[S]o wurde ich widerstreitender Weise mitten im Kriege und Blutvergießen ein sanfterer Mensch.
Adalbert Stifter, Die Mappe meines Urgrossvaters (2. Fassung)
Böhmen zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs: Der Edelmann Heinrich von Wittinghausen sieht sich gezwungen, seine Burg gegen einen möglichen Angriff der schwedischen Seite zu wappnen. Um seine Töchter zu schützen, beschließt von Wittinghausen, sie in eine abgelegene Hütte im Hochwald bringen zu lassen. Für diese Aufgabe wählt er einen Mann namens Gregor, den er den Mädchen zunächst nur als „Führer“ (HKG 1/4, 229)1 ankündigt. Dieser Führer, heißt es später, „besitze Mittel in seiner Kenntniß der Wälder, sie immerhin zeitweise an Orte zu führen [Hervorh., B.D.], wo sie vor einer vorübergehenden Gefahr sicher wären.“ (Ebd., 251) Der „Führer“ führt die Mädchen tatsächlich sicher in den Hochwald; dort aber kann er nicht verhindern, dass Clarissas ehemaliger Liebhaber Ronald, ein unehelicher Sohn des Schwedenkönigs Gustav Adolf, sich Zutritt zu Clarissa verschafft. Ronald bemerkt dazu: „Die Zeit ist maßlos kostbar; darum drang ich so stürmend auf diese Unterredung, und führte sie mit Gewalt [Hervorh., B.D.] herbei“ (ebd., 294f.).2 Gewalt führt Ronald auch im Folgenden herbei, freilich unabsichtlich: Sein Plan, die schwedische Armee vom Angriff abzuhalten, wird vom Schwiegervater in spe, Heinrich von Wittinghausen, durchkreuzt, der Ronald aus „Verhängnis“ oder „Verblendung“ (ebd., 314) mit einem Speerwurf angreift und damit ein Blutbad verursacht.
Szenenwechsel: Ein kleiner Junge betritt mit schmutzigen Füßen das Elternhaus. Seine Mutter bemerkt sein Tun und züchtigt ihn mit einer Rute. Dem Jungen, der sich „gleichsam vernichtet“ (HKG 2/2, 27) fühlt, kommt sein Großvater zu Hilfe. Er beruhigt ihn, wäscht ihm die Füße und nimmt ihn mit auf einen Spaziergang; als der Junge ausrutscht, bietet ihm der Großvater die Hand mit den Worten: „[R]eiche mir die Hand, ich werde dich führen“ (ebd., 41). Anschließend erzählt er dem durch die erlittene Züchtigung verstörten Jungen eine gewaltgetränkte Pestgeschichte, die indirekt die mütterliche Gewaltaktion rechtfertigt.
Beide Szenarien stammen aus der Feder Adalbert Stifters; das erste aus der Studien-Erzählung Der Hochwald (1844), das zweite aus dem Bunte Steine-Text Granit (1853). Es ist die Grundannahme dieser Arbeit, dass solche Szenarien und Momente einer mitunter paradoxen Verklammerung von Phänomenen der Gewalt und der (Ver-)Führung nicht akzidenteller Natur sind, sondern sich wie ein roter Faden durch Stifters literarisches Werk ziehen.
Bevor diese These weiter entfaltet werden kann, ist jedoch zunächst zu klären, wie Gewalt und (Ver-)Führung im Rahmen dieser Arbeit definiert werden.
Gewalt
Der Terminus Gewalt ist „einer der schillerndsten“, aber aufgrund der semantischen Vagheit auch „schwierigsten Begriffe der Sozialwissenschaften“.3 Heitmeyer/Hagan schreiben zu dieser Problematik: „Die Vielfältigkeit sozialer Situationen und politischer Auseinandersetzungen als Gewalt macht es […] unmöglich, auch nur ansatzweise alle Varianten der Gewalt zu beschreiben, zumal der brutale Erfindungsreichtum von Individuen, Kollektiven und staatlichen Akteuren zur Schädigung anderer Menschen und Gruppen kaum begrenzt zu sein scheint.“4 Selbst wenn sich das Untersuchungsinteresse, wie in dieser Studie, auf das literarische Werk eines Autors konzentriert, ist die Vielfalt der zu untersuchenden Gewaltformen noch immer beträchtlich. Es ist denn auch nicht das Ziel meiner Abhandlung, sämtliche Formen der mit dem Phänomen der (Ver-)Führung in Zusammenhang stehenden Gewalt in Stifters Werk zu analysieren. Der Ansatz besteht vielmehr darin, zentrale, wiederkehrende Gewaltmomente und -kontexte in Stifters Werk zu identifizieren, um sodann auf dieser Basis schlaglichtartig auch singuläre bzw. weniger häufig anzutreffende Gewaltformen ins Auge zu fassen. Vor diesem Hintergrund geht es im Folgenden zunächst darum, das Feld des Stifter’schen Gewaltbegriffs abzustecken und Schwerpunkte herauszuarbeiten. In den Werkanalysen des Hauptteils werden diese allgemeinen Befunde dann weiter verfeinert, differenziert und – wo nötig – justiert.
Stifter selbst verwendet den Terminus Gewalt nicht systematisch, sondern kontextabhängig im Sinne von lat. potestas und/oder violentia.5 Unter violentia verstehe ich hier den Akt einer physischen und/oder psychischen Verletzung einer Partei durch eine/mehrere andere Partei(en). Potestas wiederum referiert auf Phänomene der Macht6, Herrschaft7 und Autorität8. Bei der Analyse von Stifters Werkkorpus9 fällt zudem auf, dass der Begriff Gewalt in all seinen grammatischen Formen und Flexionen verhältnismäßig wenig auftaucht; er lässt sich gerade einmal 245-mal nachweisen. Zum Vergleich: Unverfänglichere Verben wie gehen (1701-mal) bzw. ging*10 (4672-mal), sehen* (1450-mal) bzw. sah* (3247-mal), aber auch abstraktere Begriffe wie Zeit (2643-mal) oder Dinge (1378-mal) finden sich deutlich häufiger. Dieser kurze Blick auf Stifters Wortmaterial stärkt die in den Textanalysen noch näher zu besprechende These, dass Gewaltphänomene in Stifters Werken einerseits omnipräsent sind, gleichzeitig aber weniger auf der Textoberfläche, sondern bevorzugt indirekt vermittelt werden. Gerade aber weil Stifter – besonders in seinen späteren Erzählungen – sparsam mit Vokabular operiert, das Gewalt um- und beschreibt, bekommen jene Szenen, in denen sie explizit angesprochen wird, umso größere Bedeutung. Es stellt sich daher die Frage: In welchen Kombinationen und Kontexten spricht Stifter in seinen literarischen Texten nun explizit von Gewalt? Hierzu lassen sich mehrere ‚Hauptkontexte‘ unterscheiden, die nachstehend kursorisch besprochen und sodann thematisch kategorisiert werden.
Gewalt tritt bei Stifter oftmals im Zusammenhang mit außerordentlichen Naturphänomenen auf, die gleichzeitig die Möglichkeit eines göttlichen Waltens suggerieren. In pointierter Form findet sich diese Kombination im autofiktionalen Text Ein Gang durch die Katakomben (1841) dokumentiert. Hier berichtet der Ich-Erzähler von einer Führung durch die unterirdische Gräber-Welt Wiens; angesichts der unzähligen, über Jahrhunderte angewachsenen Leichenberge, die er dabei zu Gesicht bekommt, ruft der Erzähler entsetzt – und fasziniert – aus: „Ach! welch eine furchtbare, eine ungeheure Gewalt muß es sein, der wir dahin gegeben sind, daß sie über uns verfüge“ (HKG 9/1, 57). Gewalt bezeichnet hier einerseits eine göttliche bzw. höhere Macht, welche die Menschen in ihrem Handeln leitet; der Terminus rekurriert aber auch auf den physischen (und indirekt: psychischen) Akt der Gewalt selbst, durch welchen die menschlichen Körper langsam zersetzt werden. In strukturell ähnlicher Weise überfällt Cornelia, die weibliche Hauptfigur in Stifters Frühwerk Der Condor (1840), bei ihrem Unternehmen, mittels einer Ballonfahrt den endlosen Raum des Kosmos zu überblicken, ein existenzielles Erschrecken: „Die Erhabenheit begann nun allgemach ihre Pergamente auseinander zu rollen – und der Begriff des Raumes fing an, mit seiner Urgewalt auf die Phantasie der Schiffenden zu wirken“ (HKG 1/1, 18). Diese Urgewalt ist zu erdrückend für Cornelia: „[S]ie […] schaute mit stillen, wahnsinnigen Augen um sich, und auf ihren Lippen stand ein Tropfen Blut.“ (Ebd., 22) Solche gewaltsamen, über die Ästhetik des Erhabenen eingezogenen Naturerfahrungen finden sich zahlreich in Stifters Werk; oftmals unterminiert Stifter dabei idealistische Erhabenheitskonzepte (wie beispielsweise jene von Schiller oder Kant),11 indem er (wie im zitierten Fall des Condors) eine moralische Selbsterhöhung des Subjekts ausbleiben und stattdessen die Gewalt überhandnehmen lässt.
Die konstatierte Verschränkung von potestas und violentia bei der Beschreibung von Naturerfahrungen ist grundsätzlich auch bei Stifters Verwendung des Gewalt-Begriffs im Kontext des Politischen beobachtbar. In Stifters großem historischen Roman Witiko (1865–67), der vom politischen Aufstieg und den Kämpfen des mittelalterlichen böhmischen Fürsten Witiko von Prčice berichtet, bezeichnet Gewalt einerseits die politische Macht und Autorität des Herrschers, ist aber andererseits auch von der Dimension der violentia durchdrungen. So sagt Witiko zu Wladislaw doppeldeutig: „Du hast im Kriege deine Gewalt behalten und vermehrt“ (HKG 5/3, 145). Blickt man über Stifters literarisches Schaffen hinaus, so findet sich diese Durchdringung auch in seinen theoretischen Schriften. In einem politischen Text aus dem Jahr 1849 hält Stifter zur Geschichte von Staatengründungen fest: „Darum traten sie [die Menschen, B.D.] […] zusammen in den Staat, machten Gesetze, die sie schützten, und setzten eine Gewalt ein, die die Gesetze aufrecht hielt. Jetzt waren sie frei und jetzt konnte sie Keiner mehr zwingen.“ (HKG 8/2, 69)
Im Witiko ist ferner auch der für Stifters Werk konstitutive Versuch zu beobachten, bestimmte Formen der Gewalt zu entschärfen, das ihnen eignende Element der violentia zu besänftigen. Exemplarisch die folgende Sentenz: „Wenn er nicht Raub und Gewalt ist, ehret der Kampf“ (HKG 5/1, 36). Hier wird offensichtlich versucht, den Akt des Kriegs unter bestimmten ethisch-moralischen Voraussetzungen als nicht ‚gewalttätig‘ zu codieren; vor allem dann nämlich, wenn er der Notwehr und/ oder der Verteidigung des Vaterlandes dient. Verallgemeinernd gesagt, gibt es in Stifters Werk nicht nur negative Formen der Gewalt, sondern auch dezidiert positive.12 Wie ich u. a. anhand der Brigitta-Erzählung zeigen werde, verbindet Stifter diese ‚positiven‘ Phänomene der Gewalt vielfach mit einer Affirmation bzw. einer behaupteten Sinnhaftigkeit von Schmerzerfahrungen. Nicht umsonst identifiziert der Autor in einem Brief an seinen Verleger Gustav Heckenast den eigenen Schmerz als zentrale göttliche Triebfeder seines poetischen Schaffens: „Ich gebe den Schmerz nicht her, weil ich sonst das Göttliche hergeben müsste.“ (PRA 18a, 224)13 Und auch der Oheim in der Hagestolz-JF14 (1845) hält mit Ingrimm fest: „Wer nicht zuweilen den starken Felsstein der Gewaltthat schleudern kann, der vermag auch nicht von Urkraft und von Urgrund aus zu lieben.“ (HKG 1/3, 99)
Dass Stifter diesen kernigen Gewaltsatz des Hagestolzes in der SF wieder strich, macht jedoch darauf aufmerksam, dass er v. a. der mit Liebe oftmals verbundenen „Urkraft“ der Leidenschaft skeptisch gegenüberstand. Tatsächlich ist Gewalt im Sinne der violentia bei Stifter, handelt es sich nicht um Formen natürlicher bzw. göttlicher Gewalt – z. B. die „Gewalt des Feuers“ in der 1853 erschienenen Erzählung Kazensilber (HKG 2/2, 299) –, fast immer mit Leidenschaften verbunden. Unter Leidenschaft versteht Stifter dabei, wie er in seinem Aufsatz Würde des Schriftstellers festhält,
ein die andern Seelenkräfte überragendes Streben nach einem Sinnlichen. Sie [die Leidenschaft, B.D.] strebt nach Thierischem, sei es die Erfüllung einer Körperempfindung (Wollust), sei es die Gewalt oder Alleingeltendmachung (Herrschsucht, Eifersucht, diese furchtbaren Geister der Menschheit, die sie leider mit dem Thiere, z. B. dem Hunde, gemein hat), und in diesem Streben aufgehalten, wird sie zum fanatischen Affecte, der blind gegen die Schranke stürmt. (HKG 8/1, 44)
In aller Deutlichkeit zeigt sich in dieser Passage nicht nur Stifters Neigung, Leidenschaften als langfristig-sinnliche Entgleisungen zu verdammen, sondern sie auch dezidiert mit gewalttätigen „Thieren“ bzw. Gewalt im Allgemeinen zu verbinden. Für seine Anprangerung der Leidenschaften findet Stifter in seinem literarischen Werk denn auch ein beeindruckendes Arsenal an Gewalt-Begriffspaaren: In der SF der Narrenburg (1844) beispielsweise ist von der Leidenschaft als einer „zermalmenden Urgewalt“ (HKG 1/4, 342) die Rede; im Hochwald (1844) wird die leidenschaftliche Liebe mit Krieg verbunden, wenn Ronald seiner Geliebten erklärt: „[I]ch kam gewaffnet hieher, die Gewalt eures Herzens soll mir diese Waffen nicht ablösen“ (ebd., 286). In gleichem Sinne spricht die Erzählung von der „Allgewalt der eignen Empfindung“ (ebd., 279). Zerstörerische Leidenschaften finden sich bei Stifter allerdings nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Ehe. In der Erzählung Prokopus (1847) wird die psychische Gewalt zwischen den zwei Eheleuten Gertraud und Prokopus geschildert – und das, obwohl (oder besser: gerade weil) die beiden Menschen sich lieben:
[N]ur das Eine wußte sie [Gertraud, B.D.], daß sie ihren Gatten über Alles und mit einer Inbrunst und Ueberschwenglichkeit liebe, von der sie nicht begreifen konnte, wie sie nur in der Welt möglich sei. Er [Prokopus, B.D.] liebte sie nicht minder. Wie ein Bild der Anbetung – man möchte sagen der Abgötterei – betrachtete er sie, und hatte auf der Erde keinen Wunsch, keine Freude, kein Entzücken als sie. Und dennoch waren es diese Menschen, die sich wehe thaten, die sich gleichsam wie mit schneidenden Messern die Gemüther verwundeten. (HKG 3/1, 270)
Aus (verfehlter) Liebe und einem damit verbundenen Kommunikationsdefizit (einer Angst, dem geliebten Partner zu nahe zu treten, wenn man ihn auf seine Fehler aufmerksam macht) entsteht in Prokopus ein Kreislauf der Gewalt, der die beiden Eheleute in tiefes Unglück stürzt. Besonders das weibliche Leiden kleidet Stifter dabei in ein ebenso drastisches wie explizites Gewaltvokabular: „Sie klärte und ebnete […] alles, daß es blank und rein und übersichtlich da lag – und was sie nicht gewältigen konnte, stellte sie außer ihren Kreis, daß es gar nicht da war – und wer es ihr herein brachte, that ihr feindliche Gewalt an, die sie wie ein Versuch ihrer Vernichtung berührte.“ (Ebd., 269f.) Genau diese Gewalt nun ‚tut‘ Prokopus seiner Gattin an, indem er – unwissend bzw. unabsichtlich – ihr geordnetes christliches Weltbild durch naturwissenschaftliche und philosophische Betrachtungen zerstört. Es sind ‚Angriffe‘, denen Gertraud nichts entgegensetzen kann, für deren Abwehr ihr die Sprache fehlt: „So wie sie das Angreifende haßte, griff sie selber auch nie an, sondern setzte der Gewalt nur die stumme Unmöglichkeit entgegen, sie aufzunehmen.“ (Ebd., 270) Am vielleicht treffendsten findet sich Stifters Betonung einer gewaltbringenden Wirkung der Leidenschaft im Waldgänger (1846) artikuliert, wo die geschlechtliche Reife eines jungen Mädchens als Übergang der kindlichen Unschuld in die „sanftere Gewalt der Jungfrau“ (ebd., 181) beschrieben wird.
Die erwähnte „sanftere Gewalt der Jungfrau“ steht wiederum in direktem Konnex zur Musik; diese nämlich ist es, welche im Waldgänger ein an der Grenze zur Adoleszenz stehendes Mädchen mit der „Gewalt des Gefühls“ (ebd., 183) konfrontiert und ihm damit neue, ernstere, erwachsenere Empfindungen ins Herz pflanzt. Nicht zufällig ist die Musik bzw. ihre Wirkkraft bei Stifter generell ein Trigger für Gewalt – im positiven wie negativen Sinne. In Die Schwestern (1845) erkennt der Erzähler beim Konzert einer jungen Geigen-Virtuosin – die Parallele zum Waldgänger ist offensichtlich – den „Geist der Musik, welcher sprach“, und er wird „[m]it einer tiefen, reinen, schönen, sittlichen Gewalt [Hervorh., B.D.] […] erfüllt“ (HKG 1/3, 147). Im besten Fall erhebt die gewaltsame Musik den Menschen, macht ihn sittlich besser. Im schlimmsten Fall aber, in unbeherrschter, das heißt ausschweifender Form kann eben diese Musik zerstörend auf die ihr verfallenen Subjekte wirken. Auch diese gewalttätige Wirkkraft wird in Die Schwestern gezeigt, wenn der Text die der Musik schwärmerisch frönende Camilla als kränklich, zeitweise gar lebensunfähig schildert.
Die Gewalt der Musik verweist in einem allgemeineren Sinne wiederum darauf, dass Stifter Kunstereignisse und -rezeption häufiger mit (sittlichen) Gewaltphänomenen in Verbindung setzt. Im Nachsommer (1857) sieht der Freiherr von Risach die eigentliche Größe eines Kunstwerks beispielsweise darin,
daß man keine einzelnen Theile oder einzelne Absichten findet, von denen man sagen kann, das ist das schönste, sondern das Ganze ist schön, von dem Ganzen möchte man sagen, es ist das schönste; die Theile sind blos natürlich. Darin liegt auch die große Gewalt, die solche Kunstwerke auf den ebenmäßig gebildeten Geist ausüben, eine Gewalt [Hervorh., B.D.], die in ihrer Wirkung bei einem Menschen, wenn er altert, nicht abnimmt, sondern wächst, und darum ist es für den in der Kunst Gebildeten sowie für den völlig Unbefangenen, wenn sein Gemüth nur überhaupt dem Reize zugänglich ist, so leicht, solche Kunstwerke zu erkennen. (HKG 4/2, 87)
Gerade in Stifters literarischen Texten findet sich hieran anschließend auch mehrfach der Verweis auf einen Zusammenhang von rhetorischer Brillanz und gewalt(tät)iger Wirkkraft: In der JF des Hagestolz ist von der „unglaubliche[n] Gewalt der Beredsamkeit“ (HKG 1/3, 104), in der JF der Narrenburg von der „dunkle[n] Gewalt der Dichtkunst“ (HKG 1/1, 335) die Rede. Speziell die rhetorisch-charismatische Wortgewalt, gepaart mit leidenschaftlicher Zuneigung, ist ein wichtiger Topos bei Stifter. Archetypisch dafür ist die Bitte von Mathildes Mutter im Nachsommer, Risach solle seine Beziehung zu ihrer Tochter Mathilde beenden, indem er seine sprachliche und erotisch-verführerische Gewalt dazu einsetze:
Ihr habt eine sehr große Gewalt über Mathilden, wie wir wohl immer gesehen haben, wie sie uns in ihrer Größe aber nicht erschienen ist, wendet, wenn meine Worte bei euch einen Eindruck machten, diese Gewalt auf sie an, um sie von dem zu überzeugen, was ich euch gesagt habe, und um das arme Kind zu beruhigen. (HKG 4/3, 201)
Diese Stelle wirft nicht zuletzt einen kritischen Blick auf die vermeintliche Vorzeigepädagogik des Nachsommers, indem sie die gewaltsame, für die Figuren (hier: Risach und Mathilde) mitunter verletzende elterliche Gehorsamspflicht zwar in aller Deutlichkeit artikuliert und kritisiert, Risach seine (Zieh-)Söhne Gustav und Heinrich aber trotzdem zu gehorsamen Mitläufern seiner charismatischen „Gewalt“ macht.
Noch eine weitere Form bzw. ein weiterer Kontext der Gewalt findet sich in diesem Nachsommer-Gespräch zwischen Mathildas Mutter und Risach verhandelt: die Zeit. Gegenüber dem von ihr zurückgewiesenen Schwiegersohn Risach nämlich erklärt die Mutter die Endlichkeit noch der leidenschaftlichsten Liebe mit dem Hinweis, dass „die stärksten Gefühle, welche allen Gewalten trozten, dann, da sie keinen andern Widerstand mehr hatten als die zähe immer dauernde aufreibende Zeit, dieser stillen und unscheinbaren Gewalt unterlegen sind.“ (HKG 4/3, 199) Tatsächlich wird Stifter ‚zeitlebens‘ nicht müde, die, wie es in Abdias heißt, „schleif[end][ ]e“ (HKG 1/5, 250) Zerstörungskraft der Zeit zu betonen.15 In der JF der Narrenburg beispielsweise wird angesichts einer jahrhundertealten Familienchronik, die von Sünde und Gewalt geprägt ist, die „Gewalt des Gewordenen“ (HKG 1/1, 337) beklagt, welche das Leben der Nachfahren bis in die Gegenwart beeinflusst und – jedenfalls in der Logik des Texts – de facto verunmöglicht. In der SF des Hagestolz ist außerdem von der „Gewalt der Jahre“ (HKG 1/6, 107) die Rede, die das Leben des Hauptprotagonisten zerstört und eine Rückkehr zu den Anfängen verhindert.
Aus dieser kursorischen (und wörtlichen) Tour de Force durch Stifters literarisches Oeuvre lässt sich eine erste Bestimmung jener Kontexte gewinnen, in denen Stifter Gewaltszenarien schwerpunktmäßig behandelt. Thematisch geordnet lassen sich die genannten Beispiele der expliziten Gewaltbeschreibung in folgende Blöcke untergliedern.
Naturphänomene
Religion (Gott)
Tiere
Leidenschaften (Liebe)
Politik bzw. (politische) Anführer
Krieg
Kunst, v. a. Dichtung (Wortgewalt) und Musik
Pädagogik
Zeit
Diese Systematisierung lässt sich zweifellos erweitern und verfeinern. Für die in dieser Analyse angestrebte werkübergreifende Untersuchung der Stifter’schen Gewaltdarstellungen aber bietet sie eine geeignete Basis zur Zusammenstellung des Textkorpus.16
Gleichzeitig sollte die kurze Übersicht gezeigt haben, dass sich in Stifters Gewaltbegriff Formen der violentia und potestas auf ebenso produktive wie komplexe Weise verschränken. Diese Offenheit des Stifter’schen Gewaltbegriffs ist entsprechend zu beachten und reflektieren, wenn es um die Interpretation seiner Texte geht. Um die analytische Schärfe des Begriffs zu wahren, ist es jedoch wichtig, die weite Stifter’sche Terminologie nicht einfach zu übernehmen. Wenn ich selbst also – gelöst von einem Stifter’schen Text – von Gewalt spreche, so ist damit zunächst einmal die Ebene der violentia gemeint. Verwende ich den Begriff in einem weiteren Sinne – also zur Inklusion beider Ebenen (violentia und potestas) – oder meine damit nur die Bedeutungsdimension der potestas, weise ich auf diese Spezifik hin.
(Ver-)Führung
Dem Terminus führen ist im Deutschen eine große semantische Vielfalt eigen. Bröckling notiert zu den verschiedenen Bedeutungen und Funktionen:
Zum relationalen Aspekt, der asymmetrischen Beziehung zwischen jemandem, der führt, und denjenigen, die geführt werden, kommt ein kompetitiver: der Führende liegt in einem Wettkampf vor seinen Konkurrenten; ein direktionaler: Führung als Richtungsvorgabe, Bahnung oder kundige Wegbegleitung; ein kausaler: eine Ursache führt dazu, dass ihre Wirkung eintritt; ein administrativer im Sinne der Führung eines Geschäfts; ein attributiver: man führt einen Titel oder eine Waffe; ein performativer: jemand führt sich in einer bestimmten Weise auf oder führt etwas vor; und schließlich ein ethischer [Hervorh. i. O.] wie beim polizeilichen Führungszeugnis, beim Gefangenen, der wegen guter Führung früher aus der Haft entlassen wird, oder bei der Lebensführung als Synonym für die Gesamtheit ethischer Selbstbezüge.17
In Stifters literarischen Texten finden sich nun, wie meine Close Readings zeigen werden, zahlreiche Beispiele für alle hier aufgelisteten Verwendungsweisen. Dieser Umstand ist zentraler Baustein für eine weitere Grundprämisse dieser Arbeit: Die häufige Verwendung des Lexemverbands führen und des damit verbundenen Wortfelds (lenken, leiten, folgen etc.) in Stifters Texten wird als Symptom einer tieferliegenden Struktur begriffen; der Angst vor der inneren (seelisch-moralischen) und äußeren (gesellschaftlichen) Gewalt, welcher der Mensch zeitlebens ausgesetzt ist, begegnet Stifter in seiner Literatur vielfach mit Führungsfiguren und (sprachlichen) Führungsformen, die dazu dienen bzw. dienen sollen, Ordnung zu stiften. Dieser Zusammenhang kommt besonders zur Geltung, wenn der Begriff des Führens in der von Foucault beschriebenen doppelten Semantik in den Blick genommen wird:
Der Ausdruck ‚Führung‘ (conduite [Hervorh. i. O.]) vermag in seiner Mehrdeutigkeit das Spezifische an den Machtbeziehungen vielleicht noch am besten zu erfassen. ‚Führung‘ heißt einerseits, andere (durch mehr oder weniger strengen Zwang) zu lenken, und andererseits, sich (gut oder schlecht) aufzuführen, also sich in einem mehr oder weniger offenen Handlungsfeld zu verhalten. Machtausübung besteht darin, ‚Führung zu lenken‘, also Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit von Verhalten zu nehmen.18
Führung kann einerseits als die bewusste Lenkung von Subjekten durch eine machtausübende, regierende Instanz verstanden werden. Das heißt: als fremde Führung eines Subjekts von außen. Andererseits bezeichnet Führung aber auch die Steuerung des eigenen Verhaltens, verweist also nach innen (Selbstführung).19 Damit, so meine ich, sind jene Modi des Führens umrissen, die Stifters literarische Texte bevorzugt umkreisen.
Geradezu mustergültig findet sich dieser Konnex von Eigen- und Fremdlenkung in Stifters Nachsommer abgebildet: Der Freiherr von Risach, ein mit hohen Meriten aus dem Staatsdienst geschiedener Charismatiker, hat sich dort auf ein Landgut zurückgezogen, um seine letzten Jahre in unmittelbarer Nähe zu seiner Jugendliebe Mathilde zu verleben. Auf seinem Gutshof züchtet Risach Rosen und lebt in friedvoller ‚Harmonie‘ mit seinen Untergebenen und Freunden. Diese Harmonie jedoch ist in erster Linie Erzeugnis einer rigorosen Ordnungs- und Redekultur. Ja, Risachs vermeintliches Paradies trägt bei genauerer Betrachtung Züge einer, mit Goffman gesprochen, „totale[n] Institution“20, hinter deren Mauern – bzw. Rosen und Gittern – grundsätzlich weder Fremdes noch Widerspruch geduldet werden.21 Hinter all der vorgeschobenen Höflichkeit und Freiheit, die Risach seinen Gästen und Untergebenen entgegenbringt bzw. einräumt, bleibt ein Grundsatz nämlich unangetastet: Risach ist der Herrscher dieses Rosenguts – sein Wille und Wort sind oberstes Gesetz.22
In subtiler Weise muss Heinrich, der im Grunde charakterlose Ich-Erzähler des Nachsommers, diese Erfahrung gleich beim ersten Aufeinandertreffen mit Risach machen. Als sich ein Gewitter anzubahnen scheint, gelangt Heinrich durch Zufall auf Risachs Hof. Er erkundigt sich beim Hofbesitzer, ob er bei ihm Zuflucht nehmen dürfe. Risach nimmt ihn auf, erklärt ihm aber sachlich, dass es kein Gewitter geben werde. Nicht nur behält Risach mit seiner durch genaue Naturbeobachtung deduzierten Aussage Recht, er macht Heinrich gleich bei dessen Eintritt in die gitterverriegelte Rosengut-Welt klar, welche Machtverhältnisse hier herrschen: „[E]r schloß das Gitter, und sagte, er wolle mein Führer sein. Er führte mich um das Haus herum; denn in der den Rosen entgegengesezten Seite war die Thür. Er führte [Hervorh. B.D.] mich durch dieselbe ein, nachdem er sie mit einem Schlüssel geöffnet hatte.“ (HKG 4/1, 52) Der Führungsanspruch des Schlüsselhüters Risach wird hier durch die Wortwiederholungen geradezu sprachlich ritualisiert und konstituiert. Bezieht sich Risachs Führungsanspruch vorderhand nur in direktionalem Sinne darauf, seinem Gast das Anwesen zu zeigen (ihn durch dieses zu ‚führen‘), gewinnt die Aussage vor dem Hintergrund der ganzen Geschichte größeres Gewicht. Nicht nur wird Risach Heinrichs Führer durch den Garten, er führt ihn fortan wörtlich und metaphorisch durchs Leben. Er wird Mentor und zweiter Vater Heinrichs.23 Analog funktioniert diese Erzählstruktur in vielen von Stifters Erzählungen, beispielsweise auch in Die Mappe meines Urgrossvaters (1841–42/47/64/67). Dort nimmt sich ebenfalls ein bereits älterer Mann (der sanfte Obrist) eines jungen Menschen (des Doktors Augustinus) an, um ihn durch sein Anwesen, aber eben auch auf dessen Lebensweg zu begleiten bzw. „führ[ ]e[n]“.24 Dadurch, dass er Augustinus’ Suizidvorhaben durchkreuzt und ihm seinen Lebenswillen zurückgibt, wird er für den Doktor gar zu mehr als einem zweiten Vater; er wird zu einer gottgleichen Autorität, der er sein Leben verdankt.25
Der soeben verwendete Begriff der Autorität ist in diesem Zusammenhang besonders fruchtbar, wenn er mit Blick auf die Überlegungen des Soziologen Heinrich Popitz gefasst wird. Popitz definiert den herkömmlichen Autoritätsbegriff wie folgt:
Autorität beruht auf der Anerkennung einer Überlegenheit, die zu einer starken Anpassungsbereitschaft führt. Damit werden wohl auch die Kennzeichen unterstellt, die wir bisher besprochen haben: Fügsamkeit auch ohne Kontrolle, Übernahme von Einstellungen und Unabhängigkeit von Zwang.26
Dieses „konventionelle Autoritäts-Konzept“ hält Popitz für plausibel, aber „kurzatmig“. Denn:
Die Anerkennung von Überlegenheit mit der entsprechenden Einflußbereitschaft ist ein Element des Autoritätsphänomens. Sie kann auch eine Vorstufe sein. Aber sie macht die Besonderheit von Autoritätswirkungen nicht begreiflich. Vor allem bleibt die spezifische Gebundenheit des Autoritätsabhängigen unverständlich, seine vertrackte Gefesseltheit an eine bestimmte soziale Beziehung.27
Es geht Popitz also nicht einfach darum, über den Begriff der Autorität auf den Umstand zu verweisen, dass die autoritätshörige Person eine andere als überlegen anerkennt. Ihn interessiert vielmehr die Frage: Weshalb überhaupt unterwirft sich die Person? Weshalb wird eine Instanz als überlegen anerkannt? Popitz’ Antwort: „Ich nehme an, daß Autoritätsbindungen auf dem Bestreben beruhen, von anderen anerkannt zu werden.“28 Diese These ist aufgrund ihrer psychologisch-anthropologischen Setzung nicht unproblematisch. Für Stifters Werk aber scheint sie mir anschlussfähig und hilfreich, da sie einen zentralen psychologischen Mechanismus in seiner Prosa beleuchtet: Stifters Texte sind vielfach durchdrungen von Szenarien, in denen sich Subjekte einer Autorität (Gott bzw. der Natur; einem Mentor bzw. Patriarchen etc.) in der Hoffnung fügen, aus dieser Konstellation Sicherheit und Anerkennung zu erlangen. Im Bewusstsein, dass die Anerkennung einer höheren Instanz für das Sicherheits- und Selbstwertgefühl entscheidend ist, liegt nach Popitz auch die Erklärung, weshalb ein Vertrauensverlust von und in die Autorität so schmerzhaft sein kann:
Wir durchschneiden das Band, an dem unsere Zuversicht – sichere oder zweifelnde Zuversicht – hängt, in der Welt etwas zu taugen, zu gelten. Auch das oft Beklemmende gelöster Autoritätsbindungen wird einsichtiger als beklemmendes Bewußtsein einer Unterwerfung, von der wir befreit sind, einer Sicherheit, aus der wir freigesetzt sind.29
Genau diese Verschränkung von Autoritätshörigkeit, Selbstwerterhöhung und existentieller Angst, der Verlust dieser Autorität könnte den Verlust des Selbst- bzw. Weltzusammenhangs bedeuten, durchzieht nicht nur Augustinus’ Denken in der Mappe, sondern auch, wie sich zeigen wird, einen Großteil von Stifters Werken – und nicht zuletzt sein Leben selbst.
Vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen scheint es in gewisser Weise folgerichtig, dass Stifters von Mentorenfiguren geprägtes Werk im Witiko kulminiert, in dessen Zentrum eine politische Führerfigur steht. Dieser Witiko begeht im Roman zwar durchaus strategische Fehler, seine Herrschaftskompetenzen werden aber zu keinem Zeitpunkt infrage gestellt. Als die böhmischen Stämme debattieren, ob sie für den Kaiser in den Krieg ziehen, heißt es im Roman exemplarisch:
‚Witiko soll der Führer sein,‘ rief der goldblonde Jüngling.
‚Ich sage, Witiko soll uns führen,‘ rief ein alter Mann, ‚er hat uns besser geführt, da auf dem Berge der grüne Mann getödtet worden war, als uns vor ihm der grüne Mann geführt hat.‘
‚Witiko, der Führer,‘ riefen mehrere.
‚Witiko, der Führer,‘ riefen fast alle. (HKG 5/2, 278)
Es sind Textstellen wie diese, die Arno Schmidt zu der polemischen Aussage verleitet haben, Stifters Witiko sei ein „Handbuch für Offiziersanwärter“ und vom Mief nationalsozialistischen Gedankenguts durchzogen.30 Wenn auch in der Sache verfehlt, regt Schmidts Polemik doch dazu an, kurz die historische Semantik des Wortes Führer zu untersuchen, um allfälligen Missverständnissen des seit der nationalsozialistischen Herrschaft belasteten Begriffs vorzubeugen.
Wichtige Hinweise liefert hier der Blick in zentrale deutschsprachige Enzyklopädien und Wörterbücher des 19. Jahrhunderts. Im Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart wird der Begriff Führer Ende des 18. Jahrhunderts wie folgt definiert:
Der Führer, des -s, plur. ut nom. sing. Fäm. die Führerinn, plur. die -en, der oder die eine Person oder Sache führet, so wohl in den eigentlichen, als in den sechs ersten figürlichen Bedeutungen des Zeitwortes. Der Führer eines Schiffes, eines Blinden, eines wilden Thieres. Ältern und Führer (der Kinder) müssen sich stets erinnern, was sie bestrafen, und warum sie strafen […].31
In seiner primären Bedeutung ist der Begriff des Führers hier nicht politisch konnotiert. Führer wird zunächst einmal im Sinne eines Lenkers und Unterstützers verstanden. Bereits in dieser Passage aber wird ein enger Nexus zwischen Führung und Gewalt deutlich – und zwar im Akt der Strafe. Tatsächlich ist es bemerkenswert, dass im Zitat die Strafe als eine legitimierte Gewalttat dargestellt wird. Die Logik dahinter scheint zu lauten: Wer führt, darf strafen. Gewalt wird implizit als Macht- oder Erziehungsinstrument von Führung gefasst; ein Zusammenhang, der besonders für die im Hauptteil dieser Arbeit vorzunehmenden Textanalysen bedeutsam ist. Weiter heißt es zum Begriff des Führers im Adelung:
In einigen Oberd. Gegenden ist der Führer bey den Armeen so viel als im Hochdeutschen der Caporal oder Corporal, weil er die Rotte führet. Bey der Schwedischen und einigen andern Armeen ist der Führer ein Unter-Officier, welcher in Zügen hinter dem Fähnriche gehet, wenn derselbe die Fahne trägt, und sie ihm im Nothfalle abnimmt. Bey den meisten Deutschen Truppen heißt er Fahnjunker. Aber alsdann bedeutet dieses Wort so viel als Furier, weil er ehedem zugleich die Zufuhre zu besorgen hatte. S. Furier. An verschiedenen Maschinen ist der Führer ein Werkzeug, welches die Richtung eines andern in Bewegung gesetzten Körpers bestimmet, wie an den Elektrisir-Maschinen. S. auch Anführer, Brautführer, Buchführer, Rädelsführer, Durchführer u.s.f.32
Erst in nachgeordneten Bedeutungen ist der Führerbegriff ans Militärwesen gebunden – und damit indirekt an Disziplin, Ordnung und, im weitesten Sinne, ans Politische.
Im Großen Conversations-Lexicon für gebildete Stände, auch Ur-Meyer genannt, ist rund ein halbes Jahrhundert später, 1847, für das Wort Führer ein ähnlicher Artikel zu lesen:
(auß der gewöhnl. Bedeut.), 1) s. v. a. Erzieher; – 2) (Militärw.), die beim Schwenken und Marschiren der Truppen zur Erhaltung der Richtung besonders thätigen Unteroffiziere und Soldaten aus den Flügeln der (Pelotons); – 3) (Maschinw.), der Theil einer Maschine, welcher die Richtung eines in Bewegung gesezten Körpers bestimmt; – 4) Mus.), lat. Dux, Subjectum, ital. Guida, franz. Sujet, Benennung des Fugenthema’s im Gegensaze zu dem Gefährten. G. Fuge und Fugenthema.33
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts meinte der Begriff also zunächst einmal Lenker, Erzieher und/oder Unterstützer. Diese Beobachtung spiegelt sich auch in Stifters Werk: Die auftretenden ‚Führerfiguren‘ sind – wenn sie nicht dezidiert die Funktion eines Wegbegleiters in der Natur haben – vielfach als Erzieher bzw. Mentoren modelliert; sie sind keine ‚klassischen‘ Lehrer, nehmen sich aber meist pädagogisch den jüngeren Protagonisten an und ‚führen‘, d. h. erziehen und lenken sie zu einem Leben, das ihnen – den Führern – adäquat erscheint.
Es ist nun zentral, dass viele dieser Stifter’schen Führer zwar vordergründig ‚sanft‘ bzw. ‚besänftigt‘ auftreten, gleichzeitig aber – ganz im Sinne der oben zitierten Wörterbucheinträge – einen militärischen Hintergrund haben: Der Vater und Gregor im Hochwald sind ehemalige Krieger, Murai in Brigitta ist ein Major, die große Erzieherfigur in der Mappe ein Obrist. Ein Faible für Disziplin und Ordnungsstreben ist allen Stifter’schen Führern eigen – ebenso eine untergründige, nur mühsam und über viele Jahre gezähmte Neigung zur Gewalt. Ein in seiner Radikalität singuläres, aber doch äußerst erhellendes Beispiel liefert hier die Figur des Oheims in Stifters Erzählung Der Hagestolz. Von seiner großen Jugendliebe im Stich gelassen, hat sich dieser „grandios düster prächtige[ ] Karakter“ (PRA 17, 122), wie Stifter seine Figur in einem Brief nennt, verbittert in ein verfallenes Kloster auf einer steinernen Toteninsel zurückgezogen. Hier haust er umgeben von ausgestopften Tieren und verbarrikadiert hinter zahllosen Gittern, bis ihn eines Tages sein Neffe Victor, ein blühender Jüngling, auf sein Geheiß hin besucht. Als der Junge, abgestoßen von der Unfreundlichkeit des Alten, die Flucht ergreifen möchte, gibt der Oheim ihm zu verstehen, Victor sei für die ihm zugesagte Aufenthaltszeit auf der Insel sein „Gefangener“ (HKG 1/6, 101). Eine Ankündigung, die ganz wörtlich zu verstehen ist: „Das Abendessen, wozu Victor um neun Uhr beschieden war, endete für ihn, wie gestern. Der Oheim führte [Hervorh., B.D.] ihn in seine Zimmer und sperrte das Eisengitter des Ganges ab.“ (Ebd., 96) Selbst als Victor mit den drastischen Worten: „ich gehe an den Felsenufer hinvor, und stürze mich gegen den See hinunter, daß sich mein Körper zerschmettert“, den Suizid androht, rückt der Oheim nicht von seiner Linie ab, sondern kontert kühl: „Thue das, wenn du die Schwäche besitzest“ (ebd., 101). Diese steinharte Erwiderung zeigt Wirkung:
Nun konnte Victor in der That keine Silbe mehr hervor bringen – er schwieg eine Weile und es stiegen in ihm Gedanken auf, daß er sich an der Härte dieses abscheulichen Mannes rächen werde. Auf der andern Seite schämte er sich auch seiner kindischen Drohung, und erkannte, daß sich selber zu verlezen kein wesentlicher Widerstand gegen den Mann wäre. Er beschloß daher, ihn durch Duldung auszutrozen. Darum sagte er endlich: ‚Und wenn der Tag gekommen ist, den ihr genannt habt, lasset ihr mich dann in die Hul hinüber führen?‘
‚Ich lasse dich dann in die Hul hinüber führen [Hervorh., B.D.],‘ antwortete der Oheim. (Ebd., 101f.)
Die Pointe der Erzählung besteht darin, dass die gewaltsame Führung des „abscheulichen Mannes“ gerechtfertigt wird. Beim Oheim nämlich durchläuft Victor, der nur von seiner Ziehmutter erzogen worden und deshalb in der Logik der Erzählung ‚verweichlicht‘ („fast eine Henne“ [ebd., 120]) ist, ein Erziehungsprogramm der disziplinierenden, militärisch anmutenden Abhärtung, das ihn auf das „harte Leben“ vorbereitet und zu einem „starke[n] Mann“ (ebd., 141) macht. Der Oheim stellt gar in Aussicht, dass, wäre er früher mit Victors Ausbildung betraut worden, er diesen zu einem wahren Herrscher gemacht hätte: „Dein Vater hätte dich mir geben sollen – aber er hat gemeint, ich sei ein Raubthier, das dich zerrisse; ich hätte dich eher zu einem Adler gemacht, der die Welt in seinen Fängen hält, und sie auch, wenn es sein muß, in den Abgrund wirft.“ (ebd., 119f.) Letztlich erscheint die Gefangenschaft in der Erzählung als Mittel zum Zweck; sie soll Victor über die äußerliche Arretierung aus dem inneren Gefängnis der Schwäche befreien.34 Die oheim’sche Führung führt den Neffen gar zur größten Freiheit, die in Stifters Prosakosmos überhaupt denkbar ist: Am Ende nämlich realisiert Victor, dass der Oheim über Jahre hinweg heimlich an der Sicherung seiner (Victors) finanzieller Zukunft gearbeitet hat und er fortan selbständig ein Gut verwalten kann. Die Quintessenz dieser von Härte geprägten Liebe liefert der Oheim im bereits zitierten Bonmot der JF gleich selbst: „Wer nicht zuweilen den starken Felsstein der Gewaltthat schleudern kann, der vermag auch nicht von Urkraft und von Urgrund aus zu lieben.“ (HKG 1/3, 99)35 Gewalt und Führung werden im Hagestolz also im Spannungsfeld der Liebe auf äußerst komplexe Weise ineinander verklammert.
Gerade dieses Beispiel der auf Liebe (oder besser: dem Wunsch nach Liebe) basierenden Abhärtungspädagogik veranschaulicht auch eindrücklich, dass bei Stifter jeder Form der Führung immer die Gefahr der Ver-Führung innewohnt: einerseits im Sinne einer (bewussten), mitunter gewalttätigen Fehlleitung des Subjekts, andererseits als Akt erotischer Versuchung. Mustergültig wird die erotische Verschränkung ausgerechnet im vordergründig keuschen Nachsommer deutlich: Nicht nur verführt Risach die jüngere Mathilde, er ist zum Zeitpunkt der Affäre auch ihr Hauslehrer – ein Umstand, der seine moralisch-ethische Verfehlung, besonders in den Augen der Eltern, umso gravierender macht.36 Etwas schematisch formuliert, dient Führung in Stifters Prosakosmos der Stiftung von Sicherheit, der Vorbeugung zerstörerischer Leidenschaften, hat jedoch stets das Potential, zu jener Bedrohung zu werden, vor der eigentlich geschützt werden soll: Ver-Führung (und zwar im mehrfachen Sinne).
Angesprochen ist mit dieser Ebene der Verführung zu guter Letzt auch die Problematik des Sündenfalls, die – wie sich in den nachstehenden Textanalysen zeigen wird – in Stifters Erzählungen geradezu omnipräsent ist. Dabei sind es bemerkenswerterweise oftmals die Mentor- und Führungsfiguren selbst, die in ihrer Jugend einer leidenschaftlichen Verführung zum ‚Opfer‘ gefallen bzw. zu Verführern geworden sind. Vielfach versuchen sie deshalb in der Erzählgegenwart, ihre Protegés vor dem erlittenen Schicksal zu bewahren, drängen diesen aber so einen Weg auf, der nicht primär den Wünschen der Geführten, sondern der erwachsenen Mentorfiguren entspricht, womit erneut das Problem einer potentiellen Ver-Führung im Raum steht.37
Aufbau dieser Arbeit
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen lassen sich das Erkenntnisinteresse und die terminologischen Grundprämissen dieser Arbeit wie folgt zusammenfassen: Ziel meiner Studie ist eine Analyse der Gewalt in Stifters Prosatexten, die zugleich den Zusammenhang zwischen Gewaltphänomenen und dem Wortfeld sowie den Formen der (Ver-)Führung offenlegt. Da Stifter in seinem Werk einen weiten Gewaltbegriff verwendet, der die Ebenen der violentia und potestas einschließt, sind beide Dimensionen für diese Studie relevant.38 (Ver-)Führung wiederum rekurriert grundsätzlich auf die ganze von Bröckling entfaltete Semantik sowie, in einem weiteren Sinne, auf das damit zusammenhängende Wortfeld (führen, lenken, leiten etc.). Der Schwerpunkt bei den Textanalysen liegt aber v. a. auf den Modi der Selbst- und Fremdlenkung von Subjekten, die auch Momente der (gezielten) Verführung einschließen.
Mit Blick auf die bisherige Forschung lässt sich festhalten, dass zwar durchaus Studien und Aufsätze vorliegen, welche Gewalt39 und (Ver-)Führung40 in Stifters Werk gesondert bzw. anhand einzelner literarischer Texte behandeln. Eine sich methodisch auf mehrere Close Readings stützende, werkübergreifend angelegte, noch dazu den Zusammenhang beider Themenkomplexe beleuchtende Analyse, wie ich sie hier anstrebe, stellt jedoch ein Forschungsdesiderat dar.
Der Aufbau dieser Arbeit gestaltet sich nun wie folgt: In einem Überblickskapitel wird vor allem mithilfe von Stifters journalistisch-essayistischen Texten eine Annäherung an Stifters theoretische Positionen und sein Verhältnis zu den beiden Komplexen Gewalt und (Ver-)Führung unternommen. Die Analyse erfolgt zunächst aus anthropologisch-psychologischer Perspektive: Es sollen Stifters Überlegungen zur Gewalt- und Führungsbereitschaft des Menschen rekonstruiert und kontextualisiert werden. Im Vordergrund steht die bei Stifter verhandelte agonale (gewalttätige) Konstellation der Leidenschaftsbeherrschung. Besonderes Augenmerk gilt dabei – u. a. unter Bezugnahme auf Stifters Erzählung Zuversicht (1846) – dem Zusammenhang von Tier, Gewalt und (Ver-)Führung. Dieser Konnex wird sodann mittels Stifters politisch-pädagogischen Schriften rund um die revolutionären Ereignisse von 1848 vertieft. Ich gehe dabei auf jene dialektische Spannung ein, die sich aus Stifters Festhalten am humanistischen Ideal der menschlichen Selbstbestimmung und seiner Führungsaffinität ergibt. Das angesprochene Spannungsverhältnis werde ich anhand von Stifters Theorie des „sanfte[n] Gesez[es]“ (HKG 2/2, 12) pointieren: Hier zeigt sich in nuce, was ich für Stifters Werk im Ganzen nachweisen möchte, nämlich dass seine Überlegungen stets von Formen der (sanften) Gewalt durchdrungen sind. Das sanfte Gesetz bringt dabei Stifters Wunsch nach einer (metaphysischen) Instanz zum Ausdruck, welche die Menschheit zum Guten führt – und zwar (wo nötig) mit sanfter Gewalt. Zum Schluss stehen Stifters mit diesem Wunsch verbundene kunstreligiöse Reflexionen zum Führer- und Sehertum des ‚Dichters‘ im Zentrum, die einerseits Rückschlüsse auf seine eigenen Führungsambitionen ermöglichen, die Stifter andererseits aber auch eng an das Phänomen der (Wort-)Gewalt koppelt.
Auf dieser Basis widmet sich der Hauptteil der Arbeit sodann in ausführlichen Close Readings Stifters literarischen Texten. Ziel dieser Interpretationen ist es, die jeweils spezifischen Gewalt- und (Ver-)Führungsformen der Texte herauszuarbeiten und zugleich in einen werkübergreifenden Zusammenhang zu stellen. Dabei wird sich zum einen zeigen, dass in Stifters Werk Gewalt und (Ver-)Führung oft eng verzahnt auftreten. Zum anderen sollen meine Lektüren die These erhärten, dass in Stifters Prosatexten zwar vielfach der (vordergründige) Versuch einer Besänftigung von Gewaltphänomenen zu beobachten ist (sowohl auf Figuren- wie Erzählerebene), diese Besänftigungsversuche aber die Gewalt vielfach nur noch prononcierter hervortreten lassen resp. selbst Formen der Gewalt provozieren. Weil Stifter sein Schreiben außerdem bevorzugt als Laboratorium verwendet, um verschiedene (Ver-)Führungsszenarien durchzuspielen, wird sich auch erweisen, dass die in den Texten zu beobachtenden Führungs- und Ordnungsversuche nicht selten scheitern, unterminiert werden und/oder selbst Formen der Gewalt generieren bzw. praktizieren. Es sind gerade diese konfligierenden Tendenzen in Stifters literarischen (aber auch theoretischen) Texten, die mich in der vorliegenden Studie besonders interessieren.
Bei den Textanalysen orientiere ich mich methodisch an Berendes, der sein Herangehen an Stifters Prosawerk wie folgt charakterisiert:
Angesichts einer kaum taktvoll auszusprechenden Mißachtung der möglichen intellektuellen Kapazität des Autors Adalbert Stifter wird hier erprobt, ob ihm und seinen Texten nicht viel mehr zuzutrauen ist, als bislang vermutet. Man muß nicht vom ‚Vorgriff der Vollkommenheit‘ sprechen, um zu begreifen, daß die vermeintliche Defizienz des Autors eine unproduktive Prämisse für die Textanalyse ist. Es genügt viel mehr [sic!], sich die (strukturalistisch geschulte) Frage nach der textimmanenten Funktionalität des Beobachteten nicht verstellen zu lassen. Fragwürdige Prämissen über den Autor Adalbert Stifter werden daher beiseite gestellt und eingehende Textanalysen vorgelegt, die beiläufig eine dichte Reihe von Indizien erzeugen, die den Schluß nahelegen, der Autor sei an dem hier Aufgewiesenen bewußt beteiligt und habe sich entsprechend auch artikulieren können. Damit ist gewiß nicht gesagt, jedes Element auf jeder Ebene der Texte sei bewußt intendiert, sondern nur, daß die Analysen sich vorzüglich auf Ebenen des Textes beziehen, die noch steuerbar scheinen und dem Autor zuzusprechen sind bzw. diesem nicht a priori entzogen sein müssen.41
Ich strebe ebenfalls eine Lektüre an, die von einer „textimmanenten Funktionalität des Beobachteten“ ausgeht, die dem Textgefüge also eine inhärente Sinnhaftigkeit unterstellt; indes scheinen mir Berendes’ Bemerkungen zu den „fragwürdigen Prämissen“ des Autors etwas irreführend. Natürlich kann es nicht darum gehen, Stifters Texte durch die Linse eines reinen Biografismus zu lesen. Aber es ist für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem literarischen Text ebenso unproduktiv, den Autor gänzlich für tot zu erklären.42 Denn literarische Werke speisen sich nun einmal aus den Erfahrungen, Kenntnissen und Zeitumständen, denen ihre Verfasser:innen ausgesetzt sind. Matz bemerkt ebenso schlicht wie treffend: „Wer die[ ] Seite des Autors übersehen würde, wer ihn allein auf sein Werk reduzieren wollte, der verfehlte nicht nur den Reichtum des Menschen, sondern auch eine entscheidende Dimension seines literarischen Werks.“43 Entsprechend stützen sich meine Textanalysen auch auf kulturgeschichtliche und biografische Zusammenhänge.
Bei der Zusammenstellung des Textkorpus beziehe ich mich auf die bereits erarbeitete thematisch-kontextuelle Gewaltsystematisierung von Stifters literarischem Werk, sprich die Bereiche: Naturphänomene, Gott/Religion, Krieg, Politik bzw. (politische) Anführer, Zeit, Tiere, Leidenschaften (Liebe), Kunst resp. Wortgewalt (Dichtung, Musik) sowie Pädagogik. Damit soll gewährleistet werden, dass Texte ins Zentrum gestellt werden, welche die wesentlichen Formen und Kontexte der Gewalt bei Stifter behandeln. Da die Analyse, wie erwähnt, werkübergreifend angelegt ist, werden Texte aus sämtlichen Schaffensphasen Stifters gewählt. Dabei fokussiere ich mich jedoch bewusst auf Stifters Erzählungen (Studien, Bunte Steine sowie die einzeln erschienenen Texte) und nicht auf die Romane Der Nachsommer und Witiko. Diese Eingrenzung hat inhaltliche und pragmatische Gründe: Erstens spiegeln gerade die Erzählungen in ihrer Heterogenität adäquater die vielfältigen Behandlungs- und Zugangsweisen wider, mit denen Stifter sich diesem Themenkomplex annähert. Zweitens sind die Erzählungen, besonders mit Blick auf den Zusammenhang von Gewalt und (Ver-)Führung, deutlich weniger erforscht, als dies bei Stifters Hauptwerken Der Nachsommer und Witiko der Fall ist. Drittens spielt auch der pragmatisch-methodische Aspekt eine Rolle, dass die zu erforschenden Texte mit einem Close Reading-Verfahren analysiert werden sollen. Eine fundierte Untersuchung der größeren Romane würde den an sich schon beträchtlichen Umfang dieser Arbeit nochmals erheblich erweitern. Es scheint diesbezüglich sinnvoller, die beiden Romane – v. a. den Nachsommer – punktuell in den einzelnen Interpretationskapiteln anzusprechen, womit auch gewährleistet ist, dass zentrale Werkzusammenhänge nicht außer Acht gelassen werden.
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen werden folgende Texte und thematische Kapiteluntergliederungen gewählt: Begonnen wird mit einem Close Reading-Block, der sich Stifters kunstreligiösen Überlegungen sowie seinen Führungsfiguren im Spannungsfeld von Gewaltphänomenen der Natur widmet. Im Zentrum stehen dabei zunächst Stifters eigene kunstreligiöse Führungsambitionen, die anhand seiner autofiktionalen Texte Die Sonnenfinsterniß am 8. Juli 1842 und Ein Gang durch die Katakomben (1841) aufgezeigt werden sollen. Ich lege u. a. dar, dass Stifter in diesen Texten Szenen und Momente der Gewalt nutzt, um sich den Leser:innen als Dichterseher bzw. pädagogisch wirkendender Dichterführer zu präsentieren. Dabei spielt auch der Zusammenhang von (Wort-)Gewalt und Musik eine zentrale Rolle.
Stifters Propheten- und Führerfaszination aufgreifend, werden im Anschluss gewalttätige bzw. der Gewalt ausgesetzte Führungsfiguren thematisiert: Zunächst möchte ich zeigen, dass die Erzählung Abdias (1842/47) als Stifters Gedankenexperiment gelesen werden kann, wie und ob im Zeitalter der Moderne ein Prophetentum überhaupt noch möglich ist. Gleichzeitig wird gerade in dieser Erzählung auch der für Stifters Werk zentrale – und bereits im Überblickskapitel anhand der Erzählung Zuversicht exponierte – Konnex von Tier- und Gewaltdarstellung vertieft.
Mit Brigitta (1843/47) behandle ich im Anschluss einen Text, der – im Gegensatz zum scheiternden Abdias – mit Stephan Murai den Idealtypus einer Führerfigur präsentiert. Ich werde aufzeigen, wie Stifter in der Murai-, aber auch (und das ist besonders bemerkenswert) in der Brigitta-Figur das im 19. Jahrhundert virulente politische Phantasma des großen Mannes bzw. Menschen verarbeitet – und wie er dieses Phantasma in sein vordergründig dem Kleinen verpflichtetes Werk integriert, indem er sich einen Figurentypus des kleinen großen Mannes schafft. Zugleich wird die Erzählung als Beispiel eines Stifter’schen Narrativs gelesen, das die positiven Effekte von Schmerz und Gewalt ausstellt.
Während im skizzierten ersten Close Reading-Block Gewaltkontexte vor dem Hintergrund kunstreligiöser und politischer Führungsfigurationen im Fokus stehen, wendet sich der nächste Close Reading-Teil der Leidenschaft im Spannungsfeld von Gewalt und (Ver-)Führung zu. Als Erstes wird dazu die Erzählung Das alte Siegel (1843/47) behandelt: Zur Zeit der Napoleonischen Befreiungskriege spielend, erzählt dieser Text, wie ich zeigen werde, von den (metaphorischen) Kriegen und Befreiungskämpfen des Jünglings Hugo Veit gegen ein aus der Zeit gefallenes Familien-Ehrdiktum, die Verführungskünste einer Frau und ein (damit verbundenes) (Un-)Zuchtprogramm. Über Seitenblicke auf die Erzählung Bergmilch (1853) wird anschließend die Kriegs- und Gefangenschaftsmotivik im Alten Siegel vertieft. Außerdem soll anhand des Texts Der Waldgänger (1846) die im Alten Siegel präsente gewalttätig-erstarrende Wirkkraft von Gesetzen und ‚Sprüchen‘ genauer erfasst werden, die Stifters gesamtes Werk durchzieht. Ich möchte darlegen, dass diese Gesetze und Sprüche den Protagonisten oftmals den Zugang zum Leben versperren und sie dann, am Ende ihres Lebens, mit der „Gewalt des Gewordenen“ (HKG 1/1, 337) konfrontieren.
Im Anschluss wird – noch immer unter dem Gesichtspunkt der gewalttätigen Leidenschaft – mit Der beschriebene Tännling (1845/50) eine Erzählung analysiert, die ich als eine breit angelegte Studie der Gewalt und ihrer verführerischen Theatralität lesen möchte. Formuliert wird in Stifters Text, angesiedelt vor dem Hintergrund blutiger Jagdfestspiele, eine Kritik an der menschlichen Oberflächlichkeit und Leidenschaftlichkeit, die zugleich die Dekadenz des Adels wie die Mittäterschaft der einfachen Bevölkerung anprangert; dabei verschwimmen, so meine These, die Grenzen zwischen Führern und Ge- bzw. Verführten auf ebenso produktive wie subversive Weise. Anhand eines kurzen Exkurses wird die im Beschriebenen Tännling präsente verführerische Wirkung des Waldes und die damit verbundene ‚Marienerscheinung‘ noch anhand der Erzählung Der Waldsteig (1844/50) vertieft.
Die Rolle der verführerisch-gewalttätigen Leidenschaft wird abschließend nochmals in der Erzählung Turmalin (1853) untersucht, welche die Verführung eines Ehepaars durch einen großen Künstler, das darauffolgende Abgleiten des Ehemanns in den Wahnsinn sowie die damit verbundene Misshandlung der Tochter schildert. Der bereits im Beschriebenen Tännling präsente Kontext der Theatralität findet hier (besonders in der Figur des verführerischen Theaterstars Dall) seine volle Ausprägung. Ich deute die Erzählung einerseits als Fallbeispiel einer verfehlt-gewalttätigen Pädagogik, andererseits als eine Stifter’sche Reflexion über die verführerische Wirkung pervertierter Kunst und Schaulust, die ästhetisch zugleich seine eigene, sich v. a. ab der mittleren Schaffensphase entwickelnde Kunst veranschaulicht: Stifters Poetik der sanften Gewalt.
Die bereits in Turmalin präsente Gewalt an Kindern wird sodann in einem eigenen Close Reading-Block weiterverfolgt. Analysiert werden dazu drei spätere Texte Stifters, welche den Zusammenhang von (Ver-)Führung, Gewalt und Pädagogik beleuchten. Die Erzählung Granit (1853), so werde ich darlegen, erzählt implizit die Geschichte einer gewalttätigen Disziplinierung und Eingliederung eines Kindes in die Gehorsamsstruktur der bürgerlichen Familie. Im Anschluss wird Stifters kaum bekannte Kurzerzählung Zwei Witwen (1860) als Ausgangspunkt genommen, um Stifters (späte) Pädagogik einem kritischen Blick zu unterziehen und sie auf das in der Forschung gänzlich verschwiegene Phänomen der Gewalt hin zu durchleuchten. Endlich steht mit dem Frommen Spruch (1867) Stifters letzte längere Erzählung im Fokus; wie zu zeigen sein wird, treibt sie das Problem der (Ver-)Führung wörtlich auf die Spitze, indem sie über eine bereits im Alten Siegel präsente Metaphorik der (Un-)Zucht sowohl die gewaltsame wie erotische Verbindung zwischen Eltern und Kindern beleuchtet.
Geschlossen wird die Reihe der Interpretationen, wie sie begonnen hat, nämlich mit der Analyse eines gewaltsamen und gewalttätigen Naturphänomens: Untersucht werden in einem letzten Close Reading-Block Stifters Schneeszenarien in Bergkristall (1853), Die Mappe meines Urgrossvaters (1847) sowie Aus dem bairischen Walde (1867) im Spannungsfeld von (Ver-)Führung und Gewalt. Dabei wird sich u. a. zeigen, dass Stifter gerade in seinen Schneeszenarien Gefahr läuft, sein Führungsmodell eines sanften Gesetzes zu unterminieren – oder besser: es in seiner sanften Gewalttätigkeit offenzulegen.
Die Textverweise zu den einschlägigen Stifter-Werkausgaben werden in dieser Arbeit als Siglen direkt in den Lauftext eingefügt. Vgl. zur Orientierung das Siglenverzeichnis dieser Arbeit. Folgen mehrere Zitate nacheinander aus der gleichen Werkausgabe, so verwende ich bei der zweiten Zitation das Kürzel ebd. Bei gleicher Werkausgabe, aber variierender Seitenzahl erfolgt die Zitation nach dem Schema ebd., Seitenzahl.
Falls nicht anderweitig gekennzeichnet, beziehen sich die Abkürzungen Hervorh., B.D. und Hervorh. i. O. auf sämtliche vorangegangenen Kursivsetzungen im jeweiligen Zitat. Mit diesem Vorgehen soll bei mehrfachen Kursivsetzungen die Lesbarkeit des Zitats gewahrt bleiben.
Imbusch, Peter: „Der Gewaltbegriff“. In: Wilhelm Heitmeyer, Johan Hagan (Hg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002, S. 26–57, hier S. 26.
Heitmeyer, Wilhelm/ Hagan, Johan: „Gewalt“. In: Wilhelm Heitmeyer, Johan Hagan (Hg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002, S. 15–26, hier S. 17.
Vgl. zur potestas- und violentia-Differenzierung des Gewaltbegriffs sowie zu seiner semantischen Entwicklung einschlägig: Röttgers, Karl: „Gewalt“. In: Joachim Ritter (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. 13 Bände, Band 3: (G–H). Basel, Stuttgart: Schwabe Verlag 1974, S. 562–570.
Was bezüglich der Komplexität des Gewaltbegriffs festgehalten wurde, lässt sich genauso auf den Terminus Macht applizieren. Die Tatsache, dass sich Macht in beinahe unbeschränkt vielen Formen und Ausprägungen im zwischenmenschlichen Bereich manifestieren kann, brachte Max Weber dazu, Macht als „soziologisch amorph“ zu bezeichnen. Denn: „[A]lle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemand in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen“. Weber, Max: „Wirtschaft und Gesellschaft“. In: Knut Borchardt, Edith Hanke, Wolfgang Schluchter (Hg.): Max Weber-Gesamtausgabe. 47 Bände, Band I/23: Wirtschaft und Gesellschaft. Soziologie. Unvollendet 1919–1920. Tübingen: Mohr Siebeck 2013, S. 147–600, hier S. 211. Nach Weber kann Macht als „jede Chance“ verstanden werden, „innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“. Ebd., S. 210. An der Handlungsbezogenheit dieses Machtbegriffs, der Machtverhältnisse stärker zwischenmenschlich denn systematisch denkt, hat v. a. Luhmann prominente Kritik geübt. Vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft. Hg. von André Kieserling. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000, S. 21ff. Um den Machtbegriff trotz seiner ambivalenten Semantik methodisch nutzbar zu machen und gleichzeitig der Gefahr vorzubeugen, Macht nur, wie Weber dies vorschlägt, handlungsbezogen und über die ‚stärkere‘ Partei zu denken, soll Macht hier mit Martin Saar sehr allgemein gefasst werden. Saar definiert Macht als das „Vermögen, Wirkungen hervorzubringen“. Saar, Martin: „Macht/Konstitution. Politische Theorie mit Spinoza“. In: André Brodocz (Hg.): Variationen der Macht. Baden-Baden: Nomos 2013, S. 25–40, hier S. 25. Die Offenheit dieser Definition erlaubt es, auch die positiven – schaffenden – ‚Wirkungen‘ von Macht mitzudenken. Damit wird der Einsicht Rechnung getragen, dass Macht, gerade in Stifters literarischen Texten, nicht nur repressiv, sondern auch produktiv sein kann. Zu einem positiv-produktiveren Machverständnis vgl. weiterführend v. a. Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. München: Piper 1970; Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve 1978; Foucault, Michel: „Die Maschen der Macht“. In: Daniel Defert, François Ewald (Hg.): Analytik der Macht. Auswahl und Nachwort von Thomas Lemke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2013, S. 220–239.
Auch Herrschaft ist ein komplexer Begriff. Für diese Studie scheinen mir die Erläuterungen von Heinrich Popitz am fruchtbarsten. Popitz versteht Herrschaft, im Anschluss an Weber, als „institutionalisierte“, d. h. „verfestigte“ Macht. Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht. 2., stark erw. Aufl., Nachdr. Tübingen: Mohr Siebeck 2004, S. 233, 234. Institutionalisiert ist eine Macht – nach Popitz – dann, wenn sie drei Hauptmerkmale aufweist: „Entpersonalisierung“, „Formalisierung“ und „Integrierung“. Entpersonalisierung bedeutet, dass nicht mehr die Person des Herrschers, sondern die Funktion des Herrschens (die Position) im Vordergrund steht. Die Herrscherposition wird vererbbar. Formalisierung meint, dass die Herrschaft „sich immer stärker an Regeln, Verfahrensweisen, Ritualen“ orientiert. Ebd., S. 233. Das heißt allerdings nicht, dass die Willkür damit ausgeschlossen wäre. Sie findet einfach innerhalb eines formalisierten Regelrasters statt. Integrierung meint zuletzt, dass die Herrschaft in eine bereits bestehende, übergreifende Gesellschaftsordnung eingebettet wird und damit in den Alltag der Menschen übergeht. Vgl. ebd., S. 233f. Des Weiteren betont Popitz, dass Legitimation, so wie Weber sie in seinen Idealtypen fasst, suggeriere (oder zu suggerieren scheine), dass die Untertanen sich sofort freiwillig der Herrschaft beugten und diese legitimierten. Dies sei in den meisten Fällen allerdings nicht so; vielmehr beginne der Prozess der Legitimation bei den Herrschenden selbst. Sie legitimierten sich gegenseitig und verträten nach außen den Anspruch, herrschen zu dürfen. Legitimation habe ihren Anfang also meist in der sozialen Horizontale und dringe erst danach in die soziale Vertikale vor, wo sie von der Bevölkerung akzeptiert oder abgelehnt werde. Vgl. ebd., S. 199f.
Vgl. zur Definition von Autorität die Erläuterungen weiter unten in diesem Einleitungs- Kapitel.
Aufgenommen in dieses literarische Werkkorpus wurden sämtliche Studien- und Bunte Steine-Erzählungen (inkl. ihrer Journalfassung), die beiden Romane Der Nachsommer und Witiko sowie sämtliche weiteren Erzählungen (Julius, Die drey Schmiede ihres Schicksals, Der Waldgänger, Prokopus, Zuversicht, Der Tod einer Jungfrau, Der späte Pfenning, Menschliches Gut, Zwei Witwen, Nachkommenschaften, Der Kuß von Sentze, Der fromme Spruch). Ebenfalls berücksichtigt wurden – da sie in dieser Arbeit untersucht werden – die autofiktionalen Texte Die Sonnenfinsterniß vom 8. July 1842, Ein Gang durch die Katakomben und Aus dem bairischen Walde.
Über das Stern-Symbol (*) wird in dieser Arbeit typografisch markiert, dass sämtliche Flexionen des zuvor genannten Wortstamms gemeint sind. In diesem Fall beispielsweise: gingen, ginge, gingest etc.
Zu Stifters Umgang mit dem Erhabenen grundsätzlich: Häge, Elisabeth: Dimensionen des Erhabenen bei Adalbert Stifter. Berlin: De Gruyter 2018. Vgl. außerdem meine Erläuterungen in Kapitel 3 Einklang: Dichter der Finsternis I dieser Arbeit sowie die dort angeführten Literaturhinweise.
An dieser Stelle erweist sich Stifters literarische Gewaltbehandlung differenzierter als die theoretischen Annäherungen von Hannah Arendt und Niklas Luhmann. Der Einsatz von Gewalt ist für Luhmann und Arendt nämlich grundsätzlich ein Zeichen von Machtlosigkeit, zu dem erst gegriffen wird, wenn man alle anderen Machtmittel ausgeschöpft hat. Vgl. Luhmann, Niklas: „Macht und System. Ansätze zur Analyse von Macht in der Politikwissenschaft“. Universitas (1977), H. 32, S. 473–482, hier S. 477; Arendt: Macht und Gewalt, S. 57f. Es ist jedoch, wie auch Andreas Anter und Peter Imbusch richtig bemerken, unzureichend, Gewalt als ein der Macht entgegengesetztes Phänomen zu betrachten, da bereits ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Gewalt immer auch ein effizientes Mittel der Machtausübung war (z. B. bei Eroberungen). Vgl. Anter, Andreas: Theorien der Macht zur Einführung. 3., vollständig überarbeitete Auflage. Hamburg: Junius 2017, S. 98f.; Imbusch, Peter: „Macht und Herrschaft“. In: Hermann Korte, Bernhard Schäfers (Hg.): Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie. Wiesbaden: VS Verlag der Sozialwissenschaften 2006, S. 161–181, hier S. 170f.
Eine typische Haltung des poeta dolens, wie Rilke sie rund fünfzig Jahre später in seinen Duineser Elegien vertreten wird: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel / Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme / einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem / stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang“ Und: „JEDER [Hervorh. i. O.] Engel ist schrecklich. Und dennoch, weh mir, / ansing ich euch, fast tödliche Vögel der Seele, / wissend um euch.“ Rilke, Rainer Maria: „Duineser Elegien“. In: Manfred Engel, Ulrich Fülleborn (Hg.): Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden, Band 2: Gedichte 1910–1926. Frankfurt a. M. [etc.]: Insel Verlag 1996, S. 199–236, hier S. 201, 205.
Der Einfachheit und besseren Lesbarkeit wegen werden die in der Stifter-Forschung geläufigen Bezeichnungen Journalfassung, Studienfassung und Bunte Steine-Fassung in den nachfolgenden Analysen mit den Kürzeln JF, SF und BF abgekürzt und direkt in den Fließtext integriert. Vgl. auch das Abkürzungsverzeichnis dieser Arbeit.
Im Alten Siegel lautet die analoge Formulierung: „[S]o schleiften die Stunden hin“ (HKG 1/5, 337).
Die gewählten literarischen Texte (vgl. zur Auswahl detailliert den dritten Teil dieser Einleitung) decken die angesprochenen Gewaltkontexte grob wie folgt ab: Naturphänomene finden sich u. a. in Die Sonnenfinsterniß vom 8. July sowie den Schneeerzählungen Bergkristall, Die Mappe meines Urgrossvaters und Aus dem bairischen Walde. Religion spielt ebenfalls in der Sonnenfinsterniß, ferner u. a. in Abdias, Der beschriebene Tännling und Bergkristall eine entscheidende Rolle. Explizite Tierbehandlungen finden sich mitunter in Abdias und Der beschriebene Tännling. Leidenschaften bzw. leidenschaftliche Liebeskonstellationen sind in beinahe allen Stifter-Erzählungen nachweisbar, besonders eindrücklich in Das alte Siegel, Der Waldgänger, Der beschriebene Tännling und Turmalin. Das Themenfeld der Politik bzw. der politischen Anführer ist v. a. in Brigitta belegbar. Krieg als Motiv und Thema findet sich besonders in Das alte Siegel. Der Themenkomplex Kunst bzw., genauer, der Dichtung/ Wortgewalt und Musik ist prominent in der Sonnenfinsterniß und Turmalin vertreten. Pädagogische Szenarien wiederum lassen sich u. a. in Granit, Zwei Witwen und Der fromme Spruch nachzeichnen. Die Thematik der Zeit spielt schließlich in Ein Gang durch die Katakomben, Das alte Siegel sowie Der Waldgänger eine tragende Rolle. Indes werden die Close Readings zeigen, dass sich die genannten Gewaltkontexte in fast allen hier analysierten Stifter-Erzählungen nachweisen lassen.
Bröckling, Ulrich: „Von Hirten, Herden und dem Gott Pan. Figurationen pastoraler Macht“. In: Ulrich Bröckling (Hg.): Gute Hirten führen sanft. Über Menschenregierungskünste. Berlin: Suhrkamp 2017, S. 15–44, hier S. 17.
Foucault, Michel: „Subjekt und Macht“. In: Daniel Defert, François Ewald (Hg.): Analytik der Macht. Auswahl und Nachwort von Thomas Lemke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2013, S. 240–263, hier S. 257. Zum Verhältnis Stifter-Foucault vgl. Pohl, Peter C.: „Foucault als Spiegel. Ein Versuch zum Verhältnis von Sprechen, Macht und Souveränität in Stifters Leben und Werk“. In: JASILO 22 (2022), S. 11–30.
Vgl. ebd., S. 256f. Rutt hat in seiner wegweisenden Untersuchung zu Stifters Pädagogik ebenfalls auf die Bedeutung des Terminus der Selbstführung hingewiesen – und zwar in einem inhaltlichen Sinn: „Wenn auch Wort und nominelle Bezeichnung ‚Selbsterziehung‘ oder ‚Selbstführung‘ im Werke Stifters so nicht vorkommen, so ist der Wortinhalt, ist die Sache von ihm zum Mittelpunkt pädagogischer Reflexion gemacht worden“. Rutt, Theodor: Adalbert Stifter – Der Erzieher. Wuppertal, Ratingen, Kastellaun: A. Henn 1970, S. 103.
Goffman, Erving: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Übers. von Nils Thomas Lindquist. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1973, S. 11. Goffman versteht unter totalen Institutionen Institutionsformen, welche das Leben der Insassen bis ins Kleinste hinein bestimmen und strukturieren (typische Beispiele sind Gefängnisse, Klöster, psychiatrische Kliniken etc.). Vgl. ebd.
Dietsche beschreibt die total-institutionellen Züge der Nachsommerwelt wie folgt: „Zerstörung der Natur und Ausgrenzung des Fremden ist [sic!] in Stifters ‚Nachsommer‘ verknüpft mit Verboten, die die spezifische Struktur der Nachsommerordnung ausmachen: dem Verbot der Mischung, der Verwandlung, der Passage. Es herrschen totale Grenzziehungen. Die Wege des Überganges von einem Zustand in einen anderen sind eliminiert. Erfahrungs-, Lebens- und Wahrnehmungsbereiche mit grenzpassierender Qualität wie das Reisen, das Essen und die Musik sind tabuisiert. Daß die auf absoluten Grenzziehungen basierende Nachsommerwelt eigentlich grenzenlos ist, zeigt sich an Risachs endloser Rede. Ihre Strukturlosigkeit äußert sich beim Leser in der Qual der Lektüre. Es ist so, als sei der Leser ein Fremder, der am Betreten des Erzählten gehindert werden soll. Der Geiz der Nachsommerer, die nichts an die Außenwelt zu veräußern bereit sind, kommt zum Ausdruck in der Form des Romans. Die Schreibanstrengung dient nicht der Offenlegung für einen Anderen.“ Dietsche, Petra: Das Erstaunen über das Fremde. Vier literaturwissenschaftliche Studien zum Problem des Verstehens und der Darstellung fremder Kulturen. Frankfurt a. M. [etc.]: Lang 1984, S. 72. Obwohl in dieser Absolutheit verkürzt, scheint mir die grundsätzliche Deutung doch treffend. Stifters Nachsommerwelt funktioniert in zentraler Weise über Ausschluss des Fremden. Man kann hier auch auf den Zusammenhang von Ökosystem und Hausgemeinschaft hinweisen: Die Natur wird zwar sorgfältig kultiviert, Schädlinge werden aber „nicht geduldet“ und „ohne Gnade“ getötet (HKG 4/1, 154, 170). Bereits Hein hat den ganzen Nachsommer als „patriarchale[ ] Dichtung“ bezeichnet und festgehalten: „Die[ ] […] ungeheure Masse der Durchschnittsmenschen […] hat für Stifter so wenig Anziehendes, daß ihr Wesen und ihre Schicksale ihm keiner näheren Beachtung wert erscheinen. Hat der Dichter in allen seinen Werken etwas so vornehm Ausschließendes, als ob der vierte Stand mit seinen Leiden und Freuden nur im Fabellande zu finden wäre, so ist der ‚Nachsommer‘ mehr noch als alle übrigen eine durchaus aristokratische Dichtung, von welcher unerbittlich ausgeschlossen bleibt, wer nicht wohlhabend und unabhängig und wer nicht zum Orden der Ritter vom Geiste gehört.“ Hein, Alois Raimund: Adalbert Stifter. Sein Leben und seine Werke. 2 Bände, Band 1. Wien, Bad Bocklet, Zürich: Walter Krieg Verlag2 1952, S. 499, 547. Dieses Urteil bezieht Hein nicht nur auf die Figuren, sondern auch die Leser:innen selbst: „Der vom Dichter beabsichtigte Lehrzweck, das Streben nach einem höheren Lebensinhalte zu erwecken, dürfte bei dem gutgearteten Teile der Besitzenden bis zu einem gewissen Grade erreicht werden; der arme Schlucker aber, welcher in saurer Arbeit jedem Tage mühevoll den Hungerbissen abringen muß, wird mit den schönen Mahnungen und mit den verlockenden Daseinsbildern wenig anzufangen wissen.“ Ebd., S. 548.
Mall-Grob greift – analog zu Dietsche – Risachs endlosen Monolog auf und stellt gar die These auf, dass der Text in Risachs Machtfülle die eigene Künstlichkeit ausstelle und die Nachsommerwelt als Risachs Schöpfung entlarve: „Risach zeigt sich als Begründer einer Ordnungswelt, die in ihrem absoluten Anspruch allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit widerspricht und so nur im Medium der Fiktion denkbar ist.“ Mall-Grob, Beatrice: Fiktion des Anfangs. Literarische Kindheitsmodelle bei Jean Paul und Adalbert Stifter. Stuttgart [etc.]: J. B. Metzler 1999, S. 316. Vgl. zu Risachs Macht auch das werkübergreifende Unterkapitel 4.8 Stifters kleine groẞe Männer dieser Arbeit.
Risachs Führungsfunktion reicht gar so weit, dass sie Züge der Turmgesellschaft aus Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/1796) annimmt. Am Ende des Romans offenbart Risach seinem Ziehsohn beispielsweise, er habe von Anfang an darauf gehofft (und implizit: darauf hingearbeitet), dass er (Heinrich) seine Ziehtochter Natalie ehelichen werde (vgl. HKG 3/2, 225). Heinrich wird in diesem Sinne zu einer Art Risach 2.0 herangezüchtet, um Natalie, die wiederum eine Art Mathilde 2.0 ist (Risach weist gar explizit darauf hin, dass „[e]ine größere Gleichheit als zwischen diesem Kinde [Natalie, B.D.] und dem Kinde Mathilde […] nicht mehr gedacht werden [kann]“ [HKG 4/3, 221]), zu heiraten. In der Heirat der Kinder realisiert sich jenes Glück, das der älteren Generation noch verwehrt geblieben ist. Vgl. zu diesem Themenkomplex meine Erläuterungen im Unterkapitel 8.3 ‚Der fromme Spruch‘: Inzest(besänftigung) und Gewalt in Stifters Spätwerk oder: „Führe […] heute nicht Frevelreden“ dieser Arbeit.
Vgl. hierzu u. a. die Hausbesichtigung von Augustinus beim alten Obristen, von der es innerhalb von drei Seiten heißt: „Dann sagte er, er wolle mir seinen Bau zeigen, wie ich ihm den meinigen gezeigt hätte. Wir gingen in das Haus, sahen herunten alles an, und stiegen dann auf die Gerüste und betrachteten den bisherigen Fortgang. Er führte [Hervorh., B.D.] mich auch in die Hütte, wo die Steinmetzarbeiten gemacht wurden, und zu dem Platze, wo man mit Kalkbrennen und mit Löschen desselben beschäftiget war.“ (HKG 1/5, 149) „Als die Dinge abgepackt, heraus genommen, und nach ein paar Tagen gestellt waren, führte [Hervorh., B.D.] er mich in die Zimmer hinein.“ (Ebd., 150) „Als mir der Obrist seine zwei Zimmer gezeigt hatte, führte [Hervorh., B.D.] er mich auch zu Margarita hinüber.“ (Ebd., 150f.) Und sodann: „Der Obrist führte [Hervorh., B.D.] mich durch das Bücherzimmer in seine Wohnung zurück. Es waren aber noch keine Bücher in dem Zimmer, sondern die Wände standen ganz leer.“ (Ebd., 151).
In Abwandlung einer Formulierung Bröcklings könnte man den Obristen auch als einen sanft führenden Hirten bezeichnen, der ein verirrtes Schaf zurück in seine Herde holt. Bröckling entwickelt seinen Gedankengang allerdings nicht mit Bezug auf Stifter, sondern mit Blick auf Foucaults pastorales Autoritätsmodell. Dabei bemerkt Bröckling hellsichtig und durchaus an meine Erläuterungen zur Mappe anschlussfähig: „Entscheidend ist […], dass die pastoralen Erzählungen ein unhintergehbar hierarchisches Verhältnis von Hirt und Herde unterstellen. Die Menschen sind in zwei Kategorien aufgeteilt: Es gibt Hirten, und es gibt Schafe; die einen führen, die anderen müssen geführt werden. Wenn, wie bei Nietzsche, die Instanz des Hirten verschwunden scheint, so hat sie sich lediglich in die Köpfe der Schafe zurückgezogen – und führt von dort aus unangefochtener als je zuvor. Die Führungsbedürftigkeit der Schafe zeigen nicht zuletzt die Geschichten vom schreckeneinflößenden Gott Pan. Ohne die Umsicht der Hirten und ohne ihre Opfergaben würde sein Schrei die Herden ins Verderben stürzen. Die fundamentale Ungleichheit von Hirten und Schafen begründet jedoch kein Verhältnis gewaltsamer Unterwerfung und Ausbeutung, sondern eines der Sorge. Gute Hirten führen sanft. Vielleicht liegt darin das Geheimnis der pastoralen Macht: Die Autorität der Führenden wächst mit der Sicherheit, die sie den Geführten garantieren. Eine Kritik der Menschenregierungskünste hätte von hier ihren Ausgang zu nehmen.“ Bröckling: „Von Hirten, Herden und dem Gott Pan. Figurationen pastoraler Macht“, S. 44.
Popitz: Phänomene der Macht, S. 114.
Ebd.
Ebd.
Ebd., S. 116.
Schmidt, Arno: „‚und dann die Herren Leutnants‘ (Betrachtungen zu ‚Witiko‘ & Adalbert Stifter)“. In: Wolfgang Schlüter (Hg.): Bargfelder Ausgabe. 17 Bände, Band 2/3: Dialoge. Zürich: Haffmans Verlag 1991, S. 143–167, hier S. 154.
Adelung, Johann Christoph (Hg.): „Führer“. In: Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. 4 Bände, Band 2: C-F. Leipzig: Johann Gottlob Immanuel Breitkopf und Compagnie 1796, S. 346.
Ebd., S. 346.
Meyer, Joseph (Hg.): „Führer“. In: Das große Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände. Dieser Encyclopädie des menschlichen Wissens sind beigegeben: die Bildnisse der bedeutendsten Menschen aller Zeiten, die Ansichten der merkwürdigsten Orte, die Pläne der größten Städte, 100 Karten für alte und neue. 46 Bände (plus 6 Supplementbände), Band 11: Französische Revolution–Gebärmutterfibroide. Hildburghausen: Bibliographisches Institut 1847, S. 491.
Nicht umsonst erklärt der Oheim, als er sieht, wie Victor seinen „armen“ Hund Spiz überängstlich „an der Schnur hinter sich“ herzieht: „‚Du darfst den Hund nicht so an der Schnur führen [Hervorh., B.D.], du kannst ihn schon frei mit dir gehen lassen, wenn du willst.‘“ Gesagt, getan: „Am folgenden Tage ließ er den Spiz des Nachmittags versuchsweise frei. Es geschah ihm nichts, und er ließ ihn von nun an alle Tage frei mit sich gehen.“ (HKG 1/6, 106f.)
Auch wenn Stifter diesen Ausspruch, wie erwähnt, für die SF tilgt, die oheim’sche Gewalt also vorderhand begrenzt, hält er doch bei der Überarbeitung des Texts für die SF fest: „Ich freue mich nur für die Gesamtausgabe, da soll er [der Hagestolz, B.D.] in seiner ursprünglichen Tiefe und Gewalt auftretten können, wenn er auch einen Band füllt.“ (PRA 17, 122)
Bereits im altgriechischen Wort
Pikanterweise findet sich selbst diese erotische Komponente in äußerst subtiler Form in Stifters Hagestolz: Mit großer, mehrdeutiger Freude nämlich beobachtet der Oheim seinen Neffen beim Schwimmen: „Ein anderes Mal, als Victor eben schwamm, und zufällig seine Augen empor richtete, sah er den Oheim in einer Thür, die sich aus dem Dache des Bohlenhauses öffnete, stehen und auf ihn herunter schauen. In den Mienen des alten Mannes schien sich Anerkennung auszusprechen, wie der Jüngling so geschikt die Wasserfläche theilte, und öfter mit freundlichen Augen auf den Hund sah, der neben ihm her schwamm. Auch die hohe Schönheit des Jünglings war eine sanfte Fürbitte für ihn, wie die Wasser so um die jugendlichen Glieder spielten und um den unschuldsvollen Körper floßen, auf den die Gewalt der Jahre wartete, und die unenträthselbare Zukunft des Geschikes. – – Ob sich auch etwas Verwandtschaftsneigung in dem alten Manne gegen das junge einzige Wesen regte, das ihm an Blut näher stand, als alle übrigen auf der Erde – wer kann es wissen?“ (HKG 1/6, 107) Zu dieser Thematik weiterführend: Fussenegger, Gertrud: „Stifters pädagogischer Eros – mit Zitaten und Gegenzitaten. Ein Vortrag“. In: VASILO 40 (1991), H. 1, S. 36–45.
Aus Gründen begrifflicher Genauigkeit verwende ich den Terminus Gewalt innerhalb der eigenen Argumentation aber primär im Sinne der violentia und weise darauf hin, wenn damit zusätzlich auch bzw. nur die Ebene der potestas gemeint ist.
An dieser Stelle seien kurz die wichtigsten Publikationen genannt, die sich explizit der Gewalt in Stifters Werk widmen: Eine anregende Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex liefert Matz in seinem Werk Die Gewalt des Gewordenen. Speziell Matz’ Grundannahme, Stifter neige mit zunehmendem Alter zu einer fatalistischen Haltung des Sich-Unterwerfens unter den Lauf und die Faktizität der Dinge, scheint mir treffend beobachtet. Matz, Wolfgang: Gewalt des Gewordenen. Zum Werk Adalbert Stifters. Graz: Droschl 2005, S. 14f. Matz geht es in seinen Erläuterungen allerdings nicht bloß um Phänomene der Gewalt, sondern um grundsätzliche Motive und Themen in Stifters Schreiben. Außerdem nimmt Matz im Gegensatz zu dieser Analyse keine Close Readings von Stifters Werken vor und stellt diese auch nicht in einen werkgeschichtlichen Kontext. Er bemerkt selbst: „Der vorliegende Essay folgt den zentralen Motiven im Werk Adalbert Stifters, er hat jedoch keinerlei chronologischen, werkgeschichtlichen Ehrgeiz.“ Ebd., S. 93. Matz’ Überlegungen – speziell auch seine ausgezeichnete Stifter-Biografie – bilden dennoch eine wichtige Grundlage dieser Arbeit. Zur erwähnten Stifter-Biografie vgl. Matz, Wolfgang: Adalbert Stifter oder Diese fürchterliche Wendung der Dinge. Biographie. Göttingen: Wallstein 2016. Einige Beachtung hat in der Forschung außerdem der Prozess der ästhetischen Transformation von Gewalterfahrungen in die Kategorie des Erhabenen gefunden. Neben mehreren Aufsätzen ist hier die Maßstäbe setzende Analyse von Häge zu nennen. Vgl. Häge: Dimensionen des Erhabenen bei Adalbert Stifter. Grundlegend außerdem: Irmscher, Hans Dietrich: „Phänomen und Begriff des Erhabenen im Werk Adalbert Stifters“. In: VASILO 40 (1991), H. 3, S. 30–58. In dieser Untersuchung wird Gewalt allerdings nicht nur (wie bei Häge) ästhetisch, sondern u. a. auch ethisch gefasst. Außerdem stehen andere Erzählungen im Fokus.
Zur (Ver-)Führung lassen sich folgende Anmerkungen anbringen: Als einer der wenigen Interpreten hat sich Theodor Rutt in seiner frühen Studie Adalbert Stifter. Der Erzieher u. a. explizit mit dem Begriff Selbstführung bei Stifter beschäftigt. Vgl. Rutt: Adalbert Stifter – Der Erzieher, S. 104–156, 202–208. Rutts Interesse gilt allerdings primär Stifters pädagogisch-theoretischen Texten. Zwar finden sich auch Auseinandersetzungen mit Stifters Prosa; dabei handelt es sich jedoch um kursorisch-oberflächliche Lektüren, die systematische Zwecke verfolgen. Exemplarisch für Rutts ungenaue Lektürepraxis ist sein Versuch, die Tagebuchpraxis des alten Obristen als „[u]nbewußte Selbstführung“ zu klassifizieren. So schreibt er, der Obrist beginne „anfangs ohne jegliche Intention alle Gedanken und Ereignisse aufzuschreiben, ohne das Bewußtsein, wie sehr er damit seiner Selbsterkenntnis und seiner Selbstformung dient.“ Ebd., S. 121f. Diese Deutung ist verkürzt, übernimmt der unglückliche Obrist die Tagebuchpraxis doch von einem älteren Krieger, der dezidiert auf die heilende Wirkung des Tagebuchschreibens hinweist: „Ein alter Kriegsmann rieth es in meiner Gegenwart lachend einer Jungfrau an, die gerade in Liebeskummer befangen war, und sagte, daß es in diesen Fällen eine gute Wirkung thue. Ich lachte mit und dachte gleich in meinem Innern, daß ich das Ding auch versuchen würde – und wie oft habe ich seitdem den todten Mann gesegnet, daß er es sagte“ (HKG 1/5, 50). Ferner lassen sich bei Rutt Verklärungen von Stifters Biografie nachzeichnen, so bezüglich Stifters Eheleben, seiner Esssucht, v. a. aber hinsichtlich seines Suizids. Beispielsweise behauptet Rutt, Stifters Suizid lasse sich „keineswegs […] aus dem Leben und Denken Stifters“ erklären. Ebd., S. 138. Ignoriert werden damit Stifters zeitlebens zu beobachtende Depressionen, wie sie Matz nachgezeichnet hat. Vgl. Matz: Adalbert Stifter oder Diese fürchterliche Wendung der Dinge. Wichtiger für meine Studie ist die monumentale Monographie von Fischer, Kurt Gerhard: Die Pädagogik des Menschenmöglichen. Adalbert Stifter. Linz: Oberösterreichischer Landesverlag 1962. In seiner umfassenden Abhandlung, die sich beiläufig ebenfalls des Führungsbegriffs bedient, unternimmt der Autor den Versuch einer Systematisierung der Stifter’schen Pädagogik, die sich nichts weniger als einen Gesamtüberblick über Stifters theoretische Positionen zum Ziel setzt. Es ist die bis heute umfangreichste und profundeste Arbeit zu Stifters Denken. Fischer kompiliert und referiert beinahe alle von Stifter überlieferten Zeugnisse zu pädagogischen, aber auch anthropologischen, psychologischen, politischen und religiösen Fragen. Entsprechend ist die Studie auch für die vorliegende Analyse von Bedeutung. Da es Fischer allerdings um eine Systematisierung von Stifters Pädagogik geht, verzichtet er auf eingehendere Analysen der literarischen Texte; der Fokus meiner Arbeit ist gerade umgekehrt. Ferner sind auch die Schwächen von Fischers Arbeit hervorzuheben: Stifter hat nie eine kohärente, systematische Abhandlung seiner eigenen Pädagogik vorgelegt. Was man über Stifters eigene pädagogische Ansichten und Praktiken weiß bzw. zu wissen glaubt, muss sich die Forschung über viele zerstreute Äußerungen aus verschiedensten Quellen und Quellentypen zusammensuchen: Briefe, Aufsätze, Schulakteneinträge, Gutachten, literarische Texte. Die Heterogenität dieser Quellen wird dadurch verkompliziert, dass diese Äußerungen sich über einen Zeitraum von gut 40 Jahren, also von ca. 1830 bis zu Stifters Tod 1868, erstrecken. Fischers Versuch, diese heterogenen, über eine längere Zeitspanne hinweg verteilten Quellen zu systematisieren und zu einer mehr oder minder homogenen Einheit zusammenzufügen, ist methodisch problematisch, weil damit die Brüche, Inkohärenzen und Entwicklungen im Leben und Denken Stifters – beispielsweise sein Umgang mit autoritären Erziehungsmodellen – bis zu einem gewissen Grad geglättet und ignoriert werden. Zu hinterfragen ist auch, dass Fischer zur Entwicklung der eigenen Thesen und Ansichten mitunter willkürlich Zitate aus literarischen Texten entnimmt, ohne dabei die Eigendynamik der literarischen Texte zu berücksichtigen. Ein letztes methodisches Problem liegt in der Kritiklosigkeit, mit der Fischer Stifters Ansichten teils vorträgt. Für eine fundierte Kritik an Fischers Werk vgl. Mall-Grob: Fiktion des Anfangs, S. 157 (Fußnote 8). Neben diesen beiden erwähnten Publikationen von Fischer und Rutt liegen weitere Studien vor, in denen Führung eine Rolle spielt – allerdings nicht bezogen auf das tatsächliche Wort Führen, sondern in einem allgemeineren Sinne des pädagogischen Lenkens und Anleitens. Zu nennen sind u. a. folgende Werke: Müller, Albert Gerhard: Weltanschauung und Pädagogik Adalbert Stifters. Bonn: F. Cohen 1930; Gassert, Karl Georg: Stifter als Erzieher. Reichenberg: Stiepel 1932; Stodt, Wilhelm: Adalbert Stifter als Erzieher. Düsseldorf: Schwann 1948; Loges, Helmut: Leibesübungen und Leibeserziehung in Leben und Werk Adalbert Stifters. Unter Berücksichtigung seiner Gedanken über natürliche Erziehung. Wien: Verlag Notring 1971; Fischer, Kurt Gerhard: „Ernst von Feuchtersleben und Adalbert Stifter“. In: Theodor Ballauf, Klaus Schaller (Hg.): Pädagogik. Eine Geschichte der Bildung und Erziehung. 3 Bände, Band 3: 19./20. Jahrhundert. Freiburg i. Br., München: Karl Alber 1973, S. 143–148 bzw. 148–156; Leitner, Leo: Spuren des Lernens. Adalbert Stifter als Pädagoge und Schulpolitiker. Graz: Leykam 2005; Pintar, Regina/ Schacherreiter, Christian (Hg.): Kein Wesen wird so hülflos geboren als der Mensch. Adalbert Stifter als Pädagoge: Publikation zur Ausstellung. Linz: StifterHaus 2005; Wiehl, Meike Christina: „Ich bin ein Mann des Masses und der Freiheit“. Adalbert Stifter als Pädagoge. Marburg: Tectum 2008; Wolf, Karl: „Adalbert Stifter als Erzieher“. In: Monika Rothbucher (Hg.): Biopädagogik. Reden, Aufsätze, Abhandlungen. Wien: Lit 2012, S. 220–226; Ehrmann, Daniel: „Stifter und Stiftsschüler: Poesie, Pädagogik und Politik im 19. Jahrhundert“. In: JASILO 24 (2017), S. 85–103. In diesen Werken wird insbesondere der Zusammenhang von Gewalt und (Ver-)Führung nicht oder nur höchst unzureichend reflektiert. Außerdem stehen nicht Stifters literarische, sondern theoretische Texte im Fokus. Zu guter Letzt überwiegt bis in jüngere Zeit der Versuch, das harmonisch-wohlwollende Bild des progressiv-idealistischen Pädagogen Stifter zu bewahren und profilieren, was in vielen Fällen eine ausgewogenere, kritische Perspektive auf Stifters Denken verstellt.
Berendes, Jochen: Ironie – Komik – Skepsis. Studien zum Werk Adalbert Stifters. Tübingen: Niemeyer 2009, S. 24f.
Vgl. zum poststrukturalistischen Theorem des toten Autors grundlegend: Barthes, Roland: „Der Tod des Autors“. In: Roland Barthes (Hg.): Das Rauschen der Sprache. Kritische Essays IV. Übersetzt von Dieter Hornig. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2005, S. 57–63. Zu dieser literaturwissenschaftlichen Debatte weiterführend: Jannidis, Fotis u. a. (Hg.): Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Tübingen: De Gruyter 1999; Jannidis, Fotis u. a. (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Ergänzte Neuauflage. Ditzingen: Reclam 2022.
Matz: Adalbert Stifter oder Diese fürchterliche Wendung der Dinge, S. 371.