Es kam einem Paradigmenwechsel gleich, als die römisch-katholische Kirche 1965 am Zweiten Vatikanischen Konzil in ihrer epochalen Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen formulierte: âMit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat.â (Nostra Aetate 3).
Dass es zu einer solchen Kehrtwende in der katholischen Position kommen konnte, ist Verdienst verschiedener Wegbereiter interreligiöser Verständigung, zu denen zweifellos auch Hermann Stieglecker zu zählen ist.1 âCum aestimationeâ â das Motto dieser Dialogerklärung mit Muslimen hat vielfache Ãbersetzungen erfahren. Ob dessen Autor, der Dominikaner Georg Anawati in Kairo, seinen Kollegen Hermann Stieglecker in St. Florian kannte und umgekehrt, ist nicht mit Sicherheit feststellbar. Erwiesen aber ist, dass Stieglecker Kontakt mit der al Azhar-Universität in Kairo hatte. Als er sein Standardwerk Die Glaubenslehren des Islam verfasste, war er seiner Zeit damit weit voraus. Er schrieb es in eben jener Haltung hoher Wertschätzung und tiefer Empathie lange bevor es zu dieser Konzilsdeklaration kam. Der Weg zum gegenseitigen Verstehen in Ehrfurcht und beidseitiger âLernbereitschaftâ (Hans Zirker), war für Stieglecker die Voraussetzung seiner Arbeit. Während Anawati ein Meister der persönlichen Beziehungen mit den Gläubigen und Gelehrten seiner islamischen Umgebung war, zeichnete sich Stieglecker eher durch genaue Beobachtung mit einfühlender Sympathie aus. Dass er 60 Sprachen konnte, weist ihn nicht nur als hoch begabt und sprachwissenschaftlich interessiert, sondern auch als weltoffen und kritisch gegenüber dem Bildungsmangel des Eurozentrismus seiner Zeit aus. Auch Kardinal Franz König, der entscheidende Pionier der oben zitierten Konzilserklärung, wurde durch ihn inspiriert. Der Kern des Dialogdenkens und seiner weltbewegenden Dynamik aber entstammte den jüdisch-christlichen Beziehungen, die Franz Rosenzweig (1886â1929) und Eugen Rosenstock-Huessy (1888â1973) in lebendiger Auseinandersetzung entwickelt hatten. Theorie und Praxis jeden interreligiösen Dialoges beruht auf diesem Glaubensfundament und wird von daher erst hermeneutisch fruchtbar.
Im Zuge der Aufarbeitung des Nachlasses Hermann Stiegleckers im Archiv des Stiftes St. Florian hat das Forum für Weltreligionen Wien in Kooperation mit dem Institut für Orientalistik der Universität Wien die Ãberarbeitung der Glaubenslehren des Islam Stiegleckers durchgeführt, um das Werk heutigen Anforderungen entsprechend zu adaptieren. Für die fachliche Arbeit ergeht unser besonderer Dank an den Orientalisten Dr. Philipp Bruckmayr, für die Ãffnung des Archives an Dr. Friedrich Buchmayr und für die gute Zusammenarbeit an das Stift St. Florian unter Propst Johann Holzinger. Zeitgleich mit der Neuauflage des vorliegenden Werkes erscheint ein Begleitband mit dem Titel Monotheismus â Interreligiöse Gespräche im Umfeld moderner Gottesfragen im Anschluss an Hermann Stieglecker. Dort sind weitere wichtige Artikel Stiegleckers abgedruckt und mit Beiträgen und Kommentaren aus verschiedenen Fachwissenschaften (christliche und islamische Theologie, Orientalistik, Indologie, Sinologie, Philosophie) in Beziehung gesetzt. Es handelt sich um die Dokumentation einer Tagungsreihe im Gedenken Hermann Stiegleckers. Ein zweiter Begleitband befindet sich in Vorbereitung.
Vgl. Petrus Bsteh, Brigitte Proksch (Hg.), Wegbereiter des interreligiösen Dialogs, (Spiritualität im Dialog), Bde. IâIII, Wien 2012â2020.