Anhand von fünf ausgewählten Schauplätzen der Ballonfahrt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat dieses Buch gezeigt, wie mit Ballons Wissen über den Himmel, die Erdoberfläche und das Luftfahren generiert und aufgelöst wurde. Dabei wurden Trajektorien von ersten systematischen Erkundungen hoher Himmelsregionen in England in den 1860er Jahren bis hin zur Standardisierung und Institutionalisierung der Höhenforschung rund um die Schweizer Alpenfahrt 1898 gezeichnet. Ebenso wurde der Zeitraum von der Patentanmeldung für ein luftfotografisches Verfahren 1858 in Frankreich bis zur Kommerzialisierung luftfotografischer Spektakel um 1900 ausgelotet. Die Erwartungen an und Einsatzgebiete für Ballons änderten sich im Laufe dieses Zeitraums. Dennoch lassen sich im Rückblick auf die einzelnen Fallstudien Gemeinsamkeiten und Unterschiede diskutieren, die sich an zwei Wissensfiguren der Ballonfahrt festmachen lassen, zwischen denen dieses Buch einen Bogen gespannt hat.
Ballon perdu und Ballon-Sonde
Die erste Figur ist die des Ballon perdu. In den Anfangsjahren der Ballonfahrt wurden Freifahrten mit bemannten Ballons à Ballon perdu genannt, im verlorenen Ballon.417 Perdre, im Sinne von verlieren, Leck sein, undicht sein, spielte auf die Unvorhersehbarkeit der Flugrouten an. Dass diese ballistische Besonderheit das Wissen der Ballonfahrten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prägte, wurde an verschiedenen Stationen dieses Buches herausgearbeitet. So stieg der Ballon Mammoth des Meteorologen James Glaisher wegen einer verhakten Ventilleine 1862 ungeplant bis in jene sauerstoffarmen Regionen, an deren Grenzen Bewusstlosigkeit lauerte. Jules Vernes Roman Cinq Semaines en Ballon (1863) wurde dann am abenteuerlichsten, wenn die Victoria wegen Extremwetterlagen wie Stürmen und Windstillen von ihrem geplanten Kurs abkam und in den unkartierten Gebieten des afrikanischen Kontinents landete. Die bei der Belagerung von Paris 1870â71 eigesetzten Postballons erreichten nicht alle das unbesetzte Territorium der französischen Provinzen, sondern wurden abgefangen, in die Nachbarstaaten geweht oder auf den Atlantik abgetrieben. Dass auch das Fotografieren mit Ballons kein leichtes Handwerk war, erfuhr 1862 der Meteorologe Glaisher im Wolkenchaos und 1898 der Ballonfahrer Eduard Spelterini angesichts einer Reihe unscharfer Aufnahmen und zerbrochener Glasplatten. Und der Pariser Fotograf Nadar sah sich wegen chemischer Reaktionen von fotografischer Emulsion und Ballongasen mit den fleckigen Aufnahmen seines 1858 patentierten Système photographique aérostatique konfrontiert.
Als epistemische Figur tritt der Ballon perdu dann hervor, wenn sich die Kontingenz seiner Bewegungen als Störung in die an Bord entstehenden Notizen, Tabellen, Lithografien und Fotografien einschreibt. Sichtbar werden in den Lücken, Flecken oder Rissen der Aufzeichnungen nicht nur die Luftfahrzeuge, sondern ebenso weitere im Hintergrund operierende Akteure des schwebenden Ensembles wie die Instrumente, die Körper von Menschen und Tieren sowie der Luftraum selbst. In arabesken Fahrtverlaufslinien, verschwommenen Fotografien und zerbrochenen Glasplatten sind gefrorene Thermometer, taube Hände und tote Tauben ebenso verewigt wie undurchsichtige Wolkenmassen, dichtes Schneegestöber und überraschende Bergflankenwinde. In den Blick rückt mit der Wissensfigur des Ballon perdu aber nicht nur verlorenes Wissen, sondern auch ein Wissen über das Verlorengehen. Zum einen bildeten die untersuchten Ballonfahrten spezifische Ortungstechniken des Verfolgens, Aufspürens und Wiederfindens verlorener Ballons aus. Dazu gehörten das Auswerfen voradressierter Postkarten und Telegramme oder das Sammeln von an die Lokalpresse gemeldeten Ballonsichtungen ebenso wie das Mitführen von Brieftauben an Bord, die Begleitung durch sogenannte Verfolger*innen auf Pferden und der Rücktransport mit geliehenen Karren und Kutschen (Abb. 42). Zum anderen wurden in den untersuchten Ballonfahrten grafische Techniken der Rekonstruktion von, der Annäherung an und dem Fingieren von lückenhaften, beschädigten oder verloren gegangenen Aufzeichnungen erprobt. Diese finden sich vor allem mit Blick auf nachträglich rekonstruierte Fahrtverlaufsrouten in Landkarten, Zeichnungen oder Koordinatensystemen, die wenig mit den tatsächlichen Routen der Ballons zu tun hatten.



Der gelandete Ballon wird mit einem Karren zurücktransportiert
Fahrten in Ballons perdus, so hat dieses Buch aufgezeigt, diskursivierten eine Reihe von Tricks und Kniffen, die mit der räumlichen und epistemischen Unberechenbarkeit von Ballonfahrten rechneten. In eigens gegründeten wissenschaftlichen Kommissionen und auf internationalen Konferenzen sowie auÃerhalb wissenschaftlicher Institutionen bildete sich auf Privatinitiative einzelner Wetterinteressierter, Fotografiebegeisterter und Ballongeneigter rund um Luftfahrten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Wissen über den Himmel, die Erdoberfläche und das Luftfahren aus, das sich der Einhegung in bestehende Standards und Institutionen vorerst entzog. Dennoch wurden an Bord spezifische Medientechniken der Ortung und Aufzeichnung an Schnittstellen von Meteorologie, Geologie, Fotografie, Post und Aviatik erprobt.
Dass sich dies an der Schwelle zum 20. Jahrhundert mit der zunehmenden Verzahnung von Ballonfahrt und Meteorologie änderte, lässt sich an einer zweiten Wissensfigur der Ballonfahrt festmachen, dem Ballon-Sonde. Diese Bezeichnung verwendeten der Journalist Gustave Hermite und der Wissenschaftler Georges Besançon für den speziellen Typ eines unbemannten Ballons, den sie 1892 in Paris entwickelten. Aus Vermarktungsgründen ersetzten sie die negativ konnotierte Bezeichnung à Ballon perdu durch die Bezeichnung Ballon-Sonde,418 im Sinne von sonder â sondieren, ausloten, vermessen. Die Luftfahrzeuge waren in einer Weise gestaltet, dass Aufschreiben, Landen und Wiederfinden teilautomatisiert waren (Abb. 43).419



Ein Ballon-Sonde von Hermite und Besançon, Paris 1892
In den Ballons-Sondes verdichtet sich nicht nur rhetorisch eine positive Umwertung des räumlichen Verlorengehens von Ballons, sondern auch eine vorläufige SchlieÃung ihrer epistemischen Offenheit. Aus dem Verlorengehen wurde gewissermaÃen eine Tugend gemacht, indem das indexikalische Verhältnis des Ballons zu dem ihn umgebenden Raum genutzt wurde: Ballontrajektorien entsprachen Windvektoren. Zu den Techniken des Sondierens zählten vor allem Techniken, die es erlaubten, die zeitlichen Lücken zwischen Messung, Aufzeichnung und Verarbeitungen zu minimieren und die räumliche Distanz zu den Ballons und ihren Instrumenten zu überbrücken.420 In den 1920er Jahren erreichten drahtlose Nachrichtentechniken ein Gewicht, das es erlaubte, auch von Ballons getragen zu werden; die ersten sogenannten Radiosonden stiegen auf. Radiosonden waren Ballons, die nicht nur mittels Instrumenten Daten registrierten, sondern diese zudem mit einem Transmitter als Signale zum Boden übermittelten. Das drahtlose Tracking mittels Radiosignalen ermöglichte es, Ballons zu verfolgen und Ballonwege aufzuzeichnen und so Windgeschwindigkeiten und Windrichtungen zu bestimmen.421
Mit dem Blick auf Ballons als Ballons-Sondes verschiebt sich die Frage nach dem Verfolgen, Aufspüren und Wiederfinden von Ballons von randständigen Techniken einzelner Ballonaufstiege zum Standard einer sich um 1900 institutionalisierenden Höhenmeteorologie, für die Wladimir Köppen 1906 die Bezeichnung Aerologie prägte. Mit der Wandlung der Meteorologie von einer empirisch-beobachtenden in eine theoretisch-rechnende Wissenschaft verzahnte sich unter der Beteiligung von Simultanaufstiegen mit bemannten und unbemannten Ballons die sogenannte wissenschaftliche Ballonfahrt nicht nur zunehmend mit den Institutionen meteorologischer Forschungen, sondern ebenso mit weiteren Wissensbereichen wie der Statistik und der elektronischen Informationsverarbeitung. So ist zwar in Geschichten der Meteorologie und des Computers hinlänglich beschrieben, dass der Engländer Lewis Fry Richardson bewies, dass numerische Wettervorhersagen grundsätzlich möglich sind. Selten beachtet wird allerdings, dass Richardson 1917 zur Ãberprüfung seiner auf physikalischen Gesetzen basierenden Formeln zur numerischen Wettervorhersage ein Beispiel durchrechnete, für das ihm als Referenzdatensatz Messungen aus Ballonsimultanaufstiegen dienten. Er erstellte eine nachträgliche Wettervorhersage für den 20. Mai 1910, für den aufgrund der internationalen Simultanaufstiege mit Ballons â auf Englisch International Balloon Days â der umfangreichste verfügbare Datensatz vorlag, bestehend aus Messwerten terrestrischer Wetterstationen und mobiler »pilot balloon stations«422, also unbemannter Ballons, deren ungleichmäÃige Verteilung und zu geringe Anzahl Richardson für das fehlerhafte Ergebnis seiner Berechnung verantwortlicht machte.423 Richardsons Utopie einer total vermessenen und berechenbaren Welt erfüllt sich mit aktuellen Wettervorhersagemodellen zunehmend. Heutige Wettervorhersagen werden mit Supercomputern durchgerechnet und basieren auf numerischen Methoden, die alle sechs Stunden mit neuen Messdaten gespeist werden. Die Radiosonde beziehungsweise der sogenannte Wetterballon wird nach wie vor in der meteorologischen Forschung eingesetzt und ergänzt als Instrument der sogenannten Feldforschung Untersuchungen in Windkanälen und Computersimulationen.
Der gewählte medienwissenschaftlich-kulturtechnische Blick auf das Ballonfahren hat sich als fruchtbarer Ansatz erwiesen, um zu zeigen, wie die materiellen und ballistischen Charakteristika von Ballons das Wissen und die Wissenslücken der frühen Luftfahrt geprägt haben. Keine eingrenzende Definition davon, was ein Ballon war und welches Wissen an Bord konstituiert wurde, ging dem Nachzeichnen einzelner Verästelungen von Ballonfahrtgeschichten voraus. Vielmehr wurde die Ballonfahrt in situativen Vertiefungen als ein Akteur-Netzwerk entfaltet. Den Ballon weder als »Kunst- noch Natur- noch Technikding«424 zu definieren, hat es erlaubt aufzuzeigen, wie der Ballon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Teil eines »heterogene(n) Ensemble(s)«425 aus lebendigen und nicht-lebendigen Akteuren zu einem Medium innerhalb eines Netzwerkes wurde, das er gleichermaÃen aufspannte und zusammengezog.426 Der Ballon wurde in den einzelnen Kapiteln als schwebendes Observatorium des Meteorologen James Glaisher, als Abenteuervehikel von Jules Vernes Protagonist Samuel Fergusson, als tragender Teil der Luftpost im Deutsch-Französischen Krieg, als mobiles Kamerastativ und Fotolabor des Fotografen Nadar, als Windmesser des Meteorologen Julius Maurer, Reliefmodellagewerkzeug des Geologen Albert Heim und abstrakte Landschaftfotografien aufnehmende Kamera Eduard Spelterinis erschlossen.
Ausgehend von der Annahme, dass Ballonfahrten im 19. Jahrhundert Experimentalsysteme mit offenem epistemischen Ausgang waren und jedes Experiment sein eigenes Territorium mit sich führte, lag der Fokus dieses Buches auf den wechselseitigen Verhältnissen von Wissensräumen und Raumwissen früher Ballonfahrten. Mit Blick auf das Medium Ballon â das sich einschreibt in das, was es hilft, aufschreibbar zu machen â einerseits und spezifische Techniken der Ballonfahrt â Apparaturen und Praktiken, welche die Räume der Ballonfahrt aufschreiben, speichern und verarbeiten â andererseits wurde deutlich, dass Ballonfahren häufig eine Aufhebung der Grenzen zwischen Reiseräumen und bereisten Räumen sowie Forschungsräumen und erforschten Räumen bedeutete: In Glaishers Fahrt mit dem Mammoth verschwammen die Grenzen von Mensch, Fahrzeug und Raum in vielfältiger Weise, in Vernes literarischer Ballonreise gingen Erzählraum und erzählter Raum mit der Landung der Victoria ineinander auf, in Nadars Beschreibungen seiner aerofotografischen Versuche wurden die Ãbergänge von Bild und Abgebildetem sowie Sehen und Gesehenem flieÃend und die Alpenfahrer schlieÃlich konstituierten den Schweizer Luftraum ebenso wie die französischen Ballonfahrenden bei der Belagerung von Paris als einen gleichermaÃen wissenschaftlichen und politischen Raum nationalstaatlicher Interessen, Rivalitäten und Kooperationen. Mit den für die frühe Ballonfahrt spezifischen reziproken Relationen eines Objekts und des ihn umgebenden Raumes rückt in den Blick, dass Ballonfahren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht zuletzt ein Wissen über eben diese Wechselverhältnisse verhandelte. Zwischen Ballons perdus und Ballons-Sondes bildete sich in diesem Sinne nicht zuletzt ein spezifisches »Umgebungswissen«427 heraus, das Durchdringungen von »Umgebendem und Umgebenem«428 in Meteorologie und Aviatik formulierte.
Steuerungslösungen
Die Lenkbarkeitsfrage, die Forscher*innen und Bastler*innen fast 120 Jahre lang beschäftigt hatte, wurde schlieÃlich 1901 von Alberto Santos-Dumont gelöst. Am 19. Oktober gelang es dem Brasilianer in Paris, mit einem selbstgebauten motorisierten Luftschiff den Eiffelturm zu umrunden und innerhalb einer Stunde zum Ausgangspunkt seiner Fahrt zurückzukehren (Abb. 44).429 Santos-Dumont war überzeugt, dass dem lenkbaren Luftschiff die Zukunft gehören würde. In seiner Pariser Villa saà er auf erhöhten Stühlen und Tischen, um sich auch auf dem Boden wie in seinen Lenkballons zu fühlen. Am Erker seines Hauses lieà er einen Landeplatz für Luftschiffe installieren, der jener Zeit vorgreifen sollte, in der jede*r die Lenkleinen seines Flugvehikels am Hausdach befestigen würde. Und am Rand des Bois de Boulogne und in der Champs-Elysées pflegte er regelmäÃig mit seinem kleinsten Luftschiff Nr. 9, la Baladeuse, aufzutauchen, um einen Kaffee zu trinken (Abb. 45).430 Doch Santos-Dumont sollte Unrecht behalten. Die Zukunft des Luftverkehrs gehörte nicht den Fahrzeugen Leichter-als-Luft, sondern jenen Schwerer-als-Luft.431



Santos-Dumont umrundet in einem motorisierten Luftschiff den Eiffelturm, Paris 1901



Santos-Dumont auf einer seiner Pariser Spazierfahrten, 1903
Eine zweite Lösung der Lenkbarkeitsfrage erprobt derzeit ein global operierendes Tech-Unternehmen, das nicht nur das Medium Ballon als Environment, sondern â gewissermaÃen in Kleists Sinne â auch das Environment Atmosphäre als Medium nutzt.432 Seit 2013 hat Google Hunderte von Ballons als schwebende Mobilfunkmasten in die Stratosphäre geschickt (Abb. 46). Aus 18 bis 21 Kilometern Höhe stellen diese Internet für Regionen zur Verfügung, die eingeschränkten oder keinen Zugang haben. Die mobilen Funkmasten werden in Gebieten eingesetzt, in denen sich der Ausbau terrestrischer Kommunikationsinfrastrukturen ökonomisch nicht lohnt, oder in denen diese durch Naturkatastrophen vorübergehend nicht nutzbar sind. In der Stratosphäre schweben die Ballons weit über Flugzeugen, der Tierwelt und dem Wettergeschehen.433 Solarpanels dienen tagsüber der Energieversorgung und laden eine Batterie für den nächtlichen Betrieb. An weltweit verteilten Startstationen sollen Autolauncher â groÃe mobile Gerüste, die automatisiert einen Ballon befüllen und steigen lassen â in der Lage sein, alle 30 Minuten einen neuen Ballon in das Netzwerk einzuspeisen (Abb. 47).434



Ein schwebender Mobilfunkmast des Unternehmens Google



Autolauncher füllen und starten die Loons
Eine Besonderheit der Google-Ballons liegt darin, dass sie vertikal und horizontal zu steuern sind. Zu diesem Zweck hat sich Google eine spezielle Technik ausgedacht.
In the stratosphere winds are stratified, and each layer of wind varies in speed and direction. To get balloons to where they need to go, Project Loon uses predictive models of the winds and decision-making algorithms to move each balloon up or down into a layer of wind blowing in the right direction. By moving with the wind, the balloons can be arranged to provide coverage where itâs needed.435
Das gezielte Ansteuern ausgewählter Luftströmungen durch die Google-Ballons wird durch eine Software in einem Google-Datencenter gelenkt, welche die Windvorhersagen der U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration in eine Simulation von stratosphärischen Luftströmen einarbeitet. Kombiniert werden diese Daten mit jenen, welche die Stratosphärenballons auf Millionen von Kilometern an Testflügen gesammelt haben und jenen, welche aktuell von Internet-Ballons eingespeist werden. Auf diese Weise kann ein Ballon längere Zeit über einem Gebiet bleiben, das nicht flächendeckend mit Internet versorgt ist. Das Wissen über die Stratosphäre wird in situ von Sensoren gemessen und in den Datenzentren, in denen die entsprechende Rechenleistung zur Verfügung steht, ubiquitär verarbeitet, gespeichert, abgerufen und mittels neuronaler Netze optimiert.436
Project Loon, das mittlerweile als einer der erfolgreichsten Meilensteine von X gehandelt wird â der Forschungsabteilung von Googles Mutterkonzern Alphabet â ist konsequent in eine Vermarktungsrhetorik aus Humanismus und Fortschrittlichkeit in der Tradition der Anfänge des Internets eingebettet. Doch unter dem Stichwort »Internet für alle«, bei Google »loon for all«, hat ein Wettlauf der Ãbertragungstechniken begonnen, der deutlich macht, wie lukrativ das Zur-Verfügung-Stellen privater atmosphärischer Infrastrukturen für groÃe Dienstleistungsunternehmen ist. Firmen wie Facebook und Tesla experimentieren ebenfalls in der Stratosphäre mit Ultraleichtflugzeugen, solarbetriebenen Drohnen und erdnahen Satelliten.
Ziel und Zweck der Medien des 21. Jahrhunderts sei es »auf der Grundlage von Sensordaten [â¦] Bewegungen, Wissen und Prozesse prädikativ zu extrapolieren, zu überwachen, zu kontrollieren und letztlich bis in die Tiefenschichten zu ökonomisieren«437. Mit den Ballon-Netzen wird die Stratosphäre mittels Medientechnologien ökonomisiert.438 Die Ubiquität des Mediums Luft rentiert sich für das Unternehmen Alphabet dabei sowohl technisch als auch politisch. Die Untrennbarkeit von Objekt und Raum, von Infrastruktur und Environment im Fall der Internet-Ballons, macht deutlich, dass die Steuerung mittels mathematischem Raum gleichzeitig eine Regulierung des geografischen Raums ist. Die stratosphärischen Infrastrukturen verhandeln das Verhältnis von Staat und Wirtschaft in einer Sphäre des Geopolitischen. Staaten können zwar auf der Startseite von Project Loon ein Kontaktformular für Regierungen ausfüllen â der Staat ist Kunde â rechtliche Regelungen sind allerdings Verhandlungssache oder nicht gegeben.439 Dass die Stratosphäre eine rechtliche Grauzone ist, wird insbesondere dann als politische Aushandlungszone offenbar, wenn die im Hintergrund agierenden Ballons jenseits des zur Verfügung gestellten Mobilfunk-Internets ungeplant zum Vorschein kommen, etwa dann, wenn sie für UFOs gehalten werden, abstürzen oder Kopfschmerzen verursachen.440 Doch auch dort, wo die Abläufe technisch reibungslos funktionieren, können die Ballons politische Reibungen erzeugen, für die der Verursacher â ein privates Unternehmen mit Sitz in den USA â nicht zwingend auch der Adressat ist, beispielsweise dann, wenn das Internet aus der Luft in Staaten zur Verfügung gestellt wird, in denen der Internetzugang politisch reglementiert ist.441
Mit dem Schritt vom Balloon zum Loon wird das nicht zu steuernde Fahrzeug, das sich der Einhegung in bestehende Verkehrs- und Kommunikationssysteme bis auf temporäre Ausnahmen stets entzog, Teil einer erdgebundenen Infrastruktur aus Kommunikationstechnologien wie Funkmasten und Glasfaserkabeln. Dass die Stratosphäre umgekehrt nur mittels Ballons infrastrukturell werden konnte, haben die Studien dieses Buches mit ihrem Bogen von Ballons perdus zu Ballons-Sondes und dem Nachzeichnen der reziproken Wechselwirkungen von aerostatischem und atmosphärischem Wissen gezeigt. Alphabets Stratosphäre ist kein thermodynamischer Raum zufälliger Luftströmungen und Turbulenzen, sondern ein mathematisch modellierter und im Computer simulierter Raum, keine unberechenbare Natur, sondern ein berechenbares Environment.442 Die Loons werden vertikal wie alle Ballons durch Regulierung im Verhältnis zu dem sie umgebenden Raum gesteuert und horizontal durch ein Wissen über diesen Raum, an dem sie und ihre Vorgänger selbst mitgeschrieben haben.
Demgegenüber kombiniert das Aerocene Projekt, initiiert von dem Künstler Tomás Saraceno, Medientechniken der Ballonfahrt mittels schwebender Skulpturen zu der Utopie eines Luftraums, in dem jenseits politischer Landesgrenzen und ohne fossile Brennstoffe Imaginationen neuer Infrastrukturen entstehen, die ein internationales Recht auf Mobilität neu definieren und eine internationale partizipative Nutzung von Luft und Luftraum anstreben. Ein Kernstück dieser atmosphärischen Imaginationen bildet der Float Predictor. 2012 von Saraceno in Zusammenarbeit mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelt, berechnet er Vorhersagen für mögliche Flugrouten der von Sonne und Wind bewegten Leichter-als-Luft-Skulpturen des Aerocene Projekts. Nach Eingabe der gewünschten Start- und Landeorte winden sich verschlungene Linien um einen digitalen Globus, wie die von Google basierend auf Wettervorhersagedaten des US NOAA Global Forecast System.
Ausblicke
Die Betrachtung der Ballonfahrt als weitverzweigtes Netz unterschiedlicher Akteure und Wissensfelder hat es einerseits erlaubt, lineare Fortschrittserzählungen der Luftfahrtgeschichte aufzubrechen. Andererseits konnte dieses Buch nicht jedem Zweig der aufgespannten Verästelungen folgen und musste das umfangreiche historische Material akzentuieren.
Nicht vertieft wurde etwa ein wissenshistorischer Blick auf das Schausteller*innentum, vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Professionalisierung der Weitergabe des Ballonfahrtwissens innerhalb von Ballonfahrtdynastien wie den Blanchards, den Garnerins und den Godards, die Verbreitung der Ballonfahrt durch ihr Umherziehen von Markt zu Markt, von Fest zu Fest, ebenso wie ihre Rolle als Ballonkapitän*innen, die samt ihres Ballons für sogenannte wissenschaftliche Aufstiege engagiert wurden, gilt es, in zukünftigen Studien zu untersuchen. Auch Varianten schwebender Objekte für Jahrmärkte bergen noch einmal andere Wissensformen, wie etwa die Himmelspuppen Johann Carl Enslens, die er ab 1784 herstellte und bei denen eine Figur mit einem Ballon am Kopf über einer Säule schwebte, an die eine Apparatur angeschlossen war.443 Dass die Ãbergänge von schaustellerischen und wissenschaftlichen Auftstiegen im 19. Jahrhundert flieÃend sind, zeigt sich anhand des Ballonentwurfs Minerva des vor allem in den Filmwissenschaften für seine Phantasmagorien bekannten Zauberkünstlers Robertson, mit bürgerlichem Namen Gaspard-Ãtienne Robert (Abb. 48).444 Auf dem Riesenballon sollten sich 50 Personen für mehrere Monate einschiffen können. Der Entwurf sah vor allem Forschungseinrichtungen an Bord vor, aber auch Wohn-, Wirtschafts- und Gesellschaftsräume. Der Aerostat mit einem Durchmesser von 40 Metern wurde erstmals im Jahr 1804 in einer Flugschrift beschrieben. Verfasst hatte sie Robertson. 1820 griff er seine Idee erneut auf und druckte den Flugschrifttext als achtseitiges Büchlein mit Zeichnungen. Er sendete es an gelehrte Gesellschaften in Europa und warb um Unterstützung zur Realisierung des Projektes. Jede beteiligte Akademie sollte das Recht haben, zwei Gelehrte auf das Luftschiff zu entsenden â ein Konzept, das heute für die internationale Raumstation ISS praktiziert wird.



Robertsons schwebendes Observatorium Minerva, Paris 1820 (Wien 1804)
Ebenfalls vertiefen lieÃe sich das ingenieurwissenschaftliche Wissen, das sich in Ballonapparaturen wie der des Weltausstellungsballons materialisiert. Der gigantische Aerostat war eine der technischen Sensationen der Pariser Weltausstellungen 1867 und 1878. In der Gondel hatten bis zu 50 Personen Platz. Täglich wurden tausende Besucher*innen in die Höhe befördert. Hinter diesem Aufsteigesystem des Aeronauten und Ingenieurs Henry Giffard verbarg sich eine komplexe und gut dokumentierte Bühnenmaschinerie. Ebenfalls lohnenswert wären bildwissenschaftliche Untersuchungen zu den Zeichnungen und Fotografien der Ballonfahrt, etwa jenen Stichen Albert Tissandiers, der seinen Bruder, den Wissenschaftler Gaston Tissandier, mit Stift und Papier auf dessen Ballonfahrten begleitete, und damit an einem visuellen Wissen früher Luftfahrten mitschrieb (Abb. 49). SchlieÃlich wäre eine queer- oder gendertheoretische Untersuchung früher Luftfahrten interessant, da sich mit den Ballonfahrten ein neuer Berufszweig herausbildete, der nicht wie viele andere Berufe einem spezifischen biologischen Geschlecht vorbehalten war. Sophie Blanchard etwa war Napoleons kaiserliche Aeronautin und veranstaltete Luftspektakel bei Festlichkeiten (Abb. 50). Sie verzeichnete 67 Aufstiege in Frankreich, England und Deutschland. Andere bekannte Ballonfahrerinnen waren Elise Garnerin, die aus einer Familie von Ballonartist*innen stammte und 1797 ihren ersten Absprung im Fallschirm aus einem Ballon machte, und Wilhelmine Reichard, die ab 1810 in Berlin und an anderen Orten alleine aufstieg und wissenschaftliche Untersuchungen durchführte.



Der Zeichner Albert Tissandier, Paris um 1868



Die Berufsluftschifferin Sophie Blanchard, 1811
Zum Abschluss dieses Buches entfaltet ein Blick auf vier Schlaglichter der Ballonfahrt im 20. und 21 Jahrhundert die in der Wissensfigur des Ballon-Sonde vorerst zusammengezogenen Ballonfahrt-Netze des 19. Jahrhunderts erneut. Das erste betrifft die technische Weiterentwicklung von Freiballons zu Stratosphärenkapseln, die es erlaubten, bemannte Auftstiege in extrem hohe Himmelsregionen durchzuführen. Die erste Stratosphärenkapsel baute nach dem Ersten Weltkrieg der Physiker Auguste Piccard. Mit seinem Testflug im Ballon FNRS wollte Piccard zur Entwicklung der Luftfahrt-Schwerer-als-Luft beitragen. Flugzeuge hatten sich seit Otto Lilienthals ersten Versuchen ab 1891 und den Erfolgen von Wilbur und Orville Wright mit Propellermaschinen 1903 deutlich weiterentwickelt, wesentlich auch durch den Ersten Weltkrieg. Piccard vermutete, dass Flugzeuge höher steigen müssten, um schneller fliegen zu können und stellte sich die Frage, wie der physiologische und psychologische Einfluss der Druckverminderung in der Höhe vermieden werden könnte. Da Piccard kein Flugzeugpilot, sondern Ballonfahrer war, nutzte er einen Ballon, um dieser Frage nachzugehen. Er konstruierte eine luftdichte Kabine, in welcher der Luftdruck normal bleiben oder nur schwach vermindert werden würde. Seine Stratosphärenkapsel stieg erstmalig im Mai 1931 auf. Piccard arbeitete bei den theoretischen Vorbereitungen der Fahrt eng mit Albert Einstein zusammen, da er hoffte, in der Höhe Erkenntnisse über die für die Physiker*innen der damaligen Zeit interessante, neu entdeckte kosmische Strahlung zu erhalten.445 Mit seinem Sohn Jacques Piccard konstruierte er nach Tests in einem selbst entworfenen Hochdrucklaboratorium eine Variante der Stratosphärenkapsel für die Tiefseeforschung, den Bathyskaph.446
Das zweite Schlaglicht folgt weiter der Familie Piccard und beleuchtet die fortschreitende Kommerzialisierumg der Ballonfahrt zu Werbezwecken. 68 Jahre nach ihrem ersten erfolgreichen Aufstieg beherbergte eine weitere Stratosphärenkapsel den Enkel Auguste Piccards. Anders als sein Vater und sein GroÃvater nutzte Bertrand Piccard den Ballon nicht für wissenschaftliche Zwecke, sondern knüpfte an die Höhen- und Weitfahrtenrekorde des 19. Jahrhunderts an. Er umrundete 1999 zusammen mit Brian Jones als erster ohne Zwischenlandung die Erde. Nicht nur diese knapp 20 Tage dauernde Fahrt im Jetstream der Stratosphäre generierte im Superlativ für ihren im Namen des Ballons verewigten Sponsor, einen Schweizer Uhrenhersteller, eine hohe mediale Aufmerksamkeit. Auch das Projekt eines groÃen Getränkeherstellers, das 2012 dem Ãsterreicher Felix Baumgartner ermöglichte, in einem Raumanzug aus einem Heliumballon mit Stratosphärenkapsel abzuspringen und damit mehrere aeronautische Weltrekorde zu brechen, machte in erster Linie Werbung für seinen Sponsor. In Zusammenarbeit mit der NASA und der US Airforce sollten aber auch Kenntnisse über die Möglichkeit eines Notausstiegs aus Raumfahrzeugen gesammelt werden.447 Da die Stratosphäre im Vergleich zum Weltraum dank Ballons mit vergleichsweise geringem Aufwand erreichbar ist, scheint sie im 21. Jahrhundert ein neuer und vielleicht vorerst letzter Schauplatz terrestrisch reisender Abenteurer*innen zu sein. Gleichzeitig kerben die privat finanzierten Unternehmungen die Stratosphäre als Raum des Spektakels und der Industrie.
Das dritte Schlaglicht fällt nicht auf die hohen Himmelsregionen, sondern auf die Erde und zeigt randständige Möglichkeiten der wissenschaftlichen Nutzung von parkenden Luftschiffen. Im Juni 2016 startete das Helmholtzzentrum Geesthacht ein Projekt, bei dem ein Lenkballon zentrales Werkzeug war: die Expedition Uhrwerk Ozean. Im Gebiet zwischen Usedom und Bornholm soll ein lenkbares Luftschiff kleine Meereswirbel von bis zu zehn Kilometern GröÃe erforschen. Diese seien noch weitgehend unerforscht, es werde aber angenommen, dass sie einen groÃen Einfluss auf die Nahrungskette der Ozeane, die Algenblüte und das Klima hätten. Die Expedition Uhrwerk Ozean werde das Verständnis von klimatischen und ozeanografischen Zusammenhängen grundlegend verändern.448 Von dem lenkbaren Luftschiff aus koordinieren die Forscher*innen die Schiffe und die Messinstrumente, die parallel unter Wasser zum Einsatz kommen. Das Luftschiff, das über den Meereswirbeln parken kann, ersetzt die Flugzeuge, die bisher in der Küstenforschung zum Einsatz kamen und nur im Ãberfliegen Momentaufnahmen machen konnten.449 Das Fahrzeug Leichter-als-Luft ermöglicht es, fotografische Bilder von oben aufzunehmen, die Satelliten nicht erstellen können.
Eine nahe und ruhige Perspektive auf den Forschungsgegenstand steht auch bei dem vierten Schlaglicht im Vordergrund, den Expeditionen Graham Dorringtons, Dozent für Luftfahrtingenieurwesen an der Queen Mary University in London. Unter dem Stichwort Dendronautics (Griechisch dendron â Baum, nautica â Navigation) übt er sich in der Kunst, Personen und wissenschaftliche Instrumente nahe an Baumkronen heranzubringen, deren reiche Lebenswelt als weitgehend unerforscht gilt.450 Dazu arbeitet er in seinem Windlabor insbesondere an der Wendigkeit und Manövrierbarkeit von Lenkballons. 2004 begleite der Dokumentarfilmer Werner Herzog Dorrington auf seiner Expedition zu den Kaieteur-Wasserfällen in Guyana. Herzogs Film trägt den Titel White Diamont (2004), die Bezeichnung lokaler Diamantenschürfer für das Luftschiff. Während der Motor das gezielte Ansteuern der Baumkronen ermöglicht, wird der Lenkballon mit ausgeschaltetem Motor zu einer Beobachtungsplattform, die in aller Stille über den Baumkronen schweben kann, ohne Flora und Fauna zu stören.
Diese vier Perspektiven auf randständige Ballons im 20. und 21. Jahrhundert offenbaren das Luftvehikel als einen Schauplatz, an dem nach wie vor verschiedene, noch nicht institutionell verankerte Wissensfelder zusammengeführt und Wechselwirkungen von aerostatischem und atmosphärischem Wissen ausgelotet werden.
Glück ab und gut Land
Der Ballon D-OBTG landet nach 21 Minuten Fahrt auf einem Feld. Die Gondel kippt und schleift ein Stück über strohige Stoppeln. Ballonkapitän Claus springt aus der Gondel und sorgt dafür, dass der Ballon an Ort und Stelle bleibt. Wir applaudieren und warten noch einen Moment, bis das obligatorische Foto entstanden ist. Bei dem Ausstieg auf den frisch gepflügten Acker freue ich mich doch noch über meine dicken Wanderschuhe. Wir Passagier*innen helfen beim Verstauen des Ballons. AnschlieÃend werden wir gebeten, uns in einer Reihe aufzustellen. Eine meiner Haarsträhnen wird angezündet und mit Sekt gelöscht. Nach Zunft und Ordnung der Balloner*innen bin ich nun getauft und in den Adelsstand der Ballonfahrer*innen erhoben. Ob dieses christlich-aristokratischen Schlussaktes hätte Jean Pauls Luftschiffer Giannozzo â »Himmel!« â wohl aufgestampft und sich â »Wetter!« â gleich wieder in die Lüfte erhoben.451
Vgl. Zastrow, Entstehung und Ausbildung des französischen Vokabulars der Luftfahrt, 1963, S. 39.
Zu Hermites und Besançons unbemannten Ballons, auch im Folgenden, vgl. Fonvielle, Les ballons-sondes de MM. Hermite et Besançon, 1898.
Die Hülle aus geöltem Japanpapier platzte in einer bestimmten Höhe, sodass die an den Ballon angehängte Instrumentenbox mit selbstschreibenden Instrumenten wie Thermograf, Barograf und Hydrograf an einem Fallschirm sicher zu Boden segeln konnte. An jedem unbemannten Ballon war zudem ein Bündel voradressierter Postkarten mit Feldern für Fundort und Fundzeit befestigt, von dem in regelmäÃigen Intervallen mittels einer langsam abbrennenden Zündschnur je eine fallen gelassen wurde. Die letzte Postkarte blieb bis zur Landung am Ballon.
Während der französische Fotograf und Aeronaut Nadar Ballons in den 1860er Jahren noch als Instrumente zur Observation von Truppenbewegungen anpries, bei welcher der Ballonist in der Gondel angefertigte Zeichnungen mittels eines Seils an den Feldherrn am Boden übermitteln sollte, gab es in der Meteorologie Mitte des 19. Jahrhunderts Versuche, statt Seilen Drähte und statt Zeichnungen elektrische Signale zu verwenden. Der englische Physiker Charles Wheatstone stellte 1843 einen Telemeteorografen vor. Es handelte sich um ein Gerät, das es erlaubte, über mehrere Kilometer hinweg die Daten von Thermometer, Barometer und Hygrometer via Draht zu übermitteln. Im selben Jahr präsentierte er ein Fernmessthermometer, das in einem Fesselballon aufstieg und über zwei Kupferdrähte Signale an einen Receiver auf dem Boden übertrug (vgl. Dubois/Multhauf/Ziegler, The Invention and Development of the Radiosonde, 2002, S. 16. Das Verfahren wurde bis 1917 nicht wieder aufgegriffen). Die Ãbersetzung der von selbstschreibenden Instrumenten analog auf Papier notierten Wetterdaten in diskrete, die für die Ãbertragung mit elektromagnetischer Telegrafie geeignet waren, lohnte sich allerdings nur dann, wenn die Finder*innen der Ballonsonde zufällig in der Lage waren, die Aufzeichnungen zu interpretieren. Eine zentrale Voraussetzung zur Weiterverarbeitung war daher die Entwicklung eines digitalen Meteorografen, sodass die Umwandlung von analogen Messungen in digitale Signale wegfiel. Diesen entwickelten 1896 Luigi Cerebotini und Albert Silbermann und lieÃen ihn im Februar 1900 in den USA patentieren. Mehrere leitfähige Stäbe wurden an einer Trommel aus isoliertem Material angebracht, an welche die Hebel der meteorologischen Messinstrumente anlehnten. Dadurch war es am anderen Ende der Telegrafenleitung nur noch notwendig, die on-off-Kontakte der Hebel an Trommeln auszulesen (vgl. ebd., S. 18).
Bei der Entwicklung der Radiosonde beschäftigte die Meteorolog*innen in den 1920er Jahren in erster Linie, wie bestehende Transmittertechnologien an die Umwelt von Ballons angepasst werden könnten. Es galt, bestehende Funk- und Transistortechnik für Freiballons zu adaptieren. In Deutschland wurde ab 1921 am Lindenberg Observatorium bei Berlin unter der Leitung Hugo Hergesells mit Transmittern an Ballons experimentiert, in Frankreich lieÃen 1927 Pierre Idrac und Robert Bureau, beide beschäftigt am LâOffice National Météorologique, Radio-Freiballons bis auf eine Höhe von 14 Kilometern in die Stratosphäre steigen. Etwa zeitgleich gelang es William R. Blair am Signal Corps Laboratory, Fort Monmouth, New Jersey, einen Oszillator für Stratosphärenballons zu entwerfen und zu konstruieren. Diese Technologie wurde ab 1928 im Rahmen so genannter »cluster« von vier bis fünf zeitgleich aufsteigenden theodolitverfolgten Ballons zum Wind-Tracking eingesetzt (vgl. ebd., S. 2).
Richardson, Weather Prediction by numerical Process, 1922, S. 2.
Vgl. ebd. Die Alpenfahrt schreibt damit nicht zuletzt an einem der in der Meteorologiegeschichte als zentral eingestuften Anfänge der ineinander verwobenen Geschichten von Meteorologie und Computern mit. Zu dieser vgl. Gramelsberger, Computerexperimente, 2010.
Engell/Siegert, Editorial, 2011, S. 9.
Vgl. ebd.
Vgl. ebd.
Huber/Wessely, Milieu, 2017, S. 14.
Sprenger, Epistemologien des Umgebens, 2019, S. 9.
Vgl. Santos-Dumont, Dans lâAir, 1904, S. 137â178. Santos-Dumont nahm am 19. Oktober 1901 am Prix Deutsch teil, der von 1900 bis 1903 einmal im Jahr stattfand und jenem ein Preisgeld von 100.000 Francs versprach, dem es gelingen würde, innerhalb einer halben Stunde vom Luftplatz der Militärluftschiffer*innen in Saint Cloud aus eine Schleife um den Eiffelturm zu beschreiben und an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Santos-Dumont brauchte zwar deutlich länger, feierte aber trotzdem einen groÃen Erfolg. Der Preis wurde von dem Petroleummagnaten Henri Deutsch de la Muerthe im Namen des Aero Klub ausgeschrieben. Ab 1904 wurde er für Fahrzeuge Schwerer-als-Luft gestiftet (vgl. KlauÃmann, Abenteuer der Luft, 1909, S. 128). Während Schienenfahrzeuge schon ab 1804 mit Dampfmaschinen betrieben wurden, kamen sie wegen des hohen Eigengewichts an Fahrzeugen nach dem Prinzip Leichter-als-Luft erst ab 1852 zum Einsatz. In weiteren Versuchen, unlenkbare Ballons mithilfe eines Antriebs in lenkbare Luftschiffe umzuwandeln, wurden Gas-, Elektro- und Benzinmotoren verwendet. Wirklich lenkbar waren einzelne Luftschiffe erst ab 1901, auÃerhalb von Wettbewerben und privaten Verwendungen kamen sie vorher nicht zum Einsatz.
Zu allen Santos-Dumont-Anekdoten vgl. Winters, Die Eroberung des Himmels, 1999, S. 95â107. 1881 stellten Gaston Tissandier und sein Bruder Albert Tissandier das erste bekannte Luftschiff vor, das mit einem Elektromotor betrieben wurde (vgl. Tissandier, Histoire de mes ascensions, 1887).
Eine temporäre Ausnahme bildeten die Luftschiffe nach dem sogenannten starren System, die Ferdinand Zeppelin ab 1898 konstruierte und die ab 1908 erfolgreich längere Strecken bewältigen konnten. Unter anderem angeregt haben zu seinem Projekt soll Zeppelin die 1873 erschienene Broschüre Weltpost und Luftschiffahrt des Generalpostmeisters Heinrich von Stephan. Allerdings habe Zeppelin von Anfang an darauf gesetzt, ein Militärluftschiff und keines für Vergnügungsfahrten oder zivile Verkehrsfahrten zu bauen (vgl. KlauÃmann, Abenteuer der Luft, 1909, S. 131â147). Zeppeline wurden im Ersten Weltkrieg zum Abwurf von Bomben und zur Luftaufklärung eingesetzt, erwiesen sich allerdings als kein besonders zuverlässiges Werkzeug der Kriegsführung. Zwischen 1930 und 1936 beförderten Zeppeline Passagier*innen auf der transatlantischen Linie zwischen Europa und Nord- und Südamerika. Durch den aufkommenden Nationalsozialismus kam die Passagier*innenluftfahrt auf der Transatlantiklinie zum Erliegen. Im Zweiten Weltkrieg wurde nicht mehr an der Weiterentwicklung von Luftschiffen für militärische Einsätze gearbeitet, der Fokus der Forschung lag auf Flugzeugen.
Vgl. Peters, The Marvelous Clouds, 2015.
Vgl. Project Loon (Anonymus), x.company/loon/technology (abgerufen am 30. September 2019). Diese Referenz gilt, soweit nicht anders angegeben, bis zum Ende des Abschnitts.
Vgl. Caswell, The Need for Vertical Delineation of Air and Space, 2015, S. 208.
Project Loon (Anonymus), x.company/loon/technology (abgerufen am 13. April 2017).
Vgl. Project Loon (Anonymus), x.company/loon/technology (abgerufen am 30. September 2019).
Sprenger/Engemann, Im Netz der Dinge, 2015, S. 9. Die Verfasser schlieÃen hier explizit an Mark B.N. Hansen an.
Dass die Atmosphäre auch für andere vermeintliche Verbesserungen ein geeigneter Ort zu sein scheint, zeigen weitere Projekte von X: das bereits erwähnte Projekt zur Free Space Optical Communication (FSOC), das Lichtstrahlen zur Datenübertragung einsetzt, Project Wing, das Drohnen zur Zustellung von Waren etabliert hat oder Project Makani, in dem Drachen Elektrizität an unerwarteten Orten zur Verfügung stellen (vgl. Project Loon (Anonymus), x.company, abgerufen am 30. September 2019).
Die Stratosphäre ist weder Teil des im internationalen Recht als »airspace« bezeichneten Bereichs ziviler Luftfahrt, noch der »outer space« genannten Region der internationalen Raumfahrt. Weder die Paris Convention von 1919 noch die Chicago Convention von 1944 und ebensowenig die wissenschaftlich festgelegte Grenze von Atmosphäre und Weltraum, die sogenannte Kármán-Linie, sind internationaler Standard oder rechtlich bindend (vgl. Caswell, 2015, S. 205â235).
Vgl. Anonymus, Google Balloon Mistaken for UFO, 2017; Anonymus, Googleâs Project Loon Internet Balloon Crashes in Kenya, 2018; Keen, Scientists Raise Concerns about Googleâs Project Loon, 2016.
Vgl. Caswell, The Need for Vertical Delineation of Air and Space, 2015, S. 207.
Vgl. Schrickel, Von Cloud Seeding und Albedo Enhancement, 2012, S. 194.
Vgl. Adamowsky, Das Wunder in der Moderne, 2010.
Vgl. Hochadel, Zauberhafte Aufklärung, 2006.
Das Studium der Radioaktivität hatte Piccard zu der Vermutung gebracht, dass die Quelle der kosmischen Strahlung auch Gammastrahlung aussenden könnte. Diese Vermutung hätten sich zwar im Rahmen der Fahrten mit der Stratosphärenkapsel nicht bestätigt, aber die Messungen der kosmischen Strahlung seien trotzdem interessant gewesen, so Piccard (vgl. Piccard, Ãber den Wolken, unter den Wellen, 1954, S. 23â58).
Vgl. ebd.
Zu Felix Baumgartners Sprung vgl. Sprecher, Sein tiefster Fall, 2013.
Vgl. Grosse, Forscher auf der Spur von mysteriösen Meeresstrudeln, 2015. An Bord hat der Zeppelin eine Infrarotkamera, die mit 100 Bildern pro Sekunde eine Temperaturkarte der Wasseroberfläche erstellen kann, und eine Hyperspektralkamera, die mittels Farbmessungen Auskunft über das Algenwachstum gibt.
Vgl. ebd. Der Zeppelin hat eine Gesamtlänge von 75 Metern, ist knapp 20 Meter breit und über 17 Meter hoch. Er erreicht eine maximale Geschwindigkeit von 125 Stundenkilometern.
Nähere Informationen finden sich auf der Projektseite von Graham Dorrington: dendronautics.com (abgerufen am 30. September 2019).
Paul, Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch, 2007 (1803), S. 1 und S. 10.