George Orwell wurde mit Animal Farm und Nineteen Eighty-Four einer der weltweit bedeutendsten und einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Zuvor jedoch war er in Burma Polizeibeamter während der Zeit des British Raj, der imperialen Kolonialherrschaft GroÃbritanniens in Indien, erfuhr die soziale Realität von Armut, Obdachlosigkeit und Arbeiten am unteren Ende der Gesellschaft in Frankreich und England am eigenen Leib und kämpfte als Freiwilliger auf Seiten der Republikaner gegen die Franco-Faschisten im Spanischen Bürgerkrieg.1
Die Suche nach dem Fernen, Ungewissen, Fremden, Anderen kannte Orwell aus der Lektüre seiner Kindheit und Schulzeit â so waren etwa H. G. Wells, Charles Dickens und Jack London von Orwell lebenslang geschätzte Autoren; die âgood bad booksâ2 von Autoren wie Arthur Conan Doyle oder Rudyard Kipling, den er in einem Essay von 1942 als âgood bad poetâ3 charakterisiert, sollten später zum Gegenstand seiner literatur- und gesellschaftskritischen Analysen werden. Doch was zunächst, vor dem Hintergrund der Lektüren seiner Jugend, eine Suche nach dem Abenteuer gewesen sein mag, wandelte sich in der Auseinandersetzung mit der Realität sehr schnell in etwas anderes, nämlich in die Suche nach Wahrheit. Die ist nie einfach zu haben: âTo see what is in front of oneâs nose needs a constant struggleâ,4 schreibt Orwell gegen Ende seines Lebens. Spätestens ab seiner Rückkehr aus Burma nach England Ende der 1920er Jahre war das sowohl lebenspraktische und politische als auch literarische Programm Orwells, die eigenen Perspektiven gezielt zu erweitern und dazu systematisch in fremde Erfahrungswelten einzutauchen: âI wanted to submerge myself, to get right down among the oppressed, to be one of them and on their side against their tyrantsâ,5 schreibt er im Rückblick auf diese Zeit in seinem 1937 erschienenen Buch The Road to Wigan Pier. Retrospektiv schildert er dieses Programm als eine Suche nach den verdrängten, unsichtbaren Anteilen der Realität, genauer: der sozialen Realität â eine Fahrt nach ganz unten, auf den Grund der gesellschaftlichen Unterwelt. Einer der wesentlichen Antriebe, diese Reise anzutreten, war seine Hoffnung, die Schuld abtragen zu können, die er durch seine Tätigkeit als Kolonialbeamter angesammelt hatte:
What I profoundly wanted, at that time, was to find some way of getting out of the respectable world altogether. [â¦] I could go among these people, see what their lives were like and feel myself temporarily part of their world. Once I had been among them and accepted by them, I should have touched bottom, and â this is what I felt: I was aware even then that it was irrational â part of my guilt would drop from me.6
âIrrationalâ war nicht nur der Wunsch, sich von Schuld zu reinigen, sondern auch die Folie, vor der er entstand. Ich habe es im Zitat, das ich als Titel gewählt habe, angedeutet; wir kommen später darauf zurück: âAbenteuerâ â das war, wie sich ihm im Zuge seiner Erfahrungen zeigen sollte, für Orwell das, was sich derjenige über die vor ihm liegende Welt denkt, der sich ihrer Erfahrung noch nicht ausgesetzt hat.
In meinen folgenden Ãberlegungen will ich nachzeichnen, wie sich die Matrix des Abenteuers in der Erfahrung der konkreten Realität für Orwell als Illusion und Ideologie, als âabsurdâ, weil hinderlich für die Erfassung und dann auch die Erzählung der Realität erwies. Ich diskutiere also nicht das Paradigma des Abenteuers selbst, sondern Orwells Weg des Ausstiegs aus ihm. Und zwar in seiner lebenspraktischen und erzähltechnischen Dimension: Denn Erfahrung und Erzählung sind, wie Walter Benjamin in seinem Erzähler-Aufsatz7 gezeigt hat, zwei Seiten derselben Sache, und dies gilt ganz besonders für Leben und Werk George Orwells.
1. Die Methode der Immersion: Das Vorbild Jack London
Orwells Auseinandersetzung mit der Lebenswelt der Arbeiter und Armen hat sowohl in der Literatur als auch in der Wissenschaft einige Vorläufer und Vorbilder, darunter Charles Dickens oder George Gissing, die Orwell bewunderte, oder Werke wie The Life and Labour of the People of London des Sozialreformers Charles Booth, die Orwell bereits als Schüler gelesen hatte.8 Der zentrale Vorläufer und direktes Vorbild für Orwells Methode programmatischer Immersion aber war Jack London.9 Londons Werke hatte Orwell bereits als prep school-Schüler kennengelernt und bewundert, dessen Werk The People of the Abyss las er während seiner Zeit in Eton, und auch noch 1946, vier Jahre vor seinem Tod, hob er Londons Buch als âsoziologisch wertvollâ hervor.10
1903 war Jack Londons The Call of the Wild erschienen, ein aus der Sicht eines Hundes erzählter Abenteuerroman, der zur Zeit des Klondike-Goldrausches in Alaska Ende des 19. Jahrhunderts spielt.11 Die Geschichte folgt dem archetypischen Mythos des Helden, der Abenteuer bestehen muss, um zu dem zu werden, der er eigentlich ist: Der Held begibt sich auf eine Reise, sieht sich auf dieser Reise existenziellen Prüfungen ausgesetzt, durch die er sich verwandelt und schlieÃlich eine Apotheose erreicht. Auch in seiner Struktur folgt der Roman den Konventionen der Abenteuergeschichte: Im ersten Teil wird der Held Buck Opfer von Gewalt und muss um sein Ãberleben kämpfen, Erfahrungen, aus denen er gestärkt hervorgeht und, im zweiten Teil, Anführer des Hunderudels wird; im dritten Teil stirbt er beinahe, ein symbolischer Tod, aus dem er schlieÃlich im vierten Teil wiedergeboren wird, um als Geläuterter zu seinen natürlichen Wurzeln zurückzufinden.
Zu Lebzeiten war Jack London der meistverkaufte Autor der Welt. The Call of the Wild begründete Londons Ruhm als einer der weltweit erfolgreichsten und bedeutendsten Abenteuerromanautoren. Das Material für diesen Roman hatte London, nachdem er als Landstreicher durch die USA gezogen war, während eines einjährigen Aufenthalts im Yukon gesammelt, über den er später sagte: âIt was in the Klondike I found myselfâ.12 The Call of the Wild wird Orwell, ebenso wie White Fang, Londons zweites äuÃerst populäres Buch, 1945 als âanimal booksâ bezeichnen, âwhich appealed to the Anglo-Saxon sentimentality about animalsâ,13 und Londons eigentliche Bedeutung in anderen Büchern ausmachen, so etwa in The Road, âa brilliant little book describing Londonâs youthful experiences as a trampâ.14
Ebenfalls 1903, also im selben Jahr wie The Call of the Wild, erschien auch das Buch The People of the Abyss,15 eine Darstellung des Lebens im Londoner East End im Jahr 1902. Jack London hatte sie geschrieben, nachdem er, ein armen Verhältnissen entstammender überzeugter Sozialist, selbst einige Wochen im East End die Bedingungen, unter denen etwa eine halbe Million Londoner tagtäglich lebten, beobachtet und am eigenen Leib erfahren hatte. Eingangs seines âAuthorâs Prefaceâ zu The People of the Abyss schreibt London:
The experiences related in this volume fell to me in the summer of 1902. I went down into the under-world of London with an attitude of mind which I may best liken to that of the explorer. I was open to be convinced by the evidence of my eyes, rather than by the teachings of those who had not seen, or by the words of those who had seen and gone before. Further, I took with me certain simple criteria with which to measure the life of the under-world. That which made for more life, for physical and spiritual health, was good; that which made for less life, which hurt, and dwarfed, and distorted life, was bad.16
Die drei zentralen Begriffe in dieser Passage sind: âexperiencesâ, âexplorerâ und âevidence of my own eyesâ. Jack London stellt sich seinen Lesern als Entdecker vor, der eine Forschungsreise in den Abgrund der sozialen âUnterweltâ Londons unternimmt, um sich mit seinen eigenen Augen ein authentisches Bild von den Verhältnissen dort zu machen. Auch hier lautet der Grundsatz aller Betrachtung: Das wirkliche Leben wird beschreibbar nur unter der MaÃgabe, es selbst er- und gelebt zu haben.
Das erste Kapitel von The People of the Abyss trägt den Titel âThe Descentâ, und wie beim Abstieg in die Unterwelt des antiken Hades hebt es mit einer Reihe von Warnungen an, die den Ich-Erzähler London von seinem Vorhaben, sich mit seinen eigenen Augen ein Bild machen zu wollen, abbringen sollen. Jack London antwortet auf diese Warnungen: âWhat I wish to do is to go down into the East End and see things for myself. I wish to know how those people are living there, and why they are living there, and what they are living for. In short, I am going to live there myself.â17
Die Immersion des eigenen Körpers in das, was erforscht und von dem dann erzählt werden soll, ist für Jack London die wesentliche Voraussetzung der Wahrheit der Erzählung. Die eigene Anschauung bestimmt den Weg der Forschung ebenso wie ihre Ergebnisse: Was nicht selbst erfahren wurde, kann nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Hier liegt für ihn die Bedingung der Möglichkeit der Authentizität des Dargestellten.
2. âWrite the truth about what I have seenâ: Realität schildern â Erfahrung schreiben
Londons The People of the Abyss war eine âeindeutige Quelle der Inspirationâ für Orwell;18 er folgte Londons Beispiel, teilweise bis in Details hinein. Als Orwell im Herbst 1927 seine Expeditionen ins East End beginnt, die ihn dann in den nächsten fünf Jahren auch über London hinaus und nach Frankreich führen sollten, kauft er, wie Jack London, in einem Pfandleihhaus alte Kleider, um nicht aus dem Rahmen zu fallen; begeht zunächst die gleichen StraÃen wie Jack London und versucht wie dieser seinen Akzent zu unterdrücken, der ihn als Angehörigen der höheren Klassen identifizierbar machen würde. Jack Londons The People of the Abyss eröffnete Orwell Möglichkeiten eines methodischen Zugangs zur sozialen Unterwelt und war zugleich ein Vorbild für eine literarische Form, in der das Erfahrene dargestellt werden konnte.
Doch in der Methode ebenso wie in Belangen der literarischen Form löste sich Orwell rasch von diesem Vorbild. Während Jack London für seine Ausflüge ins East End eine angenehme Wohnung in der Nähe gemietet hatte â âto assure myself that good clothes and cleanliness still existedâ19 â, wird Orwell in Armenhäusern schlafen und Zimmer bei Arbeiterfamilien mieten. Ein noch eindrücklicheres Beispiel: Um über das Leben im Gefängnis zu schreiben, versuchte Orwell, ins Gefängnis geworfen zu werden; da er dort jedoch nur für einige Stunden festgehalten wurde, betrank er sich und schlug einen Polizisten, der ihn zu seiner Frustration jedoch nicht verhaftete, sondern lediglich Orwells Begleiter anwies, ihn nach Hause zu bringen, wie Orwells damalige Freundin Kay Ekevall in einem Interview berichtete: âhe was very honest in that respect, he always wanted to have first-hand information about everythingâ.20
Hier deutet sich bereits einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Orwell und seinem Vorbild Jack London an: Auch wenn Londons Programm darin bestand, sich selbst den Situationen, die er beschreiben wollte, auszusetzen â so weit wie Orwell ist London nie gegangen. Und das ist der Unterschied: âLondon observes; Orwell participatesâ.21
In den Jahren ab 1927 bis 1936 widmet sich Orwell dem Ziel, die Lebensbedingungen der âunsichtbarenâ Menschen am unteren Rand der Gesellschaft, der Arbeiter und Gelegenheitsarbeiter, Arbeitslosen und Bettler, kennenzulernen, indem er sie am eigenen Leib er- und durchlebte. Sich mit eigenen Augen ein eigenes Bild verschaffen, um aus eigener Erfahrung authentisch berichten zu können, das ist das zentrale Motiv nicht nur seiner Reisen in die soziale âUnterweltâ Londons, Frankreichs und dann Nordenglands, sondern â neben der Absicht, das Seinige beizutragen, indem er auf republikanischer Seite ganz konkret, unter Einsatz seines eigenen Körpers, gegen den sich weltweit auf dem Vormarsch befindlichen Faschismus kämpft â auch bei seinem kurzentschlossenen Aufbruch nach Spanien Ende 1936. So schreibt er in einem Brief vom 09.05.1937 von einem kurzen Fronturlaub aus Barcelona an seinen Verleger: âIt is not easy here to get hold of any facts outside the circle of oneâs own experience, but with that limitation I have seen a great deal that is of immense interest to me. [â¦] I hope I get a chance to write the truth about what I have seen.â22
In dieser programmatischen Immersion des Körpers des Autors in das, wovon erzählt werden soll, läge damit dann aber auch eine wesentliche Bedingung der Möglichkeit der Immersion des Lesers in das Erzählte. Realität für den Leser ist dann nicht nur das, was der Text manifest erzählt, was er zu bedenken gibt oder worauf er in seinem Appellcharakter abzielen mag. Entscheidend ist vor allem das, was aus dem Text für den Leser erfahrbar wird. Und zwar im doppelten Sinne von âerfahrbarâ: Das, was der Text erzählt, ebenso wie das, was sich über ihn mitteilt, als zwar verbal vermittelte, selbst aber nonverbale Vermittlung â jene Geschichte, die unausgesprochen erzählt wird. Wie sein Vorläufer Jack London vertraut Orwell darauf, dass das, was real beobachtet und durchlebt worden ist, über die Vermittlung des Textes für den Leser in seiner Realität auch als authentisch und real erfahrbar wird.
3. âAt present I do not feel that I have seen more than the fringe of povertyâ: Down and Out in Paris and London
Orwells erste Recherchearbeit führte ihn nach dem Vorbild Jack Londons 1927 ins Londoner East End, dann auch über London hinaus nach Frankreich, später nach Nordengland, wo er die Bedingungen der Minenarbeiter und der Massenarbeitslosigkeit erforschte. Ãber fünf Jahre hinweg lebte Orwell so immer wieder über längere Zeiträume hinweg als Landstreicher, schlief in Obdachlosenunterkünften, arbeitete als Tagelöhner, etwa als Tellerwäscher oder Erntehelfer. Und während dieser Zeit, ab Ende der 1920er, Beginn der 30er Jahre, erarbeitet sich Orwell die Grundlagen seiner Erzähltechnik. Ausgangspunkt ist die eigene Anschauung, die Immersion des eigenen Körpers in das, was erforscht und dargestellt werden soll. Orwells erstes Buch Down and Out in Paris and London ist das erste groÃe Ergebnis dieser Methode.
Orwell eröffnet Down and Out in Paris and London mit der Schilderung einer morgendlichen StraÃenszene in der Rue du Coq dâOr in Paris:
The rue du Coq dâOr, Paris, seven in the morning. A succession of furious, choking yells from the street. Madame Monce, who kept the little hotel opposite mine, had come out on to the pavement to address a lodger on the third floor. Her bare feet were stuck into sabots and her grey hair was streaming down. Madame Monce: âSacrée salope! How many times have I told you not to squash bugs on the wallpaper? Do you think youâve bought the hotel, eh? Why canât you throw them out of the window like everyone else? Espèce de traînée!â The woman on the third floor: âVa donc, eh! vieille vache!â
Thereupon a whole variegated chorus of yells, as windows were flung open on every side and half the street joined in the quarrel. They shut up abruptly ten minutes later, when a squadron of cavalry rode past and people stopped shouting to look at them.
I sketch this scene, just to convey something of the spirit of the rue du Coq dâOr. Not that quarrels were the only thing that happened there â but still, we seldom got through the morning without at least one outburst of this description. Quarrels, and the desolate cries of street hawkers, and the shouts of children chasing orange-peel over the cobbles, and at night loud singing and the sour reek of the refuse-carts, made up the atmosphere of the street.23
Dieses StraÃenpanorama, mit dem Orwell Down and Out in Paris and London eröffnet, zeigt in nuce bereits das bestimmende stilistische und narrative Gestaltungsprinzip des gesamten Buches: Polyphonie. Die einzelnen Stimmen heben an und gehen im Lärm des täglichen Lebens unter oder werden nachverfolgt und individualisieren sich zu Einzelstimmen, die Geschichten und Schicksale erzählen, die wiederum auf andere Geschichten, andere Schicksale führen. Aus einer Collage solcher kleiner Szenen, die wie Erzählvignetten funktionieren, Schilderungen von Geräuschen und Gerüchen, kurzen Reflexionen und Porträts einzelner Menschen, deren Existenzen, ausgehend von illustren Details, schlaglichtartig charakterisiert werden, besteht Down and Out in Paris and London. Es zeichnet ein Panorama verschiedenster Erzählungen über die Armut, vorgebracht von den unterschiedlichsten Stimmen; die Stimme des Ich-Erzählers ist dabei nur eine von und unter ihnen. Das Buch porträtiert die Armen nicht nur, wie es etwa Jack London in The People of the Abyss getan hatte, sondern entwickelt eine Methode, sie selbst sprechen zu lassen, und ein Gewebe vieler, auf die unterschiedlichste Weise miteinander zusammenhängender Geschichten, die, wie es an einer Stelle heiÃt, âall part of the storyâ24 sind.
Adressaten dieser Erzählung sind die Angehörigen der oberen Klassen, die â wie Orwell zu Beginn seiner Expeditionen in die soziale Unterwelt â Falsches oder gar nichts von den wirklichen Bedingungen der Armut wissen. Das Buch baut somit eine Art Scharnier zwischen Perspektiven, die eigentlich miteinander unvereinbar sind. Und hier liegt das eminent Politische dieses Buches: in der Vermittlung und Verschaltung von Perspektiven hin zu einer Multiperspektivität. Und aufgrund dieser Beschaffenheit vermag es einen Prozess im Leser in Gang zu setzen, der auf Erkenntnis zielt.
Die Erzählung des ersten Teils von Down and Out in Paris and London ist lose um die Perspektivfigur Boris organisiert, einen arbeitslosen Kellner und ehemaligen Offizier der weiÃrussischen Armee, dem der Ich-Erzähler im Kapitel IV begegnet. Im zweiten Teil des Buches gibt es keine solche Perspektivfigur mehr; die Erzählung emaniert nun wesentlich aus dem Ich-Erzähler; erzählt wird, was ihm auf seinen Wegen als Landstreicher in und um London begegnet. Die beiden Teile des Buches sind nur dünn miteinander verbunden, und im Ganzen bleibt Down and Out in Paris and London eine Collage von Erzählvignetten unterschiedlicher Länge und wechselnder Eindrücklichkeit, deren Abfolge mal mehr, mal weniger zufällig wirkt, insgesamt aber in keinem übergreifend notwendigen Zusammenhang steht. Dieser Mangel in der narrativen Technik ist nicht bloà schriftstellerisch-handwerklicher Natur. Seine Entsprechung hat er in einem Defizit der Erfahrung. In den letzten Sätzen des Buches benennt Orwell dieses Defizit selbst: âAt present I do not feel that I have seen more than the fringe of poverty. [â¦] That is a beginning.â25
My story ends here. It is a fairly trivial story, and I can only hope that it has been interesting in the same way as a travel diary is interesting. I can at least say, Here is the world that awaits you if you are ever penniless. Some days I want to explore that world more thoroughly. I should like to know people like Mario and Paddy and Bill the moocher, not from casual encounters, but intimately; I should like to understand what really goes on in the souls of plongeurs and tramps and Embankment sleepers. At present I do not feel that I have seen more than the fringe of poverty.
Still I can point to one or two things I have definitely learned by being hard up. I shall never again think that all tramps are drunken scoundrels, nor expect a beggar to be grateful when I give him a penny, nor be surprised if men out of work lack energy, nor subscribe to the Salvation Army, nor pawn my clothes, nor refuse a handbill, nor enjoy a meal at a smart restaurant. That is a beginning.26
Das sollte sich bereits mit Orwells zweitem Langessay und fünftem Buch insgesamt, The Road to Wigan Pier, ändern â und zwar grundsätzlich.
4. âWhat I have most wanted to do [â¦] is to make political writing into an artâ: The Road to Wigan Pier
In Why I Write, einem 1946 publizierten kleinen Essay über das Schreiben und zugleich eine Miniatur-Autobiographie, schreibt Orwell:
What I have most wanted to do throughout the past ten years is to make political writing into an art. My starting point is always a feeling of partisanship, a sense of injustice. When I sit down to write a book, I do not say to myself, âI am going to produce a work of art.â I write it because there is some lie that I want to expose, some fact to which I want to draw attention, and my initial concern is to get a hearing. But I could not do the work of writing a book, or even a long magazine article, if it were not also an aesthetic experience. Anyone who cares to examine my work will see that even when it is downright propaganda it contains much that a full-time politician would consider irrelevant.27
Im Januar 1936 gab Orwell sein viertes Buch, den Roman Keep the Aspidistra Flying, bei seinem Verleger Victor Gollancz ab und erhielt von ihm kurz darauf den Auftrag, ein Buch über Massenarbeitslosigkeit und die Lebensbedingungen in Nordengland zu schreiben. Kurzentschlossen kündigte Orwell seine Stelle im Buchladen Bookloverâs Corner und seine Wohnung und machte sich sofort auf, Nordengland zu bereisen. Orwells Aufenthalt in den Industriezentren der West Midlands, Yorkshire und Lancashire sollte zwei Monate dauern und seine Perspektive auf das Leben ebenso fundamental verändern wie sein Schreiben. Das Ergebnis, The Road to Wigan Pier, markiert den Wendepunkt in Orwells Gesamtwerk: In diesem Buch, einem Meisterwerk der Langessayform, ist zum ersten Mal jener konzentrierte, spürbar erfahrungsgesättigte Zugriff auf die Dinge der Welt â als Sozialreportage â und des Denkens â in Form von Ideologiekritik â zu beobachten, für den Orwell später weltberühmt werden sollte. The Road to Wigan Pier ist das erste Buch Orwells, in dem er sein politisches Schreiben so weit vorangetrieben hat, dass es wirklich zu einer Kunstform geworden ist. Die rhapsodische, mäandernde Erzählform von Down and Out in Paris and London ist in The Road to Wigan Pier zu einer dichten Darstellung fortentwickelt, die die einzelnen Phänomene in ihrem gröÃeren gesellschaftlichen Zusammenhang erfasst, bis in die Details ihrer Auswirkungen auf die Familien und Individuen verfolgt und, in ständiger Rückkoppelung mit Hintergrund und (Vor-)Urteilslage der Leserschaft, im Hinblick auf ihre gesamtgesellschaftliche Bedeutung auswertet.
In Kapitel II von The Road to Wigan Pier â es ist das am häufigsten zitierte Kapitel des Buches â beschreibt Orwell den Arbeitsalltag der Bergmänner und die Bedingungen unter Tage. Vielleicht am eindrücklichsten sind die Passagen, in denen Orwell à fonds schildert, mit wie viel Mühe und Schmerzen bereits der Weg zur eigentlichen Arbeitsstelle der Bergmänner, der Hunderte von Metern oder einige Kilometer unter der Erde gelegenen Abbaufläche der Kohle, verbunden ist. Die Fahrt mit dem Käfiglift in die Tiefe nämlich ist nur der kleinste und bei weitem einfachste Teil des Weges. Wirklich hart und kräftezehrend sind die Distanzen, die unterhalb der Erde horizontal zurückgelegt werden müssen, in Gängen, die so niedrig sind, dass man sie nur gebückt oder auf allen Vieren durchqueren kann. Gebückt zu gehen ist schon nach wenigen Metern anstrengend und wird schnell schmerzhaft, weil die Muskeln, die für eine solche Art der Fortbewegung nötig sind, bei gewöhnlichen Menschen einfach nicht ausgebildet sind; doch in dieser Haltung Kilometer zurückzulegen ist für jemanden, der derart harte körperliche Herausforderungen nicht gewöhnt ist, nahezu unmöglich:
At the start to walk stooping is rather a joke, but it is a joke that soon wears off. I am handicapped by being exceptionally tall, but when the roof falls to four feet or less it is a tough job for anybody except a dwarf or a child. You not only have to bend double, you have also got to keep your head up all the while so as to see the beams and girders and dodge them when they come. You have, therefore, a constant crick in the neck, but this is nothing to the pain in your knees and thighs. After half a mile it becomes (I am not exaggerating) an unbearable agony. You begin to wonder whether you will ever get to the end â still more, how on earth you are going to get back. Your pace grows slower and slower. You come to a stretch of a couple of hundred yards where it is all exceptionally low and you have to work yourself along in a squatting position. Then suddenly the roof opens out to a mysterious height â scene of an old fall of rock, probably â and for twenty whole yards you can stand upright. The relief is overwhelming. But after this there is another low stretch of a hundred yards and then a succession of beams which you have to crawl under. You go down on all fours; even this is a relief after the squatting business. But when you come to the end of the beams and try to get up again, you find that your knees have temporarily struck work and refuse to lift you. You call a halt, ignominiously, and say that you would like to rest for a minute or two. Your guide (a miner) is sympathetic. He knows that your muscles are not the same as his. âOnly another four hundred yards,â he says encouragingly; you feel that he might as well say another four hundred miles. But finally you do somehow creep as far as the coal face. You have gone a mile and taken the best part of an hour; a miner would do it in not much more than twenty minutes. Having got there, you have to sprawl in the coal dust and get your strength back for several minutes before you can even watch the work in progress with any kind of intelligence.28
Der Effekt der Immersion des Bewusstseins und der Aufmerksamkeit reicht bis zum Körper des Lesers; man meint, die schmerzhafte Ãberanstrengung der Bein- und Nackenmuskeln selbst zu spüren. Dieser Immersionseffekt wird hier durch eine detaillierte, stufenweise Erzählung der Bewegungsabläufe und der Hindernisse, denen sie unter den in der Mine herrschenden Bedingungen ausgesetzt sind, im Zusammenspiel mit Erklärungen über die verschiedenen, sich allmählich einstellenden körperlichen Auswirkungen erzielt (gebückt gehen â Rückenschmerzen â plötzlich aufrecht stehen können â Erleichterung â auf allen Vieren krabbeln müssen â Knieschmerzen, etc.). Die Länge der Sätze variiert nach MaÃgabe der Bewegungen, die schrittweise schwerer und schmerzhafter werden, und gibt so zum einen ihren körperlichen Ablauf via der grammatikalischen Einheiten des Satzcorpus wieder, die durch ein ganzes Spektrum perfekt gesetzter und variierter Interpunktionen (Punkte, Kommata, Semikola, Gedankenstriche, Parenthesen) voneinander getrennt und rhythmisiert sind. Zum anderen rhythmisiert die periodisch organisierte syntaktische Folge die Sequenz der Gedanken, mittels derer sich die Vorstellungen im Leserbewusstsein bilden und sich schrittweise die Erkenntnisse einstellen über das, was im und mit dem Körper geschieht â und zwar in dem MaÃe, wie sie sich auch bei jemandem einstellen würden, der zum ersten Mal einen kilometerlangen Weg durch enge, niedrige Minengänge geht wie der Ich-Erzähler, dem wir hier folgen.
Die schriftliche Schilderung ist überdies in einem mündlichen Duktus gehalten: Genau so, wie sie hier steht, könnte man sie auch persönlich, face to face, von jemandem erzählt bekommen. Eingeschobene Parenthesen wie etwa â(I am not exaggerating)â in dem Satz âAfter half a mile it becomes (I am not exaggerating) an unbearable agonyâ dienen sowohl dazu, die Aufmerksamkeit des Lesers appellativ zu binden â in genau derselben Weise wie die eines Hörers in mündlichen Berichten an den Stellen, an denen sie vielleicht abschweifen würde, etwa weil das Berichtete schwer zu glauben ist â, als auch dazu, das Geschilderte expressiv zu betonen und ihm noch im Superlativ (âan unbearable agonyâ) Nachdruck zu verleihen.
Die zitierte Passage ist geradezu ein Schulfall der täuschenden Schlichtheit von Orwells âunsichtbaremâ Stil. Tatsächlich bringt Orwell höchst kunstvolle Sprachmittel und Erzählstrategien zur Anwendung, um den Text dynamisch mit dem Leser interagieren zu lassen, die Wahrnehmung des Lesers zu orientieren und sein Denken schrittweise auf eine gewisse Erkenntnis hin zu organisieren.29 Orwells Ziel ist die Vermittlung der unvorstellbaren körperlichen Strapazen, denen ein Bergarbeiter ausgesetzt ist â Strapazen, die auch für einen Bergmann anstrengend, für einen Normalmenschen aber unaushaltbar sind. Doch die eigentliche Pointe kommt erst noch.
Diese unvorstellbaren körperlichen Strapazen, die ein gewöhnlicher Mensch nur mit gröÃten Schwierigkeiten durchzuhalten imstande ist, sind noch gar nicht Teil der eigentlichen Arbeit eines Bergmanns â sie entstehen diesem lediglich auf dem Hin- und Rückweg zu seinem Arbeitsplatz, an dem die sehr harte körperliche (und überdies extrem gefährliche) Arbeit, für die er bezahlt wird, überhaupt erst beginnt.
But what I want to emphasize is this. Here is this frightful business of crawling to and fro, which to any normal person is a hard dayâs work in itself; and it is not part of the minerâs work at all, it is merely an extra, like the City manâs daily ride in the Tube. The miner does that journey to and fro, and sandwiched in between there are seven and a half hours of savage work. I have never travelled much more than a mile to the coal face; but often it is three miles, in which case I and most people other than coal-miners would never get there at all. This is the kind of point that one is always liable to miss. When you think of the coal-mine you think of depth, heat, darkness, blackened figures hacking at walls of coal; you donât think, necessarily, of those miles of creeping to and fro. There is the question of time, also. A minerâs working shift of seven and a half hours does not sound very long, but one has got to add on to it at least an hour a day for âtravellingâ, more often two hours and sometimes three. Of course, the âtravellingâ is not technically work and the miner is not paid for it; but it is as like work as makes no difference.30
Diese Pointe wird von Orwell erzählerisch über Seiten und Seiten vorbereitet; ihre schlagende Wirkung kann sie vor allem deswegen entfalten, weil die detaillierte Nachzeichnung der körperlichen Strapazen, die der bloÃe Hinweg zur Abbaufläche erfordert, von jedem nachvollzogen werden kann, auch wenn er noch nie in einer Mine war und sich keiner solchen extremen körperlichen Anstrengung hat aussetzen müssen. Orwells eigentliches Ziel aber ist zu zeigen, was tatsächlich auÃerhalb des Erfahrungshorizontes â seines eigenen und dem der Leser â liegt und auch immer dort, auÃerhalb unseres Erfahrungshorizontes, verbleiben wird: die eigentliche Arbeit eines Bergmannes.
Orwells seitenlange detaillierte Beschreibung der körperlichen Strapazen, die ein gewöhnlicher Mensch schlicht nicht aushält, hat also zum wesentlichen Zweck, eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie weit die Welten des Bergarbeiters und des â vermutlich den mittleren bis oberen Klassen angehörenden â Lesers tatsächlich voneinander getrennt sind. Diese Isolierung der Welten voneinander bedingt, dass die Vorstellungen, die wir uns von der Arbeit der Bergmänner und ihrem Alltag machen, notwendig falsch ausfallen. Wie falsch, das beginnt allerdings erst in der Gegenüberstellung der MaÃstäbe hervorzutreten: Was in der einen Welt ganz selbstverständlich gilt, ist in der anderen Welt unvorstellbar, und umgekehrt. In Beziehung zueinander setzen lassen sich die verschiedenen Welten erst über die Vermittlung einer Vorstellung ihrer fundamentalen Differenz. Eine solch fundamentale Differenz lässt sich nicht einfach aussprechen; sie muss in ihren konkreten Bedeutungen und Folgen erfahren werden. In der Erzählung geht es folglich darum, dem Leser ein Gefühl für sie zu vermitteln, sie in möglichst vielen ihrer Eigenschaften zu erzählen und in ihren Auswirkungen zu evozieren, und sei es nur ex negativo.
Derlei Vermittlung und Verschaltung ist keine Beitat zur Erzählung, sondern das Wesentliche. Jonathan Swifts Gulliver ist im Reich der Liliputaner ein âMan Mountainâ, aber für den König des von Riesen bewohnten Landes Brobdingnag ist er âlittle odious verminâ, und vom Leben und Denken in beiden Ländern kann Gulliver nichts verstehen, ja sich, bei Strafe seines Untergangs, nicht einmal in ihnen bewegen, wenn er nicht die grundsätzlich verschiedenen Dimensionen und entsprechend anderen Perspektiven in Rechnung zieht.31
Diese Arbeit einer Vermittlung und Verschaltung, einer ständigen Kalibrierung der Dimensionen, durchzieht The Road to Wigan Pier. In der Mechanik gehört zu einer Kalibrierung eine Bestimmung der Umgebungsbedingungen und der âNormalenâ und, nach Durchführung der Kalibrierung, die Angabe des Ergebnisses unter Einbeziehung der Abweichung und Kalibrierunsicherheit. All dies liefert Orwell bei seiner erzählerischen Arbeit der In-Beziehung-Setzung voneinander isolierter Welten ebenfalls. Hier, in Kapitel II, ist diese narrativ-epistemologische Kalibrierungsarbeit besonders konzentriert, konsequent und kunstvoll ausgeführt. Deutlich wird das spätestens an dessen Ende, wenn Orwell schlieÃlich auf die eigentliche Arbeit der Bergmänner zu sprechen kommt. Auf der Grundlage der â durch das Erzählte nun auch im Leser etablierten â In-Beziehung-Setzung der verschiedenen Dimensionen kommt er zu folgendem Schluss:
Even when you watch the process of coal-extraction you probably only watch it for a short time, and it is not until you begin making a few calculations that you realize what a stupendous task the âfillersâ are performing. Normally each man has to clear a space four or five yards wide. The cutter has undermined the coal to the depth of five feet, so that if the seam of coal is three or four feet high, each man has to cut out, break up and load on to the belt something between seven and twelve cubic yards of coal. This is to say, taking a cubic yard as weighing twenty-seven hundred-weight, that each man is shifting coal at a speed approaching two tons an hour. I have just enough experience of pick and shovel work to be able to grasp what this means. When I am digging trenches in my garden, if I shift two tons of earth during the afternoon, I feel that I have earned my tea. But earth is tractable stuff compared with coal, and I donât have to work kneeling down, a thousand feet underground, in suffocating heat and swallowing coal dust with every breath I take; nor do I have to walk a mile bent double before I begin. The minerâs job would be as much beyond my power as it would be to perform on a flying trapeze or to win the Grand National. I am not a manual labourer and please God I never shall be one, but there are some kinds of manual work that I could do if I had to. At a pitch I could be a tolerable road-sweeper or an inefficient gardener or even a tenth-rate farm hand. But by no conceivable amount of effort or training could I become a coal-miner, the work would kill me in a few weeks.32
Dieser letzte Satz der zitierten Passage enthält die ganze Pointe des gesamten Kapitels: âAber mit keiner noch so groÃen Anstrengung oder noch so gründlichen Ausbildung könnte ich ein Bergmann werden, diese Arbeit würde mich in ein paar Wochen umbringenâ (Ãbersetzung D.A.). Ohne Orwells Kalibrierung der Dimensionen und die daraus resultierende Perspektivierung wäre, was das alles umfasst, was es wirklich bedeutet, komplett unverständlich; der letzte Satz wäre nichts als eine allenfalls mäÃig interessante Mitteilung. Erst vor dem Hintergrund der Vermittlung einer Vorstellung von den Dimensionen, in denen sich die mit der Arbeit der Bergmänner verbundenen Anstrengungen abspielen, wird er zur Pointe.
Wenn Orwell die Lebensbedingungen der Bergmänner und ihre Arbeit, die den (damals) für alle Energieerzeugung benötigten Rohstoff hervorbringt, erzählerisch darstellt, erzählt er exemplarisch zugleich also auch den unserer alltäglichen Erfahrung weitestmöglich entrückten und verdrängten materiellen Grund unserer Zivilisation:
More than anyone else, perhaps, the miner can stand as the type of the manual worker, not only because his work is so exaggeratedly awful, but also because it is so vitally necessary and yet so remote from our experience, so invisible, as it were, that we are capable of forgetting it as we forget the blood in our veins.33
5. âI had a feeling of release, of adventure, which seems absurd when I look back, but which was sufficiently vivid at the timeâ: Autobiographische Ursachenforschung und Klassenanalyse
In der zweiten Hälfte von The Road to Wigan Pier (Kapitel VIII bis XIII) reflektiert Orwell die Entwicklung seiner politischen Auffassungen und seine bürgerliche Erziehung, damit auch den Hintergrund, vor dem sich ihm â und so auch dem Leser â die Lebensbedingungen der Arbeiter immer in einem gewissen Licht, durch einen gewissen Filter, in einer gewissen Weise verfremdet darstellen. Orwell betreibt hier autobiographische Ursachenforschung, und die Untersuchung seiner Prägungen und seiner sozialen Herkunft führt ihn auf die Analyse der Klasse, der er entstammt. Er nennt sie â mit unverkennbarer Ironie â âlower-upper-middle classâ.34
Aus dem Zusammenhang dieser Ãberlegungen stammt auch die Passage, die ich im Titel meines Beitrages zitiert habe. Zu Beginn seiner Expeditionen in die soziale Unterwelt hatte Orwell der Illusion, die Klassengrenzen überwinden zu können, selber angehangen. Seine erste Expedition in die Londoner Armenviertel war ihm noch wie eine Art Abenteuer vorgekommen; ein Abenteuer, das ihn auch seiner sozialen Herkunft und Klassenprägung entledigen würde:
[I]t is that first expedition that sticks most vividly in my mind, because of the strangeness of it â the strangeness of being at last down there among âthe lowest of the lowâ, and on terms of utter equality with working-class people. A tramp, it is true, is not a typical working-class person; still, when you are among tramps you are at any rate merged in one section â one sub-caste â of the working class, a thing which so far as I know can happen to you in no other way. For several days I wandered through the northern outskirts of London with an Irish tramp. I was his mate, temporarily. We shared the same cell at night, and he told me the history of his life and I told him a fictitious history of mine, and we took it in turns to beg at likely-looking houses and divided up the proceeds. I was very happy. Here I was; among âthe lowest of the lowâ, at the bedrock of the Western world! The class-bar was down, or seemed to be down. And down there in the squalid and, as a matter of fact, horribly boring sub-world of the tramp I had a feeling of release, of adventure, which seems absurd when I look back, but which was sufficiently vivid at the time.35
Das Leben im sozialen Abseits aber ist keine romantische Abenteuergeschichte, die in die Entgrenzung führt und Freiheit bringt, sondern entpuppt sich als anstrengender Kampf mit den kleinsten, alltäglichsten Dingen, hart und öde zugleich. Im Wesen der Erfahrung liegt es, dass man sie nicht planen kann, ebenso wenig wie die aus ihr resultierenden Erkenntnisse. Erfahrung heiÃt unter anderem, Vorannahmen und Auffassungen zerstört und ganzen Weltbildern allmählich oder auch ganz plötzlich ihre Grundlage entzogen zu sehen. In dieser Hinsicht sind alle Erfahrungen unangenehm und schmerzhaft; man macht sie nicht eigentlich â im Sinne einer Tätigkeit, eines Erzeugens oder Herstellens â, man erleidet sie vielmehr.
Der Mensch ist in der Erfahrung dem ausgeliefert, was auf ihn zukommt. Die Erfahrungen dringen auf ihn ein. Er kann sich ihrer nicht erwehren. Er kann auch den Zeitpunkt der Erfahrungen nicht bestimmen. Er muà sie nehmen, wann sie kommen und wie sie kommen. Das einzige, was er tun kann [â¦], ist, sich der Möglichkeit der Erfahrungen auszusetzen, d.h. sich in Gefahr bringen. [â¦] Die Erfahrungen, die man macht, sind stets schmerzhafte Erfahrungen. Erfahrungen sind stets unangenehm. Angenehme Erfahrungen gibt es nicht. Das wäre eine contradictio in adjecto. Diese Behauptung klingt vielleicht sehr eigenwillig zugespitzt. Aber nur, weil man durch den verwaschenen Gebrauch des Wortes abgestumpft ist. [â¦] Das Wichtige ist für uns, daà die tief empfundene Schmerzhaftigkeit auf das Wesen der Erfahrung aufmerksam macht, auf die innere Struktur des Vorganges, in dem wir Erfahrungen machen.36
Mit Erfahrungen sind Risiken verbunden, und oft genug handfeste Gefahr, und sei es nur für unser bisheriges Denken, das einer sich psychisch bisweilen katastrophisch auswirkenden Revision unterzogen werden muss. Dies ist, was der britische Psychoanalytiker Wilfred Bion âcatastrophic changeâ genannt hat:37 Jeder neue Gedanke wird von der Psyche als potenziell störend und erschütternd empfunden; diese Umwälzung zu ertragen und den neuen Gedanken in die Psyche zu integrieren, führt zu Wachstum, aber diese Herausforderung der Integration ist, wie auch das Wachstum, ein schmerzhafter Prozess, der von der Fähigkeit des Einzelnen abhängt, den damit zusammenhängenden Zweifeln, der Angst, der psychischen Zersplitterung zu widerstehen.
Das Wesen der Erfahrung besteht überhaupt darin, dass etwas völlig anders verläuft beziehungsweise verlaufen ist als erwartet, und die Aufgabe, die die gemachten widrigen Erlebnisse stellen, ist, dass man mit ihnen praktisch umgehen und sie irgendwie ins Denken integrieren können muss. âJede Erfahrung, die diesen Namen verdient, durchkreuzt eine Erwartungâ, schreibt Hans-Georg Gadamer.38 Doch nicht jede enttäuschte Erwartung ist schon eine Erfahrung; Erfahrung ist vielmehr eine Antwort auf diese durchkreuzte Erwartung, das Verlassen einer zuvor eingenommenen Position und die Wiederherstellung einer sinnhaften Ordnung in einer neuen Position. Erfahrungen erlebt man nicht, man durchlebt sie.
Das ist der Hintergrund und der eigentliche Gegenstand von Down and Out in Paris and London und The Road to Wigan Pier ebenso wie von Orwells darauf folgendem Buch Homage to Catalonia.39 Es sind allesamt Bücher über Erfahrungen, die Orwell aktiv aufsuchte und denen er sich aussetzte, jedoch jedes Mal und in allen Details ganz Anderes vorfand als geplant, gewünscht oder erhofft, völlig andere Erfahrungen machte als absehbar war, aus denen völlig andere Erkenntnisse folgten als gedacht. Nicht nur hielt er die damit zusammenhängende Infragestellung aller bisherigen Gewissheiten aus, sondern ging ihr im Interesse einer Erforschung dessen, was wirklich ist, auch gezielt nach.40 Man kann Orwell also allemal eine besondere âNegative Capabilityâ im Sinne von John Keats zusprechen: âthat is when a man is capable of being in uncertainties, Mysteries, doubts, without any irritable reaching after fact & reasonâ.41
Unter der Hand eines minderen Autors als Orwell wären es Erlebnisberichte, Reisebeschreibungen, ja vielleicht Abenteuergeschichten geworden. Orwells Bücher aber sind die Werke, die sie sind, weil sie die Erfahrungen, die ihnen zugrunde liegen, in Form und Inhalt eingesenkt enthalten. âAs Orwell shows in Homage to Catalonia (as he had in The Road to Wigan Pier)â, schreibt der Herausgeber der Gesammelten Werke Orwells, Peter Davison,
he was ill-prepared politically and socially for what he was to be faced with. Both books reveal a learning process presented in such a way that the reader is taken through the experiences described. It is that personal exploration and the expression of those gut-reactions, the appeal to âdecencyâ (so important a concept for Orwell) that lifts these books out of their time.42
Mit diesen Büchern und seinem folgenden essayistischen und journalistischen Werk definierte Orwell als Pionier die literarische Form des Essays als eines Textes auf der Grenze zwischen Autobiographie, Erzählung, Sozialreportage, Theorie, (Populär-)Kultur- und Gesellschaftskritik völlig neu. Orwell entwickelte eine neue Art der Reflexion subjektiv-psychischer Realität, die auf eine neue Weise im Zusammenspiel mit objektiv-sozialer Realität gezeigt wird; sie basiert auf einer neuen Methodik, brachte ein neues Erzählen hervor und einen neuen Stil, der sich zuallererst durch seine Natürlichkeit auszeichnet, dadurch, dass er nicht als Stil auffällt. Orwells Erzählen ist multiperspektivisch in Inhalt, Form und Wirkung; auf Erfahrung basierend, orientiert es den Leser mittels verschiedenster Strategien auf Erkenntnis. Der Einfluss von Orwells Art der Reflexion subjektiv-psychischer im Zusammenspiel mit objektiv-sozialer Realität durchzieht die gesamte Essayistik nach ihm, im Journalismus und in der Literatur, ob bewusst oder unbewusst. Insbesondere im englischen Sprachraum ist er gar nicht zu überschätzen und reicht bis zu Essays wie etwa A Supposedly Fun Thing Iâll Never Do Again, in dem David Foster Wallace seine gar nicht spaÃigen Erfahrungen mit der Dienstleistungsindustrie auf einer einwöchigen Reise auf einem Luxusdampfer durch das Karibische Meer und deren verheerende innere Auswirkungen schildert.43
Die Erfahrungen, die er im Zuge seiner Begegnungen mit der sozialen âUnterweltâ, der Welt der Arbeiter und Armen machte, begannen für Orwell mit dem Abschied von der Matrix des Abenteuers, in dem die Realität immer schon eine bestimmte dramatische Struktur hat, die ihr in Wirklichkeit eben niemals eignet. Dieser Auffassung von dem, was âAbenteuerâ ist (oder nicht sein kann), lieÃen sich freilich andere kontrastieren und es lieÃe sich z. B. fragen, ob Orwells Erzählungen seiner Erfahrungen mit Bergmännern, Obdachlosen, Tramps und Gaunern selbst abenteuerhafte Erzähl-, Wahrnehmungs- und Erfahrungsschemata aufweisen oder solche in ihnen aufgerufen werden. Man kann, wenn man möchte, durchaus auch in Orwells Texten der 1930er Jahre die âvier Elemente einer Minimaldefinitionâ des Abenteuers entdecken: â(1) ein identifizierbarer Held, (2) eine grenzüberschreitende Bewegung im Raum, (3) ein Moment (gefaÌhrlicher) Kontingenz und (4) eine ErzaÌhlinstanz, die den Zusammenhang herstellt, in dem jene Kontingenz sich als Probe oder PruÌfung erweistâ.44 Und wenn er im Erzählen seiner Erfahrungen dem Modus des âAbenteuersâ erklärtermaÃen eine Absage erteilt, so lieÃe sich weiterfragen, ob Orwell in diesem erklärten Verzicht einem Paradigma moderner Literatur folgt, das das Abenteuer spätestens seit Hegel als âohne wahrhaft geistigen Zweck und in Beziehung auf Handlungen und Charaktere lügenhaftâ45 fasst, als âfalsche Geschichteâ also, den Inbegriff eines âfalschen Erzählensâ,46 das deswegen falsch ist, weil sich das, was des Erzählens wirklich wert ist, in der Matrix des Abenteuers nicht oder nicht mehr fassen lässt.47 Was bedeutet dieser erklärte Verzicht auf das Abenteuer für die spezifischen Beziehungs- und/oder identifikatorischen Angebote, die die von Orwell entwickelte Erzählstimme dem Leser unterbreitet?
Charakteristisch für die von Orwell geschaffene neue Form des Erzählens jedenfalls ist, Erfahrungen nicht nur diskursiv darzutun, sondern den Leser an den gemachten Erfahrungen direkt teilhaben zu lassen, indem sie ihn mittels hochkomplexer narrativer Verfahren, die auf Multiperspektivität zielen und sie bewirken, in die Lage versetzt, im Akt des Lesens selbst Erfahrungen zu machen.48 Die Struktur der Erfahrung im Leben, von dem erzählt wird, findet ein Ãquivalent in der sprachlichen und parasprachlichen, der narrativen und unausgesprochen-evokativen Struktur der Erzählung. So erlauben es Orwells Texte dem Leser, die erzählten Erfahrungen im Akt des Lesens zu durchleben, durch in actu legendi gemachte Erfahrung sich nicht nur zu unterhalten, sondern zu lernen, lesend zu erfahren. Orwells Texte erzählen Erfahrungen und vermitteln sie zugleich. Beziehungsweise genauer: Sie erzählen Erfahrungen, indem sie sie zugleich vermitteln. Wenn sich für Orwell in der Begegnung mit der Realität das âAbenteuerâ als das erwies, was sich der über die Welt denkt, der sich ihrer Erfahrung noch nicht ausgesetzt hat â eine, wie er im Rückblick schreibt, geradewegs âabsurdeâ Vorstellung von ihr, die er selbst hegte, weil er sich der Realität noch nicht ausgesetzt hatte â, so bieten Orwells Bücher der 1930er Jahre ihren Lesern doch mindestens ein, wenn nicht das gröÃte Abenteuer überhaupt: diese Erfahrung â dass die Realität immer eine völlig andere Gestalt hat als gedacht â lesend selbst zu machen.
Literaturverzeichnis
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Zuverlässige und hilfreiche Darstellungen von Orwells Leben und Werk bei: Michael Shelden, Orwell. The Authorised Biography, London, Melbourne u. Auckland: Heinemann 1991. Vgl. auch Peter Davison, George Orwell. A Literary Life, London: Macmillan Press 1996. Besonders empfehlenswert ist die Zusammenstellung: George Orwell, A Life in Letters, hg. u. komm. v. Peter Davison, London: Penguin 2010; dort (S. 493â503) auch eine ausführliche Zeittafel der wichtigsten Ereignisse in Orwells Leben.
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Siehe dazu: George Orwell, âGeorge Gissingâ, in: The Collected Essays, Journalism and Letters of George Orwell, Bd. 4 [In Front of Your Nose 1945â1950], hg. v. Sonia Orwell u. Ian Angus, London: Secker & Warburg 1968, S. 428â436, sowie: George Orwell, âCharles Dickensâ, in: The Collected Essays, Journalism and Letters of George Orwell, Bd. 1 [An Age Like This 1920â1940], hg. v. Sonia Orwell u. Ian Angus, London: Secker & Warburg 1968, S. 413â460, sowie ferner: Charles Booth, The Life and Labour of the People of London, 17 Bde., London: Kelley 1902â1903. Zu Orwells Lektüren siehe: Lionel Trilling, âGeorge Orwell and the Politics of Truthâ, in: George Orwell (Modern Critical Views), hg. v. Harold Bloom, New York, New Haven u. Philadelphia: Chelsea House 1986, S. 35â46.
Ein aufschlussreiches Porträt Jack Londons zeichnet: George Orwell, âIntroduction to âLove and Life and Other Storiesâ by Jack Londonâ, in: The Collected Essays, Journalism and Letters of George Orwell, Bd. 4, [In Front of Your Nose 1945â1950], hg. v. Sonia Orwell u. Ian Angus, London: Secker & Warburg 1968, S. 23â29.
Orwell, âIntroduction to âLove and Life and Other Storiesâ by Jack Londonâ, S. 25, Ãbersetzung D.A. Dazu auch: Gordon B. Beadle, âGeorge Orwellâs Literary Studies of Poverty in Englandâ, in: Twentieth Century Literature 24.2 (1978), S. 188â201; hier S. 190.
Jack London, The Call of the Wild, White Fang & To Build a Fire (Modern Library Classics), eingel. v. E. L. Doctorow, London: Penguin 1998.
London, The Call of the Wild, White Fang & To Build a Fire, S. vi.
Orwell, âIntroduction to âLove and Life and Other Storiesâ by Jack Londonâ, S. 23 f.
Orwell, âIntroduction to âLove and Life and Other Storiesâ by Jack Londonâ, S. 28.
Jack London, The People of the Abyss, in: ders., Novels and Social Writings: The People of the Abyss / The Road / The Iron Heel / Martin Eden / John Barleycorn (Library of America #7. Jack London Edition, Bd. 2), New York: Library of America 1982, S. 1â184.
London, The People of the Abyss, S. 5.
London, The People of the Abyss, S. 5, Hervorhebung D.A.
Shelden, Orwell: The Authorized Biography, S. 132 f., Ãbersetzung D.A.
London, The People of the Abyss, S. 19.
Audrey Coppard u. Bernard Crick (Hgg.), Orwell Remembered, London: Ariel Books 1984, S. 98.
Marianne Perkins, The Politics of Poverty. George Orwellâs âDown and Out in Paris and Londonâ, Texas 1992, Master-Thesis an der University of Texas, online abrufbar unter:
Orwell, A Life in Letters, S. 78 f.; Kursivierung D.A.
George Orwell, Down and Out in Paris and London [1933], eingel. v. Dervla Murphy u. komm. v. Peter Davison, London: Penguin 2001, S. 1.
Orwell, Down and Out in Paris and London, S. 5.
Orwell, Down and Out in Paris and London, S. 230.
Orwell, Down and Out in Paris and London, S. 230; Kursivierung (nach âplongeurâ) D.A.
George Orwell, âWhy I Writeâ, in: The Collected Essays, Journalism and Letters of George Orwell, Bd. 1 [An Age Like This 1920â1940], hg. v. Sonia Orwell u. Ian Angus, London: Secker & Warburg 1968, S. 1â7; hier S. 6.
Orwell, The Road to Wigan Pier, S. 23 f.
Dazu: Loraine Saunders, The Unsung Artistry of George Orwell: The Novels from Burmese Days to Nineteen Eighty-Four, Aldershot: Routledge 2008. William E. Cain, âOrwellâs essays as a literary experienceâ, in: The Cambridge Companion to George Orwell, hg. v. John Rodden, Cambridge: Cambridge University Press 2007, S. 76â86.
Orwell, The Road to Wigan Pier, S. 25 f.
Jonathan Swift, Gulliverâs Travels, hg., eingel. u. komm. v. Robert DeMaria Jr., London: Penguin 2003, Teil I, Kap. 3 & Teil II, Kap. 6.
Orwell, The Road to Wigan Pier, S.28 f.
Orwell, The Road to Wigan Pier, S. 30; Kursivierung D.A.
Orwell, The Road to Wigan Pier, S. 113.
Orwell, The Road to Wigan Pier, S. 142; Kursivierung D.A.
Otto Friedrich Bollnow, âWas ist Erfahrung?â, in: Erfahrung und Erfahrungswissenschaft, hg. v. R. E. Vente, Stuttgart: Kohlhammer 1974, S. 19â29; hier S. 20.
Wilfred Bion, Transformations. Change from Learning to Growth, London: Karnac 1965, Kap. 1, bes. S. 7 ff. Vgl. auch Wilfred Bion, Attention and Interpretation [1970], London: Karnac 2007, Kap. 11 u. 12.
Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen: Mohr Siebeck 1960, S. 338.
George Orwell, Homage to Catalonia [1938], London: Penguin 2013.
Orwells âcrucial experienceâ sieht sein Freund Tosco Fyvel denn auch in jenem durch lange Perioden von Armut, Scheitern und Erniedrigungen aller Art führenden Prozess, zu dem Autor zu werden, der er sein wollte: âHis crucial experience [â¦] was his struggle to turn himself into a writer, one which led through long periods of poverty, failure and humiliation, and about which he has written almost nothing directly. The sweat and agony was less in the slum-life than in the effort to turn the experience into literatureâ (Tosco R. Fyvel, âA Case for George Orwell?â, in: Twentieth Century, 160 (1956), S. 254â257, hier S. 257 f. Siehe auch dessen Buch: Tosco R. Fyvel, George Orwell: A Personal Memoir, London: Macmillan 1982, S. 48).
John Keats, The Letters of John Keats, hg. von H.E. Rollins, 2 Bde., Cambridge: Cambridge University Press 1958, hier Bd. 1, S. 193 f.
Davison: George Orwell: A Literary Life, S. 81.
David Foster Wallace, A Supposedly Fun Thing Iâll Never Do Again. Essays and Arguments, New York: Abacus 1997.
Martin von Koppenfels u.a., Wissenschaftliches Programm der Forschungsgruppeâ, Philologie des Abenteuers, LMU München, 2018.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen uÌber die AÌsthetik [1837], 2 Bde., in: ders., Werke, Bde. 13â14, hg. v. Eva Moldenhauer u. Karl Markus Michel, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1970, hier Bd. 2, S. 213.
Vgl. von Koppenfels u.a., âWissenschaftliches Programm der Forschungsgruppeâ, S. 10 f.
Die Realität lässt sich für Hegel ânicht mehrâ in der Matrix des Abenteuers fassen, weil der geschichtliche Moment dafür vergangen und die Form nurmehr eine leere, falsche Hülle für einen unwahr gewordenen Inhalt ist: âHat sich nun aber die gesetzliche Ordnung in ihrer prosaischen Gestalt vollständiger ausgebildet und ist sie das Ãbermächtige geworden, so tritt die abenteuernde Selbständigkeit ritterlicher Individuen auÃer Verhältnis und wird, wenn sie sich noch als das allein Gültige festhalten und im Sinne des Rittertums das Unrecht steuern, den Unterdrückten Hilfe leisten will, zu der Lächerlichkeit, in welcher uns Cervantes seinen Don Quijote vor Augen führtâ (Hegel, Vorlesungen uÌber die AÌsthetik, Bd. 1, S. 257).
Dies ist insofern ein wesentlicher Gegensatz zur Abenteuerliteratur, als ein GroÃteil der Abenteuerliteratur in der Identifikation mit dem Helden fundiert ist, also weder inhaltlich noch formal auf Multiperspektivität zielt.