Die Einbildungskraft spielt im Werk E. T. A. Hoffmanns von Beginn an eine zentrale Rolle. Er gibt nicht nur seiner ersten Buchveröffentlichung den Titel Fantasiestücke in Callotâs Manier (1814), sondern die Fantasie steht auch in dem als poetologische Einleitung angelegten ersten Text dieser Sammlung Jaques Callot im Zentrum der kunsttheoretischen Reflexion. So ist für Hoffmanns Erzähler die Fantasie der entscheidende Begriff, wenn es darum geht, den Wert von Kunst zu bestimmen.1 Denn obwohl man dem Maler und Kupferstecher Callot, den sich der Erzähler zum künstlerischen Vorbild erwählt, durchaus handwerkliche Fehler vorwerfen könne, werden seine Werke vom Erzähler doch unendlich hoch geschätzt, weil sie âReflexe aller der fantastischen wunderlichen Erscheinungen, die der Zauber seiner überreichen Fantasie hervorriefâ,2 sind.
Diese Erscheinungen sind jedoch nicht, wie man vielleicht meinen könnte, âreineâ Einbildungen, die im Sinne eines lâart pour lâart auf nichts als sich selbst verwiesen. Vielmehr geht es um âaus dem Leben genommene Darstellungenâ, denen die Bearbeitung durch die Fantasie âfremdartig Bekanntesâ gibt.3 So eindeutig also die Fantasie â die Einbildungskraft â als dasjenige menschliche Vermögen begriffen wird, das dem künstlerischen Schaffen korrespondiert, so klar ist von Anfang an, dass die Kunst deswegen nicht referenzlose Form, âreineâ Schönheit oder bloÃe Poiesis ist, sondern in einem Spannungsverhältnis von Poiesis und Mimesis steht.4 So bemerkt der Erzähler, dass selbstverständlich auch dort, wo Callot keine Alltagsszenen darstellt, sondern groteske und skurrile Mischwesen aus Mensch und Tier, er nicht einfach Fantasiegestalten schafft, sondern damit etwas âenthülltâ.5 Das Groteske und Skurrile hat einen Erkenntniswert: Es geht darum, âden Menschen mit seinem ärmlichen Tun und Triebenâ6 darzustellen. Die Erkenntnismöglichkeit der Kunst wird also als ein Zusammenwirken von Poiesis und Mimesis begriffen. Wenn ein Kunstwerk etwas enthüllt, dann erschafft es die Möglichkeit, etwas durch einen neuen Blick (Poiesis) auf etwas Bekanntes (Mimesis) zu entdecken. Die Einbildungskraft hat für Hoffmanns Erzähler â und man darf durchaus vermuten, dass der Autor seinem Erzähler hier beipflichten würde â eine ganz bestimmte Funktion, die im Schaffen von Kunstwerken erfüllt werden kann oder auch nicht.7
Ein Text der erstaunlicherweise von der Forschung auf seine poetologischen Implikationen hin noch nicht ausführlich untersucht wurde, aber genau auf die Frage abhebt, was die Funktion der Einbildungskraft sei und wie diese erfüllt werden könnte, ist Hoffmanns Klein Zaches genannt Zinnober (1819). Der Beitrag stellt die These auf, dass dieses Märchen eine entscheidende poetologische Behauptung macht. Diese ist nicht die einzige zentrale Aussage des Textes, sie ist jedoch der Schlüssel zum Verständnis aller anderen Aussagen.8 Das Verständnis des im Text entworfenen Kunstbegriffs, der die Funktion der Einbildungskraft bestimmt, ermöglicht allein einen klaren Blick auf das im Text entworfene Verhältnis von Romantik und Aufklärung, Wissenschaft und Kunst sowie Kunst und Gesellschaft.9 Dabei stellt der Text einer aufklärerischen eine romantische Haltung entgegen. Es werden jedoch beide als defizitär entlarvt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Wobei die Satire die Romantiker letztlich sehr viel härter trifft als die Aufklärer.10 Die Schwäche der romantischen Figuren ist ihre verarmte und einseitig verwendete Einbildungskraft. Daraus resultieren ein unterkomplexer Kunstbegriff und eine generelle Unfähigkeit zur Erkenntnis. Das Märchen selbst erweist sich als positiver Gegenentwurf und exemplifiziert die in ihm ex negativo entworfene Poetologie, indem es sich als ein Angriff auf die eigene Gattung des Märchens entpuppt. Als romantischer Text stellt es sich somit als eine selbstreflexive Satire auf eine verarmte Form von Romantik heraus.
Der Text erzählt von einem kleinen Fürstentum, das zunächst als vollkommen glückliches Märchenland geschildert wird, in dem jedoch, als der alte Fürst Demetrius stirbt, per Dekret von seinem Nachfolger Paphnutius und dessen Minister Andres die Aufklärung eingeführt wird. Hier zeigen sich bereits die beiden Lager: War der Staat zunächst ein (wenn auch überzogenes) Exempel romantischer Glückseligkeit, wird das Romantische nun vertrieben und durch die âAufklärungâ ersetzt. Entscheidend für eine reibungslose Einführung der Aufklärung ist laut Andres vor allem, dass die Feen, die sich unter der Herrschaft des Demetrius wegen des angenehmen Klimas und der uneingeschränkten Freiheit gerne im Fürstentum aufgehalten und für alle möglichen Annehmlichkeiten gesorgt haben, aus dem Land zurück in ihre Heimat Dschinnistan verbannt werden müssen, denn sie verbreiten laut Andres unter dem Namen âPoesieâ (545) ein antiaufklärerisches Gift.11 Einige müssten jedoch im Land behalten und ihrer magischen Gegenstände beraubt werden, sodass sie nichts Wunderbares mehr wirken können und die Bevölkerung in der Folge ihren Wunderglauben verliert. Eine einzige Fee, Rosabelverde, vermag es, ihre magischen Gegenstände zu behalten, weil sie früh genug eine anonyme Warnung erhält. Die eigentliche Handlung setzt einige Jahrzehnte später ein, als eben jene Fee an einem Wegrand eine schlafende, verarmte, abgewirtschaftete Mutter entdeckt. Ihr missgestalteter Sohn, Klein Zaches, von dem es heiÃt, er gleiche einem âgespaltenen Rettichâ, (543) liegt neben ihr. Es ist der Fee klar, dass die Mutter ein Leben lang unter der Bürde ihres Sohnes wird leiden müssen, weil dieser sich weder körperlich noch geistig zu irgendeiner Art Selbstständigkeit entwickeln wird. Rosabelverde hat mit ihr aber auch mit ihrem Sohn Mitleid und verzaubert den Jungen. Dieser Zauber wird folgendermaÃen beschrieben. Er erhält eine Gabe, vermöge welcher
alles was in seiner Gegenwart irgend ein anderer Vortreffliches denkt, spricht oder tut, auf seine Rechnung kommen, ja daà er in der Gesellschaft wohlgebildeter, verständiger, geistreicher Personen auch für wohlgebildet, verständig und geistreich geachtet werden und überhaupt allemal für den vollkommensten der Gattung [â¦] gelten muÃ. (616f.)
Durch diesen Zauber wird Zaches im Laufe des Märchens eine noch nie dagewesene Karriere im aufgeklärten Staat machen, wodurch er zum Symbol einer hohlen, missverstandenen und verkehrten Aufklärung wird.12 Sein Widerpart ist der Student und Dichter Balthasar, der seine Bekanntschaft macht, als Zaches sein Studium antritt. Er lässt sich jetzt allerdings mit dem vornehmen Namen Zinnober anreden. Zu Kontrahenten werden sie, weil sie beide die schöne Candida begehren und diese durch die Feengabe Zaches verfällt. Dieser Kampf, in dem es Balthasar nicht nur um Candida geht, sondern auch um die Offenlegung der UnrechtmäÃigkeit des gesellschaftlichen und ökonomischen Status von Zaches, steht paradigmatisch für den Kampf âAufklärung gegen Romantikâ.
Diese Konstellation zeigt, dass diese Unterscheidung eine doppelte ist: Zum einen gibt es die âursprünglichenâ Lager: Die Feen, Zauberer und Dichter gehören in dieser Hinsicht der Seite der Romantik an, die Beamten, Bürger, Naturforscher, Burschenschaftler und Minister sind der Aufklärung zugeordnet. Zum anderen entbrennt ein Kampf zwischen Zaches und Balthasar, die diese Lager vertreten. In dieser Hinsicht â im Kampf â können Figuren die Seite wechseln so wie Rosabelverde, die zunächst aus durchaus nachvollziehbaren Gründen auf der falschen Seite steht, da sie aus Mitleid zu Zaches hält, bevor sie letztlich ein Einsehen hat und auf Balthasars Seite wechselt. Balthasar ist siegreich, weil er Hilfe von einer zweiten magischen Figur erhält: Dem Zauberer Prosper Alpanus. Dieser hat es ebenfalls geschafft, sich vor der Aufklärung zu verstecken und er war es auch, der die Fee Rosabelverde anonym vor der Aufklärungs-Polizei gewarnt hat. Prosper Alpanus verrät Balthasar und einigen anderen Studenten, dass Zinnobers Zauber an drei roten Haaren hängt, die dieser seit seiner Begegnung mit der Fee auf dem Scheitel trägt. Ihnen gelingt es, ihm diese auf seiner und Candidas Verlobungsfeier auszureiÃen. Der Zauber erlischt und Zaches muss in sein Haus flüchten. Am nächsten Morgen allerdings formiert sich ein Mob vor dem Haus, der Klein Zaches verlacht, schlieÃlich die Tür durchbricht und eindringt. Zaches jedoch ist nirgends mehr zu entdecken. Als wieder Ruhe eingekehrt ist, finden seine Diener ihn. Er ist aus Furcht vor dem Mob in seinen Nachttopf gestürzt und darin ertrunken. Balthasar und Candida heiraten, Prosper Alpanus schenkt ihnen sein Anwesen, worauf sie sorgenfrei leben, und der Text schlieÃt mit dem Satz: âSo hat aber das Märchen von Klein Zaches genannt Zinnober nun wirklich ein ganz und gar fröhliches Ende.â (649) Obwohl die âgutenâ Romantiker über die âbösenâ Aufklärer gesiegt haben, ist mit Händen zu greifen, dass der harmonische Schluss von einer bedeutungsverkehrenden Ironie durchdrungen ist.13 Eine tatsächliche Bestimmung des Verhältnisses von Romantik und Aufklärung lässt sich durch einen klaren Blick auf poetologische Dimension des Textes leisten. Zunächst soll aber gefragt werden, wie die beiden Lager jeweils charakterisiert werden.
Der Aufklärungsbegriff, der hier ins Spiel gebracht wird, ist von vornherein satirisch überzeichnet. Ist Aufklärung von Kant als âAusgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeitâ14 gefasst worden, so stellt sich das, was der Fürst Paphnutius und sein Minister einführen, als eine bis zur Unkenntlichkeit pervertierte Form ihrer selbst dar, indem die Aufklärung, die hier von oben oktroyiert wird, eher als ein Eingang in die Unmündigkeit für die Bürger des Fürstentums beschreibbar wäre. Dieser Eingang wird zwar nicht als prima facie selbstverschuldet dargestellt, das Unvermögen allerdings, sich aus ihm zu befreien sehr wohl. Dies wird die weitere Interpretation zeigen. Als Eingang in die Unmündigkeit kann diese Aufklärung gefasst werden, weil der Zustand vor der Aufklärung des Staates ihrer gar nicht bedurfte, da Staat und Bewohner nicht weniger als vier Mal als âfreiâ bezeichnet werden und mehr noch,15 weil explizit Herrschaft als Zweck der Aufklärung genannt wird. Zunächst vom Erzähler, der festhält, dass Paphnutius âbeschloà zu regierenâ, (543) dann von diesem selbst, der zu seinem Minister sagt: âIch will regieren, mein Guter!â16 (Ebd.) Herrschaft und Regierung, die hier deutlich als illegitim markiert sind, können als Unmündigkeit im Sinne von illegitimer politischer Bevormundung und damit der Kantischen Aufklärung widersprechend gesehen werden.
Noch wichtiger ist jedoch, dass die Art von Unmündigkeit, die bei Kant der eigentliche Dreh- und Angelpunkt ist, überhaupt nicht Thema wird. Mit keiner Silbe wird davon gesprochen, dass es der Aufklärung darum zu tun sein könnte, dass der Mensch den Mut haben solle, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Die beiden Oberaufklärer zeigen sich dementsprechend als völlig unwissend hinsichtlich dessen, was Aufklärung ist. Sie sind in gewisser Weise nicht einmal selbst in der Lage, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Die ironische Konstellation zeigt diese Art von Aufklärung als einen blinden, zweckrationalen Mechanismus, in welchem Vernunft und Verstand lediglich Anwendung finden, um den Zwecken der Herrschaft zu dienen, ohne dass die Zwecke selbst je auf ihre Vernünftigkeit hin geprüft würden. Ein Begriff von Aufklärung, der nicht in zweckrationalem Verstandesgebrauch aufgeht, sondern auch meint, individuelle und gesamtgesellschaftliche Zwecke zu prüfen und gegebenenfalls zu revidieren, wäre erst ein Begriff der den Namen Aufklärung auch tatsächlich verdiente. Es fragt sich allerdings, ob die Romantik, die als Gegenspielerin und Ãberwinderin der Aufklärung auftritt, dies erkennen und entsprechend handeln kann.17
Die Antwort hierauf lautet eindeutig: Nein! Der Text gibt auch die romantischen Figuren der satirischen Lächerlichkeit preis, obwohl nicht zu bestreiten ist, dass er sie ungleich sympathischer zeichnet, als die des anderen Lagers.18 Exemplarisch kann dies an der romantischen Figur schlechthin, Balthasar, gezeigt werden. Könnte seine träumerische Hingegebenheit an die Natur vielleicht noch als romantischer Gegenentwurf zum naturwissenschaftlichen und auf Ausbeutung ihrer Kräfte ausgehenden Blick auf die Natur des Professors Mosch Terpin gelesen werden, so entblöÃt Balthasar im Verlaufe des Textes ein lächerliches Romantik-Klischee nach dem anderen: Zunächst macht sich der Text über den romantischen Liebesbegriff lustig, indem Candida als hübsch, aber oberflächlich und dümmlich beschrieben wird. Sie hat zwar Goethe, Schiller und Fouqué gelesen, jedoch âbeinahe alles, was darin enthalten, wieder vergessenâ. (565) AuÃerdem, so weiter, könnte man an ihr auszusetzen haben, âdaà sie etwas zu tief sprach, sich zu fest einschnürte, sich zu lange über einen neuen Hut freute und zu viel Kuchen zum Tee verzehrte.â (Ebd.) Das übergeordnete Ziel des Spotts ist hier jedoch weniger Candida selbst als das romantische Weiblichkeitsbild. Es wird deutlich, dass der Erzähler sie in Schutz nimmt und auf ironische Weise darstellt, welches Frauenbild âüberschwänglichen Dichternâ (ebd.) â d.h. Romantiker â vorschwebt: Sie sollen zusammenschrumpfen auf ein Minimum an Körperlichkeit, sodass sie nichts mehr vermögen, auÃer den Dichter zu bewundern. Die narzisstische Fantasie will, dass die Frau durch Dichtung âin somnambules Entzücken gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohnmächtle oder gar zur Zeit erblinde als höchste Stufe der weiblichsten Weiblichkeit.â (566) Auch die national-romantische Deutschtümelei wird der Lächerlichkeit preisgegeben, indem der Ausdruck deutscher Authentizität als eklektisches Stückwerk erscheint: Balthasar trägt âfranzösische Stiefeln [â¦], einen englischen Hut [â¦], und dänische Handschuhe. So war er ganz deutsch gekleidet.â (567)
Neben diesen kleineren Seitenhieben auf eine Romantik lächerlich epigonaler Symbole ist vor allem zu beachten, wie das âglücklicheâ Ende zustande kommt, um die Romantikkritik des Textes zu begreifen. Candida und Balthasar können auf dem von Prosper Alpanus ererbten Anwesen deswegen sorgenfrei leben, weil dort durch Magie nicht nur immer die Sonne scheint, sondern vom Ziehen des Gemüses bis hin zur Hausarbeit immer alles gelingt, wie Prosper Balthasar in einem ausführlichen Bericht ankündigt, den er beendet mit: âKurz, mein Balthasar! es ist dafür gesorgt, daà du das häusliche Glück an deiner holden Candida Seite ruhig und ungestört genieÃest!â (620) Auch die Fee Rosabelverde, die nach einem magischen Duell mit Prosper in Balthasars Lager gewechselt ist, wobei der Text deutlich macht, dass sie das aus Einsicht tut und nicht gezwungen wird, hat ein Geschenk für das Brautpaar, bzw. für die Braut: Es ist ein âprächtig funkelnde[r] Halsschmuck [â¦], der eine magische Wirkung dahin äuÃerte, daà [Candida], hatte sie ihn umgetan, niemals über Kleinigkeiten, über ein schlecht genesteltes Band, über einen miÃratenen Haarschmuck, über einen Fleck in der Wäsche oder sonst verdrieÃlich werden konnte.â (647) Nicht nur wird hier die Vorstellung von Weiblichkeit und Liebe erneut als lächerlich ausgewiesen, auch der Glücksbegriff der Romantiker wird entlarvt als einer, der in dem des Philisters ohne Rest aufgeht. Dies betrifft nicht nur Balthasar und Candida, sondern das gesamte romantische Personal: Auch und vor allem wird deutlich, dass die Fee und Prosper, obwohl sie aus Dschinnistan und damit gewissermaÃen romantisch in Reinform sind, einen leicht zu entlarvenden, hohlen und untragbaren Begriff von Glückseligkeit und einem gelingenden Leben haben. Denn diese beiden sind es allein, die dieses Pseudo-Glück ermöglichen. Der Text entwirft zwar eindeutig die Opposition zwischen Aufklärung und Romantik, liefert beide Seiten aber gnadenlos der satirischen BloÃstellung aus. Oder wie Kant es einmal beschrieben hat, wenn man eine ungereimte Fragestellung versucht besonders klug zu beantworten, anstatt sie als unangemessen zurückzuweisen: Der eine melkt den Bock, der andre hält ein Sieb darunter.19
Es fragt sich, ob der Text jenseits dieser beiden Optionen einen Ausweg anbietet. Gibt es eine Art von Haltung, die nicht durch blinden zweckrationalen Verstandesgebrauch Aufklärung in ihr Gegenteil verkehrt oder sich auf der anderen Seite, ohne das zu bemerken, in philiströse Bürgerlichkeit verabschiedet?
Es gehört zur Spezifik von Hoffmanns Ironie, dass sowohl die romantischen als auch die aufklärerischen Figuren des Rätsels Lösung im Munde führen, ohne dies zu verstehen oder gar zu beabsichtigen. An verschiedenen Stellen wird davon gesprochen, dass das, was die Feen tun, Poesie sei. Der Minister Andres warnt bei der Einführung der Aufklärung seinen Fürsten Paphnutius vor ihnen: âSie treiben ein gefährliches Gewerbe mit dem Wunderbaren und scheuen sich nicht, unter dem Namen Poesie, ein heimliches Gift zu verbreiten, das die Leute ganz unfähig macht zum Dienste in der Aufklärung.â (545) Auch als Balthasars Freund und Verbündeter Fabian von Prosper wegen seiner anfänglichen Ungläubigkeit dem Wunderbaren gegenüber dahingehend bestraft wird, dass seine RockschöÃe wachsen, während seine Ãrmel schrumpfen, wird er für jemanden gehalten, der âschädliche Poesie einzuführenâ (623) versucht. Ein weiterer Punkt ist, dass Prosper beschlieÃt Balthasar zu helfen, weil dieser Dichter ist. Das Gedicht, das Balthasar geschrieben hat, beschreibt Prosper jedoch gegen des Autors Wahrnehmung als eine artige Arbeit âim historischen Stylâ. (618) Dies kann zwar so interpretiert werden, dass die Sprache, die in Balthasars Welt als poetisch gilt, in Dschinnistan die Normalform ist. Andererseits birgt dieselbe Stelle natürlich auch die oftmals in der Forschung schon bemerkte Ironie, dass die romantischen Figuren sich über ihr Kerngeschäft, die Dichtung, nicht verständigen können.20 Damit unterstützt sie auch den oben schon dargestellten satirischen Blick auf die Romantiker.
Insgesamt ist festzustellen, dass der Text das Wirken der magischen Figuren semantisch sehr eng an den Begriff der Poesie knüpft, indem als deren Heimat Dschinnistan genannt wird, das nicht nur auf die Dichtung von Wieland, Perrault oder Novalis verwiest, sondern von dem explizit gesagt wird, es sei bekannt aus âTausend und Eine[r] Nachtâ. (544) Somit wird nicht nur das magische Handeln der Feen als Poesie bezeichnet, sondern sogar ihre Heimat existiert nur in und als Poesie. Prosper sagt sogar von sich selbst, er sei eine Person, âdie nur im Märchen auftreten darfâ. (619)
Es ist zunächst durchaus etwas verwirrend, dass vor allem die Magie wiederholt als Poesie bezeichnet wird, denn eben die Figuren, die das tun, bezeichnen auch Schriftstellerei als Poesie. Geht man davon aus, dass es sich bei dieser Verknüpfung um keine Zufälligkeit handelt, liegt die Vermutung nahe, dass der Text dadurch eine Fährte zu seinem Verständnis legt.21 Hat das, was die Feen tun, vielleicht tatsächlich etwas mit Poesie zu tun? Die Feenhandlung, die im Zentrum steht, ist sicher die, die aus Klein Zaches Zinnober werden lässt. Könnte diese Feengabe tatsächlich als Poesie begriffen werden? Zunächst muss gefragt werden, worin dieser Zauber denn genau besteht. Sich âalles, was [â¦] irgend ein anderer Vortreffliches denkt, spricht oder tut, auf seine Rechnungâ (616 f.) schreiben zu können, ist letztlich nichts anderes, als die Möglichkeit der Ausbeutung der Arbeit anderer. Zaches kann als Zinnober die Früchte dessen ernten, was andere erarbeitet haben. Ausbeutung hat jedoch an sich genauso wenig, wenn nicht sogar noch weniger, mit Poesie zu tun als Magie. Diese Einschätzung ändert sich jedoch, wenn man sieht, dass die Fee durch ihren Zauber â freilich ohne es zu wissen oder zu wollen â das Prinzip verdoppelt, nach dem die gesamte Gesellschaft funktioniert. Denn Zaches ist nicht der einzige, der die Arbeit anderer ausbeutet. Der Text zeigt das an verschiedenen Stellen: Vom Baron Prätextatus von Mondschein wird einmal gesagt, er âarbeitete sogar zuweilen selbst [â¦]â, (584) was impliziert, dass er und seinesgleichen das normalerweise nicht tun. Derselbe Baron wird später allerdings vor seinem Fürsten Barsanuph von Zinnober ausgestochen, weil diesem eine Leistung zugeschrieben wurde, die der Baron für sich reklamieren wollte. âDas Memoire, womit Prätextatus glänzen wollte, hatte aber niemand anders verfaÃt, als Adrian.â (601) Der Baron wird also hier ironischerweise beim Versuch auszubeuten selbst ausgebeutet. Die Art und Weise, wie Prosper Alpanus es geschafft hat, sich vor der Aufklärungs-Polizei zu schützen, zeigt, dass die Ausbeutung sich nicht auf bestimmte Bereiche dieser Gesellschaft beschränkt, sondern allumfassend ist:
Ich bewies, daà ohne des Fürsten Willen es niemals donnern und blitzen müsse, und daà wir schönes Wetter und gute Ernte einzig und allein seinen und seiner Noblesse Bemühungen zu verdanken, die in den innern Gemächern darüber sehr weise beratschlagt, während das gemeine Volk drauÃen auf den Acker gepflügt und gesäet. (609)
Und auch Mosch Terpin, der aufgeklärte Naturforscher, sichert sich seinen Platz in der Gesellschaft, indem er zwar nicht selbst ausbeutet, jedoch die Ausbeutung durch den Fürsten befördert. Denn der Professor
würde das bequemste Leben von der Welt führen, müÃte er oft nicht, wenn ein Hagelschlag die Felder verwüstet hat, plötzlich über Land, um den fürstlichen Pächtern zu erklären, warum es gehagelt hat, damit die dummen Teufel ein biÃchen Wissenschaft bekommen, sich künftig vor dergleichen hüten können und nicht immer Erlaà der Pacht verlangen dürfen, einer Sache halber, die niemand verschuldet, als sie selbst. (613)
Die Feengabe an Zaches treibt dieses Prinzip auf die Spitze: Er leistet gar nichts und macht eine beispiellose Karriere, in deren Verlauf er sogar, wie oben gesehen, einen Baron aus seinem Amt drängt. Dass der Zaches-Zauber sich als Prinzip entpuppt, das die Gesellschaft nicht nur strukturiert, sondern deswegen auch dasjenige ist, was ihre Mitglieder knechtet, wurde von der Forschung bereits mit unterschiedlicher Akzentuierung herausgestellt.22 Die Auffälligkeit, dass diese Feengabe als Poesie bezeichnet wird und damit ein poetologisch-erkenntnistheoretischer Aspekt aufs Engste mit dieser Gesellschaftskritik verzahnt ist, wurde dagegen nicht thematisiert.23
Tatsächlich kann der Zaches-Zauber jedoch als ein Quasi-Kunstwerk begriffen werden: Die Verdopplung des knechtenden Prinzips ist eine Erkenntnismöglichkeit, die durch akkurate Mimesis erschaffen wurde. Ironischerweise stellt sich also die echte Poesie und damit die fundamentale Funktion der Einbildungskraft als in erster Linie mimetisch heraus. An Zaches hätte diese Gesellschaft, zumindest Balthasar, erkennen können, wie Leid generiert wird, wie Ungerechtigkeit reproduziert wird und warum Ausbeutung ein strukturelles und kein individual-moralisches Problem ist.24 Anstatt sich auf diese Erkenntnis einzulassen, überlässt Balthasar Zaches lieber dem Mob und verabschiedet sich in ein philiströses Pseudo-Glück. Deswegen ist es alles andere als zufällig oder irrelevant, dass im Text mehrfach das Treiben der Feen als Poesie beschrieben wird, denn der Text entpuppt sich nicht zuletzt als Plädoyer für einen Kunstbegriff, der genau diese akkurate Mimesis und die damit verbundene Erkenntnismöglichkeit als sein Wesen ausweist. Das ist die Funktion der Einbildungskraft, für die der Text plädiert.
Von entscheidender Bedeutung für die Interpretation ist, dass die Fee, die dieses Kunstwerk erschafft, sich selbst weder als Künstlerin sieht, noch die Erkenntnismöglichkeit versteht, die sie erschaffen hat. Es muss sogar angenommen werden, dass sie die Konsequenzen, die aus einem solchen Verständnis erwachsen könnten, entschieden ablehnen würde. Hier zeigt der Text, was Märchen einerseits tatsächlich sind und was sie andererseits sein könnten. In der romantischen Kunst, in der die Feenmärchen selbstverständlich einen prominenten Platz einnehmen, läge die Möglichkeit gesellschaftskritischer Erkenntnis und echter Aufklärung; die Feenmärchen selbst haben aber einen ganz anderen Zweck. Sie arbeiten letztlich von je her beflissen an der Gegenaufklärung. Das Märchen zeichnet sich dadurch aus, wie Stefan Neuhaus in seiner Einführung in die Gattung verschiedentlich zeigt, besonders aber für die Feenmärchen herausstellt, dass die Moral ânormbestätigendâ25 wirkt. Märchen zementieren die bestehenden Verhältnisse. Er belegt diese These mit einem Zitat aus Perraults Die törichten Wünsche:
Wie wahr ist es doch, daà das Wünschen nichts für die Armen, die Blinden, Unvorsichtigen, Unzufriedenen und Unsteten ist, und daà wenige von ihnen imstande sind, die Gaben recht zu nutzen, die ihnen der Himmel geschenkt hat.26
Wer arm ist, ist das nicht ohne Grund und hat es demzufolge auch zu bleiben. Soziale Mobilität ist etwas, was dem Märchen von Grund auf fremd ist. Es sind im Gegenteil Texte, die die Tugend der Duldsamkeit im Leiden propagieren, indem sie suggerieren, dass sich diese Tugend lohnen werde, wohingegen das Böse, das nicht selten ein Aufbegehren wäre, zwangsläufig bestraft würde. Strafe und Lohn allerdings sind Sache des Schicksals. Die Tugend der Armen ist dementsprechend, die Armut zu erdulden. Diese Ãberzeugung teilt auch die Fee Rosabelverde, die zu Beginn des Textes zu Zaches Mutter Liese sagt:
Dir und deinem Mann, euch beiden ist nun einmal Reichtum nicht beschert, und wem Reichtum nicht beschert ist, dem verschwinden die Goldstücke aus der Tasche, er weià selbst nicht wie, er hat davon nichts als groÃen VerdruÃ, und wird, je mehr Geld ihm zuströmt, nur desto ärmer. (535)
Als Zaches gestorben ist und Liese nachvollziehbarerweise das Erbe beansprucht, wird sie von Rosabelverde mit Verweis auf diese Erklärung und ohne weiteren Grund abgewiesen. Hoffmanns satirisches Märchen überführt hier die Gattung, aus der es stammt, der tiefsten feudalistischen Antiaufklärung. Haben die Aufklärer Paphnutius und Andres selbst so gut wie gar nichts davon verstanden, was Aufklärung ist, so haben sie doch einsehen können, dass die Struktur der Gesellschaft, die Organisation menschlichen Zusammenlebens, etwas ist, was selbst menschengemacht und daher veränderbar ist. Rosabelverde und Prosper, so gut sie es auch meinen mögen, fehlte diese Einsicht. Wenn man darauf blickt, weswegen die Fee Zaches letztlich die Unterstützung aufkündigt und auf Balthasars Seite wechselt, wird ihre Verhaftetheit in den gegebenen Strukturen und ihre Unfähigkeit zur Utopie noch einmal sehr deutlich: Prosper zeigt ihr Balthasars Horoskop. Nicht Einsicht in die moralische Gebotenheit und Richtigkeit des Kampfes oder in die tatsächlichen Gründe für die Pervertiertheit der Aufklärung, sondern Erkenntnis einer (vermeintlichen) Vorherbestimmtheit überzeugt sie. Sie und der Zauberer repräsentieren eine Gattung, der es um sozialen Frieden geht und die einer gesellschaftlich verankerten Ungerechtigkeit nur mit einer Entrückung ins häusliche Glück entgegnen kann.27 Kunst, die diesem Zweck zuarbeitet, ist zwar Gegner der Aufklärung aber nicht wegen der Einsicht in deren Dialektik. Sie ist Gegenaufklärung in Reinform, wodurch sie an der Falschheit der Welt genauso mitarbeitet, wie die von ihr bekämpfte Aufklärung. Deutlich wird dies dadurch, dass Prosper und die Fee den Zauber nach Zaches Tod wieder restaurieren, wodurch sie einerseits die Erkenntnismöglichkeit restlos aus der Welt schaffen, wodurch aber andererseits klar wird, dass die beiden Instanzen â pervertierte Aufklärung und blinde Romantik â eigentlich zusammenarbeiten, indem sie sich vorderhand bekriegen. Letztlich haben sie es bereits getan, indem der romantische Zauber den erfolgreichsten Beamten im aufgeklärten Staat erschaffen hat: Zinnober.
Da niemand in der Welt des Märchens die Erkenntnismöglichkeit auch nur bemerkt, die durch den Zaches-Zauber in die Welt kommt, muss davon gesprochen werden, dass der Text die Geschichte einer verpassten Chance erzählt. Zachesâ Verzauberung war ein Beispiel dafür, wie Einbildungskraft zu verwenden wäre â nämlich so, dass in der Poesie durch mimetische Akkuratesse eine Erkenntnis ermöglicht würde. Dadurch wird natürlich klar, dass die Funktion der Einbildungskraft weder reine Mimesis, noch reine Poiesis ist, sondern eine Mischform: Kunst ist die Verwendung von Fantasie, die dazu führt, dass etwas über die Welt zu erkennen ist, das anders nicht zu erkennen wäre. Mimesis und Poiesis müssen, wie eingangs gesagt, so zusammenwirken, dass etwas âfremdartig Bekanntesâ28 entsteht. Da die Romantik, über die der Text sich lustig macht, eine andere, eine privative, âreinâ ästhetische und letztlich von Vernunft und Verstand abgekoppelte Auffassung von Einbildungskraft hat, konnten die Romantiker des Textes diese Erkenntnismöglichkeit nicht verwirklichen. So pessimistisch der Text wirkt, wenn man seine Bedeutung auf die diegetische Ebene einschränkt, so sehr dreht sich das Verhältnis, wenn man den Fokus erweitert und auf das Verhältnis zwischen ihm und seinen Lesern blickt. Denn selbstverständlich ist es so, dass die Erkenntnis, die die Figur Klein Zaches genannt Zinnober der erzählten Welt angeboten hat, der Text Klein Zaches genannt Zinnober der Welt des Lesers anbietet. Was Balthasar an Zaches hätte erkennen können, kann der Leser durch die Lektüre des Textes erkennen. Indem dies möglich ist, exemplifiziert der Text das Kunstverständnis, das er im Text selbst entwirft. Er ist damit nicht nur eine mimetisch akkurate Darstellung der gesellschaftlichen Ausbeutungsverhältnisse, so wie es der Zaches-Zauber ist, er ist auch eine akkurate Darstellung falsch verstandener Aufklärung und einer verkürzten romantischen Kritik dieser Art von Aufklärung.29 Er stellt nicht nur die Ausbeutung und ihre gesellschaftlichen Gründe dar, sondern auch und vor allem, warum die Romantik in dieser Ausprägung blind für sie ist. Indem er sich allerdings auf eine ironische Weise gegen die Auffassung der Funktion von Einbildungskraft einer defizitären Romantik wendet, erweist er sich als romantisch im Sinne einer progressiven Universalpoesie und der Vorstellung von Ironie des jungen Friedrich Schlegel. Er tut dies, weil er nicht an Ãberkommenem festhält, was gerade in der Zeit nach 1815 entscheidend ist, wo Restauration und Romantik eine unheilvolle Ehe eingehen â z. B. durch Friedrich Schlegel selbst, der sich sein Brot im System Metternich verdient. Nicht zuletzt muss der Text auch als ironisch im frühromantischen Sinne bezeichnet werden, weil Hoffmann ihn als âleicht hingeworfene[n] Scherzâ30 bezeichnet und damit genau im Sinne Schlegels handelt:
Es ist ein gutes Zeichen, wenn die harmonisch Platten gar nicht wissen, wie sie diese stete Selbstparodie zu nehmen haben, immer wieder von neuen glauben und miÃglauben, bis sie schwindlicht werden, den Scherz gerade für Ernst, den Ernst gerade für Scherz halten.31
Literaturverzeichnis
Primärliteratur
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Hoffmann, E. T. A. (2009) Prinzessin Brambilla. In: Hartmut Steinecke (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Nachtstücke. Klein Zaches. Prinzessin Brambilla. Werke 1816â1820. Frankfurt a. M., S. 767â912 (=E. T. A. Hoffmann. Sämtliche Werke in sechs Bänden. Hg. von Hartmut Steinecke, Wulf Segebrecht. Bd. 3).
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Kant, Immanuel (21911): Kritik der reinen Vernunft. In: Königlich PreuÃische Akademie der Wissenschaften (Hg.): Kritik der reinen Vernunft. Berlin (=Gesammelte Schriften. Hg. von der Königlich PreuÃischen Akademie der Wissenschaften. Bd. 3).
Milone, Giulia Ferro (2014): E. T. A. Hoffmanns Spätwerk. Queer Readings. Würzburg.
Neuhaus, Stefan (22017): Märchen. Tübingen.
Pikulik, Lothar (2004): Die Serapionsbrüder. Die Erzählung vom Einsiedler Serapion und das Serapion(t)ische Prinzip - E. T. A. Hoffmanns poetologische Reflexionen. In: Günter SaÃe (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Romane und Erzählungen, S. 135â156.
Schlegel, Friedrich (1967): Lyceums-Fragmente. In: Hans Eichner (Hg.): Charakteristiken und Kritiken I (1796â1801). München u. a., S. 147â163 (=Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Hg. von Ernst Behler. Bd. 2).
Schnyder, Peter (2015): Jaques Callot (1814). In: Christine Lubkoll, Harald Neumeyer (Hg.): E. T. A. Hoffmann-Handbuch. Leben â Werk â Wirkung. Stuttgart, S. 11â14.
Steinecke, Hartmut (2004): Die Kunst der Fantasie. E. T. A. Hoffmanns Leben und Werk. Frankfurt a. M.
Steinecke, Hartmut (2009): Klein Zaches genannt Zinnober. Kommentar. In: Steinecke, Hartmut (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Nachtstücke. Klein Zaches. Prinzessin Brambilla. Werke 1816â1820. Frankfurt a. M., S. 1078â1095 (=E. T. A. Hoffmann. Sämtliche Werke in sechs Bänden. Hg. von Hartmut Steinecke, Wulf Segebrecht. Bd. 3).
Steinecke, Hartmut (Hg.) (2006): E. T. A. Hoffmann. Neue Wege der Forschung. Darmstadt.
Vitt-Maucher, Gisela (1989): E. T. A. Hoffmanns Märchenschaffen. Kaleidoskop der Verfremdung in seinen sieben Märchen. Chapel Hill.
Walter, Jürgen (1973): E. T. A. Hoffmanns Märchen Klein Zaches genannt Zinnober. Versuch einer sozialgeschichtlichen Interpretation. In: Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft e.V., Jg. 19, S. 27â45.
Weber, Katharina (2014): âUnterwerfen muÃtest du dich mir, der reichen Herrscherin!â. Leseranreden, poetische Selbstreflexion und Metafiktion in E. T. A. Hoffmanns Märchen. Trier.
Es wurde selbstverständlich schon mehrfach in der Forschung herausgestellt, dass die Einbildungskraft, bzw. die Fantasie für Hoffmann zentral ist. Stellvertretend kann hier z. B. die Monographie des Hoffmann-Herausgebers Hartmut Steinecke genannt werden, die den paradigmatischen Titel Die Kunst der Fantasie trägt und die der Verfasser als abschlieÃender Kommentar zu den von ihm herausgegebenen Sämtlichen Werken verstanden wissen will. Vgl. Steinecke, Hartmut (2004): Die Kunst der Fantasie. E. T. A. Hoffmanns Leben und Werk. Frankfurt a. M., S. 11.
Hoffmann, E. T. A. (1993): Jaques Callot. In: Hartmut Steinecke (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Fantasiestücke in Callotâs Manier. Werke 1814. Frankfurt a. M., S. 17 (=E. T. A. Hoffmann. Sämtliche Werke in sechs Bänden. Hg. von Hartmut Steinecke, Wulf Segebrecht. Bd. 2/1).
Ebd.
Die Skepsis Hoffmanns gegenüber einer ungezügelten Einbildungskraft, die jedes mimetische Element als höchstens zufällig vorhanden interpretiert, stellt Hartmut Steinecke als eine zentrale Erkenntnis der neueren gegenüber der älteren Hoffmann-Forschung heraus: Diese neuere Forschung zeichnet Hoffmann als einen âbewusste[n] Artist[en], bei dem zwar die Fantasie Ausgangspunkt der Kunstproduktion ist, wobei aber die âBesonnenheitâ hinzutreten muss (Struktur, Erzählweise, Vernetzung), um ein Kunstwerk zu schaffen[.]â Steinecke, Hartmut (2006): E. T. A. Hoffmann. Neue Wege der Forschung. Darmstadt, S. 11.
Hoffmann (1993): Jaques Callot. In: Fantasiestücke in Callotâs Manier. S. 17 (=Sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2/1).
Ebd.
Dies wurde zumindest bereits mehrfach von der Forschung behauptet und hat zumeist keinen Widerspruch hervorgerufen. Kritisch dazu allerdings Schnyder, Peter (2015): Jaques Callot (1814). In: Christine Lubkoll, Harald Neumeyer (Hg.): E. T. A. Hoffmann-Handbuch. Leben â Werk â Wirkung. Stuttgart, S. 14.
Dies muss unweigerlich an die âphilosophische[â¦] Hauptideeâ des Klein Zaches erinnern, von der Hoffmann im Vorwort zu Prinzessin Brambilla spricht. Hoffmann, E. T. A. (2009): Prinzessin Brambilla. In: Hartmut Steinecke (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Nachtstücke. Klein Zaches. Prinzessin Brambilla. Werke 1816â1820. Frankfurt a. M., S. 769 (=E. T. A. Hoffmann. Sämtliche Werke in sechs Bänden. Hg. von Hartmut Steinecke. Bd. 3). Es hat die Forschung in einige Verlegenheit versetzt, dass er angibt, er habe versucht, diese Hauptidee im Zaches umzusetzen, jedoch verschweigt, worin sie bestünde. Ohne Anspruch darauf zu machen, diese Frage letztgültig zu beantworten, soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass der Text auf erhellende Weise gelesen werden kann, indem man sein poetisches Zentrum in einer spezifischen Verknüpfung von poetischer Erkenntniskritik mit einer spezifischen Gesellschaftskritik erblickt, was hier getan wird.
Katharina Weber hat genau dies formuliert: âKlein Zaches ist eine humoristische Erzählung über die gesellschaftliche Funktion der Einbildungskraft.â Weber, Katharina (2014): âUnterwerfen muÃtest du dich mir, der reichen Herrscherin!â. Leseranreden, poetische Selbstreflexion und Metafiktion in E. T. A. Hoffmanns Märchen. Trier, S. 131. Ihre Interpretation stimmt in Teilen mit der hier gegebenen überein. Der entscheidende Unterschied ist allerdings, dass sie ihre Einsichten nicht poetologisch wendet, was dazu führt, dass sich ihrer Meinung nach der Text âkaum zu einer verbindlichen Position auflösen lässt.â Ebd., S. 154. Die vorliegende Arbeit möchte einen Gegenvorschlag machen.
Dies wurde in der Forschung mitunter anders bewertet. Walter, Jürgen (1973): E. T. A. Hoffmanns Märchen Klein Zaches genannt Zinnober. Versuch einer sozialgeschichtlichen Interpretation. In: Mitteilungen der E. T A. Hoffmann-Gesellschaft e.V., Jg. 19 spricht sich dafür aus, dass in der Hauptsache die Aufklärung Gegenstand der Satire sei. Allerdings wendet sich bereits Gisela Vitt-Maucher von dieser These ab. Vgl. Vitt-Maucher, Gisela (1989): E. T. A. Hoffmanns Märchenschaffen. Kaleidoskop der Verfremdung in seinen sieben Märchen. Chapel Hill, S. 74. Hartmut Steinecke sieht weiterhin die Aufklärung härter von der Satire getroffen, übersieht jedoch nicht, dass auch die Romantik der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Vgl. Steinecke, Hartmut (2009): Klein Zaches genannt Zinnober. Kommentar. In: Ders. (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Nachtstücke. Klein Zaches. Prinzessin Brambilla. Werke 1816â1820. Frankfurt a. M., S. 1086 (=E. T. A. Hoffmann. Sämtliche Werke in sechs Bänden. Hg. von Hartmut Steinecke. Bd. 3). Vgl. ebenso ders. (2004): Die Kunst der Fantasie, S. 443. Franz Fühmanns Interpretation nimmt hier eine besondere Stellung ein. Er stellt die Aufklärungskritik genauso deutlich heraus wie die satirische Ãberzeichnung Balthasars als Philister, sieht also auch die von diesem vorgestellte Form von Romantik lächerlich gemacht. Im Gegensatz zur hier zu entwerfenden Interpretation behauptet Fühmann allerdings, dass die gesellschaftskritische Dimension nicht im Vordergrund stünde. Die in diesem Zusammenhang wichtige gattungspoetische Wendung taucht bei ihm dementsprechend auch nicht auf. Zentral ist bei ihm die Idee, Hoffmann könnte in der Zachesfigur ein Selbstporträt entworfen haben. Vgl. Fühmann Franz (1993): Klein Zaches genannt Zinnober. In: Ingrid Prignitz (Hg.): Franz Fühmann. Essays, Gespräche, Aufsätze 1964â1981. Rostock.
Alle in Klammern angegebenen Zahlen, beziehen sich auf die Paginierung von Hoffmann, E. T. A. (2009): Klein Zaches genannt Zinnober. In: Hartmut Steinecke (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Nachtstücke. Klein Zaches. Prinzessin Brambilla. Werke 1816â1820. Frankfurt a. M. (=E. T. A. Hoffmann. Sämtliche Werke in sechs Bänden. Hg. von Hartmut Steinecke. Bd. 3).
Hierin ist sich die Forschung weitgehend einig. Vgl. z. B. Steinecke (2004): Die Kunst der Fantasie. S. 444. Hiervon ausgenommen sind die Analysen von Joshua Eleoma, der den Text aus Sicht der disability studies betrachtet, und Giulia Milone, die ihn queer-theoretisch liest. Beide Interpretationen wollen Zaches als das Opfer normierender Diskurse sehen. So interessant einzelne Aspekte dieser Studien sind, so wenig überzeugt es, Zaches zum Helden zu machen. Vgl. Eleoma, Joshua (2010): Misreading the Body. E. T. A. Hoffmannâs Klein Zaches genannt Zinnober. In: Ders., Michael W. J. Schillmeier (Hg.): Disability in German literature, film, and theater. Rochester, NY, S. 39â56. Vgl. Milone, Giulia Ferro, (2014): E. T. A. Hoffmanns Spätwerk. Queer Readings. Würzburg.
So sehr Einigkeit in der Forschung darüber besteht, dass dieser Schluss ironisch ist, so verschieden sind die Angaben darüber, wessen Ironie mit welcher Wucht wen trifft. Es wurde die Meinung vertreten, dass hier tatsächlich eine âUtopie der freien Selbstbestimmungâ geschildert wird, die Ironie sich also nur darauf bezieht, dass der Märchenschluss ganz generell eine Einschränkung erfährt. Walter (1973): E. T. A. Hoffmanns Märchen Klein Zaches genannt Zinnober, S. 41. In eine ähnliche Richtung geht Andrea Fuchs, die meint, es werde gezeigt, wo âdie Grenze des poetischen Prinzips als Stimme des Einspruchsâ lägen. Fuchs, Andrea (2001): Kritik der Vernunft in E. T. A. Hoffmanns phantastischen Erzählungen Klein Zaches genannt Zinnober und Der Sandmann. Berlin, S. 63. Dabei geht in beiden Fällen die Romantik tatsächlich siegreich, wenn auch verwundet, aus dem Kampf mit der Aufklärung hervor. Eric Achermann sieht die Romantik ebenso desavouiert wie die Aufklärung. Achermann, Eric (22010): Klein Zaches genannt Zinnober. Ein Märchen (1819). In: Detlef Kremer (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Leben â Werk â Wirkung. Berlin, S. 222. Aber wie bei Steinecke wird dies dann weniger zum Ausgangspunkt einer Deutung gemacht, als dass davon gesprochen wird, dass sich der Text gegen jede endgültige Deutung sperre. Vgl. Steinecke (2004): Die Kunst der Fantasie. S. 448f.) Ebenso sieht das Weber (2014): âUnterwerfen muÃtest du dich mir, der reichen Herrscherin!â. S. 154.
Kant, Immanuel (1923): Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Königlich PreuÃische Akademie der Wissenschaften (Hg.): Abhandlungen nach 1781. Berlin, S. 35 (=Gesammelte Schriften. Hg. von der Königlich PreuÃischen Akademie der Wissenschaften. Bd. 8). Ob Kants Aufklärungsbegriff für Hoffmann der relevante war, kann selbstverständlich problematisiert werden. Festzustellen ist, dass in Hoffmanns Texten der Name Kants an verschiedenen Stellen auftaucht (z. B. in der Rahmenhandlung von Die Serapionsbrüder) und dass Hoffmann als gebildeter Sohn Königsbergs und durch seinen akademischen Lehrer Daniel Christoph Reidenitz, der als ausgesprochener Kantianer gilt, wohl mit den Grundzügen der Kantischen Philosophie vertraut war. Auch in der Forschung wird meist Kant bemüht, wenn gezeigt werden soll, weswegen der Aufklärungsbegriff, den Andres verwendet, ein pervertierter ist. Vgl. z. B. Dörr, Volker C. (2015): Klein Zaches genannt Zinnober. Ein Märchen (1819). In: Christine Lubkoll, Harald Neumeyer (Hg.): E. T. A. Hoffmann-Handbuch. Leben â Werk â Wirkung. Stuttgart, S. 72.
In einer kurzen Beschreibung heiÃt es auf zwei Seiten: Die Bewohner wandelten âfrei von jeder drückenden Bürdeâ. âPersonen, die die volle Freiheit [â¦] liebten, konnten ihren Aufenthalt gar nicht besser wählen[.]â â[S]o geschah es, daà [â¦] Feen [â¦], denen Wärme und Freiheit bekanntlich über alles geht, sich dort angesiedelt hatten.â âDie guten Feen, die sich in freier Willkür ganz dschinnistanisch einrichteten, hätten dem vortrefflichen Demetrius gern ein ewiges Leben bereitet.â (542f.)
Achermann hat darauf hingewiesen, dass dies ein Zitat von Ludwig XIV ist, was die satirische Wirkung noch verstärkt. Vgl. Achermann (22010): Klein Zaches genannt Zinnober. In: E. T. A. Hoffmann. Leben â Werk â Wirkung. S. 221.
Horst Fritz hat diese antagonistische Stellung von Aufklärung und Romantik sehr ausführlich herausgearbeitet. Seiner Analyse der Aufklärungs-Darstellung, die er im Anschluss an die Arbeiten Adornos und Horkheimers entwirft, ist nicht zu widersprechen. Seine Interpretation der romantischen Figuren allerdings steht in gröÃtmöglichem Kontrast zu der hier entwickelten Sicht. Er geht tatsächlich davon aus, dass aus der Gesamttextperspektive die Romantik die Lösung für die von der Aufklärung aufgeworfenen Probleme darstellt. Vgl. Fritz, Horst (1982): Instrumentelle Vernunft als Gegenstand von Literatur. Studien zu Jean Pauls Dr. Katzenberger, E. T. A. Hoffmanns Klein Zaches, Goethes Novelle und Thomas Manns Zauberberg. München, S. 58â78.
Hierin mag der Grund liegen, dass es Uneinigkeit in der Forschung darüber gibt, wie die Perspektive auf die Romantik zu bewerten sei. Der Grund, weswegen hier die These vertreten wird, dass die Romantik letztlich härter von der Satire getroffen wird, ja sogar ihr eigentliches Ziel ist, liegt darin begründet, dass die grobschlächtig und eindimensionalen Aufklärungsfiguren keine Fallhöhe besitzen. Sie werden bereits als Witzfiguren eingeführt. Balthasar, Prosper und Rosabelverde hingegen trifft die satirische Vernichtung um so härter, weil sie erst Hoffnung erzeugen, sie hätten der pervertierten Aufklärung etwas entgegenzusetzen, sich dann aber als ebenso unfähig erweisen wie ihre Gegner.
Kant, Immanuel (21911): Kritik der reinen Vernunft. In: Königlich PreuÃische Akademie der Wissenschaften (Hg.): Kritik der reinen Vernunft. Berlin, S. 52 (=Gesammelte Schriften. Hg. von der Königlich PreuÃischen Akademie der Wissenschaften. Bd. 3). Kant warnt: âEs ist schon ein groÃer und nöthiger Beweis der Klugheit oder Einsicht, zu wissen, was man vernünftiger Weise fragen solle. Denn wenn die Frage an sich ungereimt ist und unnöthige Antworten verlangt, so hat sie auÃer der Beschämung dessen, der sie aufwirft, bisweilen noch den Nachtheil, den unbehutsamen Anhörer derselben zu ungereimten Antworten zu verleiten und den belachenswerthen Anblick zu geben, daà einer (wie die Alten sagten) den Bock melkt, der andre ein Sieb unterhält.â
Vgl. z. B. Vitt-Maucher (1989): E. T. A. Hoffmanns Märchenschaffen. S. 88. Aurnhammer, Achim (2004): Klein Zaches genannt Zinnober. Perspektivismus als Plädoyer für die poetische Autonomie. In: Günter SaÃe (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Romane und Erzählungen. Stuttgart, S. 132. Oder vgl. Achermann (22010): Klein Zaches genannt Zinnober. S. 222f.
In Hoffmanns Texten finden sich viele Beispiele, in denen Poesie und Magie semantisch enggeführt werden, worunter Der goldne Topf vielleicht das bekannteste ist. Lothar Pikulik hat darauf in seiner Interpretation von Die Serapionsbrüder aufmerksam gemacht. Pikulik, Lothar (2004): Die Serapions-Brüder. Die Erzählung vom Einsiedler Serapion und das Serapion(t)ische Prinzip. E. T. A. Hoffmanns poetologische Reflexionen. In: Günter SaÃe (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Romane und Erzählungen, S. 147. Immer jedoch, wenn dies geschieht, wird (auch) eine poetologische Dimension ausgedrückt, die nicht selten in einer ironisch zwiespältigen Darstellung erscheint, sodass die Texte ihre Poetologie dadurch entwerfen, dass sie insuffiziente Poesiebegriffe an ihren eigenen Ansprüchen scheitern lassen, wodurch dann allerdings ex negativo ein reichhaltigerer Poesiebegriff aufscheinen kann. Dies geschieht auch in Klein Zaches, wie im Folgenden gezeigt werden soll.
Sehr deutlich macht dies Gerhard Kaiser in seinem Nachwort in der Reclam-Ausgabe. Vgl. Kaiser, Gerhard (1985): Nachwort. In: E. T. A. Hoffmann: Klein Zaches genannt Zinnober. Stuttgart, S. 127. Einen guten Ãberblick bietet Dörr (2015): Klein Zaches genannt Zinnober. In: E. T. A. Hoffmann-Handbuch.
Zwar gibt es Interpretationen, die ganz deutlich herausstellen, dass Zaches das ausbeuterische Prinzip verdoppelt und deswegen eine Möglichkeit der Erkenntnis gesellschaftlicher Strukturen darstellt. So sieht z. B. Steinecke ihn als âAbbild einer Gesellschaft, in der Egoismen, Ausbeutung, Rücksichtslosigkeit verbunden mit Prunksucht und Banausentum dominierenâ. Steinecke (2004): Die Kunst der Fantasie. S. 446. Auch Yvonne-Patricia Alefeld meint, die Gesellschaft âkönnte sich in seiner grotesk verwahrlosten Gestalt wiedererkennenâ. Alefeld, Yvonne-Patricia (2017): E. T. A. Hoffmann. Baden-Baden, S. 163. Diese Interpretationen übersehen allerdings, dass die Erkenntnismöglichkeit eine poetische Bedingung hat. Die einzige Arbeit, die Fiktionsreflexion mit der Gesellschaftskritik in Verbindung bringt, ist die von Katharina Weber. Allerdings kommt auch sie letztlich nur zum oben schon zitierten Schluss, dass âsich die satirische Kritik des Textes kaum zu einer verbindlichen Position auflösen lässtâ. Weber (2014): âUnterwerfen muÃtest du dich mir, der reichen Herrscherin!â. S. 154.
Wichtig ist hier zu bemerken, dass alle Figuren, die von Zaches getäuscht werden, dieser Täuschung nicht ganz erliegen, z. B. Mosch Terpin (598) oder auch Balthasar, der nicht verblendet ist, aber Anfälligkeiten für die Täuschungen zeigt. (576) Die Erkenntnis, was es mit Zaches auf sich habe, mag schwer zu gewinnen sein, unmöglich ist sie jedoch nicht. Das macht der Text sehr deutlich.
Neuhaus, Stefan (22017): Märchen. Tübingen, S. 81. Auch bei Märchen wie z. B. Aschenputtel, die scheinbar die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs nicht ausschlieÃen, wird deutlich, dass es darum sicher nicht geht. Das fabula docet ist nicht, dass man ernsthaft darauf rechnen könne, man würde zur Prinzessin, wenn man tugendhaft ist. Gerade in Aschenputtel geht es darum, eine Ungerechtigkeit zu erdulden und nicht aufzubegehren. Dann, so die Märchenlogik, dürfe man darauf hoffen, von jemandem, der einem prinzenhaft erscheint, geheiratet zu werden. Der soziale Aufstieg von Aschenputtel ist nur ein Symbol für den Eintritt in die bürgerliche Ehe. In der Gattungsgeschichte bilden dagegen die Märchen der Aufklärung (z. B. von Wieland) eine Ausnahme. Neuhaus (ebd., S. 90f.) macht klar, dass Hoffmann Wieland aufgreift. Letztlich bleibt aber das Ziel der Aufklärungs-Märchen (wenn auch ironisiert) die individuelle Tugend. Hoffmann dagegen zielt auf gesamtgesellschaftliche Dynamiken. Das ist der entscheidende Unterschied.
Perrault, Charles (1986): Die törichten Wünsche. In: Ders.: Sämtliche Märchen. Mit 10 Illustrationen von Gustave Doré. Ãbers. und Nachw. von Doris Distelmaier-Haas. Stuttgart, S. 52.
Hierin mag auch ein Grund liegen, weswegen der Forschung die Einordnung des Textes so viele Schwierigkeiten bereitet hat. So wenig es ein Volks- oder Kunstmärchen ist, so sehr unterscheidet es sich durch den gesellschaftssatirischen Ton von Hoffmanns zuvor entstandenen Wirklichkeitsmärchen. Oft zitiert und durchaus sinnvoll erscheint Steineckes Behauptung, der âsatirische und humoristische Text [sei] zugleich Märchen-Roman und Roman-Märchen.â Steinecke (2004): Die Kunst der Fantasie. S. 450. Steinecke weist hier darauf hin, dass dieser Text einen Umschlagpunkt in Hoffmanns Werk markiert. Allerdings kann man die Aussage noch radikalisieren. Hoffmann âöffnetâ nicht nur die Gattung, sondern hebt sie gleichsam auf, indem er sie auf den inneren Widerspruch zu treibt, individuelles Glück zu fordern, gesellschaftsstrukturelle Bedingungen aber auÃer Acht zu lassen. (Ebd.) Die Gattung des Märchens zerschellt am eigenen Anspruch. Hinter die gesellschaftliche Dimension kann sie dann auch nicht wieder zurück â zumindest nicht bei Hoffmann, wie sich an Prinzessin Brambilla und Meister Floh zeigt. So auch Giulia Ferro Milone, die im Anschluss an Steinecke und Kremer darauf aufmerksam macht, dass das Politische in Hoffmanns Spätwerk sehr viel mehr Raum einnimmt, wenngleich auch gesagt werden muss, dass sich ihre Zaches-Interpretation von der hier gegebenen stark unterscheidet. Milone (2010): E. T. A. Hoffmanns Spätwerk. S. 10.
Hoffmann (1993): Jaques Callot. In: E. T. A. Hoffmann. Fantasiestücke in Callotâs Manier. Werke 1814. S. 17 (=Sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2/1).
Hier wird im Ãbrigen auch besonders deutlich, dass die in Klein Zaches genannt Zinnober entworfene Poetologie durchaus mit dem serapiontischen Prinzip in Einklang zu bringen ist. Da dieses Prinzip ja als ein produktionsästhetisches eingeführt wird, kann die These, der Zaches-Zauber müsse als Kunstwerk gelesen werden, zunächst als widersinnig erscheinen, da im serapiontischen Prinzip das Kriterium für gute Kunst ist, dass der Dichter âwirklich das geschaut, was er zu verkünden unternommenâ. Hoffmann, E. T. A. (2001): Die Serapionsbrüder. In: Wulf Segebrecht (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Die Serapionsbrüder. Frankfurt a. M., S. 69 (=E. T. A. Hoffmann. Sämtliche Werke in sechs Bänden. Hg. von Hartmut Steinecke, Wulf Segebrecht. Bd. 4). Das kann man von der Fee auf keinen Fall sagen, umso mehr gilt dies jedoch von Hoffmanns Märchen selbst. Das Märchen ist ein Kunstwerk über ein falsches Kunstverständnis, eine falsch verstandene Einbildungskraft und die daraus resultierende Unfähigkeit gesellschaftlicher Kritik. Dies hat Hoffmann wirklich geschaut.
Hoffmann (2009): Klein Zaches genannt Zinnober. In: Nachtstücke. Klein Zaches. Prinzessin Brambilla. Werke 1816â1820). S. 769 (=Sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3).
Schlegel, Friedrich (1967): Lyceums-Fragmente. In: Hans Eichner (Hg.): Charakteristiken und Kritiken I (1796â1801). München u. a., S. 160 (=Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Hg. von Ernst Behler. Bd. 2).