Am Ursprung dieser Dissertation stand eine doppelte Irritation, die sich aus der Beschäftigung mit den adiastematisch neumierten Handschriften der sogenannten Berlinka-Sammlung ergab. Zunächst offenbarte sich – in einer paradoxen Verdichtung – die semiotische Ambivalenz vermeintlich identischer graphischer Zeichen: Derselbe Signifikant entzog sich einer einheitlichen Referenz, entzog sich jeder simplen Gleichsetzung und ließ mehr und mehr nur den Schluss zu, dass die Möglichkeiten einer homogenen Deutung auch innerhalb eines einzelnen Codex zu überprüfen war. Diese Beobachtung führte unausweichlich zu der Einsicht, dass jede semiologische Analyse, die sich auf bloße Analogien und visuelle Korrelationen stützt, Gefahr läuft, die eigentliche Komplexität und interne Differenz der untersuchten Zeichenwelten zu verfehlen.
Aus dieser Einsicht ergab sich notwendigerweise eine Reflexion methodologischer Natur, die nicht länger nur die isolierte Zeichenanalyse in den Vordergrund rückt, sondern systemtheoretische Perspektiven und dekonstruktive Lesarten gleichermaßen fruchtbar machen sollte. Die vorliegende Arbeit nimmt daher den Versuch vor, jene Formen von Differenz und Wiederholung, von Sinnkonstitution und Sinnverschiebung, sichtbar und beschreibbar zu machen, die in der bisherigen Forschung unbeachtet geblieben waren. Nur durch einen solchen Perspektivwechsel – der die Zeichen nicht als feststehende Bedeutungsträger, sondern als variabel eingebettete Elemente eines relationalen und stets dynamischen Gefüges begreift – lässt sich die eigentliche epistemologische Tragweite der neumierten Notationen adäquat erfassen.
Aus dieser methodologischen Verschiebung erwächst zugleich eine dialogische Zielsetzung, die über die rein wissenschaftlich-akademische Dimension hinausweist. So richtet sich das vorliegende Buch an zwei bislang überwiegend getrennt agierende Forschungswelten: an die universitäre Musikwissenschaft einerseits und an die kirchlich-liturgische Forschung andererseits. Während erstere häufig einer analytischen und semiotischen Perspektive verpflichtet bleibt, fokussiert letztere stärker auf die praktische und traditionsgebundene Interpretation liturgischer Zeichen. Indem diese Studie Berührungspunkte schafft und systematische sowie methodologische Reflexionen zwischen beiden Perspektiven anregt, will sie nicht nur bestehende Diskursgrenzen überwinden, sondern auch produktive Synergien zwischen akademischer Analyse und kirchlicher Praxis sichtbar machen.
Als die Frage nach der konkreten Umsetzung dieses Vorhabens aufkam, verdankte ich meiner lieben Frau Kerstin den maßgeblichen Anstoß, es im Rahmen eines Dissertationsprojekt zu verwirklichen. Ihr gebührt daher mein erster und innigster Dank dieser Arbeit – nicht allein für ihre wegweisende Ermutigung, sondern ebenso für ihre unermüdliche und stetige Unterstützung, die von Anfang an eine unverzichtbare Quelle meiner Kraft und Zuversicht gewesen ist. Ebenso gilt mein ganz persönlicher Dank meinen Eltern, meiner Mutter und meinem 2021 verstorbenem Vater, für ihre beständige Unterstützung und ihr unbeirrbares Vertrauen in mich und meine Arbeit.
Ein ebenso herzlicher Dank gilt meinem Erstgutachter, Prof. Dr. Oliver Huck (Hamburg), der diese Arbeit nicht nur mit fachlicher Expertise und persönlicher Wertschätzung begleitet, sondern durch seine außergewöhnlich intensive und flexible Betreuung wesentlich geprägt hat. Seine große Bereitschaft, jederzeit in den gemeinsamen Austausch einzutreten, hat maßgeblich zur methodischen und gedanklichen Präzisierung der vorliegenden Dissertation beigetragen. Nicht zuletzt war es seine motivierende Art, die immer wieder Klarheit und Struktur in komplexe Überlegungen brachte und mir auch persönlich eine außerordentliche Unterstützung war – dafür bin ich ihm von Herzen dankbar.
Am Institut für historische Musikwissenschaft (Hamburg) danke ich des Weiteren sehr herzlich meinem Zweitgutachter Prof. Dr. Matteo Nanni für seine inspirierenden Impulse und seinen stets humorvoll-offenen Blick auf die Wissenschaft. Prof. Dr. Ivana Rentsch, PD Dr. Ina Knoth, Dr. Manuel Becker, Dr. Marcel Klinke (inzwischen Heidelberg), Dr. Julia Freund und Paloma León Villagrá danke ich für ihre wertvollen Hinweise und das überaus kollegiale Miteinander. Ebenso danke ich Dr. Esther Dubke (Heidelberg), deren stets anregende Diskursbereitschaft – auch in situativen Konstellationen eher ephemereren Charakters – zur Entfaltung vieler Gedanken und zur Aufrechterhaltung meiner epistemischen Offenheit beigetragen hat.
Lore Deman, Leiterin der Bibliothek der musikwissenschaftlichen Institute, danke ich für ihre stets hilfsbereite bibliothekarische Unterstützung. Dr. Martina Rebmann und Dr. Roland Schmidt-Hensel (Staatsbibliothek Berlin), Dr. Franziska Schnoor (Stiftsbibliothek St. Gallen), Dr. Uta-Christiane Bergemann (Domschatz Halberstadt), Izabela Korczyńska (Jagellionische Bibliothek, Krakau) und Pater Gregor Jäggi OSB (Stiftsarchivar, Einsiedeln) sei für den Zugang zu wichtigen Quellen und ihre großzügige Unterstützung meiner Recherchen gedankt.
Prof. Dr. Federico Celestini, Prof. Dr. Matteo Nanni, Prof. Dr. Simon Obert und Prof. Dr. Nikolaus Urbanek sei für die Aufnahme meiner Arbeit in ihre Schriftenreihe „Theorie der musikalischen Schrift“ gedankt. Dem Cluster of Excellence „Understanding Written Artefacts“ danke ich für die finanzielle Unterstützung der Drucklegung. Herrn Dr. Siekmann vom Brill-Verlag danke ich für die engagierte und umsichtige Begleitung des Publikationsprozesses. Alexander Scheumann gebührt ein großer Dank für sein äußerst sorgfältiges Lektorat und die vielen wertvollen Anregungen, die er mit steter Aufmerksamkeit und persönlichem Engagement eingebracht hat.
Schließlich danke ich Dr. Dirk Ferse (Dresden), dessen Interventionen stets behutsam irritierend, wohltemperiert destabilisierend und dadurch neue Denkbahnen provozierend waren. Abschließend danke ich Björn Eric Hellwig, Fritz Fabian Prottengeyer, Dr. Leopold Alexander Frankenbach und Alexander Emanuel Löwe für jene Form der emotionalen Unterstützung, die sich den systemischen Zwängen wissenschaftlicher Kommunikation beständig entzog und mich gerade dadurch daran erinnerte, dass sich nicht alles auf Fußnoten reduzieren lässt.
Hamburg, am Tag des hl. Gregor
Christoph Weyer