komplexität des Bergbaubetriebs konnte sie dadurch den Bilderfluss in einem hohen Maße steuern, sodass man das Einflusspotential solch einer fachlichen Beratung auf Inhalt und Aussage nicht unterschätzen sollte.
Doch zurück zu den Repräsentationsfilmen. Kurz gefasst kann man ihre zentralen Botschaften wie folgt zusammenfassen: Als leistungsfähiger Produzent des unverzichtbaren Rohstoffs Kohle präsentierte sich der Steinkohlenbergbau durchaus auch und gerade in der Kohlenkrise selbstbewusst als kraftvoller Motor der deutschen Wirtschaft, des Wiederaufbaus nach 1945 und des wirtschaftlichen Wohlstands. Der heimische Rohstoff Kohle, so die Botschaft, sei Garant für eine sichere Energieversorgung des Industrielands Deutschland. Damit beanspruchte der Bergbau implizit einen Sonderstatus gegenüber anderen Branchen. Zugleich war dies eine Begründung für den erheblichen Aufwand, der für die industrielle Gewinnung von Steinkohle notwendig war und betrieben wurde, sowie für die damit verbundenen Folgen für die Umwelt.
Zentraler Bezugspunkt in diesen Filmen ist dabei in der Regel das Bergwerk als ein komplexes, in sich geschlossenes System, dessen Zuschnitt grundlegend von der Lagerstätte bestimmt wird. Für die breite Öffentlichkeit ist es vornehmlich über seine Anlagen über Tage und hier zuerst über Fördergerüste und -türme erkennbar. Als weithin sichtbare und markante Dominanten haben vor allem sie Wahrnehmung und Deutung des Bergbaus und darüber hinaus des Ruhrgebiets als eine von der Montanindustrie dominierte Landschaft nachhaltig geprägt. Die Bergbauindustrie hat nicht zuletzt über ihre Filme hierzu zentrale Bildformeln und Deutungsangebote beigesteuert.
Typische Beispiele sind etwa der Blick durch eine drehende Seilscheibe auf die umgebende, pulsierende und dynamische Industrielandschaft oder aber das sogenannte Industriekulissenbild (Abb. 17.1), das die harmonische Vereinbarkeit von Bergbauindustrie und Natur suggeriert.5 In den 1930er Jahren wurde das Spannungsverhältnis noch durch eine pathetische Begeisterung über die Überformung der ursprünglichen Naturlandschaft und die Formung einer gigantischen Industrielandschaft durch den Menschen in Gestalt des Bergmanns aufgelöst. So zum Beispiel in Kohle. Ein Film vom Ruhrbergbau (1934), der von der Universum Film AG mit fachlicher Beratung des Vereins für die bergbaulichen Interessen als dem Branchenverband des Ruhrbergbaus produziert worden ist:



Industriekulissenbild der Zeche Minister Stein, 1937
Wenn je der Mensch einer Landschaft seinen Willen aufzwang, ihre Gestalt, ihr Gesicht nach seinen Willen formte, dann tat er es hier, in dem Land an der Ruhr. Der Tiefe des Bodens wollte und mußte er den lang gehüteten Schatz entreißen – Kohle. Um Kohle zu heben, zerriß er ihr Antlitz.6
Seit den ausgehenden 1950er Jahren korrigierte dann zunehmend das Bild vom grünen und idyllischen Ruhrgebiet, in das sich die Bergwerke harmonisch einfügen, das Bild vom sogenannten Kohlenpott. In dem im Auftrag des Unternehmensverbands Ruhrbergbau produzierten Film Männer vor Kohle (1960) wird die prägende Kraft des Bergbaus auf die ihn umgebende Landschaft, vor allem auch auf die Gesellschaft in harmonisierender Absicht thematisiert.7 Der Film kontrastiert die Arbeit unter Tage – verstärkt durch Kommentar und musikalische Untermalung – mit einer beinahe idyllisch anmutende Welt der Freizeit. In Stil und Duktus erinnert er an zeitgenössische TV-Reportagen. Und tatsächlich stammte sein Konzept von den bekannten Journalisten Rüdiger Proske und Max Rehbein. Auf diese Weise sollte er wohl für ein breiteres Publikum attraktiv gemacht werden, und es sollte wohl auch verschleiert werden, dass er vornehmlich als Werbung für den Bergmannsberuf gedacht war.
Eine »Fahrt durch das Ruhrgebiet«, die visuell an eine ähnliche Szene in dem knapp 40 Jahre später entstandenen Film Das Alte und das Neue (1998) erinnern mag, die hier aber gänzlich anders aufgeladen ist, hebt nicht nur die landschaftsprägende Kraft des Bergbaus in Form von modernen Wohnbauten mit ihrem »Lebenskomfort für Bergleute von heute« hervor. Als neue Heimat für die in den Nachkriegswirren nach 1945 massenhaft in das Ruhrgebiet gekommenen Flüchtlinge und Vertriebenen werden die Wohnbauten auch räumliche Bezugspunkte für die soziale und gesellschaftliche Prägekraft des Bergbaus und der Bergarbeit. Der Kommentar charakterisiert den Bergbau als einen »der großen Schmelztiegel, in dem Menschen der verschiedensten Herkunft und Lebensart geformt wurden zu einer Gruppe, die sich in ihrem Beruf zusammengehörig fühlt und verhaftet ist mit dieser Landschaft«. Damit beschwört er den bis heute mehr oder minder lebendigen Mythos vom »Schmelztiegel Ruhrgebiet« und knüpft gleichzeitig an das traditionelle Narrativ von der besonderen Kameradschaft und Solidarität unter den Bergleuten an.
Damit sind als weitere zentrale Bezugspunkte die Sonderbedingungen bergbaulicher Produktion und die durch sie bestimmte, eigenartige und für die bergfremde Bevölkerung geheimnisvolle Arbeitswelt unter Tage angesprochen.8 Rahmender Handlungsstrang zur Vermittlung der untertägigen Arbeitswelt war in den frühen Filmen zunächst eine inszenierte Grubenfahrt. Start- und Endpunkt ist klassischerweise die Kaue über Tage, die in ihrer räumlichen Eigentümlichkeit zu einem Bestandteil der untertägigen Arbeitswelt wird. Unter Tage werden die staunenden Besucher von den Bergleuten als Experten in die als geheimnisvoll inszenierte Tätigkeit des Bergmanns eingeführt, oft in Form eines Frage-Antwort-Dialogs zwischen Bergbaukundigen und Laien. Die damit verbundene Hierarchisierung zwischen Experten und unkundigen Bergfremden erwies sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs aber als immer weniger zeitgemäß. Zunehmend begleitete der Zuschauer jetzt einen Bergmann bei einer typischen Arbeitsschicht. Damit wurde ihm zugleich ein Identifikationsangebot unterbreitet, das die vormalige scharfe Trennung zwischen Bergleuten und Bergfremden tendenziell aufhob.
Die filmischen Inszenierungen des Bergmanns als meist anonym bleibenden Stereotypen sind von immer wiederkehrenden Topoi bestimmt. Er sei durch die Sonderbedingungen bergbaulicher Produktion und die Arbeitswelt unter Tage geprägt, er wird mit seinen charakteristischen Eigenarten als Vertreter eines ganz besonderen Berufsstandes dargestellt und von anderen Berufen abgehoben (Abb. 17.2). Dieses Narrativ knüpft an die traditionelle symbolische Überhöhung des Bergmannsstandes an, die dann durch seine Heroisierung im Kontext der NS-Propaganda überformt und ideologisch zugespitzt wurde.



Betont werden die besondere Kameradschaft, die Solidarität, der manchmal raue, aber unkomplizierte Umgang untereinander, die historische Tradition des Berufs und der Stolz der Bergleute auf ihre schwierige und anspruchsvolle Arbeit unter Tage, wo sie den Naturgewalten trotzend den volkswirtschaftlich so wichtigen Rohstoff Kohle gewinnen. Bergleute leisten demnach einen wichtigen Beitrag für die Volkswirtschaft und das Gemeinwohl. Sie sind gut bezahlte, tüchtige, kompetente und gemeinschaftsorientierte Männer, die mitten im Leben stehen – sie sind eben »ganze Kerle«, wie es 1960 in Männer vor Kohle hieß. Diese Zuschreibungsmuster unterlagen im Zeitverlauf im Prinzip nur wenigen Veränderungen. War allerdings die harte körperliche Arbeit bis Mitte des 20. Jahrhunderts und vor allem in der NS-Zeit noch ein gern betontes Wesensmerkmal, so wurde sie nach Kriegsende nur noch beiläufig thematisiert. Jetzt erschien der Bergmann zunehmend nur noch als kompetenter Bediener und Kontrolleur moderner Maschinen.
Diese spezifischen Eigenschaften der Bergleute werden mit verschiedenen Bild- und Sprachformeln in Szene gesetzt. Auf visueller Ebene ist die Darstellung von Bergleuten mit von Kohlenstaub geschwärztem Gesicht typisch, und gerade solche Bilder sind in den allgemeinen Bildkanon der Region eingeflossen und standen gleichsam stellvertretend für das Ruhrgebiet insgesamt. Ebenfalls zu nennen sind charakteristische, beinahe rituell inszenierte Handlungsweisen wie die Einnahme von Schnupftabak, das sogenannte Buttern oder das gegenseitige »Buckeln« in der Waschkaue (Abb. 17.3). Vielleicht noch häufiger aber wurden die Besonderheiten der Bergleute und ihrer Arbeitswelt mit sprachlichen Mitteln herausgestellt. Typisch sind eine im doppelten Wortsinn kumpelhafte Umgangssprache, die die Bergleute bzw. Protagonisten in den Filmen pflegten, oder auch der weithin bekannte Bergmannsgruß »Glückauf«.



Mit derlei Zuschreibungen versuchte die Bergbauindustrie zum einen den sozialen Status und das gesellschaftliche Ansehen des Bergarbeiters in der Öffentlichkeit und damit die Attraktivität des Berufs zu steigern. Zum anderen richteten sie sich aber auch an die eigenen Zechenbelegschaften, deren Motivation und innerer Zusammenhalt gestärkt werden sollte. Festzuhalten bleibt, dass sich die Darstellungen und Deutungen in den Filmen der Bergbauindustrie und im allgemeinen Bildrepertoire in vielerlei Hinsicht gleichen, in den Industriefilmen allerdings bergbauspezifisch und an den jeweiligen Primärzwecken ausgerichtet konzeptualisiert und funktionalisiert werden. Eine differenzierte Betrachtung der Wechselwirkungen zwischen industriellen Bild- und Deutungsangeboten und dem allgemeinen regionalen Bildrepertoire bedarf allerdings weitergehender Untersuchungen.
Bergbau und Bergleute im Spiel- und Dokumentarfilm
Kameradschaft (1931)
Bergbau und Bergleute waren schon sehr früh ein beliebtes Sujet im Spiel- und Dokumentarfilm.9 Ein Beispiel ist der Spielfilm Kameradschaft (1931) von Georg Wilhelm Pabst. Der Film ist von der zeitgenössischen Kritik vor allem für seinen dokumentarischen Charakter und die Darstellungen unter Tage gelobt worden, wobei allerdings gerade diese Szenen nicht in einem realen Bergwerk, sondern in einem Berliner Studio entstanden sind.10
Kameradschaft bezieht sich auf die historischen Ereignisse um das Grubenunglück im nordfranzösischen Courrières im Jahr 1906, verlagert die Zeit der Handlung aber in die späte Weimarer Republik und den Ort der Handlung in ein fiktives Kohlenrevier an der deutsch-französischen Grenze. Damals, im Jahr 1906, hatten tatsächlich deutsche Rettungstruppen die Bergungsarbeiten in Frankreich unterstützt, was in der spannungsgeladenen internationalen Situation im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg zu einer mehrstimmigen Mythenbildung genutzt worden ist. Pabsts Kameradschaft greift aber auch die der Arbeitswelt unter Tage und den Bergleuten zugeschriebenen Topoi auf. Allerdings deutet er sie zugunsten seiner zentralen Botschaft einer grenzüberschreitenden Solidarität unter Bergleuten und einer die nationalen Grenzen und Ressentiments überwindenden Völkerverständigung aus. Ein Beispiel ist die Szene in der Kaue als einem spezifischen Ort der bergmännischen Arbeitswelt. Hier fassen die deutschen Bergleute nach nur kurzer Zeit den Entschluss, ihren verunglückten französischen Kameraden zu Hilfe eilen zu wollen. In den Filmen der Bergbauindustrie ist die Kaue vorrangig der Ort, in dem der bergfremde Zuschauer erstmals mit den Eigentümlichkeiten der Bergarbeit konfrontiert wird und an dem berufstypische Handlungsweisen wie das »Buckeln« vollzogen werden. Pabst hingegen hebt ihre historisch gegebene Bedeutung als Ort der Kommunikation der Bergleute untereinander, als Ort der gemeinsamen Willensbildung und damit jener bergmännischen Solidarität, die auch in den Industriefilmen der Bergbauunternehmen und -verbände so oft zitiert und zuweilen beschworen wird, hervor. Allerdings wird sie hier allein aus der Besonderheit der untertägigen Arbeitswelt hergeleitet und darauf bezogen. Die Rolle der Kaue und der bergmännischen Solidarität in den gerade im Bergbau zahlreichen Arbeitskonflikten wird faktisch ausgeblendet.
Das Alte und das Neue (1998)
Ein gänzlich anderer Film ist Das Alte und das Neue von Christoph Hübner und Gabriele Voss, der in den Jahren 1995 bis 1998 entstanden ist und als bislang letzter Dokumentarfilm den Ende der 1970er Jahre begonnenen Zyklus Proper/Ebel. Chronik einer Zeche und ihrer Siedlung fortsetzt.11 Der Film zeigt seine Bilder und die Aussagen seiner Protagonisten unkommentiert, lediglich mit Musik unterlegt. Das Alte und das Neue versteht sich als eine filmisch-ethnografische Langzeitstudie über ein vom Bergbau bzw. vom Bergwerk geprägtes Sozialmilieu und über dessen Veränderungen infolge der Kohlenkrise und des Strukturwandels.12
Gezeigt werden sollte die Lebenswelt der Bergleute, hier in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, als die Diskussion über den Fortbestand des subventionierten Steinkohlenbergbaus wieder einmal neu entbrannt war. Der Kohlepfennig wurde nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts Ende 1995 abgeschafft, vorrangig die FDP und der damalige Bundeswirtschaftsminister Jürgen Möllemann drängten auf einen schnelleren Abbau der Subventionen. Im März 1997 verständigte sich eine weitere Kohlerunde auf eine schrittweise Reduzierung der Beihilfen und damit faktisch auf einen forcierten Schrumpfungsprozess. Der Film zeigt die Proteste der Bergleute – u. a. das berühmte »Band der Solidarität« – und ihre Ernüchterung über den Beschluss der Kohlerunde. In ihren Selbstäußerungen prognostizierten die Bergleute realistisch einen weiter anhaltenden Schrumpfungsprozess mit all seinen bekannten Folgen, ohne dass allerdings der Fortbestand eines aktiven Steinkohlenbergbaus grundsätzlich angezweifelt worden ist. Alle zeigten sich überzeugt, dass langfristig ein Sockelbergbau erhalten bleiben würde – das inzwischen erfolgte Auslaufen des Steinkohlenbergbaus lag noch außerhalb der Vorstellungskraft. Der Bergbau war also noch als lebendige Branche präsent. Das Alte war noch nicht vergangen, das Neue noch nicht etabliert.
Es waren wohl diese Zeitumstände und der spezielle dokumentarische und filmische Ansatz der Filmautoren in ihrer Zeit, die die Thematisierung der bekannten Topoi aus dem Bergbau und dem Ruhrgebiet bestimmten. Die Kaue und das Büdchen kommen ebenso vor wie der Tauben- oder der Kaninchenzüchter. Allerdings entkleidet der Film diese Topoi durch seine nüchtern-sachliche Darstellung ihrer früheren romantisierenden und symbolbefrachteten Überhöhung und entmythologisiert sie gleichsam. Ein Beispiel ist die Darstellung des Bergmanns und der Bergarbeit unter Tage. Der Bergmann erscheint dabei nicht wie ehedem als berufsstolzer, zupackender Produzent der Kohle. Wenn er meistens alleine durch die dunklen Strecken läuft, entsteht eher ein Eindruck der Verlorenheit. Sein Arbeitsgerät ist jetzt nicht mehr der Abbauhammer, sondern das Telefon, sein Arbeitsplatz nicht mehr vor Kohle, sondern ein Büro unter Tage (Abb. 17.4). Von seinem früheren Heldenstatus ist nichts mehr zu spüren. Der Bergmann unter Tage steht vollends für das Alte, wenn die Filmbilder, die ihn bei seinem einsamen Gang durch dunkle Strecken zeigen, mit Tonaufnahmen von der Eröffnung des Movie-Parks in Bottrop kontrastiert werden.



Ausschnitt aus Das Alte und das Neue, 1998
Ganz ähnlich äußert sich das durchaus widersprüchliche und spannungsgeladene Nebeneinander von Altem und Neuem in den Sequenzen über eine Veranstaltung auf der Halde in Bottrop mit dem damals gerade neu erbauten Tetraeder. Während ein Festredner die Neugestaltung der Halde als beispielgebend für den Umgang mit dem industriellen Erbe und als einen wichtigen Schritt im Strukturwandel des Ruhrgebiets feiert, ist im Hintergrund Protestlärm zu hören. Der grundlegende Wandel von einer Industrielandschaft hin zu einer Industriekulturlandschaft war in der allgemeinen Wahrnehmung offenbar noch nicht umfassend angekommen und angenommen.
Der lange Abschied von der Kohle (2017)
Im Jahr 2018, zwanzig Jahre nach der Produktion von Das Alte und das Neue, ist das Auslaufen des deutschen Steinkohlenbergbaus Realität geworden. Auch Industriedenkmale und Industriekultur sind inzwischen zu einem offenkundig weitgehend akzeptierten Teil einer vergangenheitsbezogenen kollektiven Erinnerungskultur und damit zugleich einer wie auch immer beschaffenen Ruhrgebietsidentität geworden. Das Auslaufen des Steinkohlenbergbaus sollte mit dem umfangreichen Veranstaltungsprogramm »Glückauf Zukunft« der RAG-Stiftung »würdig« gestaltet werden und erfuhr gerade und vorrangig im Ruhrgebiet eine breite öffentliche und mediale Aufmerksamkeit.13 Auch eine Reihe von Dokumentarfilmen widmete sich dem Steinkohlenbergbau und seiner Geschichte. Die im September 2017 in Essen uraufgeführte und durch die Bergbauindustrie unterstützte WDR-Produktion von Werner Kubny und Petra Neukirchen über den »langen Abschied von der Kohle« ist dafür nur ein Beispiel. Der Film würdigt »die Leistungen des Bergbaus, die besonders in den letzten 70 Jahren im Ruhrgebiet erbracht worden sind« und bezieht insofern eindeutig Stellung.14 Er begleitet mit Sympathie betroffene Bergleute, die ihren individuellen Abschied vom Bergbau schildern und dabei immer wieder die besondere Kameradschaft und Solidarität der Bergleute untereinander als ein besonderes und bewahrenswertes Merkmal betonen.
Für eine historische Einordnung und Bewertung der Ereignisse des Jahres 2018 und ihres enormen Widerhalls in den Medien scheint es noch zu früh. In einer ersten Annäherung haben Michael Farrenkopf und Wiebke Büsch jedoch kürzlich mit guten Argumenten darauf hingewiesen, dass den Filmdokumentationen zum Auslaufen des Steinkohlenbergbaus »das Grundprinzip einer übergreifenden historischen Leit-, wenn nicht gar Meistererzählung des Steinkohlenbergbaus als Grundlage einer industriellen Welt der Moderne« zugrunde liegt.15 Dabei scheint es, als hätten mit dem sukzessiven Fortgang des Schrumpfungsprozesses und dem Verschwinden des Bergbaus aus der alltäglichen Erfahrungswelt sowie dann im Jahr des unmittelbar bevorstehenden und dann endgültigen Endes des aktiven Steinkohlenbergbaus die Narrative aus den Industriefilmen der 1950er und 1960er Jahre als Teile einer mehr und mehr nostalgischen Erinnerungs- und Industriekultur eine Renaissance erlebt und die nachdenklicheren und stilleren Töne der 1990er Jahre überlagert.
Abbildungen
Abb. 17.1 Verein für die Bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund (Essen), Foto: Schmidt, montan.dok 024900752001.
Abb. 17.2 Rheinpreußen AG für Bergbau und Chemie, Homberg (Niederrhein), Foto: Paul Kuhnt, montan.dok 070110935401.
Abb. 17.3 Fotograf unbekannt, montan.dok 027900008001.
Abb. 17.4 Foto: RuhrFilmZentrum.
Siehe Stefan Moitra: Nostalgie und dokumentarischer Blick. Vom Ende des Bergbaus im Film. In: Forum Geschichtskultur Ruhr 1/2018, S. 32–36, hier S. 32; allgemein zu den Zeit-Räumen des Ruhrgebiets Stefan Berger u. a.: Erinnerungsgeschichte des Ruhrgebiets – eine Einleitung. In: Dies. (Hg.): Zeit-Räume Ruhr. Erinnerungsorte des Ruhrgebiets. Essen: Klartext 2019, S. 21–42.
Siehe Michael Farrenkopf/Stefan Przigoda: Das Bergbau-Archiv Bochum. In: Manfred Rasch u. a. (Hg.): Industriefilm 1960–1969. Filme aus Wirtschaftsarchiven im Ruhrgebiet. Essen: Klartext 2011, S. 33–35; Stefan Przigoda: Bergbaufilme. Inventar zur Überlieferung in Archiven und anderen Dokumentationsstellen in der Bundesrepublik Deutschland. Bochum: Deutsches Bergbau-Museum Bochum 2005, S. 12–15.
Yvonne Zimmermann: Industriefilme. In: Dies. (Hg.): Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896–1964. Zürich: Limmat 2011, S. 241–381, hier S. 245; siehe Vinzenz Hediger/Patrick Vonderau: Record, Rethoric, Rationalization. Film und industrielle Organisation. In: Dies. (Hg.): Filmische Mittel, industrielle Zwecke. Das Werk des Industriefilms. Berlin: Vorwerk 2007, S. 22–33.
Siehe Yvonne Zimmermann: Dokumentarischer Film: Auftragsfilm und Gebrauchsfilm. In: Dies. (Hg.): Schaufenster Schweiz (Anm. 3), S. 33–139, hier S. 34–42.
Siehe Sigrid Schneider: Images – Bilder vom Ruhrgebiet. In: Dies. (Hg.): Schwarzweiß und Farbe. Das Ruhrgebiet in der Fotografie. Bottrop: Pomp 2000, S. 23–53, hier S. 41.
Siehe Filmbeschreibung in Przigoda: Bergbaufilme (Anm. 2), S. 331 f.
Siehe Filmbeschreibung ebd., S. 352 f.
Siehe zum Folgenden Stefan Przigoda: Grenzziehungen. Bergbau-Darstellungen im Industriefilm. In: Dagmar Kift u. a. (Hg.): Bergbaukulturen in interdisziplinärer Perspektive. Diskurse und Imaginationen. Essen: Klartext 2018, S. 79–89.
Siehe exemplarisch die umfangreiche internationale Filmografie in Bert Hogenkamp (Hg.): Bergarbeiter im Spielfilm. Oberhausen: Laufen 1982, S. 181–260.
Aus der zahlreichen Literatur zu Papsts Film siehe zuletzt Rudolf Tschirbs: Bergarbeit im Film: Über das Spannungsverhältnis zwischen ästhetischen Darstellungsformen und epistemischen Ansprüchen. In: Knud Andresen u. a. (Hg.): Repräsentationen der Arbeit. Bilder – Erzählungen – Darstellungen. Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. 2018, S. 253–272; Ders.: Fromme Lügen – G.W. Pabsts »Kameradschaft« (1931) zwischen filmischer und historischer Wahrheit. In: Michael Farrenkopf/Peter Friedemann (Hg.): Die Grubenkatastrophe von Courrières 1906. Aspekte transnationaler Geschichte. Bochum: Deutsches Bergbau-Museum Bochum 2008, S. 189–201; Stefan Przigoda: »Kameradschaft« und Bergbauindustrie. Anmerkungen zur Entstehung und Rezeption des Filmes von G.W. Pabst. In: ebd., S. 174–188.
Der siebenteilige Filmzyklus (1979–1998) ist 2018 in einer Kooperation von RuhrFilmZentrum und LWL-Medienzentrum für Westfalen, Münster, als DVD-Edition veröffentlicht worden. Siehe den Beitrag von Gabriele Voss im vorliegenden Band.
Siehe Moitra: Nostalgie und dokumentarischer Blick (Anm. 1), S. 34 f.; Christoph Hübner: Filmarbeit vor Ort. RuhrFilmZentrum 1978–1982. Drei, bald vier Jahre Filmarbeit in einer Region. In: Hogenkamp (Hg.): Bergarbeiter im Spielfilm (Anm. 9), S. 126–133.
Siehe Berger u. a.: Erinnerungsgeschichte des Ruhrgebiets (Anm. 1), S. 36.
https://www.abschied-von-der-kohle.de (abgerufen am 18.9.2020).
Michael Farrenkopf/Wiebke Büsch: Zwischen Fördergemeinschaft, Lampenbörse und Zechenchronik. Formen und Konjunkturen einer Public Mining-History im westfälischen Ruhrgebiet. In: Westfälische Forschungen 69 (2019), S. 267–294, hier S. 291.