Wie kaum ein anderer Begriff ist der des Wandels dem Ruhrgebiet zu eigen, ihm geradezu seit seiner Entstehung eingeschrieben: Es ist nämlich, so Hans Heinrich Blotevogel, weder »eine naturräumliche Einheit« noch »auf ein historisches Territorium zurück[zu]führen«, ja, es gab zu Beginn des 19. Jahrhunderts »das ›Ruhrgebiet‹ weder als Begriff noch als siedlungs- und wirtschaftsräumliche Einheit«.1 Erst mit Beginn der Industrialisierung bildet sich das Ruhrgebiet allmählich heraus und mit ihm so etwas wie eine regionale Identität, die auch heute noch nicht fest umrissen ist und in der Forschung diskutiert wird.2
Ein signifikantes Indiz dafür ist der Terminus ›Ruhrgebiet‹. Bei der, soweit derzeit zu sehen, ersten im Druck überlieferten Verwendung dieses Worts im Jahr 1854 meint ›Ruhrgebiet‹ in Joseph Meyers Conversations-Lexicon noch das Einzugsgebiet der Ruhr, das von dem der Lippe abgegrenzt, aber bereits als »durch Industrie ausgezeichnet« charakterisiert wird.3 Für 1867 lässt sich in der Real-Encyklopädie des Brockhaus-Verlags die überregionale terminologische Verwendung von ›Ruhrgebiet‹ im Sinne von ›Steinkohleabbauregion‹ nachweisen4, deren geografische Abgrenzung jedoch erst 1895 in Brockhaus’ Konversations-Lexikon näherhin, dann aber bereits ungefähr im heutigen Verständnis, bestimmt wird5. Im berufssprachlichen Kontext ist ›Ruhrgebiet‹ als sowohl den westfälischen als auch den rheinischen Teil des Kohleabbaugebiets umfassende Region 1871 belegt.6 Der allgemeine Sprachgebrauch ist in den Jahrzehnten vor und nach der Jahrhundertwende noch unsicher, schwankt zwischen Ausdrücken wie ›Ruhrbecken‹, ›Ruhrkohlengebiet‹, ›Ruhrkohlenrevier‹, ›Rheinisch-westfälisches Industriegebiet‹, ›Rheinisch-westfälisches Kohlenbecken‹.7 Hans Heinrich Blotevogel hat Indizien dafür gesammelt, dass sich der Name ›Ruhrgebiet‹ »zur Benennung der Wirtschafts- und Siedlungsagglomeration im heutigen Sinne« etwa um 1930 durchgesetzt hat.8 Dem entspricht die erstmalige Lemmatisierung in der zehnten Auflage des Duden von 1929. Gleichwohl deuten die wissenschaftliche und die didaktische Verwendung des Terminus ›Ruhrgebiet‹ in seinem heutigen Verständnis darauf hin, dass er bereits zuvor breite Verwendung fand.9
Das Ruhrgebiet erlebt seitdem weitere tiefgreifende Wandlungen: Von der Etablierung der chemischen Industrie in den 1920er Jahren an ändert sich die Wirtschaftsstruktur beständig. Mit der Kohlenkrise, deren Beginn sich mit der Schließung der Bochumer Zeche Lieselotte 1958 etikettieren lässt, beginnt der Abschied von der Ära der Montanindustrie. Auch der in den 1960er Jahren gestartete Versuch, im großen Stil verarbeitende Industrie zu etablieren, ist bereits wieder Geschichte.10 Treffenderweise spricht Werner Abelshauser vom »lange[n] Abschied des Industriezeitalters«.11 Die Schließung der letzten Zeche im Ruhrgebiet, Prosper-Haniel in Bottrop, im Jahr 2018 ist die symbolträchtige Marke für die Ankunft in postindustriellen Zeiten.
Vor diesem hier nur angerissenen Hintergrund stellt sich die Frage nach der regionalen Identität, die in der Forschung nach wie vor diskutiert wird.12 Gibt es eine ›Heimat‹ Ruhrgebiet?
»Der Begriff ›Heimat‹«, so hat Andreas Schumann aus gutem Grund angemerkt, »scheint im kulturellen Interesse […] eine black box darzustellen, in der die unterschiedlichsten Inhalte verschwinden und transformiert werden.«13 Im Nationalsozialismus ist der Begriff »gründlich diskreditiert«14 worden, indem er in den Dienst der Blut-und-Boden-Ideologie genommen wurde. Dies war nicht zuletzt deshalb möglich, weil bereits um die Jahrhundertwende in einem ebenso nationalistischen wie antimodernen Sinn der ›Heimat‹-Begriff eine Prägung erhielt, die ihn im nationalsozialistischen Sinn anschlussfähig machte.15 Die idyllisierende Darstellung in Heimatfilmen und Trivialromanen hat ein übriges dazugegeben, dass der Begriff ›Heimat‹ bis hinein in die 1970er Jahre in der Germanistik kaum mehr Beachtung fand.16
Gleichwohl hat sich, so Rainer Piepmeier, ein neuer Begriff von »Heimat als Bereich realer Lebenswelt«17 entwickelt, der sich nicht mehr kompensatorisch auf die Vergangenheit bezieht, sondern »als gestaltete Welt, als zu gestaltende Welt«18 eine »Nahwelt« meint, die der »Undurchschaubarkeit gesellschaftlicher Zusammenhänge«19 entgegensteht. Nach Hermann Bausinger wird damit ›Heimat‹ »als Gegensatz zu Fremdheit und Entfremdung, als Bereich der Aneignung, der aktiven Durchdringung, der Verläßlichkeit«20 in einer »räumlich-soziale[n] Einheit mittlerer Reichweite«21 konstruiert. Als ›soziale Lebenswelt‹ ist ›Heimat‹ dabei geografisch verortet22 und entspricht dem von Ina-Maria Greverus identifizierten »territoriale[n] Mensch[en]«23. Für Christian Schüle ist dabei der »Zusammenhang zwischen Heimat, Herkunft und Identität«24 offenkundig. Die »Bindung an den Ort des eigenen Ursprungs«25 führt danach zu einem identitätsbildenden »Narrativ«26: Denn Ich-Identität basiert, so lässt sich im Anschluss an Erving Goffman konstatieren, wesentlich auf der »je einmaligen Kombination lebensgeschichtlicher Daten«27. Allerdings ist ›Heimat‹ nicht ausschließlich geografisch bestimmt, sondern, wie Susanne Scharnowski hervorhebt, ebenso natürlich, sozial und kulturell.28 Und sie wird »aktiv angeeignet«, etwa dadurch, dass zur räumlichen eine »persönliche Nähe« tritt, die auch jene einzuschließen vermag, die als woher auch immer Zugezogene an einem Ort heimisch werden; darauf hat Hermann Bausinger nachdrücklich aufmerksam gemacht.29 »Heimat ist«, metaphorisch ausgedrückt, »der eigene Geruch« (Ilija Trojanow).30
Doch wie gestaltet sich der genannte »Zusammenhang zwischen Heimat, Herkunft und Identität« mit Blick auf eine Region, deren Geschichte in wirtschaftlicher wie in sozialer und städtebaulicher Hinsicht die eines steten und über biografisch erlebbare Zeiträume hinweg auch gravierenden Wandels ist? Dieser Frage sei im Folgenden anhand ausgewählter Beispiele aus der Lyrik im Ruhrgebiet in vier Etappen nachgegangen, beginnend mit der Zeit der Industrialisierung. Es folgen die 1920er Jahre, die Zeit des Nationalsozialismus und schließlich Heimatbilder der Gegenwart.
Heimatbilder zur Zeit der Industrialisierung
Mit Karl Prümer und Heinrich Kämpchen haben zwei Zeitgenossen der Industrialisierung lyrische Heimat-Bilder gegeben. Karl Prümer, 1846 in Dortmund geboren und 1933 ebendort verstorben, war Buchhändler und seit dem ersten Jahrgang 1904 bis zu seinem Tod Mitherausgeber der Zeitschrift des Vereins für Rheinische und Westfälische Volkskunde. Im »Liederanhang« seiner zwischen 1889 und 1925 in drei Auflagen erschienenen Geschichten und Gestalten ut Westfolen finden sich zwei niederdeutsche Gedichte, die vom »Westfalenlob«31 geprägt sind. Trü Westfolen32 lobt: »Min trutzig-trü Westfolenland, / Du büst mi leif un wert, / So wit ok Godes Sunne schint / Hef ik keen Land so ehrt«. (I) Mit Westfalen verbindet das lyrisch-biografische Ich des Gedichts »’n hillig-trüen Sang« (II 2) der Mutter und dass es dort »de Leiwste fand« (III 2). Sein Bekenntnis zu Westfalen kommt daher gefühlsbestimmt »Ut Heertens Grund« (III 3). Ähnlich das Westfolenlied33, eine Kontrafaktur auf das Westfalenlied von Emil Rittershaus34. Auch hier heißt es: »Min Heemotland« (I 1), »Du büst mi leif un büst mi wert« (I 2). Idyllisch geht es zu »Im greinen Dal« (I 6), wo »manche leiwe Deern« (III 8) nicht zimperlich zupackt und »grote Bohnen« (IV 1) wachsen. Eine derartige »Betonung eines Heimatgefühls, das Geborgenheit und Gemütlichkeit vermittele«, ist, so Karl Ditt, kennzeichnend für die organisierte bildungsbürgerliche Heimatbewegung zur Zeit des Kaiserreichs.35 Das Unbehagen am Prozess der Industrialisierung mit der drastischen Veränderung des Landschaftsbilds und dem »Bedeutungsrückgang traditioneller Zentren und Räume«36 nährte die Heimatbewegung und lenkte vielfach den literarischen Blick in eine idyllisch erinnerte Vergangenheit. Nicht zufällig schreibt Karl Prümer, wie andere Heimatlyriker aus dem Bildungsbürgertum, Niederdeutsch, das der Schule ein Dorn im Auge war37 und deshalb auf der Verlustliste der Modernisierung stand. Auch für andere, heute meist allenfalls noch lokal bekannte Autoren aus der bildungsbürgerlichen Schicht war Niederdeutsch mit ›Heimat‹ konnotiert. Die wohl größte Verbreitung haben die Gedichte von Willem Täpper erfahren, 1845 in Holsterhausen, heute Essen geboren und 1905 in Rüttenscheid, heute Essen gestorben. Täpper war Lehrer in Bochum und Autor einer achtbändigen Sammlung Plattdeutsche Lachpillen. Sein Gedicht Min Plattdütsch holl’ck in Ehren38 artikuliert den Zusammenhang von Sprache, Heimat als Region und Identität: »Ick si op echt plattdütschen Grund / Gewassen un geboren, / Un wat ick do gefunnen häw, / Geht nie in mi verloren.« (I 1–4)
Anders bei Heinrich Kämpchen: Der 1847 in Altendorf, heute Essen geborene und 1912 in Linden, heute Bochum verstorbene Bergmann ist beruflich gewissermaßen in die Industrialisierung hineingewachsen. Er kannte die Arbeitsverhältnisse auf den alten, vorindustriellen Pütts schon von seinem Vater und hat die Folgen der Privatisierung des Bergbaus selbst erlebt.39 Sein Engagement für die Arbeiterbewegung, seine ständige Mitarbeit an der Zeitung des Verbands zur Wahrung und Förderung der bergmännischen Interessen im Rheinland und in Westfalen (kurz: Alter Verband), Glück auf! Deutsche Bergarbeiter-Zeitung, und die Tatsache, dass seine Literatursprache das Hochdeutsche ist,40 zeigen bereits an, dass seine soziale Position in Opposition zu der Karl Prümers steht. Gleichwohl lobt auch Kämpchens lyrisch-biografisches Ich seine geografische Herkunft: Pfingsten im Ruhrtal41 ist konventionelle Heimatlyrik, bewundert die unbelebte wie belebte Natur, setzt die Ruhr vorteilhaft in Vergleich mit dem Rhein und bezeichnet sie in personifizierender Anrede als »Heimat, die liebste mir immer nur, / Die treu’ste in Lust und in Leiden.« (VI 3 f.) Und wie Karl Prümer hat auch Heinrich Kämpchen ein Westfalen-Lied,42 das (rhythmisch und durch den Wiedererkennungsreim »preisen« ‒ »Eisen« deutlich erkennbar) die Vorlage von Emil Rittershaus aufgreift: »Westfalenland, dich will ich preisen« (I 1), heißt es im Ton des ›Westfalenlobs‹; doch Heinrich Kämpchen setzt sich sodann von der Vorlage deutlich ab: »Doch ächten auch die harte Fron, / Womit man Kohle hier und Eisen / Gewinnt um einen Hungerlohn.« (II 5–8) Das ›Westfalenlob‹ wechselt bei ihm in einen kämpferischen Aufruf: »O singt die alte Knechtschaft tot.« (VI 8) Neben die Sozialkritik tritt im Gedicht Ein Bild43 das Bild einer Anti-Idylle: optische (»Schwarz von Kohlendampf die Luft«, I 1; »die Glut von tausend Essen«, II 2; »Graue Halden, dürr und kahl«, III 1) und akustische Eindrücke (»Ueberall Gepoch und Hämmern«, I 2) zeichnen ein unwirtliches »Bild« vom »Kohlengräberland« (IV 3), das gleichwohl als »uns’re Heimaterde« (IV 4) bezeichnet wird. Das gleiche Repertoire benutzt auch das Gedicht Im Industriebezirk44, das das Verschwinden der Natur beklagt und »König ›Dampf‹« (II 5) pars pro toto für die Industrie als »Feind des Malerischen, Schönen« (II 6) sieht. Mit solchen Gedichten positioniert sich Heinrich Kämpchen als Zeuge des Wandels seiner regionalen ›Heimat‹ durch die Industrialisierung.
Eine Generation jünger ist der 1880 in Kleinenberg im Kreis Büren geborene und 1942 in Freiburg im Breisgau gestorbene Philipp Witkop. Der spätere Germanistik-Professor ist in Gelsenkirchen aufgewachsen und hat mit seinem 1901 erschienenen Gedicht Meine Heimat45 die Gemüter erregt: »[…] es war ein handfester Skandal, der über Jahrzehnte hinweg auch die literarische Diskussion der Region bestimmte«, stellt Herbert Knorr fest.46 Philipp Witkops ›Heimat‹ ist im Text nicht durch geografische Namen identifiziert. Der biografische Bezug auf Gelsenkirchen und in Sonderheit auf die Neustadt ist aber leicht nachzuvollziehen.47 Was das Gedicht zum Skandalon machte, ist, so Dirk Hallenberger, der »›Heimatverrat‹«48. Philipp Witkops lyrisches Ich, das wie das Kämpchens biografisch gefärbt ist, zeichnet das Bild einer Industrielandschaft »Aus tausend Schloten« (I 1), deren Rauch »dicht und schwarz und schwer« (I 3) auf »Haus und Baum und Strauch« (I 4), auf Mensch und Natur bedrohlich lastet: »Es lauert rings ein großes, schwarzes Sterben« (I 5). Dieser Zustandsbeschreibung setzt Philipp Witkop nun die Sehnsucht nach der Natur, »nach einem Stückchen Wald« (II 2) entgegen, die eine »ganze Jugend« (III 3) hindurch unbefriedigt bleiben muss. Auch hier bildet sich eine mit dem Ort der Sozialisation verbundene Identität, allerdings eine denkbar negative: »Wie ich dich hasse, meine Heimat du! / Wie ich seit Kindertagen schon dich hasse!« (III 7 f.), lauten in personifizierender Anrede die Schlussverse. Steht die Klage über die sozialen und ökologischen Folgen der Industrialisierung bei Heinrich Kämpchen noch auf der Basis eines erlebten Status quo ante, ist die Erfahrungswelt des jungen Lyrikers Philipp Witkop die bereits von der Industrie gezeichnete Landschaft. Er benennt psychische Wirkungen und spricht die Verantwortlichen an, wenn auch nur generalisierend in der 2. Person Plural: »nimmer fühlen könnt ihr all das Leid« (III 2). In seinem Gedicht In Gesellschaft49 macht Witkop dann die angesprochene soziale Gruppe namhaft als »Haute volée« der »Kommerzienräte, Zechendirektoren« (I 1 f.), deren Interesse die Dividende ist. Dem emotional vorgetragenen Einspruch des lyrischen Ichs, das »Von Kunst und Schönheit und von Menschenliebe« (II 4) spricht, steht die tonangebende und, wie Herbert Knorr herausgearbeitet hat, in sich geschlossene »Gesellschaft« völlig verständnislos gegenüber50: »›So’n junger Mensch und ist schon nervenkrank!‹« (II 8)
Dieser Blick auf die psychischen Folgen einer ausschließlich am Gewinnstreben orientierten Wirtschaft bringt Philipp Witkop, der ansonsten wenig gemein hatte mit der Welt der Bergarbeiter,51 in eine doch bemerkenswerte Nähe zu Heinrich Kämpchen, der wiederholt die psychosozialen Folgen des privatisierten Bergbaus zum Thema seiner Gedichte gemacht hat.52 Auf den Beifall der Vertreter der Heimatbewegung konnte er damit nicht hoffen, wie nicht nur die flammende Rede des Gelsenkirchener Gymnasiallehrers Theodor Kummer ein Jahrzehnt später, 1911 auf dem 28. Westfälischen Philologentag, belegt, mit der er ein »schöneres Bild der Stadt Gelsenkirchen und der Region«53 entwerfen wollte und ganz im Sinne der Heimatbewegung die Heimatliebe in einen ›vaterländischen‹ Kontext einordnete.54
Die ›Heimat‹-Darstellung zur Zeit der Industrialisierung, so zeigt sich mithin, bezieht sich zunächst auf die groß- oder kleinräumiger gedachte Region, später auch auf den Bereich der Stadt. Sie stellt die Naturlandschaft positiv und die Auswirkungen der Industrie auf die natürliche Umgebung negativ dar. Zugleich werden Arbeit und Leben unter den Bedingungen der Industrialisierung in den Blick genommen und mit einem negativen Vorzeichen versehen.
Heimatbilder der 1920er Jahre
Die nachfolgende Generation hat sich in der Industrielandschaft eingerichtet. Die ›Heimat‹-Bilder sind nun deutlich anders akzentuiert. Dafür seien im Folgenden vier Beispiele angeführt.
Adolf Wurmbach, 1891 in Littfeld, heute Kreuztal geboren und 1968 in Kredenbach verstorben, war von 1920 bis 1948 Volksschullehrer in Gelsenkirchen. »Der Schock war groß«,55 vermerkt Herbert Knorr zur Ankunft Adolf Wurmbachs in Gelsenkirchen, von siegerländisch-idyllischer Landschaft keine Spur. Doch lebt sich Wurmbach schnell ein, bekommt Kontakt zu Theodor Kummer und veröffentlicht schon 1922 einen kleinen Lyrikband, Die schwarze Stadt, mit Gedichten, die sich, so Dirk Hallenberger, als »Huldigung an die Industrielandschaft«56 lesen lassen, ohne diese zu verklären – mit einer Ausnahme: Emscherlied57. Angesichts eines Flusses »in schwarzer Flut« (II 1) wirkt das Pathos in der Tat künstlich, mit dem »Glückselig [gepriesen wird], wer an deinem Strand / Der Heimat froh geworden« (V 1 f.). Bemerkenswert aber ist an diesem Gedicht, dass hier ein regionales Selbstbewusstsein artikuliert wird, das sich nicht hinter dem ›Heimat‹-Bekenntnis zur ungleich idyllischeren Ruhr versteckt. Vielleicht ist es gerade die Perspektive des Hinzugezogenen, die Adolf Wurmbach ein anderes und selbstgewisseres Bewusstsein der Region artikulieren lässt. Dies drückt sich auch in einem anderen Blick auf Westfalen aus. »Rauh ist das Land« (I 1), heißt es im Gedicht Westfalen58, vom »Dampf der Städte« (II 3) ist die Rede und in personifizierender Anrede von »deiner Schächte Dunkel« (III 1). Religiös überhöht wird eine gottgegebene Liebe berufen, »[d]aß ich dich kindlich nun im Herzen trage.« (III 4) Vom herkömmlichen ›Westfalenlob‹ indes gibt es bei Adolf Wurmbach keine Spur.
Nur wenig später, 1924, erscheint ein Band mit (zuvor bereits verstreut erschienenen59) Gedichten von Ludwig Kessing, Auf zum Licht!. Der 1869 in Überruhr, heute Essen geborene und 1940 in Essen auch verstorbene Bergmann Kessing gehörte dem Gewerkverein christlicher Bergarbeiter an, der sich als Gegenspieler des Alten Verbandes verstand. Seine eher schlichte, der katholischen Soziallehre verpflichtete Lyrik60 vermittelt ein ›Heimat‹-Bild, das sich mit der Region gewandelt hat: Das Gedicht Im Ruhrrevier61 bietet noch ein konventionelles Lob von Landschaft und Natur des als »Heimat« (I 1) bzw. »Heimatland« (II 8) bezeichneten Gebiets am Lauf der Ruhr. Kessings Gedicht Im Ruhrgebiet62 weitet jedoch das ›Heimat‹-Verständnis auf die Region im heutigen, umfassenderen Verständnis aus. Das (auch bei ihm dem biografischen nahestehende lyrische) Ich blickt zunächst zwar »Hoch von grünbelaubten Bergen« (1) herunter ins Tal »[m]it den Schloten schwarz und grau« (4), sodass man auch hier ans Ruhrtal denken kann, aber dann auch zu den »Knappen […] / […] in der Tiefe Schoß« (9 f.), den »Hüttenleute[n]« (13), den »Fördertürmen« (17) und schließlich auf »Schöne Dörfer, reiche Städte« (25) als »der Heimat Zeichen« (26). Damit wird die als ›Heimat‹ bezeichnete Region über das Ruhrtal hinaus ausgeweitet. Auffällig ist dabei die Darstellung eines Nebeneinander von Industrie- und agrarisch strukturierter Landschaft mit »Mühlrad« (20), »grünen Weiden« (21), »Landmann« (22) und dem romantischen Motiv der »Burgruinen« (27), ein Bild, das, wie kartografische Darstellungen jener Zeit zeigen,63 durchaus nicht nur für die Region an der Ruhr, sondern auch für die an der Emscher realistisch ist. Besonders auffällig aber ist, dass sich hier bereits die Vokabel ›Ruhrgebiet‹ findet, mithin fünf Jahre vor der im Duden vermerkten allgemeinsprachlichen Verwendung. Im zwei Jahre später, 1926, folgenden zweiten Gedichtband Ludwig Kessings, Haue und Harfe, findet sich zudem in dem pathetisch aufgeladenen Gedicht An meine Heimat64 ein weiterer Beleg für die literatursprachliche Verwendung des Wortes ›Ruhrgebiet‹: »Du, meine Heimat, herrlich Ruhrgebiet!« (I 6) Anders als im Gedicht Im Ruhrgebiet gibt es hier keinen Hinweis auf eine denkbare geografische Verortung; lediglich »Halden« (I 3) und »Schlotenrauch« (I 4) dienen als Insignien einer Industrielandschaft, deren ›Heimat‹-Charakter trotzig behauptet wird: Denn indem es mit der Konjunktion »und« beginnt, schließt das Gedicht kontradiktorisch an das allgegenwärtige und negativ wertende Klischee vom grauen Himmel über dem Ruhrgebiet, seinen Werkssirenen und Kohle- und Abraumhalden an: »Und ob sich grau mir auch der Himmel hüllt«, lautet der erste, den heimatlichen Treueschwur einleitende Vers. Was dieser ›Heimat‹ die Dignität verleiht und sie von anderen ›Heimaten‹ emanzipiert, ist die Bindung durch Biografie: »Mich hält an dir / Es fest mit tausend Banden« (I 1 f.), die da sind der Geburtsort, die Mutter, der Vater, die Arbeit und eine als »engelgleiches Angesicht« (V 3) vorgestellte Frau.
Das Ergebnis des von Matthias Uecker beschriebenen Versuchs bildungsbürgerlicher Gruppen, dem Ruhrgebiet eine Identität zuzuschreiben,65 lässt sich im Kontext des Aufkommens der ›Ruhrland‹-Vokabel besichtigen. Der langjährige Dortmunder Bibliotheksdirektor Erich Schulz (1874 in Löcknitz in Pommern geboren, 1941 in Horn an der Lippe gestorben) gehört zu den bürgerlichen Autoren, die die propagierte Vokabel nutzen: Das Sonett Mein Ruhrland66 führt sie bereits im Titel und ist passenderweise in der von Otto Wohlgemuth 1923 herausgegebenen, für den »Ruhrlandkreis« programmatischen Anthologie Ruhrland erschienen. Das Wort ›Heimat‹ wird zwar vermieden, aber das Possessivpronomen im Titel und der letzte Vers »Du heil’ges Land, dich will ich ewig lieben!« (IV 3) zeugen von einem ins Religiöse überhöhten ›Heimat‹-Begriff, der sich auf »Der Arbeit Lied« (III 1) beruft. Solch intellektuelle Übung aber war nicht dazu tauglich, zu einem neuen regionalen (Selbst-)Bewusstsein, zu einer sich vom Rheinland und vom Münsterland emanzipierenden Identität67 beizutragen. Dies gilt im Übrigen für die gesamte Anthologie, in der etwa Karl Vaupel (1896 in Dahlhausen, heute Bochum geboren, 1968 in Essen verstorben, Lehrer in Nierenhof, heute Velbert) als sein »heimatlich Land« (I 1) mitnichten das ›Ruhrland‹, sondern »mein Westfalen« (VII 1) bezeichnet.68
Zu den Autoren des »Ruhrlandkreises« zählt auch Adolf Potthoff, der 1897 in Baukau, heute Herne zur Welt kam, eine zeitlang in Gelsenkirchen und in seinem Todesjahr 1969 in Dortmund lebte.69 Sein Gedicht Das Land der tausend Feuer70 ist jedoch nicht in der Ruhrland-Anthologie Wohlgemuths von 1923 erschienen, sondern 1925 in einem anderen, ebenfalls Ruhrland betitelten Band.71 Adolf Potthoff, Redakteur und Lehrer, will eine neue Ästhetik der Industrie zur Geltung bringen und zielt mit der titelstiftenden Periphrase vom »Land der tausend Feuer« gleich ins Zentrum seiner Industrieästhetik, die, was bislang negativ wertete, nun mit anderen Augen positiv markiert:72 »Der kennt dich nicht, o Heimat, der dich bei Tag nur sieht, / Dem nie in reichen Nächten klang deiner Schönheit Lied.« (VI 1 f.) Das »Meer von Licht« (III 11) spendet die Optik, »[d]es Schaffens urgewalt’ge, sieghafte Melodie« (VI 14) die Metapher im Dienst einer Heroisierung und Mythisierung des ›Ruhrlands‹, wie Uwe-K. Ketelsen anmerkt.73
Es zeigt sich für die 1920er Jahre somit ein zwiegespaltenes Bild: Auf der einen Seite stehen mit Erich Schulz, Karl Vaupel und Adolf Potthoff bildungsbürgerliche Autoren, die sich um ein neues Image des von ihnen nicht so bezeichneten Ruhrgebiets bemühen. Die andere Seite markieren mit Ludwig Kessing aus der (katholischen) Arbeiterbewegung und mit Adolf Wurmbach als zugereistem Bildungsbürger zwei Autoren, die beide das längst vorhandene regionale Bewusstsein des ›Ruhrgebiets‹ und seiner Städte artikulieren.
Heimat in der Lyrik der 1930er und 1940er Jahre
Unter dem Vorzeichen des Nationalsozialismus hat sich, wenig überraschend, die regionale Identität des ›Ruhrgebiets‹ nicht weiterentwickelt. Die ideologische Indienstnahme des ›Heimat‹-Begriffs lag nahe, hatte er doch mit der seit dem Kaiserreich agierenden Heimatbewegung Schnittmengen.74 Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Lyrikbände jener Zeit auf einer Skala von (zumindest partieller) NS-Affinität bis zur Indienstnahme für die NS-Propaganda einreihen; dies zeigt sich auch hinsichtlich der Verwendung der Vokabel ›Heimat‹. Im Folgenden werden zwei Beispiele für unterschiedliche Positionierungen auf dieser Skala gegeben, dazu aber auch eines, das sich abseits dieser Skala verortet.
Otto Wohlgemuth gibt ein Beispiel für die zumindest in Teilen gegebene Affinität zum Nationalsozialismus. Er führt auch noch 1937 das ›Ruhrland‹ titelstiftend in seinem Vokabular und lädt dabei seine »Heimat« (IV 17) in personifizierender und repetitiver Anrede sentimental auf: »wie liebe ich dich, / du mein Land, du mein Land« (IV 17 f.).75 Doch vielleicht mehr als ihm bewusst war,76 bot Otto Wohlgemuth auch Formulierungen, die seine Auffassung von ›Heimat‹ dem nicht regionalistischen, sondern das ›Volk‹ insgesamt in den Blick nehmenden Konzept des Nationalsozialismus annäherten: Die Ruhr77 heißt ein Gedicht, das pathetisch den Fluss anruft (»O Fluß meiner Heimat«, V 1), im »schwarze[n] Land« (V 5) mythisch den »Riese[n] der roten Erde« (V 18) am Werk sieht, und das alles im Dienst am großen Ganzen, das im gesperrten Satz augenfällig hervorgehoben wird: »Deutschland, / das Volk, / das Vaterland muß leben!« (VI 6–8)
Mit dem 1884 in Borbeck, heute Essen geborenen und 1951 in Fretter, heute Finnentrop gestorbenen Lehrer Hermann Hagedorn findet sich ein nicht untypischer Lokaldichter, der seine Lyrik expressis verbis in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt hat. Im Vorwort zu Hatte on Heeme. Botterblaumen lobt er den »frische[n] Wind der Bewegung« und vor allem die »Mundart« des Niederdeutschen als »Volkstumsquell«.78 Auffallend ist jedoch, dass die Indienststellung für die nationalsozialistische Propaganda über das Vorwort vollzogen wird. Die Lyrik selbst formuliert keine explizite Propaganda und bleibt somit für ein ideologisch unvoreingenommenes Publikum anschlussfähig. Als Beispiel mag das Gedicht Emscher79 dienen, in dem Hagedorn einen doppelten Vergleich zieht: »Low git enke Ruhr on low git dän Rhien, / […] / ick awer low min Schmuddelin« (II 2–4), obwohl Industrie und Schienenverkehr »dä Heeme [die Heimat] väsaut on termalmt« (I 3) haben. Solch Emscherlob mag dazu beigetragen haben, dass das Bändchen des einstigen Kulturfunktionärs der Essener NSDAP-Gauleitung80 noch 195381 und 198482 jeweils neu aufgelegt worden ist.
In solchen zeitlichen Kontext gehören auch die ›Heimat‹-Gedichte Georg Breukers, obgleich sie erst 1949 (Der Blütenzweig, Breukers erste selbstständige Buchpublikation) bzw. 1961 (Gedichte eines Bergmanns) in Buchform verlegt wurden. Sie sind indes in der ersten Hälfte der 1940er Jahre entstanden, wie die datierten Manuskripte im Nachlass zeigen. Der 1876 in Weitmar, heute Bochum geborene und dort 1964 auch gestorbene Autor war gelernter Bergmann und noch mit Heinrich Kämpchen befreundet. Schon aufgrund der biografischen Daten nimmt Georg Breuker also eine Sonderstellung unter den Autoren dieser Zeit ein. ›Heimat‹ bedeutet für ihn Rückschau, ist wieder die romantisch anheimelnde mit »verträumte[n] Wälder[n]« wie im Gedicht Meine Heimat83, die durch »Rauch« (I 2), »Maschinen« (I 3) und »Gase« (I 4) »so zerschunden« (II 5) wurde. Was bleibt, ist, so das Gedicht Heimat84, »ein Fleckchen Land« (II 1), »wo du geboren bist« (I 2) und »stets Land, nicht Stadt« (IV 1). Und so verwundert es nicht, dass Georg Breukers Geburtsorts-›Heimat‹ nicht das Ruhrgebiet im neueren Sinn ist, sondern, wie das ungedruckte Gedicht Mein Heimatland85 darlegt, das »Ruhrtal« (II 1). ›Heimat‹ wird hier zum sentimentalen, kompensatorischen Rückzugsort für einen Autor, der in der Kaiserzeit als Bergmann auf der ›Schwarzen Liste‹ stand86 und die Krisen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchlebt hat, ohne sich dem Nationalsozialismus mit seinen Gedichten anzudienen.
Heimatbilder der Gegenwart
Nach dem ideologischen Ge- und Missbrauch des Begriffs ›Heimat‹ war dieser in der Nachkriegszeit ideologisch kontaminiert. Gleichwohl hat sich seit den 1970er Jahren auch in der Lyrik eine neue Weise etabliert, ›Heimat‹ darzustellen. Ilse Kibgis, 1928 geborene und 2015 verstorbene Gelsenkirchener Arbeiterin, Hausfrau und Autorin, gibt mit ihrem Gedicht Meine Stadt87 ein lakonisches Bekenntnis zu ihrer Prägung durch die Industriestadt. Das lyrisch-biografische Ich weiß: »meine Stadt ist kein Knüller / in Reisekatalogen / kein Ferienparadies« (I 1–3). Vielversig werden wenig schmeichelhafte Aussagen über die Stadt aufgezählt, die »ein / kohlenstaub-getränkter Riese« (I 5 f.) ist, deren »eingemottete Bergwerke« (II 1) vom ›Strukturwandel‹ künden, deren Architektur von »Fabriken mit rauchenden / Schornsteinen« (II 3 f.) und »Wohngettos« (II 7) bestimmt ist und soziale wie Imageprobleme hat, weil dort »der Aufstieg abprallt« (II 9) und »Kulturzentren« (II 10) »hochstapeln« (II 11). All dem setzt Ilse Kibgis ein deutliches »aber« (VI 3) entgegen, das ihrer Stadt die Qualität von ›Heimat‹ verleiht, von Vertrautheit und Orientierung: Vom »Kreis / der mich einschließt« (VI 3 f.) ist die Rede und von der »Mauer die mich schützt« (VI 5). Mit einer Kontamination aus der allgemeinsprachlichen ›roten Erde‹ und der bei Adolf Wurmbach literarisierten ›schwarzen Stadt‹ schließt das Gedicht: »sie ist die schwarze Erde / die meine Tränen verschlingt / meinen Gedanken lauscht / und meinem Bewußtsein / ihr bescheidenes Panorama / eingraviert« (VI 8–13). Selbst »der Schalke-04-Song« (V 2) als »Erkennungsmelodie meiner Stadt« (V 1) hat hier seinen Platz, gehört der Fußball doch zur lokalen Identität. Es ist der Aspekt der Kontinuität, der es der ›Stadt‹ von Ilse Kibgis, mit Christian Schüle zu sprechen, als Wirklichkeitskonstruktion ermöglicht, zur Identitätsbildung beizutragen und in diesem Sinn ›Heimat‹ zu sein.88 Diese Vorstellung von ›Heimat‹ ist nüchtern und unsentimental, nimmt in den Blick, was zum Leben notwendig ist. In ihrem Gedicht Heimat89 wird dies noch deutlicher, wobei sich im Durchgang durch das Gedicht eine zunehmende Weitung der ›Heimat‹ ergibt: Von der schützenden Wohnung (»Dachziegel«, I 1; »Fensterrahmen«, I 3), dem »Ofen« (I 5), dem »Bett« (II 3) und der »Lampe« (II 5) über das soziale Miteinander und Kulturelle (»ein paar Worte«, III 1; »ein paar Bücher«, III 3; »eine Umarmung«, III 5) hin zu einer »Sprache / die jedermann versteht« (IV 1 f.), d. h. nicht ausgrenzt, und zu einem »Land / in dem man als Gast / zu Haus ist« (IV 5–7). ›Heimat‹ öffnet sich hier im Sinne einer »Lebensmöglichkeit«, die »Identität«, aber »nicht […] Verhaftung« ist, wie dies Hermann Bausinger 1979 als »humane Auffassung von Heimat« definiert hat.90
Das prominenteste Beispiel eines lyrischen Bekenntnisses zur Heimatstadt kommt aus der Populärkultur, Herbert Grönemeyers Bochum. 1984 als Song auf der Langspielplatte 4630 Bochum erschienen, hat Bochum erst zwanzig Jahre später den Weg zwischen die Buchdeckel einer Herbert-Grönemeyer-Textsammlung gefunden.91 Anders als der nüchterne Text von Ilse Kibgis ist Grönemeyers Bochum geradezu hymnisch, weist aber im Aufbau Ähnlichkeiten mit dem Kibgis-Gedicht Meine Stadt auf: Auch der in Bochum aufgewachsene, 1956 allerdings in Göttingen geborene Herbert Grönemeyer sagt, was Bochum, seine Stadt, nicht ist, nämlich »schönheit« (II 1) und »weltstadt« (V 1). Und auch er weiß, Bochum ist »ganz grau« (II 2) und »total verbaut« (II 5), hat einen auch nachts laut hörbaren »pulsschlag aus stahl« (III 1). Wie bei Ilse Kibgis folgt auch bei Herbert Grönemeyer das »aber« (II 6). Trotzig geradezu wirkt es, wenn er verkündet: »grade das macht dich aus« (II 6) und dann die Qualitäten Bochums auflistet: die wirtschaftliche Leistung in der Nachkriegszeit (»dein grubengold / hat uns wieder hochgeholt«, III 4–6), Tauben und Gärten (»du bist das himmelbett für tauben«, VII 1; »hast im schrebergarten deine laube«, VII 3), ja, auch den Fußball spielenden Verein für Leibesübungen (»machst mit ’nem doppelpaß / jeden gegner naß / du und dein VFL [sic!]«, VII 4–6) – womit die Klischeekiste gut gefüllt ist. Es sind gerade nicht die bildungsbürgerlichen Kultur-Highlights wie Schauspielhaus und Ruhr-Universität, sondern die Alltäglichkeiten im Leben der Familie Jedermann, die in Herbert Grönemeyers Bochum ›Heimat‹ markieren als Anker der »Bindung an den Ort des eigenen Ursprungs«92: »bochum / ich komm aus dir / bochum / ich häng an dir« (IV 1–4 u. ö.). Der Refrain ruft mit dem Bergmannsgruß an die Stadt den identitätsstiftenden Bergbau-Mythos auf: »glück auf, bochum« (IV 5). Bei Live-Auftritten pflegt Herbert Grönemeyer Bochum je nach Auftrittsort zu variieren und mit vorangestellten Strophen des Steiger-Lieds zu verbinden.93 Damit bietet er eine gefühlsbetonte94 folkloristische Identifikationsfolie für das gesamte Ruhrgebiet, die in den gefüllten Stadien der Pop-Events offenkundig auch funktioniert: YouTube verzeichnet als »Top-Kommentar« zum Gelsenkirchener Live-Auftritt von 2003 den folgenden Eintrag: »Für mich die Nationalhymne des Ruhrpotts – meiner Heimat seit über 30 Jahren liebe ich dieses Lied und das wird immer so bleiben«.95
Diesen Hymnencharakter von Bochum macht sich auch Sigi Domke in seiner musikalischen Posse Wat ne herrliche Welt oder Unser Fritz kehrt zurück zunutze, in der mit einer Prise Ironie ausgestattete Parodien bekannter Songs aus der Popgeschichte eingesetzt werden.96 Das Stück bringt mit der Frage »Ruhrgebiet, wat nu?«97 das durch die Strukturwandlungen hervorgerufene Gefühl der Verunsicherung im Ruhrgebiet auf die Bühne des Lachtheaters. Die Erinnerung an die Bergbauvergangenheit (»Da habt ihr nix versäumt / Aber für mich war dat halt meine Zeit«98) einerseits, die Freude über ein Stück zurückgewonnene Naturschönheit (»Himmelblau / Is der Himmel« und »Halden mit Grün / Wunderschön«99) münden in einem Bekenntnis, für das Grönemeyers Bochum Pate stand: Ruhrpott. Die Grönemeyer’sche Lobeshymne wird von Domke konterkariert, wobei an die Stelle des in der Rezeption pars pro toto für das ganze Ruhrgebiet stehenden Bochum nun das ›Ruhrpott‹ genannte Ruhrgebiet und an die Stelle des Standarddeutschen das Ruhrdeutsche tritt. Zwar beginnt auch Sigi Domke mit dem, was das Ruhrgebiet nicht ist (»Du bis keine Schönheit«, II 1), doch dann wird die Grönemeyer’sche Vorlage negiert: Das Ruhrgebiet erscheint »nich mehr so grau« (II 2), ist aber »immer noch total verbaut« (II 5). Der »Pulsschlach aus Stahl« wird in das ruhrdeutsche Präteritum gesetzt (»Hattes«, III 1). Das »Grubengold hamse allet rausgeholt« (IV 2), und zum »Himmelbett für Tauben« (VIII 1) heißt es lapidar: »Die scheißen allet zu« (VIII 2). Solche Ironie dekonstruiert zwar den Hymnus, erscheint dabei aber geradezu liebevoll und mündet in einem (anders als bei Grönemeyer im Plural formulierten) Bekenntnis zum Ruhrgebiet, das auch bei Sigi Domke im Refrain deutlich wird: »Ruhrpott, wir komm aus dir / Ruhrpott, wir hängn an dir« (XI 1 f.). Und auch bei Domke fehlt der Bergmannsgruß am Ende nicht. Indem Domkes Kontrafaktur die Vorlage ins Ruhrdeutsche und den Singular des Grönemeyer’schen Ich in das gemeinschaftsbetonende Plural-Wir bringt, bestätigt sie letztlich den identitätsbestärkenden Hymnencharakter von Bochum.
Solches Abfeiern von Ruhrgebiets-Mythologie in der Popkultur kann freilich nicht verdecken, dass wirtschaftliche und soziale Veränderungen das Ruhrgebiet tiefgreifend verändert haben. Christoph Wenzel, 1979 in Hamm geborener Lyriker, beginnt das seinen Zyklus das schwarzbuch die farbfotos eröffnende titellose Gedicht mit einem überraschenden Plusquamperfekt: »es war gewesen«.100 Der sich anschließende Doppelpunkt kündigt eine Aufzählung des Vorvergangenen an, die sich unmerklich in das Präsens der Gegenwart schiebt. Zum Damaligen gehört, dass »die blätter welkten / rußschwarz ins frühjahr« (1 f.). Willy Brandts Wahlkampfrede über den blauen Himmel an der Ruhr wird prädikats- und damit zeitlos anzitiert. Es folgt der Wechsel in die Gegenwart des Memorierten, in der nachts noch »der himmel rot« (6) glüht. Geblieben ist der Klang von Ortsnamen, die für ein ›typisches‹ Ruhrgebiet stehen, »herne und wanne« (10). Geblieben ist auch eine Redewendung: »nebenan ist wieder einer: weg vom fenster« (11). Nur der Doppelpunkt nach dem indefiniten Zahlwort verrät: »weg vom fenster« kann nicht nur der Nachbar sein, »weg vom fenster« kann auch sein, was das Ruhrgebiet dereinst ausgemacht hatte, im Plusquamperfekt. Geblieben aber ist die Erinnerung an die Vergangenheit, das Substrat des ›Narrativs‹ und damit der Nährboden für eine abermals gewandelte Ruhrgebiets-Identität. Das Fehlen eines sich explizit zu erkennen gebenden Ichs trägt zur Nüchternheit dieser lyrischen Sprechweise bei. Mit solcher gedanklich wie sprachlich konstruierten Distanz im Bewusstsein des Herkommens weist Wenzels Gedicht nicht nur einen höheren Grad an Literarizität auf als die von einem biografischen Ich getragenen Gedichte, sondern stellt zudem das historisch gewordene Bild des Ruhrgebiets für eine neue Sichtweise bereit.
Fazit
Die Zusammenschau der hier untersuchten Gedichte von der Industrialisierung bis heute zeigt, dass sich die in der Lyrik sich artikulierende regionale Identität auf mehreren Ebenen gewandelt hat:
Der topografische Begriff des Ruhrgebiets hat sich bis zum ersten Viertel des 20. Jahrhunderts vom Ruhrtal und von Westfalen emanzipiert.
Der bürgerliche Versuch, dem Ruhrgebiet in den 1920er Jahren auf der Basis einer Industrieästhetik eine Identität zuzuschreiben, hat sich nicht durchgesetzt.
Es ist nicht mehr die der Industrie entgegengesetzte Natur – der Verlust –, sondern die gegebene Lebensumwelt – das Ist –, was in der Lyrik, unabhängig vom Gebrauch der Vokabel, als ›Heimat‹ dargestellt wird.
Mit der Generation der im bereits industrialisierten Ruhrgebiet Aufgewachsenen hat sich eine eigenständige regionale Identität herausgebildet.
Diese Identität ist als historische Folie auch im postindustriellen Ruhrgebiet präsent.
Die Frage nach der Existenz einer ›Heimat‹ Ruhrgebiet kann also bejahend beantwortet werden. Die vielfältigen Wandlungen, die die Region seit der Industrialisierung durchlebt, haben nicht zum Verlust der Möglichkeit geführt, ›Heimat‹ lyrisch zu verarbeiten; vielmehr erweist sich die Lyrik als Medium der Reflexion einer sich wandelnden regionalen Identität.
Hans Heinrich Blotevogel: Die Region Ruhrgebiet zwischen Konstruktion und Dekonstruktion. In: Westfälische Forschungen 52 (2002), S. 453–488, hier S. 453.
Vgl. ebd., S. 484 f.; vgl. zudem Joachim Wittkowski: [Rez.] Das Ruhrgebiet im Industriezeitalter. Geschichte und Entwicklung. Hg. von Wolfgang Köllmann, Hermann Korte, Dietmar Petzina und Wolfhard Weber. 2 Bde. Düsseldorf: Schwann im Patmos Verlag 1990. In: Literatur in Wissenschaft und Unterricht 26 (1993), S. 314–316, hier S. 314 (zusammenfassende Darstellung mit weiterführenden Verweisen); Rainer Danielczyk: Gibt es noch das Ruhrgebiet? – Innen- und Außenansichten. In: Karl Ditt/Klaus Tenfelde (Hg.): Das Ruhrgebiet in Rheinland und Westfalen. Koexistenz und Konkurrenz des Raumbewusstseins im 19. und 20. Jahrhundert. Paderborn u. a.: Schöningh 2007, S. 377–385 (nimmt auch Wandlungen der Identität in den Blick); Rolf Parr: Das Projekt einer »Literaturgeschichte des Ruhrgebiets seit 1960«. In: Britta Caspers u. a. (Hg.): Theorien, Modelle und Probleme regionaler Literaturgeschichtsschreibung. Essen: Klartext 2016, S. 5–29, hier S. 8 f. (auf die Literatur ausgerichteter Ansatz); Heinz H. Menge: Mein lieber Kokoschinski! Der Ruhrdialekt. Aus der farbigsten Sprachlandschaft Deutschlands. Bottrop: Henselowsky Boschmann 2013, S. 6–13 (zeigt verwaltungsmäßige Inkongruenzen und die Bedeutung der Sprache auf).
J[oseph] Meyer (Hg.): Das große Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände. Fünfter Supplement-Band. Hildburghausen u. a.: Bibliographisches Institut 1854, S. 169. Der Terminus ›Ruhrgebiet‹ wird im Artikel »Rhein« verwendet.
Vgl. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon. 11., umgearb., verb. und verm. Aufl. 15 Bde. Bd. 12. Leipzig: Brockhaus 1867, S. 36. Der Terminus ›Ruhrgebiet‹ findet sich hier im Artikel »Preußen (geographisch-statistisch)«. – Zeitgleich hat der Kölner Journalist Nikolaus Hocker in seiner Schrift Die Großindustrie Rheinlands und Westfalens, ihre Geographie, Geschichte, Production und Statistik (Leipzig: Quandt & Händel 1867) ebenfalls den Terminus ›Ruhrgebiet‹ gebraucht. Die Kreise Recklinghausen und Moers zählt er dabei nicht zum »Kohlenbassin der Ruhr« (vgl. Gunnar Gawehn/Marco Rudzinski: Industrielle Revolution und die Entstehung des Ruhrgebiets. In: Klaus Tenfelde/Thomas Urban [Hg.]: Das Ruhrgebiet. Ein historisches Lesebuch. 2 Bde. Essen: Klartext 2010, Bd. 1, S. 177–181, hier S. 180, und den Textauszug aus Hockers Band [ebd., S. 216 f.]).
Vgl. Brockhaus’ Konversations-Lexikon. 14., vollst. neubearb. Aufl. 16 Bde. Bd. 13. Leipzig/Berlin/Wien: Brockhaus 1895, S. 391, 824. Der Terminus ›Ruhrgebiet‹ steht auch hier im Artikel »Preußen (Bergbau, Salinen- und Hüttenwesen)« mit Verweis auf den Artikel »Rheinisch-Westfälisches Kohlenbecken«. Dort wird folgende geografische Grenzziehung vorgenommen: »reicht etwa von Dortmund ab westlich bis nahezu Oberhausen, Duisburg, Ruhrort, also fast bis zum Rhein, durchzieht nach Süden die Bezirke von Steele, Bochum, Essen, Witten und darüber hinaus, während die Ausdehnung nach Osten und Norden noch nicht ganz bekannt ist« (S. 824).
Vgl. Die Steinkohlen des Ruhrgebietes. Eine Zusammenstellung der Zechen dieses Reviers, der daselbst geförderten Qualitäten, der Versendungs-Orte, Bahnstationen, sowie der Zechen- und Bahnfrachten. Köln: DuMont-Schauberg 1871.
Vgl. Blotevogel: Die Region Ruhrgebiet (Anm. 1), S. 462 f., 469 f.; Wilhelm Dege: Das Ruhrgebiet. Kiel: Hirt 1976, S. 9; Stefan Goch: Im Dschungel des Ruhrgebiets. Bochum: Bibliothek des Ruhrgebiets 2004, S. 7 f., 16, 47; Ders.: »Der Ruhrgebietler« – Überlegungen zur Entstehung und Entwicklung regionalen Bewußtseins im Ruhrgebiet. In: Westfälische Forschungen 47 (1997), S. 585–620, hier S. 585–589; Matthias Uecker: Heimatbewußtsein im Industriegebiet? Das bürgerliche Heimatkonzept im Ruhrgebiet der Weimarer Republik: Inhalte, Funktionen und Probleme. In: Westfälische Forschungen 47 (1997), S. 137–151, hier S. 138f; Stefan Berger: Was ist das Ruhrgebiet? Eine historische Standortbestimmung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 69 (2019), H. 1–3, S. 4–11, hier S. 5 f.; Dietmar Bleidick: Ort ohne Ort? Erinnerungsort Ruhrstadt. In: Stefan Berger u. a. (Hg.): Zeit-Räume Ruhr. Erinnerungsorte des Ruhrgebiets. Essen 2019, S. 46–63, hier S. 46–50, 55.
Blotevogel: Die Region Ruhrgebiet (Anm. 1), S. 469 f. – Dass der Ausdruck ›Ruhrgebiet‹ vor »etwa 1920/25« »ausschließlich im hydrologisch-wasserwirtschaftlichen Sinn für das Einzugsgebiet der Ruhr verwendet« worden sei (S. 469), ist indes eine irrige Annahme. – Vgl. auch Goch: »Der Ruhrgebietler« (Anm. 7), S. 598–605.
In der Wissenschaft liegt bereits 1909 eine Tübinger Dissertation vor, die den Terminus ›Ruhrgebiet‹ im Titel führt (Heinrich Münz: Die Lage der Bergarbeiter im Ruhrgebiet. Essen: Baedeker 1909). – Im didaktischen Bereich kann der Ausdruck ›Ruhrgebiet‹ im heutigen Verständnis offenkundig 1923 als etabliert gelten, worauf zum Beispiel eine von zwei Wanner Gymnasiallehrern verfasste Schrift hindeutet (Karl Rüsewald/Wilhelm Schäfer: Heimatkunde des Ruhrgebietes. Breslau: Hirt 1923).
Vgl. Dietmar Petzina: Wirtschaft und Arbeit im Ruhrgebiet 1945 bis 1985. In: Wolfgang Köllmann u. a. (Hg.): Das Ruhrgebiet im Industriezeitalter. Geschichte und Entwicklung. 2 Bde. Düsseldorf: Schwann 1990, Bd. 1, S. 491–567.
Werner Abelshauser: Die Ruhrwirtschaft im 20. Jahrhundert. Der lange Abschied vom Industriezeitalter. In: Ulrich Borsdorf/Heinrich Theodor Grütter/Dieter Nellen (Hg.): Zukunft war immer. Zur Geschichte der Metropole Ruhr. Essen: Klartext 2007, S. 66–81.
Vgl. Blotevogel: Die Region Ruhrgebiet (Anm. 1), der einen umfassenden Überblick vermittelt.
Andreas Schumann: Heimat denken. Regionales Bewußtsein in der deutschsprachigen Literatur zwischen 1815 und 1914. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2002, S. 5.
Will Cremer/Ansgar Klein: Heimat in der Moderne. In: Dies. (Hg.): Heimat. Analysen, Themen, Perspektiven. 2 Bde. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 1990, Bd. 1, S. 33–55, hier S. 34.
Vgl. Karl Ditt: Die deutsche Heimatbewegung 1871–1945. In: Cremer/Klein (Hg.): Heimat (Anm. 14), Bd. 1, S. 135–154; Uecker: Heimatbewußtsein (Anm. 7), S. 139 f., 146–148.
Vgl. Jürgen Bolten: Heimat im Aufwind. Anmerkungen zur Sozialgeschichte eines Bedeutungswandels. In: Hans-Georg Pott (Hg.): Literatur und Provinz. Das Konzept ›Heimat‹ in der neueren Literatur. Paderborn u. a.: Schöningh 1986, S. 23–38, hier S. 28–31.
Rainer Piepmeier: Philosophische Aspekte des Heimatbegriffs. In: Cremer/Klein (Hg.): Heimat (Anm. 14), Bd. 1, S. 91–108, hier S. 96.
Ebd., S. 97.
Ebd., S. 96.
Hermann Bausinger: Heimat und Identität. In: Ders./Konrad Köstlin (Hg.): Heimat und Identität. Probleme regionaler Kultur. 22. Deutscher Volkskunde-Kongreß in Kiel vom 16. bis 21. Juni 1979. Neumünster: Wachholtz 1980, S. 9–24, hier S. 20.
Ebd., S. 21.
Vgl. Cremer/Klein: Heimat in der Moderne (Anm. 14), S. 36.
Vgl. Ina-Maria Greverus: Der territoriale Mensch. Ein literaturanthropologischer Versuch zum Heimatphänomen. Frankfurt am Main: Athenäum 1972, bes. S. 23–25.
Christian Schüle: Heimat. Ein Phantomschmerz. München: Droemer 2017, S. 13.
Ebd., S. 11.
Ebd., S. 22.
Helmut Dubiel: [Art.] Identität, Ich-Identität. In: Joachim Ritter/Karlfried Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 4. Basel: Schwabe 1976, Sp. 148–151, hier Sp. 150.
Susanne Scharnowski: Heimat. Geschichte eines Missverständnisses. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2019, S. 217.
Vgl. Hermann Bausinger: Heimat? Heimat! Heimat als Aufgabe. In: der blaue reiter 23 (2007), S. 6–10, hier S. 8, 10.
Ilija Trojanow: Nach der Flucht. Frankfurt am Main: Fischer 2017, S. 108.
Vgl. Wilhelm Gössmann: »Bei uns zulande auf dem Lande«. Eine literarische Erkundung Westfalens. In: Ders./Klaus-Hinrich Roth (Hg.): Literarisches Schreiben aus regionaler Erfahrung. Westfalen – Rheinland – Oberschlesien und darüber hinaus. Paderborn u. a.: Schöningh 1996, S. 15–54, hier S. 19–23.
Karl Prümer: Geschichten un Gestalten ut Westfolen. Met Liederanhang. 3., durchges. Aufl. Leipzig: Lenz 1925, S. 127.
Ebd., S. 135 f.
Vgl. Walter Wehner: »Wir haben keine süßen Reden …«. Emil Rittershaus und das Westfalenlied. In: Literatur in Westfalen 15 (2017), S. 467–480.
Ditt: Die deutsche Heimatbewegung (Anm. 15), S. 144.
Ebd., S. 135.
Vgl. Heinz H. Menge: Bausteine zur neueren Sprachgeschichte des mittleren Ruhrgebiets. In: Der Emscherbrücher 13 (2005/06), S. 89–95, hier S. 90.
Willem Täpper: Plattdeutsche Lachpillen. De veerte Band. Nebst einem Anhange »Glück auf!« Dat tweede Dusend. Bochum: Selbstverlag 1891, S. 11–13.
Vgl. Joachim Wittkowski: Heinrich Kämpchen und die Tradition des Bergbauliedes. In: Der Deutschunterricht 46 (1994), H. 3, S. 5–24, hier S. 10 f., Ders.: Nachwort. In: Heinrich Kämpchen Lesebuch. Zusammengestellt von Joachim Wittkowski. Bielefeld: Aisthesis 2013, S. 149–161, hier S. 149 f.
Vgl. Heinz H. Menge: Die »plattdeutsche« Umgangssprache des Ruhrgebiets. In: Heiner Egge/Reinhard Goltz (Hg.): Jahrbuch [der Klaus-Groth-Gesellschaft] 2011. Heide: Boyens 2011, S. 155–170, hier S. 155–157; Renate von Heydebrandt: Literatur in der Provinz Westfalen 1815–1945. Ein literarhistorischer Modell-Entwurf. Münster: Regensberg 1983, S. 92.
Heinrich Kämpchen: Was die Ruhr mir sang. Gedichte. Dritter Band. Bochum: Hansmann [1909], S. 26.
Ebd., S. 54 f. (auch abgedruckt in: Heinrich Kämpchen Lesebuch [Anm. 39], S. 104 f.).
Heinrich Kämpchen: Neue Lieder. Gedichte. Bochum: Hansmann [1904/05], S. 71 (auch abgedruckt in: Heinrich Kämpchen Lesebuch [Anm. 39], S. 100).
Heinrich Kämpchen: Im Industriebezirk. In: Deutsche Berg- und Hüttenarbeiter-Zeitung, Nr. 35, 28.8.1897 (auch abgedruckt in: Heinrich Kämpchen Lesebuch [Anm. 39], S. 105 f.).
Philipp Witkop: Ein Liebeslied und andere Gedichte. Zürich/Leipzig/Berlin: Henckell [1901], S. 73 f.
Herbert Knorr: Zwischen Poesie und Leben. Geschichte der Gelsenkirchener Literatur und ihrer Autoren von den Anfängen bis 1945. Essen: Klartext 1995, S. 142.
Ebd., S. 82.
Dirk Hallenberger: Industrie und Heimat. Eine Literaturgeschichte des Ruhrgebiets. Essen: Klartext 2000, S. 51.
Witkop: Ein Liebeslied (Anm. 45), S. 77.
Vgl. Knorr: Zwischen Poesie und Leben (Anm. 46), S. 91.
Vgl. ebd., S. 82.
Vgl. Wittkowski: Heinrich Kämpchen (Anm. 39), hier S. 10 f., 15–17.
Knorr: Zwischen Poesie und Leben (Anm. 46), S. 144.
Vgl. Ditt: Die deutsche Heimatbewegung (Anm. 15), S. 144 f.; von Heydebrandt: Literatur in der Provinz (Anm. 40), S. 138.
Knorr: Zwischen Poesie und Leben (Anm. 46), S. 287.
Hallenberger: Industrie und Heimat (Anm. 48), S. 160.
Adolf Wurmbach: Die schwarze Stadt. Bilder und Klänge aus dem Reiche der Arbeit. Gelsenkirchen: Deutelmoser 1922, S. 69.
Ebd., S. 71.
Vgl. Wilhelm Wiedfeld: Vorwort. In: Ludwig Kessing: Auf zum Licht! Gedichte. Essen: Westdeutsche Druckerei 1924, S. [3 f.], hier S. [3].
Vgl. von Heydebrandt: Literatur in der Provinz (Anm. 40), S. 138; Hallenberger: Industrie und Heimat (Anm. 48), S. 88–91.
Kessing: Auf zum Licht! (Anm. 59), S. 109.
Ebd., S. 110.
Vgl. z. B. Ernst Ambrosius (Hg.): Andrees Allgemeiner Handatlas in 221 Haupt- und 192 Nebenkarten. 6., völlig neubearb. und verm. Aufl. Bielefeld/Leipzig: Velhagen & Klasing 1914, R 64 und R 65.
Ludwig Kessing: Haue und Harfe. Gedichte. Essen: Gewerkverein christlicher Bergarbeiter Deutschlands [1926], S. 139.
Vgl. Matthias Uecker: Zwischen Industrieprovinz und Großstadthoffnung. Kulturpolitik im Ruhrgebiet der zwanziger Jahre. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 1994, S. 20–35.
Erich Schulz: Mein Ruhrland. In: Uwe-K. Ketelsen (Hg.): Ruhrland. Dichtungen werktätiger Menschen. Hg. von Otto Wohlgemuth. Reprint der Originalausgabe Essen 1923. Bielefeld: Aisthesis 2007, S. 14.
Vgl. Uwe-K. Ketelsen: Nachwort. In: Ders. (Hg.): Ruhrland (Anm. 66), S. 145–165, hier S. 145 f.
Karl Vaupel: Westfalen. In: Ketelsen (Hg.): Ruhrland (Anm. 66), S. 8 f.
Vgl. Uwe-K. Ketelsen: Adolf Potthoff. Von Joseph v. Eichendorff über Otto Wohlgemuth zu Paul Ernst. In: Joachim Wittkowski (Hg.): Lesarten Herne. 14 Autorenportraits. Akt. Neuausg. Herne: Gesellschaft für Heimatkunde Wanne-Eickel 2003, S. 59–75, hier S. 59.
Adolf Potthoff: »Das Land der tausend Feuer«. In: Paul Schneider (Hg.): Ruhrland. Ein Heimatbuch für das rheinisch-westfälische Industriegebiet. Leipzig: Brandstetter 1925, S. 1–4.
Dessen Untertitel zeigt eine deutliche terminologische Unsicherheit an: »Ein Heimatbuch für das rheinisch-westfälische Industriegebiet« – und greift damit auf einen Ausdruck zurück, den die Auftraggeber eines dritten im Haupttitel gleichfalls Ruhrland heißenden Werks aus dem Jahr 1925, Franz Schenck und Heinrich Metzger, als »geschäftsmäßig nüchtern« gerade vermieden wissen wollten (Franz Schenk/[Heinrich] Metzger: Ruhrland. In: Hermann Ehlgötz [Hg.]: Ruhrland. Berlin: DARI 1925, S. 5 f., hier S. 5; vgl. Blotevogel [Anm. 1], S. 469; dort versehentlich falsche Autorenangabe). Zu allem Überfluss ist in den Überschriften einleitender Beiträge, die aus älteren Publikationen übernommen sind, dann auch noch vom »Ruhrkohlengebiet« (Otto Ottsen: Die geologischen Verhältnisse des Ruhrkohlengebietes. In: Schneider [Hg.]: Ruhrland [Anm. 70], S. 4–10) oder abermals vom »rheinisch-westfälischen Industriebezirk« (Konrad Olbricht: Die Städte des rheinisch-westfälischen Industriebezirks. In: Schneider [Hg.]: Ruhrland [Anm. 70], S. 25–34) die Rede. Solche Unsicherheit zeigt sich auch noch ein Jahrzehnt später bei Walter Vollmer (Land an der Ruhr. Münster: Coppenrath 1935), der synonym »Land an der Ruhr« (S. 7), »Land zwischen Ruhr und Lippe« (S. 17), »Ruhrgebiet« (S. 10), »Ruhrland« (S. 31) und »Revier« (S. 28) benutzt.
Vgl. Blotevogel: Die Region Ruhrgebiet (Anm. 1), S. 472 f.
Ketelsen: Adolf Potthoff (Anm. 69), S. 64.
Vgl. Ditt: Die deutsche Heimatbewegung (Anm. 15), S. 147 f.; Cremer/Klein: Heimat in der Moderne (Anm. 14), S. 44.
Otto Wohlgemuth: Aus der Tiefe. Gedichte eines Bergmanns. Potsdam: Voggenreiter 1937, S. 10 f.
Vgl. Anita Overwien-Neuhaus: Mythos, Arbeit, Wirklichkeit. Leben und Werk des Bergarbeiterdichters Otto Wohlgemuth. Köln: Prometh 1986, S. 108 f.
Ebd., S. 11–14.
Hermann Hagedorn: Mundart? In: Ders.: Hatte on Heeme. Botterblaumen. Gedichte in niedersächsischer Mundart. [Veränd. Neuaufl.] Essen: Küster 1940, S. 5 f.
Ebd., S. 42 f.
Hermann Hagedorn war »Gaufachschaftsleiter für Lyrik und -berater für Mundart bei der Gauleitung Essen der NSDAP« ([Art.] Hermann Hagedorn. In: Walter Gödden/Iris Nölle-Hornkamp [Hg.]: Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren. Bd. 3: 1850–1900. Paderborn: Schöningh 1997, S. 222–224, hier S. 222).
Hermann Hagedorn: Hatte on Heeme. Botterblaumen. Essen: Borbecker Nachrichten 1953.
Hermann Hagedorn: Hatte on Heeme. Botterblaumen. Essen: Pomp und Sobkoviak 1984.
Georg Breuker: Der Blütenzweig. Gedichte. Bochum: Zülch 1949, S. 10. (Das Gedicht datiert vom 1.3.1943; Stadtarchiv Bochum: Nachlass Georg Breuker 89.)
Georg Breuker: Gedichte eines Bergmanns. Hattingen: Imma 1961, S. 15 f. (Das Gedicht datiert vom 10.7.1940; Stadtarchiv Bochum: Nachlass Georg Breuker 85.)
Georg Breuker: Mein Heimatland. Stadtarchiv Bochum: Nachlass Georg Breuker 85; das Gedicht datiert vom 4.7.1940.
Vgl. Hallenberger: Industrie und Heimat (Anm. 48), S. 81 f.
Ilse Kibgis: Meine Stadt ist kein Knüller in Reisekatalogen. Gedichte. Oberhausen: Asso 1984, S. 13–15; vgl. die Fassung in: Dies.: Wo Menschen wohnen. Gedichte. Essen: Wickenburg 1977, S. 45–47. Zur Versionsgeschichte dieses Gedichts vgl. Joachim Wittkowski: Ilse Kibgis, Gelsenkirchen-Horst. In: Literatur in Westfalen 17 (2020), S. 369–378, hier S. 374–376.
Vgl. Schüle: Heimat (Anm. 24), S. 156.
Kibgis: Meine Stadt (Anm. 87), S. 22.
Bausinger: Heimat und Identität (Anm. 20), S. 23.
Herbert Grönemeyer: Liedtexte und Bilder von 1980–2004. München: Schirmer/Mosel 2004, S. 38 f.
Schüle: Heimat (Anm. 24), S. 11.
In Gelsenkirchen z. B. hat er 2003 ›seinen‹ VfL Bochum mit der in Gelsenkirchen gewagten, vom Publikum indes störungsfrei hingenommenen Variante gepriesen: »machst mit ’nem doppelpaß / auf’m bierdeckel den fc schalke nass« (Herbert Grönemeyer: Bochum live 2003 – Mensch-Tour (Gelsenkirchen); siehe: http://www.youtube.com/watch?v=bpGIDOBZqgM, abgerufen am 27.2.2018).
In seinem Lied Heimat betont Herbert Grönemeyer: »heimat ist ein gefühl« (Grönemeyer: Liedtexte [Anm. 91], S. 127); vgl. dazu Scharnowski: Heimat (Anm. 28), S. 185 f.
Grönemeyer: Bochum live 2003 (Anm. 93); Orthografie und Interpunktion unverändert.
Vgl. Joachim Wittkowski: Im Herzen des Ruhrgebiets: Der Mondpalast von Wanne-Eickel. In: Der Emscherbrücher 15 (2011/12), S. 77–86, hier bes. S. 81, 83.
Sigi Domke: Liederbuch zu: Wat ne herrliche Welt oder Unser Fritz kehrt zurück. [Herne: Mondpalast von Wanne-Eickel 2005], S. 1 (Alles nur GaGa nach Radio GaGa von Queen).
Ebd., S. 14 (So war die Zeit nach Those were the days von Mary Hopkins).
Ebd., S. 8 (Wat ne herrliche Welt nach What a Wonderful World von Louis Armstrong).
Christoph Wenzel: weg vom fenster. Gedichte. Dortmund: vorsatz 2012, S. 11.