âUnsre Schule wird eben die Ãbung seinâ, sagte ein Freund.
âJa, antwortete ich, mein Knabe muà schwimmen lernen, dazu muà er ins Wasser, also werfe ich ihn von der Brüke in die Donau!â
Adalbert Stifter, Brief an Heckenast vom 6. März 1849
Das nachstehende Kapitel schlieÃt direkt an Stifters bereits in Turmalin thematisierte Darstellung von gewalttätig-autoritären Erziehungskonstellationen an. Untersucht werden sollen dazu drei Fälle von Kinder- bzw. Jugendlichenerziehung, die aus Stifters mittlerer und v. a. später Werkphase stammen. Dieser Fokus hat zwei Gründe: Einerseits wurden in dieser Arbeit bereits Exempel problematisch-gewalttätiger Eltern-Kind-Konstellationen aus Stifters früherem und mittlerem Schaffen besprochen (u. a. Brigitta, Corona im Waldgänger sowie das versehrte Mädchen in Turmalin); andererseits finden sich gerade in Stifters späteren Werken eindrückliche Beispiele autoritärer(er) Erziehungssysteme, die den Zusammenhang zur Gewalt besonders deutlich hervorheben.
Beginnen möchte ich dabei mit der Analyse von Stifters Bunte Steine-Text Granit. Geschildert wird darin nicht nur die in Stifters Werk wohl drastischste Szene physischer Gewalt gegen ein Kind, sondern auch ein auf den ersten Blick harmloser, bei genauerer Betrachtung aber äuÃerst zwielichtiger Versuch einer groÃväterlichen Erziehung, die in letzter Konsequenz auf die bedingungslose Unterwerfung des Kindes unter die elterliche Gewalt (verstanden im mehrfachen Sinne des Worts) zielt. Gezeigt wird letztlich eine Verführung zur sanften Gewalt.
Sodann steht mit Zwei Witwen eine eher unbekannte, äuÃerst kurze Stifter-Erzählung im Mittelpunkt des Interesses. Anhand dieses Texts lassen sich, wie zu zeigen sein wird, modellhaft einige zentrale pädagogische Reflexionen aus Stifters mittlerer und später Lebensphase nachzeichnen. Dabei werde ich â u. a. auch durch Rückgriff auf Stifters essayistische Schriften â darlegen, dass Stifters mittlere und spätere Erziehungsvorstellungen zwar noch immer von rousseauistisch-antiautoritärem Gedankengut unterfüttert sind, besonders nach 1848 aber auch durchaus autoritäre Züge aufweisen.
Während in den ersten beiden Erzählungen das Wortfeld der (Ver-)Führung primär im Sinne von (verfehlter) Erziehung zu verstehen ist, wird der letzte Text dieses Kapitels, Der fromme Spruch, zeigen, dass es bei Stifter durchaus auch (Sünden-)Fälle von inzestuös-sexueller Verführung im Eltern-Kind-Gefüge gibt. Tatsächlich sublimiert in dieser in mehrfachem Sinne âunerhörtenâ Erzählung ein Geschwisterpaar sein inzestuöses Begehren auf die eigenen Enkel. Ebenso praktiziert die hier vorgestellte Familie derer von der Weiden ein rigides Gehorsams- bzw. Verhaltensregime, das einerseits der Unterdrückung von Gewalt und Leidenschaft dient, gleichzeitig aber gerade diese Phänomene auch ermöglicht.
8.1 âGranitâ: GroÃväterliche Ehrfurcht
Die Ehrfurcht vor der Behörde ist euch hier eingeboren, wird euch weiter während des ganzen Lebens auf die verschiedensten Arten und von allen Seiten eingeflöÃt und ihr selbst helft dabei mit, wie ihr nur könnt.
Franz Kafka, Das SchloÃ
Zur Feier von Adalbert Stifters 200-jährigem Geburtstag veranstaltete das StifterHaus 2005 in Linz eine groÃe Ausstellung unter dem Titel âKein Wesen wird so hülflos geboren als der Menschâ. Adalbert Stifter als Pädagoge, die dem bildungspolitischen und pädagogischen Wirken des Autors gewidmet war. Zu diesem Zweck wurde auch eine die Ausstellung begleitende Aufsatzsammlung publiziert, in welcher Fachkundige Stifters Pädagogik einem breiteren Publikum zugänglich machten. In einem dieser Aufsätze, der sich dem âKindseinâ bei Stifter widmet, ist nachstehende Passage abgedruckt: Das âPatriarchatâ, so schreibt die Verfasserin Ulrike Schacherreiter, âzeigt bei ihm [Stifter, B.D.] [â¦] kaum eine brutal-autoritäre Fratze: Es gibt keine für die familiären Betriebe geschundenen und ausgebeuteten Kinder; sie leiden nicht unter handgreiflicher Gewalt, erleben diese auch nicht den Müttern gegenüber.â1 Wie verkürzt und problematisch dieses Zitat mit Blick auf Stifters Werk im Allgemeinen ist, sollten meine bisherigen Close Readings bereits gezeigt haben. Schacherreiter entwickelt ihr Argument indes in intensiver Auseinandersetzung mit einem Text, der in dieser Arbeit bisher nur am Rande Erwähnung erwähnt wurde: der 1853 in Stifters Bunte Steine-Zyklus erschienenen Erzählung Granit. Laut der Autorin wird in Granit die liebevolle Beziehung zwischen einem GroÃvater und seinem Enkel beschrieben; eben dieser GroÃvater nämlich nehme sich, nach einem âunglückliche[n] Vorfallâ2 mit der Mutter, âverständnisvollâ des Knaben an, führe ihn durch die Natur und gebe ihm die Möglichkeit, sich âauszusprechenâ:
Er [der Junge, B.D.] hat in dem GroÃvater also jemanden, der ihm zuhört und damit auch Zeit schenkt. Nimmt man für so eine seelische Zuwendung nicht â selbst als Kind â eine mehrstündige Wanderung in Kauf, die ja, nebenbei bemerkt, in sich schon eine beruhigende und meditative Wirkung hat?3
Die groÃväterliche Pädagogik ist demnach vielleicht etwas eigen, insgesamt aber haben wir es mit einer liebevoll-harmonischen Beziehung zu tun. Es ist dies, wie die nachfolgenden Ãberlegungen zeigen werden, das Musterbeispiel einer Deutung, der nicht nur die kritischen pädagogischen Untertöne von Granit entgehen, sondern die v. a. auch der vom GroÃvater betriebenen (Ver-)Führung der (sanften) Gewalt erliegt. Bei Schacherreiter überwiegt letztlich das Bestreben, Stifters Erzählung im emphatischen Sinne als einen pädagogischen Text zu lesen â und nicht als einen literarischen Text, der Pädagogik verhandelt und problematisiert.
8.1.1 Prolog
Werfen wir zur Verdeutlichung meiner Kritik einen ersten Blick in die Erzählung und beginnen beim â in Schacherreiters Worten â âunglückliche[n] Vorfallâ, der die Geschichte wörtlich âin Gangâ setzt: Ein kleiner Junge sitzt auf einem Stein vor seinem Haus und beobachtet die Umgebung. Von Zeit zu Zeit sieht er âein[en] Mann von seltsamer Artâ (HKG 2/2, 25). Es ist der Pechbrenner Andreas. âEines Tagesâ, als der Pechbrenner seine Ware unter die Menschen verteilt, wird dieser â[p]lötzlichâ auf den Jungen aufmerksam, der â[a]us Zufall [â¦] bloÃe FüÃeâ hat (ebd.). âWillst du die Füsse eingeschmiert haben?â, fragt ihn der Pechbrenner. Der Junge, der den âMann stets für eine groÃe Merkwürdigkeit gehaltenâ hat, âfühlt[ ] sich durch seine Vertraulichkeit geehrtâ und hält âbeide Füsse hin.â (Ebd.). Der Pechbrenner macht sich an die Arbeit: Er verteilt das Pech mit âeine[m] langsamen Strich auf jeden der beiden Füsseâ (ebd.). Dieser Vorgang ist für den Jungen eine Wohltat: âDie Flüssigkeit breitete sich schön auf der Haut aus, hatte eine auÃerordentlich klare, goldbraune Farbe, und sandte angenehme Harzdüfte zu mir empor.â (Ebd.) Evoziert wird das Bild göttlichen Nektars.4 Der Junge wird denn auch vom Aussehen der goldenen Flüssigkeit, ihrem Wohlgeruch und dem angenehmen Gefühl auf seinen FüÃen bezirzt.5 Ins Gefühl des Wohlbefindens mischt sich aber auch ein schlechtes Gewissen: âDa ich nun allein war, und ein zwar halb angenehmes aber deÃungeachtet auch nicht ganz beruhigtes Gefühl hatte, wollte ich mich doch auch der Mutter zeigen.â (HKG 2/2, 26) Als das Kind, mit goldenem Pech an den FüÃen, die frisch gescheuerte Wohnstube des Elternhauses betritt, bemerkt die Mutter seine Tat â und die strafende Autorität folgt auf dem FuÃ:
Die Mutter saà eben, da ich herein kam, an dem Fenstertische vorne, und nähte. Da sie mich so kommen und vorwärts schreiten sah, sprang sie auf. Sie blieb einen Augenblik in der Schwebe, entweder weil sie mich so bewunderte, oder weil sie sich nach einem Werkzeuge umsah, um mich zu empfangen. Endlich aber rief sie: âWas hat denn dieser heillose eingefleischte Sohn heute für Dinge an sich?â Und damit ich nicht noch weiter vorwärts ginge, eilte sie mir entgegen, hob mich empor, und trug mich meines Schrekes und ihrer Schürze nicht achtend in das Vorhaus hinaus. Dort lieà sie mich nieder, nahm unter der Bodenstiege, wohin wir, weil es an einem andern Orte nicht erlaubt war, alle nach Hause gebrachten Ruthen und Zweige legen muÃten, und wo ich selber in den lezten Tagen eine groÃe Menge dieser Dinge angesammelt hatte, heraus, was sie nur immer erwischen konnte, und schlug damit so lange und so heftig gegen meine Füsse, bis das ganze Laubwerk der Ruthen, meine Höschen, ihre Schürze, die Steine des FuÃbodens und die Umgebung voll Pech waren. Dann lieà sie mich los, und ging wieder in die Stube hinein.
Ich war, obwohl es mir schon von Anfange bei der Sache immer nicht so ganz vollkommen geheuer gewesen war, doch über diese fürchterliche Wendung der Dinge, und weil ich mit meiner theuersten Verwandten dieser Erde in dieses Zerwürfnià gerathen war, gleichsam vernichtet. (Ebd., 26f.)
Was hier beschrieben wird, ist nicht einfach ein âunglücklicher Vorfallâ, sondern die brutale physische und psychische âZüchtigungâ (HKG 2/2, 27, 29) eines kleinen Jungen. In hyperbolischer Sprache werden Schock und Leid des Kindes artikuliert, das angesichts der Misshandlung gar nicht weiÃ, wie ihm geschieht. Zentral ist die drastische Wirkung, welche die hier beschriebene Züchtigung auf den Jungen ausübt. Er fühlt sich durch diese Tat mit seiner âtheuersten Verwandten dieser Erdeâ in ein âZerwürfniÃâ gedrückt und so durch âdiese fürchterliche Wendung der Dingeâ âgleichsam vernichtetâ (ebd., 27). Der kleine, verängstigte â âvernichteteâ â Junge verlässt verstört den Ort seiner Züchtigung und zieht sich vors Haus zurück. Innerhalb weniger Sekunden wurde seine heile Welt aus den Angeln gehoben. Die vermeintlich harmlose FuÃverschmutzung (ein Gegenbild zum Topos der âFuÃwaschungâ) kulminiert so in einer für den Jungen welterschütternden Erfahrung. Die âPechwaschungâ wird zur Urszene einer Verführung; eines Sündenfalls, der die Vertreibung aus dem kindlich-idyllischen Heimparadies bedeutet.6
Es ist dies der Zeitpunkt, da der zweite Ver-Führer der Erzählung auf den Plan tritt: der GroÃvater. Er beruhigt den Jungen und nimmt ihn mit auf einen mehrstündigen, mit Unterbrechungen bis in den Abend hinein dauernden Spaziergang. Dabei erzählt er dem Jungen u. a. eine gewaltgetränkte Pestgeschichte, die sich vor rund hundert Jahren in dieser Gegend zugetragen hat; am Ende des Spaziergangs kehrt der Junge zufrieden ins Elternhaus zurück. Dieser Schluss freilich ist nur vorderhand versöhnlich. Wie ich nämlich zeigen möchte, lässt sich der groÃväterliche Spaziergang als Versuch begreifen, das Kind zu einer Haltung der ehrfürchtigen Unterwerfung zu (ver-)führen. Diese Umwandlung resp. âÃberführungâ von Furcht in Ehrfurcht hat dabei zwei Fluchtpunkte: Einerseits geht es dem GroÃvater um die zu erreichende Einsicht, dass man sich einer Führung unterzuordnen habe; zentral also ist der Akt der Unterwerfung. Andererseits verfolgt die groÃväterliche Pädagogik das Ziel, die Furcht des Jungen in Ehrfurcht zu transformieren und dabei den Akt der Führung zu idealisieren resp. ihn als Apotheose zu codieren: nämlich als Unterwerfung unter eine gute/göttliche Führung. Der GroÃvater fungiert damit als (Rück-)Führer, als Wiederhersteller der verlorenen Ordnung.7
8.1.2 Kindertrauma (mit Seitenblicken auf âMein Lebenâ)
Barbara Nagel hat mit Blick auf die bereits zitierte Prügel-Passage darauf hingewiesen, dass Stifter durch die drastisch-überhöhte Wortwahl â sie spricht, gerade mit Blick auf den Ausruf der Mutter, von einem âHyperbatonâ8 â zwar einerseits das Gewaltmoment der Szene unterstreiche, indirekt aber auch, eben weil die Rhetorik so überhöht sei, die Glaubwürdigkeit der kindlichen Perspektive untergrabe.9 Dieser Hinweis ist insofern relevant, als er â ins Grundsätzliche gewendet â auf Stifters ambivalenten, zwischen expliziter Thematisierung und Verharmlosung oszillierenden Umgang mit Phänomenen der Gewalt aufmerksam macht. Konkret auf die Ruten-Szene bezogen, würde ich Nagel allerdings entgegenhalten: Nur weil der Junge die Gewalterfahrung stärker wahrzunehmen scheint als sein Umfeld, unterminiert dies nicht seine Glaubwürdigkeit. Im Gegenteil: Durch die drastisch-expressive Gewaltschilderung sensibilisiert Stifter die Leser:innen vielmehr für den Umstand, dass Kinder Ereignisse, die aus der Perspektive der Erwachsenen harmlos wirken mögen, als gewalttätig und schmerzhaft wahrnehmen können (ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sich wohl die wenigsten Erwachsenen freiwillig mit Rutenstreichen die FüÃe drangsalieren lassen dürften).10 Die Tatsache, dass der Ich-Erzähler von Granit retrospektiv, aus der Position eines bereits alternden Mannes heraus, über seine eigenen Kindheitserfahrungen schreibt, unterstreicht zudem das AusmaÃ, aber auch die Glaubwürdigkeit des Gewalterlebnisses; denn offensichtlich hat sich die (traumatische) Wirkung der mütterlichen Rutenhiebe wörtlich und lebenslang ins Gedächtnis des Erzählers eingehämmert.11 Nicht umsonst hallt der Akt der Züchtigung im Text auch sprachlich nach. So taucht der Begriff unmittelbar nach dem Gewaltakt gleich dreimal in Folge auf:
Ich sah, daà auf dem Plaze, auf welchem ich gezüchtigt worden war, zwei Mägde beschäftigt waren, welche auf dem Boden knieten, und mit den Händen auf ihm hin und her fuhren. Wahrscheinlich waren sie bemüht, die Pechspuren, die von meiner Züchtigung entstanden waren, weg zu bringen. Die Hausschwalbe flog kreischend bei der Thür aus und ein, weil heute unter ihrem Neste immer Störung war, erst durch meine Züchtigung [Hervorh., B.D.] und nun durch die arbeitenden Mägde. (HKG 2/2, 29)
Die These der kindlichen Traumatisierung erhält zusätzliche Plausibilität, wenn man als intertextuelle Referenz Stifters autofiktionales Fragment Mein Leben hinzuzieht, welches Stifter kurz vor seinem Tod verfasst hat.12 Darin versucht ein Ich-Erzähler, die frühesten Stadien seiner Kindheit zu erforschen. In einer Rekonstruktion (quasi-)intrauteriner Empfindungen und Erfahrungen beschreibt er seine ersten Eindrücke vom Leben als âetwas wie Wonne und Entzüken, das gewaltig fassend, fast vernichtend in mein Wesen drangâ (PRA 25, 177). Die Gewalterfahrungen setzen sich fort, als der Junge zur Welt kommt. So schildert der Ich-Erzähler im Zuge seines â entwicklungspsychologisch geschulten â Blicks in die eigene Psyche u. a. folgende Begebenheit:
Ich fand mich einmal wieder in dem Entsetzlichen, Zugrunderichtendem [sic!] [â¦]. Dann war Klingen, Verwirrung, Schmerz in meinen Händen und Blut daran, die Mutter verband mich, und dann war ein Bild, das so klar vor mir jetzt dasteht, als wäre es in reinlichen Farben auf Porzellan gemalt. Ich stand in dem Garten, der von damals zuerst in meiner Einbildungskraft ist, die Mutter war da, dann die andere GroÃmutter, deren Gestalt in jenem Augenblicke auch zum ersten Male in mein Gedächtnià kam, in mir war die Erleichterung, die alle Male auf das Weichen des Entsetzlichen und Zugrundrichtenden folgte, und ich sagte: âMutter, da wächst ein Kornhalm.â
Die GroÃmutter antwortet darauf: âMit einem Knaben, der die Fenster zerschlagen hat, redet man nicht.â
Ich verstand zwar den Zusammenhang nicht, aber das AuÃerordentliche, das eben von mir gewichen war, kam sogleich wieder, die Mutter sprach wirklich kein Wort, und ich erinnere mich, daà ein ganz Ungeheures auf meiner Seele lag; das mag der Grund sein, daà jener Vorgang noch jezt in meinem Innern lebt. (PRA 25, 179)
In der Forschung wurde die Szene wiederholt als jener Moment gedeutet, da das kindliche Ich realisiert, dass bewusste Welterfahrung nur über eine Trennung von Subjekt und Objekt möglich ist.13 Man kann diese Beobachtung modifizieren und zuspitzen: In der geschilderten Szene wird der kleine Junge mit einer kognitiven Grenzerfahrung konfrontiert. Angesichts des âEntsetzlichen, Zugrundrichtende[n]â â der Realisation, dass Dinge und Leben auÃerhalb des Ichs bestehen (in diesem Falle ein wachsender Kornhalm) und entsprechend eine Trennung zwischen Ich und Welt existiert (eine Glasscheibe) â weià sich der Junge nur mit dem Zerschlagen der Fensterscheibe zu helfen. Die Zerstörung der Fensterscheibe wird so zum symbolischen Versuch, die Trennung von Innen und AuÃen, von Haus und Welt mit Gewalt zu beseitigen. Es ist allerdings, auf einer pragmatischen Textebene, ebenso plausibel â wahrscheinlich gar plausibler â, die Worte des Kindes schlicht als Versuch zu lesen, der Zerstörung der Scheibe ein besänftigendes Wort entgegenzustellen. Etwas abstrakter: Der Zerstörung des Artifiziellen (des Glases) wird mit dem Hinweis auf das natürliche Wachstum der Welt begegnet; der Gewalt (dem Tod) werden Sanftheit und Leben entgegengestellt. Beide Deutungsansätze lassen sich dabei auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Die Szene verdeutlicht einerseits Welterfahrung als Erfahrung von Zerstörung und wohltuendem Leben, andererseits den (für Stifters Werk typischen) Versuch, der weltlichen Gewalt mit einem Programm der (sprachlichen) Besänftigung zu begegnen.
Wie in Granit entwirft Stifter hier eine Art Urszene: Am Fenster (dem romantischen Motiv des Ãbergangs) stehend und in den Garten (den idealen Ur- bzw. Naturzustand) blickend, verliert der Junge im Akt der Fensterzerschlagung seine kindliche Unwissenheit und Unschuld. Zu allem Ãberfluss muss er den Schmerz der Selbsterkenntnis noch mit einer elterlichen DisziplinarmaÃnahme bezahlen. Durch seinen Sündenfall nämlich wird er direkt in das zivilisatorische Disziplinarsystem eingespeist, wo man ihn für sein Verschulden mit einer Bestrafung maÃregelt: Die Mutter straft ihn mit Schweigen â sie entzieht ihm damit ausgerechnet jenes Werkzeug (die Sprache), das Ordnung schaffen könnte in dieser für den kleinen Jungen verwirrenden und beängstigenden Welt der (belebten) Dinge. Die entwicklungspsychologischen Konsequenzen, genauer: die psychische Gewalt, die eine solche MaÃregel auf ein Kind ausüben kann, spiegelt sich in der Formulierung des alten Erzähler-Ichs, dass durch die erlittene Gewalt etwas âUngeheuresâ auf der Seele des Kindes zurückgeblieben sei, welches so tiefe Spuren hinterlassen habe, dass der Vorgang noch âjezt in meinem Innern lebtâ. Den kleinen Jungen trifft so letztlich eine doppelte, lebenslang spürbare Gewalt.
Sowohl an Granit wie Mein Leben lässt sich ablesen, wie traumatisch eine (aus Erwachsenenperspektive vermeintlich harmlose) disziplinarische MaÃnahme für ein Kind sein kann â und wie nachhaltig sich diese traumatischen Erfahrungen ins Gedächtnis der Opfer eingraben. Denn beide Male sind sie untrennbar verbunden mit einem Gefühl existentieller Verlorenheit in der Welt. Und es ist hier, im Moment der gröÃten kindlichen Unsicherheit und Verletzlichkeit, dass in Granit neben die strafende Autorität der Mutter eine â zumindest in der kindlichen Empfindung â verständnis- und liebevolle Autorität tritt: der GroÃvater.14 Dieser Mann nimmt sich des gezeichneten Jungen an. Er tröstet ihn, wäscht und pflegt ihm seine âFüÃchen [â¦], auf denen [â¦] aus dem Peche noch das häÃliche Roth der Züchtigung hervorâ sieht (HKG 2/2, 27), und geht mit ihm auf einen Spaziergang.15 Alleine der Umstand, dass der GroÃvater seinen an den FüÃen malträtierten Enkel ausgerechnet auf einen mehrstündigen Spaziergang mitnimmt, verleiht dem Unterfangen implizit den Charakter eines BuÃgangs. Während des Gehens nun stellt der GroÃvater wiederholt Verbindungen her zwischen der durchschrittenen Gemeinschaft und den eigenen Erläuterungen, zwischen Sprache und Welt. Er benennt und erklärt dem Jungen die Ortschaften, Gräser, Gesteine und weiteren Dinge, die ihnen begegnen, wobei der Junge fortlaufend die Kenntnisnahme des Erklärten bzw. Gesehenen (Erkannten) bestätigt. Gebetsmühlenartig werden dabei Formeln des sinnlichen Erkennens (besonders: âich sahâ und âich hörteâ16) wiederholt. Obwohl zweifellos positiv gemeint, erscheint die groÃväterliche Pädagogik bereits hier in einem mitunter fragwürdigen Licht. Denn der alte Mann hat die Angewohnheit, den Knaben regelrecht mit Fragen (vom Typus der geschlossenen Frage) zu löchern:
âKannst du mir sagen, was das dort ist?â
âJa, GroÃvater,â antwortete ich, âdas ist die Alpe, auf welcher sich im Sommer eine Viehheerde befindet, die im Herbste wieder herabgetrieben wird.â
âUnd was ist das, das sich weiter vorwärts von der Alpe befindet?â fragte er wieder.
âDas ist der Hüttenwald,â antwortete ich.
âUnd rechts von der Alpe und dem Hüttenwalde?â
âDas ist der Philippgeorgsberg.â
âUnd rechts von dem Philippgeorgsberge?â
âDas ist der Seewald, in welchem sich das dunkle und tiefe Seewasser befindet.â
âUnd wieder rechts von dem Seewalde?â
âDas ist der Blockenstein und der Sesselwald.â
âUnd wieder rechts?â
âDas ist der Tussetwald.â
âUnd weiter kannst du sie nicht kennen [â¦]. Siehst du die Rauchsäule dort, die aus dem Hüttenwalde aufsteigt?â
âJa, GroÃvater, ich sehe sie.â
âUnd weiter zurück wieder eine aus dem Walde der Alpe?â
âJa, GroÃvater.â
âUnd aus den Niederungen des Philippgeorgsberges wieder eine?â
âIch sehe sie, GroÃvater.â
âUnd weit hinten im Kessel des Seewaldes, den man kaum erblicken kann, noch eine, die so schwach ist, als wäre sie nur ein blaues Wölklein?â
âIch sehe sie auch, GroÃvater.â (HKG 2/2, 33f.)
Dieses Frage-Antwort-Spiel â man könnte auch schärfer sagen: diese Frage-Antwort-Tortur17 â zieht sich über mehrere Seiten hin. Adressat:innen dieser Zeilen sind weniger die Leser:innen, die mit vielen dieser Landschaften wenig bis gar nichts anfangen können. Hier wird vielmehr die sprachliche Einübung in die Welt vorgeführt. Mehr noch: Hier wird innerhalb der sprachlichen Welt über Sprache wiederum Welt erzeugt.18 Das Benennen hat rituellen Charakter19 und dient v. a. dazu, die âgebrechliche[ ] Einrichtung der Weltâ20 (Kleist) zumindest sprachlich zu überbrücken. Dass diese sprachliche Ordnung freilich nicht ausreicht, macht der Text selbst deutlich. Im Zuge des Spaziergangs verliert der Junge nämlich einmal den Halt auf dem rutschigen Gras. Der GroÃvater bietet ihm sogleich die Hand und spricht jene Worte, die für die vorliegende Analyse von zentraler Bedeutung sind:
âDu muÃt mit den Füssen nicht so schleifen; auf diesem Grase muà man den Tritt gleich hinstellen, daà er gilt, sonst bohnt man die Sohlen glatt, und es ist kein sicherer Halt möglich. Siehst du, alles muà man lernen, selbst das Gehen. Aber komme, reiche mir die Hand, ich werde dich führen [Hervorh., B.D.], daà du ohne Mühsal fort kömmst.â (HKG 2/2, 41)
Was Stifter in Granit vorführt, ist nicht bloà eine Schule des Lernens,21 sondern v. a. auch eine des Lehrens und Führens. Und das gleich im doppelten Sinne: Der GroÃvater vermittelt dem Jungen einerseits durch das didaktische Mittel der Mäeutik Kenntnisse seiner Umgebung (Ortsnamen, Flurnamen etc.), er führt seinen Enkel aber andererseits auch physisch durch eine für den Jungen unsicher gewordene Welt. Bereits früher im Text, als der GroÃvater erstmals auf das Unglück des Knaben aufmerksam wird, heiÃt es: ââSo komme nur her zu mir, komme mit mir.â Bei diesen Worten nahm er mich bei der Hand, zog mich sanft von dem Steine herab, und führte [Hervorh.: B.D.] mich, der ich ihm vor Ergriffenheit kaum folgen konnte, durch die Länge des Vorhauses zurük, und in den Hof hinaus.â (HKG 2/2, 28) Der GroÃvater nimmt den Jungen wörtlich bei der Hand, um ihn âsanftâ durch das Leben zu führen. Seine Präsenz bedeutet für den Jungen Sicherheit: â[I]ch wuÃte, daà ein guter Ausgang nicht fehlen konnte, da der GroÃvater sich der Sache annahm, und mich beschüzteâ (ebd., 30). Damit wird der Spazierweg zur Allegorie des Lebenswegs, die Führung durch den GroÃvater zur Lebensführung. Diese Führung freilich ist nicht so sanft und selbstlos, wie sie zunächst wirkt.
8.1.3 Ein Gang in die Furcht
Dem verängstigten Jungen zeigt und lehrt der GroÃvater auf dem gemeinsamen Spaziergang nicht nur die Natur, er erzählt ihm auch eine âTröstungsgeschichteâ.22 Und zwar nicht irgendeine: Mitgeteilt wird eine äuÃerst brutale, im Umfeld von Oberplan angesiedelte Pestepidemie. Dieser Geschichte lassen sich wiederum didaktisch-mnemostrategische Funktionen zusprechen: Ãber die Erzählung einer Geschichte, die sich im Umkreis der kindlichen Erfahrungswelt zugetragen hat, werden sowohl der erzählte wie der durchschrittene Raum verbunden und sinnhaft(er). Der Gang durch den topographischen Raum leitet dabei über zum Gang in den Raum der Geschichte(n) â verstanden sowohl im historiographischen wie literarischen Sinn. ÃuÃere Erscheinungen und Eindrücke werden damit verinnerlicht â Erinnerung wiederum ist essentieller Teil dieses Lernprozesses.23 Der GroÃvater selbst erzählt und erklärt, wie so viele Stifterâsche Figuren (und natürlich auch ihr Autor selbst), gegen das eigene Vergessen, gegen die mit seinem Tod eintretende Auslöschung an. Sein Bedürfnis, in der Erinnerung des Jungen fortzuleben, kulminiert im verzweifelten Appell, der Junge möge sich beim Anblick der âMachtbucheâ â auf welcher der groÃväterlichen Sage nach ein âVögleinâ den Menschen ein Heilmittel gegen Pest verkündet hat â an den GroÃvater erinnern: âMerke dir den Baum, und denke in späten Jahren, wenn ich längst im Grabe liege, daà es dein GroÃvater gewesen ist, der ihn dir zuerst gezeigt hat.â (HKG 2/2, 42)
Dass der GroÃvater aber ausgerechnet eine Pest-Geschichte wählt, hat freilich auch konkretere Gründe: Motivisch, inhaltlich und sprachlich wird so eine Brücke geschlagen zwischen der Gottesstrafe der Pest und dem durch die mütterliche Strafe von den FüÃen des Jungen geschlagenen Pech. Dem GroÃvater geht es nämlich letztlich darum, die Furcht des Knaben in Ehrfurcht vor Gott bzw. der ânatürlichen Ordnungâ zu transformieren, zu überführen.24 Auf dieses Erziehungsprogramm einer Umpolung der anthropologischen Existenzfurcht in Gottesfurcht hat auch von Zimmermann verwiesen: âDas Initiationserlebnis der Furcht öffnet das Kind für eine grundlegende Belehrung über die Existenz des Menschen.â25 Die epistemologischen Wurzeln dieses Transformationsprozesses von Furcht in Ehrfurcht liegen allerdings weniger, wie Zimmermann vermutet, in Stifters Rezeption des Philosophen und Psychologen Friedrich Carus,26 sondern sind, so meine Vermutung, in einem Grundlagewerk der frühneuzeitlichen Medizin auszumachen: im Werk De pestilitate (Von der Pest) des Mediziners Theophrastus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus (1491â1541). Um diese These zu plausibilisieren, ist es notwendig, die groÃväterliche Pest-Geschichte etwas genauer in den Blick zu nehmen.
Rund 100 Jahre vor dem Enkel-GroÃvater-Spaziergang (also zu Beginn des 18. Jahrhunderts) wütet in der Umgebung um Oberplan die Pest; ein Pechbrenner und seine Familie versuchen nun, âsich [â¦] der allgemeinen Heimsuchung [zu] entziehen, die Gott über die Menschen verhängtâ hat, und flüchten sich in den âhöchsten Waldâ (HKG 2/2, 46), um dem schwarzen Tod zu entkommen. Der Vater ist dabei bereit, jedwede Eindringlinge âmit einem Schürbaume [zu] erschlagen.â (Ebd.) Doch alle VorsichtsmaÃnahmen sind vergebens: Die Pest erreicht letztlich auch die Familie â und sie rafft sukzessive Familienmitglied nach Familienmitglied dahin. Nur der Onkel, der die Flucht des Vaters nicht mitgemacht hat und stattdessen in der Hütte zurückgeblieben ist, sowie der kleine Sohn überleben. Dieser Sohn wiederum rettet, auf sich alleine gestellt, einem kleinen pestkranken Mädchen das Leben, dessen Eltern ebenfalls beim Versuch, der Pest durch die Flucht in die Wälder zu entfliehen, getötet wurden und das sich zum Schluss der Erzählung als eine märchenhafte Prinzessin erweist.
Aus dieser groÃväterlichen Erzählung ergeben sich nun äuÃerst fragwürdige Implikationen. Koschorke/Ammer sprechen v. a. Mit Blick auf die Schuldfrage des Geschehens von einem âgeradezu kafkaeske[n] Paradoxâ:
Schuldig werden die Menschen erst, als die Pest über sie hereinbricht, die âKinder liebten ihre Eltern nicht mehr und die Eltern die Kinder nichtâ; soll also die Seuche eine âHeimsuchungâ [â¦] Gottes sein, so straft sie die Menschen für das Verhalten, das sie annehmen, wenn die Strafe erscheint: die Strafe selbst macht die Schuldigen.27
Hinzu kommt ein weiteres Paradox: Es überleben nicht jene Individuen, die sich der Pest entziehen wollen. Vielmehr scheinen eher diejenigen zu überleben, die sich der Krankheit â und damit Gottes Strafgericht â aussetzen.
Was auf den ersten Blick widersinnig anmutet, beginnt Sinn zu ergeben, wenn man die Geschichte vor dem Hintergrund medizingeschichtlicher Diskurse situiert.28 So findet sich im erwähnten Paracelsus-Werk De pestilitate (Von der Pest) der Versuch, eine Verbindung zwischen der Angst vor der Pest und der Erkrankung daran herzustellen:
Der Mann, der Gott nicht vertraut und keine Acht auf Gott hat, von dem zieht auch Gott seine Hand ab. Und hierauf folgt, daà die, so Gott zur Zeit der Pestilenz nicht vertrauen, wenn die [Pestilenz] sonst zur Strafe regiert, eine heftige Furcht anstöÃt, und die selbige Furcht gebiert einen starken Willen und die allerheftigste Imagination, diese Krankheit zu gebären. Warum? Der Fürchtige vertraut Gott nicht; daraus folgt, daà er an nichts anderes denn allein an das Sterben und an seine Krankheit, von der er die groÃe Furcht empfangen hat, denkt. Und so gebiert dieser Mensch in seiner eigenen Imagination den basiliscum coeli des microcosmischen Firmaments.29
Wie der Historiker Andreas Bähr gezeigt hat, war diese Theorie einer âSelbstkrankmachungâ durch Furcht nicht bloà gebräuchlich bei âmagischenâ Ãrzten wie Paracelsus, âsondern in frühneuzeitlichem Wissen über Furcht und Krankheit generell weit verbreitetâ.30 Zeitlich also fällt diese Vorstellung noch in jene Periode, in welcher der bekanntlich auf historische Authentizität versessene Stifter31 die Pest-Handlung von Granit ansiedelt: die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. Hinzu kommt die Tatsache, dass Paracelsusâ Heilmethoden noch Mitte des 19. Jahrhunderts, also zu Stifters Lebzeiten, bei Kritikern der klassischen Schulmedizin durchaus anerkannt waren.32 Dieser Hinweis ist entscheidend, da Stifter den Methoden der âklassischen Schuldmedizinâ zeitlebens mit einer gewissen Skepsis gegenüberstand und sich gegenüber alternativmedizinischen Behandlungsmethoden durchaus aufgeschlossen zeigte. Seinem Bruder riet er beispielsweise noch in einem Brief von 1861 zu einer homöopathischen Behandlung, wie er selbst sie 1838 auch in Anspruch genommen hatte:
Was du mir von deiner Hüftkrankheit schreibst, habe ich wirklich selber erfahren. Ich hatte im Winter 1838 eine sogenannte Ischias (Entzündung der Scheide des Hüftnerven). Es wurde fürchterlich an mir herum geheilt, Dr. Wurm gab mir homöopathisch im Sommer 1838 die Koloquinte, und das Ãbel verging, und hat mich seither nicht mehr gemahnt. Ob es durch die Natur ob es durch die Koloquinte verging, kann ich dir wirklich nicht sagen. Ein wenig glaube ich doch an die Koloquinte, weil sich das vom Dr. vorausgesagte Ameisenlaufen im FuÃe eingestellt hatte. Wenn du noch etwa Anwandlungen haben solltest, so erzähle diese Geschichte einem Homöopathen [â¦]. (PRA 24, 207)
In der SF der Mappe â die übrigens ebenfalls zu Beginn des 18. Jahrhunderts spielt â erwähnt der Arzt Augustinus, der eine Mischung aus Schulmedizin und alternativen Behandlungsmethoden praktiziert, auÃerdem Paracelsus als einzige medizinische Autorität: âDann las ich noch bis Mitternacht in Hochheimbs Buche.â (HKG 6/2, 38) In der Klosterbibliothek des Gymnasiums Kremsmünster, das Stifter sieben Jahre lang besuchte und welches sein Weltbild entscheidend prägte, konnte Stifter ferner einen GroÃteil von Paracelsusâ Schriften einsehen.33 Man kann entsprechend davon ausgehen, dass Stifter mit Paracelsusâ Werken â zumindest teilweise â vertraut war.
Was sich nun in Stifters Granit verhandelt findet, ist jener von Paracelsus beschriebene Mechanismus: Wer vor der Gottesstrafe flieht, den/die treibt eine atheistische Furcht. Die Flüchtenden fürchten, nicht von Gott verschont zu werden, weil sie ihm nicht trauen. Gerade dadurch aber, dass sie sich fürchten, die Pest zu bekommen, erzeugt die Furcht erst das Gefürchtete. Mit Bähr gesprochen: âWer Gott nicht fürchtet, den versetzt Gott in Furcht, und diese Furcht gebiert das, was sie befürchtet. Das Befürchtete, die Pest, ist göttliche Strafeâ.34 Es ist in diesem Zusammenhang wichtig, dass Stifter in mehreren Briefen den Verdacht geäuÃert hat, die Vorstellung einer Krankheit könne die Krankheit selbst â bzw. allgemeiner: ein Kranksein â erst hervorbringen.35
Wer nun â so wiederum Paracelsusâ Logik â die Pest fürchtet, bekommt sie nicht primär kontagiös oder über Aerosole, sondern gerade weil er sich fürchtet. In Granit bleibt bezeichnenderweise unklar, wie es möglich ist, dass die Pest den Pechbrenner und seine Familie trotz aller Vorsichtsvorkehrungen im dichtesten und abgeschiedensten Wald, âwo nie eine Luft von Menschen hinkömmtâ (HKG 2/2, 46), erreichen kann.36 Der GroÃvater bemerkt zum Grund der Ansteckung lapidar: ââSiehst du, mein liebes Kind, [â¦] es hat [â¦] alles nichts geholfen, und es war nur eine Versuchung Gottes.ââ (HKG 2/2, 50) Es überleben also nicht die Versuchten bzw. Verführten, sondern â wenn überhaupt â nur jene, die Gott entweder nicht zu entfliehen versuchen und/oder zu unschuldig und rein sind für die Gottesstrafe. Vorgeführt wird vom GroÃvater letztlich der paradoxe Versuch, Furcht mit Ehrfurcht zu bekämpfen, um auf diese Weise eine âfurchtlose Furchtâ37 zu erreichen.
8.1.4 (Ehr-)Furcht vor den Dingen
An dieser Stelle empfiehlt es sich, den hier verwendeten Begriff der Ehrfurcht etwas genauer zu fassen. Der Terminus fällt in Stifters Werk mehrfach. Stifters im Nachsommer geäuÃertes Diktum einer âEhrfurcht vor den Dingenâ (HKG 4/3, 145) kann gar als geflügeltes Wort der Stifter-Forschung gelten. Trotz â oder vielleicht gerade wegen â seiner Bekanntheit ist doch auffällig, dass der Begriff der Ehrfurcht in bisherigen Studien verhältnismäÃig wenig thematisiert wurde. Tatsächlich spielte Ehrfurcht â neben dem bereits erwähnten Aufsatz von Zimmermann â nur in zwei Publikationen der Forschung eine gröÃere Rolle: In Emil Staigers Essay Adalbert Stifter als Dichter der Ehrfrucht38 sowie in einem Unterkapitel der Studie Schönheit des Alltäglichen von Eva-Maria Heinze.39 Daneben liegen noch primär ästhetisch orientierte Analysen vor, welche sich mit dem Erhabenen â und in diesem Zusammenhang implizit auch mit Ehrfurcht â beschäftigen.40
Woran liegt es, dass die Stifter-Forschung die Bedeutung des Begriffs im Stifterâschen Werk zwar durchaus registriert hat, im Allgemeinen aber einen weiten Bogen um ihn macht â ja sich vielfach gar dezidiert davon abgrenzt? Im 2017 erschienenen Stifter-Handbuch findet sich eine mögliche Antwort. Gottwald/Bengesser schreiben dort: âDas Bild Stifters als âDichter der Ehrfurchtâ (Staiger 1967), als beschaulich-frommer und etwas langweiliger Biedermeier-Poet hat sich längst gewandeltâ.41 Die Passage suggeriert einerseits, dass in der neueren Forschung die Idee, Stifters Werk könnte über die Analysekategorie der Ehrfurcht erschlossen werden, ein Relikt längst überwundener Staiger-Zeiten sei. Sie impliziert andererseits, und das scheint mir entscheidender, dass die Kategorie der Ehrfurcht gekoppelt sei an die Attribute âbeschaulich-fromm[ ]â und âlangweiliger Biedermeier-Poetâ. Dass Stifter weder ein beschaulich-frommer noch ein langweiliger Biedermeier-Poet war, steht auÃer Frage. Nur weil bisherige Studien â v. a. jene von Staiger und Heinze â von einem eindimensionalen Ehrfurchtsbegriff ausgegangen sind, der Nächstenliebe, Verehrung und das Preisen von Natur und Mensch ins Zentrum stellt,42 sollte man den Begriff jedoch nicht vorschnell ad acta legen.
Bereits eine genauere Lektüre der eingangs erwähnten zentralen Ehrfurchts-Passage im Nachsommer nämlich macht deutlich, dass dem Terminus bei Stifter eine â von den Autor:innen übersehene â produktive Spannung eignet. Risach sagt im angesprochenen Passus explizit, âdie Ehrfurcht vor den Dingen, wie sie an sich sind, war bei mir so groÃ, daà ich bei Verwicklungen streitigen Ansprüchen und bei der Nothwendigkeit, manche Sachen zu ordnen, nicht auf unsern Nuzen sah, sondern auf das, was die Dinge nur für sich fordertenâ (HKG 4/3, 145). Zweifellos liegt dieser Formel einer âEhrfurcht vor den Dingenâ eine christliche Forderung der Nächstenliebe zugrunde, schwebt Stifter hier das harmonische Zusammenleben von Mensch und âDingâ vor Augen. Aber: Es wohnt der Risachâschen Formel und Haltung auch eine Gefahr inne. Es wird nämlich nicht nur versucht, das Wesen des âDingsâ zu erhalten; die Dinge bekommen mitunter eine solche Macht, dass Risach sie gar nicht mehr über den âNuzenâ des Staats und damit der Gemeinschaft zu stellen wagt. Er verehrt sie eben nicht bloà â er fürchtet sie auch. Ein Verdikt, das in umso schärferer Form auf Stifter selbst zutrifft. Wolfgang Matz hat diese Ambivalenz der Stifterâschen Dingwelt, unter deren scheinbar harmloser Oberfläche Tod und Gewalt lauern, vor dem Hintergrund der Biedermeierkultur und mit einem Verweis auf das Grimmâsche Märchen des Herrn Korbes luzide beschrieben:
Die Wohnung des Biedermeier ist bis an den Rand mit toten Dingen gefüllt: mit Möbeln, Bildern, Vasen und Teppichen, mit Andenken, Schränkchen und Uhren, und jedes Ding hat für den Besitzer seinen eigenen Sinn wie ein Planet im Gleichgewicht der Gestirne. Doch die leblosen Dinge ändern ihr Gesicht. Der Tod, der ihr Wesen ist, überträgt sich auf das Haus und seine Bewohner. Der Tod beginnt zu leben; all das, was der Mensch zu unterwerfen suchte, wird zu Einem gegen ihn: Zwischen Tieren und Dingen, Hühnchen und Mühlstein schlieÃt sich die Kluft, und sie werden sich gleich darin, daà sie ihren Herrn bedrohen. Die ganze Welt, vor der er sich zurückziehen wollte und die er zugleich zu beherrschen glaubte, wird ihm zu einer Fremde, in der aus jedem Sofakissen böse Augen glühen, über dem Fluchtweg der Tod lauert. Jedes Ding könnte auch ein ganz anderes sein. Stifters Werk ist solcher Dinge voll. Viele seiner Gestalten verbringen ihre Tage mit der Pflege ausgewählter Gegenstände und Sammlungen, sie tun âden Dingen die Ehre an, die ihnen gebührteâ, doch schon spüren sie auch die fremde Macht, die von ihnen ausgeht und das Herrschaftsverhältnis umzukehren droht. Heinrich Drendorf wird fast zum Knecht jener hölzernen Wandverkleidungen, die er Jahr für Jahr von neuem im Gebirge zu finden hofft.43
Die besonders im Spätwerk beobachtbare Verschiebung des Stifterâschen Blicks von den Dingen der Natur auf die âDinge des Hausesâ lässt sich auch biografisch mit Stifters zunehmender Adipositas und seiner Bettlägerigkeit plausibilisieren. Stifters Biograf Hein vermerkt dazu:
Der junge Stifter liebte es, die Wohnungen der Menschen verlassend, tagelang an den Reizen der freien Natur zu schwelgen; dem bejahrteren Manne, dem überdies starke Körperfülle und eine beständige Anlage zur Kränklichkeit anstrengendes Gehen verleideten, war das unmöglich geworden; die Natur wurde ihm allmählich fremder â das Gemach, die Wohnung wurde ihm heimisch.44
Freilich ist die Dingwelt der Natur bei Stifter bereits in seinem Frühwerk mit der Gefahr des Umschlags ins Unheimliche, Gewalttätige verbunden.45
Appliziert man nun diese teils divergierenden Vorstellungen (Nächstenliebe sowie Verehrung und Furcht der Dinge) auf den Begriff der Ehr-Furcht und löst ihn aus dem engen Korsett der Religion, so wird es möglich, ihn in Stifters Werk allgemeiner als eine ethische und ästhetische Strategie und Praktik der Machtausübung zu verstehen. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, Ehr-Furcht nicht auf Verehrung oder Furcht einzuschränken, wie dies bei Staiger und Heinze geschehen ist, sondern in Stifters Schreiben eine Verquickung beider Stränge zu sehen. Ermöglicht wird so ein Analysebegriff, der gerade das innere Spannungsverhältnis von Stifters Granit-Erzählung kenntlich macht. Denn hinter der Angst und Verletzlichkeit des kleinen Jungen in Granit, dem Stifter nicht umsonst Züge seiner selbst verliehen hat,46 steht letztlich eine â ich würde sogar sagen: die â Kernfrage des Stifterâschen Werks: Wie soll der Mensch mit der Furcht umgehen, in einer Welt zu leben, die von metaphysischer Sinnlosigkeit und allgegenwärtiger Gewalt geprägt zu sein scheint?47 Und auf eben diese vom Jungen zwar nie explizit gestellte, aber von Beginn weg im Raum schwebende Frage gibt der Text in der Figur des GroÃvaters eine ebenso simple wie harsche Antwort: Gewalt und Tod gehören zum Leben. Man hat keine andere Wahl, als diese Erkenntnis zu akzeptieren.48 Begemann hat die Wirkabsicht der groÃväterlichen Lektion unter die griffige Formel einer âKatastrophenimpfung[ ]â gebracht. Der GroÃvater, so Begemann weiter, verschweige dem Jungen nicht, dass es Leid auf der Welt gebe; er beschlieÃe vielmehr, ihm über das Erzählen eine Impfdosis Schmerz zu verabreichen, um ihn â in der gesicherten Ordnungsform der Sprache â mit der Realität zu konfrontieren, ihn aber auch gleichzeitig gegen sie abzuhärten.49 Der einzige Weg, die Furcht vor der gewalttätigen Welt produktiv zu wenden, ist dabei, so meine Deutung der groÃväterlichen Pädagogik, ihre Transformation in Ehrfurcht. In letzter Konsequenz bedeutet dies: Statt Ãberwerfung wird Unterwerfung, wird Fügung in die göttliche (Gewalt-)Ordnung gefordert. Granit ist damit eine âInitiationsgeschichte in die Bewältigung des Todes.â50 In ihr wird die paradoxe Form einer groÃväterlichen Pädagogik deutlich, die zwar zugunsten des Kindes Gewalt und Furcht verhindern bzw. besänftigen möchte, dabei aber wiederum auf Praktiken der Gewalt und Furcht zurückgreift. Tatsächlich nämlich bemächtigt sich die vom GroÃvater über eine gewaltgetränkte Pestgeschichte geforderte Ehr-Furcht des Kindes so nachhaltig, dass sie sich gar als (Alb-)Traum(a) in dessen Psyche festsetzt, um das Kind so von innen heraus zu âreinigenâ und zu einem erneuten, stärkeren (freilich auch forcierten) Glaubensbekenntnis zu erwecken:
Aber der erste Schlaf [nach dem Spaziergang, B.D.] ist doch kein ruhiger gewesen. Ich hatte viele Sachen bei mir, Todte, Sterbende, Pestkranke, Drillingsföhren, das Waldmädchen, den Machtbauer, des Nachbars Vogelbeerbaum, und der alte Andreas strich mir schon wieder die Füsse an. Aber der Verlauf des Schlafes muà gut gewesen sein; denn als man mich erwekte, schien die Sonne durch die Fenster herein, es war ein lieblicher Sonntag, alles war festlich, wir bekamen nach dem Gebethe das Festtagsfrühstük, bekamen die Festtagskleider, und als ich auf die Gasse ging, war alles rein frisch und klar, die Dinge der Nacht waren dahin, und der Vogelbeerbaum des Nachbars war nicht halb so groà als gestern. Wir erhielten unsere Gebethbücher, und gingen in die Kirche, wo wir den Vater und GroÃvater auf ihren Pläzen in dem Bürgerstuhle sahen.
Gleichzeitig behält das Kind, wie gezeigt, die Narben der Züchtigung auch physisch, v. a aber psychisch im Gedächtnis zurück. Nicht nur das: Das mütterliche Verhalten wird vom GroÃvater dezidiert in Schutz genommen und gerechtfertigt: Noch vor dem Spaziergang lässt der GroÃvater den Jungen wissen, dass weder der Pechbrenner Andreas noch die Mutter verantwortlich seien für das vorgefallene Unglück; beide seien schuldlos, weil sie die Situation nicht vollständig überblickt und verstanden hätten. Dadurch freilich wird es dem GroÃvater möglich, die Gewalt gegen das Kind analog zur Pest als eine notwendige und gleichzeitig agenslose Katastrophe zu chiffrieren. Dazu Simon: âDaà einem Kind die FuÃsohlen ausgepeitscht werden, wird vom Text als eine notwendige Katastrophe gerechtfertigt.â51 Entsprechend entschuldigt sich die Mutter auch nicht für die Züchtigung des Knaben, vielmehr ist sie als strafende Autorität es selbst, die in Granit das Recht auf Vergebung in Anspruch nimmt. Sie vergibt dem Knaben für dessen Regelübertretung, indem sie ihm das Kreuz mehrfach auf den Körper zeichnet: âSie ging zu dem GefäÃe des Weihbrunnens, nezte sich die Finger, ging zu mir, besprizte mich, und machte mir das Kreuzzeichen auf Stirn, Mund und Brust, ich erkannte, daà alles verziehen sei, und schlief nun plözlich mit Versöhnungsfreuden, ich kann sagen, beseligt ein.â (HKG 2/2, 60)52 Führung entscheidet hier sowohl über Gewalt, die dann als legitime Strafe auftritt, wie über Verzeihung. Familiäre und religiöse Ordnungshierarchie werden auf diese Weise kurzgeschlossen und gleichzeitig restituiert; die âSchuldâ des Knaben ist (auch durch seinen BuÃgang) gesühnt.53
Vor diesem Hintergrund betrachtet, geht es in Granit nicht nur um die von Zimmermann betonte Furcht vor Gott, sondern allgemeiner auch um die Einübung in eine Ehrfurcht vor der ânatürlichenâ Ordnung der Gesellschaft, sprich: vor der elterlichen und staatlichen Autorität. Damit geraten auch die politischen Implikationen des Texts ins Blickfeld,54 die nicht zuletzt deshalb berücksichtigt werden sollten, weil die Entstehung der JF, v. a. aber die Umarbeitung des Texts für den Bunte Steine-Zyklus ins unmittelbare Umfeld der Revolutionsereignisse von 1848 fielen. Es scheint mir hier insbesondere der Zusammenhang von Familie, Staat und Führung zentral, den Stifter auch in seinen pädagogischen Aufsätzen dieser Zeit betont. Dort nämlich zeichnet Stifter â ganz im Sinne des Naturrechts und in Ãbereinstimmung mit bürgerlichen Wertvorstellungen â die Familie als Keimzelle des Staats: âSie ist die natürlichste, festeste und innigste Körperschaft. Aus ihr, wenn sie gut ist, geht die höchste Würde des menschlichen Geschlechtes und die gröÃte Vollkommenheit der Staatsform hervor.â (HKG 8/2, 120) Und: âDarum ruht der Staat am besten und am dauerndsten in einem wohlgeordneten und gesitteten Familienleben.â (Ebd., 121) Stifter modelliert die Familie letztlich in Analogie zum Staat (und vice versa): Dort, wo der Familienvater gerne zu seiner Familie zurückkehre, wo die väterliche Gewalt und Autorität respektiert werde, da prosperiere der Staat, âda ist das Land angefüllt mit edlen und gelassenen Menschen, die den Staat wieder wie eine gröÃere Familie anschauen, dessen Gesetze befolgen, sie auf ruhigem Wege einer reineren Verbesserung zuführen, und an der Dauer und Festigkeit guter Einrichtungen arbeiten.â (Ebd.) Ganz anders bei unglücklichen, nicht der natürlich-patriarchalen Ordnung folgenden Familienverbänden: Wo nämlich der Familienzusammenhalt bröckle, wo traditionelle Wertevorstellungen verschwänden, da drohe Zerstörung nicht nur in der kleinen, sondern der groÃen (staatlichen) Familie. Der Familienvater sei dann
im Staate nicht der Erhalter und vernünftige Verbesserer, sondern der Einstürzer und Zerstörer, und wenn von AuÃen feindliche Gewalten drohen, wird er kein Vertheidiger, sondern ihm ist jeder Zustand recht, der ihm Erhaltung und irdische Freude gibt. Das Weib wird bei solchen Dingen unwürdig, die Kinder werden schlechte Menschen und die Gesellschaft des Staates zerfällt. (HKG 8/2, 121f.)
Auf genau diesen Mechanismus, dass der Zerfall der Familie den Zerfall des Staats bedeute, führt Stifter den Untergang des Römischen Reichs zurück.
Im Lichte dieser pädagogisch-politischen Ãberlegungen wird auch ersichtlich, dass die in Stifters Leben und literarischem Werk omnipräsente Beschäftigung mit Kindern nicht einfach einer besonderen Affinität und/oder romantisch-eskapistischen Neigung entspringt, sondern â spätestens ab 1848 â auch eine politische Komponente besitzt. In einem Brief an Gustav Heckenast vom 6. März 1849 findet diese sich aus mehreren Motiven speisende Kinder-Faszination eine sinnige Pointierung. Dort heiÃt es:
Das Ideal der Freiheit ist auf lange Zeit vernichtet, wer sittlich frei ist, kann es staatlich sein, ja ist es immer; den andern können alle Nächte der Erde nicht dazu machen. Es gibt nur eine Macht die es kann: Bildung. Darum erzeugte sich in mir eine ordentlich krankhafte Sehnsucht, die da sagt: âLasset die Kleinen zu mir kommenâ; denn durch die, wenn der Staat ihre Erziehung und Menschwerdung in erleuchtete Hände nimmt, kann allein die Vernunft, d. i. Freiheit, gegründet werden, sonst ewig nie. âUnsre Schule wird eben die Ãbung seinâ, sagte ein Freund. âJa, antwortete ich, mein Knabe muà schwimmen lernen, dazu muà er ins Wasser, also werfe ich ihn von der Brüke in die Donau!â â âLasset die Kleinen zu mir kommen.â (PRA 17, 322)
In Lk 18,15â17 lautet diese Stelle, auf die Stifter anspielt: âLasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.â Stifters Ausspruch ist grundsätzlich ein Plädoyer für die Wertschätzung der Kinder: Kindern, den Urbildern der Unschuld, gehört die Zukunft. Wie der Pfarrer in der Erzählung Kalkstein macht sich Stifter deren Bewahrung zum Ziel. Aber in dieses romantisch gefärbte Kindheitsideal mischt sich auch ein anderer, politischer Gedanke: Denn Stifter macht es zur religiös beglaubigten Aufgabe, die Kinder in die âerleuchtete[n] Händeâ des Staates zu geben. Das Bild der Gewalt, das Stifter wählt, um seinen Gedankengang zu beschlieÃen â das Von-der-Brücke-Werfen des Sohns in die Donau â, verweist bereits darauf, dass die Erziehung der Kinder, eben weil sie auch im Dienste des Staates (und damit: der Allgemeinheit) geschieht, nicht immer sanft ausfallen kann, sondern auch mit Schmerzen verbunden ist.55 Dieser Umstand wird gerade in Granit deutlich: Die Züchtigung durch die Mutter und die göttlich-natürliche Züchtigung durch die Pest werden vom Erzähler einerseits in all ihrer Grausamkeit und Gewalt illustriert, vom GroÃvater andererseits aber auch in ein (scheinbar) sinnvolles, autoritäres Ordnungssystem überführt. In einer dialektischen Bewegung wird in der Erzählung so Gewalt an Kindern sowohl hinterfragt wie gerechtfertigt. Politisch gewendet, lässt sich die groÃväterliche Lehre letztlich als ein Plädoyer für die â wenn nötig gewalttätige â Wahrung des Status quo begreifen. Auf jeden Fall entwirft der GroÃvater über das Mittel der Ehrfurcht eine Apologie des Sich-Unterordnens.56
8.1.5 âDie Pechbrennerâ und âGranitâ oder: Von der Sanftheit der Gewalt
Es ist abschlieÃend noch kurz auf die hier nicht berücksichtigte JF des Textes zu verweisen, die den Titel Die Pechbrenner trägt. Lachinger hat die These aufgestellt, der Vergleich der beiden Fassungen lasse sich als Ãbergang von der Gewalt zur Sanftheit beschreiben: âÃberspitzt formuliert ist der Weg der Erzählung Pechbrenner in seiner Verwandlung in die Erzählung Granit der Weg von Gewalt und Unmenschlichkeit, bis hin zum geplanten Mord, â zur Sanftheit, Selbstlosigkeit, zur Mitmenschlichkeit und Liebe, zur Hilfe und Rettung.â57 Tatsächlich trifft es zu, dass Stifter in der JF die Brutalität der Pechbrenner noch um einiges drastischer zeichnet; im Zusammenhang mit der hier zentralen Thematik der autoritären Führung und Kindergewalt ist besonders die Pest-Erzählung des GroÃvaters hervorzuheben: In dieser nämlich gewährt der Sohn der im Zentrum stehenden Pechbrennerfamilie einer schutzsuchenden Familie heimlich Unterschlupf; die Schutzsuchenden erweisen sich aber bald als von der Pest befallen. Als der Vater die Tat seines Knaben bemerkt, kennt sein Zorn keine Grenzen:
âDu bist Schuld, Du hast die Fremden in der Zinnwiesenhütte beherbergt, ich bin dort gewesen, sie schmachten jetzt auch hin, hast Du es, Bube, oder nicht? antworte.â âJa, Vater,â sagte der Knabe, âich habe es gethan.â âAlso siehst Du, Du schrecklicher, fürchterlicher Knabe,â schrie der Vater, âwas Du gethan hast. Du hast Deine Oheime ermordet, Du hast Deine Schwester ermordet, Du hast Deine Brüder ermordet. Warum habe ich mich so abgesperrt? ich wollte nicht mich erhalten, ich bekomme die Pest nicht, weil ich zu stark bin, aber Euch wollte ich retten. Gerhard, den älteren Mathias, Johann, sie waren so folgsam und so sanft! Martha mit den frommen blauen Augen! Simon und Sebastian, die unschuldig waren und in die Grube muÃten. Warum habe ich den Mann mit dem brennenden Balken ermorden wollen, warum werden die Leute an der Grenze erschossen, wenn sie die Krankheit bringen? Weil Gerechtigkeit ist, die den Mord nicht will, der gebracht wird. Ich habe Dein Urtheil beschlossen â so komme.â (HKG 2/1, 40)
Präsentiert wird eine Konstellation, wie sie schrecklicher und nihilistischer nicht sein könnte. Der kleine Junge nämlich (sein Name ist sinnigerweise Joseph) hat ja im Grunde nur das getan, was ein wahrer Christ eigentlich tun sollte: Er zeigte Nächstenliebe, indem er die armen, schutzsuchenden Leute aufnahm. Stifter legt den Schutzsuchenden gar die Worte in den Mund: âGott danke es Dir, mildthätiges, unschuldiges, barmherziges Kind, Gott danke es Dirââ (HKG 2/1, 37). Aber genau das tut Gott nicht; vielmehr scheint er implizit dem Vater Recht zu geben, im Ausnahmefall der Pest eher den Mord als die Ansteckung in Kauf zu nehmen. Jedenfalls besteht der den Knaben heimsuchende âDankâ für seine Nächstenliebe darin, dass seine ganze Familie an der Pest erkrankt und jämmerlich stirbt. Doch zuvor muss der Junge noch erleben, wie ihn sein eigener Vater auf einem hohen Felsen aussetzt und zum Sterben zurücklässt. Die väterlichen Abschiedsworte sind dabei wiederum von einer geradezu markerschütternden Kälte: ââHier hast Du Wasser und Brod, es reicht auf zwei Tage, wenn so diese vorüber sind, so magst Du auf diesem Felsen verhungern, oder hinabspringen.ââ (HKG 2/1, 41) Joseph überlebt nur, weil als eine Art dea ex machina (also quasi als verspätete göttliche âWiedergutmachungâ des Erlittenen) die auch in Granit auftretende Kinderprinzessin erscheint und ihn rettet.
Im Gegensatz zur BF wird damit in der JF die Parallele zwischen den beiden Knaben (Joseph und Erzähler-Ich) deutlicher markiert; beide nämlich schleppen eine âVerunreinigungâ (Pest resp. Pech) in die Mitte ihrer Familie und werden dafür bestraft â Joseph im GroÃen, der Ich-Erzähler im Kleinen. Der Komplexität dieser JF-Konstellation geht Stifter in der BF indes aus dem Weg, indem er den ganzen Erzählstrang um die göttliche Bestrafung der kindlichen Nächstenliebe (und die damit verbundene Frage, in welches Verhältnis der GroÃvater die Strafe des Ich-Erzählers mit jener Josephs setzt) wohlweislich tilgt und stattdessen die Ansteckungsursache der Familie im Dunkeln belässt. Ebenso formt er den Text für die BF patriarchal um: Aus der den Pechbrenner-Knaben aktiv rettenden Prinzessin wird ein passives, vom Knaben gerettetes Dornröschen.
Trotz den erwähnten Ãnderungen scheint es mir nun in der Sache verfehlt, Granit als einen Text der âSanftheit, Selbstlosigkeit, [â¦] Menschlichkeit und Liebeâ zu bezeichnen; erst recht, wenn man den Text als eigenständiges, von der JF gelöstes Werk betrachtet. Eine solche Deutung nämlich vernachlässigt schlicht die kritischen Untertöne der BF. Entsprechend gilt es, Lachingers Befund zu modifizieren: Stifters Granit markiert weniger den Ãbergang von Gewalt zu Sanftheit als das Bestreben, harte, explizite Gewalt in implizitere, sanftere Formen der Gewalt zu âüberführenâ. Zugespitzt: Granit will von der Gewalt der Sanftheit erzählen, erzählt dabei aber gefährlich oft vom Gegenteil, nämlich der Sanftheit der Gewalt. Damit ist der Text auch das Paradebeispiel einer Stifterâschen (Ver-)Führung der sanften Gewalt.
8.2 âZwei Witwenâ: Von der menschlichen Liebe, dem Kind âleiblich weh [zu] thu[n]â
Nichts ist leichter, als die Kinder dazu zu erziehen, daà sie gehorchen, gefallen, aufwarten und alles tun, was Eltern und andere Erwachsene begehren. Freilich sind dann die Kinder nichts, nicht mehr als die Eltern. Aber schwerer ist es, Gehorsam und Freiheit zu vereinigen, die Kraft dazulassen und doch zu lenken und sich selber einen Gegner der besten Art zu erziehen.
Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen
Der bereits in Granit angesprochene ambivalente Zusammenhang von Kind, Familie, Staat, Führung und Gewalt lässt sich weiterverfolgen, wenn man ihn vor dem Hintergrund von Stifters Erzählung Zwei Witwen situiert. Dieser Text wurde erstmals 1860 im Ãsterreichischen illustrierten katholischen Volkskalender gedruckt; da der Erstdruck nicht mehr verfügbar ist, liegt die Erzählung nur in der Form des Zweitdrucks aus dem Jahr 1862 im selben Magazin vor.58 Der Text fand weder zu Stifters Lebzeiten noch in der Forschung gröÃere Beachtung, was wohl mit seiner Kürze und schematischen Anlage zu tun haben dürfte.59
Tatsächlich ist der Aufbau der Erzählung äuÃerst simpel: Vorgestellt werden zwei im Grunde identische Frauen. Ludmilla (knapp über 40-jährig) und Crescentia (knapp unter 40-jährig) sind beide verwitwet, leben beide in einer âWaldgegendâ â also abseits groÃer Städte und Menschenansammlungen â, haben beide ânur ein einziges Kindâ und hatten âMänner [â¦], die dieses Kind gut erzogenâ (HKG 3/2, 15). Beide verfügen über ein kleines Vermögen, beide besitzen eine âreinlicheâ Wohnung und eine âeinzige Magdâ, die sich um ihre Angelegenheiten kümmert (ebd.). Kurzum: Beide sind âgezogene und gewissenhafte Frauen.â (Ebd.) Obwohl â oder vielleicht gerade weil â die beiden Frauen miteinander konkurrieren, verlieben sich ihre Kinder, als sie erwachsen sind, ineinander und heiraten bald darauf. Bereits im âersten Jahre der Eheâ wird ein Sohn, ânach dem zweiten ein Töchterlein geborenâ (ebd., 16). Doch das junge Glück währt nur kurz: Als der Knabe âzwei Jahre, das Mädchen ein Jahr alt war, starben die Eltern in kurzer Zeit nach einander an einer hitzigen Krankheit, die eines dem andern mitgetheilt hatte.â (Ebd.) Beide GroÃmütter begehren das alleinige Sorgerecht für die Kinder, âbis der Pfarrer und die Nachbarn den Vergleich zu Standeâ bringen, âdaà Ludmilla den Knaben, Crescentia das Mädchen zur Erziehungâ (ebd.) erhält. Damit ist die Grundkonstellation gegeben: Zwei annähernd identische Frauen erziehen mit annähernd identischen Voraussetzungen jeweils annähernd identische Kinder. Diese holzschnittartige Konstruktion erlaubt es Stifter, der Frage nachzugehen, welchen gewalt(tät)igen Einfluss zwei unterschiedliche Erziehungsformen für das Leben sowohl der Kinder wie der (Zieh-)Eltern haben können.
Man hat Zwei Witwen aufgrund dieses Schematismus und des allgemein moralistischen Grundtons als âliterarischen Volksaufklärungstextâ60 bezeichnet. Das ist durchaus treffend, sollte aber nicht Anlass zu einer vorschnellen Geringschätzung des Texts geben. Denn gerade in der volksaufklärerisch-schematischen Anlage der Erzählung liegt auch ihr hermeneutisches Potential. Ich möchte die These formulieren, dass Zwei Witwen als literarische Modellerzählung theoretisch-pädagogischer Reflexionen verstanden werden kann, die Stifter bereits 1849 in seinem Aufsatz Erziehung in der Familie formuliert hat. Die Erzählung ist insofern nicht bloà ein ambitionsloses âAlterswerkâ, sondern âführtâ â mit der nötigen Vorsicht â ins Herz von Stifters pädagogischen Ãberlegungen. Tatsächlich nämlich finden sich hier in komprimierter Form Aspekte zum Spannungsverhältnis von Freiheitswunsch und Ordnungswille, von autoritären und antiautoritären Erziehungsansätzen verhandelt.
8.2.1 Zwei Erziehungsansätze
Präsentiert werden in Zwei Witwen zwei konträre Erziehungspraktiken: Während Otto mit Liebe und Luxus überhäuft wird, waltet Crescentia über Clara mit strenger Hand: Clara hat, im Gegensatz zu Otto, kein eigenes Zimmer; ihr âBettleinâ steht in Crescentias Wohn- und Schlafstubeâ (HKG 3/2, 17). Toleriert wird, wieder in Abgrenzung zu Ottos Erziehung, keinerlei selbstsüchtiges, forderndes Verhalten. Clara erhält zwar alles zum Leben âNothwendigeâ, wird von der âGroÃmutter gepflegt und ernährtâ, bis sie âgesättigtâ ist (ebd.). Beginnt das Kind aber grundlos zu schreien, fordert es mehr, als es benötigt, mit einem Wort: Zeigt es Tendenzen zur MaÃlosigkeit, so wird es von Crescentia gemaÃregelt: Sie âlegte [â¦] das Ding auf den Boden ihrer Stube, wandte ihm den Rücken zu, setzte sich nieder, und lieà es liegen und schreien.â (Ebd.) Diese DisziplinarmaÃnahme hat im Text heilenden Charakter: Zwar wird das Schreien des Kindes zunächst noch âheftiger und furchtbarerâ; als es aber erkennt bzw. lernt, dass es mit diesem Verhalten keinen Erfolg erzielt, ist es bald nur noch âverdutztâ, dann verstummt es âendlichâ (ebd.). Als das Kind schlieÃlich nach âlangem Schweigenâ doch von der GroÃmutter aufgehoben wird, âlächelt[ ] es dankbar, weil es sich in seiner Hilflosigkeit erleichtert fühlt[ ].â (Ebd.)
Als pädagogische Urväter dieser Erziehungsmethodik lassen sich unschwer Jean-Jacques Rousseau und der von Stifter besonders in seiner frühen Werkphase verehrte Jean Paul identifizieren.61 In Jean Pauls Levana (1807) findet sich gar explizit ein Kapitel zum âSchrei-Weinen der Kinderâ. In § 71 wird dort in Bezug auf das âfoderndeâ Schrei-Weinen, wie es Clara praktiziert, festgehalten: âHier bleibâ es bei Rousseaus Rathe, nie das Kind mit diesem Kriegsgeschrei auch nur einen Zoll Land erfechten zu lassenâ.62 Bei Jean Paul lautet die Idee hinter dieser âHärteâ, dass das Kind lernt, vom âNein so lachend davon[zuhüpfen] wie vom Ja [â¦] und folglich keine andere und tiefere Wunden [zu empfangen], als die der Körper schlagen kannâ.63 Mit anderen Worten: Das Kind soll die Kompetenz entwickeln, mit Entbehrungen umzugehen, um so besser auf das Leben vorbereitet zu sein.
Crescentias Methodik liegt allerdings noch ein anderer psychologischer Mechanismus zugrunde, der deutlicher hervortritt, wenn man nicht bloà das Kind, sondern auch die Erziehungsinstanz in den Blick nimmt: Im Gegensatz zu Ludmilla nämlich sichert sich Crescentia die Liebe des Kindes nicht über die fortwährende Demonstration der eigenen Liebe; vielmehr unterstreicht und festigt sie ihre Autorität und Vormachtstellung, indem sie dem Kind ihre Liebe demonstrativ entzieht. Einerseits erzeugt sie im Säugling damit die Furcht eines stets möglichen Zuneigungsentzugs bei einer Regelübertretung. Gleichzeitig macht sie dem Kind begreiflich, dass es abhängig von ihr ist. Die Botschaft lautet letztlich: Nur die GroÃmutter ist es, die Clara aus ihrer Hilflosigkeit erlösen kann. Und sie ist es auch, die bestimmt, wie das Kind sich zu verhalten habe, damit es den Schutz der Mutter genieÃen könne. Gustav Wilhelm identifizierte als Basis dieser pädagogischen Praktik die âForderung unbedingten kindlichen Gehorsamsâ (PRA 13, CVIII). Dies ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Crescentias Erziehung ist nicht zuletzt auch deshalb so effektiv, weil sie latent mit Strafe und Gewalt droht. Es ergibt sich wie beim GroÃvater in Granit die Dialektik einer Führungspraktik, die zur (künftigen) Gewalt- und Furchtvermeidung des Kindes wiederum mit Gewalt und Furcht arbeitet â ja arbeiten muss, um sich zu stabilisieren.64
Welche kathartische Wirkkraft Stifter der von Crescentia praktizierten frühzeitigen Disziplinierung des Kindes (des Zur-Verantwortung-Ziehens) sowie der erzieherischen Autorität im Allgemeinen beimaÃ, überliefert indirekt auch eine Episode aus Stifters Kindheit, die sein langjähriger Weggefährte Johann Aprent notiert hat:
In Oberplan war es, wie auch heute noch auf dem Lande, üblich, daà die aus gröÃerer Entfernung kommenden Kinder über Mittag in der Schule blieben, um den Weg nachmittags nicht noch einmal machen zu müssen; sie verzehrten dann etwas, was ihnen die Eltern mitgegeben hatten. Da geschah es denn einmal, daà Adalbert, als er nachmittags zur Schule kam, einem Mädchen das Butterbrot, das dieses eben zum Munde führte, aus der Hand schlug. Wie es dabei gewöhnlich geht, fiel das Brot mit der fetten Seite auf den Boden, was die Unbill für die Betroffene noch kränkender machte. Sie führte beim Lehrer Klage, und Adalbert wuÃte sich nur dadurch zu helfen, daà er sagte, es sei nicht wahr. Aber wahrscheinlich sagte sein Gesicht unverkennbar das Gegenteil, denn der Lehrer sprach ernst: âSo, nicht wahr, das hätte ich von dir nie geglaubt, daà du lügst!â Diese Worte fielen ihm unsäglich schwer aufs Herz; âsie warenâ, sagte er einmal, âder erste groÃe Seelenschmerz, den ich empfand.â Aber noch bedeutsamer wurde diese Begebenheit für ihn dadurch, daà ihm damals zum ersten Male der Sinn für männliche Würde und Schönheit aufging. Denn wie der Lehrer so vor ihm stand, fast allwissend, und streng, aber doch ruhig sein Urteil sprechend, da fiel es dem Knaben auf, âwie schön und herrlich doch der Mann sei.â65
Auch wenn die beschriebene Szene zweifellos Stilisierungen aufweist und sich ihre Faktizität nicht verifizieren lässt, wird doch eine Autoritätsfaszination in Stifters Denken deutlich. Stifter, der als Kind tatsächlich zur Gewalt neigte, wird hier gerade dadurch zur Verantwortung gezogen und gemaÃregelt, dass ihm â wie im Falle der schrei-weinenden Clara â die Zuneigung jener Autorität entzogen wird, die er braucht und bewundert.66 Der âgroÃe Seelenschmerzâ, den dieser Zuneigungsentzug auslöst, hat heilende Wirkung. Der Lehrer erscheint ihm nun âschön und herrlichâ. Strenge, Allwissenheit und Ruhe im Urteil flössen dem kleinen Adalbert Bewunderung ein â er erkennt in der eigenen Kleinheit (in der eigenen Ohnmacht) auch die Autorität und Macht des Gegenübers. Im Angesicht eben dieser Macht begreift er wiederum die eigene moralische Verfehlung. Wie in Granit und den Zwei Witwen ist es auch hier eine Haltung der Ehrfurcht, die eingeübt und zelebriert wird.
Crescentias erzieherische Härte stöÃt nun allerdings bei Ludmilla auf Kritik und provoziert ein Gespräch, das den Unterschied der beiden Methoden nochmals pointiert:
Ludmilla sagte, das sei hart, man müsse den Kindern nur Liebe zeigen, bis sie vernünftiger würden, und eine gute Lehre einsähen. Crescentia aber sagte, das sei nicht wahr. Clara gewöhnte sich an, nichts mehr zu verlangen, was die GroÃmutter verweigert hatte, weil das Verlangen doch fruchtlos blieb. (HKG 3/2, 17)
Der Text lässt keinen Zweifel daran, welche Erziehungsmethodik die bessere sei: Während Clara auch zur körperlichen Arbeit an der freien Luft animiert wird, sich abhärtet und auf diese Weise zu einer arbeitstüchtigen, tugendhaften, gottesfürchtigen, gemäÃigten Frau heranwächst, die ihren Lebtag als glückliche Hausfrau mit einem treuen Mann und vier Kindern beschlieÃt,67 verläuft Ottos Entwicklung konträr: Er wird faul, lasterhaft, respektiert keine Autoritäten, gibt sich dem Glücksspiel und sexuellen Ausschweifungen hin und wird schlieÃlich beinahe zum Mörder. Nicht der antiautoritäre Erziehungsstil Ludmillas, sondern die strengere, autoritäre Pädagogik Crescentias setzt sich durch. Die Pointe der Stifterâschen Erziehungskonstellation in Zwei Witwen besteht also darin, dass hier nicht etwa, wie zu erwarten wäre, das Scheitern einer Erziehung aufgrund fehlender Liebe vorgeführt wird. Nicht die Verrohung, Vernachlässigung oder körperliche Züchtigung der Kinder ist das Problem, sondern das Gegenteil. Tatsächlich ist es gerade das Zuviel an Liebe, das Ludmilla blind macht für Ottos Charakterdefizite.68
Spätestens an dieser Stelle nun erweist sich die Erzählung als beinahe wortgetreue literarische Ãbersetzung eines theoretisch-pädagogischen Gedankengangs, den Stifter bereits 1849, also rund elf Jahre vor Entstehung der Zwei Witwen, zu Papier gebracht hat. In besagtem Aufsatz Erziehung in der Familie geht Stifter der Frage nach, wie die Erziehung der Kinder in der Familie gelingen kann. Dabei kommt er bei der Lokalisierung möglicher Problemquellen scheiternder Erziehungsversuche auf ein überraschendes Ergebnis: âGerade das, was Gott in das Herz der Eltern legte, daà für die Kinder gut gesorgt werde, die Liebe, ist meistens das HinderniÃ.â (HKG 8/2, 123) Zur Klärung dieser These bedient sich Stifter â wie so oft â der anthropologischen Differenz. Er schreibt:
Die elterliche Liebe ist eine zweifache; entweder ein bloÃer Trieb der Natur, den auch die Thiere haben, der sie mit Liebkosungen zu den Kindern hinzieht, und der sie treibt, für das leibliche Wohl derselben zu sorgen. Das thun fast alle Thiere. Oder die Liebe der Eltern hat noch einen höheren Boden und eine edlere Heimat nämlich die Seele. Diese Liebe führt die Eltern dahin, daà sie auÃer der leiblichen Wohlfahrt der Kinder auch noch die geistige derselben befördern möchten, ja die letztere noch mehr als die leibliche, und zwar in einem solchen Grade, daà man den Kindern lieber leiblich weh thut, als daà man sie geistig Schaden nehmen lieÃe. Diese Liebe zu den Kindern ist eigentlich die menschliche. (HKG 8/2, 124)
Hier wird genau jene fundamentale Liebesdifferenz artikuliert, die zwischen Crescentias und Ludmillas Erziehungsansätzen besteht. Ludmillas â in Stifters Terminologie â tierische Liebe zielt bloà auf das leibliche Wohlergehen ihres Zöglings; in ihrem Vertrauen darauf, Ottos Vernunft werde sich schon von alleine entwickeln, missachtet sie â im Gegensatz zu Crescentia â ihre âmenschlicheâ Verantwortung als Erzieherin. Denn es ist für Stifter oberstes Gebot einer auf âmenschlicher Liebeâ beruhenden Erziehung, dass sie nicht primär auf die körperliche, sondern geistige Entwicklung des Kinds zielt. Dieses übergeordnete Ziel rechtfertigt â und das ist entscheidend â auch die Mittel zu dessen Erreichung. Stifter selbst hat sich zwar grundsätzlich abweisend gegen körperliche Bestrafungen von Kindern ausgesprochen.69 Als der pädagogisch versierte Stephan Heilkun â ein Alter Ego des Autors â im Waldbrunnen auf das schwer erziehbare âwilde Mädchenâ Jana trifft, lässt er Heilkun sagen: âIch will als vernünftiger Mann nicht Gewalt brauchen, sonst kömmt das Kind gar nicht mehr in die Schule und geht ganz zu Grunde.â (HKG 3/2, 111) Wie die obige Passage aus dem Aufsatz Erziehung in der Familie indes zeigt, kann physische Gewalt für Stifter in gewissen Situationen durchaus eine akzeptable Form der Erziehung sein â immer unter der Voraussetzung, sie geschieht mit Blick auf die geistige Entwicklung des Kindes. Lieber âthutâ man den Kindern âleiblich weh, als daà man sie geistig Schaden nehmen lieÃe.â Es geht Stifter stets um die VerhältnismäÃigkeit. In seiner kurzen Abhandlung Persönliche Rechte, ebenfalls 1849 erschienen, bringt er diese Haltung wie folgt auf den Punkt:
Es ist [â¦] sehr schwer, wie weit man gehen müsse, da jedes Zuweit eine Rechtsverletzung, jedes Zuwenig leicht ein Unglück werden kann. Z. B. Kinder in der Strafe zu Krüppeln machen, wäre eine Rechtsverletzung, ihnen Alles ohne Strafe hingehen lassen, ein Unglück. Als Regel gilt: Gerade so viel thun, als zum Zwecke ausreicht. (HKG 8/2, 252)
Zwingend ist für Stifter bei jeglicher Form einer pädagogischen DisziplinarmaÃnahme, dass das Kind versteht, weshalb es bestraft wird: âHinführung [Hervorh., B.D.] [â¦] zur Erkenntnis [der] unziemlichen Handlungâ (HKG 10/2, 134) muss Ziel und Zweck jeder Strafe sein, ansonsten ist kein Lerneffekt möglich und die Strafe sowohl pädagogisch wie moralisch falsch.70
Um hier nun keinen falschen Eindruck einer Statik von Stifters pädagogischen Ãberlegungen zu evozieren, sei kurz auf Stifters Früherzählung Das Haidedorf (1841/44) verwiesen. Dort findet sich im ersten Kapitel die Beschreibung einer Kindheit, die den in Zwei Witwen entworfenen Ãberlegungen diametral entgegensteht. Felix, ein einfacher Hirtenknabe, wächst, zusammen mit seinen Eltern, in der völligen Abgeschiedenheit einer Heidelandschaft auf. Der fantasiebegabte Junge durchläuft dabei eine geradezu mustergültig antiautoritäre Erziehung: Von den Eltern bekommt er zwar ein reines Herz und Gottesfurcht auf den Weg gegeben. Seine Kindheit aber verbringt der Knabe fast gänzlich an der frischen Luft beim Schafehüten. Damit wird er letztlich weniger von den Eltern als von der Heide (der Natur) selbst erzogen. Im Text findet sich gar der explizite Rat:
Die Wiese, die Blumen, das Feld und seine Aehren, der Wald und seine unschuldigen Thierchen sind die ersten und natürlichen Gespielen und Erzieher des Kinderherzens. Ueberlaà den kleinen Engel nur seinem eigenen innern Gotte, und halte bloà die Dämonen ferne, und er wird sich wunderbar erziehen und vorbereiten. Dann, wenn das fruchtbare Herz hungert nach Wissen und Gefühlen, dann schlieà ihm die GröÃe der Welt, des Menschen und Gottes auf. (HKG 1/4, 181)
Die Passage steht deutlich in der den Naturzustand affirmierenden Tradition Jean Pauls und Rousseaus. Das Kind soll sich selbst entfalten, soll so wenig wie möglich von den Erwachsenen eingeengt und eingehegt werden. Erst wenn sein Geist dazu reif ist, soll es in das Wissen der Welt eingeführt werden. In der JF schreibt Stifter noch expliziter:
Glücklicher Natursohn â der Leser erlaube mir die Bemerkung â Glücklicher Natursohn! Diejenigen werden deine Lage begreifen, und selig zurückfühlen, die nicht das Unglück hatten, schon in zartester Kindheit von einer Rotte Meister umrungen worden zu seyn, die täglich an ihnen erzogen ohne zu erkennen das Bedürfnis und das schöne Gold des Kinderherzens. (HKG 1/1, 169)
Zwischen dem Haidedorf, den kurz nach der Revolution (also um 1849) entstandenen Erziehungsaufsätzen (beispielsweise dem Text Erziehung in der Familie) sowie der 1860/62 erschienenen Erzählung Zwei Witwen werden pädagogische Differenzen erkennbar. Negativ-antiautoritäre Erziehungsansichten stehen eher autoritäreren Erziehungsmodellen entgegen. Diese Heterogenität indes hat, wie bereits kurz angesprochen, bei Stifter durchaus System: Grundsätzlich nämlich ist für Stifters Pädagogik bzw. seine pädagogischen Reflexionen nicht die Frage nach der konkreten (einzelnen) Erziehungsmethode entscheidend, sondern ob die Erziehung als Ganzes auf das Ziel der Vernunftentwicklung ausgerichtet ist.71 Entsprechend können bei ihm, zumal im Reflexionsmedium72 der Literatur, sowohl antiautoritäre Erziehungsmodelle, wie sie im Haidedorf vorgeschlagen werden, als auch autoritärere Ansätze, wie sie Zwei Witwen präsentiert, valable didaktische Methoden sein. Dies freilich heiÃt nicht, dass sich in Stifters pädagogischen Reflexionen keine Affinitäten und âTrendsâ ausmachen lieÃen. So ist in Stifters früherem Schaffen (bis ca. 1845) noch eine Tendenz zur Affirmation eher antiautoritärer Erziehungsansätze zu beobachten, während ab der mittleren und späteren Werkphase vermehrt auch führungsstärkere Erziehungsmodelle an Einfluss und Zuspruch gewinnen. Bereits im Haidedorf lassen sich diesbezüglich bezeichnende Verschiebungen in Stifters pädagogischen Erziehungskonstellationen registrieren. Den emphatischen Ausruf der JF, der Leser solle sein Kind nur von der Natur erziehen lassen, dann werde es sich schon entwickeln, streicht Stifter in der rund drei Jahre später (1844) erschienenen SF. Auch inhaltlich findet eine Umwertung statt: Während die JF des Haidedorfs noch mit Felixâ Dichterkrönung durch den König endigt â die Integration des ânatürlichâ erzogenen Dichters in die bürgerliche Gesellschaft also gelingt â, gestaltet Stifter das Ende der SF gänzlich anders: Hier scheitert Felix, obwohl natürlich-ideal erzogen, daran, ein sorgenfreies Leben zu führen. Durch seinen Entschluss, Dichter zu werden, zerbricht seine Liebesbeziehung, da der Brautvater einen solchen beruflichen Weg nicht akzeptieren kann. Felix ist zum Schluss zwar noch immer ein Sohn der Heide, aber gleichzeitig auch ein Gebrannter der bürgerlichen Gesellschaft. Die Idealität des rousseauistischen Naturzustands âgarantiertâ also bereits in der SF des Haidedorfs âkeine gesicherte spätere Lebensbewältigungâ73 mehr. Noch in der SF aber lässt Stifter den Vater seinem mittlerweile erwachsenen Sohn mitteilen: â[D]ie Kinder sind eine Gottesgabe, daà wir sie so erziehen, wie es ihnen frommt, nicht wie es uns nütztâ (HKG 1/4, 197). Diese Form der Erziehung, die sich nur auf das Kind als ontologisches Wesen bezieht, dürfte wohl zeitlebens Stifters (theoretischer) Idealpädagogik entsprochen haben. In seinen politisch-pädagogischen Reflexionen aus den Revolutionsjahren und in den Zwei Witwen lässt sich aber beobachten, dass dieser fromme Wunsch eine entscheidende pragmatische Modifikation erfährt: Die Kinder sollen nun so erzogen werden, wie es ihnen frommt und wie es uns â den Eltern, aber auch: der Gesellschaft â nützt. Ein Gedankengang, der sich durchaus auch in der vordergründig freien âIdealweltâ von Stifters Nachsommer spiegelt. Dort nämlich lässt Stifter Risach verkünden, dass der unbedingte Gehorsam der Kinder gegenüber den Eltern die Grundlage eines funktionierenden familiären Zusammenlebens darstellt: âeins ist es, was ich fasse. Ein Kind darf seinen Eltern nicht ungehorsam sein, wenn es nicht auf ewig mit ihnen brechen, wenn es nicht die Eltern oder sich selbst verwerfen soll.â (HKG 4/3, 203)74 Erziehung kann bei Stifter (spätestens ab 1848) nur gelingen, wenn die Eltern sich nicht (bloÃ) zu einer âtierischenâ, sondern v. a. einer höheren, menschlicheren Form der Liebe entschlieÃen, die auch nicht davor zurückschreckt, die Kinder zu fordern, abzuhärten und ihnen â im Notfall â auch âleiblich weh [zu] thu[n]â.
8.2.2 Gewalt und Gegengewalt
An dieser Stelle nun empfiehlt sich nochmals ein genauerer Blick in die pädagogische Modellerzählung Zwei Witwen. Hier nämlich wird Otto aus einer fehlgeleiteten Liebe heraus âvor bösen Buben bewahrt, und schier immer zu Hause gehalten.â (HKG 3/2, 17) Wie so viele (beinahe) scheiternde (Kinder-)Figuren im Stifter-Kosmos (Abdias, Tiburius im Waldsteig, Hanna im Beschriebenen Tännling) wird Otto durch eine übersorgsame Mutter nicht mit der Lebenswirklichkeit konfrontiert, lernt weder, sich zu beherrschen, noch mit Entbehrungen umzugehen. Entsprechend wird er weltfremd, eitel und â dies die Kardinalsünde bei Stifter â weià âsich oft vor Empfindung nicht zu fassen.â (Ebd.) Die Leidenschaftlichkeit äuÃert sich nicht nur in Liebesbezeugungen, sondern sie schlägt auch â als ihre negative Kehrseite â um in Gewalttätigkeit. So âschlangâ Otto bereits früh seine âkleinen Aermlein mit Heftigkeitâ um den fragilen, âalternden Nackenâ seiner Ziehmutter Ludmilla (ebd., 16). Diese Form der Zuneigung ist zweifach problematisch: Einerseits lernt Otto nicht, sich abzuhärten; beim kleinsten Problemchen schlingt er seine Ãrmchen um den Hals seiner GroÃmutter. Gleichzeitig zeigt sich in diesem Verhalten bereits jene Neigung zur Grenzen- und Hemmungslosigkeit, jenes gewalttätig-heftige Gemüt, das bereits seine Eltern (die Kinder von Ludmilla und Crescentia) hatten,75 welches damals aber durch eine geglückte âhärtereâ Erziehung (nicht zufällig stellt Stifter sowohl Crescentia wie Ludmilla bei der Erziehung ihrer leiblichen Kinder noch ihre Ehemänner zur Seite) abgefedert bzw. zielführend kanalisiert werden konnte. Dieses von den Eltern geerbte hitzige Gemüt, so die Logik des Texts, muss â wie im Falle Claras â kontrolliert werden, ansonsten bringt es â wie in Ottos Fall â zwangsläufig destruktive Wirkungen hervor.76
Neben seiner Erzieherin bekommt besonders das Schwesterchen Clara Ottos unbeständige âLiebeâ zu spüren: Er âherzte [â¦] es oder schlug es.â (HKG 3/2, 17) Jene Ehr-Furcht vor den Dingen, die Clara gelehrt wurde, fehlt der Spiegelfigur Otto. Eine Schlüsselstelle bringt dieses Dilemma konzise auf den Punkt: âClara fürchtete den Lehrer, und machte ihre Schulaufgaben sehr ängstlich und genau, so gut sie es konnte. Otto liebte den Lehrer, antwortete oft sehr gut, aber nicht immer, und machte zuweilen seine Aufgaben nicht.â (Ebd., 18) Während Clara die Autorität des Lehrers anerkennt, ihm mit ehrfürchtiger â menschlicher â Liebe begegnet, bleibt Ottos Liebe zum Lehrer sprunghaft, oberflächlich â tierisch. Ihm fehlt schlicht die bei Stifter so zentrale Ehrfurcht vor der Ordnung der Dinge und Menschen.
Als Otto volljährig wird und seine GroÃmutter, die bis anhin alle seine Schulden bezahlt und dafür den eigenen Ruin in Kauf genommen hat, nicht mehr für ihn bürgen kann, ist er gezwungen, das Geld aus einer anderen Quelle aufzutreiben. Empathie für seine zugrunde gerichtete GroÃmutter empfindet er keine; ihren sozialen und finanziellen Abstieg nimmt er hin, entschuldigt sich nicht; stattdessen âgesellte er sich zu einem alten Weiblein, welches über das Gebirge ging, schlug das alte Weiblein an einer einsamen Stelle des Gebirges nieder, daà es als todt da lag, und raubte ihm vierzehn Guldenstücke, die es in einem groben Säcklein eingenäht hatte.â (Ebd., 19) Zwar kann die alte Frau noch gerettet werden; Otto jedoch hätte sie sterben lassen, daran lässt der Text keinen Zweifel. Damit ist es nicht zuletzt auch die Gesellschaft, die für Ottos verfehlte Erziehung, im wahrsten Sinne des Wortes, beinahe den Preis bezahlt.
Als Otto schlieÃlich durch den selbstlosen Einsatz seiner GroÃmutter sowie Crescentias und Claras aus dem Gefängnis entlassen wird, findet die verfehlte Erziehung ihren tragischen Höhepunkt:
Als er zurückgekehrt war, als ihm Crescentia die Mittel anbot, in ferner Gegend zu leben, und sich zu einem anderen Wandel zu schwingen, als er seine GroÃmutter sah, als er das Weiblein sah, das er niedergeschlagen hatte, als er die Spottblicke und das Hohnlächeln seiner Freunde und das Abwenden der Augen anderer Leute sah; kaufte er sich von dem Gelde, das ihm Crescentia zur Anschaffung der ersten Bedürfnisse gegeben hatte, eine Pistole, und schoà sich auf dem Felde eine Kugel durch das Gehirn. (HKG 3/2, 20)
Es ist â so suggeriert der Text â blanker Egoismus, der aus dieser Tat spricht: Otto sieht erstmals die Auswirkungen seiner Ausschweifungen. Er realisiert, was er seiner GroÃmutter angetan hat, wie sehr seine Angehörigen unter seinen Taten leiden, wie verfehlt seine Existenz ist. Statt nun aber die GröÃe zu besitzen, für seine Taten Verantwortung zu übernehmen, wählt Otto auch hier den Weg des geringsten Widerstands. Damit nicht genug, kauft sich Otto seine Pistole ausgerechnet von jenem Geld, das Ludmilla sich mühsam für ihn zusammengespart hat; das Geld, das ein neues Leben ermöglichen sollte, ermöglicht gerade das Gegenteil: den Abschied aus dem Leben. Damit wird auch diese letzte erzieherische Aktion Ludmillas zum Sinnbild einer eigentlich gut gemeinten, letztlich aber ins Unglück führenden Pädagogik, deren âtierische Liebeâ eine Kette der Gewalt produziert, welche sich geradezu lehrbuchmäÃig auf die Trias Erziehungsinstanz â erzogenes Subjekt â Gesellschaft richtet. Wenig überraschend bringt Ottos finale Gewaltaktion denn auch die liebende Ziehmutter ins Grab, kommt sein Selbstmord einem (zusätzlichen) Mord gleich: âLudmilla fiel in eine Krankheit, sie hielt während derselben fast unausgesetzt die nackten abgemagerten runzelvollen und vor Jammer fast bleigrau gewordenen Arme und Hände gegen den Himmel, und flehte, daà ihr Enkel von Gott doch nicht ganz verdammt werden möge, und so fuhr sie in die Grube.â (Ebd.)77 Die explizit-einseitige Härte, mit der Ludmillas Erziehungsverfehlung âbestraftâ wird â und die gerade auch durch die Sprödigkeit der Stifterâschen Spätprosa besonders drastisch zum Tragen kommt â, unterstreicht nochmals den volksaufklärerischen Impetus der Geschichte.78 Ja, in ihrer Härte und ihrem Tonfall erinnert die Erzählung durchaus an die ebenfalls zur Belehrung eingesetzte Pestgeschichte aus Granit und damit an jene groÃväterliche Pädagogik, die Furcht und Gewalt nutzt, um (künftige) Furcht und Gewalt zu verhindern. Dieser Konnex zeigt sich nicht zuletzt exemplarisch in den wie eine Drohung anmutenden Schlussworten der Erzählung: âMöchten doch nicht oft ähnliche Geschichten erzählt werden können; ist das Ende nicht immer fürchterlich, so ist es doch nie erfreulich.â (HKG 3/2, 21)
8.2.3 Stifter und das Kind â eine tough love
Mit der nötigen Vorsicht kann man die in Stifters pädagogisch-politischen Aufsätzen und â in abgeschwächter Form â in Zwei Witwen beobachtbare Analogie von Familie und Staat â von Erziehung und Staatsführung â wie folgt zuspitzen. Freie Entfaltung des Kindes (der Bürger:innen) ist erstrebenswert, aber sie muss stets auch mit der Gemeinschaft vereinbar bleiben. Wer sein Kind (seine Untertan:innen) bloà tierisch liebt, verfehlt seinen Auftrag als Erzieher:in (Regierung). Eine sich auf wahrhaft âmenschlicheâ Liebe gründende Erziehung (Staatsführung) verfolgt das Ziel, das Kind (das Subjekt) zur vollständigen Ausbildung der Vernunft â zur Mündigkeit â zu führen; um dieses Ziel zu erreichen, muss sie auch bereit sein, dem Kind (dem Subjekt), falls nötig, âweh [zu] thu[n]â. Eine verantwortungsbewusste Menschenführung hat nämlich sowohl die Interessen des Kindes (Subjekts) wie der Gemeinschaft im Auge zu behalten. Tut sie dies nicht, bringt sie sowohl das Kind (das Subjekt), die Erziehungsperson (die Führung) wie die Gemeinschaft in Gefahr. Die Schlusszeilen von Stifters Aufsatz Erziehung in der Familie lesen sich in diesem Zusammenhang wie eine fundierte Erläuterung von Ottos Schicksal â inklusive des darin angelegten, in Zwei Witwen indes nur implizit eingewobenen Appells einer staatlich organisierten Erziehung:
Auf diese Weise geschieht es, daà gar so viele Menschen verkümmern, daà sie geistig verdunkelt hinleben, und daà sie dort, wo sie zum ersten Male anders handeln sollen, als es in ihrem gewöhnlichen Leben liegt, sie dies nicht können, und Verwirrung und Unheil anrichten. Darum kann im menschlichen Geschlechte die Erziehung und Entwickelung der jungen Menschen nicht lediglich und allein den Eltern überlassen bleiben. Das menschliche Geschlecht muà bestehen, darum muà es sich auch seine Mitglieder bilden. Der Staat setzt daher seine Anstalten zur Bildung und Erziehung der Jugend ein, und wenn er den Zweck hat, die Wohlfahrt der Staatsbürger zu befördern, so muà er sie einsetzen, und wenn sie die rechten sind, und das lebendige Leben statt des todten Wortes befördern, so werden aus ihnen gute Menschen und rechte Staatsbürger hervorgehen, sie werden als Eltern ihre Kinder schon wieder besser erziehen, als sie selbst erzogen worden sind, sie werden wieder bessere Eltern werden, und so können wir auf jenen Standpunkt hinkommen, wo wir in strenger Sitte und Kraft das Vaterland unzerstörbar machen und statt wüsten Genusses das heitere sittliche Glück über seine Fluren verbreiten. (HKG 8/2, 125)
Noch einmal wird deutlich, dass es Stifter in seinen pädagogischen Ãberlegungen und Bemühungen nicht einfach darum geht, den paradiesischen (Ur-)Zustand des Kindes zu schützen und es behutsam zu erziehen; mindestens ebenso wichtig ist â spätestens ab 1848 â der Vorsatz, zu verhindern, dass die Kinder zu leidenschaftlichen Problemmacher:innen heranwachsen könnten.79 Der kritischere Blick auf Stifters Pädagogik erlaubt also insgesamt auch eine differenziertere Perspektive auf Stifters lebenslange Beschäftigung mit Kindern und Kinderfiguren in seinem literarischen Werk.
Wie ich im abschlieÃenden Teil dieses Pädagogik-Kapitels zeigen möchte, ist Stifters groÃes Interesse an Kindern jedoch noch vor dem Hintergrund einer anderen Funktion zu sehen, die besonders seine literarischen Texte den Kindern zuschreiben: In einer metaphysisch brüchigen Welt repräsentieren Kinder für die Erwachsenen letztlich die sicherste Option, das eigene geistige und materielle Erbe zu bewahren und so im Gedächtnis der Nachwelt fortzuleben. Die bei Stifter auftretenden Kinderfiguren unterliegen oftmals dieser Logik: Sie sind Glieder in der Kette einer Familiengenealogie, in welcher sie ihre Aufgabe â den Fortbestand des âStammsâ â zu erfüllen haben. Dabei führen sie oftmals genau jenes Leben, welches die Eltern lebten bzw. eigentlich leben wollten. Pointiert formuliert: Den Kindern gehört in Stifters Werk zwar die Zukunft, gemacht aber wird sie fast immer durch die ältere Generation und die damit verbundene âGewalt des Gewordenenâ (HKG 1/1, 337). Wohl nirgends wird dieser Umstand deutlicher als in Stifters Späterzählung Der fromme Spruch.
8.3 âDer fromme Spruchâ: Inzest(besänftigung) und Gewalt in Stifters Spätwerk oder: âFühre [â¦] heute nicht Frevelredenâ
Aber wer das, was zwischen diesen Geschwistern vorging, nicht schon an Spuren erkannt hat, lege den Bericht fort, denn es wird darin ein Abenteuer beschrieben, das er niemals wird billigen können: eine Reise an den Rand des Möglichen, die an den Gefahren des Unmöglichen und Unnatürlichen, ja AbstoÃenden vorbei, und vielleicht nicht immer vorbei führte [â¦].
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Als die Geschwister in dem Saale allein waren, sagten sie eine Weile gar nichts.
Dann rief die Tante: âDietwin, Dietwin, Dietwin!â
Der Oheim sprach: âDas ist nun freilich anders, als wir gedacht haben, wir müssen es hinnehmen, daà wir gedacht haben, was wir gedacht haben.â
âJa wohl müssen wir es hinnehmen,â sagte die Tante.
âMeine liebe Schwester Gerlint,â sagte der Oheim, ânun ist die gröÃte Sorgfalt anzuwenden, daà niemand erfahre, welche Gedanken wir gehabt haben.â
âIch werde sie niemanden offenbaren,â sagte die Tante.
âIch auch nicht,â antwortete der Oheim, âwenn nur nicht jemand durch Ahnungen, Deutungen und dergleichen darauf kömmt.â
âDas wagt niemand zu denken,â sagte die Tante. (HKG 3/2, 345)
Der fromme Spruch, dem dieser Dialog entnommen ist und um den es nachstehend gehen soll, treibt Stifters Verschwiegenheitsprosa ins Extrem. Postum 1868 veröffentlicht, lieà die Erzählung das zeitgenössische Publikum ebenso ratlos (und entnervt) zurück wie den Verleger Leo Tepe, in dessen Zeitschrift Stifters Text eigentlich 1867 hätte erscheinen sollen. Bei der Durchsicht des Stifterâschen Elaborats hatte Tepe jedoch mit Bedauern festgestellt, dass die Erzählung so gar nicht dem entsprach, was er sich gewünscht hatte. In einem Brief erklärte Tepe Stifter u. a.: âDie unendlichen Zeremonien und hochtrabenden Anreden, welche zwischen Tante, Neffe, Nichte und Oheim gewechselt werden, würden gewià der Spottlust der Kritiker reichen Stoff bieten. Wir dürfen den frommen Spruch nicht drucken, hauptsächlich Ihretwegen; ich will Ihren literarischen Ruhm nicht verdunkeln helfenâ (PRA 24, 144). Selbst der Stifter wohlgesinnte Theodor Storm urteilte in einem Brief vom 16. Dezember 1870 über die Erzählung wenig schmeichelhaft: âAuf über 100 Seiten passirt eigentlich nichts, als daà der eine sagt: âLiebe Schwester, ich grüÃe dich sehrâ, und die andre erwidert: âLieber Bruder, ich grüÃe dich auch sehr.ââ80 In einem wegweisenden Forschungsbeitrag haben Koschorke/Ammer denn auch völlig zu Recht bemerkt, dass Stifters Text durch sein zeremoniell-tautologisches Gerede sowie die Handlungsarmut die Lesbarkeit â und v. a.: den Sinn â der erzählten Geschichte als Ganzes bedrohe.81 Dieser Effekt freilich hat, wie ich zeigen möchte, System; denn die Form spiegelt und verschweigt in ihrer fortwährenden Wiederholungs- und Ritualisierungsstruktur das im Zentrum dieses Texts stehende und von den Figuren so wortreich verschwiegene Skandalon: den Inzest.
âErzähltâ nämlich wird die Geschichte der adeligen Geschwister Dietwin und Gerlint von der Weiden sowie deren Ziehkinder, die â ganz im Sinne der inzestuösen Verdoppelungsstruktur der Erzählung â ebenfalls Dietwin und Gerlint heiÃen.82 Die Handlung windet sich, wie Tepe durchaus richtig bemerkt, in âunendlichen Zeremonien und hochtrabenden Redenâ um den Wunsch der ledigen bzw. (in Gerlint sen.s Fall) verwitweten Geschwister, ihre Ziehkinder (deren leibliche Väter wiederum Brüder von Dietwin sen. und Gerlint sen. waren) zu verheiraten â rechtlich ein nicht unproblematisches Unterfangen â83 und damit die Zukunft des Geschlechts derer von der Weiden zu sichern. Ãber mehrere Jahre hinweg (der Zeitraum lässt sich, ungewöhnlich für Stifter, exakt datieren, nämlich auf die Jahre 1860 bis 1864) schildert die Erzählung dabei den Annäherungsprozess dieser beiden eigentlich schon seit Kindheit füreinander entflammten Ziehkinder. Das vielleicht Pikanteste an dieser Konstellation ist die Tatsache, dass das ältere Geschwisterpaar seine Kinder nicht nur verkuppeln möchte, sondern auch selbst inzestuöse Wünsche hegt, diese aber wiederum auf die Enkelkinder sublimiert. Tatsächlich sind die âElternâ in ihrer Verblendung zum Schluss überzeugt (bzw. wollen davon überzeugt sein), dass ihre Kinder eine Neigung zu ihnen gefasst hätten (Gerlint jun. zu Dietwin sen., Dietwin jun. zu Gerlint sen.). Um die Kinder und sich vor dieser inzestuösen Vereinigung zu ârettenâ, beschlieÃen Bruder und Schwester eine längere Reise â wobei zumindest insinuiert wird, dass die Reise auch zur âfinalenâ Annäherung der Geschwister dienen könnte.84 Durch die Reisevorbereitungen von Onkel und Tante aufgeschreckt, überwinden die Kinder ihren âStolzâ (PRA 22, 160) und gestehen sich ihre Liebe. Es folgt die eingangs zitierte Szene, in welcher den Geschwistern die ganze Tragweite ihres âIrrtumsâ bewusst wird, sprich: die Realisation, dass sie ihre gegenseitigen inzestuösen Fantasien auf die eigenen Kinder projiziert haben. Sie beschlieÃen daraufhin ein âSchweigegelübdeâ. Die Erzählung endet mit der Heirat von Cousin und Cousine.
Nicht nur die zeitgenössische Rezeption, sondern auch die Stifter-Forschung hat sich lange Zeit schwer getan mit Stifters versponnen-verrätselter Erzählung. Während der Text in älteren Forschungsbeiträgen eher wenig besprochen wurde,85 fand er in der neueren Forschung etwas stärkeres Interesse.86 Der Fokus galt allerdings meist weniger der eigentlichen Handlung, sondern der â bereits erwähnten â sprachlichen Verfasstheit87 und den damit verbundenen Wiederholungs-88 und Ritualisierungsstrukturen.89 Entsprechend haben die Forschungsbeiträge die Tendenz, die Form dem Inhalt überzuordnen.90 Es trifft jedoch, wie ich zeigen möchte, nicht den Kern der Sache, wenn man das von Stifter im Text thematisierte Inzest-Sujet als âeine[ ] peinliche[ ] Täuschungâ91 oder âtrivialâ92 abtut. Damit nämlich läuft man Gefahr, die eigentliche Pointe, mehr noch: die eigentliche Sprengkraft des Stifterâschen Textes zu vernachlässigen. In Stifters Text geht es nicht nur um Inzest; es lässt sich auch der Versuch beobachten, den Inzest zu âreinigenâ, ihn in eine Form zu âüberschreibenâ, die das eigentlich Befremdliche der Geschichte zwar betont, aber auch âbesänftigtâ. Wie ich auÃerdem darlegen werde, herrscht im Hause derer von der Weiden eine rigide Befehls- und Gehorsamsstruktur, die einerseits darauf zielt, die âGliederâ (HKG 3/2, 257, 325) des Stamms (besonders die Kinder) zu zähmen und züchtigen, die aber andererseits auch (geheime) Freiräume schafft, innerhalb derer sich Formen von Sexualität und Gewalt ausleben lassen. Mein Beitrag wird insgesamt deutlich machen, dass Stifters als gestelzt und langweilig verpönte Erzählung letztlich, unter ihrer harmlosen Oberfläche, eine Geschichte der nur mühsam unterdrückten Gewalt und inzestuösen Erotik erzählt.
8.3.1 Gottes inzestuöser Fingerzeig
Stifter strukturiert und inszeniert seine Erzählung über eine komplexe Pflanzenmetaphorik: Immer wieder ist vom âStammâ (HKG 3/2, 207, 209, 211, 213, 247 etc.) derer von der Weiden (nicht zufällig ein sprechender Name) die Rede; vom Besitz der Familie, der Namen trägt wie âBiberauâ, âWeidenâ, âWeidenauâ, âWeidenbachâ und âWeidenholzâ (ebd., 197); und von den mannigfaltigen Zucht- und Anpflanzpraktiken, welche dieses Geschlecht betreibt (vgl. u. a. ebd., 297, 299, 301, 303, 305). Zentral also ist das Thema der (Un-)Zucht â ein Sujet, das Stifter bereits im Alten Siegel verhandelt hat.93 Auch sonst bestehen auffällige Parallelen zwischen diesem frühen Werk Stifters und dem Frommen Spruch: Hier wie dort ist es ein alter Spruch, welcher das Geschick der Protagonisten bestimmt. Beide Texte behandeln auf tragikomische Weise aus der Zeit gefallene Personen. In beiden stehen Liebesgeschichten im Zentrum, die mit Verwechslungs- und Täuschungsszenarien operieren. Beide Male wird ein âZuchtprogrammâ durch die Erziehenden beschrieben, wobei diese selbst zur erotischen Projektionsfläche ihrer Kinder werden. Und beide Male kommt der Vorstellung von Reinheit eine tragende Bedeutung zu. Insofern kann man den Frommen Spruch als radikalisierte Variante des Alten Siegels lesen, die besonders das elterliche â(Un-)Zuchtvorhabenâ auf die Spitze treibt. Radikal formuliert, wird im Frommen Spruch nämlich ein Zuchtprogramm entwickelt, das neben ökonomischer Expansion auf die Ausschaltung sowohl des Fremden wie der Zeit zielt. Diesen Plan jedenfalls trägt Dietwin sen. zu Beginn der Erzählung seiner Schwester Gerlint vor:
Wir könnten jezt vielleicht das, was wir beide so sehnlich wünschen, mit Gefügigkeit erreichen. Wenn ich an Dietwin zu Weidenbach noch Weiden abtrete, du an Gerlint Biberau, und wenn Dietwin Gerlint heirathete, so hätte das Paar einen Güterverein, wie weit und breit keiner von solcher GröÃe und von so kurzer Grenze gefunden werden könnte. Ich rede nicht einmal von der Güte des Bodens, der Strozigkeit der Wälder, der guten Sonnenlage und der Schönheit für die Augen. Wenn ich dann auf Weidenholz ginge, und du nach Bergen, so wären wir unter uns und mit den Kindern Nachbarn, und könnten uns sehr oft besuchen. Etwas Schöneres ist kaum zu denken. Und weil es doch in der Wesenheit der Dinge liegt, daà wir früher sterben können als Dietwin und Gerlint, und weil wir niemanden haben, der uns nahe ist, so fielen nach unserem Tode Weidenholz und Bergen auch zu dem Ganzen, und wenn Steinberg und Tannheim und wenn die Forste in den Brunnenbergen, weil diese Dinge doch zu entlegen sind, einmal vortheilhaft verkauft werden könnten, und hier etwas Angrenzendes zu erwerben wäre, so bekäme unser Geschlecht beinahe ein völliges Herzogthum, und wenn sie es durch gute Wirthschaft und Ersparungen wieder vergröÃerten, so könnten sie mächtig und tüchtig und reich sein in undenkliche Zeiten hinein. Das sind meine Vorstellungen, Gerlint. (HKG 3/2, 197f.)
Angestrebt wird die Errichtung eines in sich geschlossenen, prosperierenden Herzogtums. Um zu gewährleisten, dass keine auswärtigen âStörefried[e]â ihre âNaseâ in die Angelegenheit der Familie stecken, hat der Oheim bereits von seinem Nachbarn ein Landstück erworben, das den sprechenden Namen âWaldnase [Hervorh., B.D.]â trägt, und welches das Territorium derer von der Weiden vollständig â[ab]rundetâ (ebd.). Wörtlich arbeitet die Familie damit an der Schaffung einer gerundeten, autarken und zyklisch funktionierenden Inselexistenz, in der nur Gerlint und Dietwin existieren. Nicht umsonst heiÃen die Kinder gleich wie ihre Zieheltern, sehen gleich aus,94 denken und handeln gleich wie diese. Ziel dieses Geschlechts ist letztlich das Erreichen absoluter Ein- bzw. Reinheit. Gerlint und Dietwin sollen zur âEssenzâ, zu Archetypen dieses Weiden-Stammes werden. (Un-)Zucht ist damit im Frommen Spruch wörtlich im doppelten Sinne präsent: Die Familie derer von der Weiden betreibt Fortpflanzung auf der pflanzlichen wie menschlichen Ebene. Sie züchtet auf ihren Weiden ihren eigenen Stamm.
Man hat die mit diesem Programm verbundene exzessive Wiederholungsstruktur des Texts bereits ausgiebig herausgearbeitet. Um hier unnötige eigene Wiederholungen zu vermeiden, seien deshalb lediglich einige wenige Spiegelungen betont: Jedes Jahr treffen sich die Geschwister Dietwin und Gerlint jeweils auf Biberau â und zwar am 24.4. Beide haben sie am 25.4. Geburtstag95, wobei sie altersmäÃig exakt sechs96 Jahre auseinander liegen; zu Beginn der Geschichte wird der Onkel 50, die Tante 44. Bei ihren âKindernâ ist die Ausgangslage identisch: Sie sind 24 Jahre jünger als ihre geschlechtlichen âVorbilderâ (Dietwin ist 26, Gerlint 20 Jahre alt) und liegen altersmäÃig ebenfalls sechs Jahre auseinander. Diese Zahlenspiele und Verdoppelungen spiegeln sich, wie Koschorke/Ammer gezeigt haben, auch in der jährlich zelebrierten Geburtstagsfeier des Geschwisterpaars:
Am 24.4. reitet Dietwin in das Gut seiner Schwester ein. Er kommt mit 2 Dienern, bezieht 2 âwohlbestellte Zimmer,â während seine 2 Schimmel versorgt werden. Ihn erwarten 2 schwarzgekleidete Damen hinter einer Flügeltür (wohl mit 2 Flügeln). Eine der Damen, die Schwester, empfängt ihn in der âMitteâ des Saales. 2 Küsse werden gewechselt, 2 weitere Diener rücken einen Armstuhl zurecht, worauf sich âbeideâ Protagonisten voreinander verneigen und ein doppeltes Sprachspiel beginnt, das sich bereits eine Seite später wiederholt: âSei gegrüÃt, Dietwin.â â âSei gegrüÃt, Gerlintâ.97
Damit nicht genug, tauschen die Geschwister in der Folge Geschenke aus, die ihre gegenseitige Spiegelung verdeutlichen: âDu siehstâ, erklärt Gerlint ihrem Bruder (und den Leser:innen), âwie wir immer die nehmlichen Gedanken haben[,] [â¦] du gibst mir zu meinem Geburtstage Perlen, und ich gebe dir zu deinem Geburtstage, den der Himmel auch an dem heutigen Tage beschert hat, ebenfalls Perlenâ (HKG 3/2, 187). Auch von ihren Ziehkindern erhalten die Geschwister Geschenke, die ihre eigenen Gedanken spiegeln: Beide Gerlints schenken Dietwin sen. nämlich eine mit einem selbstgestickten Lorbeerkranz versehene Brieftasche. Ein âZufallâ, den die Tante mit den Worten kommentiert: ââDa muà man völlig betroffen sein [â¦], sie hat keine Ahnung von dem gehabt, was ich dir zu deinem heutigen Geburtstage bestimmt hatte. Welches merkwürdige Zusammentreffen!â (Ebd.) Ãhnliches wiederholt sich auch bei Gerlints Geschenk: Dietwin sen. hatte Gerlint eine wunderschöne vierreihige Perlenkette geschenkt; Dietwin jun. wiederum schenkt seiner Tante eine 20-teilige Pelzauswahl.98 20 und 4 ergibt einerseits den Tag, an dem sich Dietwin und Gerlint immer treffen: den 24. April. Gleichzeitig zeugt das mittelalterlichen âHerz[ö]ge[n] und Könige[n]â (ebd., 231) zur Ehre gereichende Geschenk des Neffen, wie der Oheim es ausdrückt, wiederum von einer analogen Denkweise zum Oheim, der jede einzelne der geschenkten Perlen als âRitter unseres Hausesâ (ebd., 185) begreift.99 Subtil wird in diesen spiegelbildlichen Geschenken auch bereits angedeutet, dass die Beteiligten ihre Liebe jeweils sublimieren auf den kreuzweise gegenübergestellten Counterpart.100
Angesichts der vielen Doppelungen und âMerkwürdigkeit[en]â (HKG 3/2, 211) sieht Dietwin sen. einen âFinger des Himmelsâ (ebd., 207) am Werk, der das (vereinigte) Fortbestehen des Geschlechts von der Weiden sichere. Auf den fatalistischen âfrommen Spruchâ seiner Schwester Gerlint, âEhen werden im Himmel geschlossenâ, entgegnet er spitzfindig:
âKönnten wir nicht dem Himmel ein wenig helfen?â [â¦]
âDu redest wieder freventlich, mein Bruder, wie manchmal im Ãbermuthe,â antwortete Gerlint, âwie kann ein sterblicher Mensch dem Himmel helfen?â
âNun nicht geradezu helfen,â erwiederte Dietwin, âsondern uns mit unsern Kräften helfen, daà uns Gott hilft. Unser Hauptmann Grünau pflegte zu sagen: Hilf Gott, daà er dir hilft.â (Ebd., 205)
Die vom Oheim betonte â und von der Tante wiederum (gespielt) entrüstet zurückgewiesene â âNachhilfeâ Gottes betreiben die Geschwister in der Folge fortwährend, indem sie die beiden Kinder âzusammenzuführenâ suchen. In der ersten Fassung heiÃt es gar unter expliziter Verwendung des Führungs-Wortfelds: âWenn der Himmel etwas durchführen will, so sendet er einem Menschen Anlagen, welche die Durchführung [Hervorh., B.D.] erleichtern.â (Ebd., 204) Die Anlage zur Durchführung des geschwisterlichen Verführungsplans ist damit, wie Dietwin sen. betont, gottgegeben â durch die unzähligen Parallelen zwischen den Zieheltern und ihren Ziehkindern. Entsprechend interpretiert Dietwin sen. die vielen Ãbereinstimmungen und Doppelungen auch als âBeweiseâ des âfrommen Spruchsâ seiner Schwester (ebd., 207). Er hält dazu in einem weitschweifenden Monolog fest:
Ich habe über die Dinge nachgedacht, von denen du gesprochen hast; ich habe aber auch andere Dinge entdekt, durch die der Himmel günstig zu uns redet. Höre an. Unser Geschlecht hat wunderbar lange gedauert. Zur Zeit des ersten Hohenstaufen, Konrad, hat einer der Unsern, Dietwin, der Kardinal, diesen König gekrönt. Dietwin ist immer ein Name in unserem Stamme gewesen, so wie Gerlint. Und der Stamm, wenn er schon im Erlöschen war, hat sich stets wunderbar erneuert. Es ist wunderbar, daà wir zwei, du und ich, an dem nehmlichen Monatstage geboren worden sind, nur du um sechs Jahre später. Und heiÃen wir nicht Dietwin und Gerlint? Und ist es nicht wunderbar, daà die zwei jüngeren Dietwin und Gerlint, wenn sie auch nicht an dem nehmlichen Monatstage geboren worden sind, doch gerade auch wieder um sechs Jahre von einander abstehen? Und hat nicht unser Bruder Jakob, da ihm ein Sohn geboren wurde, ihn nach mir Dietwin genannt, zu einer Zeit, da er nicht ahnen konnte, daà dieser Dietwin nach dem Tode seiner Eltern an mir seinen zweiten Vater wird finden müssen? Und ist es nicht mit der Tochter des Bruders Archibald der nehmliche Fall, die nach dir genannt wurde, welche der Waise jezt auch eine Mutter ist? Viel wunderbarer aber ist es noch, daà in den Zügen des Angesichtes und in der Gestalt die Nichte dir und der Neffe mir gleicht. Der Graf Arkan hat ihn neulich für mich gehalten. Wenn da nicht der Finger des Himmels ist, wo ist er dann noch? Und gerade eine Eingebung des Himmels könnte es auch sein, daà du die verwaisten Kinder zuerst in deinem Schlosse Biberau erzogen hast, daà dann der Knabe bei mir und das Mädchen bei dir war, und daà in uns der nehmliche Gedanke entstand, sie einmal mit einander zu verheirathen, welchen Gedanken wir lange heimlich trugen, ehe wir ihn einander mittheilten. Ich will noch von einem Umstande reden. Du bist in deinem Leben nie krank gewesen, ich bin nie krank gewesen, und Dietwin und Gerlint sind auch nie krank gewesen, und mögen sie es auch nie werden, bis sie unser Alter erreicht haben, ja darüber hinaus sind. Und was die Heftigkeit der beiden jungen Leute anbelangt, so weiÃt du wohl, daà in unserem ganzen Stamme fast ohne Ausnahme die nehmliche Eigenschaft besteht, bei Männern wie bei Frauen. Unser Leben hat drei Abtheilungen. In der ersten Abtheilung herrscht die Heftigkeit, dann kommen allerlei Einbildungen, und dann erscheint eine groÃe Sanftmuth und Gutmüthigkeit, die bis in das hohe Alter andauert. Sind wir beide doch auch nicht von dem Schiksale unsers Geschlechtes ausgeschlossen gewesen. (Ebd., 207f.)
Diese Argumentation ist nun nicht gerade stichhaltig.101 Dietwins Gedankenkonstrukt lässt sich letztlich auf die Essenz destillieren: Die beiden gehören zusammen, weil sie sich so ähnlich sind, weil die vielen âMerkwürdigkeit[en]â auf eine göttliche Handschrift hinweisen. Alle Ãbereinstimmungen und Zufälle freilich, die Dietwin beschreibt, treffen auch auf die Eltern zu. Wenn also die beiden Kinder zusammenkommen, so müssten â Dietwins Logik folgend â auch die beiden Eltern ein Paar werden.102 Damit ist der eigentliche Kern der Sache benannt. Vordergründig geht es Dietwin mit seiner Argumentation um die dynastisch-ökonomische Sicherung derer von der Weiden. Psychologisch aber ist v. a. sein verschwiegenes Begehren für die Schwester ausschlaggebend. Auf dieser Grundlage entwirft er, Gerlints (vermeintlich) fatalistischen103 Ausspruch verdrehend, ein Narrativ göttlicher Schickung, das ihm sowohl die Rechtfertigung wie die agency liefern soll, um den (doppelten) Inzest selbstmächtig in die Wege zu leiten â wobei er vor der eigenen âLogikâ, zumindest bezüglich der Beziehung zur eigenen Schwester, dann doch wieder zurückschreckt.104 Umso mehr wird das eigene Begehren sublimiert, auf die Kinder ausgelagert. Gerlint und Dietwin werden zu âKopienâ105 ihrer Zieheltern. In ihrer Heirat soll sich verwirklichen, was Bruder und Schwester sich (insgeheim füreinander) wünschen, was v. a. aber Gott âim Himmelâ bereits beschlossen und in den erwähnten âMerkwürdigkeit[en]â angelegt hat. Formuliert wird implizit ein sich auf den vermeintlichen Fingerzeig Gottes stützendes Inzestgebot â oder zugespitzter noch: ein âInzestgesetzâ für den Stamm derer von der Weiden.
Die Passage verhandelt aber nicht nur die Frage der inzestuösen Ehe im Spannungsfeld von âPlanung und Kontingenzâ106, von göttlicher und elterlicher Führung, sondern weist in weiterem Sinne auch exemplarisch auf die Verführungsfunktion hin, die den oheimâschen âFrevelredenâ in der Erzählung zukommen. Hinter dem gestelzt-rituellen Sprachduktus der Figuren (und besonders: des Oheims) versteckt sich nämlich oft ein abgründigeres, meist sexuell konnotiertes Bedeutungssubstrat. Als Dietwin sen. seiner Schwester Gerlint beispielsweise ihr Geburtstagsgeschenk überreicht, präsentiert sich diese Szene wie folgt:
[E]r [öffnete] das Fach, das er in der Hand hielt. Ein ebener blaÃrother Sammet stellte sich dar, und auf dem Sammet lagen vier Reihen groÃer gleicher makelloser Perlen in ein Halsband geschlungen.
âDiese Perlen sind schwache Abbilder schöner Gedanken,â sagte er, âmöge deine Schönheit sie erst zieren, und sie werth machen, daà du dich bei ihnen künftig deines heutigen Geburtstages erinnerst.â
âDietwin,â sagte sie, âdu bist immer gut bei frevelhaften Reden, und diese Perlen sind ein Rittergut.â
Die âschönenâ Gedanken, die hier bewusst verschwiegen werden, sowie die Preisung der schwesterlichen Schönheit sind nur vordergründig harmlos; ein Umstand, den nicht zuletzt die reflexartige Reaktion Gerlints belegt.107 Strukturell wird hier das gleiche Schema deutlich, das bereits in der zitierten âNachhilfe-Passageâ zu erkennen war: Dietwin macht eine â verklausulierte â provokante, anstöÃige Bemerkung und Gerlint reagiert (gespielt) pikiert mit der ÃuÃerung: âDu und deine frevelhaften Redenâ. Mustergültig wird dieses Schema auch an einer späteren Textstelle deutlich, in welcher die beiden die ausbleibende âLeidenschaftâ zwischen den Kindern besprechen:
âDas muà ich sagen,â sprach der Oheim, âschneller als mein Derwisch wäre ich in meinem ein und fünfzigsten Jahre noch; aber siehe zu, eines Tages wird er mit der Thür ins Haus fallen.â
âErwarten wir, welcher Art der Fall [Hervorh., B.D.] sein wird,â sagte die Tante. âDer rechten Art, wie kraus er auch aussehen mag,â sprach der Oheim.
âGebe es Gott,â erwiederte die Tante.
âDer Himmel schlieÃt ja die Ehen,â sprach der Oheim.
âEr schlieÃt sie, wenn eine rechte zu schlieÃen, und wenn überhaupt eine zu schlieÃen ist,â antwortete die Tante.
âVielleicht schlieÃt er mehrere,â sagte der Oheim, âda bist ja du in dem Schlosse, dann Gerlint, Auguste, die Kammermädchen, Agathe. Nur für Judith hat er die Ehe schon geschlossen.â
âFühre an diesem Tage heute nicht Frevelreden,â entgegnete die Tante, âwarten wir, was uns die Geschike bringen werden.â (HKG 3/2, 299)
Nicht nur betont der Oheim hier seine (im Vergleich zu Dietwin jun.) stürmischere Potenz, er platziert auÃerdem die zweideutige Suggestivbemerkung, dass es nicht bei der einen Hochzeit bleiben muss â sprich: dass ja beispielsweise auch Gerlint sen. heiraten könnte â, welche seine Schwester wiederum mit der Erwiderung kontert, keine âFrevelredenâ zu âführenâ â sie nicht zu Frevel zu verführen. Nicht zufällig spielt Stifter gerade in diesem Dialog auch subtil mit dem (Sünden-)âFallâ-Charakter der doppelten Dietwin-Gerlint-Beziehung (vgl. meine Hervorhebungen im obigen Zitat).108 Pointiert formuliert, sprechen in Stifters inzestuösem Verdoppelungstext fortwährend verdoppelte (kopierte) Figuren in Doppeldeutigkeiten.
Da sich beide Geschwister allerdings durchaus bewusst sind, dass die âWeltâ inzestuöse Beziehungen als âlächerlichâ empfindet â wobei Gerlint sen. sofort anfügt: âob mit Recht, untersuche ich nichtâ (HKG 3/2, 325) â, lässt sich nun im gesamten Text der Versuch beobachten, der möglichen (eigenen) Verführungsgefahr durch eine streng durchritualisierte Führungsstruktur innerhalb des Hauswesens zu begegnen, die es ermöglichen soll, die innere Ordnung zu wahren und die unzüchtigen Fantasien in âgereinigteâ, gesellschaftlich akzeptable Bahnen zu leiten.109 Die wichtigsten Kontrollmechanismen zur Eindämmung dieser Gefahr sind dabei rigide Sprech- und Schweigegebote, die im Rahmen streng durchgetakteter und ritualisierter Treffen stattfinden. Hinzu kommen â damit zusammenhängend â genau reglementierte Körperberührungspraktiken. Diese Kontrollvorkehrungen sollen im Folgenden etwas näher betrachtet werden; wobei der Fokus zunächst der Rolle der Führung gilt.
8.3.2 Führung im Hause derer von der Weiden
Ein genauerer Blick auf die rituell orchestrierten Interaktionspraktiken am âHofâ derer von der Weiden macht deutlich, wie bewusst Stifter die hier herrschende Ordnung alleine über die sprachliche Gestaltung, über die fortwährende Verwendung von Führungs- und Lenkungsformulierungen betont. Es sei zur Illustration exemplarisch folgende Passage zitiert, die Gerlint jun.s Ankunft in Biberau schildert: âAls sie ausgestiegen waren, reichte der Verwalter Gerlint den Arm, und führte sie die SchloÃtreppe hinan. Das Mädchen folgte.â (HKG 3/2, 239) Der zweite Satz dieser kurzen Szene ist grundsätzlich redundant; dass Gerlint nachläuft, ergibt sich ja bereits aus der Information, dass der Verwalter sie hinanführt. Die doppelte Betonung des Folgens und Führens hat hier aber einen spezifischen Zweck: Sie zeigt den blinden Gehorsam dieses Mädchens. Gleichzeitig bringt die Stelle durch die pingelig genaue Protokollierung von Gerlints Verhalten implizit zum Ausdruck, dass in diesem Haus jede Bewegung und Geste registriert und überwacht wird. Tatsächlich âführenâ Tante und Onkel sich oder die Kinder fortlaufend durch die Räume, kontrollieren den (gegenseitigen) Bewegungsradius: âGerlint und Dietwin empfingen sie an dem Wagen, und führten sie in das Zimmer der Tante, wo diese und der Oheim ihrer harrten.â (Ebd., 281) Auch bei den Prunk-Besuchen von und bei der Nachbarschaft, die den Zweck haben, Gerlint zu präsentieren, ist das Führungsvokabular entscheidend. So heiÃt es in der ersten Fassung: âDie Tante und der Oheim führten Gerlint an diesem Tage in drei Schlösser zu drei Nachbarn, und stellten sie als angekommen und als neue Mitbewohnerin von Biberau vor.â (HKG 3/2, 286) Suggeriert werden durch das ständige Führen und Fügen Konformität und Einheit, Zucht und Ordnung. Damit nicht genug, legt Gerlint jun. bei ihrer Ankunft in Biberbau gegenüber ihrer Tante einen geradezu vertraglich anmutenden Gehorsamseid ab. Sie versichert ihr u. a.:
Meine geliebte, hochverehrte Mutter. So nenne ich dich, und so werde ich dich immer nennen, weil du es gewesen bist, seit die, welche ich vermöge meiner Geburt Vater und Mutter hätte nennen sollen, und welche ich kaum gekannt habe, in dem Grabe ruhen. Du nimmst mich nun noch näher an dich, als ich es bisher gewesen bin. Ich danke dir innigst dafür, ich werde willig und gehorsam sein, und streben, jedes Gute von dir in mich aufzunehmen. (HKG 3/2, 245)
Mustergültig werden in dieser Passage auch die gestelzten, beinahe schriftsprachlich anmutenden Redeformeln (â[m]eine geliebte, hochverehrte Mutterâ; âvermöge meiner Geburt Vater und Mutter hätte nennen sollenâ) deutlich, die sich wie ein roter Faden durch die âGesprächeâ der Hausbewohner:innen ziehen. Mayer spricht treffend von einer âauch im Werk Stifters wohl einmalige[n] Verschraubtheit des sprachlichen Verhaltensâ.110 Selbst die Geschwister sprechen sich durchgehend mit Höflichkeitsfloskeln an (u. a.: âlieber Bruderâ [HKG 3/2, 297, 315, 317], âliebe Schwesterâ [ebd., 323, 345, 351]). Deutlich markiert wird aber stets ein hierarchisches Gefälle zwischen der älteren und jüngeren Generation. Exemplarisch die Tante, die Gerlint jun. ihr âKindâ (ebd., 311, 315) nennt.111 Oder der Oheim, der Nichte und Neffe mit der patriarchalen Wendung âmeine lieben Kinderâ (HKG 3/2, 331) anspricht. Diese Kindlichkeitsbetonung ist nicht nur einseitig ausgeprägt, sie wird von den beiden jüngeren derer von der Weiden, besonders von Gerlint, auch internalisiert. Gegenüber ihrer Zofe Agathe, die sich dafür entschuldigt, sie angeredet zu haben, âals ob du [Gerlint jun., B.D.] noch das Kind wärestâ, entgegnet Gerlint jun.: ââIch bin es [â¦], [â¦] und spiele mit mir wieder wie mit einem Kinde.ââ (Ebd., 247)112
Die patriarchale Führungsstruktur im Hause von der Weiden beschränkt sich nun nicht bloà auf den engeren Familien-âStammâ; die familiäre Einheit wird dezidiert auch auf die (ehemaligen) Untergebenen ausgeweitet. Zwar bezeichnet sich Gerlint sen. gegenüber diesen als âFreundinâ (ebd., 193). Ihre Ansprache aber leitet sie wiederum matriarchal ein, indem sie ihre âUnterthanenâ mit â[m]eine Kinderâ (ebd., 193, 191) adressiert. Hinzu kommen die nicht vom eingeübten Protokoll abweichenden Interaktionsprozesse mit den Untertanen. Besonders aufschlussreich ist dazu eine längere Passage, welche das alljährlich stattfindende Geburtstagszeremoniell beschreibt, das die Untertanen mit (und für!) Gerlint und Dietwin sen. zu bestreiten haben:
Gerlint schellte mit einer Gloke.
Da öffneten sich die Thüren des Saales, und es traten mehrere Menschen herein. An der Spize derselben war der SchloÃverwalter in einer weiÃen gestikten Seidenweste und einem schwarzen Frake. Neben ihm war die Kammerfrau, die wie ihre Gebietherin ein aschgraues Seidenkleid an hatte. Hinter den beiden war die Dienerschaft, es waren die Knechte und Mägde des Gutes, es waren der Kammerdiener und Kutscher Dietwins, und es waren Leute aus der Gegend, welche früher Unterthanen des Gutes gewesen waren.
Sie stellten sich in eine Reihe.
Da trat der SchloÃverwalter etwas vor, verneigte sich vor Gerlint und dann vor Dietwin, reichte Gerlint einen BlumenstrauÃ, und sagte: âIn Gnaden und Huld sind wir vorgelassen worden. Viel Glük und Segen und langes Leben bringen wir im Wunsche. Ich bin zum Sprechen für alle erkoren worden, und ich spreche für alle. Der Wunsch ist doppelt, weil ein hohes, erhabenes, preisliches Geburtsfest doppelt ist. Und also wie die Rosen und wie die Tulpen und wie die Narcissen und wie die Hiacenthen und wie der Rosmarin und wie die Camellien und wie die Azaleen und wie die Rhododendern und wie das gestreifte Gras und wie die Lilien und wie die Veilchen aus den verschiedenen Weltgegenden stammen, und bei uns aus dem freien Grunde und aus dem Gewächshause in diesen Strauà vereinigt worden sind: so stammen die Diener und Leute des Schlosses aus verschiedenen Orten, und sind vereiniget worden hier ihre Pflicht zu erfüllen, und haben sich heute in einem Strauà versammelt, ihre Geistesgaben darzubringen, und wie die Blumen unzählige Blätter haben, und wie sie einen Wohlgeruch haben, und wie sie tausendfältige Farben haben, so soll alles das Glük unzählbar und angenehm und tausendfältig sein, was wir wünschen. Und wir bitten um die Gewogenheit noch ferner, und diese Leute, welche nicht mehr Unterthanen des Schlosses sind, bleiben doch Unterthanen des Herzens unserer hocherhabenen Frau, und wünschen der hocherhabenen Frau und ihrem hocherhabenen Bruder, was wir wünschen.â
Nachdem er diesen Spruch geendigt hatte, verneigte er sich wieder gegen Gerlint und Dietwin.
âIch danke dir, Adam,â sagte Gerlint, âich danke euch allen, meine Kinder, möge es mir noch eine Weile gegönnt sein, euch bessere Gaben geben zu können, als ich euch an diesem Tage zu bescheren vermag.â (HKG 3/2, 189f.)113
Zunächst einmal geht es hier â ironisch gebrochen114 â um die Präsentation einer guten, harmonischen Feudalherrschaft, wie Stifter sie bereits in Brigitta entworfen hat und in welcher der vorbildliche Adel mit seinen âKindernâ, den Untertanen, gnädig, aber auch belehrend verfährt.115 Doch die Szene reicht tiefer: Auf den ersten Blick frappiert besonders die Tatsache, dass die 1860 angesiedelte Erzählung zwar vermerkt, dass die adeligen Grundbesitzer keine Leibeigenen mehr âhaltenâ dürfen,116 die eingespielten Ritualisierungen im Hause von der Weiden aber offenbar fortgesetzt werden, als wäre nichts gewesen. Tatsächlich versichern die Untertanen hier noch zehn Jahre nach Aufhebung der Leibeigenschaft ihren Gehorsam unter die Führung Gerlints; dieser âGehorsamseidâ allerdings ist einer des âHerzensâ. Er ist nicht rechtlicher, sondern bloà sprachlicher Natur. Mit böser Ironie legt Stifter seiner Gerlint sen. denn auch den Satz in den Mund: â[W]enn ihr auch die Steuern nicht mehr auf mein Schloà tragt, so sind doch die andern Bande geblieben.â (HKG 3/2, 193) Von der abgelegten Gehorsamsbezeugung können sich die von der Weidens wörtlich nichts âkaufenâ. Der Sinn der Akklamation besteht insofern nicht in der Bekräftigung eines tatsächlichen Gehorsams. In einer sich rapide ändernden Welt gereicht den von der Weidens das Ritual selbst zum Sinn, da es zumindest den Schein von Ordnung, von Wahrung des Gegebenen suggeriert.117 Das rituelle Sprechen ist höchstens noch frommer Spruch, frommer Wunsch.
Die hier präsentierte Akklamations- und Befehlsstruktur ist damit auch als Zeugnis einer fundamentalen Angst lesbar, Chaos könnte in die gegebene Ordnung, in die Einheit der Familie einbrechen.118 Aus Angst vor (weiterer) Veränderung pflegt man entsprechend wenig (doppeldeutigen) â[V]erkehr[ ]â (HKG 3/2, 243) mit der AuÃenwelt; lieber bleibt man unter sich, bleibt bei jenen, die âuns hier auf dem Lande ähnlich sindâ. Still-Stand, Schutz des Gegebenen ist oberstes Ziel â und dieses Bewusstsein begleitet sämtliche (noch so gestelzten) Dialoge; ja, es treibt besonders die Konversation zwischen Bruder und Schwester ins Komisch-Absurde:
âIst kein Unfall vorgekommen?â fragte sie.
âEin zerbrochenes Rad, das wieder gemacht worden ist,â entgegnete er, âeine kranke Kuh, die wieder gesund ist, und Anderes, dessen ich mich nicht mehr entsinne.â
âDas ist ohne Bedeutung,â sagte sie, âbei mir ist gar nichts vorgekommen.â
âSo stehen die Sachen vortrefflich,â antwortete er.
âEs geht so gut, wie Alles nur immer gehen kann,â sagte sie, âund so sei noch einmal gegrüÃt, Dietwin.â
âSei gegrüÃt, Gerlint,â erwiederte er. (Ebd., 183)
Nur über eine rigide Ordnungsstruktur, über die Versicherung des immer Gleichen kann, so die Logik der Figuren, das Eigene gewahrt werden; nur so können fremde, gefährdende Einflüsse ausgeschlossen und der plötzlich hereinbrechende âZufallâ in einen kalkulierbaren âUnfallâ âüberführtâ werden, der âohne Bedeutungâ ist.119 Die Ritualisierungen exponieren damit einerseits ein äuÃerst fragiles Ãkosystem, dessen (Ãber-)Leben von der Partizipation, von der fortwährenden Unterwerfung seiner Subjekte abhängt. Sie erlauben andererseits aber auch â und das wird oftmals übersehen â einen Freiraum; eine Möglichkeit, innerhalb der bestehenden Ordnungsstruktur das vermeintlich Tabuisierte, Systemgefährdende auszuleben.120 Diesen letzten Gedankengang möchte ich nachfolgend etwas genauer entfalten.
8.3.3 Verführung im Hause derer von der Weiden
Im Text finden sich eine Vielzahl Beispiele, wie die inzestuösen Leidenschaften der Figuren zugleich unterdrückt und doch â zumindest subtil â ausgelebt werden. Auf die Bedeutung der oheimâschen â(un-)frommen Redeâ wurde bereits verwiesen. Mindestens ebenso zentral ist das Ritual der scheinbar âgereinigtenâ Körperberührung, das eine schier endlose Reihe von (Hand-)Küssen ermöglicht. Auffällig ist diese Praktik v. a. beim Umgang der beiden Geschwister â und sie lässt sich besonders deutlich an deren Geburtstagen beobachten. So dokumentiert beispielsweise das erste geschilderte Geburtstagstreffen der beiden Geschwister das mit diesen Feierlichkeiten verbundene Kusszeremoniell peinlich genau. Bei der ersten BegrüÃung von Bruder und Schwester konzentriert sich der Körperkontakt noch auf die sittliche Berührung von Hand, Stirn und Mund: âEr nahm sie bei der Hand, neigte sich gegen sie, und küÃte sie auf die Stirne. Sie behielt seine Hand, erhob sich gegen ihn, und gab ihm auf seiner Stirne den Kuà zurük.â (HKG 3/2, 179) Kurz darauf aber, quasi nachdem sich die beiden bereits mit vielen Worten âmündlichâ berührt haben, intensiviert sich der Körperkontakt: âEr ging zu ihr, und die Geschwister küÃten sich jezt auf den Mund.â (Ebd., 185) Diese âmündlicheâ Form des Austauschs wird in der Folge beibehalten: âUnd die Geschwister küÃten sich nach diesen Worten wieder auf den Mund.â (Ebd.) Und zum Abschluss des Geburtstagsrituals heiÃt es nochmals: âDann standen die Geschwister auf, und küÃten sich noch einmal recht herzlich auf den Mund.â (Ebd., 217)
Diese körperlichen Berührungen und Vereinigungen sind aber nicht auf den âVerkehrâ zwischen Bruder und Schwester beschränkt; sie erstrecken sich â in gemäÃigterer Form â auch auf den Kontakt mit den Untergebenen, also den entfernteren Familienmitgliedern. Besonders zentral sind hier Handkussrituale. Dazu beispielhaft folgende Zitate:
âDie Kammerfrau trat hervor, sagte nichts, neigte sich auf die Hand ihrer Gebietherin, und küÃte sie.â (Ebd., 191)
âUnd noch mehrere traten hervor, und verneigten sich, oder küÃten Gerlint die Hand.â (Ebd.)
âDie Leute drängten sich noch herzu, küÃten Gerlint die Hand, oder verbeugten sich, und thaten Ãhnliches bei Dietwin.â (Ebd., 195)
An ihre Nichte wiederum tastet sich Gerlint wörtlich heran. Als sie diese nach langer Absenz das erste Mal wieder sieht, heiÃt es: âAls Gerlint das Zimmer betreten hatte, erhob sich die Tante, und blieb vor ihrem Stuhle stehen. Gerlint näherte sich ihr, bestieg die Stufe, neigte sich auf die Hand der Tante, und küÃte sie.â (Ebd., 239) Nur einen Satz später: âSie umarmte das Mädchen, und kuÌÃte es auf die Wange.â (Ebd., 241) Nach der BegrüÃungsrede dann: âEs quollen Thränen bei diesen Worten aus Gerlints braunen Augen. Sie nahm die Hand der Tante und küÃte sie, und warf sich dann an ihre Brust. Diese schloà sie in die Arme, liebkoste sie.â (Ebd., 246) In der zweiten Textfassung beschwichtigt Stifter diese Szene leicht: âDie Tante legte ihre Arme um sie, streichelte [Hervorh., B.D.] dann ihr braunes Haar an der Stirne, und sagte: âBeschwichtige dich, und sei beruhigt, mein liebes, mein theures Kind.â (Ebd., 247) Es gibt auch drastischere Beispiele für den intensiven Kussverkehr zwischen den Hausbewohner:innen. Zu nennen ist u. a. die von Gerlint sen. genaustens beaufsichtigte â in gewissem Sinne: geführte â BegrüÃung der Muhme Auguste, die einen merkwürdig voyeuristischen Charakter aufweist:
âBegrüÃet euch,â sagte die Tante, als sie eingetreten waren.
âSei gegrüÃt, Auguste,â sprach Gerlint, und küÃte die Muhme auf den Mund.
âSei gegrüÃt, liebe Gerlint,â antwortete diese. (Ebd., 264)
Nur wenig später wird dann gar die âalteâ Gerlint in dieses Geküsse integriert â oder besser: integriert sich Gerlint sen. gleich selbst in das Kusszeremoniell: ââLasse deine Hand küssen, Muhme,â sagte Auguste. âNärrlein, den Mund,â sagte die Tante, und küÃte ihre Muhme auf den Mund.â (Ebd.) In der zweiten Fassung mäÃigt Stifter dieses Zusammentreffen ganz bewusst (aus dem Mund- wird ein Handkuss), da auch ihm die Fremdartigkeit dieser implizit erotisch aufgeladenen Szene durchaus bewusst gewesen sein dürfte. Hier ist zu lesen:
Dann sprach die Tante: âDas Fräulein von der Weiden, meine geliebte Nichte, hat genehmigt, daà ihr die Dienste bei ihr thut, zu denen ich euch angewiesen habe. Ihr steht vor dem Angesicht eurer jungen Herrin. KüÃt ihr zum Zeichen eures Diensteintretens die Hand.â
Jedes von den Angeredeten näherte sich, und küÃte Gerlint die Hand. (Ebd., 265)
Und kurz darauf:
âDie Leute kuÌÃten ihr noch einmal die Hand, und gingen fort.â (Ebd., 267)
In der zweiten Fassung findet sich neben diesen Entschärfungen aber ebenfalls ein explizit ausgestelltes Kusszeremoniell zwischen Auguste und Gerlint jun.: âUnd die beiden Mädchen schlossen sich in die Arme, und küÃten sich.â (Ebd., 281)
Wären diese Sätze nicht in ein ansonsten geradezu ostentativ sprödes Handlungskorsett gezwängt, man fühlte sich ob ihrer Häufung und voyeuristischen Explizitheit an einen Erotikroman erinnert. Interessanterweise deckt sich dieser Eindruck jedoch nicht mit dem Gros der Stifter-Forschung. Die exzessiven Körperberührungspraktiken werden dort zwar durchaus registriert, nur hat man sie bevorzugt auf ihren Ritualcharakter verkürzt. Bolterauer beispielsweise hält fest: âDer freiwillige Eintritt in das Spiel der Wiederholungen und Symmetrisierungen bedeutet eine Aufgabe der Subjektivität, eine Absage an individuelles, leidenschaftliches Begehren und die Akzeptanz überindividueller Gesichtspunkte.â121 In dieser Lesart arbeitet Stifter durch seine Ritualisierungsobsession letztlich an einer âEnterotisierungâ des Kusses bzw. Körperkontakts. Das ist im Grundsatz durchaus plausibel. Tatsächlich gerät angesichts der exzessiven rituellen Küsserei der eigentlich âerotischeâ Kuss zwischen Gerlint jun. und Dietwin jun. beinahe zur Nebensache. Denn dieser unterscheidet sich in seiner Beschreibung und Exekution â bis auf eine damit verbundene stürmische Umarmung â nicht weiter von den zuvor in der Erzählung so ausgiebig verteilten, (vermeintlich) gereinigten, ârituellenâ Küssen:
Gerlint wendete sich um, und rief: âDietwin, ich kann es nicht ertragen, wenn dein Auge auf ein Weib blikt.â
âGerlint,â rief Dietwin.
âDietwin,â rief Gerlint.
Und plözlich faÃten sie sich in die Arme, umschlangen sich, und küÃten sich auf den Mund.
(HKG 3/2, 337)
Vor diesem Hintergrund ist es möglich, die ganze Geschichte als einen Versuch zu lesen, über rituelle Formen das Gefahrenpotential leidenschaftlicher Ausbrüche und Sinnlichkeit zu beschränken. Nicht umsonst betonen die beiden Liebenden noch während ihres Kusses pflichtbewusst die gesellschaftliche Funktion ihres Körperkontakts: ââNun den Kuà als Bräutigam,â sagte Dietwin. âAls Braut,â antwortete Gerlint. Und sie gaben sich den VerlobungskuÃ.â (Ebd., 339)122
Ein ähnliches Projekt, das Küssen gesellschaftskonform zu labeln, lässt sich auch in der ebenfalls in Stifters letzten Lebensjahren entstandenen Erzählung Der Kuà von Sentze (1866) beobachten. Auch dort geht es um ein âerschöpfte[s] Adelsgeschlecht[ ]â, welches sich âauf eine ältere und eine junge Generation mit je zwei Personen reduziertâ123 sieht â und auch dort hängt das Ãberleben von der Heirat von Cousin und Cousine ab. Hinzu kommt im Kuà von Sentze aber noch ein bizarrer Familienbrauch, wonach verfeindete Sentze-Familienmitglieder ihre Spannungen zum Wohl der Familie zu lösen haben, indem sie sich einen zeremoniellen âFriedenskuÃâ (HKG 3/2, 145) geben. Ein Kuss aus Liebe, wie ihn zum Schluss der Erzählung Hiltiburg und Rupert vollziehen, wird im Geschlecht der Sentze wenig fantasiereich âLiebeskuÃâ bzw. âKuà der ersten Art, oder schlechtweg de[ ][r] erste[ ] KuÃâ genannt (ebd.). In der Theorie mag Stifter hier durchaus eine âReinigungâ des körperlichen Vereinigungsakts von seiner sexuell-anstöÃigen âDimensionâ angestrebt haben. Die bizarren Kusszeremonien der Sentze haben jedenfalls unübersehbar bürokratischen Charakter. In beiden Erzählungen ist diesem âUnternehmenâ aber doch eine merkwürdige Spannung eigen. Bereits im Kuà von Sentze nämlich verschwimmen in der Schlussvereinigung des ganzen Geschlechts die Grenzen zwischen Freundschafts- und Liebeskuss â und erzeugen bizarre inzestuöse Untertöne. So ist dort zu lesen:
Da führte Walchon Hiltiburg vor ihn und sagte: âSie ist so schön, wie Eveline. Sie ist nicht so, wie wir dachten, sie ähnelt meinem GroÃvater Erkambert, deinem Ahnherrn, der gegen die Menschen unwirsch gewesen ist, und ihnen Gutes gethan hat.â
Mein Vater blickte den Vetter an und sagte: âMein geliebter Walchon!â Dann faÃten sich die zwei Männer in die Arme, und küÃten sich herzlich auf die Lippen.
âWalchon,â sagte darauf mein Vater, âdas ist doch ein Liebeskuà gewesen.â
âJa, es ist ein Liebeskuà gewesen,â entgegnete Walchon.
Dann näherte sich mein Vater Hiltiburg, neigte seine Lippen gegen ihren Mund und sagte: âErlaube, schöne Base!â Hiltiburg bot ihm den Mund, und er küÃte sie. âNimm diesen Kuà auch als einen LiebeskuÃ, meine rechtschaffene, meine gute Base,â sagte der Vater.
âIch nehme ihn, mein hochverehrter Vetter,â antwortete Hiltiburg, âund werde ihn zeitlebens im Gemüthe tragen.â
Dann näherte sich der Vater mir, und schüttelte mir treuherzig die Hand.
Es braucht doch einiges an Goodwill und Fantasie, um dieses befremdliche, beinahe orgiastisch zu nennende Schlusstableau gänzlich enterotisiert zu deuten.124 Dieses Verdikt gilt umso mehr für den Frommen Spruch: Auch in diesem Haushalt scheint es ânormalâ, alle und jeden zu küssen; eine Enterotisierung aber ist damit, wie bereits die immer zweideutigen Reden des Oheims gezeigt haben, nur bedingt verbunden. Es scheint mir in diesem Zusammenhang vielmehr zentral, dass die beiden âAltenâ in ihrem bisherigen Leben nie eine langfristige, sexuell erfüllte Beziehung genossen haben. Tatsächlich ist der Oheim zeitlebens ein Hagestolz geblieben. Gerlint ihrerseits hat zwar, zum groÃen Leidwesen und entgegen Dietwin sen.s Willen, geheiratet. Diese vorderhand âglüklich[e]â (HKG 3/2, 201) Ehe mit dem zum Zeitpunkt der erzählten Handlung längst verstorbenen Erwin war aber wohl v. a. platonischer Natur.125 Beleg für diese Vermutung ist eine Konversation, die, wie so oft, über eine schlüpfrige Bemerkung des Oheims eingeleitet wird, welche die gegenseitige (sexuelle) Unterwerfung der beiden Weiden-Kinder betrifft:
âNun, das werden sie an einander achten, und das wird sie reizen, daà jedes versucht, das andere zu unterwerfen, und so werden sie beide unterworfen werden,â sagte Dietwin.
âDas weià ich nicht, du muÃt mehr Erfahrungen in diesen Sachen haben,â sprach Gerlint.
âDu hast ja auch Erfahrungen an Erwin gemacht,â sagte Dietwin.
âAch der arme Erwin hat den Mond bewundert, und ist halbe Nächte in den Gängen unsers Gartens herum gewandelt,â erwiederte Gerlint.
âDietwin wird stürmischer verfahren,â sagte der Bruder. (HKG 3/2, 215)
Welcher Dietwin bei der Unterwerfung âseinerâ Gerlint âstürmischer verfahrenâ wird, hält die Rede des Oheims gekonnt in der Schwebe. Offensichtlich aber ist, dass man Erwins Verhalten nicht einfach âals ein geheimes Verlangen nach dem Licht in der eigenen inneren Dunkelheit deutenâ126 sollte, wie Beckmann dies keusch vorschlägt, sondern es viel konkreter aufs Sexuelle beziehen kann. Sprich: Der gute Erwin hat in den langen Nächten statt eben den realen, erotischen âErfahrungenâ mit Gerlint zu deren Bedauern lieber die vergeistigte Bekanntschaft mit dem Mond gemacht.127 Ein Umstand, der sich nicht zuletzt in der Kinderlosigkeit der Ehe spiegelt.
Vor diesem Hintergrund lassen sich die ausgeprägten Kuss-Rituale auch als sinnliche Annäherungsspiele, als Kompensationsmöglichkeiten für die sexuell frustrierten, alternden Geschwister lesen. Der Körperkontakt wird im Hause derer von der Weiden jedenfalls geradezu zelebriert.
8.3.4 Kinder(un)zucht und (sanfte) Gewalt
Mit Blick auf die beschriebenen rigiden Befehls- und Gehorsamsstrukturen auf Biberau ist es schlicht zynisch, wenn die alte Gerlint gegenüber ihrer Nichte die Selbständigkeit und Freiheit des Geschlechts derer von der Weiden betont:
âHandle genau wie du willst,â antwortete die Tante, âZwang und Willkühr herrscht nicht in unserem Stamme.â
âIch weiÃ, ich weiÃ,â sagte Gerlint.
âSo sind wir hierin einigâ, sagte die Tante. (HKG 3/2, 247)
Alleine der Heiratsplan und die erwähnten Befehls- und Ritualpassagen, in welchen âdie Figuren wie Puppen eines Marionettentheaters angeordnet sindâ128, reichen aus, um diese Behauptung zu entkräften. Als wollte Stifter die Verblendung der Geschwister auf die Spitze treiben, lässt er den Oheim auf die Bemerkung der Tante, von den beiden Kindern sei keine âWegwerfungâ des âhohen Sinn[s]â zu âbefürchtenâ (HKG 3/2, 299), antworten: âSie ist nicht zu befürchten, und würde nicht geduldetâ (ebd., 301). Um die angestrebte Wirkung zu erreichen, greift man im Stamme von der Weiden bevorzugt auf disziplinierende MaÃnahmen zurück. Mehr noch: Es lässt sich in diesem âstürmische[n]â (ebd., 297) Geschlecht gar eine Neigung zur Gewalt beobachten â besonders, wenn es um den Umgang mit erotischen âKonfliktenâ geht. So schildert der Text â oder genauer: schildern die Figuren â bereits das Verhältnis zwischen Dietwin jun. und Gerlint jun. als geradezu kriegerisch. Paradigmatisch folgende Passage, in welcher Gerlint sen. in einem Gespräch mit dem Oheim die Beziehung zwischen den beiden Kindern rekapituliert:
Du weiÃt, wie beide Gemüther heftig sind, und heftige Gemüther sträuben sich gegeneinander, weil keines das andere sänftigt, und zu sich zieht. Haben sie nicht schon damals, da er ein Knabe und sie ein Kind war, immer gezankt? Sie schrie und tobte mit den FüÃen gegen seinen Willen, und er zerstörte ihre Spielsachen, und höhnte sie, wenn sie sich nicht fügte. Da er gröÃer wurde, und sie durch einen Bach trug, sezte er sie plözlich in das Wasser nieder, weil sie ungebärdig war. Die Kinder der Nachbarn und des Dorfes, die ich gerne zu ihnen gesellte, muÃten sich ihm unterwerfen, Gerlint that es nie, und sammelte selber solche um sich, die sich ihr unterwarfen, und wenn zwischen den zwei Schaaren im Spiele ein Kampf war, artete er stets in Ernst aus. Du erinnerst dich des Schrekens, da er einmal das Mädchen bei dem Naken faÃte, es zu Boden warf, und mit dem Haupte so lange in das Gras hielt, bis es sich nicht mehr regte, und wie er es dann los lieÃ, und wie sie aufsprang, ein Messer von unserm Gartentische nahm, und nach ihm stach, und wie er die Wunde von uns nicht untersuchen lieÃ, den Hemdärmel zurük streifte, und den Arm, von dem Blut herunter rann, wie im Kriegsruhme empor hielt. Sie war blaà geworden, er aber ging schweigend davon. (Ebd., 203f.)
Heftig â sträuben â tobte â gezankt â schrie â zerstörte â höhnte â ungebärdig â unterwerfen â Kampf â Schreken â beim Naken faÃen â zu Boden werfen â nicht mehr regen â Messer â stach â Wunde â Blut â Kriegsruhme: Die schiere Masse an Gewaltvokabular, die Stifter hier auffährt, um die âRivalitätâ der beiden Kinder zu beschreiben, offenbart eindrücklich das Gewaltpotential, das in diesem âstürmischenâ Geschlecht steckt. Deutlich wird aber auch ein fundamentales Kommunikationsdefizit: In Ermangelung der Möglichkeit, die brodelnde Leidenschaft in eine adäquate sprachliche Form zu übersetzen, nehmen die Kinder Zuflucht zur Gewalt. Statt Konfliktbewältigung wird Konflikteskalation bzw. -verschleppung betrieben â womit geradezu sinnbildlich das Problem des Stamms derer von der Weiden zutage tritt. Der überbordenden Leidenschaft seiner âGliederâ (ebd., 257, 325) nämlich hat dieser nichts entgegenzusetzen als eine rigid-verzweifelte Zucht- und Verschweigenskultur. Symptomatisch dafür ist die Reaktion der überforderten und wiederum über die Sprache der Gewalt bzw. Stärke reagierenden Zieheltern. Statt die Kinder offen über ihre Gefühle sprechen zu lassen, stecken Gerlint und Dietwin sen. â ihrerseits Meister:innen des gewaltsamen Verschweigens â sie in Zuchtanstalten: Gerlint jun. wird hinter den âMauernâ einer âMädchenanstaltâ (ebd., 254) verbarrikadiert, während Dietwin jun. sich seine âHörnerâ im Zuchthaus des Militärs abstoÃen soll. Dass das Handeln der Zieheltern als gewalttätiger Zucht-Akt verstanden werden kann, gesteht die Tante â allerdings nur in der ersten Textfassung â ihren âKindernâ beim ersten Familientreffen nach deren âZuchthausaufenthaltenâ unumwunden ein: âSoldatenzucht ist Gefangenschaft wie die Zucht einer Mädchenanstalt.â (Ebd.) Im Anschluss an diese ÃuÃerung zeigt sich aber auch, wie âproduktivâ und nachhaltig sich diese disziplinierende âSchule des Verstummensâ bzw. der elterlichen âSprachgewaltâ129 auf die âKinderâ ausgewirkt hat. Wie gehorsame Soldaten betonen die beiden nämlich â jedoch wiederum nur in der ersten Fassung â die Vorzüge strenger Zucht:
âDie Zucht hat uns Siege gebracht,â antwortete Dietwin, âim Felde war allerlei Freiheit, und nach dem Kriege konnte ich in Weidenbach sein, so oft ich wollte, ehe zulezt der Tag kam, von dem angefangen ich immer in Weidenbach sein konnte, oder wo es mir beliebt.â
âDie Zucht in der Mädchenanstalt hat uns einige Ausbildung gebracht,â sagte Gerlint, â und die Abgeschlossenheit hat uns vor Rohheiten der AuÃenwelt gehütet.â
âEin Fräulein von der Weiden hütet jeder Ritter von der Weiden vor Rohheit,â sagte Dietwin.
âUnd das Fräulein hütet sich selber,â sagte Gerlint.
âDa kann es ja nicht fehlen, und das Geschlecht kömmt zu höchstem Glanze,â rief der Oheim. (HKG 3/2, 254)
Angesichts solcher Passagen haben Koschorke/Ammer zugespitzt, aber durchaus treffend festgehalten, dass die Stifterâschen Kinder, besonders in dessen Spätwerk, gerade deshalb nie rebellieren, weil sie systematisch mundtot gemacht werden: âSie erscheinen frei, weil sie einen Begriff von Freiheit nicht haben. Aufbegehren oder Leiden der Einfügung finden nicht statt, weil ihnen Gestik und Vokabular entzogen sind. Gewalt tritt nicht ins Bild aufgrund ihrer Omnipräsenz.â130 Durch (sanfte) Gewalt also werden die Kinder gefügig gemacht, wird Zucht verlangt, gleichzeitig (unter-)bewusst aber auch Unzucht befördert. Dieser Zusammenhang wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass der referierten Zucht-Apologie unmittelbar eine Szene vorausgeht, die âbildlichâ jene (Un-)Zucht befeuert, zu der die Zieheltern ihre Kinder hin- und verführen wollen: âWie durch Verabredung sahen beide [Gerlint jun. und Dietwin jun., B.D.] plözlich zu den Bildern empor, welche die Tante und den Oheim vorstellten. Man konnte nicht erkennen, zu welchem Bilde jedes empor sah, oder ob beide zu beiden, da die Bilder hart neben einander hingen.â (HKG 3/2, 254) Hart nebeneinander hängen hier auch die kreuzweise projizierten Unzuchtfantasien aller Beteiligten, deren Wurzeln wiederum in der (scheinbar) gottgegebenen Familienähnlichkeit liegen.131 Besonders für die jüngere Generation bedeutet dies, trotz aller vorgeschobenen âZwanglosigkeitâ und âFreiheitâ, letztlich ein Fügen in die Fügung. Seine Fortpflanzung ist dem Stamm derer von der Weiden also bereits angezüchtet.132
8.3.5 Von Pferden und Pflanzen
Die dargestellte (Un-)Zucht-Metaphorik â und ihre Kopplung an Gewalt â erreicht ihren âHöhepunktâ, als Gerlint und Dietwin jun. auf die Güter der von der Weidens zurückkehren. Hier nämlich beginnen alle Beteiligten innerhalb kurzer Zeit (Un-)Zuchtprojekte, die, wie könnte es anders sein, symmetrisch konzipiert sind.
So frönt der stürmische Dietwin jun. bald schon der intensiven Pferdezucht, wobei er in einen Wettstreit mit seinem älteren Zwilling, seinem Oheim, tritt. Beide wiederum buhlen um die Aufmerksamkeit Gerlint sen.s â Dietwin sen., weil ihn seine unterdrückten inzestuösen Fantasien zu seiner Schwester treiben, Dietwin jun., weil er in Gerlint sen. seine Cousine Gerlint jun. erkennt. Die sexuell konnotierte Pferdemetaphorik etabliert Stifter dabei bereits beim ersten Aufeinandertreffen aller Beteiligten:
Der Oheim ging gegen Gerlint, und rief: âEs ist doch toll, welche Gedanken oft über einen Menschen kommen, aber sie kommen wie ein Sturmwind, und man muà sie sogar sagen, und die holde Muhme wird es schon erlauben: So wie die Füllen des Neffen Derwisch da, die kleinen Räpplein, seit ich sie zum lezten Male gesehen habe, weit schöner geworden sind, so ist das Mühmlein noch unendlich schöner geworden, seit ich das kleine Tüchlein in die Anstalt getragen habe.â
âDas sind ja freilich tolle Worte,â sprach die Tante, â wenn man eine demüthige Nichte gleich bei ihrer Ankunft mit Rappen vergleicht.â
âDie demüthige Nichte verzeiht es, es ist mir plözlich eingefallenâ, sagte der Oheim, âkomme her, du liebes schönes Beselein.â
Und er nahm Gerlint bei den Schultern und küÃte sie auf den Mund und auf die Wangen.
Gerlint schlang die Arme um seinen Naken, küÃte ihn auf den Mund, und rief: âDu lieber, lieber Oheim.â âNun, so ist es recht,â sagte der Oheim, âwenn man uns vor der ganzen Welt küÃt, sind wir nicht mehr gefährlich. Liebes, gutes Kind, jezt bist du unter den Deinigen. Es wird dir da immer wohler werden. Sie haben doch nur das rechte Herz für dich. Da ist nun deine Tante, deine Mutter, du kannst dein Herz aus ihrem Herzen nähren. Da bin ich, der dich wahrhaftig ungemein liebt, und da ist einer, der dich auch nicht mit Feuer und Schwert verfolgen wird. Er ist zu deinem GruÃe herbei gefahren.â (HKG 3/2, 253)
Innerhalb der BegrüÃungsszene dient der Kuss des Oheims vordergründig dazu, die Differenz zu Dietwin jun., dem eigentlich für Gerlint jun. bestimmten Liebhaber, zu markieren. Im Gegensatz zum Oheim nämlich küsst dieser Gerlint nicht etwa auf den Mund, sondern âreicht[ ]â ihr nur züchtig âdie Handâ (ebd.); eine Geste, die sie ebenso züchtig erwidert. Psychologisch dringt die Szene indes tiefer. Denn der dem Oheim âplözlich eingefallen[e]â, ihn quasi sündenfallmäÃig aus seinen verdrängten Inzestfantasien âüberfallendeâ Rappenvergleich betont auch seine kaum unterdrückte sexuelle Lust. Besonders bei der körperlichen Annäherung an seine Nichte scheinen mit dem guten Oheim vollständig die Pferde durchzugehen, kann er seine Gefühle nur schwer im Zaum halten. Zentral ist aber auch hier, dass beide, Onkel und Nichte, freudig in den vermeintlich âungefährlichenâ Kuss einstimmen. Ja, gerade weil dieser Akt der (sexuellen) Annäherung gänzlich öffentlich stattfindet, steht er â zumindest in der Darstellung des Oheims â nicht unter Inzest-Verdacht. Alleine aber die Tatsache, dass der Oheim betonen muss, bei dieser Körperberührung bestehe keine âGefahrâ, illustriert, dass er sich der problematischen Konstellation durchaus bewusst ist. Wenig überraschend ist denn auch hier der altbekannte âAbwehrzauberâ der Tante zu registrieren, dies seien ja âtolle Worteâ.
Ironischerweise ist es aber wiederum die vermeintlich züchtige(re) Gerlint sen., welche den Pferde-Zucht-Wettstreit zwischen den beiden Dietwins entscheidend befeuert: ââ[W]er die beste Erziehung geliefert hat, führt [Hervorh., B.D.] mich mit dem neuen Pelze im Schlittenââ (HKG 3/2, 231).133 Der hier hervorgehobene Begriff des Führens ist nicht willkürlich gewählt; vielmehr macht Stifter in dieser Passage geradezu ostentativ davon Gebrauch. So liest man unmittelbar anschlieÃend:
âIch führe sie [die Pferde, B.D.] vor,â rief der Neffe.
Er nahm seinen Hut, und eilte aus dem Zimmer.
Die Geschwister gingen in den groÃen SchloÃhof hinab.
Als sie dort angekommen waren, führte Dietwin, der Neffe, an purpurrothen silberverzierten Zäumen die zwei schwarzen Pferdlein hervor, und führte [Hervorh., B.D.] sie vor Oheim und Tante. (HKG 3/2, 233)
Unschwer ist zu erkennen, dass es sich beim Pferdezucht-Wettkampf â der, wie könnte es anders sein, âunentschiedenâ endet â symbolisch um einen Potenzwettbewerb der beiden Dietwin-Krieger handelt. Der groÃe Unterschied zwischen den beiden Männern freilich ist, dass Dietwin jun. auch tatsächlich Schlachten geschlagen hat; eine Differenz, die der um Virilität bemühte Oheim zähneknirschend eingesteht: âWenn er auch nicht wie ich ein unkriegerisches Soldatenleben führen muÃte, sondern vielmehr sich auszuzeichnen Gelegenheit fand, so ist doch jezt der Krieg vorüberâ (ebd., 194). Schlüpfrig formuliert, ist Dietwin sen., im Gegensatz zu seinem Neffen, nie zum âSchussâ gekommen â ein Muster, das sich auch beim Begehren Gerlints fortsetzt, die für den Neffen im Sieg (nämlich: der Ehe), für den Oheim aber (dem Anschein nach) im Status quo endet.
Während also mit dem älteren Geschlecht derer von der Weiden die Pferde durchgehen, treten die Jüngeren u. a. in einen immer leidenschaftlicheren Wettkampf der Rosenzucht.134 Den Anfang dazu machte Gerlint jun., indem sie
an einer Stelle des Gartens, die ihr geeignet schien, und die sie mit Hilfe des Gärtners hatte zurichten lassen, ein Rosengehege an[legte]. Sie pflegte die Stämmchen selber, und Judith war hiebei ihre Handlangerin. Dietwin kam eines Tages, und besah diese Anlage sehr genau; sprach aber kein Wort darüber. Ebenso sagte er nichts über die Gewächsanordnung in der Wohnung Gerlints, als er einmal mit dem Oheime von der Tante zu Gerlint geführt [Hervorh., B.D.] worden war. (HKG 3/2, 297)
Die Kultivierung der âStämmchenâ steht symbolisch für die vorbereitende Kultivierung des gröÃeren Weiden-Stamms. Sprich: Gerlint übt sich im âMutterseinâ; sie legt eine Stammkolonie an, wie sie dies später auch mit Dietwin tun wird. Dabei sind es wieder die Zieheltern (in diesem Fall: der Oheim), welche ihre âKinderâ zu dieser Fortpflanzungstätigkeit âhinführenâ â sie, parallel zur Pflanzenzucht, zur Fortpflanzung heranzüchten. Dietwin jun. registriert denn auch Gerlint jun.s âStammesvorbereitungenâ durchaus â ja er übertrumpft sie noch: âWaren Gerlints Rosen ein Wäldchen, so waren Dietwins Rosen ein Wald.â (Ebd., 303) Die ins (Fort-)Pflanzen der Rosen sublimierte sexuelle Energie richtet Dietwin nicht zuletzt auf die Tante: Sie, die als Substitut für Gerlint jun. fungiert, âführt[ ]â (ebd.) er lange durch sein gittergeschütztes Rosenanwesen; und sie ist es auch, die bei der Präsentation seiner Rosen als Einzige âeinen Strauà der schönsten Rosenâ erhält (ebd., 305). Hatte der Hauptmann Grünau betont: âWenn der Himmel etwas durchführen will, so sendet er einem Menschen Anlagen, welche die Durchführung erleichternâ, so tritt genau dieses Szenario nun ein â und zwar bis in die Wortebene: Denn Tante und Onkel, die ihre Nichten zueinander hinführen wollen, die ihre âKinderâ fortwährend auf ihren Gütern umher-âführenâ, verführen diese letztlich durch ihre âAnlageâ; sie dienen den âKindernâ auf ihren Weiden als Projektionsflächen, um die eigenen unterdrückten bzw. unterbewussten Leidenschaften auszuleben. Präsentiert wird damit, etwas überspitzt, eine Führung hin zur Verführung, wobei die Verführenden letztlich selbst ihrer Verführungsabsicht erliegen.
8.3.6 Rosenkrieg
Seinen Blumenstrauà kann und will Dietwin jun. seiner Cousine auch deshalb (noch) nicht übergeben, weil sie dann im Krieg der Liebe über ihn reüssiert hätte. Diesen Zusammenhang betont Stifter besonders in der zweiten Fassung, wenn er die bereits referierte Kinderschlägerei noch um folgende Episode ergänzt:
Und als einmal im Sommer Gerlint und die Mädchen eine seidene Schnur über die Brüke zogen, und keinen der jungen Männer hinüber lieÃen, wenn er sich nicht durch eine Blume oder ein anderes sinniges Zeichen löste, warf er sich in den Kleidern in das Wasser, und schwamm neben der Brüke hinüber. (HKG 3/2, 205)
Sprichwörtlich durch (oder eben: nicht durch) die Blume macht Dietwin deutlich, sich Gerlint nicht unterwerfen zu wollen. Ein Umstand, den Dietwin sen. in aller Klarheit noch für die erwachsenen Dietwin und Gerlint festhält: âNun, das werden sie an einander achten, und das wird sie reizen, daà jedes versucht, das andere zu unterwerfen, und so werden sie beide unterworfen werdenâ (ebd., 215). Und auch der Erzähler bemerkt: âGerlint und Dietwin waren sehr höflich gegen einander, aber gemessen. In ihren Meinungen war oft Streit, und wurde mit Kraft geführt.â (Ebd., 295) Kraft ist die Losung dieser Kriegsführung, die mitunter âschmutzigâ operiert. Dietwin jun. beispielsweise bietet Gerlint jun. noch bei seiner Rosenwald-Präsentation doppeldeutig an: âWenn mein schönes Mühmchen Gerlint den einen oder anderen Stamm für ihre Sammlung bedarf, und wünscht, so gebiethe sie nur darüberâ (ebd., 305). Sie wiederum reagiert auf diese vordergründig höfliche, de facto aber ihre Zucht-Fähigkeiten unterminierende und zugleich erotisch aufgeladene Anspielung nicht minder doppelzüngig: âWenn ich Stämmchen bedarf, so werde ich meinen guten Vetter darum ersuchenâ (ebd.). Gerlint reetabliert das alte Machtgleichgewicht, indem sie kurzerhand aus Dietwins âStammâ ein âStämmchenâ macht und so die Potenz des Vetters diminuiert.
Es verwundert nicht, artet die Rosenzucht â parallel zur immer intensiveren Pferdezucht â bald schon zu einem waschechten Rosenkrieg aus:
Bei der nächsten Rosenblüthe waren die Rosenwälder Gerlints und Dietwins noch gröÃer geworden, besonders Gerlints, sie hatten sich an Arten und Schönheit vermehrt; aber man konnte wie bei den Pferden des Oheims und des Neffen, nicht unterscheiden, welchem man den Vorzug geben sollte.
âDem muà gesteuert werden,â sagte der Oheim, âwenn es so fortgeht, so sind bald die Gründe von Weidenbach und Biberau ein einziger Rosenstrauch.â
âDie Grenze wird sich wohl finden,â sagte der Neffe. (Ebd., 307)
Die immer exzessiveren Rosenbüsche, welche die âGrenzeâ zwischen den Gütern zu überdecken drohen, symbolisieren nicht bloà die sich akkumulierende Leidenschaft â die weiter befördert wird, wenn es heiÃt, dass Gerlint jun. âsehr heftig [reitet]â (ebd., 317) â, sondern sie weisen subtil auch auf die Gefahr des Inzests hin, welche die ganze Familie derer von der Weiden zu überkommen droht.135
8.3.7 Das gewalt(tät)ige Geschlecht des Weiden-Stamms
Stifters exzessive Verwendung der (Fort-)Pflanzungsmetaphorik wird geradezu überdeutlich, wenn er das âGeschlechtâ derer von der Weiden symbolisch über einen hoch in den Himmel aufragenden âStammâ symbolisiert â genauer: über eine groÃe âEicheâ (HKG 3/2, 269).136 Nicht zufällig nimmt Gerlint jun., als sie in Biberau den von ihr begehrten Dietwin jun. nach langer Absenz wieder sieht, in ihrer âErregungâ Zuflucht zu eben diesem phallischen Familiensymbol. Unter bewusster Ausklammerung jeglicher Introspektion beschreibt der Text ihr genaues Mustern dieser Eiche mit den Worten:
Dann kam sie auf einen ganz freien Rasenplaz, welcher sich links zu einem sanften Hange erhob. In der Mitte der Dachung dieses Hanges stand ein einziger Baum, der als gewaltiges Gebilde die geneigte Fläche beherrschte. Der Baum war eine Eiche. Auf diese Eiche ging Gerlint zu. Als sie sich ihr näherte, sah sie Dietwin, den jüngeren, von der Eiche weg, gegen den Rand des Hanges gehen. Sie blieb ein Weilchen stehen. Dann ging sie wieder weiter gegen die Eiche. In einer angemessenen Entfernung von derselben blieb sie stehen, legte ihre Arme vor der Brust über einander, und betrachtete den Baum. Sein Schaft ging schlank empor, und man hätte dessen Mächtigkeit nicht erkannt, wenn nicht von ihm die untersten Ãste in der Dike zweier Männer in die Breite gegangen wären. Und von ihnen bis zum Wipfel empor waren die Ãste an Stärke abnehmend rings um die tragende Säule in gleichförmiger Gefälligkeit verbreitet. An ihren tausend Ausläufen war das strozige kraftvolle Laub. Gerlint sah lange auf die Gestalt dieses Baumes. Dann ging sie in einem Kreise um ihn herum, und betrachtete ihn von allen Seiten. Als sie ihre Betrachtung geendigt hatte, ging sie langsam gegen den Rand der Höhe hinan. (Ebd.)
Verschränkt werden in diesem Bild mehrere Sinnebenen: Die dicke, groÃe Eiche ist auf einer basalen Ebene Symbol des fortdauernden, robusten, urdeutschen Kriegergeschlechts von der Weiden. Sie ist, wie Beschel bemerkt, ein âSymbol für den genealogischen Stammbaum, bei dem die Generationen in einem Stamm- und Zweigsystem angeordnet sind.â137 Gleichzeitig â und dies übersieht Beschel ebenso wie das Gros der sonstigen Forschungsbeiträge138 â weist dieser Baum aber auch allgemein auf die Sexualität hin. Die phallische Eiche wird unter dem genauen, sensuellen Blick Gerlints, die in ihrer Erregung die Arme vor der Brust verschränkt, wörtlich zu einem Dingsymbol für die Lust auf den Geschlechtsakt. Es ist symbolisch vielsagend, dass der âSchaftâ dieser Familien-Eiche(l) zwar schlank empor geht, aber doch eine âMächtigkeitâ besitzt, die der âDike zweier Männerâ entspricht und die ganze umliegende Fläche âbeherrschtâ. Wieder ist die Verdoppelung entscheidend: Denn in der Geschichte lieben ja letztlich zwei Gerlints zwei austauschbare, vollkommen gleiche Männer â zwei Dietwins.139 Wenn die Tante auÃerdem in der ersten Fassung den Wunsch äuÃert, das Geschlecht derer von der Weiden solle âblühenâ (HKG 3/2, 256), so wird nochmals die subtil-anrüchige Doppeldeutigkeit von Stifters Pflanzenmetaphorik ersichtlich. Denn alle Dietwins und Gerlints lieben âihrâ Geschlecht â und alle wollen sie sich damit fortpflanzen.
Die Sexualmetaphorik kulminiert schlieÃlich in Gerlints Geständnis, die Eiche sowie weitere Punkte des Gartens nur aufgesucht zu haben, weil sie sie an ihre gewalttätig-leidenschaftlichen kindlichen Spiele mit Dietwin erinnert hätten:
âDu hast an dem ersten Tage deines Hierseins die Pläze unserer Kindheit besucht,â sagte Dietwin.
âDu bist auch an diesen Pläzen gewesen,â sprach Gerlint.
âDu bist lange auf der Stelle gestanden, wo ââ sagte Dietwin.
âWo ich nach dir gestochen habe. Es war deine Macht über mich, Dietwin,â sprach Gerlint.
âIch bin auf die Mauer des Gartens eurer Erziehungsanstalt
geklettert,â sagte Dietwin.
âDu bist es gewesen?â rief Gerlint.
âIch,â antwortete Dietwin, âkein Mann sollte seine Gedanken zu Gerlint von der Weiden erheben.â
âAls Dietwin von der Weiden,â sagte Gerlint.
âUnd nun sind unsere Gedanken ein Gedanke,â sprach Dietwin.
âSie sind ein Gedanke,â sagte Gerlint.
âUnd Alles muà rasch ins Werk gesezt werden,â sprach Dietwin.
âWie es dein Wille ist, Dietwin,â entgegnete Gerlint. (HKG 3/2, 339)
Ãber die bildliche Verschränkung von Eiche(l) und Dietwin wird die phallische âMachtâ geradezu plastisch, die Dietwin über Gerlint ausübt. Und allgemeiner noch: die Macht, die das âGeschlechtâ derer von der Weiden und der damit verknüpfte Stammbaum über beide Sprösslinge besitzt. Zu erkennen ist in diesem Dialog auÃerdem nochmals die bereits erwähnte Kopplung von Gewalt und sexuellem Begehren in diesem Weiden-Geschlecht, die zusätzlich über Dietwins Erstürmung von Gerlints Zuchthaus-âMauernâ vergegenwärtigt wird. Nicht zufällig hatte Gerlint in einer früheren Diskussion die Mädchenanstalt als eine âFestungâ beschrieben, die dazu diene, sich als âKriegerâ (ebd., 254) gegen Angriffe von auÃen zu verteidigen. Eine ähnlich kriegerische Attitüde legte auch Gerlint sen. an den Tag, als sie ihrer Ziehtochter erklärte, man müsse wohl die âweibliche[n] Waffenâ (ebd., 264) einsetzen, um die Widersacher bzw. Verehrer, die sich auf Biberau einfänden, abzuwehren. Mit der endgültigen Erstürmung von Gerlints Mauern erweist sich Dietwin aber als âwürdigerâ Sieger dieser Liebesschlacht.140 Die gewalttätige Markierung, âVerteidigungâ und Sicherung seines âBesitzesâ141 hatte der Text bereits zuvor angedeutet, als Dietwin jun. einen potentiellen Nebenbuhler um Gerlints Liebe kurzerhand mit Gewalt zum Verstummen brachte:
Gegen den Herbst ereignete es sich, daà der Sohn des Herren vom SchloÃe Wengern an seinem rechten Arme verwundet wurde. Er lag eine Zeit im Bette, und trug den Arm dann in der Schlinge. Es hieÃ, daà er sich mit seinem eigenen Gewehre, als er in dem Walde ging, verwundet habe. Allein es schlich auch ein Gerücht, er habe sich mit Dietwin geschlagen. Den Grund konnte niemand auch nur vermuthungsweise angeben. Als dieses auch der Oheim erfuhr, sprach er mit Dietwin darüber. Dietwin aber antwortete: âDarüber, was ich von dieser Geschichte weiÃ, lieber Oheim, habe ich zu schweigen versprochen.â (HKG 3/2, 307, 309)
Fortwährend also brodelt unter der Oberfläche dieses vordergründig drögen, ritualisierten Sprechens und Interagierens ein Exzess der Leidenschaft, der sich im Text über wohldosierte, bewusst âkleingeredeteâ oder gar verschwiegene Schübe der Gewalt manifestiert.142 Die Sprache als Mittel des Verschweigens, des Durch-die-Blume-Kommunizierens wird zur zentralen Waffe in diesem Krieg der âRosenâ â und zwar für die Figuren ebenso wie Stifter selbst.143
8.3.8 Abschluss: Reinigung des Inzests
âSo schlieÃen wir die Verhandlung über diesen Gegenstand,â sprach die Tante.
âSo schlieÃen wir sie,â erwiederte der Oheim, âda ja doch nichts zu verhandeln ist.â
Sie schloÃen, weil wirklich nichts da war, das verhandelt werden konnte. (HKG 3/2, 301)
Mitten in der Phase gröÃter Rosen- und Pferde-(Un-)Zucht angesiedelt, stellt dieser Dialog zwischen den beiden Geschwistern noch einmal in nuce das hintersinnig-inzestuöse Versteckspiel vor Augen, das Stifters Text betreibt â und welches hier abschlieÃend etwas genauer zusammengefasst und pointiert werden soll.
In der dreifachen Betonung (oder besser: Beschwörung), dass ja nichts zu besprechen sei, zeigt sich nicht nur selbstironisch Stifters zu endlosen Wiederholungen neigende Spätprosa, sondern es wird geradezu ostentativ ausgestellt, dass da eben doch etwas zu besprechen wäre, jedoch (bewusst) verschwiegen wird. All die Plattitüden, all die Ritualisierungen dienen â wie gezeigt â dazu, eine Ordnung zu wahren bzw. allererst herzustellen, die de facto nicht besteht. Es sind Abwehrhandlungen gegen die stetig präsente Angst vor der eigenen Leidenschaft. Koschorke/Ammer weisen in diesem Zusammenhang zu Recht darauf hin, dass Stifter hier letztlich auch ein (bzw. das) Problem seiner letzten Lebensjahre versprachlicht: Die fortwährenden Wiederholungs- und Ritualisierungsstrukturen sowie die damit verbundene Handlungsarmut seiner Texte stellen für Stifter Möglichkeiten dar, gegen die eigenen Zwangsgedanken und depressiven Verstimmungen, â[g]egen die immerfort drohende Revolte der Denkmöglichkeitenâ ein âBollwerk des schweigenden Schreibensâ zu errichten.144 Nicht umsonst tilgt Stifter in den zwei späten Mappe-Fassungen, an welchen er ab 1864 schreibt, auch sukzessive den Suizidversuch seines Protagonisten Augustinus. Dem stürmischen, unglücklichen eigenen Leben wird mit einer geordneten Welt der Buchstaben begegnet. Oder besser: zu begegnen versucht. Denn es lässt sich beobachten, dass Stifter noch die Sprache in ihrer Mehrdeutigkeit zu zähmen, ihr das anarchische Moment zu nehmen strebt â und seine Texte dazu in immer statischere Formen zwängt.145 Die (vermeintlich) monotonen Texte lassen sich insofern durchaus als Ausdruck eines âSchweigetrainingsâ lesen, âdas aus der Angst des Autors vor seinem eigenen Material, vor der Revolte der Sprache hervorgeht.â146 In jedem Fall symbolisieren sie Stifters Dilemma, sprechend in die Sprachlosigkeit abzugleiten.
So richtig und wichtig diese Bemerkungen sind, würde ich den Frommen Spruch â selbst wenn man ihn biografisch unterfüttert â dennoch nicht einfach als Produkt und Resultat einer pathologischen Angst lesen, sondern auch als Versuch, eine ironische Annäherung an die eigene Sprachlosigkeit sowie das Programm der Leidenschaftsunterdrückung zu erproben. In der Sprachlosigkeit der Protagonisten nämlich liegt neben der Tragik auch eine von Stifter â gerade im obigen Dialog â bewusst ausgeschöpfte Komik.147 Zu dieser humoristischen Schlagseite des Texts gehört auch Stifters Verwendung eines Verwechslungsszenarios, wie man es aus der Schwank- und Komödienliteratur kennt. Ein Ansatz, dessen humoristisches Potential man besonders am zu Beginn dieses Kapitels zitierten âVerschwiegenheitsâ-Dialog zwischen Onkel und Tante studieren kann, der den âverspäteten Johannistrieb[ ]â der beiden âgeäfft[en]â148 Zieheltern ebenso offenlegt wie ihr verschwiegen-verlogenes Sprechen. Humor fungiert im Frommen Spruch â wie auch in anderen Alterserzählungen wie Nachkommenschaften und Der Kuà von Sentze â als âWaffeâ gegen die existentielle Bedrohung, gegen die Angst vor der eigenen Leidenschaft. Biografisch gewendet, würde ich den Text insofern als das Experiment eines verzweifelten Autors verstehen, den eigenen Dämonen ins Gesicht zu lachen.149 Vor dem Hintergrund dieser Deutung hat Stifter also nicht einfach Angst vor seinem Material. Auch erzeugen die fortwährenden Wiederholungen nicht einen Text, der âzu völliger Bedeutungslosigkeitâ150 neigt. Vielmehr gewinnt der Text gerade dadurch Sinn, dass er die Verschweigenstechniken seiner Protagonisten entlarvt. Gezeigt wird der dysfunktionale sprachliche Umgang einer adeligen Familie mit den eigenen Gefühlen â und zwar in humoristischer Zuspitzung.151
Das âMerkwürdigeâ, âSonderbareâ dieses Texts jedoch, hier würde ich Koschorke/Ammer wiederum Recht geben, ist die Tatsache, dass darin nicht einfach nur Inzest (indirekt) thematisiert, sondern â sowohl auf einer inhaltlichen wie formalen Ebene â aktiv betrieben wird. Denn Stifter spiegelt Form und Inhalt: Wie Gerlint sen. und Dietwin sen. über ihre Erziehung Kopien ihrer selbst erschaffen, so erschaffen die fortlaufenden Wiederholungen Kopien von Worten und Sätzen â sie erzeugen identische Wortstämme.152 Doch Stifter geht weiter: In gewissem Sinne blenden die vielen Wiederholungen, die scheinbar harmlosen Ritualisierungen die Leser:innen systematisch. Durch sie nämlich lenkt der Text den Blick dezidiert auf seine sprachliche Oberfläche, seine âGemachtheitâ, womit er indirekt eine Verschleierung, eine âTarnungâ der den Riten und Sprachfloskeln inhärenten (und problematischen) Leidenschaften bewirkt. Zugespitzter: Die seltsame Form des Texts wirkt sich deeskalierend, reinigend auf den eigentlich âunerhörtenâ Inzest-Inhalt aus.
Diese âReinigungâ des Inzests lässt sich â wie gezeigt â formal belegen, man kann sie aber auch inhaltlich nachzeichnen. Dass beispielsweise die Geschwister an der âReinigungâ bzw. Akzeptanz ihres Inzestwunschs arbeiten, zeigt alleine die Tatsache, dass Gerlint sen. nach ihrer Ehe mit Erwin âden Tugendbund gefallener Mädchenâ (HKG 3/2, 211) stiftet. Vordergründig geht es Gerlint, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Stadium der âEinbildungenâ (ebd., 213) befindet, um âWeltverbesserungâ153; in ähnlicher Weise entwirft ja auch Dietwin einen groÃen (freilich nie realisierten) Plan zur Beseitigung der âStaatsschuldenâ (HKG 3/2, 209). Subtil wird mit Gerlints Tugendbundstiftung aber auch nahegelegt, Gerlint selbst sei nach der Ehe mit Erwin ein gefallenes Mädchen. Insofern erscheint die Stiftung als reuevolle, verspätete Entschuldigung bei der Familie â oder genauer: bei Dietwin sen. In der Logik derer von der Weiden (spezifischer: in der Logik von Gerlint und Dietwin) nämlich besteht der eigentliche âSündenfallâ des Meschen in der Mischung mit dem Anderen, Fremden. Inzest wird â jedenfalls hinter vorgehaltener Hand â zum Ideal.
Es sind aber nicht nur die Figuren, welche aktiv daran partizipieren, den Inzest zu verschleiern bzw. zu âreinigenâ; es ist auch, wie besonders das obige âAbschlussâ-Zitat zeigt, die Erzählinstanz selbst.154 Sie stimmt in den Verdrängungsritus der Geschwister ein, betont, dass es nichts zu besprechen gebe â wohl wissend, dass zwischen den Geschwistern eigentlich reichlich (inzestuöser) Gesprächsstoff bestünde. Mit Blick auf die âunreineâ Aktivität der Fortpflanzung erscheint der Inzest in der Erzählung implizit als das â unter den gegebenen Umständen â geringste Ãbel. Frei nach dem Motto: wenn schon Fortpflanzung, dann in der reinsten Form, also Gleiches mit Gleichem. Vor der Artikulation dieser Konsequenz, dieses wohl gröÃten Skandalons schrecken die Protagonisten und der Erzähler freilich zurück â oder besser: vor dieser unfrommen Konsequenz bewahrt sie dann doch der âalte[ ] fromme[ ] Spruchâ (HKG 3/2, 199). Im Moment der gröÃten Gefahr nämlich, als die Geschwister eine gemeinsame (vereinigende) Reise planen, bricht â um es in den Worten der Brigitta-Erzählung zu sagen â durch den damit verbundenen (potentiellen) âscharfen Schnittâ (HKG 1/5, 475) zwischen Gerlint jun. und Dietwin jun. ihre eigentliche Zuneigung offen hervor. Auf diese Weise wird in letzter Sekunde doch noch eine âGrenzeâ (HKG 3/2, 307) gezogen, welche dem exzessiven Rosenwuchs auf dem Territorium der von der Weidens ein Ende setzt. Stifter selbst bemerkt dazu in einem Brief an Leo Tepe: â[D]urch Fügungen der Natur und der Sittlichkeit kömmt dieser Spruch in der Erzählung zu Ehren, nachdem es geschienen hatte, er werde in widersinniger Weise erfüllt werden.â (PRA 22, 113)155
Aufgeschoben ist jedoch nicht aufgehoben.156 Beschrieben und ermöglicht nämlich wird über die Heirat von Cousin und Cousine weiterhin die âwidersinnige[ ]â von der Weidâsche Hoffnung auf einen ewigen Fortbestand dieses einen Dietwin-Gerlint-Stamms: eine heiter-inzestuöse Blumen-Kette, deren âGliederâ idealerweise differenzlos werden,157 die immer dasselbe produzieren â und deren identitäres Treiben nicht nur durch einen göttlichen, sondern (zumindest für Ehen zweiten Grades) auch einen juristischen Spruch abgesichert ist. Bezeichnenderweise ist es im Text ausgerechnet der âAdamâ, also Mensch, geheiÃene Diener, der âdie Schrift zur Behebung des Verwandtschaftshindernissesâ â und damit: zur Erneuerung bzw. Wiedergeburt dieses neuen von der Weidâschen Menschen-Geschlechts â âin der zierlichsten Art, wie solche Schriftstüke verfaÃt werden, ein[reicht].â (HKG 3/2, 357)158 Zierlich windet sich auch Stifters Text um die suggerierte Reinigung des Inzests â und um die damit einhergehenden gewalttätig-sexuellen (Ver-)Führungsenergien.
8.3.9 Postskriptum: Stifter und der Inzest â ein problematisches Verhältnis
Letztlich âführtâ Stifter im Frommen Spruch seine âwidersinnigeâ inzestuöse Wiederholungs- und Reinheitsobsession sowohl in formaler wie inhaltlicher Hinsicht gefährlich nahe an die Grenze des Zumutbaren. Ein Befund, der für Stifters Spätwerk insgesamt gilt. Gerade Stifters Inzestfaible nämlich beschränkt sich nicht auf die hier behandelten Erzählungen Der fromme Spruch und Der Kuà von Sentze, es ist auch in den Nachkommenschaften (1864) und im vordergründig harmlosen Waldbrunnen (1866) präsent. Dazu abschlieÃend ein paar Anmerkungen.
In den Nachkommenschaften, die das familiäre Verdoppelungs- bzw. Fortpflanzungsmotiv bereits im Titel tragen, geht es um einen jungen Künstler namens Friedrich Roderer. Dieser produziert und verbrennt einerseits fortwährend dasselbe Bild (er malt ein ums andere Mal dieselbe Moorlandschaft), andererseits vereinigt er sich zum Schluss wörtlich mit seiner Familie, indem er die Tochter seines Mentors, der ebenfalls Roderer heiÃt, zur Frau nimmt. Diese âFamilien-Vereinigungâ betont die Erzählung im Schlusstableau geradezu überdeutlich:
Als wir bei dem Mahle sassen, stand Peter Roderer, mein Schwiegervater mit dem Rheinweinglase auf und sprach: âDer hier anwesende Friedrich Roderer, der jüngste dieses Namens, hat in der letzten Zeit gezeigt, daà er ein ganzer Roderer ist. Meine Tochter Susanna hat auch nicht ermangelt, sich als Rodererin darzuthun; heute haben wir beide ehelich zusammengefügt, es muà also von ihnen noch Rodererischeres kommen, als von anderen Roderern, möge es so groà sein, wie nie ein Roderer etwas zuwegen gebracht hat, und möge es mir erlaubt sein, ihr Wohl auf grenzenlose Zeit hinaus auszubringen.â
âDas Doppelrodererwohl auf grenzenlose Zeit!â riefen mehrere Gäste; alle aber standen auf und stieÃen an. (HKG 3/2, 93)
Während hier der inzestuöse Bund im Kompositum des âDoppelrodererwohlsâ ebenso humorvoll wie spielerisch ausfällt, ist das dem Waldbrunnen inhärente Inzestszenario deutlich problematischer. Erzählt wird darin die Beziehung zwischen einem alten Mann, Stefan Heilkun, und dem âwildenâ Mädchen Jana (Johanna). Da die Geschichte vordergründig eine dank Heilkuns pädagogischen Bemühungen ermöglichte Eingliederung des Mädchens in die Gesellschaft beschreibt (ein Prozess, der für das Mädchen allerdings mit dem Verlust seiner poetischen Ader verbunden ist), kann man sie durchaus als ins Positive (oder vorsichtiger: Positivere) gewendete Invariante von Kazensilber lesen.159 Suggeriert jedoch wird im Waldbrunnen auch, dass der alte Mann seine eigene (geschlechtliche) Liebe für das Mädchen â wie die Geschwister im Frommen Spruch â auf eine jüngere Generation sublimiert, indem er Jana mit seinem Enkel verheiratet. Auf diesen Zusammenhang hat bereits Geulen luzide verwiesen:
Wie die inzestuöse Liebe Dietweins [sic!] zu seiner Schwester Gerlint im âFrommen Spruchâ durch die Heirat von Nichte und Neffen (gleichen Namens) realisiert wird, so verwirklicht sich die Liebe zwischen dem alten Mann und dem Kind im âWaldbrunnenâ in der Enkelgeneration (weil sie in der groÃelterlichen Generation nicht mehr realisiert werden kann und zwischen Stefan und Juliana ebenfalls unmöglich ist).160
Und:
Erst nach dem Tod der GroÃmutter entschlieÃt sich das Kind, dem Angebot des alten Mannes Folge zu leisten und mit ihm fortzugehen. Sie heiratet den Enkel, zu dem sie eine Neigung gefaÃt hat, die in der Erzählung jedoch recht unmotiviert bleibt, da Juliana ganz offensichtlich den alten Mann liebt.161
Ihre ganze Problematik entfaltet diese Konstellation aber erst, wenn man sie zusätzlich vor Stifters Biografie situiert. Es kann als gesichert gelten, dass Stifter mit der Jana-Figur seiner eigenen Ziehtochter Juliane ein literarisches Denkmal setzen wollte, die sich 1859 das Leben nahm.162 Dass Stifter die Beziehung zwischen dem jungen âNaturâ-Mädchen Jana und dem alten Mann nun ausgerechnet als eine verkappte Liebesgeschichte inszeniert, gibt seiner Fixierung auf inzestuöse Szenarien in seinen literarischen Texten einen schalen, um nicht zu sagen: verstörenden Beigeschmack.163
Im Lichte der hier präsentierten Ergebnisse erscheint es auf jeden Fall gewagt, ja ironisch, dass Stifter den Frommen Spruch nicht nur als eine seiner âedelsten und lebensvollstenâ (PRA 22, 116) Erzählungen pries, sondern sie ausgerechnet in einer Zeitschrift veröffentlichen wollte, die den Titel Katholische Welt trägt. Mehr noch: Stifter inszenierte sich und seine Erzählung gegenüber Tepe als zu der Sittlichkeit dieser Zeitschrift passend:
Im Angesichte so vieler schlechten [sic!] Zeitschriften, die Geschmak und Sitte verderben, und denen oft eine miÃgeleitete Menge nachläuft, ist ein edles Unternehmen dieser Art, das das Würdevolle bringt, und die Menschen zu erheben sucht, von jedem rechten Manne zu ehren und zu unterstüzen. Und weil ich von jeher ein Feind der schlechten Zeitschriften bin, und gerne jedes Höhere fördern möchte, so halte ich es für Pflicht, von meiner Seite die âkatholische Weltâ zu unterstützen. (PRA 22, 115)
Sicherlich ging es dem chronisch verschuldeten Autor hier primär darum, sich bei seinem Geldgeber Tepe einzuschmeicheln. Doch die selbstbewusste Betonung der Sittlichkeit seiner Erzählung zeigt auch, wie sicher er war, dass er deren anstöÃigen Gehalt ausreichend verschleiert resp. gereinigt hatte; ein Befund, der sich durchaus als richtig erwies, nahm Tepe in seinem sich auf die Gutachten von Adolf Ebeling und Wilhelm Lindemann stützenden Ablehnungsbrief von Stifters Text doch nicht primär Anstoà am erzählten Inhalt, sondern an der Form des Erzählens:
Nur kurz die Gründe: âDie Erzählung ist unnatürlich; solche steife Personen gibt es nicht, ihre Reden sind alle wie auf Schrauben gestellt; die alltäglichen Dinge sind in endloser Breitspurigkeit vorgeführt; die Handlung ist fast null; der Stil ist gezwungen und voll Wiederholungen; man glaubt kaum, daà es dem Verfasser ernst ist, und man ist manchmal geneigt, das Ganze für eine Karikatur der aristokratischen Familien zu halten.â (PRA 24, 144)164
Für Stifters textliche âReinigungsarbeitâ ist auch der Umstand bezeichnend, dass die Kritiker den Schluss des Texts (angeblich) gar nie erreicht hatten: âMan wollte den Schluà nicht einmal lesen, man fand das Ganze zu langweilig.â (Ebd.) Noch einmal zeigt sich hier die vielleicht bemerkenswerteste Pointe von Stifters Text: ein hocherotisches, tabuisiertes Szenario zu erzählen, es aber in eine Form zu drängen, die (oberflächlich) steriler und langweiliger nicht sein könnte. Letztlich wird die Erzählung selbst zu einem Spruch, der zwar fromm spricht, dessen Inhalt aber alles andere als fromm ist.
Schacherreiter, Ulrike: ââOrdnungen der Liebeâ. Kind sein in den Erzählungen âGranitâ und âBergkristallââ. In: Herwig Gottwald, Christian Schacherreiter, Werner Wintersteiner (Hg.): Adalbert Stifter. Innsbruck: Studien-Verlag 2005, S. 73â81, hier S. 74.
Ebd.
Ebd., S. 75.
Es lassen sich in der Forschung immer wieder ungenaue Lektüren beobachten, die davon sprechen, der Junge hätte âschwarzeâ Pechfüsse. Vgl. z. B. Nagel, die von âFüÃen schwarz von Pechâ spricht. Nagel, Barbara Natalie: âAmbige Aggression. Häusliche Gewalt im Realismusâ. In: Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ãsthetik und Kulturwissenschaften 61 (2015), H. 2, S. 181â201, hier S. 183. Eine solche Lektüre übersieht den ästhetisch-verführerischen Aspekt der honigfarbenen Pechflüssigkeit (das Goldige).
Die latent erotische Dimension dieser Szene (ein älterer Mann, der das Interesse des Kindes mit etwas Glänzendem gewinnt und eine klebrige Flüssigkeit auf dessen FüÃe streicht) ist zwar subtil, darf jedoch keinesfalls übersehen werden.
Auf die Nähe zum Sündenfall-Topos weist auch hin: Simon, Ralf: âEine strukturale Lektüre von Stifters âGranitââ. In: JASILO 3 (1996), S. 29â36, hier S. 32f.
Zur Forschungsliteratur: Granit gehört zu Stifters meistinterpretierten Texten. Einen ersten Ãberblick liefern: Mayer: Adalbert Stifter, S. 118â124. Begemann, Christian: âGranitâ. In: SH, S. 75â80. Thematisch lassen sich die bisherigen Studien grob unterteilen in Beiträge, die sich 1.) den Motiven Krankheit und Verunreinigung, 2.) der (pädagogischen) Rolle des groÃväterlichen Spaziergangs und (oftmals damit zusammenhängend) dem Aspekt des Erinnerns, 3.) der sprachlichen und symbolischen Ordnung und Verfasstheit der (Text-)Landschaft sowie der damit verbundenen sinnlichen Wahrnehmung der Umgebung, 4.) der Rolle von Ritualität, Tradition und Geschichte, 5.) Vergleichen zwischen der JF und BF, 6.) politischen Gesichtspunkten sowie 7.) Formen der Gewalt widmen. Zu 1.) vgl. v. a.: Strowick, Elisabeth: âStifters âPoetik des Unreinenâ. Gattungszitation in âGranitâ und âAus dem Bairischen Waldeââ. In: Sigrid Nieberle, Elisabeth Strowick (Hg.): Narration und Geschlecht. Köln [etc.]: Böhlau 2006, S. 73â92; Prutti, Brigitte: âZwischen Ansteckung und Auslöschung. Zur Seuchenerzählung bei Stifter, âDie Pechbrennerâ versus âGranitââ. In: Oxford German Studies 37 (2008), H. 1, S. 49â73; Schmitt, Christian: âKontakt, Infektion, Weitergabe. Die immunitäre Logik der Gemeinschaft in Adalbert Stifters âGranitââ. In: Margot Brink, Sylvia Pritsch (Hg.): Gemeinschaft in der Literatur. Zur Aktualität poetisch-politischer Interventionen. Würzburg: Königshausen & Neumann 2013, S. 77â90; Begemann, Christian: âKatastrophenimpfung und Gedächtnisraum. Zu Stifters âGranitââ. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 40 (2015), H. 2, S. 390â419. Zu 2.): Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell. Studien zu Jean-Jacques Rousseau, Adalbert Stifter, Robert Walser und Thomas Bernhard. Tübingen, Basel: Francke 1999, S. 119â164; Geulen: âStifter-Gängeâ; Twellmann, Marcus: âBleibende Stelle. Zu Stifters âGranitââ. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 126 (2007), H. 2, S. 226â243; Zimmermann, Christian von: ââAber komme, reiche mir die Hand, ich werde dich führen â¦â Enkel-Erziehung in Adalbert Stifters âGranitâ (1853)â. In: Zeitschrift für Germanistik 18 (2008), H. 3, S. 558â574. Zu 3.): Bender, Wolfgang: âAdalbert Stifters Erzählung âGranitâ. Strukturen und Symboleâ. In: John F. Fetzer, Roland Hoermann, Winder McConnell (Hg.): In Search of the Poetic Real. Essays in Honor of Clifford Albrecht Bernd on the Occasion of his Sixtieth Birthday. Stuttgart: Heinz 1989, S. 33â44; Koschorke, Albrecht: âDas buchstabierte Panorama. Zu einer Passage in Stifters Erzählung âGranitââ. In: VASILO 38 (1989), H. 1, S. 3â13; Simon: âEine strukturale Lektüre von Stifters âGranitââ; Meurer, Thomas: âStein-Strukturen. Zur Ãsthetik der literarischen Komposition in Adalbert Stifters Erzählung âGranitââ. In: Peter Hesselmann, Hans-Joachim Jakob (Hg.): âDas Schöne soll seinâ. âAisthesisâ in der deutschen Literatur. Festschrift für Wolfgang F. Bender. Bielefeld: Aisthesis 2001, S. 353â380; Kniesche, Thomas W.: âEin Kind wird programmiert. Stifters âGranitââ. In: Thomas W. Kniesche, Laurence Rickels (Hg.): Die Kindheit überleben. Festschrift zu Ehren von Ursula Mahlendorf. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004, S. 66â75; Schöáºler: âWilde Semiotik und das Testamentarische der Schriftâ; Densky, Doreen: âPre-positioning the Narrator. Circumspection, Speaking-For, and Foreknowledge in Adalbert Stifterâs âGranitââ. In: Journal of Austrian Studies 49 (2016), H. 3, S. 17â42; Hamilton, Andrew B.B.: âStifterâs âGranitâ and the Art of Seeingâ. In: Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kultur 109 (2017), H. 3, S. 391â403. Zu 4.): Bolterauer: Ritual und Ritualität bei Adalbert Stifter, S. 197â228; Maurer, Kathrin: âAdalbert Stifterâs Poetics of Collecting. Representing the Past against the Grand Narrative of Academic Historicismâ. In: Modern Austrian Literature 40 (2007), H. 1, S. 1â17. Zu 5.): Cimaz, Pierre: âUnheil und Ordnung in Stifters Erzählung âDie Pechbrennerâ, im Vergleich mit Gotthelfs âSchwarzer Spinneââ. In: Ãtudes germaniques 40 (1985), S. 374â386; Hettche, Walter: âFassungen des Autors und Materialien des Erzählers. Die Textzeugen zu Stifters âGranitâ und âBergmilchââ. In: Maria Luisa Roli (Hg.): Adalbert Stifter. Tra filologia e studi culturali. Atti del convegno di Milano 11 e 12 Novembre 1999. Mailand: CUEM 2001, S. 53â62; Lachinger, Johann: âAdalbert Stifter â âDie Pechbrennerâ und âGranitâ â Von der Gewalt zur Sanftheitâ. In: Johann Lachinger (Hg.): Adalbert Stifter 2000 â âGrenzüberschreitungenâ. Tschechisch-Ãsterreichisch-Deutsches Adalbert-Stifter-Symposion, Äeský Krumlov/Krumau 2000. Linz: Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich 2004, S. 53â60. Zu 6.): Ketelsen, Uwe-K.: âGeschichtliches BewuÃtsein als literarische Struktur. Zu Stifters Erzählung aus der Revolutionszeit âGranitâ (1848/52)â. In: Euphorion 64 (1970), S. 306â325; Pastor, Eckart: âDie Revolution von 1848 und zwei ihrer (Zwillings-)Kinder. Adalbert Stifters Novellen âDie Pechbrennerâ und âGranitââ. In: André Combes, Alain Cozic, Nadia Lapchine (Hg.): Tournants et (ré)écritures littéraires. Paris [etc.]: Harmattan 2010, S. 75â87. Zu 7.) schlieÃlich zwei neuere Beiträge von: Nagel: âAmbige Aggressionâ; Stocker, Florian: âGewalt im Wald. Figurationen des Banns bei Fouqué (âDer böse Geist im Waldeâ) und Stifter (âDie Pechbrennerâ)â. In: Athenäum 28 (2018), S. 33â71. Mein Fokus gilt, wie erwähnt, v. a. der groÃväterlichen Ehrfurcht-Pädagogik und ihren gewalt(tät)igen Wirkungen auf das Erzähler-Ich â Aspekte, die überraschenderweise auch in den sich mit der Gewalt auseinandersetzenden Beiträgen unterbelichtet bleiben bzw. wenig befriedigend ausfallen. Auf die Limitationen von Nagels Aufsatz werde ich im Folgenden eingehen; Stockers Gewalt-Beitrag wiederum befasst sich mit der JF, während bei mir die BF im Zentrum steht.
Nagel: âAmbige Aggressionâ, S. 185.
Dazu Nagel: âJe nachdem, für wie vertrauenswürdig man die Perspektive des Kindes erachtet, kann man das [â¦] Zitat entweder als Beschreibung lesen, wie eine Mutter brutal die FuÃsohlen ihres Sohnes mit Ruten auspeitscht oder â begegnet man der kindlichen Erzählsicht mit mehr Skepsis â als übertriebene Darstellung, wie eine Mutter die dreckigen FüÃe ihres Sohnes säubert.â Ebd., S. 182f.
Was als Gewalt empfunden wird, hängt nicht zuletzt maÃgeblich von der Wahrnehmung der Opferseite ab.
Bei Stifter werden oftmals Ereignisse, die im Gedächtnis haften bleiben, mit einem Vokabular der Gewalt beschrieben. Bereits im Julius heiÃt es paradigmatisch: âDer Inhalt dieses Manuscriptes mit seinem so eigenthümlichen, so anziehenden, präcisen, höchst einfachen, und doch so unnachahmlichen Stile, und Periodenbau, begleitet von den treffenden Bemerkungen des lebenserfahrenen Greises, grub sich mit solcher Gewalt in mein Gemüth, daà ich fortwährend die Bilder jenes Ortes, und jener Personen nicht los werden konnte.â (HKG 3/1, 12) In Turmalin gibt die Erzählerin, nachdem man ein jahrelang in ein Kellerverlieà eingesperrtes Mädchen befreit hat, über dessen Erinnerungen â wie bereits erwähnt â zu Protokoll: âAllein entweder hatte es alles Frühere vergessen, oder es hatten die unmittelbar zulezt vergangenen Dinge eine solche Gewalt über sein Gedächtnià ausgeübt, daà es sich an das, was vorher war, nicht mehr erinnerte.â (HKG 2/2, 173)
Trotz der Kürze des Texts besteht eine breite Forschungsliteratur zu Mein Leben, die sich wohl v. a. seiner Deutung als poetologischer Schlüsseltext für Stifters Oeuvre verdankt. Vgl. zur Ãbersicht und Einführung v. a. Berndt, Frauke: âMein Lebenâ. In: SH, S. 180â184; Mayer: Adalbert Stifter, S. 213â217. Einschlägig dann v. a.: Pfotenhauer, Helmut: ââEinfach ⦠wie ein Halmâ. Stifters komplizierte kleine Selbstbiographieâ. In: DVjs 64 (1990), H. 1, S. 134â148.
Zu dieser Deutung einschlägig: Begemann: Die Welt der Zeichen, S. 95â109; Schiffermüller: Buchstäblichkeit und Bildlichkeit bei Adalbert Stifter, S. 165â168. Begemann weist aber gleichzeitig auf die aporetische Struktur dieser Paradies-Szene hin: Bereits vor der Urszene der Trennung von Ich und Welt nimmt der Ich-Erzähler äuÃere und innere Elemente wahr, die er â der Logik der Trennungsszene folgend â noch gar nicht als Trennung wahrnehmen dürfte: âJa, bei genauerer Betrachtung [der Einheit, B.D.] zeigen sich in dieser Risse und Sprünge. In ihr herrscht nämlich nicht nur unüberbietbare Wonne, sondern auch ein immer wieder einbrechendes âEntsezliche[s] und Zugrunderichtende[s]â, das sich aus der tiefen Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Kleinkindes erklärt, dessen âStrebungenâ häufig ânichts erreichtenâ [â¦]. Das deutet, so sehr der Text auch auf dem Fehlen der Trennung von Innen und AuÃen insistiert, auf eine Differenz, auf eine immer schon eingetretene Separation von den sich verweigernden Dingen, die den Einheitscharakter des Anfangszustands durchkreuzt.â Begemann: Die Welt der Zeichen, S. 100f. Dieses Dilemma des Einheitsverlusts durch eine Subjekt-Objekt-Spaltung findet sich übrigens in bemerkenswerter Ãbereinstimmung auch in Hölderlins Hyperion verhandelt. Hölderlin kritisiert darin Fichtes Diktum eines Ichs, das sich selbst ins Verhältnis zur AuÃenwelt setzt. Das Wahrnehmen der AuÃenwelt ist für Hölderlin immer auch eine Trennung zwischen Ich und AuÃenwelt â und damit ein Verlust der ursprünglichen Einheit (in Hölderlins Terminologie: des Seyns). Jedes Urteil, das sich ein Subjekt über die Welt bildet (jedes Bewusst-Seyn), bedeutet immer auch eine Ur-Teilung; einen Verlust des Ursprünglichen, der Einheit. Sowohl Hölderlin wie Stifter betonen dabei das Leid, das mit dem Er-Leiden dieses Verlusts einhergeht, gleichzeitig aber notwendig ist, um sich selbst und die Welt überhaupt affektiv und kognitiv wahrnehmen zu können. Vgl. zu diesem Themenkomplex bei Fichte und Hölderlin grundlegend: Henrich, Dieter: Dies Ich, das viel besagt. Fichtes Einsicht nachdenken. Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann 2019. Weiterführend auÃerdem: Frank, Manfred (Hg.): Selbstbewusstseinstheorien von Fichte bis Sartre. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991; Frank, Manfred: âHölderlins philosophische Grundlagenâ. In: Valérie Lawitschka, Jürgen Wertheimer, Gerhard Kurz (Hg.): Hölderlin und die Moderne. Eine Bestandsaufnahme. Tübingen: Attempto 1995, S. 174â194.
Noch einmal ergeben sich bemerkenswerte Parallelen zwischen Granit und Mein Leben: Beide Male nämlich ist es eine GroÃeltern-Figur (in Granit der GroÃvater, in Mein Leben die GroÃmutter), welche die strafende Autorität der Mutter flankiert. Während jedoch die GroÃmutter in Mein Leben offen für die Strafe des Jungen plädiert, verfährt der GroÃvater, wie ich zeigen werde, subtiler. Ihm geht es nicht darum, den Jungen zu strafen. Er möchte den Jungen aber indirekt von der RechtmäÃigkeit der mütterlichen Strafe überzeugen. Zweimal also bekräftigen bzw. affirmieren die (vermeintlich sanften) GroÃelternfiguren die mütterliche Züchtigung.
Stifter verwendet das Motiv des Spaziergangs als (erzählerisches) Mittel der Welterfahrung und -erkenntnis geradezu inflationär. Kein Verb findet sich häufiger in Stifters Werken als gehen. Alleine in der Erzählung Granit taucht das Verb in den Flexionen gehen, gehe, geht, ging, gingen und ginge insgesamt 99-mal auf. Geulen hat die Bedeutung des Gehens bei Stifter auf die Formel gebracht: âTrauma und Trost seines Universums liegen beschlossen in dem fast stereotyp wiederkehrenden Satz: âUnd so ging es immer fort.ââ Geulen: âStifter-Gängeâ, S. 219. Gemeint ist damit die ebenso simple wie erschütternde Erkenntnis, dass letztlich alles â Gutes wie Schlimmes â ver-geht. Zum Spaziergang in Granit vgl. meine Verweise in der FN 7 in Kapitel 8 (S. 623f.) dieser Arbeit. AuÃerdem: Begemann: âGranitâ, S. 76â78. Zu Stifters Natur-Gängen ferner grundlegend: Preisendanz, Wolfgang: âDie Erzählfunktion der Naturdarstellung bei Stifterâ. In: Wirkendes Wort 16 (1966), S. 407â418.
Paradigmatisch folgende Passage: âIch hatte Gelegenheit, als wir weiter gingen, die Wahrheit dessen zu beobachten, was der GroÃvater gesagt hatte. Ich sah eine Menge der weiÃgelben Blümlein auf dem Boden, ich sah den grauen Rasen, ich sah auf manchem Stamme das Pech wie goldene Tropfen stehen, ich sah die unzähligen Nadelbüschel auf den unzähligen Zweigen gleichsam aus winzigen dunkeln Stiefelchen heraus ragen, und ich hörte [Hervorh., B.D.], obgleich kaum ein Lüftchen zu verspüren war, das ruhige Sausen in den Nadeln.â (HKG 2/2, 33)
Auf die gewalttätige Pädagogik, die in Granit angewandt wird, hat Ralf Simon ebenfalls hingewiesen: âStifters Text bietet ein Maximum an Androhung und einen an das Inhumane von Foltermethoden gemahnenden pädagogischen Rigorismus auf, um die Macht der symbolischen Ordnung zu instituieren.â Simon: âEine strukturale Lektüre von Stifters âGranitââ, S. 36. AuÃerdem Kniesche: âEin Kind wird programmiertâ.
Vgl. grundlegend Koschorke: âDas buchstabierte Panoramaâ.
Zur Ritualität bei Stifter im Allgemeinen vgl. v. a. Bolterauer: Ritual und Ritualität bei Adalbert Stifter.
Kleist/von: âDie Marquise von O. â¦â, S. 186.
Vgl. dazu Oswald, Marcel: Das dritte Auge. Zur gegenständlichen Gestaltung der Wahrnehmung in A. Stifters Wegerzählungen. Bern [etc.]: Peter Lang 1988, S. 88â95.
Zimmermann wirft hier vielen Forschungstexten eine ungenaue Lektüre vor. Dem GroÃvater gehe es gar nicht um die Tröstung des Kindes. Vielmehr sei das Kind zum Zeitpunkt des Spaziergangs bereits wieder vollständig getröstet: âIn der Tat sind die Wanderung durch die dem Knaben bereits vertraute Landschaft und die Erzählung der Ereignisse, die sich zur Pestzeit ereignet haben sollen, weder als Tröstung gedacht noch eigentlich als solche denkbar. Als der verstörte Knabe vom GroÃvater gefunden wird, ist allein die Präsenz des als gütig geschilderten Mannes, dem der Knabe grenzenlos vertraut, Trost für diesen. Das Erscheinen des GroÃvaters löst kathartische Tränen aus, denen die physische Reinigung der FüÃe durch den GroÃvater folgt. SchlieÃlich lacht der Knabe schon fast wieder.â Zimmermann/von: âAber komme, reiche mir die Hand, ich werde dich führen â¦â, S. 560. Das ist nur bedingt richtig; zwar hat sich der Junge tatsächlich bereits gröÃtenteils von seinem Schock erholt. Der Spaziergang hat jedoch auch klar die Funktion, das erschütterte Weltbild des Knaben wieder zu festigen. In diesem Sinne ist es sehr wohl trostspendend â wenn auch die Moral des GroÃvaters, wie noch zu zeigen ist, auf ein Sich-Fügen in die bestehende Ordnung hinausläuft.
Die Forschung hat sich auf verschiedenste Weise mit dem Themenkomplex des Erinnerns sowie den dargestellten Mnemotechniken auseinandergesetzt. Besonders zu nennen sind hier Albes: Der Spaziergang als Erzählmodell, S. 150â161; Geulen: âStifter-Gängeâ, S. 221f.; Twellmann: âBleibende Stelleâ, S. 227â229, 237â243; Begemann: âKatastrophenimpfung und Gedächtnisraumâ, S. 399â401; Begemann: âGranitâ, S. 77f.
Nicht zufällig weist der GroÃvater seinen Enkel während des Spaziergangs fortwährend auf die christlichen Symbole der Umgebung (besonders die Bedeutung der Kirchenglocken und das damit zusammenhängende Gebet) hin und prangert die Korruption der Menschen durch wirtschaftliche Interessen an, die ihnen den Weg zum christlichen Glauben versperre und zu mangelnder Ehrfurcht führe. Paradigmatisch folgender Dialog: ââSiehe,â sagte der GroÃvater, âist es schon vier Uhr, und schon Feierabendläuten; siehst du, Kind, diese Zunge sagt uns beinahe mit vernehmlichen Worten, wie gut und wie glüklich und wie befriedigt wieder alles in dieser Gegend ist.â Wir hatten uns bei diesen Worten umgekehrt, und schauten nach der Kirche zurük. Sie ragte mit ihrem dunkeln Ziegeldache und mit ihrem dunkeln Thurme, von dem die Töne kamen, empor, und die Häuser drängten sich wie eine graue Taubenschaar um sie. âWeil es Feierabend ist,â sagte der GroÃvater, âmüssen wir ein kurzes Gebeth thun.â Er nahm seinen Hut von dem Haupte, machte ein Kreuz, und bethete. Ich nahm auch mein Hütchen ab, und bethete ebenfalls. Als wir geendet, die Kreuze gemacht, und unsere Kopfbedekungen wieder aufgesezt hatten, sagte der GroÃvater: âEs ist ein schöner Gebrauch, daà am Samstage nachmittags mit der Gloke dieses Zeichen gegeben wird, daà nun der Vorabend des Festes des Herrn beginne, und daà alles strenge Irdische ruhen müsse, wie ich ja auch an Samstagen nachmittags keine ernste Arbeit vornehme, sondern höchstens einen Gang in benachbarte Dörfer mache. Der Gebrauch stammt von den Heiden her, die früher in den Gegenden waren, denen jeder Tag gleich war, und denen man, als sie zum Christenthume bekehrt waren, ein Zeichen geben muÃte, daà der Gottestag im Anbrechen sei. Einstens wurde dieses Zeichen sehr beachtet; denn wenn die Gloke klang, betheten die Menschen, und sezten ihre harte Arbeit zu Hause oder auf dem Felde aus. Deine GroÃmutter, als sie noch ein junges Mädchen war, kniete jederzeit bei dem Feierabendläuten nieder, und that ein kurzes Gebeth. Wenn ich damals an Samstag-Abenden, so wie ich jezt in andere Gegenden gehe, nach Glökelberg ging, denn deine GroÃmutter ist von dem vordern Glökelberg zu Hause, so kniete sie oft bei dem Klange des Dorfglökleins mit ihrem rothen Leibchen und schneeweiÃen Rökchen neben dem Gehege nieder, und die Blüthen des Geheges waren eben so weià und roth wie ihre Kleider.â âGroÃvater, sie bethet jezt auch noch immer, wenn Feierabend geläutet wird, in der Kammer neben dem blauen Schreine, der die rothen Blumen hat,â sagte ich. âJa, das thut sie,â erwiederte er, âaber die andern Leute beachten das Zeichen nicht, sie arbeiten fort auf dem Felde, und arbeiten fort in der Stube, wie ja auch die Schlage unsers Nachbars des Webers selbst an Samstagabenden forttönt, bis es Nacht wird, und die Sterne am Himmel stehen.â âJa, GroÃvater.ââ (HKG 2/2, 39f.)
Zimmermann/von: âAber komme, reiche mir die Hand, ich werde dich führen â¦â, S. 572.
Vgl. zu Zimmermanns Carus-Ausführungen v. a. ebd., S. 568â574. Der Bezug auf Carus ist zwar möglich, allerdings gibt es weder Hinweise noch Belege, dass Stifter diesen deutschen Gelehrten überhaupt gekannt hat.
Koschorke, Albrecht/ Ammer, Andreas: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angst. Zu Stifters letzter Erzählung âDer fromme Spruchââ. In: DVjs 61 (1987), S. 676â719, hier S. 708.
In der Forschung gibt es, wie gesagt, durchaus Studien, die Granit vor dem Hintergrund zeitgenössischer Seuchen-, Pest- und Ansteckungsdiskurse situieren. Vgl. hierzu meinen Forschungsüberblick in der FN 7 in Kapitel 8 (S. 623f.) dieser Arbeit. Die hier vorgeschlagene Verbindung zu Paracelsus wurde jedoch noch nicht gesehen.
Paracelsus, Theophrastus: âDe pestilitateâ. In: Will-Erich Peuckert (Hg.): Werke. Studienausgabe in fünf Bänden, Band 5: Pansophische, magische und gabalische Schriften. Basel, Stuttgart: Schwabe Verlag 1982, S. 176â261, hier S. 240. Vgl. zu dieser Passage sowie dem erwähnten Zusammenhang fundiert: Bähr, Andreas: âVom Nutzen der Paradoxie für die Kulturhistorie. Furchtlose Furcht in frühneuzeitlichen Selbstbeschreibungenâ. In: Franz X. Eder (Hg.): Historische Diskursanalysen. Genealogie, Theorie, Anwendungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006, S. 305â321, hier S. 305.
Ebd., S. 305.
Es war für Stifter zentral, die Pest-Binnenerzählung und ihre Moral aus dem Blickwinkel des GroÃvaters zu erzählen. Gegenüber Gustav Heckenast klagt er über die Schwierigkeit dieser Perspektivwahrung: âDie Sache im Charakter und in den Weltanschauungen des GroÃvaters zu halten, nicht über die Linie seines Gesichtskreises hinauszugehen, einfach naiv natürlich und doch tief und poetisch zu sein ist unendlich schwerer als moderne poetische Redensarten aneinander reihenâ (PRA 18a, 85).
Vgl. den Kommentar in: HKG 1/9, 217, 247.
Vgl. den Kommentar in: HKG 1/9, 255.
Bähr: âVom Nutzen der Paradoxie für die Kulturhistorie. Furchtlose Furcht in frühneuzeitlichen Selbstbeschrei-bungenâ, S. 305.
In konzentrierter Form findet sich dieser Gedankengang in einem späten Stifter-Brief an den Arzt Karl Essenwein, der vor dem Hintergrund von Stifters Cholera-Furcht entstand: âIch besuche Linz nur dann wieder, wenn es von dieser Seuche vollständig frei ist; denn meine Nerven sind noch so reizbar, daà ich eine lächerliche Furcht vor dieser Krankheit habe, wie einst (Sie erinnern sich wohl noch) vor der sibirischen Pest und vor der häutigen Bräune. Mit dieser leztgenannten Furcht hat meine Krankheit eigentlich begonnen. Iezt habe ich diese Furcht gar nicht mehr, sondern eine andere, die vor der Brechruhr.â (PRA 21, 313) Im Witiko heiÃt es auÃerdem sentenzenhaft: â[V]on dem Gemüte aus heilt man den Körper oft leichter als mit Salben und Mitteln.â (HKG 5/3, 59)
Simon vermutet, die Pest sei dennoch über die Luft zur Familie gelangt: âGeradezu zärtlich kommt die Pest in der milden Frühlingsluft und streicht über die weiÃen Blütenblätter [â¦], bis sie ihr Grauen entfaltet und die Toten sammelt. Auch bei der Pechbrennerfamilie im Wald ist ihr Erscheinen mit der milden Luft mit blühenden Pflanzen â Gerste, Hafer und Kartoffeln â verbunden und mit den weiÃen wie roten Blüten des Waldes: die Antiklimax dieser Aufzählung endet bei den Pesttoten.â Simon: âEine strukturale Lektüre von Stifters âGranitââ, S. 32. Was hier als Faktum behauptet wird, ist indes längst nicht so eindeutig. Die von Simon hergestellten Bezüge können gemacht werden, der Text lässt den Tathergang aber letztlich bewusst in der Schwebe. Der GroÃvater hält selbst fest: âMan weià nicht, wie sie [die Pest, B.D.] gekommen ist: haben sie die Menschen gebracht, ist sie in der milden Frühlingsluft gekommen, oder haben sie Winde und Regenwolken daher getragen: genug sie ist gekommen, und hat sich über alle Orte ausgebreitet, die um uns herum liegen.â (HKG 2/2, 37) Neben diesen unterschiedlichen naturwissenschaftlichen Explikationsmöglichkeiten liefert der GroÃvater auch noch ein dezidiert religiöses Erklärungsmodell: âDieser Pechbrenner [â¦] wollte sich in der Pest der allgemeinen Heimsuchung entziehen, die Gott über die Menschen verhängtâ habe (ebd., 46). Letzte Gewissheit über den (göttlichen) Gang der Natur gibt es also weder in Granit noch â allgemeiner â in Stifters erkenntnisskeptischer Prosa.
Bähr: âVom Nutzen der Paradoxie für die Kulturhistorie. Furchtlose Furcht in frühneuzeitlichen Selbstbeschreibungenâ.
Vgl. Staiger: Adalbert Stifter als Dichter der Ehrfurcht.
Vgl. Heinze, Eva-Maria: Schönheit des Alltäglichen. Zur Ethik des täglichen Umgangs bei Albert Schweitzer, Martin Buber und Adalbert Stifter. Freiburg i. Br.: Karl Alber 2016, S. 225â342.
Vgl. grundlegend: Müller, Joachim: âDas Furchtbare und groÃartig Erhabene. Adalbert Stifters Prosawerk âAus dem Bairischen Waldeââ. In: VASILO 29 (1980), S. 122â138; Irmscher: âPhänomen und Begriff des Erhabenen im Werk Adalbert Stiftersâ; Metz: ââEs ist ein seltsam, furchtbar erhabenes Ding, der Menschâ. Verdinglichung, absoluter Mehrwert und das perverse Erhabene in Adalbert Stifters proto-benjaminischen Stadtbildernâ; Häge: Dimensionen des Erhabenen bei Adalbert Stifter.
Gottwald, Herwig/ Bengesser, Silvia: ââDie Mappe meines UrgroÃvatersââ. In: SH (2017), S. 63â71, hier S. 68.
Staiger verwendet den Terminus Ehrfurcht beinahe durchgehend in einer religiösen Bedeutung. In seinem Essay postuliert Staiger, dass Stifter ein Dichter der Ehrfurcht gewesen sei, dem es in seinem Schaffen (fast) ausschlieÃlich um die Preisung Gottes ging. Da GröÃe und Schönheit Gottes und seiner Schöpfung unendlich seien, gehe es Stifter nicht darum, die Menschen in ihrer Psychologie abzubilden. Der Mensch sei unbedeutend klein neben der GröÃe Gottes. Entsprechend habe Stifter die GröÃe Gottes durch detaillierte, hymnische Naturschilderungen, durch idealisierte Welten und Figuren zeigen wollen. Stifter sei dabei nie ein Dichter gewesen, der die GröÃe der Schöpfung offensiv besungen habe. Er gleiche vielmehr einem Priester, der mit dem Rücken zur Gemeinde still und asketisch seinen Dienst verrichte. Vgl. Staiger: Adalbert Stifter als Dichter der Ehrfurcht. Es ist unschwer zu erkennen, dass Staiger bei der Preisung der sakralen Aura der Stifterâschen Texte selbst Gefahr läuft, dieser Aura zu erliegen. In jenem MaÃe, in welchem Staiger Stifter zu einem mystisch-religiösen Dichter der Ehrfurcht machen möchte, klingt auch in seinem Text die Ehrfurcht für Stifter selbst an. Ãhnlich problematisch ist Heinzes Stifter-Zugang: Sie postuliert, Stifters Formel der âEhrfurcht vor den Dingenâ (HKG 4/3, 145) kulminiere im Nachsommer letztlich im âzentralen Moment des Mitleids [Hervorh. i. O.]â. Es gehe Stifter um die âidealisierende Erhöhung des Alltäglichen im Nachsommer [Hervorh. i. O.]â. Heinze: Schönheit des Alltäglichen. Zur Ethik des täglichen Umgangs bei Albert Schweitzer, Martin Buber und Adalbert Stifter, S. 345. Betont wird bei Heinze die vorbildliche Ethik der âNachsommererâ, die auf Mitgefühl, Achtung sowie Sorgsamkeit beruhe und gegenüber noch den kleinsten Dingen Sorge trage. Heinzes Lektüre ist paradigmatisch für eine wohlwollende, Stifter teils verklärende Leseart. Nun ist eine solche Leseweise grundsätzlich legitim; Stifter selbst hat die Nachsommerwelt ja in mehreren Briefzeugnissen als eine überhöhte Kunstwelt, als ein Ideal idyllischen Zusammenlebens beschrieben. Jedoch wird man der Komplexität des Texts nicht gerecht, wenn man behauptet, der Roman erschöpfe sich in dieser Idylle. Vgl. zu den kritischeren Aspekten des Nachsommers u. a. meine Bemerkungen in der Einleitung dieser Arbeit.
Matz: Gewalt des Gewordenen, S. 9f.
Hein: Adalbert Stifter. Sein Leben und seine Werke, S. 511.
Ein Umstand, der u. a. bereits im zu dieser Arbeit gehörigen Unterkapitel 2.1 Teil 1: âDie SonnenfinsterniẠam 8. July 1842â dargelegt wurde.
Nicht nur spielt die Erzählung in Stifters Heimatdorf Oberplan und der unmittelbaren Umgebung. Zu den biografischen Parallelen gehört auch, dass der granitene Stein, auf welchem der Junge zu Beginn der Erzählung sitzt, sein Vorbild in einem Stein hat, der sich vor Stifters Elternhaus befand. AuÃerdem geht die GroÃvater-Figur in Teilen auf seinen eigenen GroÃvater Augustin zurück, von dem Stifter als Kind eine ähnliche Pestgeschichte erzählt bekommen hat. Dazu Stifter in einem Brief: âDer Stoff ist eine wirkliche Begebenheit aus der Zeit der lezten Pest im südlichen Böhmen, mein GroÃvater hat die Sache wiederholt in meiner Kindheit erzählt, und ich lasse sie in der Bearbeitung wieder von dem GroÃvater erzählen, gerade mit den Ausdrüken und Wendungen, die er immer gebrauchte.â (PRA 17, 278) Zu den biografischen Parallelen vgl. ferner den Kommentar in: HKG 2/4, 268, 277. AuÃerdem: Hein: Adalbert Stifter. Sein Leben und seine Werke, S. 12â14.
Auch wenn Stifter in seinen theoretischen Texten, wie in dieser Arbeit mehrfach dargestellt, auf das aufklärerisch-humanistische Ideal der sittlichen Menschenvervollkommnung gepocht und sich eine Welt der Vernunft erhofft hat, wo die Erkenntnis der Dinge die allgegenwärtige Furcht und Gewalt ablöst, bleibt doch stets der Zweifel erkennbar, dass ein solches Ideal jemals realisiert werden könnte. Noch ist der Mensch mit der ihn umgebenden Furcht und Gewalt konfrontiert â noch muss er Lösungen finden, mit ihnen umzugehen, sie in sein Leben zu integrieren. Insofern wird die aufgeworfene Frage bei Stifter modifiziert. Sie lautet nicht einfach, wie ist ein Leben ohne, sondern wie ist ein Leben mit Furcht und Gewalt möglich?
Was Bähr für die frühneuzeitliche Theologie festhält, ist letztlich auch auf die groÃväterliche Lehre in Granit anwendbar: âDer sündige Mensch sollte Gott fürchten und dessen Strafgewalt, jedoch nicht zu sehr. Wer Gottes Strafe allzu sehr fürchtete, bewies mangelndes Vertrauen in die Gnade des Richters gegenüber seiner strafwürdigen, furchtsamen Kreatur. So wie die, die Gott gar nicht fürchteten, fürchteten diese nicht Gott, sondern seinen teuflischen Gegenspieler. Wer auf Gottes Gnade nicht vertraute, sündigte nicht weniger als diejenigen, die sie gar nicht erst suchten. Wer Gott fürchtete, hatte den Teufel nicht zu fürchten und nicht die Versuchung seiner Sünde.â Bähr: âVom Nutzen der Paradoxie für die Kulturhistorie. Furchtlose Furcht in frühneuzeitlichen Selbstbeschreibungenâ, S. 306f.
Vgl. Begemann: âKatastrophenimpfung und Gedächtnisraumâ.
Mayer: Adalbert Stifter, S. 121.
Simon: âEine strukturale Lektüre von Stifters âGranitââ, S. 36. Analog Koschorke/Ammer: âDer Trost des GroÃvaters besteht genau besehen darin, pädagogische Gewalt durch Schicksalsgewalt erzählerisch zu spiegelnâ. Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 708.
In Heins Stifter-Biografie findet sich eine Episode aus Stifters Leben, die auffällige Parallelen zu dieser Vergebungsszene enthält: âAls Stifter einmal als Kind einen recht unartigen Streich begangen hatte, dessen Unrecht er aber nicht einzusehen vermochte, und er, von seinem Stiefvater abgestraft, weinend zu Bette gegangen war, trat seine Mutter, da sie ihn schlafend glaubte, leise herein; er öffnete in stillem Unmut die Augen nicht; sie aber trat an sein Bett und sah ihn an und machte ein Kreuz auf seine Stirne, dann schlich sie wieder hinaus, und ein süÃer Trost kam in sein armes, kleines Herz.â Hein: Adalbert Stifter. Sein Leben und seine Werke, S. 15. Da Hein keine Quelle ausweist, um die Episode zu verifizieren, ist bezüglich ihrer Authentizität Vorsicht geboten. Dafür spricht auch die Tatsache, dass Stifter zum Zeitpunkt, als sein Vater starb, bereits elf Jahre alt war. Seine Mutter verlobte sich offiziell erst mehrere Jahre später. Stifter war dann freilich kein âKindâ mehr, sondern bereits ein Jugendlicher. Dass ihn also sein Stiefvater als Kind maÃregelte, ist schwer möglich. Will man der Episode dennoch Glauben schenken, scheint es plausibler, dass Stifter eine Züchtigung durch den leiblichen Vater kurzerhand in die Schuhe des ungeliebten Stiefvaters schob. Unabhängig davon erachte ich die Variation der Geschichte als wichtig: In Granit ist die Mutter strafende und vergebende Instanz in einem; in der âbiografischenâ Episode hingegen ist für die Mutter nur die positiv-tröstende Funktion vorgesehen.
Wie âwirksamâ die Züchtigung der Mutter und (indirekt) des GroÃvaters für den Jungen ist, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass er zwar die Strafe, den damit verbundenen Verlust seines Ordnungsgefüges sowie die Pestgeschichte seines GroÃvaters in lebhafter Erinnerung behält, das tatsächliche Ausmaà seines âVerbrechensâ aber, welches sich auch am Verschmutzungsgrad des Hausbodens und der damit verbundenen Reinigungsarbeit bemisst, nie erfährt. Das Wissen um die jederzeit mögliche Strafe ist für die Ordnungswahrung insofern wichtiger als die RechtmäÃigkeit der Strafe selbst. Die Schlusspassage der Erzählung lautet entsprechend: âWie es aber auch seltsame Dinge in der Welt gibt, die ganze Geschichte des GroÃvaters weià ich, ja durch lange Jahre, wenn man von schönen Mädchen redete, fielen mir immer die feinen Haare des Waldmädchens ein: aber von den Pechspuren, die alles einleiteten, weià ich nichts mehr, ob sie durch Waschen oder durch Abhobeln weggegangen sind, und oft, wenn ich eine Heimreise beabsichtigte, nahm ich mir vor die Mutter zu fragen, aber auch das vergaà ich jedes Mal wieder.â (HKG 2/2, 60) Vergessen und Verdrängen sind freilich â gerade bei Stifter â auch beliebte Coping-Mechanismen, um mit der Omnipräsenz von weltlichen Gewaltphänomenen umgehen zu können.
Zur politischen Dimension des Texts vgl. grundlegend Ketelsen: âGeschichtliches BewuÃtsein als literarische Struktur. Zu Stifters Erzählung aus der Revolutionszeit âGranitâ (1848/52)â; Pastor: âDie Revolution von 1848 und zwei ihrer (Zwillings-)Kinderâ.
Mit dieser Einsicht korrespondiert ein bemerkenswerter Umstand: Zum einen findet sich bei Stifter eine auffällige Häufung und Idealisierung von Kindern und Kinderfiguren â speziell in seinen literarischen Texten. Auch in seinen privaten Schriftzeugnissen lassen sich viele Hinweise für seine Liebe zu Kindern nachweisen. Zum anderen zeigt sich in Stifters Briefen (und Handeln) aber ausgerechnet bezüglich seiner Stieftochter Juliane ein merkwürdiges Desinteresse. Auffällig ist beispielsweise, dass Stifter die seit 1847 als Adoptivtochter zu sich genommene Juliane in keinem seiner zahlreichen Briefe grüÃt oder gar explizit adressiert. Ja, Briefe an die Adoptivtochter sind gar keine überliefert, was doch überrascht, vergegenwärtigt man sich, dass der Pädagoge Stifter hier die Möglichkeit gehabt hätte, Juliane für das (eigene) Schreiben und Lesen zu begeistern. Matz spricht in diesem Zusammenhang davon, dass Julianes âExistenz geradezu übergangen wurde.â Matz: Adalbert Stifter oder Diese fürchterliche Wendung der Dinge, S. 269. Umso bemerkenswerter ist der von der Forschung konsequent vernachlässigte Satz im bereits zitierten Brief an Heckenast: ââUnsre Schule wird eben die Ãbung seinâ, sagte ein Freund. âJa, antwortete ich, mein Knabe muà schwimmen lernen, dazu muà er ins Wasser, also werfe ich ihn von der Brüke in die Donau!ââ Was hier wohl als Affirmation einer Pädagogik gedacht ist, welche eine Abhärtung des Kindes durch Konfrontation mit der Realität vorsieht, wirkt umso unglücklicher, wenn man berücksichtigt, dass Stifters Ziehtochter Juliane sich 1859 das Leben nahm, indem sie sich von einer Brücke in die Donau warf. Insgesamt wird das traurige und düstere Kapitel des Selbstmords von Stifters Adoptivtochter in der Forschung gerne übergangen; wenn man es anspricht, wird die Tat meist als Folge einer unglücklichen Liebschaft gedeutet. Bevorzugt sucht man die Schuld auch in Amalia Stifters herrischem Wesen und ihrer Lieblosigkeit. Da sich dieses Amalia-Bild indes fast ausschlieÃlich aus Berichten von Stifters ehemaligen Weggefährten und Bewunderern speist, ist diese Sichtweise ebenso männlich wie verkürzt. Ein mögliches Versagen von Stifters eigener Pädagogik wird â wenn überhaupt â nur sehr zaghaft in Betracht gezogen. Der Grund: Es passt schlicht nicht in jenes Bild des progressiven Pädagogen, das in der Forschung noch immer verbreitet ist. Vgl. zu dieser Deutung exemplarisch: Wiehl: Ich bin ein Mann des Masses und der Freiheit. Noch problematischer eine ältere, aber nach wie vor virulente Deutung von Rutt, der gleich beide Eheleute von einer (Mit-)Schuld freispricht: âVon Seiten Stifters und seiner Gattin liegt nicht die geringste Ursache zu dem Selbstmord Julianes vor.â Rutt: Adalbert Stifter â Der Erzieher, S. 135. Dabei kam der Tod Julianes keineswegs aus dem Nichts; bereits 1851 war sie für mehrere Wochen von Zuhause verschwunden. Die Warnsignale waren für den pädagogisch versierten Stifter also vorhanden. Umso überraschender und merkwürdiger wirken vor diesem Hintergrund die Kälte und Verachtung, die teilweise aus Stifters Briefen sprechen, wenn er gegenüber Dritten von Juliane berichtet. Man bekommt das Gefühl, Stifter habe Juliane mehr als Haushaltshilfe denn Ziehtochter gesehen. Erhellend ist hier v. a. ein Brief an Gustav Heckenast vom 29. Januar 1859: âDer Julie wollte ich Epigramme dictiren, die ich aus Bosheit machte. Sie sollte in einem erleuchteten Nebenzimmer sizen, in das ich aus meinem dunkeln die Epigramme hinaus riefe. Aber die Sache war zu lächerlich, und die Epigramme wurden, je länger ich sie im Gedächtnisse hersagte, immer schlechter. Wenn Julie mir mit dem Lichte hinter einem Schirme sizend das Politische aus der allgemeinen Zeitung vorlesen sollte, war es nicht auszustehen, wie sehr man ihr anmerkte, daà sie gar nichts davon verstehe. Einmal las sie gar das Wort âkreiertâ (gründet, hervorbringt) einsilbig, wie man die erste Silbe in âGeigeâ liest. Warum haben denn die Zeitungsschreiber diese verruchten Fremdwörter?â (HKG 11/4, 151) Nicht nur lässt Stifter die offensichtlich wenig sprachaffine Juliane hier Epigramme schreiben wie eine Sekretärin. Er macht sich auch dezidiert über ihre Ungebildetheit lustig. Pädagogisch wirkt die Aktion wenig sinnvoll; eher ist hier eine von Stifter vorderhand ironisch codierte Boshaftigkeit erkennbar. Zudem muss man sich das Timing des Briefs vor Augen halten. Stifter schreibt diese Zeilen am 29. Januar 1859. Zwei Monate später nimmt sich Juliane das Leben. Einen direkten kausalen Zusammenhang herzustellen, wäre zwar vermessen. Die Ãberlegungen sollen auch nicht die grundsätzliche Aufrichtigkeit von Stifters Bildungsbemühen in Zweifel ziehen, immerhin war er 15 Jahre seines Lebens Schulrat. Sie bringen jedoch zum Ausdruck, dass Stifter die in seinen Briefen, aber auch seinen Schulakten und öffentlichen Schriften formulierten hohen Ideale und Hoffnungen der Kindererziehung nur eingeschränkt mit dem eigenen Tun zu vereinbaren wusste oder vereinbaren wollte. Vgl. zu Stifters problematischer Beziehung zu seiner Ziehtochter weiterführend Koschorke, der eine Verbindung zwischen Julianes Suizid und Stifters literarischem Schaffen bzw. seiner Pädagogik anstellt: Koschorke: âDie Macht der Körnleinâ. Zu möglichen inzestuösen Fantasien, die Stifter auf Juliane projiziert haben könnte â und die sein Desinteresse psychologisch ggf. als Abwehrstrategie erklären würden â, vgl. das Unterkapitel 8.3.9 Postskriptum: Stifter und der Inzest â ein problematisches Verhältnis dieser Arbeit.
Schmitt vertritt eine dieser Deutung (auf den ersten Blick) entgegengestellte Auffassung der Erzählung. Dass die Menschen sich scheinbar weniger anstecken, wenn sie in der Gemeinschaft zusammenbleiben, interpretiert er als eine Botschaft der Nächstenliebe und des Zusammenhalts. Er hält fest: âEs gilt [â¦] den Kontakt, der immer schon am Anfang der Gemeinschaft steht, einzugehen und zu erinnern, trotz Risiko.â Schmitt: âKontakt, Infektion, Weitergabeâ, S. 87f. Das ist grundsätzlich plausibel. Der Zusammenhalt der Gemeinde garantiert indes noch lange nicht â und das scheint mir entscheidend â ihr Ãberleben. Gleich zu Beginn nämlich wird das halbe Dorf dahingerafft, Zusammenhalt hin oder her. Problematisch wird die Deutung, wenn man auch die Rahmenerzählung und die Akzeptanz der mütterlichen Gewalt miteinbezieht. Um überhaupt leben zu können, müssen die Subjekte die göttlich-staatliche Autorität in ihrer tödlichen Gewalt akzeptieren (lernen). Granit ist deshalb nicht einfach ein Plädoyer der Nächstenliebe für ein gesellschaftliches Zusammenstehen in Krisenzeiten; es ist gleichzeitig (und dies ist die Kehrseite) in noch stärkerem MaÃe eine Beschwörung des Sich-in-die-Ordnung-Fügens.
Lachinger: âAdalbert Stifterâ, S. 53.
Vgl. Frei Gerlach, Franziska: ââZwei Witwenââ. In: SH, S. 123â124, hier S. 123. Zur Editionsgeschichte vgl. John, Johannes: âEinige Bemerkungen zu einem âWork in Progressâ. Zum momentanen Stand der Historisch-Kritischen Ausgabe der Werke und Briefe Adalbert Stiftersâ. In: JASILO 11 (2004), S. 169â178, hier S. 170.
Im Fokus steht der kurze Text lediglich in einigen wenigen ausgewählten Studien. Die profundeste Analyse â vor allem mit Blick auf die Verquickung von Stifters Pädagogik und der kurzen Erzählung â stammt von Fischer, dem auch die vorliegende Analyse zentrale Impulse verdankt. Vgl. Fischer, Kurt Gerhard: âFühren und Wachsenlassen. Ein Deutungsversuch von Stifters Erzählung âZwei Witwenââ. In: VASILO 10 (1961), H. 3/4, S. 161â169. Eine kurze Ãberblicksdarstellung liefert ferner Frei Gerlach: ââZwei Witwenââ. Ebenso kurze wie oberflächliche Analysen finden sich auÃerdem bei Mayer: Adalbert Stifter, S. 191f.; Pahmeier, Markus: Die Sicherheit der Obstbaumzeilen. Adalbert Stifters literarische Volksaufklärungsrezeption. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2014, S. 102â104.
Pahmeier: Die Sicherheit der Obstbaumzeilen, S. 102.
Vgl. den Kommentar in: PRA 13, CVIII.
Paul, Jean: âLevana oder Erziehlehreâ. In: Norbert Miller (Hg.): Jean Paul. Sämtliche Werke. 12 Bände in 2 Abteilungen, Band 1/5: Vorschule der Ãsthetik. Levana oder Erziehlehre. Politische Schriften. Lizenzausgabe. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins 1996, S. 515â874, hier S. 634.
Ebd., S. 635.
Etwas abstrakter formuliert: Die Angst vor der Allmacht der Herrscherin, vor ihrer Verfügungsgewalt über das Seelenheil, führt bei Clara zu Verehrung und Furcht vor Crescentias Macht â sie führt zur Ehr-Furcht. Einen ähnlichen Gedankengang formuliert der Soziologe Heinrich Popitz in seiner Studie zur Machtphänomenen: âAus Todesangst kann Ehrfurcht, demütige Ehrfurcht vor dem Tötenden entstehen, eine Anerkennung der unermeÃlichen Ãberlegenheit des Siegers, der den Kampf um Leben und Tod gewonnen hat und immer gewinnen wird. Es ist wesentlich auch diese Ehrfurcht vor dem Tötenden â âdie Furcht vor der Ehreâ des Herrschers über Leben und Tod, die zu der Vorstellung führt, es gäbe ein schlechthin höheres menschliches Sein, eine gottähnliche Ãberlegenheit von Menschen über Menschen. Die Vollkommenheit der Macht erweist die Vollkommenheit der Person wie die Vollkommenheit der so garantierten Ordnung.â Popitz: Phänomene der Macht, S. 54f. Vor diesem Hintergrund ist es problematisch, wenn Fischer bei seiner Analyse der Erzählung kategorisch festhält: âWir halten uns nicht bei den einzelnen pädagogischen MaÃnahmen auf, die Claras GroÃmutter anwendet, um ihr Pflegekind zu erziehen. Denn: die einzelne Regel mag falsch oder richtig sein, mehr falsch oder weniger; es kommt letztlich auf den Geist der Erziehung an, auf das beherrschende Prinzip.â âFühren und Wachsenlassen. Ein Deutungsversuch von Stifters Erzählung âZwei Witwenââ, S. 169. Ãbergeht und systematisiert man die von Stifter hier beschriebenen Praktiken auf diese Weise, glättet man die autoritär-gewalttätigen Züge der Erzählung zugunsten einer (etwas zu) wohlwollenden Einschätzung seiner Pädagogik. Diese Tendenz lässt sich übrigens auch in Fischers monumentaler Pädagogik-Studie beobachten. Vgl. hierzu: Fischer: Die Pädagogik des Menschenmöglichen.
Aprent: Adalbert Stifter, S. 29f.
Vgl. zu dieser Autoritätswirkung auch meine unter Bezug auf Heinrich Popitz angestellten Gedankengänge zur Autoritätshörigkeit bei Stifter in Kapitel Einleitung dieser Arbeit. Analog dazu funktioniert ferner die bereits beschriebene DisziplinarmaÃnahme des Sprachentzugs der Mutter in Stifters autofiktionalem Fragment Mein Leben. Vgl. dazu das Unterkapitel 8.1 âGranitâ: Groáºväterliche Ehrfurcht dieser Arbeit.
Zum Schluss erzieht Clara, wie es im Text heiÃt, die Kinder âmit Hilfe ihres Mannes so, wie sie selber von Crescentia erzogen worden war, und sie geriethen in gröÃerem und kleinerem MaÃe alle.â (HKG 3/2, 21)
Etwas plakativ, aber durchaus treffend, reduziert Pahmeier die âMoral der Geschichteâ auf die griffige Formel: ââVerzärtelst Du Deine Kinder, so werden sie lasterhaft; verzärtelst Du sie nicht, so werden sie tugendhaftââ. Pahmeier: Die Sicherheit der Obstbaumzeilen, S. 103.
Als sich seine Ziehtochter Juliane 1859 das Leben nahm, war Stifter bestrebt, die Schuld an diesem Unglück weit von sich zu weisen. Dabei betonte er explizit, Juliane sei in seinem Haushalt nie geschlagen worden (jedenfalls nicht von seiner Hand): âJuliane hat nur Gutes bei uns genossen, und hat, seit sie anfing die Schule zu besuchen u[nd] zu Hause Unterricht erhielt, aus Grundsatz nie eine körperliche Strafe erhalten; ihre Strafen waren Ermahnungen.â (HKG 11/4, 55) Diese Aussage ist offensichtlich falsch. So hat das Dienstmädchen der Stifters, Marie von Langfellner, Hein davon berichtet, dass alleine vor ihrer (Maries) Anstellung bei den Stifters âelf Dienstmädchen nach einander im Hause Stifter beschäftigt waren, und auch nachher wieder vierzehn Mägde den wenig begehrten Posten inne hatten, ohne es dort auf die Dauer aushalten zu können. Frau Langfellner selbst sei zwar drei Jahre lange im Hause gewesen, aber auch sie habe nur dem gutmütigen Herrn zuliebe ausgeharrt, und diese Ausdauer sei ihr bei dem Unmut, dem Argwohn und dem unwirschen Wesen der Hausfrau manchmal sauer genug geworden. Auch die Ziehtochter Juliane habe die Frau wenig liebevoll behandelt, wie denn überhaupt Freundlichkeit, Güte oder gar Herzlichkeit kaum jemals bei ihr wahrzunehmen gewesen wären. Dreimal sei das arme Kind im Laufe der Jahre entwichen, aber immer wieder zurückgebracht worden. Einmal sei dem Dichter über die schroffe Behandlung des Mädchens berichtete worden, und er habe sich daraufhin bei der Langfellner erkundigt, ob es denn wahr sei, daà seine Frau in seiner Abwesenheit das Kind oftmals übermäÃig hart anfasse. Marie, auf ihr Gewissen gefragt, muÃte die Wahrheit gestehen. Ãber diese Mitteilung sei der Dichter so aufgeregt gewesen, wie ihn das Dienstmädchen niemals gesehen hatte; auch habe er seine Frau in so scharfen und entschiedenen Worten zur Rede gestellt, wie dies sonst nicht seine Art war.â Hein: Adalbert Stifter. Sein Leben und seine Werke, S. 590f. Unverkennbar ist Hein hier bestrebt, sein Idol Stifter vom Verdacht der schwarzen Pädagogik fernzuhalten. Doch selbst falls Stifter selbst nicht handgreiflich gegenüber Juliane geworden sein sollte, zeigt die obige Passage doch zumindest, dass er von der nicht gerade sanften Behandlungsweise Kenntnis hatte, die seine Frau der Ziehtochter angedeihen lieÃ.
Bezeichnend für diese Stifterâsche Haltung ist der Fall des Linzer Schülers Poschacher, den Stifter in seiner Funktion als Schulrat 1854 zu untersuchen hatte. Besagter Poschacher hatte den Direktor der Linzer Realschule, Joseph Zampieri, angeblich hinter dessen Rücken nachgeahmt. Zampieri hatte das Vergehen bemerkt, Poschacher jedoch nicht für seine Verfehlung zur Rechenschaft gezogen. Stattdessen wartete Zampieri mit der Bestrafung bis zum Ende des Jahres, stellte Poschacher dann aber ein dermaÃen vernichtendes Sittenzeugnis aus, dass der Schüler damit lebenslang Probleme bei weiterführenden Schulen und beruflichen Aussichten gehabt hätte. Poschacher erhob Einspruch gegen diesen Entscheid des Direktors, wodurch Stifter auf den Plan gerufen wurde. Man beauftragte ihn, ein Gutachten des Falls aufzusetzen. In diesem Gutachten argumentierte Stifter, dass nicht etwa der Schüler, sondern der Direktor falsch â das heiÃt: pädagogisch fehlgeleitet â gehandelt hätte, weil er den Schüler nicht sofort auf sein Vergehen aufmerksam gemacht habe. Da Poschacher ansonsten, wie Stifter festhält, ein ausgezeichneter Schüler sei und sich nicht einmal mehr an seine Verfehlung erinnern könne, solle die Strafe umgewandelt werden. Stifter plädierte dafür, die Sittenzeugnisnote in befriedigend umzuwandeln (vgl. HKG 10/2, 126â134). In den Worten Stifters: âDer Gefertigte muà daher in dem Benehmen des Direktors, daà er die Handlung Poschachers nicht sofort zur Untersuchung u[nd] im Falle der Nothwendigkeit zur Strafe zog, nicht nur einen pädagogischen Fehler erbliken, da bei Kindern u[nd] jungen Leuten die Wirksamkeit einer Strafe hauptsächlich von ihrer Nähe an der strafbaren Handlung abhängt, sondern er muà auch ein unförmliches u[nd] in so ferne ungerechtes Verfahren von Seite des Direktors u[nd] des Lehrkörpers darin erkennen, daà sie Poschacher verurtheilt haben, ohne ihn u[nd] die Zeugen zu vernehmen, u[nd] ohne daher die Absicht der Handlung nach anklagender u[nd] vertheidigender Seite hin zu erheben.â (HKG 10/2, 128) Bei Poschacher gelte es, die âHinführung [â¦] zur Erkenntnis seiner unziemlichen Handlungâ einzuleiten, indem dieser vor dem Lehrkörper eingestehe, âdaà er unüberlegt u[nd] die schuldige Ehrfurcht verlezend gehandelt habe, u[nd] um Verzeihung bitte.â (HKG 10/2, 134) Vgl. hierzu auch: Fischer: Die Pädagogik des Menschenmöglichen, S. 318f.
Vgl.: Fischer: âFühren und Wachsenlassen. Ein Deutungsversuch von Stifters Erzählung âZwei Witwenââ, S. 169.
Der Begriff des Reflexionsmediums stammt ursprünglich von Walter Benjamin. Gemeint ist damit, etwas vereinfacht formuliert, dass die Literatur einen Raum darstellt, wo die unterschiedlichsten Ideen und Konzepte gegeneinander und untereinander ausgespielt, reflektiert und kommentiert werden können. Vgl. Benjamin, Walter: âDer Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik (1920)â. In: Rolf Tiedemann, Hermann Schweppenhäuser (Hg.): Gesammelte Schriften. 7 Bände (in 14 Teilbänden), Band 1/1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1980, S. 7â122, hier S. 52, 56.
Seifert: âPädagogikâ, S. 275.
Letztlich sind Stifters pädagogische und politische Positionen oftmals von inneren Widersprüchen durchzogen: Nur rund drei Jahre vor seinem Nachsommer und sieben Jahre vor seinen Zwei Witwen veröffentlichte Stifter, zusammen mit dem Hochschullehrer Johann Aprent, in seiner Funktion als k.k. Schulrat ein Leseschulbuch für die vierten und fünften Klassen. Dieses letztlich von der Schulkommission abgelehnte Lesewerk enthält dabei eine Vielzahl von Stifter selbst ausgewählten Texten. Es ist somit eine bemerkenswerte Quelle, um sich einerseits mit Stifters eigenem Lesehorizont vertraut zu machen; andererseits lässt die Wahl der Texte auch Rückschlüsse auf Stifters eigene pädagogische Ãberlegungen zu. In dieses Schulbuch nun nimmt Stifter lediglich einen seiner eigenen Texte auf: das Haidedorf. Vgl. Stifter/Aprent (Hg.): Lesebuch zur Förderung humaner Bildung in Realschulen und in andern zu weiterer Bildung vorbereitenden Mittelschulen, S. 147â154. Aus seinen zahlreichen bis zu diesem Zeitpunkt erschienenen Texten â inklusive seinen 1853 (also unmittelbar vor Drucklegung des Lesebuchs) als Kindergeschichten titulierten Bunte Steine-Geschichten â wählte Stifter ausgerechnet das Haidedorf. Das zeigt zum einen die Wertschätzung, die er dem stark biografisch gefärbten Werk entgegenbrachte. Zum anderen aber ist das Haidedorf in seiner antiautoritären Pädagogik nur bedingt mit dem Nachsommer zu vergleichen, der, wie bereits erwähnt, die Freiheit seiner Figuren viel stärker behauptet, als dass er sie tatsächlich einlösen würde.
Im Text ist zu lesen, Otto ist â[heftig] wie seine Elternâ (HKG 3/2, 17).
Vgl. Frei Gerlach: ââZwei Witwenââ, S. 124.
Bewusst arbeitet Stifter bis zuletzt spiegelbildlich: Während Ludmilla jammervoll verendet, stirbt nämlich die mit ihrer Erziehung erfolgreiche Crescentia sanft, im Kreis ihrer vielköpfigen Familie, âim höchsten Alter mit Lächelnâ (HKG 3/2, 21).
Mayer merkt an, dass die Geschichte letztlich âüber das Moralische hinaus [wächst] und [â¦] sich mit dem rätselhaft Bleibenden der Stifterâschen Erkenntnisaporie [nähert]â. Mayer: Adalbert Stifter, S. 192. Er bleibt allerdings in seiner oberflächlichen Lektüre des Texts eine Auskunft darüber schuldig, worin denn genau das ârätselhaft Bleibende[ ]â des Texts besteht. Bezieht man dieses Urteil auf die unverhältnismäÃig wirkende Brutalität, mit der hier eine eigentlich wohlmeinende, liebende Mutter ins Grab geschickt wird, so wirkt diese Heftigkeit zwar tatsächlich schockierend, auf den ersten Blick vielleicht gar unbegreiflich. Vor dem Hintergrund der dargelegten Stifterâschen Pädagogik sowie des volksaufklärerischen Tons ist die Drastik indes â innerhalb der Erzähllogik â ebenso plausibel wie folgerichtig.
Vgl. hierzu auch einschlägig: Mall-Grob: Fiktion des Anfangs, S. 156â172. Die Autorin schreibt u. a.: âStifter hat das Ganze der Gesellschaft im Auge, bevor sich sein Blick auf das Kind verengt, als wichtigen Ansatzpunkt für eine Entwicklung zum Besseren. Er argumentiert im Unterschied zu Jean Paul nicht vom Kind, sondern von einer gewünschten gesellschaftlichen Ordnung her, die von der Sitte und einer relativen Freiheit für den Einzelnen geprägt ist. In Stifters pädagogischer Argumentation rückt der Mensch als soziales und sozial zu stabilisierendes Wesen â und somit die Kindheit im Spannungsfeld der Sozialisation â ins Zentrum.â Ebd., S. 168f.
Storm, Theodor: âBrief an Ernst Storm, Husum, 16. Dezember 1870â. In: David A. Jackson (Hg.): Storm â Briefwechsel (StBw). Band 17: Theodor Storm â Ernst Storm. Briefwechsel. Kritische Ausgabe. In Verbindung mit der Theodor-Storm-Gesellschaft. Berlin: Erich Schmidt 2007, S. 81â83, hier S. 81. Storm ergänzt seinen Befund noch um die Bemerkung: âIch fürchte doch, daà Mama dabei [bei der Lektüre des Frommen Spruchs, B.D.] die Geduld reiÃt, wenn auch wir Stifterfreunde das immer noch mit lächelndem Behagen lesen.â Ebd. Stifters Text ist nach Storm, salopp gesagt, eine Angelegenheit für Hardcore-Fans. Wichtig ist freilich, dass sich Storms Verdikt auf eine von Aprent postum veröffentlichte Version des Stifterâschen Textes bezieht, welche von massiven Eingriffen in den Text geprägt ist. In einer autorisierten Fassung wurde die Erzählung erst hundert Jahre später in PRA 13/2 abgedruckt. Fischer legte sodann zehn Jahre später noch eine edierte Erstfassung des Texts vor, die auf einer Textversion basiert, welche Stifter in einem früheren Schreibstadium durch einen Schreiber hatte anfertigen lassen. Erst in der Edition der HKG wurden dann beide Fassungen parallel und philologisch korrekt gedruckt. Zur komplexen Editionsgeschichte vgl. ausführlich: Hettche, Walter/ John, Johannes: âAdalbert Stifters Erzählung âDer fromme Spruchâ. Ãberlegungen zur Edition mehrfach autorisierter Fassungen eines NachlaÃtextesâ. In: Thomas Bein, Rüdiger Nutt-Kofoth, Bodo Plachta (Hg.): Autor â Autorisation â Authentizität. Beiträge der Internationalen Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft für Germanistische Edition in Verbindung mit der Arbeitsgemeinschaft Philosophischer Editionen und der Fachgruppe Freie Forschungsinstitute in der Gesellschaft für Musikforschung, Aachen, 20. bis 23. Februar 2002. Tübingen: Niemeyer 2012, S. 287â292. Für diese Analyse konzentriere ich mich schwerpunktmäÃig auf die zweite (spätere) Fassung, beziehe aber â wie bei den bisherigen Analysen â auch die Erstfassung in die Interpretation ein.
Vgl. Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ. In seinem Handbuchartikel geht Koschorke so weit, Stifters Erzählung eine Bedeutungslosigkeit zu attestieren (bzw. unterstellen), die ihn âgewissermaÃen auf halbem Weg in den Dadaâ zeige. Koschorke, Albrecht: âDer fromme Spruchâ. In: SH, S. 147â150, hier S. 150. Zu meiner Kritik sowie Auseinandersetzung mit dem Beitrag von Koschorke/Ammer vgl. das Unterkapitel 8.3.8 Abschluss: Reinigung des Inzests dieser Arbeit.
Um Missverständnissen bei meiner Argumentation vorzubeugen, bezeichne ich im Folgenden â wo nötig â das ältere Geschwisterpaar als Gerlint sen. bzw. Dietwin sen., die jüngere Generation als Gerlint jun. und Dietwin jun.
Die Rechtsprechung im Kaisertum Ãsterreich verbot grundsätzlich eine Ehe zwischen Geschwistern und deren Kindern. Im Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch ist zu lesen: âZwischen Verwandten in auf- und absteigender Linie; zwischen voll- und halbbürtigen Geschwistern; zwischen Geschwisterkindern; wie auch mit den Geschwistern der Aeltern, nämlich mit dem Oheim und der Muhme väterlicher und mütterlicher Seite, kann keine giltige Ehe geschlossen werden; es mag die Verwandtschaft aus ehelicher oder unehelicher Geburt entstehen.â Allgemeines österreichisches bürgerliches Gesetzbuch. Teil I, § 65. Wien 1853, 23f. Zit. n.: Twellmann, Marcus: âSpätökonomik. Zum âHausâ in Adalbert Stifters letzten Erzählungenâ. In: DVjs 83 (2009), H. 4, S. 597â618, hier S. 607 (FN 39). Twellmann macht allerdings darauf aufmerksam, dass es âUsusâ war, dass âAdelige, später auch Bürgerliche in begründeten Ausnahmen von Heiratsverboten dispensiert wurden.â Ebd., S. 607.
Diese Option zieht kein mir bekannter Beitrag in Betracht. Exemplarisch ist vielmehr folgende Deutung: âDie Alten beschlieÃen, eine Reise zu machen, um durch eine Krise eine Entscheidung in dem Beziehungsverhältnis zwischen den möglichen Partnern herbeizuführen. Die bis dahin verborgene Neigung zwischen den beiden Jungen kommt ans Licht. Die Alten erkennen, daà sie in ihrer Verblendung auf einen Abweg geraten sind. Der fromme Spruch geht in Erfüllung.â Beckmann, Martin: âStifters Erzählung âDer fromme Spruchâ. Die Verdoppelung der Wirklichkeitâ. In: JASILO 3 (1996), S. 70â92, hier S. 72.
Im Allgemeinen stand in der älteren Forschung weniger Der fromme Spruch selbst zur Debatte als Stifters sich in seinen letzten Erzählungen manifestierender Spätstil. Zu diesen Spätstil-Untersuchungen vgl. u. a.: Kühl, Erich: âEin Einblick in den Spätstil Adalbert Stiftersâ. In: Wirkendes Wort 6 (1955), S. 12â17; Rückle, Eduard: Die Gestaltung der dichterischen Wirklichkeit in Stifters âWitikoâ. Eine Untersuchung der strukturbildenden Formprinzipien. Tübingen: Diss. Phil. Tübingen 1968; Böhler, Michael: âDie Individualität in Stifters Spätwerkâ. In: DVjs 43 (1969), H. 4, S. 652â684; Piechotta, Hans Joachim: Aleatorische Ordnung. Untersuchungen zu extremen literarischen Positionen in den Erzählungen und dem Roman âWitikoâ von Adalbert Stifter. Giessen: Schmitz 1981, S. 31â44; Walter-Schneider, Margret: âDas Unrecht des Wählens. Bemerkungen zu Stifters spätem Stilâ. In: Wirkendes Wort 32 (1982), S. 267â275. Wichtige Beiträge bilden auÃerdem Studien, welche die späten Texte Stifters nutzen, um anhand ihrer fehlenden Introspektion Stifters narratives Verfahren einer räumlich funktionierenden Figurenpsychologie aufzuzeigen. Vgl. hierzu: Rossbacher: Erzählstandpunkt und Personendarstellung bei Adalbert Stifter. Die Sicht von auÃen als Gestaltungsperspektive; Rossbacher, Karlheinz: âErzählstandpunkt und Personendarstellung bei Adalbert Stifter. Die Sicht von auÃen als Gestaltungsperspektiveâ. In: VASILO 17 (1968), S. 47â58; Irmscher: Adalbert Stifter, S. 264â271.
Eine gute Ãbersicht bietet: Koschorke: âDer fromme Spruchâ.
Wegweisend hierzu: Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ. AuÃerdem: Borchmeyer, Dieter: âSpätstil in zweierlei Gestalt. Goethes âDer Mann von fünfzig Jahrenâ und Stifters âDer fromme Spruchââ. In: Adrien Finck (Hg.): Germanistik aus interkultureller Perspektive. En hommage à Gonthier-Louis Fink. Strassburg: Univ. des Sciences Humaines 1988, S. 239â251. AuÃerdem Fountoulakis, die sich bei der Analyse der Autorität in Stifters Frommem Spruch deutlich an die Ãberlegungen zur Sprachgewalt von Koschorke/Ammer anlehnt: Fountoulakis, Evi: ââDer Finger des Himmelsâ. Zur Frage der Autorität in Adalbert Stifters âDer fromme Spruchââ. In: Lucas Marco Gisi (Hg.): Medien der Autorschaft. Formen literarischer (Selbst-)Inszenierung von Brief und Tagebuch bis Fotografie und Interview. Paderborn: Fink 2013, S. 47â57.
Vgl. Beckmann: âStifters Erzählung âDer fromme Spruchââ; Wild: Wiederholung und Variation im Werk Adalbert Stifters, S. 133â148.
Vgl. Bolterauer: Ritual und Ritualität bei Adalbert Stifter, S. 251â285.
Ausnahmen bilden die Beiträge von Susteck, Twellmann und Beschel, die sich den Stifterâschen Liebeskonstellationen, den ökonomisch-sozialgeschichtlichen Aspekten der Erzählung sowie der Rolle des Bildes bzw. Porträts widmen: Susteck, Sebastian: âDas Rätsel Partnerwahl. Ein Gespräch in Adalbert Stifters früher Erzählung âDer Hagestolzâ und die späten Texte âDer Kuss von Sentzeâ und âDer fromme Spruchââ. In: JASILO 13 (2006), S. 37â48; Twellmann: âSpätökonomikâ; Beschel, Melanie: Bild und Text bei Adalbert Stifter. Marburg: Tectum 2015, S. 16â32.
Borchmeyer: âSpätstil in zweierlei Gestaltâ, S. 242. Borchmeyers Text ist im Ãbrigen das Beispiel einer noch den älteren Forschungsbeiträgen verhafteten Analyse, die den im Fokus stehenden Geschwisterinzest schlicht übersieht.
Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 684.
Vgl. hierzu detailliert das Kapitel 4 (Ver-)Führung der (sanften) Gewalt I: âDas alte Siegelâ. Krieg der Tyrannei dieser Arbeit.
Zur Ãhnlichkeit zwischen sich und seinem Neffen berichtet Dietwin sen. einmal: âDer Graf Arkan hat ihn neulich für mich gehaltenâ (HKG 3/2, 207).
Koschorke/Ammer haben allerdings zu Recht darauf verwiesen, dass Stifter in der Folge ein Fehler unterläuft, wenn er die Geschwister beim dritten Treffen ihren Geburtstag bereits am 24.4. feiern lässt. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einem âDesinteresse Stifters an einer glaubwürdigen Handlungsführungâ. Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 696 (FN 36).
Dass Stifter ausgerechnet einen Altersunterschied von sechs Jahren sowohl bei den Zieheltern wie -kindern wählt, darf durchaus als Hinweis auf das im Text omnipräsente Thema der sexuellen Vereinigung verstanden werden (sechs â Sex).
Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 696. Angesichts dieser geradezu bizarren Verdoppelungsstrukturen halten die beiden Autoren süffisant fest: âEs ist, als ob Stifter Reime aus Algebra herstellen wollte, weil er die Unreinheit der ungeraden Zahlen fürchtet.â Ebd., S. 697.
Es sei am Rande erwähnt: Perlen und Pelze sind in der europäischen Kultur- und Literaturgeschichte durchaus verbreitete erotische Symbole. So werden Perlen zwar einerseits mit Reinheit und christlicher Frömmigkeit verbunden; in der Kombination mit Muscheln sind sie aber auch an Weiblichkeit und Fruchtbarkeit geknüpft â eine Konnotation, die maÃgeblich auf einen Entstehungsmythos der Aphrodite/Venus zurückgeht, wonach diese (perlengleich) in (bzw. aus) einer Muschel geboren wurde. Vgl. zur Muschelsymbolik weiterführend: Peil, Dietmar: âMuschelâ. In: Günter Butzer, Joachim Jacob (Hg.): Metzler Lexikon Literarischer Symbole. 2., erweiterte Aufl. Stuttgart: J. B. Metzler 2012, S. 282. Die Darstellung von Frauen in Pelzmänteln wiederum war in der europäischen Kunstgeschichte seit der Frühen Neuzeit ein beliebtes Motiv für die Thematisierung weiblicher Erotik. Berühmte Beispiele aus der Malerei sind Tizians Mädchen im Pelz (1538) und Peter Paul Rubensâ Helena Fourment alias Das Pelzchen (1636/1638). In der Literatur wiederum ist v. a. der beinahe zeitgleich zu Stifters Erzählung entstandene Erotikroman Venus im Pelz (1870) von Leopold von Sacher-Masoch zu nennen. Nicht umsonst wurden die Begriffe Pelzchen und Pelz im 19. Jahrhundert vulgärsprachlich auch zur Bezeichnung der weiblichen Intimbehaarung bzw. Geschlechtsorgane verwendet. Vgl. dazu auch: âPelzâ. In: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities. Version 01/21. https://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemid=P01604.
Es wirkt angesichts dieser ostentativ ausgestellten Doppelungsstrategien doch unfreiwillig komisch, wenn Beckmann in seinem Bestreben, die Verdoppelungen als subtile Hinweise einer eigentlichen Differenz zwischen den Geschwistern zu lesen, bemerkt: âDietwin und Gerlint sitzen auf gleichen Stühlen, aber einer sitzt links, der andere rechts. Das deutet diskret auf die Differenz, die zwischen ihnen besteht.â Beckmann: âStifters Erzählung âDer fromme Spruchââ, S. 78. Zu dieser angeblichen âDiskretionâ lässt sich festhalten: Die Geschwister können ja schwerlich aufeinander sitzen. Die symmetrische Anordnung spiegelt â wenn man dies überhaupt erwähnen muss â insofern eher ihr Aufeinanderbezogensein.
Zu Recht hat man als intertextuelles Vorbild für Stifters Text Goethes Wahlverwandtschaften genannt, wo diese überkreuzte Begehrensstruktur mustergültig dargestellt wird. Vgl. dazu sowie zu weiteren Intertexten: Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 685f., 701.
Dietwins Beweise lauten zusammengefasst: 1.) Das Geschlecht derer von der Weiden besteht seit dem Mittelalter; da es so lange gedauert hat, darf es nicht aussterben â ja, es kann nicht aussterben. 2.) Dietwin war immer ein Name im âStammâ. Symbolisch ist also der Name Dietwin ein Garant für Kontinuität. 3.) Immer, wenn der Stamm kurz vor dem Erlöschen war, hat er sich âwunderbarerweiseâ erneuert. Das Wunder â die Himmelsarbeit â ist also Teil der Familiengenealogie. Gott hatte schon immer die Hände im Spiel. 4.) Dietwin sen. und Gerlint sen. haben beide am gleichen Tag Geburtstag. Sie liegen sechs Jahre auseinander. 5.) Die Kinder liegen ebenfalls sechs Jahre auseinander und heiÃen Gerlint und Dietwin. 6.) Die beiden Brüder Jakob und Archibald haben ihre Kinder Dietwin und Gerlint genannt, obwohl sie nicht wissen konnten, dass diese beiden später von ihren Namensgenoss:innen erzogen werden würden. 7.) Die âKinderâ sehen aus wie (jüngere) Kopien von Gerlint sen. und Dietwin sen. 8.) Gerlint hat sich zunächst um beide Kinder gekümmert, dann hat (wiederum sinnig) Dietwin Dietwin und Gerlint Gerlint übernommen. 9.) Alle Dietwins und Gerlints sind nie krank gewesen. Der noch lebende Zweig dieses Stamms ist damit (fast unnatürlich) gesund. 10.) Gerlint und Dietwin durchliefen die gleichen Stufen der Entwicklung, die nun ihre Kinder durchlaufen: ein Stadium der Heftigkeit, eines der âEinbildungenâ und sodann eines der âSanftmuthâ. Die Heftigkeit des Gemüts ist damit Bestandteil der Familientradition.
In diesem Sinne auch Koschorke/Ammer: âAll die aufgezählten Indizien aber beweisen das, was sie beweisen sollen, nur unter der ungenannten Voraussetzung, daà die Geschwister füreinander bestimmt sind oder es eigentlich wären.â Und: â[U]nausgesprochen im Zentrum der Geschichte [steht] das Inzestverlangen der Geschwisterâ. Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 687, 686.
Zu Gerlints vordergründigem Fatalismus, der bei näherer Betrachtung nur eine Ausrede für Egoismus ist, hält Beckmann luzide fest: âSie nimmt keinen Anteil an den öffentlichen Angelegenheiten und betrachtet alle Vorkommnisse in der Welt als Fügungen Gottes. Was sie als Stille [Hervorh. i. O.] des Herzens auf diese Weise zu gewinnen glaubt, wird dadurch erkauft, daà sie sich der Verantwortung für das Ganze entzieht und nur dem eigenen Bedürfnis lebt. Das Ich wird so latent absolut gesetzt.â Beckmann: âStifters Erzählung âDer fromme Spruchââ, S. 75.
Dass Dietwin und Gerlint durch ihre âNachhilfeâ letztlich die göttliche Autorität unterminieren bzw. zu unterminieren suchen, ist offensichtlich. Denn wenn alles determiniert ist, so braucht Gott nicht die Nachhilfe der beiden Kuppler; er lenkt die Menschen dann selbst dorthin, wo er sie haben möchte. Dazu auch Fountoulakis: âDurch die kupplerischen Bemühungen derjenigen, die diese Autorität [den göttlichen Spruch, B.D.] postulieren, wird seine Aussage [die Aussage des Spruchs, B. D.] subvertiert.â Fountoulakis: âDer Finger des Himmelsâ, S. 55.
Koschorke: âDer fromme Spruchâ, S. 148.
Mayer: Adalbert Stifter, S. 212.
Der erotische Kontext dieser Szenerie entgeht Beckmann völlig. Er liest das Geschenk lediglich mit Blick auf die seiner Meinung nach im Bild der Perle enthaltene Wiederholungs- und Einheitsstruktur der Beziehung: âSie [die Perlen, B.D.] sollen Gerlint auch künftig an ihren Geburtstag erinnern und damit, so ist zu ergänzen, an die Aufgabe der Wiederholung gegenüber sich selbst. Gerlint faÃt die Worte des Bruders ironisch auf, die den Wert des Geschenks herabzusetzen versuchen. [â¦] Die ironische Herabsetzung des ÃuÃeren kommt in ihren Augen einem Frevel gleich.â Beckmann: âStifters Erzählung âDer fromme Spruchââ, S. 79f. Ironischerweise entgeht damit dem Interpreten, der sich anschickt, Stifters âverschlüsselte Botschaftâ bzw. âverhüllende Grundabsicht des Werksâ offenzulegen, die verhüllte, doppeldeutige Botschaft dieser Passage. Ebd., S. 92.
In gleichem Sinne gestaltet Stifter auch folgende Passage, in welcher der junge Dietwin die Schönheit seiner Tante Gerlint preist â und diese wiederum die Frevelhaftigkeit ihres Bruder betont: âHierauf sagte Gerlint: âIch danke dir für deinen Wunsch, Dietwin, ich weiÃ, daà du mir alles Gute zuwenden möchtest. Es ist aber schon einiges genug, und in ein ganzes Jahrhundert hinein zu leben, wie du in Aussicht stellst, dürfte für mich alte Frau eher eine Strafe als ein Glük sein.â âDie in solcher Schönheit blüht, ist mit hundert Jahren noch nicht alt,â unterbrach sie der Neffe. âGewöhne dir nur nicht die frevlen Reden deines Oheims an,â sagte Gerlintâ (HKG 3/2, 227). Und als die beiden âKinderâ endlich zusammengekommen sind â freilich zum Preis der eigentlichen Liebe zwischen den Geschwistern â, ist es wiederum der Oheim, welcher auf die âEinbildungenâ der beiden Geschwister zu sprechen kommt: ââEr hat volle Sicherheit,â sagte der Oheim, âund wir, meine liebe Schwester Gerlint, werden nun auch doch in die dritte Abtheilung unseres Stammes einrüken.â âDu hast immer Frevelreden, selbst an einem solchen Tage,â sagte die Tante, und stand auf. Er stand auch auf, reichte ihr freundlich und ehrerbiethig den Arm, und führte sie aus dem Saale in ihr Gemach.â (HKG 3/2, 351)
Damit stelle ich mich gegen Bolterauer, deren Lektüre die gewalt- und leidenschaftsbesänftigende Funktion des Rituals im Frommen Spruch negiert: âDie Rituale [â¦], die der späte Stifter entwirft, und die Art, wie er sie von Figuren ausführen lässt, werden auf eine âkonservativeâ, das Sein bestätigende Funktion beschränkt. Das Ritual dient nicht der Bewältigung einer Krise, sondern der bestätigenden Einholung einer Identität, die sich im Ritual äuÃert und die zugleich mithilfe des Rituals stets neu bestätigt wird.â Bolterauer: Ritual und Ritualität bei Adalbert Stifter, S. 264.
Mayer: Adalbert Stifter, S. 212.
Paradigmatisch folgende Passage: âKomme an mein Herz, du liebes Kindâ (HKG 3/2, 239). AuÃerdem ebd., 247, 257.
Beschel weist darauf hin, dass zum BegrüÃungszeremoniell der jungen Gerlint auch das zweimalige Zeichnen des Kreuzes auf die Stirn gehört, welches die Tante vollzieht: âDas Zeichnen des Kreuzes auf die Stirne besiegelt â im sakralen Kontext die Zugehörigkeit zur christlichen Religion â hier den âgesegneten Eingangâ, Gerlints Zugehörigkeit zum Geschlecht von der Weiden.â Beschel: Bild und Text bei Adalbert Stifter, S. 23. Zwar wird Gerlint als âunbeschränkte Herrinâ (HKG 3/2, 247) ihrer neuen Gemächer bestimmt. Die Macht über das Haus indes behält Gerlint sen. fest in der Hand. Insofern ist die Kreuzzeichnung im neuen Haus auch ein Unterwerfungsritual unter die als Hohepriesterin dieser heiligen Hallen fungierende Tante, die wörtlich ihre Vormachtstellung unterstreicht â oder besser: Gerlint jun. diese Hierarchie wörtlich auf die Stirn âzeichne[t]â (ebd., 245).
Die ausladende Art und Weise, wie Stifter hier systematisch, quasi in Echtzeit, dieses Ritual protokolliert, ist konstitutiv für die gesamte Erzählung. Wild hat darauf hingewiesen, dass Stifter vielfach gar mit der rhetorischen Figur der reduplicatio arbeitet, um das Erzählen zu verlangsamen: âCharakteristisch für diesen Erzählmodus ist die Figur der reduplicatio, bei der das erstmals erwähnte Element im darauffolgenden Satz aufgenommen wird. Dies entspricht der Thema-Rhema-Struktur [Hervorh. i. O.] der Linguistik [â¦]. Durch diese Art des Erzählens geht die Handlung nur in kleinen Schritten voran. Jedes Detail des Geschehens wird gesondert eingeführt.â Wild: Wiederholung und Variation im Werk Adalbert Stifters, S. 136.
Ãbertreibung und Theatralität der Szene zeigen sich auch an kleinen Details. So findet sich beispielsweise in unmittelbarem Anschluss an die obige Passage Gerlints Bemerkung: ââAgathe, [â¦] du hast einen griechischen Namen, der etwas Gutes bedeutet. Du bist wie dein Name. Daure es noch ein wenig bei mir aus.â Die Kammerfrau antwortete nichts, und troknete sich nur die Augen.â (HKG 3/2, 191) De facto sagt die Herrin ihrer Kammerfrau hier nichts Persönliches. Ihr Statement ist ein Allgemeinplatz. Dennoch reagiert die Kammerfrau mit Tränen, als hätte sie ihre Herrin soeben mit Gold überschüttet. Diese übertriebenen, theatral-sentimentalen Gesten beinhalten zweifellos komisches Potential.
Den Belehrungsaspekt macht Stifter überdeutlich, wenn die Tante im Anschluss an die geschilderte Szene ihren Untertanen zwar Geschenke überreicht, diese aber gleichzeitig an einen moralischen Imperativ knüpft. Drastisch ist hier v. a. folgendes Beispiel: âFerdinand, mir ist das Rauchen in Zimmern und feuergefährlichen Orten sehr zuwider, ich mag dir aber doch gerne eine Freude machen, rauche aus dieser Pfeife nicht an Orten, die ich genannt habe.â (HKG 3/2, 193) Vgl. hierzu auch: Beckmann: âStifters Erzählung âDer fromme Spruchââ, S. 82.
Als der Oheim seiner Schwester die Perlenkette überreicht und diese mit âRitternâ vergleicht, sagt er mit merklich gespieltem Humor: â[S]eit wir keine Vasallen mehr zur Last haben, können wir solche Ritter leicht stellen.â (HKG 3/2, 185)
Die Betonung von Kontinuität und Tradition erstreckt sich bezeichnenderweise nicht nur auf das seit dem Mittelalter bestehende Geschlecht von der Weiden, sondern spiegelt sich auch in den altertümlichen (überholten) Namen der ehemaligen Leibeigenen: Adam, Agatha, Mathias, Martha, Anna, Sebastian, Katharina, Eva, Ferdinand, Joseph, Maria, Margaretha.
Weiterer Beleg für die strikte Kontrolle der Biberau-Bewohner:innen ist das militärisch anmutende Speiseregime. Exemplarisch folgende Passage: ââIch habe ein kleines Ankunfts- und Verbindungsmahl veranstaltet,â sagte die Tante, âes ist so bei uns der Gebrauch, liebe Gerlint. Ich habe dir das Mahl zweiten Ranges zugeordnet mit dem Silber, den Blumen, den Früchten, den Speisen und der Dienerschaft im zweiten Range. Die Mahle ersten Ranges sind in dem groÃen Speisesaale bei Vermählungen, Verlobungen und anderen Gelegenheiten hoher Feier. Dann sind noch die Mahle dritten Ranges und unser gewöhnliches Speisen. Du wirst schon alle Ordnungen dieses Schlosses kennen lernen, wenn du länger in ihm gewesen bist.ââ (HKG 3/2, 277)
Nicht erst die hier angestrebte (vergebliche) AusschlieÃung bzw. Verdrängung des Zufalls ist ein Unterfangen, das den Frommen Spruch mit Stifters früher humoristischer Erzählung Die drey Schmiede ihres Schicksals (1844) verbindet. In besagter Erzählung geht es um die elternlosen Jungen Erwin und Lysander; beide gehören (wie die von der Weidens) einem buchstäblich aus der Zeit gefallenen Adelsgeschlecht an und wachsen zu Sonderlingen heran, die sich, statt mit der Welt zu interagieren, bereits früh an den Idealen der Antike (besonders: der Spartaner und der Stoa) orientieren. Dabei wollen sie Schmiede ihres eigenen Schicksals sein, also den Zufall völlig aus ihrem Leben verbannen. Dazu gehört auch eine früh beschlossene Hagestolzexistenz. Besonders Erwin verschreibt sich diesem Projekt zur Gänze, wird jedoch von der Realität eingeholt, als er einen Brief von Lysander bekommt, in welchem dieser ihn zu seiner Heirat einlädt. Erwin gibt dieser Bitte nach und tut damit erstmals in seinem Leben etwas, das er nicht geplant hat. Auf Lysanders Schloss macht Erwin die Bekanntschaft von Rosalie, die sich, wie Erwin, ebenfalls gänzlich der Idee der Selbstbestimmung verschrieben hat, weshalb sie jeden Verehrer von sich weist. Erwins und Rosalies Vorsätze âfallenâ jedoch in sich zusammen, als Rosalie âzufälligâ schlafwandelnd ihren Weg durch Erwins offenes Fenster in sein Bett findet. Der Skandal erreicht seinen Höhepunkt, als Rosalies nächtlicher Ausflug publik wird; Erwin vollzieht daraufhin eine Hundertachtziggradwende, beginnt zu trinken, verprügelt Rosalies Kritiker und heiratet schlieÃlich seine nächtliche Gefährtin. Die Erzählung schlieÃt mit der Passage: âAuf Erwinâs Schlössern war nun Wein und Braten, waren Wägen und Pferde daran, der spartanische Bart war von seinem Gesichte, Rosalie, die Unvermählbare, bethete ihren Gatten an, dieà Alles hat der ganz kleine Zufall verschuldet, dem Erwin damals gestattet hatte, ein winziges Loch in sein System zu bohren â dieà und noch etwas, flüsterten die bösen Zungen, daà nemlich Erwin ein ganz klein wenig unter dem Pantoffel stehe. So endete die Geschichte der drey Schicksalsschmiede, sie sind sehr gute Freunde, und schmieden bis auf den heutigen Tag, nur daà das Eisen, welches sie nehmen, nicht mehr so spröde ist, sondern sie lassen den Zufall gelten, aber sich nicht von ihm beherrschen. Als Note muà zum Schlusse noch beygefügt werden, daà Erwin auf seinem Wohnschlosse zwar jedes Fensterchen vergittern lieÃ, daà sich aber nie mehr der Fall ereignete, daà Rosalie im Vollscheine ihr Bett verlassen hätte. Es muÃte damals nur heimtückische Rache des Zufalls gewesen seyn, dessen Reiche sie getrotzt hatte.â (HKG 3/1, 75) Die schlüpfrige Geschichte verzahnt ebenso wie der Fromme Spruch die Frage von Providenz und Kontingenz mit der Verdrängung aufgestauter Gefühle â allerdings viel expliziter. Dabei legt die Erzählung die Deutung nahe, dass die heimtückische Rache des Zufalls, die Rosalie in Erwins Bett âgeführtâ hat, letztlich nichts anderes ist als das lange verdrängte sexuelle Begehren, das sich über das Unterbewusstsein (über den Schlaf) seinen Weg ans Licht bahnt â das Rosalie also wörtlich in Erwins Bett verführt. Je länger man etwas verdrängt â so könnte man die zentrale Botschaft der Erzählung fassen â, desto explosiver dringt es zuletzt an die Oberfläche. Diese Erfahrung müssen auch die Geschwister im Frommen Spruch machen, als sie durch die Heirat der Kinder plötzlich ihre verdrängten Inzest-Wünsche (ihre Einbildung, die Kinder begehrten sie) erkennen.
Exemplarisch für die Blindheit dieses Freiraums Koschorke/Ammer, die zwar Freuds Beobachtung zitieren, dass das âZeremoniell die Summe der Bedingungen dar[stellt], unter denen anderes, noch nicht absolut Verbotenes erlaubt istâ (Freud, Sigmund: âZwangshandlungen und Religionsübungenâ. In: Anna Freud u. a. (Hg.): Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet. 17 Bände, Band 7: Werke aus den Jahren 1906â1909. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1969, S. 127â139, hier S. 137), diese Beobachtung aber nicht etwa fruchtbar machen für ihre Analyse, sondern ins Gegenteilige wenden: âIn Anbetracht von Stifters Frommem Spruch können solche Analysen nur redundant erscheinen. Die strengen Parallelismen des Textes paralysieren die zwischen den Personen wirksamen libidinösen Wunschenergien, indem sie sie auf einem Niveau gleichbleibender Temperierung halten.â Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 706. Einer solchen Deutung entgeht, wie ich zeigen werde, der subversive Charakter des Rituals.
Bolterauer: Ritual und Ritualität bei Adalbert Stifter, S. 261f.
Susteck hat auch die bemerkenswerte Ãberlegung angestellt, dass sich Stifter bei der Konzeption dieses Liebesverhältnisses an (zumindest aus Stifters Sicht) âmittelalterlichenâ, auf jeden Fall dezidiert nicht-romantischen Liebeskonzepten orientiert haben könnte. Er hält fest: â[E]s ist vor dem Hintergrund eines letztlich âintuitivenâ romantischen Liebesverständnisses, dass die Texte Adalbert Stifters immer wieder befremdlich anmuten.â Susteck: âDas Rätsel Partnerwahlâ, S. 43. Twellmann ergänzt (allerdings im Irrealis bleibend): âEs könnte sein, [â¦] dass der Verfasser des Witiko [Hervorh. i. O.] in den âaltdeutschen Dichtungenâ die Alterität eines Mittelalters entdeckt hat, das vom Individuum noch kaum einen Begriff hatte. Dass Stifters späte Erzählungen irritierend wirken, hätte dann nicht zuletzt darin einen Grund, dass sie bürgerliche Leser mit vorbürgerlichen Wahrnehmungsformen konfrontieren.â Twellmann: âSpätökonomikâ, S. 605. Tatsächlich ist bei Stifter die Tendenz beobachtbar, das Haus und die Prosperität der Familie über die Bedürfnisse des Individuums zu setzen â jedenfalls praktisch. Theoretisch allerdings hält er, wie v. a. die Reden des Freiherrn von Risach zeigen, an der aufklärerischen Position einer freien Entfaltung des Menschen fest. Vgl. dazu die FN 37 in Kapitel 5 (S. 357f.) dieser Arbeit. Deutlich wird letztlich wieder die bereits bei der Analyse des sanften Gesetzes beobachtbare Spannung von Selbst- und Fremdführung.
Susteck: âDas Rätsel Partnerwahlâ, S. 41.
Dazu Wünsch: âDer familiäre Kuss wird [â¦] mit dem erotischen gleichgesetzt, wodurch wiederum die erotische Komponente der beiden Küsse von Rupert und Hiltiburg neutralisiert wird.â Wünsch, Marianne: âDer Kuà von Sentzeâ. In: SH, S. 143â146, hier S. 145. Bei der Mischung von Familien- und Liebeskuss geradezu chemisch von einem âNeutralisierungsprozessâ zu sprechen, ist angesichts der inzestuösen Implikationen doch sehr gewagt.
Ãber die Namensähnlichkeit Er-win und Diet-win wird bereits deutlich, dass Gerlints Partner ebenso gut (oder besser) Dietwin hätte sein können. Er, Erwin, gewinnt zwar kurzzeitig Gerlints Herz; eigentlich aber sollte Dietwin dieses gewinnen. Beckmann weist in diesem Zusammenhang zu Recht auf die anagrammatische Bedeutungsebene des Namens hin: âDer Vorname Erwin ergibt, als Anagramm gelesen, nie wer [Hervorh. i. O.].â Daran indes schlieÃt er eine Leseweise an, die mir wenig plausibel scheint: âDie Figur des Gatten dient so ausschlieÃlich dem ästhetischen Zweck, dem Leser die Selbstverlorenheit Gerlints in der Verschlüsselung offenbar zu machen.â Beckmann: âStifters Erzählung âDer fromme Spruchââ, S. 74. Ich würde dieses Anagramm eher auf die âNichtsnutzigkeitâ dieses Gatten beziehen: Dieser Erwin ist bzw. war nie wer â niemand, jedenfalls nicht in den Augen derer von der Weiden. Gerlint selbst bemerkt dazu (allerdings nur in der ersten Fassung): âEr [Erwin, B.D.] hatte nur das Gut Bergen, und unsere Eltern hätten einen so gering bemittelten Bräutigam, auch wenn er frei gewesen wäre, nie für mich zugegeben, da doch seine eigenen Eltern seine Verbindung nur betrieben, damit ein ansehnlicher Besiz zusammen käme. Und warest nicht du selbst, als gar kein Hindernià mehr war, doch der Vereinigung entgegen?â (HKG 3/2, 200) Es ist an dieser Stelle allgemein auf Stifters sprechende Namensgebung hinzuweisen: Etymologisch lässt sich Dietwin â ein altdeutscher Name, der die lange Tradition des Geschlechts derer von der Weiden betont â als âFreund des Volkesâ übersetzen (diot für âVolkâ und wini für âFreundâ). Vgl. Seibicke, Wilfried: âDietwinâ. In: Wilfried Seibicke (Hg.): Historisches deutsches Vornamenbuch. In Verbindung mit der Gesellschaft für deutsche Sprache. 5 Bände, Band 1: A-E. Berlin, New York: De Gruyter 1998, S. 510. Betont wird damit seine patriarchale, aber auch vorbildhafte Funktion für seine âUntertanenâ. Dietwin trägt aber auch das (inzestuöse) Zwillingsmotiv in sich: Die-twin. Ebenso ist darin, wie Beckmann bemerkt hat, anagrammatisch und lautlich der Name des Stamms, nämlich Weiden, angelegt. Daraus schlieÃt er: âIm Besonderen des Bestehenden ist das Wunder oder die Möglichkeit der Verdoppelung oder Wiedergeburt verborgen.â Beckmann: âStifters Erzählung âDer fromme Spruchââ, S. 92. Der Name Gerlint wiederum ist ebenfalls altdeutsch und setzt sich zusammen aus ger (übersetzt: Wurfspiess, Speer) und lind (übersetzt: linde, sanftmütig). Vgl. Seibicke, Wilfried: âGerlindâ. In: Wilfried Seibicke (Hg.): Historisches deutsches Vornamenbuch. In Verbindung mit der Gesellschaft für deutsche Sprache. 5 Bände, Band 2: F-K. Berlin, New York: De Gruyter 1998, S. 155. Die kriegerische Seite ist in Gerlint, dieser germanischen Urmutter, ebenso angelegt wie ihre Sanftmut. Man kann sich gar überlegen, ob Stifter hier auch Namen nutzt, welche das âHerumwindenâ um den eigentlich im Zentrum stehenden Inzest beschreiben: Denn Gerlint ist auch ein Anagramm von ringelt. Ebenso ist in Dietwin ein beinahe vollständiges Anagramm von windet angelegt. Diese anagrammatischen Eigenheiten mögen Zufälle sein. Auf jeden Fall aber ringeln bzw. winden sich beide, Dietwin und Gerlint, um ihre inzestuösen Bedürfnisse herum.
Beckmann: âStifters Erzählung âDer fromme Spruchââ, S. 74.
In der zweiten Textfassung wird dann gar noch bewusst Erwins fehlende â und für den Weiden-Stamm so essentielle â Durchsetzungskraft (und damit indirekt: seine sexuelle Potenz) betont: âAch der arme Erwin hat nie widersprochenâ (HKG 3/2, 215).
Bolterauer: Ritual und Ritualität bei Adalbert Stifter, S. 253.
Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 708, 709.
Ebd., S. 709. In einer gewagten, aber äuÃerst anregenden Volte übertragen Koschorke/Ammer dieses (Ver-)Schweige-Training auch auf Stifters eigene Pädagogik nach 1848: âStifters Pädagogik ist ein Schweigetraining. Er artikuliert sie unter dem Eindruck der Revolution. Schon in Ausführungen zum Schulunterricht von 1849 fordert er dazu auf, den Kindern die Erinnerung an die Revolutionsereignisse dadurch zu entziehen, daà man deren sprachlichen Ausdruck unterbinde. Kindlich-gedankenlose Redensarten, wie sie ihm zu Ohren gekommen seien, âdie die Seele schaudern machen könnten, Worte von Morden, Brennen und Gotteslästernâ seien für die Kinder verhängnisvoll, denn wenn âeinmal Gelegenheit kommt, sind ihnen die Begriffe geläufig und gelangen viel leichter zur Tat.â Seine Pädagogik, die sich zur Aufgabe stellt [sic!] âdie bösen Eindrücke, die aus den Uebeln der Zeit hervorgegangen sind, nach und nach zu verwischen und unschädlich zu machenâ [â¦], ergänzt die Restaurationspolitik darin, dem Geist der Revolte den semantischen Boden abzugraben. Erziehung nach diesem Programm ist Sprachentzug. Sie soll die Ordnung der Welt unhinterfragbar machen.â Und: âStifters pädagogische Absicht geht dahin, durch Aufzucht von Sprachlosigkeiten Gewalt sowohl undurchschaubar als unkenntlich zu machen. Die letzten Arbeiten setzen an dem Punkt ein, an dem dieser Prozeà vollendet scheint.â Ebd., S. 708. Auch wenn mir diese Deutung insgesamt etwas zu einseitig scheint, weist sie doch hellsichtig auf ein Gewaltmoment in Stifters Pädagogik hin, wie es auch bei meinen Analysen von Granit und Zwei Schwestern erkennbar wurde.
Zur Bedeutung und Funktion des Porträts bei der geschwisterlichen Verkuppelungsarbeit vgl. ausführlich: Beschel: Bild und Text bei Adalbert Stifter, S. 19â32.
Oder wie Susteck es ausdrückt: âGewählt wird, wer immer bereits gewählt ist [Hervorh. i. O.], und zwar nicht nur durch die Liebenden, sondern auch durch andere bzw. âdie Weltâ. Es wird gewählt, wen man schon immer kannte, gewählt, sobald der Oheim dazu auffordert und so, wie Eltern und ältere Verwandte wünschen. Gewählt wird, wer so aussieht, wie die Wahl, die bereits durch die ältere Generation antizipiert wurde oder deren Funktionieren durch in dieser Generation herrschende Harmonie vorbereitet scheint.â Susteck: âDas Rätsel Partnerwahlâ, S. 46.
Tatsächlich ist Gerlint sen. bei den inzestuösen Verstrickungen längst nicht so unschuldig, wie dies ihre vermeintlich keuschen Reden suggerieren. So ist bereits beim ersten geschilderten Geburtstagstreffen der Geschwister eine subtile Eifersucht zu beobachten, als Gerlint sen. den Brief ihrer Nichte an den Oheim âanalysiertâ: ââNun, die Briefe sind wieder artig,â sagte Dietwin. âWie sie das in der Anstalt lernen,â sagte Gerlint, âich bin nur die hochverehrte geliebte Tante, du bist der herzliebe Oheim.â âNärrchen, mit welchem Dinge ist man denn die geliebte als auch mit dem Herzen?â sagte Dietwinâ (HKG 3/2, 221). Die Tante empfindet die Anrede der Tochter vordergründig als Affront, da sie weniger âliebendâ ausfällt als beim Onkel. Aber gleichzeitig bringt sie damit auch ihre Eifersucht zum Ausdruck, dass die Nichte den Onkel lieben, ja begehren könnte. Gerlint sen. ist so gewillt, eine erotische Verbindung zwischen Oheim und Gerlint jun. anzunehmen (bzw. die eigenen Gefühle auf diese Beziehung zu sublimieren), dass sie diesen Brief noch zwei Jahre später als âBeweisâ für ihre Theorie anführt, dass Gerlint jun. ihren Oheim begehre: ââDenke an den Brief vor zwei Jahren. Ich bin in der Aufschrift nur die hochverehrte geliebte Tante, du bist der herzliebe Oheim, in der Unterschrift ist sie die mich liebende und verehrende und mir dankende Gerlint, dir ist sie die in Liebe ergebene Nichte Gerlint. Im Briefe bittet sie den Himmel, daà er dein liebes Haupt segne, und daà er dir gebe, was dir lieb ist. Mir verspricht sie nur, jedes Opfer bringen zu wollen, das mir zur Freude gereichen kann. Zudem sagt sie, daà sie in die Erkenntnià deiner Güte immer mehr hinein wachse, und dir mehr dankt, als sie danken konnte, da sie noch unvernünftig war. Ich habe damals ohne Ahnung schon den Unterschied hervor gehoben.â (Ebd., 317) Ihre hier vorgeschobene âAhnungslosigkeitâ war bereits beim Briefempfang ihr unterbewusstes sexuelles Begehren. Und dass diese Eifersucht sich auch unterbewusst in die Konversation mit der Nichte einschleicht, zeigt ein kurzer, vermeintlich unschuldiger Dialog zwischen der Tante und der Kammerzofe Agathe, den Stifter dezidiert in der zweiten Fassung hinzugeschrieben hat: ââDu bist um einige Jährlein älter, und wirst mir die häÃliche Gerlint da schon ein wenig leiten,â sagte die Tante.â (Ebd., 283) Die Rede von der âhäÃliche[n] Gerlintâ kann man mit viel Fantasie noch als einen seltsamen Kosenamen auffassen. Da sich die Formulierung aber sonst nirgends findet, hinterlässt sie doch einen merkwürdig gehässigen Beigeschmack, der wiederum subtil auf eine gewisse Eifersucht verweist. Auf jeden Fall wird hier eine Machthierarchie etabliert: Gerlint jun. hat sich zu fügen. Und sie tut dies auch brav.
Sie treten ferner noch in einen Wettbewerb der Kuhzucht, wobei Dietwin jun. zwei âherrlich gebildete, schneeweiÃe Kühe, an denen kein Härchenâ ist (HKG 3/2, 305), züchtet und Gerlint jun. diese wiederum symmetrisch spiegelt, indem sie zwei noch schönere Kühe züchtet âvon dem alleredelsten Baue, von milchweiÃer Farbe mit rabenschwarzen Köpfen und schwarzen Wedeln, beide ganz gleich.â (Ebd., 307) Die Artifizialität dieser Konstellation, ja der gesamten Erzählanlage muss nicht weiter erläutert werden.
Es ist insofern verkürzt, wenn Koschorke pauschal behauptet: âEs gibt in der Welt derer von der Weiden nichts mehr zu disziplinieren.â Koschorke: âDer fromme Spruchâ, S. 149. Die Pointe der Erzählung liegt genau darin, dass die Erzählung über die Leidenschaften der älteren derer von der Weiden aufzeigt, dass es gerade die âDiszipliniererâ sind, die für ihr gefährlich-inzestuöses Verhalten diszipliniert werden müssten. Und dass jene vorhandenen DisziplinierungsmaÃnahmen gerade nicht zur Gänze greifen, sondern es den Figuren wiederum erlauben, innerhalb gewisser Grenzen ihre Fantasien auszuleben.
Es ist ebenso ironisch, dass der gröÃte Teil der Erzählung um dieses Waldgeschlecht derer von der Weiden in âBiberauâ stattfindet. Damit korreliert die fortwährend betonte âStammesâ-Metapher, um die es diesem âGeschlechtâ geht. Wörtlich ânagenâ und zimmern die beiden Geschwister wie Biber an ihrem Stammbaum.
Beschel: Bild und Text bei Adalbert Stifter, S. 25.
Exemplarisch auch Beckmann und Wild, welche die Spaziergangszene lediglich mit Blick auf die Stammbaummetaphorik lesen. Vgl. Beckmann: âStifters Erzählung âDer fromme Spruchââ, S. 87f.; Wild: Wiederholung und Variation im Werk Adalbert Stifters, S. 145f.
Die sexuelle Potenz, die mit dieser Eiche verbunden ist, unterstreicht der Text im Anschluss weiter, wenn er von einem phallischen Eichenwald berichtet, den Gerlint durchschreitet: âDann ging sie über die BlöÃe hinunter, bis sie wieder den Wald umfing. Sie ging in den Wald abwärts, gelangte endlich auf ebenen Boden, der mit lauter Eichen besezt war. Gerlint wandelte unter den Eichen dahin, und schaute öfter in die Ãste empor, die sich nach allen Seiten verschränkte.â (HKG 3/2, 271) Später â jedoch nur in der ersten Fassung â betont auch Dietwin sen. die Wichtigkeit und Potenz dieser Familieneiche: âIch bin mit Gerlint an der groÃen Eiche gewesen. Da habe ich nun endlich auch gesagt: Gerlint, diese Eiche sieht weit in das Land hinein, wir können fast alle Gründe und mitunter auch die Schlösser derer erbliken, die mit uns bekannt sind, und in Gastlichkeit leben. Aber auch die Eiche wird von weither gesehen, und weil sie ein gar so mächtiger Baum ist, kann man sie leicht von andern unterscheiden. Und darum wird mancher, der auf dich denkt, nach dieser Eiche schauen. Wann wird uns denn unsere liebe Nichte einmal mit einem recht artigen, schönen tüchtigen Gemahle erfreuen? Sie sprach darauf gar nichts.â (HKG 3/2, 271)
Wobei wiederum die Parität dieser Liebesschlacht zu betonen ist. Denn Dietwin erstürmt zwar Gerlints Mauern; er aber ist es auch, der sich in dieser Schlacht zuerst als Liebender zu erkennen gibt â der seinen Stolz, aber auch die Schlacht zuerst aufgibt: ââGerlint,â rief Dietwin, âich kann es nicht ertragen, wenn dein Auge auf irgend einen Mann blikt.â Gerlint wendete sich um, und rief: âDietwin, ich kann es nicht ertragen, wenn dein Auge auf ein Weib blikt.ââ (HKG 3/2, 337) Geschildert wird letztlich, im kriegerischen Vokabular der Erzählung, eine gegenseitige Kapitulation. Oder positiv gewendet: ein Unentschieden.
Zu Dietwin jun.s Kriegerpotenz und Fähigkeit, Gerlints Mauern zu erstürmen, vgl. auch folgende Passage, die sich jedoch nur in der ersten Fassung des Textes findet: ââEs hat sich auch ein Gerücht hieher gefunden, daà er eine Schöne anbethet, die niemand kennt, die wie eine Märchenkönigin mit Mauern umschlossen ist, welche Mauern Dietwin mit Halsgefahr erstiegen hat, nicht, um die Schöne zu sehen oder gar zu sprechen, sondern, wie er beim Becher geflucht haben soll, um nur zu zeigen, welch Zaunkönigwerk so eine Mauer sei, wenn er einmal Lust haben sollte, mit der Königin zu reden. Er hat sie nicht genannt, und keiner dürfe die Augen je zu ihr erheben.â (HKG 3/2, 212)
Es scheint mir übertrieben, wenn Koschorke mit Bezug auf die Duell- und Wettbewerbspassagen behauptet: âEs ist überdeutlich, dass Stifter mit solchen Anzeichen einer noch unbewussten oder jedenfalls nicht offen eingestandenen Leidenschaft lediglich die Minimalerfordernisse romantischer Konventionen der Partnerfindung bedient, ohne dafür noch ein eigenes erzählerisches Interesse aufzubringen.â Koschorke: âDer fromme Spruchâ, S. 148. Besonders die Kombination dieser Indizien mit der geradezu penetranten Sexualsymbolik zeigt, dass Stifter deutliches erzählerisches Interesse an den Leidenschaften zeigt; sie werden jedoch bewusst hinter jener verlogenen Fassade verborgen, welche sich die Geschwister für das Verschweigen ihres Inzests errichtet haben.
Die geschickte Verquickung von sexuellem Begehren, Gewalt und Verschwiegenheit findet sich noch in folgender Passage, in welcher die beiden Geschwister ihren âIrrtumâ bereits eingesehen haben: ââEs ist nur gut,â sagte die Tante, âdaà ich schon seit vielen Jahren zur Ausstattung gesammelt habe, und daà nicht jezt die ganze Gewalt herein bricht.â âSo thun gute Mütter immer, und solche, die Mutterstellen gut vertreten,â sagte der Oheim, âund besonders thun es verständige Frauen, wie du eine bist, Gerlint. Ich habe übrigens auch manch ein Ding im Verschlusse, das euch bei diesem VorkommniÃe jezt sehr zu statten kommen wird.â âLasse nur deine seltsamen Reden,â antwortete die Tante, âund daà du nicht unvorbereitet sein wirst, wenn das, was wir wünschen, zu Stande kommt, habe ich mir immer gedacht.ââ (HKG 3/2, 349) Auch in dieser mehrdeutigen Passage wird erkennbar, dass die Geschwister sich seit Jahren auf eine (wie auch immer geartete) Hochzeit zwischen Gerlint und Dietwin vorbereitet haben â auf âdas, was wir wünschenâ. Zentral ist indes, dass die Geschwister durch die fortwährenden Andeutungen und Planungen dieser (doppeldeutigen) Dietwin-Gerlint-Beziehung nicht gänzlich unvorbereitet sind für die âganze Gewaltâ dieser Leidenschaft. Auch hier lässt sich zwischen den Zeilen herauslesen, dass es nicht nur um die Beziehung zwischen den beiden Kindern geht, sondern dass die beiden Geschwister implizit zu verstehen geben, dass die Realisation ihrer Inzest-Wünsche nicht aus dem Nichts kommt.
Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 716.
Vgl. ebd., S. 715â719.
Ebd., S. 676. Die Autoren schreiben auÃerdem: â[D]ie spielerischen Sprachzeremonien der Figuren im Frommen Spruch [sind] Phantasmagorien der Angst des Produzenten vor seinem eigenen Material: den Wörtern; einer Angst allerdings, die das Stadium von Drohung und Fluchtversuch übersprungen oder hinter sich gelassen und das der Starre erreicht hat.â Ebd., S. 678.
Koschorke/Ammer haben sichtlich Mühe, das von Stifter selbst als âscherzendâ (PRA 22, 160) bezeichnete Handlungsgefüge ins gänzlich Ernste, Pathologische umzudeuten: âDie oft diagnostizierte Komik der Erzählung ist weniger eine dem Fundus der Erzählhaltungen in auktorialer Souveränität entnommene humorige Stimmungslage als Konsequenz der immanenten Bewegung von Stifters Dichtung überhaupt: Folge des ins UnzeitgemäÃe treibenden Zwangs, die Dichtung auf Harmonie zu verpflichten, dessen Produkt das weltenthoben Wunderliche des Spätstils und die Verkarstung seiner Sprache ist.â Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 683. Dass hier der Spätstil auch selbstironisch verhandelt werden könnte, schlieÃen die Autoren kategorisch â und meiner Meinung nach: zu Unrecht â aus. Vgl. ebd., S. 679.
Hein: Adalbert Stifter. Sein Leben und seine Werke, S. 826. Es ist indes problematisch, dass Hein Onkel und Tante âan der Grenze des Greisentumsâ vermutet. Ebd. Denn auch wenn man im 19. Jahrhundert das Greisenalter früher ansetzte, verfällt Hein an dieser Stelle dem bewussten Alters-Kokettieren der erst 44-jährigen (!) Tante und des 50-jährigen Oheims, die so ihr erotisches Begehren herunterzuspielen suchen. Ãhnliches gilt übrigens auch für den Trauerflor der Tante; sie trägt diesen, wie sie angibt, zu Ehren ihres verstorbenen Mannes (vgl. HKG 3/2, 201). Vordergründig wird damit das Bild einer keuschen, trauernden, verschlossenen Frau präsentiert. Die Kleidung ist aber auch eine geschickte Fassade. Denn hinter resp. unter der schwarzen resp. grauen Trauerkleidung vermutet niemand unkeusche Gedanken; entsprechend ermöglicht sich die Tante durch ihre Kleidung und ihr damit âzelebriertesâ Witwendasein auch einen Freiraum, der ihr spielerische Avancen zum Oheim und Dietwin jun. erlaubt. Diese Möglichkeit übersieht Beckmann, wenn er sich lediglich auf die vordergründige Symbolik der Trauerkleider bezieht. Vgl. dazu: Beckmann: âStifters Erzählung âDer fromme Spruchââ, S. 81. Die Kleidung als Fassade ist ein Schema, das Stifter bereits im Alten Siegel durch die Greisenkleider tragende Cöleste verwendet hat. Vgl. detaillierter das Unterkapitel 5.5 (Un-)Zucht II: Krieg und Liebe dieser Arbeit.
Borchmeyer umschreibt Stifters Frommen Spruch mit der abgründigen Sentenz: âParodie als lächelndes Abschiednehmenâ. Borchmeyer: âSpätstil in zweierlei Gestaltâ, S. 239.
Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 676.
Dazu auch Borchmeyer: âDer Fromme Spruch ist wie der thematisch verwandte Kuà von Sentze eine Art Satyrspiel zum Witiko [Hervorh. i. O.]. Wird dort die Ritualisierung des Lebens als der geschichtlich-natürliche Ausdruck der Feudalzeit ernst genommen, so rückt sie in diesem End-Spiel einer aussterbenden, weltabgeschiedenen Landadelsfamilie unter ironische Vorzeichen. Diese Ironie ist aber auch zu einem guten Teil Selbstironie des Erzählers Stifter, der hier wesentliche Eigenschaften seines Stils parodistisch überspitzt.â Borchmeyer: âSpätstil in zweierlei Gestaltâ, S. 248. Gleichzeitig räumt er aber auch ein, dass sich über Stifters Text âder graue Schleier der Schwermut [â¦] über alle Begebenheiten und Personen legt und der selbst ihre Heiterkeit verdunkelt.â Ebd., S. 249. Eine genauere Erläuterung dieser Schwermut, beispielsweise über das (in dieser Analyse unternommene) zusätzliche Herausarbeiten von Zwang und Angst im Hause von der Weiden, bleibt der Autor schuldig.
Dazu auch Koschorke/Ammer: âUnd so kann man analog zur symbolischen Exekution des Inzests auf Handlungsebene von einem Inzest zwischen Zeichen und Bedeutung sprechenâ. Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 694.
Ebd., S. 708.
Nochmals Koschorke/Ammer: âStifter läÃt den Erzähler sich in den Habitus eines mittelalterlichen Chronisten einpassen, das heiÃt erzähltechnisch in der Ordnung des Textes verschwinden. Die Stagnation, die der Text durchexerziert, will gefeiert, genossen, ja geheiligt, nicht erlitten sein.â Ebd., S. 706.
Fountoulakis weist darauf hin, dass der fromme Spruch zwar vorderhand erfüllt, jedoch de facto ââmissbrauchtââ werde: âMit seiner Hilfe soll Autorität dargestellt werden, da er sozialen Wert trägt. Die Darstellung ist aber ironisch; die âsprachlichen Autoritätenâ (Figuren) werden entlarvt, und die Annahme, dass Ordnung durch sprachliche Operation herbeigeführt werden könne, deutet sich als Irrtum an. Zwar erscheint der Spruch am Ende âversöhnlichâ im ârichtigenâ Kontext, aber zu spät: Sprache und Gesetz(gebung) können nicht in eins gehen. Der Text suggeriert: das Individuum (die sprachlichen Figurenautoritäten) irren vorübergehend; Recht hingegen erhält in gewisser Weise die kollektive Weisheit, die anonymisierte Sozietät; dafür steht die denkbar formelhafte Rede in Form des Sprichwortes, die Wort für Wort zitiert wird. Doch der Text subvertiert selbst diese Formel: der Spruch wird nirgends identisch wiederholt. Durch die ständige Herbeizitierung des Spruchs geht zudem dessen performative Kraft verloren; die Ironie und die Wiederholungsmaschinerie wirken der Autorisierung entgegen.â Fountoulakis: âDer Finger des Himmelsâ, S. 56. Eine solche Leseweise wirkt indes etwas bemüht; denn streng genommen spielt es keine Rolle, ob die Menschen versuchen, ins göttliche Wirken einzugreifen. Da die Ehe (im Sinne des Spruchs) determiniert ist, steuert jede Handlung letztlich auf die Erfüllung des Spruchs zu â wie dies auch hier der Fall ist. Erst das Eingreifen der Figuren befördert das Zusammenkommen der Liebenden. Wichtiger scheint mir insofern nicht, dass die beiden letztlich zusammenkommen, sondern wie die Figuren den Spruch deuten â und was dies wiederum über ihre eigenen inzestuösen Motive aussagt. Ãhnlich ging Stifter die Frage des göttlichen Wirkens bereits im Beschriebenen Tännling an. Bezeichnenderweise hatte Stifter zum Zeitpunkt des obigen Briefs den âSchluÃâ, wie er selbst notiert, noch ânicht fertigâ geschrieben (PRA 22, 113).
Besonders der letzte Teilsatz der Erzählung ist in diesem Zusammenhang nochmals von einer abgründigen Doppeldeutigkeit: â[D]ie Tante sagt jezt öfter als je: âDie Ehen werden in dem Himmel geschlossen.ââ (HKG 3/2, 361) Gemeint ist damit nur vordergründig der Umstand, dass die Ehe zwischen den beiden Jungen bereits vorherbestimmt war. Durch die Blume geht es hier ein letztes Mal um jene inzestuösen Fantasien, deren volles Ausmaà die Geschwister erst erfassen, als ihnen durch die Heiratsankündigung ihrer Ziehkinder klar wird, dass sie ihr eigentliches Begehren auf ihre identisch aussehenden Kinder sublimiert haben. Zwar entscheiden sich Tante und Oheim (wie immer) dafür, diese Erkenntnis zu verdrängen â ihre Verführung, ihr âsittlicherâ Sündenfall aber lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Vor diesem Hintergrund ergeben sich mit Blick auf die Onkel-Tante-Beziehung v. a. zwei Deutungsmöglichkeiten von Gerlints Ausspruch. Entweder ist dieser resignativ zu verstehen in dem Sinne, dass jene (in Stifters Worten) âwidersinnigeâ Vereinigung von Bruder und Schwester nicht mehr im Diesseits, sondern (wenn überhaupt) nur im Jenseits Erfüllung finden kann. Oder aber der Gerlintâsche Satz ist als Bekräftigung des lange gehegten und nun endlich offenliegenden Begehrens zu begreifen: Immerhin leben die beiden Geschwister nun, mit der EheschlieÃung ihrer âKinderâ, genau so, wie es der Oheim in seinem Traumszenario skizziert hat. Man erinnere sich: âWenn ich dann auf Weidenholz ginge, und du nach Bergen, so wären wir unter uns und mit den Kindern Nachbarn, und könnten uns sehr oft besuchen. Etwas Schöneres ist kaum zu denken.â (HKG 3/2, 197) Ferner ist die Ãnderung der Tempusangabe im letzten Satz der Erzählung zu beachten: Wenn nämlich die Leseweise der Autoren der HKG korrekt ist, verwendet der Erzähler hier erstmals nicht das Präteritum, sondern die Präsens-Form (âdie Tante sagtâ, nicht: âdie Tante sagteâ). Daraus lässt sich, wie John festhält, gar eine neue Deutung gewinnen: âDer Text erfährt durch eine präsentische Lesart zwar eine unvermittelte Aktualisierung, zugleich vermag die Wendung âund die Tante sagt jezt öfter als jeâ durchaus auch an die uns aus dem Märchen geläufige SchluÃformel âund wenn sie nicht gestorben sind â¦â erinnern. Könnte dies nicht sogar eine ironische SchluÃvolte nahe legen [â¦]?â John, Johannes: ââsagtâ oder âsagteâ? Editionsphilologische Ãberlegungen zum letzten Satz von Adalbert Stifters Erzählung âDer fromme Spruchââ. In: Johannes John u. a. (Hg.): Stifter und Stifterforschung im 21. Jahrhundert. Biographie â Wissenschaft â Poetik. Tübingen: Niemeyer 2007, S. 295â306, hier S. 300. Der (ironische) Märchenschluss könnte freilich auch ein (mehrdeutiges) Happyend der Geschwisterbeziehung suggerieren. Letztlich aber lässt sich, wie John bemerkt, editionsphilologisch nicht abschlieÃend klären, ob Stifter hier tatsächlich die präsentische Form wählt. Zur Schwierigkeit der Lektüre nochmals John: âStifters Abschreiber las hier übrigens âsagtâ, während die Herausgeber der Prag-Reichenberger-Ausgabe sich für das Imperfekt entschieden. Daà die Herausgeber des âWitikoâ innerhalb der âHistorisch-Kritischen Ausgabenâ, mithin also Experten par excellence, wenn es um die Handschrift des späten Stifter geht, unabhängig voneinander zu je unterschiedlichen Ergebnissen kamen, sei am Rande ebenfalls angemerkt â¦â Ebd., S. 302. Mit Blick auf diesen ambivalenten Schluss scheint es mir ungenau, wenn Koschorke/Ammer behaupten: âDaà es kein Glück auÃerhalb des vollständigen Vorweg-Verzichts auf Glücksverwirklichung gibt, diese sublime Botschaft teilt die Erzählung mit den meisten ihrer Vorgängerinnenâ. Koschorke/Ammer: âDer Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angstâ, S. 692. Ob die Geschwister tatsächlich auf ihr gemeinsames Glück verzichten, lässt der Text offen.
Nicht umsonst bemerkt Dietwin jun., im âgroÃen Saalâ der Familie stehend und die identischen Porträts der vier von der Weidens musternd, gegenüber Gerlint jun.: â[D]iese Bilder [werden] ihre Geltung haben, wenn auch viele Jahre vergangen sind, und wenn selber eine Zeit käme, in der man gar nicht mehr wüÃte, wen sie vorstellenâ (HKG 3/2, 337).
In diesem Zusammenhang auch Koschorke: âWill man dem Text eine tiefenpsychologische Dimension unterlegen, dann wird durch den Stellvertretungsakt der Heirat von Cousin und Cousine eine stark inzestuöse Bindung der Geschwister in den Bereich des eherechtlich Erlaubten verschoben und im Schritt von einer Generation zur anderen gewissermaÃen legalisiert.â Koschorke: âDer fromme Spruchâ, S. 148. Twellmann gibt indes zu bedenken: âEndogamie [â¦] ist hier weniger durch ein psychoanalytisch zu fassendes Begehren der Individuen motiviert, als vielmehr durch die Interessen des Hausesâ. Twellmann: âSpätökonomikâ, S. 608. Mir scheint es allerdings ebenso unmöglich wie unproduktiv, die beiden Sphären (Erotik und Haus) gegeneinander ausspielen zu wollen. Die Pointe ist vielmehr, dass erotisches Begehren, genauer: dass Inzest mit der häuslichen Prosperität, mit dem Emporblühen des Stammes verschaltet wird. Die âGliederâ des Hauses leben ihre âgereinigtenâ Leidenschaften innerhalb des Hauses aus; aus der (sexuellen) Einheit entsteht Reinheit â und vice versa.
Vgl. zur Erzählung Kazensilber das Unterkapitel 7.4.5 Exkurs: âKazensilberâ oder: Stifters wilde Mädchen dieser Arbeit.
Geulen: Worthörig wider Willen, S. 144.
Ebd., S. 145.
Vgl. hierzu einschlägig: Koschorke: âDie Macht der Körnleinâ.
Es hilft in diesem Zusammenhang nicht, dass Stifters Briefe nach Julianes Tod in auffälliger Weise deren erotische Reize betonen. Gegenüber Louise Eichendorff schrieb Stifter in einem Brief vom 6. Mai 1859: âSo weit [â¦] bis jezt unsere Forschungen reichen, die ich unausgesezt überall, wo ich die geringste Auskunft hoffen kann, anstelle, dürfte eine Ãbersezung der Menstruation ins Gehirn die Ursache sein. Wir ahnten nicht das Geringste davon. Ihre verworrenen Handlungen in den lezten Stunden, bevor sie fort ging, erfuhren wir erst, da sie schon fort war; kleine Anzeichen, die in unserer Gegenwart vorfielen, verstanden wir nicht. Das Mädchen hatte sich in dem lezten Jahre sehr rasch entwikelt, war sehr üppig geworden, und viele nannten sie schön. [â¦] Sie war auch sehr gesund, nur eine tiefe lebhafte Röthe überkam oft ihr Angesicht, was wir auf Rechnung ihrer Jahre und Entwiklung schrieben.â (HKG 11/4, 61) Nachdem Stifter gegenüber Heckenast noch nicht in der Lage war, den Grund für Julianes Suizid anzugeben, lautet seine âhumoralpathologisch[e]â (HKG 6/4, 173) Erklärung hier also, Juliane sei durch ihre rasche körperliche Entwicklung das Menstruationsblut in den Kopf gestiegen, was sie geistig verwirrt habe. Da die Menstruationsthese allerdings hauptsächlich auf Stifters eigene âNachforschungenâ zurückgeht und sich entsprechend auf seine eigene Schilderung des Mädchens bei den Ãrzten stützt, verrät sie mehr über Stifter als über Juliane selbst. An Marie von Hrussoczy (Brief vom 2. Juni 1859) schrieb er diese Menstruationsthese fort: âEine äuÃere Ursache konnten wir bisher troz aller Forschungen nicht auffinden. Nicht das geringste unmittelbare Merkmal biethet sich dar. Dagegen finden sich mehrere Anhaltspunkte, die immer klarer ein Gesammtbild zu der Vermuthung liefern, daà ein Zurüktreten des Blutes bei der ganz ungewöhnlich üppigen Entwiklung des Mädchens seit mehreren Monaten und bei ihrer groÃen Vollblütigkeit einen zeitweisen Wahnsinn oder eine sonstige Störung der Empfindungsnerven und in Folge davon das traurige Ereignià hervor gerufen hat.â (HKG 11/4, 63) Mit der Menstruationsthese âentlasteteâ Stifter Juliane auch. Denn als âKrankeâ bzw. âVerrückteâ war sie nicht zurechnungsfähig â und ihr Suizid moralisch weniger verwerflich, was auch ein kirchliches Begräbnis ermöglichte. Diese Entlastung war aber freilich auch eine Entlastung der Stifters. Wenn Juliane nämlich â in Stifters Logik â krank war (durch Menstruation und zu viel Geschlechtstrieb), dann trug bzw. trüge auch das Ehepaar Stifter keine Schuld. Dem referierten Erklärungsansatz blieb der Autor entsprechend treu; in einem weiteren Brief (13. Juli 1859), dieses Mal an Joseph Axmann, bemerkte er: âSpäteren Nachforschungen zu Folge dürfte wohl Zurüktreten des Blutes, was sich am 20ten ereignete, was wir aber viel später erfuhren, in ihrem Körper, der sich seit dem Herbste 1858 ungewöhnlich üppig entwikelte, eine Verwirrung angerichtet haben.â (HKG 11/4, 67) Von einem möglichen unglücklichen Liebesverhältnis, das Julianes Selbstmord ausgelöst haben könnte â eine These, die in der Forschung gerne herangezogen wird, da so auch ein mögliches Verschulden Stifters negiert werden kann (vgl. exemplarisch Schoenborn: Adalbert Stifter, S. 36) â, ist bei Stifter nie die Rede. Vielmehr ist es seine Bekannte Therese Holeczek, die diese Möglichkeit ins Spiel bringt: â[â¦] Julie hätte als Eure glückliche Tochter leben können, da aber zweifelsohne eine unglückliche Liebe oder eine zu groÃe Vollblütigkeit ihren Verstand verwirrte, wäre sie lebend unglüklich und Ihr mit Ihr.â (PRA 23, 244f.) Eine von inzestuösen Gedanken belastete Beziehung zwischen Stifter und seiner Ziehtochter lässt sich freilich nicht belegen. Zumindest biografisch aber würde dadurch die entfaltete Inzestobsession Stifters, besonders in seinem Spätwerk, erklärbar (ähnlich übrigens wie die homoerotisch-pädophilen Züge in Thomas Manns Werk).
Ironischerweise registrierten die Kritiker damit durchaus die humoristische Machart des Texts, nahmen sie jedoch nicht ernst. Dazu das Urteil von Wilhelm Lindemann: âWenn es sich darum handelt, die gähnende Langeweile und steifleinene Etikette, wie sie in aristokratischen Kreisen manchmal herrschen mag, auch äuÃerlich in der Form [Hervorh. i. O.] darzustellen, dann ist hier das Möglichste erreicht, aber das wäre, meine ich, in dieser Ausdehnung ästhetisch nicht einmal als Satire erlaubt und eine Satire soll das Stück wol doch nicht sein.â Wilhelm Lindemann: Rezension zu Stifters Der fromme Spruch. Zit. n.: PRA 22, 291f.