Es erscheint vermessen, an eine Selbstverständlichkeit zu erinnern: Wer sich mit einer religiösen Tradition beschäftigt, sollte sich mit der Diskussion in dieser Tradition beschäftigen und die Quellen dieser Tradition in ihren jeweiligen Originalsprachen heranziehen. Die Produktion von Tertiärliteratur auf der Basis von Sekundärliteratur, die sich häufig von der genannten Primärliteratur abgekoppelt oder diese höchst schlecht verdaut hat, ist leider ein Signum der heutigen Auseinandersetzung mit dem Thema Islam.
Von unerwarteter Seite wurde bereits vor längerer Zeit ein Gegenbeispiel in die Welt gebracht. Hermann Stiegleckers Die Glaubenslehren des Islam ist trotz seines Umfangs immer wieder übersehen worden, wohl deshalb, weil es in keinen der islamwissenschaftlichen Diskurse so recht einzuordnen war. Angesichts der Qualität des Werkes ist diese mangelnde Beachtung umso bedauerlicher und die Neuauflage umso erfreulicher.
Was lässt sich über die Zielsetzung Stiegleckers sagen? In seinem Aufsatz über Die islamische Lehre vom Guten und Bösen schreibt er selber:
Wir wollen uns bemühen, die diesbezügliche islamische Lehre so darzustellen, wie sie der gläubige Muhammedaner sieht und empfindet. (in Orientalia N. S. 4 (1935), S.239–245, hier S.239)
Diese Herangehensweise vertritt Stieglecker auch in seinem bereits genannten Werk Die Glaubenslehren des Islam, in dem er zu Beginn – programmatisch – schreibt:
Getreu dieser Zielsetzung bringen wir die Lehre, Beweise und Gegenbeweise der Muslim, ob sie den Nichtmuslim verständlich, annehmbar und beachtenswert erscheinen oder nicht. Nie wurde ein muslimischer Lehrsatz oder Beweis, der in den Augen der Muhammedaner bedeutungsvoll ist, aus dem Grund unerwähnt gelassen, weil er uns Nichtmuhammedanern nichtssagend oder absonderlich vorkommt, im Gegenteil, wir legen auch solche muslimische Gedanken und Schlussfolgerungen dar, ohne darüber unsere ablehnende Verwunderung zum Ausdruck zu bringen, ohne einen Einwurf dagegen zu erheben – mag sich unser christlich-europäisches Empfinden auch noch so sehr dazu gedrängt fühlen. Dass alles soll unserer Zielsetzung dienen: die islamischen Glaubenslehren so zu sehen, wie sie der gläubige Muhammedaner sieht. (S.1)
Es geht Stieglecker aber nicht nur um einen kognitiven Zugang. Er schreibt kurz danach:
… wir müssen die religiöse Herzenssprache dieser Menschen erlernen, dann erst können wir mit ihnen reden, dann erst werden wir einander verstehen! (S.2)
Zwar geht Stieglecker auch hier von einer klaren Trennung von Wir und Sie aus, wobei das Wir immer ,christlich-europäisch‘ kodiert ist, unternimmt es aber, einen weiteren Schritt zu gehen. Er sieht die Möglichkeit mit diesem Sie auf menschlicher Ebene zu verkehren, von Mensch zu Mensch zu sprechen, ja sogar vom Herzen des einen Menschen zum Herzen des anderen. Seine Schlussfolgerung erscheint geradezu umstürzlerisch in heutigen Zeiten – für ihn schlicht selbstverständlich:
Denn, wenn es uns gelingt, das Empfinden und Denken eines Menschen, sein Mühen und Streben, seine richtigen Wege und seine Irrgänge aus seiner Eigenart heraus zu verstehen, sozusagen mit ihm mitzuerleben, so wie er alle diese Dinge erlebt und durchgestanden hat, dann ist das ein wahrhaft großes Werk, eine unsagbar wertvolle Errungenschaft. (S.3)
Nun mag aus heutiger Sicht die Konstruktion des gläubigen bzw. religiösen Muhammedaners problematisch erscheinen. Allein schon der Ausdruck Muhammedaner erscheint heute zutreffend als nicht mehr angemessen und unpräzise, sei aber als zeitgebunden verziehen, gebunden in einer Zeit, in der 1950 ein Grundlagenwerk zum islamischen Rechtsdenken mit dem Titel „Origins of Muhammadan Jurisprudence“ von Joseph Schacht publiziert werden konnte. Einen einheitlich Gläubigen zu denken, ist ebenfalls mittlerweile als unpräzise erkannt worden. Denken wir an Shahab Ahmeds What is Islam? mit seinem überzeugenden Argument zur Diversität, ja sogar Widersprüchlichkeit islamischer Traditionen.
All dies ist aber kaum Stieglecker vorzuwerfen, der in großer geistiger Anstrengung die Ebene der Beschäftigung mit islamischen Themen ausgeweitet hat. Vielleicht mag es beruhigend sein, dass nach Stieglecker die Forschung und Reflexion weitergegangen ist und es ermöglicht, Schwächen seines Werkes zu erkennen.
Natürlich mag der eine oder andere in jetzt geklärten Detailfragen darauf verweisen, dass Stieglecker geirrt hat. Allerdings schmälert dies den Wert des monumentalen Werkes des Hermann Stieglecker in keiner Weise.
Wir können aus Stiegleckers Worten und seinem Werk ein ganz einfaches und zugleich schwieriges Programm entnehmen: Mit den Menschen in ihrer Sprache reden, ihren Gedanken getreulich folgen, wo immer sie hinführen, und auf dieser erfahrungsbasierten Kenntnis ein Gespräch und Handeln zu beginnen. Dies ist das unaufgeregte und zugleich zutiefst gelehrte Programm von Hermann Stieglecker.
Aus fachgeschichtlicher Sicht bemerkenswert ist, dass ein solch monumentales Werk der Islamforschung bereits in den 1930ern entstanden ist mit einer leichten Berührung mit dem Institut für Orientalistik, das damit auch einen positiven Aspekt in seiner Geschichte verzeichnen kann, zumal Stiegleckers Werk im besten Sinne philologisch ist, von der Liebe zur Sprache geprägt.
Dass die Glaubenslehren einen Überblick über zutiefst theologische Themen bieten, die in dieser Breite seither kaum geboten wurden, bedeutet auch, dass Stiegleckers Werk von einer differenzierten Nachverfolgung der Sprache islamischer Gelehrter (soweit in seiner Zeit bekannt) geprägt ist, die in heutigen Zeiten eine Einzelperson kaum wagt in dieser Detailliertheit aufzugreifen. Dies ist charakteristisch für die Furcht vor dem „großen Wurf“, der allzu leicht vom Vorwurf der „großen Theorien“ getroffen werden kann, ohne dass die Qualität eines Werkes in der Kleinteiligkeit der Gegenwart erkannt wird.
Fachgeschichtlich ist ebenfalls bemerkenswert, dass weit vor Saids Orientalism ein dezidiert nicht vom Gedanken der europäischen Überlegenheit in der Hierarchie der Welt getragenes Werk vorliegt, das vom Bestreben getragen ist „mitzuerleben“, nicht zu beurteilen und zu kategorisieren. Auch wenn wir sagen können, dass für Stieglecker sein Glaube von höchster Bedeutung war, ist es ihm doch möglich, anderem Glauben zu begegnen, ohne ihn zu verurteilen. Damit können wir Stieglecker in der Tradition des deutschsprachigen Raumes sehen, die nicht unter die kolonialistischen britischen, französischen oder anderen Traditionen einzuordnen ist, vielmehr einem eigenen, eher auf Begegnung gerichteten Weg folgt. Namen, die uns in den Sinn kommen, sind Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von Hammer-Purgstall, auch Wacɫaw Seweryn Rzewuski und andere. Eine reizvolle Aufgabe wäre es sicherlich, in dieser Perspektive auf das Werk Stiegleckers zu schauen.
Hermann Stiegleckers Glaubenslehren bilden einen gut verankerten Grundstein, um eine theologisch-theoretisch fundierte Diskussion – nicht eine Auseinandersetzung (!) – über islamische religiöse Themen aufzubauen. Dies umso wichtiger, da Stieglecker sein Werk kenntnisreich und nüchtern formuliert hat, so dass es auch im Denkstil eine Fluchtlinie aus kenntnislosen und geradezu hysterischen Auseinandersetzungen ausformt.
Die Glaubenslehren des Islam sind ein hervorragender Ausgangspunkt, um sich in Fragen der – sunnitischen – islamischen religiösen Lehren bis in feine Verästelungen hinein zu vertiefen. Dies galt, um mit einem persönlichen Wort zu schließen, vor einigen Jahrzehnten als dem Verfasser dieser Zeilen von seinem Professor empfohlen wurde, W. Montgomery Watts einschlägiges Werk heranzuziehen, wenn er sich denn mit islamischen theologischen Fragen beschäftigen wolle, aber davor auf jeden Fall Stiegleckers Glaubenslehren durchschauen solle. Die Neuausgabe der Glaubenslehren wird dies auch dem heutigen Lesepublikum ermöglichen, dem eine interessante Lektüre versprochen werden kann.