Im vorangegangenen Kapitel (Kapitel 2) wurden anhand des Forschungsstandes einige gröÃere theoretische Ansätze im Kontext von Medien und Religion vorgestellt. Im letzten Unterkapitel (Kapitel 2.4) wurden diese Implikationen des Forschungsstandes und der bestehenden theoretischen Konzepte für die vorliegende Arbeit als theoretische Rahmung zusammengeführt und zu einer Forschungsfrage verdichtet. Wie in qualitativ-rekonstruktiver Forschung üblich, begründet sich das konkrete Forschungsdesign aus eben diesen (meta-)theoretischen Reflexionen, dem Forschungsdesiderat und der Forschungsfrage.
Im folgenden Kapitel werden diese vorangegangenen theoretischen Ãberlegungen methodologisch reflektiert und das Forschungsdesign der vorliegenden Arbeit weiter präzisiert. Mediatisierung wird dahingehend praxeologisch wissenssoziologisch konkretisiert. Der gewählte qualitativ-rekonstruktive Zugang wird im Lichte empirischer Forschung und ihrer Gütekriterien breiter kontextualisiert, womit die bezüglich des Forschungsdesigns getroffenen Entscheidungen intersubjektiv nachvollziehbarer werden sollen.
Damit die Leser*innen diese Ausführungen besser einordnen können, wird das letztliche Vorgehen hier in Kürze vorweggenommen: Im Zeitraum von 2020 bis 2023 wurden 12 Jugendliche, die sich selbst als muslimisch verstehen und zwischen 12 und 19 Jahre alt sind, zu ihrem alltäglichen Umgang mit Medien befragt und dazu, wie darin Religion vorkommt. Es handelt sich um einen qualitativ-rekonstruktiven Zugang, der Handlungsmuster im Umgang der Jugendlichen mit Medien und Religion (in Medien) rekonstruiert und damit tieferliegende Strukturen des Phänomens religiöser Sozialisation in mediatisierter Welt aufdeckt.
Wie genau forschungstechnisch vorgegangen wurde und welche Ãberlegungen diesen forschungsmethodischen Entscheidungen zu Grunde liegen, wird in diesem Kapitel erläutert.
3.1 Begründung des empirischen Zugangs
Warum für den Forschungsgegenstand ein empirischer Zugang sinnvoll ist, wurde bereits in Kapitel 2.4.3 in Kürze dargelegt und aus der Forschungsfrage ergibt sich bereits die Notwendigkeit eines empirischen Zugangs. In diesem Kapitel soll dennoch die generelle empirische Ausrichtung der vorliegenden Arbeit erneut aufgegriffen und anhand einiger relevanter Ãberlegungen aus der empirischen Religionsforschung und Religionspädagogik breiter diskutiert werden1, da bereits hier einzelne Entscheidungen für das konkrete Forschungsdesign angelegt sind.
Besonders relevant vor allem für die islamische Religionspädagogik zeigt sich mit Blick auf den Forschungstand und die gesellschaftliche Realität in Deutschland die mediale Darstellung und Repräsentation des Islam und der Muslim*innen und damit verbunden der antimuslimische Rassismus. Dies wirft die Frage auf, inwiefern dieser Umstand für muslimische Jugendliche in ihrem alltäglichen Umgang mit Medien und Religion relevant ist. Entsprechend wurden im exmanenten Teil des Fragebogens Fragen zu diesem Themenbereich aufgenommen, wobei fast bei allen interviewten Jugendlichen bereits im immanenten Teil derartige Erfahrungen als relevant zur Sprache kamen.2 Ebenso wird aus der bisherigen Forschung deutlich, dass (muslimische) Jugendliche in Berührung mit extremistischen Inhalten kommen können, ohne dass sie dies als extremistisch wahrnehmen. Daher wurde im Interviewprozess versucht, durch erzählstimulierendes Nachfragen, die Jugendlichen zum Explizieren konkreter Inhalte anzuregen, um genannte Inhalte und Akteur*innen im Nachhinein selbst einordnen zu können.3
Mit Blick auf religionsrelevante Transformationsprozesse wie Individualisierung, Pluralisierung und Synkretisierung, Popularisierung und Spiritualisierung oder Eventisierung (vgl. Merle 2019, S. 163â200) wird deutlich, dass, mit Funiok (2010) gesprochen, âReligiosität, nicht Religion als Ausgangspunktâ (Funiok 2010, S. 181) für Reflexionen religiöser Sozialisation von muslimischen Jugendlichen in mediatisierter Welt dienen sollte. Denn individuelle Religiosität als sprachlich generierte Selbst- und Weltdeutung (vgl. Funiok 2010, S. 183) spiegelt als Relevanzsystem diese Transformationsprozesse besser wider, als dies über institutionelle Religionsverständnisse möglich wäre. Im Folgenden sollen zwei praktisch-theologische Zugänge zu Religion bzw. Islam, einmal aus christlicher und einmal aus muslimischer Perspektive, vorgestellt werden, worauf sich der empirische Zugang der vorliegenden Arbeit stützt.
Bei der genannten Kritik von Funiok geht es nicht um eine Aufgabe des Religionsbegriffes, sondern um ein weites Religionsverständnis, wie es z.B. Nord favorisiert, um religionsplural und medienbewusst sein zu können. Mit den Begriffen der Religiosität und Spiritualität nimmt sie Abstand von einem institutionellen Verständnis von Religion (vgl. Nord 2017, S. 35â37). Sie verweist auf eine praktisch-theologische Definition von Religion als Deutungssystem: âReligion stellt ein klassisches Sinndeutungssystem mit Transzendenzbezug dar, sie ist eine Sinnressource, die dem Menschen in Bezug auf ein Unbedingtes, auf Letztgültiges, auf Selbst- und Weltdeutung für sein Leben zur Verfügung stellt [â¦]. Handelt es sich bei Religionen um Sinndeutungssysteme, so handelt es sich bei Religiosität um die subjektive, sinnkonstituierende Praxis jener Deutung, die den Religionen zugrunde liegt und sie zugleich ermöglicht. Religiosität kann so auch als biographische Ausgestaltung und Aneignung jener Sinndeutung verstanden werden [â¦]â (Könemann 2015). Mit einer solchen Definition ist demnach vor allem empirische Forschung relevant, die am Subjekt, an den biografischen Narrativen ansetzt und daraus entsprechende RegelmäÃigkeiten und Deutungsmuster rekonstruiert (vgl. Nord 2017, S. 35). Dies entspricht dem Zugang dieser Arbeit. Es wird vom Interviewer nicht vorgegeben, was Religion ist, sondern im Verlauf des Gespräches, falls explizit Religiöses nicht angesprochen wird, als Impuls eingeworfen. Was die Jugendlichen daraus machen, was sie dazu sagen, bleibt ihnen überlassen.
Die Frage des Religionsbegriffes stellt sich ebenso im Kontext des Islam bezüglich der Islamdefinition.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Begriff und damit die Kategorie âReligionâ erst im Laufe des 19. Jahrhunderts aus einer eurozentrischen und christlichen Perspektive heraus auf andere, nicht-christliche âReligionenâ übertragen wurde (Smith 1963; Ahn 1997; Nongbri 2013; Ghandour 2023). Was der Religionsbegriff dabei impliziert, fasst Shahab Ahmed (2016) folgendermaÃen zusammen: âTo speak of âreligionâ today is simultaneously to do two things: to constitute objects as âreligionsâ by modeling them on the Christian-European historical experience (and, thus, on Christianity) as well as to assume the validity of and speak in terms of the necessary accompanying binary category âsecularââ (Ahmed 2016, S. 178). Damit ist die Kategorie Religion insbesondere für nicht-christliche Religionen als eine externe Schablone, die den Blick auf die Wirklichkeit aufgrund ihrer eigenen Vorprägung verzerrt, kritisch zu betrachten. Dies führt Ali Ghandour mit Blick auf Islam und Muslim*innen aus, wenn er eine theoretische Grundlage für eine muslimische Praktische Theologie formuliert (Ghandour 2023). Dabei unterscheidet er unter anderem zwischen âislÄm (kleingeschrieben)â und âIslam (groÃgeschrieben)â. Auf die Wortwurzel des Begriffes und ihre koranische Nutzung zurückgreifend, definiert Ghandour islÄm als âHingabeâ an Gott und damit als eine subjektive Erfahrung und Haltung (vgl. Ghandour 2023, S. 137). Erst im 19. Jahrhundert kam es dazu, âdass der im muslimischen Selbstverständnis jahrhundertelang als Haltung des menschlichen Subjekts geläufige islÄm (Hingabe) zu âIslamâ und damit zum Eigennamen einer Religion umgedeutet wurde. Voraussetzung dafür war die Erfindung der Kategorie der Religionâ (Ghandour 2023, S. 140). Damit ist eine essenzialisierende Verschiebung zu verzeichnen, die durch die geschilderten externen Faktoren die Deutung bzw. Wahrnehmung der Lebenswelt von Muslim*innen verändert hat. Während beispielsweise das Wort islÄm in Koranstellen zuvor als âHingabeâ übersetzt wurde, begann so die Tendenz es als Eigennamen unübersetzt als âIslamâ zu übernehmen, was gleichzeitig eine abstrakte Kategorie impliziert (vgl. Ghandour 2023, S. 140). Dieser essenzialisierenden Perspektive ist es auch geschuldet, dass die Vielfalt der Muslim*innen und ihre diverse Handlungspraxis, die auch historisch immer präsent waren, ausgeblendet wurden, um eher konstruierte Gemeinsamkeiten im Sinne einer abstrakten Kategorie zu betonen (vgl. Ghandour 2023, S. 141). Um diesem Phänomen entgegenzuwirken, ist es wichtig, sich der konkreten Handlungspraxis von Muslim*innen zu widmen (Akca et al. 2023, Akca 2023), wie es im Konzept des âLived Islamâ (Reinhart 2020) gefordert wird. Auch hieraus ergibt sich die Relevanz eines empirischen Zugangs für die vorliegende Arbeit. Ghandour formuliert auf Grundlage dieser Ãberlegungen folgende Definition für eine muslimische Praktische Theologie: âDer Forschungsgegenstand der Praktischen Theologie ist die muslimische Praxis, das heiÃt die Praxis, an der Subjekte teilnehmen, die sich als Musliminnen und Muslime bezeichnen, und nicht die islamische Praxis, die Merkmal einer abstrakten Entität oder eines vorgestellten Systems namens âIslamâ wäreâ (Ghandour 2023, S. 136). Aus diesen Gründen wurde, wie bereits geschildert, in der vorliegenden Studie das Vorgehen gewählt, die befragten Jugendlichen selbst entscheiden zu lassen, was sie unter Religion bzw. Islam verstehen, und jegliche Handlungspraxis wurde aufgenommen, die von den Jugendlichen geschildert wurde. Dieses induktive Vorgehen birgt damit aufgrund des Fokus auf Lived Islam groÃes Potenzial für die Religionspädagogik.
Dennoch bleibt auch hier weiterhin die Problematik ungeklärt, wann von einer âmuslimischenâ Praxis gesprochen werden kann. Für die vorliegende Studie stimmt es, dass das Sample aus Jugendlichen besteht, die sich selbst als muslimisch verstehen. Voreilig diese Handlungspraxis als muslimisch zu bezeichnen, birgt jedoch, wie in Kapitel 2.1 geschildert, die Gefahr, Muslim*innen zu muslimisieren.4 Hierauf wird bei der Sample-Strategie (siehe Kapitel 3.7) weiter eingegangen und die Entscheidung begründet, im Titel dieser Arbeit das Adjektiv âmuslimischâ einzuklammern.
Mit diesem Vorgehen wird der Komplexität und Unbestimmtheit des Religionsbegriffes Rechnung getragen, wie es Popp-Baier (2009) formuliert: âEs gibt fast nichts, was nicht irgendwann einmal als Religion bezeichnet oder Religion zugerechnet worden wäre oder dem zumindest nicht irgendwann einmal eine religiöse Funktion zugesprochen worden wäreâ (Popp-Baier 2009, S. 37).5 So ist es auch nicht verwunderlich, dass auch im Kontext von Medien Bezüge zu Religion hergestellt und auch Medien religionsähnliche Funktionen unterstellt wurden. An einem solchen weiten Religionsverständnis knüpfen dann auch Reflexionen zur Medienreligion an, die in Kapitel 2.3.2.3 dargelegt wurden. Auch für die islamische Theologie und Religionspädagogik ist diese funktionale Perspektive gewinnbringend, da sie aus der Lebenswelt der Menschen heraus die Bedeutung von Religion klärt. Entsprechend sollen funktionale Aspekte in der Reflexion der Ergebnisse beachtet werden. Diese Ãberlegungen finden sich auch im Forschungsdesign wieder. Um nicht mit einem expliziten Religionsverständnis von vorneherein die Perspektive einzuschränken, wird in den Interviews zunächst nach Medien im Alltag der Jugendlichen gefragt. In den meisten Fällen kommen auch hier schon explizit religiöse Elemente zum Tragen, dies wird aber durch den zweiten Impuls erneut angeregt. Durch die Rekonstruktion der Handlungsmuster, die sich auf impliziter Ebene sowohl im medialen als auch im explizit religiösen Bereich bewegen, wird die Möglichkeit der ErschlieÃung der Religionsähnlichkeit der Medien bzw. des Implizit-Religiösen gegeben. Ein solch offenes Vorgehen ohne vorherige Fixierung des Religionsbegriffes bietet den Vorteil âstattdessen zu untersuchen, welche Religionskonzepte oder welches Religionsverständnis auf welche Weise im empirischen Feld orientierungs- und handlungsleitend sind und welche Erfahrungen im Zusammenhang mit diesen Konzepten gemacht oder interpretiert werdenâ (Popp-Baier 2009, S. 38). Die Bedeutung dieses Vorgehens und der Ergebnisse wird bei der Reflexion der Ergebnisse (siehe Kapitel 6.1.) weiter ausgeführt werden.6
Zusammenfassend lässt sich auch auf die islamische Theologie und Religionspädagogik übertragen, was Nord als Thesen aus der evangelischen Theologie formuliert: âReligion(en), Religiosität und Spiritualität artikulieren sich nicht nur in Medien, sie treten in Medien überhaupt erst in die Wahrnehmung von Menschen.â. Weiterhin âgestaltenâ und âpartizipierenâ sie an und âsind Thema in Medienâ (Nord 2017, S. 37â39).
3.2 Begründung des qualitativ-rekonstruktiven Zugangs
Wie in Kapitel 2 (Forschungsstand) aufgezeigt, lohnt sich für die Erforschung des Phänomens eine empirische Perspektive, um vom Feld aus die religiöse Sozialisation in mediatisierter Welt zu verstehen. Doch auch nach der Entscheidung für eine empirische Vorgehensweise, bleibt die Frage offen, wie genau dieser empirische Zugang erfolgen soll. Dabei wird üblicherweise zwischen quantitativer und qualitativer Forschung unterschieden, was hier in Kürze erläutert werden soll. Die vorliegende Arbeit erschlieÃt das Feld mit einem qualitativ-rekonstruktiven Zugang, der im zweiten Schritt erläutert werden soll. Folglich wird die Entscheidung für einen qualitativ-rekonstruktiven Ansatz begründet.
In den Unterkapiteln âUnterscheidung: [â¦]â wird jeweils eine Differenzierung mit Blick auf empirische Forschung im Allgemeinen vorgenommen. Im darauffolgenden Unterkapitel âWarum [â¦]â wird begründet, warum in der vorliegenden Arbeit diese Form der empirischen Forschung gewählt wurde.
Unterscheidung: Qualitative und quantitative Forschungslogik
Qualitative und quantitative Forschung bilden zwei unterschiedliche Ansätze mit unterschiedlichen Paradigmen, die sich sowohl in ihrer Methodologie als auch in der Forschungslogik unterscheiden. Nichtsdestotrotz ist es bei beiden das Ziel soziale Wirklichkeit zu erschlieÃen, wenn auch in unterschiedlicher Art und Weise (vgl. Kruse 2015, S. 45).
Bei quantitativer Forschung handelt es sich um hypothesenprüfende Verfahren. Die Forscher*innen beschäftigen sich mit gegenstandsbezogenen Theorien und entwickeln ein Erkenntnisinteresse, aus welchem Sie Hypothesen generieren. AnschlieÃend wird im Rahmen der Operationalisierung versucht, diese Hypothesen messbar zu machen, also zu quantifizieren. Mittels Statistik und Wahrscheinlichkeitsberechnungen wird dann der Rücklauf interpretiert, Korrelationen identifiziert und die Ausgangshypothesen verifiziert bzw. falsifiziert (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 42â43). Entsprechend ist bei quantitativer Forschung ein gewisser Grad an âKlarheitâ, wie es Przyborski & Wohlrab-Sahr (2010, S. 43) formulieren, über den Gegenstand Voraussetzung, um deduktiv gegenstandsbezogene Hypothesen formulieren zu können (vgl. Meinefeld 2015, S. 266).
Im Gegensatz dazu wird bei hypothesengenerierender, qualitativer Forschung die Beschäftigung mit gegenstandsbezogenen Theorien â im Rahmen dieser Arbeit wäre der Gegenstand das Phänomen der religiösen Sozialisation in mediatisierter Welt â im Prozess überwiegend nach hinten verlagert. Diese Verschiebung erfolgt deswegen, weil Ziel der qualitativen Forschung ist, den Gegenstand induktiv aus dem Feld heraus zu verstehen, wobei Gegenstandstheorien erst viel später eher als sensibilisierende Konzepte zur Unterstützung bei der Theoriebildung herangezogen werden (vgl. Flick, von Kardorff & Steinke 2015, S. 25). Eine zu frühe Anbindung an gegenstandsbezogene Theorien, und damit an bereits bestehendes Wissen, birgt die Gefahr, dass bereits Bekanntes und Kategorien der Forscher*innen auf dem Feld übergestülpt werden (vgl. Meinefeld 2015, S. 266). Für qualitative Forschung spielen daher zunächst Metatheorien eine gröÃere Rolle, die meist abstrakter als der konkrete Untersuchungsgegenstand sind und allgemein die begrifflich-theoretische Fundierung bieten, aus welcher sich dann das Forschungsdesign mit Wahl der Erhebungs- und Auswertungsmethoden begründet (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 43). Für diese Arbeit wird die Mediatisierungstheorie als Metatheorie herangezogen, die im Unterkapitel 3.6 praxeologisch-wissenssoziologisch reflektiert wird. Das Ergebnis von qualitativer Forschung sind gegenstandsbezogene Theorien, die im Rahmen von bereits bestehendem Wissen diskutiert werden (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 53).
Die Unterscheidung von quantitativer und qualitativer Forschung wird in folgender Abbildung zusammengefasst:



Unterschied quantitative und qualitative Forschung (Eigene Darstellung)
Wie bereits erwähnt, unterscheidet sich qualitative und quantitative Forschung hinsichtlich des Forschungsprozesses. Da diese Unterscheidung für die Darstellung der Ergebnisse in der vorliegenden Arbeit besonders relevant ist, werden beide Vorgehensweisen konkreter beschrieben:
Während bei einer quantitativen Studie der Forschungsprozess sich recht linear von Hypothesenbildung und Datenerhebung zur Auswertung abzeichnet, verläuft der Prozess bei qualitativen Studien eher iterativ-zyklisch, indem zwischen unterschiedlichen Prozessbereichen immer wieder gewechselt wird, um die Analysen weiter zu schärfen (vgl. Kruse 2015, S. 44).
Bei der quantitativen Forschungslogik handelt es sich um einen linearen Prozess mit weitestgehend voneinander separaten Schritten. Aus einem allgemeinen Erkenntnisinteresse heraus und auf Grundlage bisheriger Forschung und Erkenntnisse zu gegenstandsbezogenen Theorien, werden Hypothesen formuliert, die es zu testen gilt. Diese Hypothesen werden dann operationalisiert und damit ein Vorgehen bezüglich der Messbarkeit der Hypothesen konzipiert. Durch eine Samplingstrategie mit Bezug auf die Grundgesamtheit wird eine Auswahl an Personen getroffen. Ãber das entwickelte Erhebungsinstrument werden so Daten erhoben, die dann statistisch ausgewertet werden. Anhand dieser Analysen können dann die zuvor formulierten Hypothesen abgeglichen werden (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 42â43).
Bei qualitativer Forschung handelt es sich vielmehr um einen iterativ-zyklischen Prozess, wie er als Begriff besonders im Kontext der Grounded Theory geprägt wurde (vgl. Kruse, 2015, S. 93). Zunächst besteht ein noch recht allgemein gehaltenes Erkenntnisinteresse, welches wie oben beschrieben durch eine bestimmte Metatheorie gerahmt ist. Hier können auch schon allgemeine, theoretische Ãberlegungen zum Forschungsdesign anknüpfen. Aufgrund der Offenheit und Orientierung am Feld wird alles aber nach und nach im Feld festgelegt. So wird ein Interview erhoben, um zu testen, ob etwa der Eingangsstimulus funktioniert, oder ob das Gesagte auch für den Untersuchungsgegenstand relevant ist. Entsprechend werden Anpassungen vorgenommen und weitere Interviews geführt. So sieht Witt (2001) die Auswahl des Verfahrens als Teil des iterativ-zyklischen Prozesses, auch wenn natürlich das Forschungsdesign recht früh im Prozess gefestigt werden sollte, um einen möglichst hohen Grad an Vergleichbarkeit der Erhebung zu gewährleisten. Nach jeder Erhebung folgen die Auswertung und auch schon die komparative Analyse mit den anderen Fällen, sodass die Theorieentwicklung auch noch während der Erhebungsphase abläuft und die Auswahl der nächsten Personen auch von bestehenden Lücken der vorläufigen Theorie abhängt. Dementsprechend ist eher von einer Gleichzeitigkeit bzw. immer wieder abwechselnden Schritten zu sprechen, eben einem iterativ-zyklischen Forschungsprozess (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 43â47).
Die unterschiedlichen Forschungsprozesse lassen sich folgendermaÃen zusammenfassen:



Quantitativer und Qualitativer Forschungsprozess (Eigene Darstellung in Anlehnung an Witt 2001 und angepasst nach Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 42â47)
Damit wird deutlich, dass die klassischerweise gewählte Darstellung von Ergebnissen in Arbeiten (Einleitung, Theorie, Methoden, Ergebnisse und Diskussion), wie sie etwa von Hermisson und Weià (2018) vorgeschlagen wird, eher einer quantitativen Logik und ihrem Forschungsprozess folgt (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 359). Auch wenn ein solcher Aufbau einer Arbeit für die Nachvollziehbarkeit durch die Leser*innen sinnvoll ist, muss klar sein, dass eine solche Gliederung nicht dem Forschungsprozess qualitativer, insbesondere rekonstruktiver Arbeiten entspricht und der rekonstruktiven Logik des hier verfolgten Ansatzes kaum gerecht wird.7
Dies gilt auch für die vorliegende Arbeit, denn der Aufbau dieser Arbeit bildet nicht stringent die Reihenfolge des Forschungsprozesses ab. Dennoch wurde diese übliche, eher an einer quantitativen Logik ausgerichtete Struktur gewählt, um die intersubjektive Nachvollziehbarkeit durch die schrittweise Heranführung der Leser*innen an den Untersuchungsgegenstand zu erhöhen (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 358â360). In der vorliegenden Arbeit zeigt sich das folgendermaÃen: In Kapitel 2 werden anhand des Forschungsstandes bestehende Forschungsparadigmen als Metatheorien erläutert, woraus sich die Perspektive auf den Forschungsgegenstand begründet. Diese (meta-)theoretischen Ãberlegungen werden zusammengeführt und in Kapitel 3 in ein konkretes methodisches Vorgehen überführt. Daraus ergibt sich das konkrete Forschungsdesign der vorliegenden Arbeit.
Warum qualitativ?
Warum wurde im Rahmen dieser Arbeit ein qualitativer Zugang gewählt? Wie in Kapitel 2 erläutert, gibt es zwar bisher einige wenige empirische Arbeiten zur religiösen Sozialisation Jugendlicher in mediatisierter Welt, dennoch ist recht wenig über das Phänomen bekannt. Dieses Phänomen, das im Schnittbereich von Religion und Medien liegt, kann auch durch quantitative Forschung betrachtet werden. Der hypothesenprüfende Zugang würde aber die Untersuchung des Phänomens auf bereits bekannte bzw. vermutete Zusammenhänge ermöglichen. Bei der ErschlieÃung der religiösen Sozialisation in mediatisierter Welt als eines weitestgehend unerforschten Gegenstandes ist es jedoch wichtig, die Relevanzen der Interviewpartner*innen in den Vordergrund zu stellen und aus dem Feld heraus relevante Aspekte herauszuarbeiten, was durch einen qualitativen Zugang möglich ist (vgl. Flick, von Kardorff & Steinke 2015, S. 24). Da bisher speziell zur religiösen Sozialisation in mediatisierter Welt überwiegend quantitative Studien vorliegen, könnte ein qualitativer Ansatz helfen, diese erhobenen Zusammenhänge besser zu erklären und zu kontextualisieren (vgl. Flick, von Kardorff & Steinke 2015, S. 25â26).
Darüber hinaus konnte mit Blick auf den Forschungsstand das Potenzial der Mediatisierungstheorie als Perspektive auf den Schnittbereich von Medien und Religion herausgearbeitet werden. Wie dargelegt wird damit ein besonderer Fokus auf Kommunikation gelegt, wie sie auch im Rahmen qualitativer Forschung durch die ihr zugrundeliegenden Paradigmen bezüglich der Konstruktion sozialer Wirklichkeit eine Rolle spielt (vgl. Flick, von Kardorff & Steinke 2015, S. 21). Auf dieses Paradigma vor allem mit Blick auf die praxeologische Wissenssoziologie wird im Unterkapitel 3.3 eingegangen. Dennoch lässt sich auch an dieser Stelle schon aus der Wahl der Metatheorie â hier der Mediatisierungstheorie â ein qualitativer Zugang begründen.
Unterscheidung: Qualitative und qualitativ-rekonstruktive Forschung
Bei dieser Studie handelt es sich spezifischer um einen qualitativ-rekonstruktiven Ansatz. Kruse drückt diesen Unterschied folgendermaÃen aus: âAlle Forschenden, die rekonstruktiv arbeiten, nutzen qualitative Methoden. Aber nicht alle Forschenden, die qualitative Methoden nutzen, forschen rekonstruktivâ (Kruse 2015, S. 24). Diese Abgrenzung zwischen qualitativer und qualitativ-rekonstruktiver Forschung8 soll im Folgenden erläutert werden.
Bei qualitativen Arbeiten handelt es sich um den Versuch, soziale Wirklichkeit in ihrer Sinnkonstruktion deskriptiv zu analysieren (vgl. Kruse 2015, S. 25). Dahingegen wird bei rekonstruktiven Verfahren der Blick auf den âSinn hinter dem Sinnâ gerichtet, indem rekonstruiert wird, welche Strukturen diesem Sinn unterliegen (Kruse 2015, S. 25). Um diese Unterscheidung zu erklären, wird oft der Terminus der âKonstruktionen ersten und zweiten Gradesâ verwendet, wie sie von Alfred Schütz (1971) geprägt wurden. Bei Konstruktionen ersten Grades handelt es sich um âKonstruktionen, die im Sozialfeld von Handelnden gebildet werdenâ (Schütz 1971, S. 6). Diese Konstruktionen sind Interpretationen und Alltagstheorien der Handelnden über die soziale Wirklichkeit. Qualitative Forschung bewegt sich auf dieser deskriptiven Ebene, wenn die Sinnkonstruktionen der Handelnden identifiziert werden, damit die âSicht des Subjektsâ im Fokus steht (vgl. Flick, von Kardorff & Steinke 2015, S. 18, mit Verweis auf Bergold & Flick 1987) und âdas Gesagte und Beobachtete meist als das, was relevant istâ (Reichertz 2016, S. 23), verstanden wird. In diesem Bereich kann etwa auch die Qualitative Inhaltsanalyse verortet werden, die von Mayring selbst als âqualitativ orientierte kategoriengeleitete Textanalyseâ bezeichnet wird und aufgrund der Mischung verschiedener Analyseschritte âin einer Zwischenstellung zwischen qualitativer und quantitativer Forschungâ lokalisiert wird (Mayring 2019, S. 5). Entsprechend folgt die Qualitative Inhaltsanalyse, zumindest stückweise, einer quantitativen Forschungslogik.9
In rekonstruktiver Forschung wird bei diesen Konstruktionen ersten Grades auf das Hintergrundwissen der Subjekte verwiesen, welches deren Handeln zugrunde liegt und oftmals den Handelnden gar nicht bewusst ist. Im Gegensatz zur qualitativen Forschung wird bei rekonstruktiver Forschung hinter dem Gesagten und Beobachteten also âeine verborgene âwirkliche Wirklichkeitâ vermute[t]â (Reichertz 2016, S. 23), die als relevant verstanden wird. Dies wird im Unterkapitel zur praxeologischen Wissenssoziologie (Kapitel 3.3) näher erläutert. Die Forscher*innen versuchen, dieses implizite Wissen zur sozialen Wirklichkeit zu rekonstruieren und durch Analysen zu typisieren, das Wie der Sinnkonstruktion zu erschlieÃen und in Theorien münden zu lassen. Diese Perspektive der Forscher*innen auf die Konstruktionen der Handelnden zur sozialen Wirklichkeit werden dabei als Konstruktionen zweiten Grades bezeichnet, welche eben den rekonstruktiven Zugang charakterisieren (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 26â27).
Diese Unterscheidung von qualitativer und qualitativ-rekonstruktiver Forschung wird in folgender Abbildung zusammengefasst:



Unterschied qualitativer und qualitativ-rekonstruktiver Forschung (Eigene Darstellung)
Warum rekonstruktiv?
Die rekonstruktive Annäherung an den Forschungsgegenstand lässt sich auf mehreren Ebenen begründen. Mit Blick auf den Forschungsstand wurde die Wichtigkeit der Rezipient*innenperspektive für das Phänomen betont, gleichzeitig aber auf ihre Grenzen und Herausforderungen hingewiesen. Ziel der Erforschung der religiösen Sozialisation in mediatisierter Welt ist es, den Schnittbereich von Religion und Medien zu untersuchen. Dass es sich dabei um ein sehr voraussetzungsreiches Vorhaben mit unterschiedlichen Ansätzen und Herangehensweisen handelt, sollte im Forschungsstandkapitel deutlich geworden sein. Daher können die Befragten entsprechend selbst keine genauen Aussagen über diese abstrakte Frage treffen, und selbst wenn, würde es sich dabei nur um eine subjektiv wahrgenommene Perspektive handeln, die nicht absolut gesetzt werden kann. Hinzu kommt, dass das Sprechen über Religion für Jugendliche kein einfaches Unterfangen ist, wie im Erhebungsprozess durch die Umstellung des Eingangsstimulus festgestellt wurde10. Dieses Problem stellt sich auch bezüglich âimpliziter Religionâ, wie sie von Thomas Luckmann auf den Begriff gebracht wird. In dieser Perspektive handelt es sich nicht nur um Religion, wenn es explizit um religiöse Themen und Inhalte geht. Transzendenzen finden sich auch implizit in alltäglichen Erfahrungen und allgemeinen Sinndeutungsmustern, sodass sie den Personen nicht bewusst sein müssen, aber als solche von den Forscher*innen rekonstruiert werden können (vgl. Luckmann 1991). Hierauf wurde in Kapitel 3.1 bereits eingegangen. Zusätzlich ist Teil des Erkenntnisinteresses, Muster im Handeln der Jugendlichen zu identifizieren. Solche Muster im Handeln sind dabei den Handelnden selbst kaum bzw. nur bruchstückhaft bewusst, in jedem Fall handelt es sich aber um eine Interpretation der Handelnden über ihr eigenes Handeln. Diese Muster müssen erst durch den Forschungsprozess aufgedeckt werden, um sie analysieren zu können. Auch dies wurde bereits in Kapitel 2.4.3 erklärt und wird im Unterkapitel 3.3 zur praxeologischen Wissenssoziologie ausgeführt.
In jedem Fall kann die Rezipient*innenperspektive im Kontext des Erkenntnisinteresses und der Forschungsfrage nur als erster Schritt gesehen werden, auf die eine weiterführende Analyse seitens der Forscher*innen folgen muss. Dies wird im Unterkapitel 3.3 zur praxeologischen Wissenssoziologie näher erläutert.
3.3 Generalisierung und Gütekriterien qualitativer Forschung
Wie generell bei empirischen Studien stellt sich auch in der vorliegenden Arbeit die Frage, wie im Rahmen dieser Arbeit die Qualität der Analysen und der gesamten Studie gewährleistet wurde. Hier lohnt sich der Blick in die Gütekriterien empirischer Forschung, wobei sich aus den unterschiedlichen Methodologien verschiedene Qualitätsstandards ergeben. Insbesondere bei qualitativer Forschung liegen sehr unterschiedliche, konkurrierende Vorschläge für Gütekriterien vor, die sich zum Teil an den Gütekriterien quantitativer Forschung orientieren oder zum Teil gänzlich unabhängig von diesen dargelegt werden.11 Im Folgenden sollen im Sinne der ersten Variante Gütekriterien der quantitativen Forschung denjenigen der qualitativen Forschung gegenübergestellt werden, wobei die qualitativen Gütekriterien analog zu den quantitativen gedacht werden.12 AnschlieÃend werden diese Gütekriterien bezüglich ihrer Umsetzung im Zuge dieser Arbeit konkretisiert.
Validität und Gültigkeit
Ein Gütekriterium stellt die Validität im Kontext der quantitativen Forschung dar. Dabei wird die Gegenstandsangemessenheit der theoretischen Konstrukte der Arbeit geprüft und ihre logische Passung in Frage gestellt. Sowohl in der Datengewinnung als auch in der -auswertung soll die Verzerrung der Ergebnisse durch die Vermeidung von Störfaktoren unterbunden werden und es wird überprüft, ob âtatsächlich das empirisch erhoben werden konnte, was es zu erheben galtâ (Kruse, Jan 2015, S. 56â57). Diese Validität wird bei quantitativer Forschung durch die vorgeschaltete Befassung mit Theorie und Forschungsstand gewährleistet, indem die zu prüfenden Konstrukte theoretisch begründet und durch Pretest, Vorstudien und Einbezug von AuÃenkriterien durch Messinstrumente rechnerisch bestätigt werden.
Als Pendent dazu gilt bei qualitativer Forschung das Gütekriterium der Gültigkeit. Die Gegenstandsangemessenheit ist bei qualitativen Arbeiten meist durch die Feldnähe und der auch theoriebezogenen Offenheit weitestgehend gegeben, indem beispielsweise den Befragten die Möglichkeit eingeräumt wird, für sie Relevantes anzusprechen, ohne dies vorab wie bei quantitativer Forschung theoretisch einzuschränken. Die Gültigkeit der Rekonstruktion lässt sich ebenfalls vergleichbar durch den Bezug auf AuÃenkriterien darlegen. Dem entspräche im Kontext dieser Arbeit etwa die Textsortentrennung und allgemein die formale Gestaltung des Gesagten, die die Grundlage der Rekonstruktion darstellt. Die Gültigkeit der Rekonstruktion wird also mit der formalen Struktur begründet (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 36â37). Die Gültigkeit lässt sich darüber hinaus mit der Konsistenz der Analysen herstellen. Die Interpretationen speisen sich bei qualitativer Forschung beispielsweise nicht ausschlieÃlich aus einzelnen Passagen, die anekdotisch genutzt und ausgewertet werden, sondern es wird immer komparativ vorgegangen. Interpretationen müssen sich aus dem Material heraus verdichten und sich konsistent über das gesamte Interview hinweg bestätigen, was über den fallinternen Vergleich überprüft wird. Zusätzlich werden über die fallübergreifende komparative Analyse Rückschlüsse bezüglich fallübergreifender Gemeinsamkeiten gezogen und somit ihre Gültigkeit überprüfbar gemacht (vgl. Kruse 2015, S. 56â57). Zum Gütekriterium der Validität bzw. der Gültigkeit spielt auch der Aspekt der Generalisierung der Ergebnisse eine Rolle, der weiter unten gesondert aufgegriffen wird.
Bei der Erhebung der Daten wurde entsprechend in dieser Arbeit ein möglichst offener Eingangsstimulus gewählt, um den Interviewten zu ermöglichen, alles zu antworten und zu explizieren, was für sie relevant und wichtig ist. Die Nachfragen wurden am Gesagten orientiert und sollten zur weiteren Explikation motivieren. Im Unterkapitel zum Erhebungsverfahren (Kapitel 3.4) wird das konkrete Vorgehen genauer vorgestellt. Im Unterkapitel zum Auswertungsverfahren (Kapitel 3.5) werden die einzelnen Schritte der Analyse und die Kriterien für die Untersuchung der formalen Struktur dargelegt, die sich aus der theoretischen und methodologischen Rahmung ergeben. Auch in dieser Arbeit stellt also der Fokus auf der formalen Struktur, dem Wie des Gesagten, mit ihrer Textsortentrennung und der gesamten formalen Gestaltung das AuÃenkriterium für die Analyse dar, auf welchem die Rekonstruktion basiert und welches die Gültigkeit intersubjektiv überprüfbar macht.
Reliabilität und Zuverlässigkeit
Das Kriterium der Reliabilität bei quantitativer Forschung soll die Reproduzierbarkeit der Forschung zusammen mit der Messung und ihrer Ergebnisse sicherstellen. Dabei ist vor allem der Schritt der Operationalisierung ausschlaggebend, indem die zu messenden Indikatoren und ihre Bedeutung sowohl theoretisch reflektiert als auch rechnerisch überprüft werden. Auch ein hoher Grad der Standardisierung etwa beim Erhebungsinstrument soll die Vergleichbarkeit und damit die Reliabilität steigern. Zielführend ist hier also die Frage, ob bei erneuter Erhebung und Messung dieselben Ergebnisse herauskommen.
Bei qualitativer Forschung geht es hingegen um die Zuverlässigkeit der Analysen und Ergebnisse. Dabei geht es aber weniger um die rechnerische Wiederholbarkeit, sondern vielmehr um die theoretische Replizierbarkeit. Diese Frage stellt sich insbesondere durch die offene Gestaltung etwa der Erhebung, indem die Offenlegung der Relevanzsysteme13 der Einzelfälle im Mittelpunkt steht und sich so eine gewisse Flexibilität bei der Erhebung, den gestellten Fragen oder z.B. der Reihenfolge der Fragen ergibt. Damit muss die Frage der Vergleichbarkeit, die auch bei qualitativer Forschung für die Zuverlässigkeit der Analysen wichtig ist, anders beantwortet werden (vgl. Steinke 2015). Bei rekonstruktiver Forschung wird die Vergleichbarkeit durch den Bezug auf die formale Gestaltung des Gesagten hergestellt. Wenn bei qualitativer Forschung inhaltlich die Einzelfälle aufgrund des geringen Grades an Standardisierung kaum vergleichbar sind, liegt der Fokus der Forscher*innen auf der Struktur und den Mustern des Gesagten, also in den Textsorten, die auftreten und insgesamt auf dem Wie des Gesagten. Auf dieser Ebene wird eine Vergleichbarkeit möglich und die Offenlegung der Struktur begründet die Zuverlässigkeit der Analysen (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 38â40). Die klare Trennung der Interpretation der Forscher*innen von den Aussagen der Subjekte trägt auÃerdem zur Reliabilität bzw. der Zuverlässigkeit der Analysen bei (vgl. Flick 2005, S. 196).
Auch im Rahmen dieser Arbeit wird die Ãbertragbarkeit der Analysen über den Gegenstand der Analyse, dem Wie des Gesagten, hergestellt. Ãber diese Perspektive wird entsprechend auch hier eine Vergleichbarkeit der Fälle möglich. Die Kriterien dafür sind im Methodenkapitel transparent gemacht und werden im Auswertungskapitel zur konjunktiven Ebene (Kapitel 5) anhand ausgewählter Passagen dargelegt und begründet.
Objektivität und intersubjektive Nachvollziehbarkeit
Ãhnlich geht es beim Gütekriterium der Objektivität bei quantitativer Forschung auch um die Standardisierung und die Transparenz, die eine intersubjektive Ãberprüfbarkeit gewährleistet. Durch die klare Standardisierung bei Erhebung und Auswertung, der präzisen Definition von gemessenen Kategorien, wird ein gewisser Grad von Objektivität hergestellt. Aus der vorausgehenden theoretischen Reflexion und den Pretests/Vorstudien werden Kategorien konstruiert, zu denen die anschlieÃenden Messungen Ergebnisse liefern. Diese Ergebnisse sind insofern objektiv, als klar definiert ist, was gemessen wird. Im Nachgang kann sicherlich die Interpretation der Ergebnisse oder die Konstruktion der Kategorien kritisiert werden, die Korrespondenz zwischen der Definition der Kategorien und den gemessenen Ergebnissen ist aber rechnerisch gewährleistet.
Bei qualitativer Forschung hingegen wird Objektivität als Kriterium gänzlich abgelehnt und dafür das Kriterium der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit betont. Die offene Vorgehensweise und der Versuch, die Befragten zur Explikation der eigenen Relevanzsysteme zu bewegen, soll als erster Schritt die Subjektivität der Perspektive der Forscher*innen reduzieren. Bei rekonstruktiver Forschung wird mit dem Bezug auf die formale Struktur eine Ebene der Vergleichbarkeit hergestellt, die eine intersubjektive Nachvollziehbarkeit gewährleisten soll. Entsprechend sind der Analyseprozess und Auswertungskriterien offenzulegen, um vorab einen gewissen Grad an Standardisierung und Ãberprüfbarkeit herzustellen. Dies bedeutet konkret, dass etwa im Methodenkapitel genau erläutert werden muss, welche Aspekte der Interviews nach welchen Kriterien interpretiert werden und wie dabei vorgegangen wurde. Diese Transparenz gilt folglich auch über den gesamten Forschungsprozess und die gesamte Arbeit hinweg, wenn alle Schritte offengelegt und die Interpretationen so begründet werden, dass sie intersubjektiv nachvollziehbar und überprüfbar sind (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 40â41). Ebenso gilt es, die Interpretationen im Forschungsprozess intersubjektiv zu überprüfen, indem stetig Interpretationsmöglichkeiten in Analysegruppen reflektiert werden (vgl. Kruse 2015, S. 55â56).
In dieser Arbeit wird die intersubjektive Nachvollziehbarkeit durch Transparenz des Forschungsprozesses, etwa im Methodenkapitel und der Darstellungsweise und Argumentation in beiden Auswertungskapiteln (Kapitel 4 und 5), sichergestellt. In Kapitel 4 werden hierzu zu allen Fällen kurze Fallporträts erstellt, damit auch die einzelnen Interviewpartner*innen und die einzelnen Verläufe der Interviews transparent werden. Im Auswertungskapitel zur konjunktiven Ebene (Kapitel 5) wird die gesamte entwickelte Typologie begründet und die Analysen und Interpretationen werden durch Verweis auf Interviewpassagen offengelegt. Dabei werden die Interviewpassagen in beiden Auswertungskapiteln so verwendet, dass der Ausschnitt einen Sinnzusammenhang ergibt. So können die Leser*innen diese Passagen auch eigenständig, unabhängig von den Analysen des Forschers interpretieren und diese überprüfen. Zusätzlich wurden die Interpretationen und Analysen, wie insbesondere in qualitativ-rekonstruktiver Forschung üblich, auch über den gesamten Prozess hinweg durch die Reflexion mit anderen Forscher*innen intersubjektiv überprüft. Diese intersubjektive Reflexion hat in gröÃtenteils wöchentlich stattfindenden Treffen mit einer interdisziplinären Auswertungsgruppe von ebenfalls mit der dokumentarischen Methode arbeitenden Forscher*innen und zusätzlich in zahlreichen Kolloquien und Forschungswerkstätten stattgefunden.
Mit der Betrachtung der Gütekriterien wird deutlich, dass die Kriterien stark miteinander zusammenhängen und die Qualität empirischer Forschung durch die Orientierung an und Erfüllung von all diesen Qualitätsstandards gewährleistet wird (vgl. Misoch 2019, S. 245). Zusammengefasst lassen sich die Gütekriterien von quantitativer und qualitativer Forschung wie folgt darstellen:



Gütekriterien quantitativer und qualitativer Forschung (Eigene Darstellung in Anlehnung an Misoch 2019)
Generalisierbarkeit vs. Repräsentativität
Auf diesen Gütekriterien der empirischen Forschung aufbauend stellt sich die Frage nach der Generalisierung der Forschungsergebnisse. Ziel empirischer Forschung ist, durch die Analysen eine Form von Generalisierung herzustellen und Aussagen auch über das konkret betrachtete Sample hinaus treffen zu können. Während bei quantitativer Forschung dies insbesondere durch die Repräsentativität ermöglicht wird, ist die Repräsentativität bei qualitativer Forschung nicht gegeben. Durch qualitative Forschung lassen sich keine Aussagen über die âVerteilung von Merkmalen oder über die Stärke eines Zusammenhangs in einer Grundgesamtheitâ treffen (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 45), da kurz gesagt und wie eben dargelegt qualitative Forschung in ihren Analysen nicht auf die Breite ausgelegt, sondern am Tiefenverständnis des Phänomens interessiert ist. Dieser Unterschied ergibt sich aus den unterschiedlichen Methodologien und den ihnen unterliegenden Logiken. Przyborski & Wohlrab-Sahr (2010) stellen diese Charakteristika der Ansätze mit Blick auf die Bewertung von empirischen Arbeiten folgendermaÃen gegenüber:
Qualitative Studien, die letzten Endes versuchen, den Nachweis einer Korrelation zwischen bestimmten Merkmalen zu erbringen, verschenken die Möglichkeiten rekonstruktiver Forschung und pervertieren zu einer Schrumpfform quantitativer Forschung. Jeder, der eine solche Studie zu bewerten hat, wird entsprechend unzufrieden sein: Repräsentanten eines qualitativen Zugangs, weil in solchen Arbeiten nichts von dem ausgeschöpft ist, was man mit dieser Erhebungsform tatsächlich âentdeckenâ könnte. Wofür wurde der ganze Aufwand mit offenen Interviews betrieben, wenn man daraus nicht mehr und keine anderen Informationen gewinnt als aus einem Fragebogen? Aber auch Vertreter eines quantitativen Zugangs wären unzufrieden, weil die festgestellten Korrelationen statistische Repräsentativität suggerieren, wo diese nicht annäherungsweise erreichbar ist.â (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 19)
Demnach geht es sowohl bei quantitativer als auch bei qualitativer Forschung um eine Form der Generalisierung, die jedoch unterschiedlich begründet wird. Eine Vermischung dieser Logiken verzerrt die Aussagekraft der Ergebnisse, ist methodologisch nicht begründbar und senkt die Qualität der Arbeit. Bei quantitativen Arbeiten wird die Generalisierung durch die Repräsentativität vor allem bezüglich des Samples auf zwei Ebenen statistisch gewährleistet. Einerseits soll die Stichprobe insofern repräsentativ für die Grundgesamtheit sein, dass sie möglichst âsämtliche Merkmalsverteilungen einer Populationâ beinhaltet (Diekmann 2004, S. 368). Eine solche spiegelhafte Repräsentation einer groÃen Gesamtheit in einer kleineren Menge ist aber realistisch nicht möglich. Daher wird Repräsentativität auch über die Stichprobenziehung gewährleistet, indem etwa durch Zufallsziehungen und andere statistische Verfahren die Repräsentativität des Samples sichergestellt wird oder zumindest eine Annäherung daran stattfindet.
Auf Grund der deutlich geringeren Anzahl an untersuchten Fällen ist eine solche Art der Generalisierung, die auf Repräsentativität beruht, durch qualitative Forschung nicht möglich. In einer so kleinen Anzahl an Fällen kann die Vielfalt der Grundgesamtheit mit all ihren Merkmalen nicht abgebildet werden. Vielmehr werden in qualitativer Forschung über komparative Analysen, sowohl fallintern als auch fallübergreifend, wie im vorangegangen Unterkapitel dargelegt, Typen gebildet. Dabei handelt es sich im Gegensatz zur quantitativen Forschung nicht um Realtypen, sondern um Idealtypen und durch diese komparative Analyse wird eine Typologie entwickelt, die die Fälle auf verschiedene Vergleichshorizonte bzw. Dimensionen hin vergleicht. Entsprechend wird die Generalisierung sichergestellt, indem bei den Analysen die Einzelheiten der einzelnen Fälle immer mehr in den Hintergrund treten und stärker die Gemeinsamkeiten der Fälle durch die Betrachtung der ihnen unterliegenden Strukturen und Muster rekonstruiert werden. Es werden also sich immer wieder reproduzierende Gemeinsamkeiten identifiziert, die sich durch die Sättigung des Feldes bezüglich des Samples bestätigen, woraus sich die Generalisierbarkeit ergibt. Dies wird in Kapitel 3.7 weiter erläutert, jedoch bedeutet dies in Kürze, dass sich, auch wenn noch mehr Fälle untersucht werden, die rekonstruierten Gemeinsamkeiten bestätigen und sich die neuen Fälle in der entwickelten Typologie verorten lassen (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 45â48).
Zusätzlich betont Bohnsack (2014a), dass die Typenbildung selbst wichtig für die Generalisierbarkeit ist. âGeneralisierbarkeit als ein weiteres âGütekriteriumâ empirischer Analyse bzw. empirischer Aussagen ist also in der rekonstruktiven Sozialforschung an die Gültigkeit von Typenbildungen gebunden, die davon abhängt, inwieweit die Aspekthaftigkeit der Typenbildung im Sinne der Dimensionengebundenheit methodisch kontrollierbar istâ (Bohnsack 2014a, S. 203). Bei der Erarbeitung, aber auch bei der Darstellung der Typenbildung ist es also wichtig, wie die Eigenheiten der einzelnen Fälle in der darüberliegenden Gemeinsamkeit dargelegt werden. âOhne dass gezeigt werden könnte, wie eine Typik A durch eine weitere Typik X überlagert wird, ohne dass also die Grenzen einer jeweiligen Typik spezifiziert werden könnten, kann auch nicht generalisiert werdenâ (Nohl 2012, S. 57). Dem wird im Auswertungskapitel zur konjunktiven Ebene (Kapitel 5) Rechnung zu tragen versucht, indem bei der Darlegung der Typologie im Sinne der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit Textpassagen jeglicher Fälle herangezogen werden, die Eigenheiten der Fälle benannt und in das Tertium Comparationis des jeweiligen Typen eingearbeitet werden. Das entsprechende Vorgehen wird im Auswertungskapitel (Kapitel 5) näher erläutert werden.
Auf die Frage der Generalisierbarkeit wird auch im Kapitel zur Samplingstrategie (Kapitel 3.7) weiter eingegangen.
3.4 Methodologische Konkretion: Mediatisierung aus praxeologisch wissenssoziologischer Perspektive
In Kapitel 2.4.3 wurde bereits erläutert, warum implizites Wissen und handlungsleitende Orientierungen im Sinne von Mannheim (1964, 1980) zur Untersuchung des Forschungsgegenstandes relevant sind, woraus diese präzisierte Forschungsfrage resultierte:
Welche handlungsleitenden Orientierungen strukturieren den Umgang von muslimischen Jugendlichen mit a) Medien und b) mit Religion (in Medien), und welche Zusammenhänge bestehen zwischen ihren jeweiligen handlungsleitenden Orientierungen in diesen beiden Bereichen?
Für die Beantwortung dieser Forschungsfrage ist es hilfreich, die praxeologische Wissensoziologie nach Ralf Bohnsack heranzuziehen, welcher an der Wissenssoziologie von Karl Mannheim ansetzt, sie weiterentwickelt und ferner unter anderem auf die Ethnomethodologie von Harold Garfinkel und die praxeologische Kultursoziologie von Pierre Bourdieu zurückgreift (vgl. Bohnsack 2017, S. 16). Ãber die praxeologische Wissensoziologie nach Bohnsack, stärker noch als bei der Wissenssoziologie nach Mannheim, wird die Handlungspraxis fokussiert, woraus sich eine hohe Relevanz einerseits bezüglich der Forschungsfrage und andererseits bezüglich des Mediatisierungsansatzes ergibt. In diesem Kapitel sollen Synergien der beiden Perspektiven, Mediatisierung und praxeologische Wissensoziologie, aufgezeigt werden. Dabei geht es an dieser Stelle nicht um eine abschlieÃende grundlegende theoretische Synthese beider Perspektiven14, sondern vielmehr um eine Verortung innerhalb der Mediatisierungsansätze und Klärung der Blickrichtung.
Dies ist auch deswegen wichtig, da Mediatisierung als Metatheorie sehr unterschiedliche Ansätze in sich vereint15 und für konkrete empirische Forschungsarbeiten konkretisiert werden muss, um greifbar zu sein. Dies soll neben den vorherigen Kapiteln zur theoretischen Rahmung (Kapitel 2.4), auch hier geschehen.
Mediatisierungsansatz und praxeologische Wissenssoziologie
Das Handeln spielt auch im Mediatisierungsansatz eine groÃe Rolle. Mediatisierung, die im Allgemeinen einen Wandel von Kultur und Gesellschaft bezeichnet, hat auch âden Wandel gesamtgesellschaftlicher wie individueller Kommunikationspraktiken auf unterschiedlichen Ebenenâ im Blick, die dann âAlltag und Lebensbereiche, Wissensbestände, Identität und Beziehungen der Menschen sowie für Kultur und Gesellschaftâ beeinflussen (vgl. Thomas & Krotz 2008, S. 29). Dieser Fokus auf das Handeln ist für einen Anschluss an eine praxeologische Perspektive notwendig.
Gleichzeitig darf dieser Fokus auf das Handeln der Menschen sowohl aus Mediatisierungsperspektive als auch aus praxeologisch wissenssoziologischer Perspektive nicht zu einer bloÃen Reduzierung auf die Mikroebene führen (Thomas & Krotz 2008, S. 29). In beiden Perspektiven ist das Handeln der Menschen Teil einer gröÃeren Logik, die es durch die Untersuchung der individuellen Praktiken zu erschlieÃen gilt. Thomas & Krotz kritisieren dahingehend den Handlungsbegriff bisheriger mediatisierungstheoretischer Arbeiten und betonen, dass man âsich nicht auf individualistische Theorien des Handelns aus Eigenschaften, Zielen oder Absichten einzelner Individuen [stützen sollte], sondern die einzelne Handlung als Teil von kollektiven Handlungsgefügen und als soziale Praktiken betrachtetâ werden sollte (Thomas & Krotz 2008, S. 32). Auf eben diese kollektive Ebene zielt auch die praxeologische Wissenssoziologie, wenn über die Analyse der Praxis versucht wird, konjunktives Wissen und Erfahrungsräume zu erschlieÃen. Intentionen und Absichten werden in diesem Kontext als nicht rekonstruierbar vernachlässigt und generell die Sicht der Subjekte teilweise relativiert. Dem liegt die Prämisse zugrunde, dass ihnen nicht die ganze Wirklichkeit bewusst zur Verfügung steht, sondern vieles dem Handeln implizit unterliegt und den Subjekten weitestgehend unbewusst ist. Auch daher rührt die Notwendigkeit einer Rekonstruktion dieser konjunktiven Ebene des Handelns. Thomas & Krotz plädieren dafür, den Begriff âAlltagâ zu nutzen, um diese Ebenen greifen zu können: âAls Modus sozialen Handelns dient âAlltagâ als Bezugsrahmen, in dem die Menschen unter ihren Lebensbedingungen Wandlungsprozesse bewältigen, wobei sich dieser Bezugsrahmen durch den bereits eingeführten allgemeinen Metaprozess Mediatisierung aber ebenfalls wandeltâ (Thomas & Krotz 2008, S. 33).
Genau hier setzt auch das Konzept der âkommunikativen Figurationenâ an, welches durch Norbert Elias (1971) geprägt wurde und im Kontext der Mediatisierung immer wieder zur empirischen Erforschung, auch der Mediatisierung des Religiösen (vgl. Nord 2021), herangezogen wird. Figurationen werden dabei als âInterdependenzgeflechte oder Figurationenâ zwischen Menschen âmit mehr oder weniger labilen Machtbalancen verschiedenster Artâ verstanden, die âz.B. Familien, Schulen, Städte, Sozialschichten oder Staatenâ bilden (Elias 1971, S. 12). Ziel ist also, über die ErschlieÃung der Figurationen âdie Ãberwindung der traditionell dualistisch gedachten Verhältnisse (zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Sozialem und Kulturellem)â (Gentzel 2015, S. 168) zu bewerkstelligen. Eben diese Verknüpfung der unterschiedlichen Ebenen zusammen mit einer generellen empirischen Greifbarkeit wird auch durch die praxeologische Wissenssoziologie möglich.
Wie bereits dargelegt, lässt sich im Zuge der Mediensozialisationsforschung eine stärkere Orientierung an der Sicht der Subjekte identifizieren. Dies zeigt sich am âinteraktive[n] Verständnis von Sozialisation, bei dem sich durch das gemeinsame Handeln von individuellen Akteuren soziale Strukturen und Umwelten formieren, die dann als soziale Kontexte die Genese der Persönlichkeit durch subjektive Erfahrungsverarbeitung bestimmen und auf diese Weise Personen befähigen, sich aktiv an der Gestaltung der eigenen Persönlichkeit und der sie umgebenden Umwelt zu beteiligenâ (Hurrelmann et al. 2015, S. 10). Diese Perspektive hilft, den Sozialisationsprozess als solchen aus der Perspektive der Subjekte zu verstehen. Unbeachtet bleibt aber oft, wie sich diese Sozialisation vollzieht, was sich mit einer praxeologischen, in dieser Arbeit spezifischer mit einer praxeologisch wissenssoziologischen, Perspektive untersuchen lässt (vgl. Paus-Hasebrink 2017, S. 105).
Diese methodologische Perspektive â praxeologisch und wissenssoziologisch â zeigt sich in Bezug auf die Mediatisierung so, dass sich âmit einer praxeologischen Perspektive rekonstruieren lässt, wie Individuen und Gruppen in ihren jeweiligen Lebenskontexten aufwachsen und in den je verschiedenen sozialen Milieus den veränderten medialen Bedingungen und Möglichkeiten im Rahmen ihres Alltags praktischen Sinn verleihenâ (Paus-Hasebrink 2017, S. 106). Hinzu kommt dann eine weitere Perspektive, denn â[d]as Ziel wissenssoziologischer Forschungsbemühungen ruht somit nicht auf der singulären Perspektive Einzelner, sondern bezieht sich auf das Verstehen des typischen Verstehens und damit auch des typischen Handelns auf der Grundlage soziohistorisch je bereits vor-ausgelegten Wissensâ (Grenz 2017, S. 43) Demnach ist in der Methodologie der praxeologischen Wissenssoziologie theoretisch genau das angelegt, was Ziel einer solchen Mediatisierungsforschung ist, nämlich die gemeinsame Betrachtung unterschiedlicher Ebenen (Individuum, Gesellschaft, â¦), was dann durch die praxeologische Wissenssoziologie auch empirisch greifbar wird.
Entsprechend wird im Rahmen dieser Arbeit durch die Analyse des Handelns von Individuen und der Identifikation von Handlungsmustern darin das implizite Wissen und die handlungsleitenden Orientierungen rekonstruiert. Damit werden Rückschlüsse auf gröÃere Erfahrungsräume und Gesellschaft gezogen, die die religiöse Sozialisation muslimischer Jugendlicher in mediatisierter Welt charakterisieren.
Für die konkrete Rekonstruktion der handlungsleitenden Orientierungen wurde das Auswertungsverfahren der dokumentarischen Methode entwickelt, welche auch in der vorliegenden Arbeit genutzt wurde. Dies wird in Kapitel 3.6 weiter erläutert werden.
3.5 Erhebungsverfahren: leitfadengestützte, narrative Einzelinterviews
Durch die Perspektive der Mediatisierungstheorie wird der Fokus auf Kommunikation gelegt. Entsprechend fiel aus dieser Perspektive heraus die Entscheidung für Interviews als Erhebungsinstrument und damit für sprachliches Datenmaterial. Des Weiteren fiel die Entscheidung zugunsten leitfadengestützter, narrativer Einzelinterviews, was im Folgenden genauer begründet werden soll.
Nicht nur aus der theoretischen Fundierung mittels Mediatisierungstheorie, sondern auch aus der Entscheidung für einen qualitativ-rekonstruktiven Zugang begründet sich die Auswahl von Interviews als Erhebungsinstrument. Während bei quantitativer Forschung das Erhebungsinstrument, meist ein Fragebogen, möglichst standardisiert ist und somit meist die Reihenfolge der Fragen und die Antwortmöglichkeiten klar vorgegeben sind, sind qualitative Erhebungsinstrumente, wie etwa Interviews, von Offenheit der Kommunikation geprägt, deutlich flexibler gestaltet, richten sich stärker nach den Einzelfällen, und die Antworten der Interviewpartner*innen werden nicht vorab eingeschränkt (vgl. Flick, von Kardorff & Steinke 2015, S. 25). Gleichzeitig sind auch qualitative Interviews höchst unterschiedlich und unterscheiden sich zum Teil sehr stark in ihrem Grad der Vorstrukturierung und Offenheit (vgl. Kruse 2015, S. 147).
Wie insbesondere in der rekonstruktiven Forschung üblich, wurden narrative Interviews angelehnt an Fritz Schütze (1978) zur Datenerhebung gewählt (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 92â101; Hopf 2015, S. 355â356). Ziel von narrativen Interviews ist es, die Interviewpartner*innen möglichst unbeeinflusst zur Offenlegung der eigenen Erfahrungs- und Gedankenwelt zu bewegen, indem die Interviewer*in selbst weitgehend in den Hintergrund tritt. Die Relevanzsysteme und die Erfahrungswelt der Interviewpartner*innen sollen expliziert werden, die sich aber weniger in Meinungen und Alltagstheorien finden, sondern stärker in Erzählungen und Beschreibungen rekonstruieren lassen (vgl. Schütze 1978). Die Wichtigkeit der Textsortentrennung wird im Unterkapitel zur dokumentarischen Methode näher erläutert werden. Entsprechend wird bei narrativen Interviews versucht, die Interviewpartner*innen möglichst zum Erzählen zu bringen. Arnd-Michael Nohl (2012) unterscheidet dabei zwischen zwei Formen von narrativ fundierten Interviews, die beide dieser Logik folgen (vgl. Nohl 2012, S. 13â17), nämlich biografische und leitfadengestützte Interviews. Bei biografischen Interviews wird der Blick auf den gesamten Lebenslauf der Interviewpartner*innen gelegt und die biografischen Erzählungen der Person werden analysiert. Bei leitfadengestützten Interviews findet eine zumindest teilweise thematische Einschränkung statt, sodass es nicht mehr um die gesamte Biografie der Person geht, sondern stärker orientiert am Untersuchungsinteresse gefragt wird. Dennoch ist auch bei narrativ fundierten leitfadengestützten Interviews die Offenheit der Kommunikation gegeben, indem auch hier den Interviewpartner*innen die Möglichkeit gegeben ist, alles zu antworten, was sie möchten, und die Fragen entsprechend erzählgenerierend und offen formuliert werden müssen (vgl. Nohl 2012, S. 13â14). Bei solchen narrativ fundierten leitfadengestützten Interviews dient der Leitfaden also eher einer thematischen Orientierung für die Interviewführung. Die genaue Reihenfolge der Fragen und die Art der Nachfragen richten sich hingegen individuell nach dem jeweiligen Verlauf des Interviews. Im Rahmen dieser Arbeit fiel die Entscheidung somit für die Erhebung mittels narrativ fundierter leitfadengestützter Interviews16, da sich das Untersuchungsinteresse insbesondere auf die Praxis im Schnittfeld von Religion und Medien richtet und weniger die gesamte Biografie in den Blick nimmt. Auf diese Weise konnte auch bei der Erhebung früh eine Zuspitzung auf den Forschungsgegenstand vorgenommen werden, ohne dabei die nötige Offenheit zu verlieren. Das genaue Vorgehen bei der Erhebung wird im Folgenden weiter erklärt. Allgemein lässt sich aber nach dieser Logik die folgende Struktur des Interviewablaufs festhalten, die anschlieÃend schrittweise auf die vorliegende Arbeit hin konkretisiert wird:



Ablauf der Interviews (Eigene Darstellung in Anlehnung an Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 80â88)
Smalltalk-Phase
In der Smalltalk-Phase bedankt sich der Interviewer für die Bereitschaft des*der Interviewpartners*in und führt Smalltalk, um eine möglichst entspannte Gesprächsatmosphäre zu schaffen. AnschlieÃend wird erneut auf die Freiwilligkeit und Anonymität verwiesen, das Einverständnis für die Aufnahme eingeholt und die Aufnahmegeräte eingeschaltet. Gegenüber den Interviewpartner*innen wird betont, dass sie alles sagen können, was sie möchten, sie im Mittelpunkt stehen und der Interviewer an allem interessiert ist. Sie werden darauf vorbereitet, dass es kein klassisches Gespräch ist, sondern die Interviewpartner*innen im Zentrum stehen, der Interviewer mitschreibt und nur gelegentlich nachfragt und sie sich deswegen Zeit lassen sollen.
Eingangsstimulus
Der Eingangsstimulus ist im Falle von Interviews die Eingangsfrage, die besonders erzählgenerierend sein und einen hohen Grad an Offenheit aufweisen soll. Dieser Eingangsstimulus soll dabei bei allen Interviews möglichst gleich sein, damit ein hoher Grad an Vergleichbarkeit zumindest des vom Interviewenden ausgehenden Impulses gewährleistet ist. Dass die Formulierung einer solchen geeigneten Eingangsfrage nicht einfach ist und sich daher vor allem bei den ersten Interviews noch ändert, ist gängige Praxis und Teil des Forschungsprozesses (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 81). In dieser Arbeit wurde bei den ersten beiden Interviews die Eingangsfrage noch so gestellt: âErzähl doch mal, welche Rolle spielen Medien in deinem Alltag?â. Dabei hat sich allerdings herausgestellt, dass die Interviewpartner*innen zunächst auf der Metaebene mit Alltagstheorien hierauf antworten und nur bedingt Erzählungen auf die eigene Praxis hin bezogen folgen. Dass ein solcher erzählende Bezug auf die eigene Praxis wichtig ist, ist im Unterkapitel zur praxeologischen Wissenssoziologie (Kapitel 3.3) näher erläutert worden. Daher wurde der Eingangsstimulus im weiteren Verlauf angepasst und so umformuliert: âErzähl doch mal, was machst du so mit Medien in deinem Alltag?â. Durch diese Ãnderung konnte eine stärkere Fokussierung auf die Praxis herbeigeführt werden und der Stimulus wurde so erzählgenerierender.
Wie bereits bei der theoretischen Fundierung im Zuge der Mediatisierungstheorie erläutert, wird mit der ersten Frage zur medialen Praxis ohne expliziten Bezug auf Religion versucht, die religiöse Mediensozialisation in einer gröÃeren medialen Praxis zu verorten und zu kontextualisieren17. Gleichzeitig hat sich dieser Einstieg mit dem Thema Medien als deutlich effizienter im Sinne des Forschungsinteresses und als einfacher für die Interviewpartner*innen erwiesen, da das Antworten und der Bezug auf die eigene Praxis sich deutlich leichter gestalten. Im dritten Interview wurde ein Eingangsstimulus mit Fokus auf der religiösen Praxis ausprobiert (âErzähl doch mal, was machst du so mit Religion in deinem Alltag?â), der allerdings wenig erfolgreich war. Es folgten nur einige wenige kürzere Ausführungen des Interviewpartners, wonach ein schneller Eingriff des Interviewers von Nöten war, um den Gesprächsverlauf aufrechtzuerhalten. Es musste schnell zum Thema Medien (âErzähl doch mal, welche Rolle spielen Medien dabei?â) gewechselt werden. Aber auch dies fiel kurz aus, da die vorherige thematische Eingrenzung auf Religion hemmend auf den Interviewten wirkte. Während die anderen Interviews im Durchschnitt 60â90 Minuten dauerten, betrug dieses Interview lediglich 20 Minuten.
Allgemein wird im Kontext von qualitativen Interviews davon abgeraten, W-Fragen zu verwenden, da geschlossene Fragen eher im Stile quantitativer Verfahren nur ganz kurze Antworten generieren und eigentlich längere Ausführungen seitens der Interviewpartner*innen anvisiert werden. Dennoch ist festzuhalten, dass nicht alle W-Fragen automatisch geschlossene Fragen darstellen. So führen Przyborski & Wohlrab-Sahr beispielsweise besonders für den Eingangsstimulus aus, dass âFragen nach dem Was (geschehen, vorgefallen, angelaufen ist bzw. erfahren wurde) und nach dem Wie (sich etwas ereignet hat, vollzogen hat, passiert ist)â offene Fragen sind, die erzählgenerierend wirken (2010, S. 81â82).
Immanente Fragen
Immanente Fragen sind Nachfragen, die sich direkt auf das Gesagte beziehen und selbst noch keine neuen Themen setzen. Es sind überwiegend Nachfragen, die den Erzählfluss des Gegenübers aufrechterhalten sollen (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 83). Dementsprechend sind diese immanenten Nachfragen vorher nicht planbar, sondern richten sich direkt am Gesagten aus. Die so gestellten Fragen unterscheiden sich von Interview zu Interview, da es nicht um eine Vergleichbarkeit der gestellten Fragen per se geht. Ziel ist hingegen die Interviewpartner*innen zur Offenlegung der eigenen Erfahrungswelt zu führen. Dies kann ganz unterschiedlich anvisiert werden, aber passiert in jedem Fall anhand der Relevanzsysteme und Erfahrungswelt der jeweiligen Interviewpartner*innen. Bei diesen Nachfragen handelt es sich beispielsweise um Verständnisfragen, Bitten um detaillierte Ausführung einzelner Aussagen oder etwa dem Ausfüllen von eventuellen Lücken oder Abbrüchen (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 84). Die immanenten Fragen in den Interviews dieser Arbeit bezogen sich zunächst hauptsächlich auf die Explikation der Praxis zu den einzelnen aufgezählten Medien und anschlieÃend auf Nachfragen zu den erwähnten Themen.
(Zweiter Stimulus + immanente Fragen)
Anhand der Ausführungen der Interviewpartner*innen wurden die Nachfragen formuliert, wobei in den meisten Fällen schon von den Interviewpartner*innen aus das Thema Religion früher oder später aufkam und sich somit als Teil ihrer Relevanzsysteme darstellte. Dies mag auch an der Ansprache und Transparenz liegen, dass nämlich der Interviewer als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie für ein Interview angefragt hat. Dies wird im Unterkapitel zur Sampling-Strategie (Kapitel 3.6.) weiter ausgeführt. Die weiteren immanenten Nachfragen richteten sich dann vermehrt auf den Schnittbereich von Medien und Religion. Falls dieser Bezug auf Religion nicht von den Interviewpartner*innen selbst kam bzw. falls die Ausführungen noch nicht zugespitzt genug waren, wurde ein zweiter Stimulus gesetzt, der genau auf die religiösen Aspekte abzielte: âErzähl doch mal, wo kommt Religion darin vor?â. Mit dieser möglichst offenen Frage, die erzählgenerierend wirken soll und auf den Schnittbereich von Religion und Medien abzielt, indem auf religiöse Aspekte innerhalb der medialen Praxis gefragt wird, wurden dann weitere Ausführungen evoziert. Damit bleibt das Interview weiterhin narrativ fundiert mit einer möglichst groÃen Offenheit, mit der Setzung eines ggf. neuen Themas tritt hiermit der leitfadengestützte Charakter des Interviews hervor. Diese Zuspitzung von medialer Praxis auf religiöse Bezüge ist für das Forschungsinteresse essenziell, weswegen mit diesem zweiten Stimulus gezielt gefragt wird. Nach dem gleichen Prinzip sind die darauffolgenden Fragen des Interviewers aber weiterhin immanent und dienen der Explikation der Erfahrungswelt der Interviewpartner*innen. Es lieÃe sich methodisch wohl darüber streiten, ob es sich bei diesem zweiten Stimulus weiterhin um den immanenten Nachfrageteil handelt, oder ob das Interview hier schon in den exmanenten Teil übergeht, da ggf. ein neues Thema vom Interviewer aus gesetzt wird. Unabhängig davon, wie man diesen zweiten Stimulus verortet, lässt sich aber hier der narrative Charakter mit den dann immanenten Nachfragen betonen, die mit der Logik des Forschungsinteresses und der theoretischen Fundierung begründbar sind.
Exmanente Fragen
Erst nach diesen beiden Stimuli wird der Leitfaden relevant, dessen Fragen vor allem auf den Schnittbereich von Religion und Medien abzielen. Der Leitfaden ist im Anhang dieser Arbeit einzusehen. Die Fragen des Leitfadens sind vorher vom Interviewer vorbereitet und nehmen Themenbereiche in den Fokus, in welchen eine Ãberschneidung von Medien und Religion vermutet wird. Daher handelt es sich bei diesen Fragen um exmanente Fragen, also Fragen, die nicht direkt etwas mit dem Gesagten zu tun haben müssen und neue Themen setzen (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 84). Hier wird das Interview also stärker leitfadengestützt. Weiterhin handelt es sich aber um ein narrativ fundiertes Interview, sodass der Leitfaden nur als Orientierung dient, die Reihenfolge sich nach dem Gesagten im Interview richtet und abweichen kann, und bei all diesen Fragen wird immanent nachgefragt und versucht, weitere Erzählungen und Beschreibungen zu evozieren (vgl. Kruse 2015, S. 213). Wie auch bei der Formulierung der Eingangsstimuli wurden bei der Formulierung der Fragen im Leitfaden die Anforderungen an Stimuli bei narrativ fundierten Interviews beachtet (vgl. Kruse 2015, S. 215â224). Durch den Leitfaden und damit die vom Interviewer stärker ausgehende Vorstrukturierung ergibt sich vor allem für den exmanenten Nachfrageteil eine stärkere inhaltliche Vergleichbarkeit der Interviews.
Dank und Abschluss
Nachdem die Ausführungen der Interviewpartner*innen erschöpft sind und sich keine weiteren Nachfragen aus dem Leitfaden ergeben, wird abschlieÃend gefragt, ob es noch weitere Ergänzungen seitens der Interviewpartner*innen gibt und ob sie noch etwas sagen möchten. Falls auch dann keine weiteren Ausführungen folgen, bedankt sich der Interviewer bei den Interviewpartner*innen für das Interview und die Unterstützung und beendet die Audioaufnahme. AbschlieÃend wird das Angebot der Zusendung eines Schokoladen-Ãberraschungspakets als kleines Dankeschön gemacht, sofern die Interviewpartner*innen bereit sind, eine Adresse für die Zusendung anzugeben.
Nachgang: Abschlussfragebogen
Nach Abschluss des Interviews schickt der Interviewer die von den Eltern zu unterzeichnende Einverständniserklärung und einen Abschlussfragebogen zu demografischen Daten und zur medialen Praxis. Diese werden von den Interviewpartner*innen digital an den Interviewer zurückgeschickt. Diese Daten dienen vor allem einer abschlieÃenden soziogenetischen Korrespondenzanalyse, welche im Unterkapitel zur Typologie (Kapitel 3.5.1.4) angesprochen und im Auswertungskapitel (Kapitel 5) dargelegt wird. Der Abschlussfragebogen kann im Anhang eingesehen werden. Weitere forschungsethische Vorkehrungen werden im entsprechenden Unterkapitel (Kapitel 3.7) aufgeführt.
Erhebungsort
Ebenfalls relevant für die Erhebung ist der Erhebungsort, da auch die Räumlichkeiten und die Rahmenbedingungen Einfluss auf die Interviewten und das Gesagte nehmen können (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 76). Das erste Interview wurde pragmatisch in einem Multifunktionsraum der Universität Tübingen geführt. Da Interviewer und Interviewpartnerin sich vorab flüchtig kannten und dieser Erhebungsort räumlich nahegelegen war18, schien diese Wahl aus praktischen Gründen naheliegend. Auch wenn ein solcher für die Interviewpartner*in fremder Raum ein ungewohntes Setting bedeutet und Hemmnisse hervorrufen kann, fiel die Entscheidung für diesen Ort, da zumindest eine oberflächliche Bekanntschaft mit der Interviewpartner*in bestand und damit eine gewisse natürliche Atmosphäre geschaffen werden konnte. Mit der Auswahl einer dem Interviewer zur Verfügung stehenden Räumlichkeit wurde zusätzlich ein hoher Grad an Kontrolle möglich. So konnten vorab technische Hilfsmittel aufgebaut, Trinken und Kekse bereitgestellt und mögliche Störquellen beseitigt werden, um ein ungestörtes Interview in gemütlicher Atmosphäre zu ermöglichen. Der Multifunktionsraum mit Teppich und Couch in den Räumlichkeiten der Universität wurde damit als möglichst natürlicher Raum im Gegensatz zu den Büroräumen gewählt. Alle weiteren Interviews wurden aufgrund der Coronapandemie ausnahmslos online â auf einer Plattform, die von den Interviewpartner*innen ausgewählt wurde â durchgeführt. Dadurch konnten die Interviews in den gewohnten Umgebungen der Interviewpartner*innen (meist den eigenen Zimmern) geführt werden, sodass eine entspannte, natürliche Erhebungssituation herbeigeführt werden konnte. Gleichzeitig konnten nun mögliche Störquellen und Unterbrechungen nicht unterbunden werden.19 Die Gegebenheiten der einzelnen Interviews werden gesondert im Rahmen der jeweiligen Kurzporträts dargestellt.
Einzelinterviews
Auch wenn vor allem im Kontext der dokumentarischen Methode anfangs insbesondere Gruppendiskussionen als Erhebungsinstrument herangezogen wurden, um den konjunktiven Erfahrungsraum zu erschlieÃen, lassen sich kollektive Erfahrungen auch aus Einzelinterviews rekonstruieren. Im Gegensatz zu Gruppendiskussionen lassen sich in Einzelinterviews stärker auch längere Passagen zur eigenen alltäglichen Handlungspraxis evozieren (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 272). So eignen sich Interviews aufgrund ihrer alltäglichen Komponenten der Kommunikation besonders, um die Erfahrungswelt der Befragten offenzulegen (vgl. Nohl 2012, S. 1).
3.6 Auswertungsverfahren: Dokumentarische Methode
Als Auswertungsverfahren wurde die dokumentarische Methode gewählt, die mit ihrem methodologischen Unterbau â nämlich der praxeologischen Wissenssoziologie â und ihrer methodischen Perspektive auf das Material geeignet ist, dem Forschungsgegenstand gerecht zu werden. Die Methodologie der praxeologischen Wissenssoziologie wurde zuvor als theoretische Rahmung mit dem Mediatisierungsansatz im Hinblick auf den Forschungsgegenstand verbunden und die Forschungsfrage wurde bereits theoretisch und methodologisch präzisiert formuliert (siehe Kapitel 2.4.3 und Kapitel 3.4). Die dokumentarische Methode eignet sich dahingehend für die vorliegende Arbeit, da sie das implizite Wissen und handlungsleitende Orientierungen rekonstruiert und damit die Forschungsfrage über dieses Auswertungsverfahren beantwortbar macht. Im Weiteren soll die Perspektive der dokumentarischen Methode als Auswertungsverfahren mit ihren einzelnen Interpretationsschritten erläutert werden.
3.6.1 Schritte der dokumentarischen Methode
Im Folgenden werden die einzelnen forschungspraktischen Schritte der dokumentarischen Methode begründet und dargelegt. Diese Schritte werden in diesem Kapitel nacheinander anhand einer Passage aus dem Fall Semih exemplarisch aufgezeigt.20
Bevor eigens auf die einzelnen Schritte eingegangen wird, soll die methodologische Logik der forschungspraktischen Vorgehensweise überblicksweise dargelegt werden. Durch die Unterscheidung von kommunikativem und konjunktivem Wissen ergibt sich auch eine Unterscheidung von zwei Sinnebenen. Im Kontext des kommunikativen Wissens steht dabei der âimmanente Sinngehaltâ im Fokus, also alles, was wörtlich und explizit gesagt wird (vgl. Bohnsack 2014a, S. 65). Darunter fällt einerseits der âintentionale Ausdruckssinnâ, also alle Absichten und Motive der Sprechenden, und andererseits der âObjektsinnâ, also die allgemeine Bedeutung des Gesagten oder der Handlung (vgl. Nohl 2012, S. 2). Während der Objektsinn im ersten Interpretationsschritt der dokumentarischen Methode analysiert wird, werden die Absichten und Motive der Interviewten gänzlich ignoriert, da sie als nicht erfassbar eingestuft werden. Das Gesagte und Handlungen bleiben zwar beobachtbar, sodass das Was und Wie untersucht werden können, das Warum (etwas getan wird) bleibt aber gänzlich verborgen und ist nur dem Subjekt bekannt.21
Charakteristisch für die dokumentarische Methode und ferner für qualitativ-rekonstruktive Verfahren allgemein ist dabei der Wechsel der Analyseeinstellung vom Was zum Wie des Gesagten. Während also im ersten Schritt durch die formulierende Interpretation das Was und damit die explizite Ebene untersucht wird, tritt das Was im zweiten Schritt in den Hintergrund und mittels reflektierender Interpretation wird das Wie des Gesagten untersucht (vgl. Ulfat 2018, S. 153). Beobachtungsgegenstand der reflektierenden Interpretation ist so die zweite Sinnebene, nämlich der dokumentarische Sinngehalt, wobei das Gesagte als Dokument einer Orientierung rekonstruiert wird, indem der Modus Operandi, also die Art und Weise des Handelns und Sprechens, das Wie des Gesagten in den Blick genommen wird (vgl. Nohl 2012, S. 2).



Ebenen des Sinngehalts (Nohl 2012, S. 4, grafisch adaptiert)
Diesen beiden Interpretationsschritten folgend, werden mittels fallinterner und fallübergreifender komparativer Analyse bestimmte immer wieder auftretende Sinnmuster, handlungsleitende Orientierungen, rekonstruiert und in eine Typologie überführt. Wie im Kontext qualitativer Forschung mit einer geringen Anzahl von Fällen Generalisierung von Befunden erfolgen kann, wird im entsprechenden Unterkapitel (Kapitel 3.2) erläutert. Die einzelnen Schritte der dokumentarischen Methode können folgendermaÃen zusammengefasst werden:



Schritte der dokumentarischen Methode (Nohl 2012, S. 39, grafisch adaptiert)
Diese einzelnen Schritte der dokumentarischen Methode sollen nun schrittweise vor allem mit forschungspraktischem Blick auf diese Arbeit dargelegt werden.22
3.6.1.1 Transkription und Themenverlauf
Nachdem die Interviews geführt wurden, empfiehlt Nohl anhand der Audioaufnahmen Themenverläufe der Interviews zu erstellen, damit einen Ãberblick über die Themen zu bekommen und Schlüsselstellen, die besonders relevant sind, zu identifizieren. Dies soll dabei helfen, forschungspragmatisch den Aufwand zu reduzieren und nur diese Schlüsselstellen, also etwa Erzählungen bzw. besonders dichte Stellen zu transkribieren, aus denen sich die Orientierungen besonders gut rekonstruieren lassen (vgl. Nohl 2012, S. 40). Im Zuge dieser Arbeit fiel die Entscheidung aber zugunsten einer Volltranskription für jedes Interview, um dann erst danach, auch mit Unterstützung dieser Transkription, die Themenverläufe zu erstellen. Dies bedeutete zwar einen gröÃeren Arbeitsaufwand, lieferte aber einfacher überprüfbarere Themenverläufe und eine gröÃere und effizientere Vergleichbarkeit.23
Zur besseren intersubjektiven Nachvollziehbarkeit soll hier exemplarisch ein Ausschnitt aus dem Themenverlauf für den Fall Semih dargestellt werden. Die Themenverläufe wurden in einer tabellarischen Form festgehalten.



Exemplarischer Ausschnitt aus dem Themenverlauf des Falles Semih (Eigene Darstellung)
Die verwendeten Transkriptionsregeln sind im Anhang einsehbar. Sie sind angelehnt an Hoffmann-Riem (1984) und Ulfat (2017). Alle weiteren Schritte der dokumentarischen Methode sollen exemplarisch an derselben Passage aufgezeigt werden, die hier als Beispiel für das Transkript aufgeführt wird:



Exemplarischer Ausschnitt aus dem Transkript zum Fall Semih â Passage zu Beleidigungen im Rap und Vereinbarkeit mit Religion (Eigene Darstellung)
3.6.1.2 Formulierende Interpretation
Für die formulierende Interpretation werden besonders relevante Textpassagen ausgewählt. Dies sind Passagen, die thematisch für den Untersuchungsgegenstand relevant sind, die thematisch in vielen Fällen vorkommen und insbesondere Textpassagen, in denen die Interviewten besonders engagiert, ausführlich, in dichten Passagen ausführen (vgl. Nohl 2012, S. 40). Auch die Textsortentrennung, die dann in der reflektierenden Interpretation vorgenommen und in diesem Schritt erklärt wird, kann helfen solche relevanten Textpassagen (Erzählungen, Beschreibungen) zu identifizieren.
Wenn eine Textpassage ausgewählt wurde, wird diese Passage feininterpretiert. Bei der formulierenden Interpretation wird der immanente Sinngehalt untersucht. Es geht also um das, was explizit gesagt wird. Die Textpassage wird auf Themenwechsel überprüft und die jeweiligen Themen werden als Ober- bzw. Unterthemen mit genauen Zeilenangaben festgehalten. So kann also in einer Textpassage im Allgemeinen über ein Oberthema gesprochen werden, was aber in mehreren Unterthemen behandelt wird. Jedes dieser Ober- und Unterthemen wird dann in eigenen Worten in einem FlieÃtext zusammengefasst und reformuliert. Dies hilft vor allem bei der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit in der Auswertungsgruppe, zu überprüfen, ob das Was des Gesagten tatsächlich erschlossen wurde, oder ob eine andere Bedeutung dahinterstecken könnte (vgl. Nohl 2012, S. 41). Auch auf der Ebene des Was spielt Interpretation also eine groÃe Rolle.
Ãbertragen auf die ausgewählte Passage im Fall Semih würde die formulierende Feininterpretation folgendermaÃen aussehen:



Exemplarische formulierende Interpretation zur Textpassage âBeleidigungen im Rap und Vereinbarkeit mit Religionâ aus dem Fall Semih (Eigene Darstellung)
Die Themenverläufe und die formulierenden Interpretationen bewegen sich also komplett auf der expliziten Ebene und untersuchen den immanenten Sinngehalt. Zu Beginn dieser Arbeit wurden zwei Forschungsinteressen und Forschungsfragen formuliert. Während die Frage nach Mustern im Umgang die Untersuchung des Dokumentsinns notwendig macht, ist für die Frage nach dem Was der Beschäftigung von muslimischen Jugendlichen im Schnittbereich von Religion und Medien die immanente Sinnebene und die Sicht der Subjekte relevant. Daher wurden die Interviews diesbezüglich in zweierlei Hinsicht ausgewertet. Allgemein dienen bei der dokumentarischen Methode der Themenverlauf und die formulierende Interpretation und damit die gesamte immanente Ebene als Brücke zum Dokumentsinn und den handlungsleitenden Orientierungen. Die explizite Ebene wird also weitestgehend in der finalen Arbeit vernachlässigt. Im Zuge dieser Arbeit mit ihrer zweiteiligen Fragestellung und angesichts des allgemeinen Desiderats bezüglich muslimischer Jugendlicher scheint eine besondere Herausarbeitung der expliziten Ebene, der Sicht der Subjekte als sinnvoll. Daher wird dem Auswertungskapitel (Kapitel 5), welches die Interviews nach dem Wie analysiert und die handlungsleitenden Orientierungen und eine Typologie herausarbeitet, ein weiteres Auswertungskapitel (Kapitel 4) vorangestellt, welches sich zunächst dem Gesagten selbst widmet und das Was der Interviews anhand der Themenverläufe und formulierenden Interpretationen herausarbeitet. So lässt sich hier auch von einer Methodentriangulation sprechen, insofern in beiden Auswertungsschritten zwei unterschiedliche Perspektiven auf das Material treffen. Diese Perspektiven wurden bei der Unterscheidung von qualitativer und qualitativ-rekonstruktiver Methoden bereits erläutert. Im entsprechenden Auswertungskapitel (Kapitel 4) wird die genaue Vorgehensweise dargelegt werden.
3.6.1.3 Reflektierende Interpretation
Nach der formulierenden Interpretation, in welcher das Was untersucht wurde, findet ein Wechsel der Analyseeinstellung statt. In der reflektierenden Interpretation wird dann das Wie des Gesagten, also seine Gestaltung untersucht. Hierzu wird bei Einzelinterviews zunächst eine Textsortentrennung vorgenommen. Im Zuge der Erhebungsmethode wurde bereits auf die Wichtigkeit von Erzählungen und auch Beschreibungen für die Rekonstruktion der Erfahrungswelt der Befragten verwiesen, die auf die Narrationsstrukturanalyse von Fritz Schütze zurückgeht. So wird auch in der dokumentarischen Methode zwischen Erzählungen, Beschreibungen, Argumentationen und Bewertungen unterschieden. Während Erzählungen und Beschreibungen Handlungsabläufe fokussieren, damit nahe an den Erfahrungen der Befragten sind und so ihre implizite Erfahrungswelt dokumentieren, können durch Argumentationen und Bewertungen hauptsächlich explizite Alltagstheorien und Meinungen der Befragten herausgearbeitet werden (vgl. Nohl 2012, S. 42). Dies bedeutet zwar nicht, dass sich in Argumentationen und Bewertungen konjunktives Wissen gar nicht dokumentiert24, dennoch werden in der dokumentarischen Methode aufgrund ihrer Nähe zur Erfahrungswelt Erzählungen und Beschreibungen für die Rekonstruktion der Orientierungen anvisiert (vgl. Nohl 2012, S. 44). So wird bei der Textsortentrennung der entsprechenden Textpassage untersucht, in welchen Zeilen es sich um welche Textsorte handelt und wo ein Wechsel der Textsorte stattfindet. So kann es sein, dass etwa im Vordergrund der Schilderung eine Beschreibung steht, in der als Hintergrundkonstruktionen aber Argumentationen eingestreut sind. Solche Vordergrund- und Hintergrundkonstruktionen im Sprechakt spiegeln die Komplexität von alltäglicher Kommunikation wieder, weswegen eine solche Feininterpretation sehr aufschlussreich ist. Ziel dieser formalen Textsortentrennung ist also, kommunikatives und konjunktives Wissen voneinander zu trennen, um so die Rekonstruktion der handlungsleitenden Orientierungen zu erleichtern (vgl. Nohl 2012, S. 41â43). Gleichzeitig entfernt man sich durch die Fokussierung der formalen Gestaltung von den subjektiven Sinnzuschreibungen der Befragten, ohne den Zugang zu ihrer Erfahrungswelt zu verlieren (vgl. Nohl 2012, S. 45).
Nach dieser formalen Textsortentrennung folgt eine stärkere Rückkopplung auf die semantische Ebene. Es geht bei der reflektierenden Interpretation um âdie Rekonstruktion und Explikation des Rahmens, innerhalb dessen das Thema abgehandelt wird, auf die Art und Weise, wie, d.h. mit Bezug auf [â¦] welchen Orientierungsrahmen das Thema behandelt wirdâ (Bohnsack 2014a, S. 137). Dieser Rahmen wird durch das Offenlegen von impliziten RegelmäÃigkeiten identifiziert, welche sich durch komparative Analyse von fallinternen und fallübergreifenden Textpassagen herausarbeiten lassen (vgl. Nohl 2012, S. 45). So gewinnt der*die Forscher*in âeinen Zugang zur Handlungspraxis und zu der dieser Praxis zugrunde liegenden (Prozess-)Struktur, die sich der Perspektive der Akteure selbst entziehtâ (Bohnsack 2007, S. 13). Diese Strukturen lassen sich etwa über die positiven und negativen Horizonte25 herausarbeiten, d.h. âauf welches Ideal eine Sinneinheit hinstrebt (positiver Horizont) [â¦] oder von welchem (negativen) Ideal die Sinneinheit wegstrebt (negativer Horizont)â (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 296). Daher geht es in diesem Schritt nicht um eine komplett vom Sinn losgelöste Analyse der formalen Struktur, sondern um eine semantische Analyse, wie die Themen verhandelt werden. Für diesen Analyseschritt sind folgende Fragen hilfreich: âWas zeigt sich hier über den Fall? Welche Bestrebungen und/oder welche Abgrenzungen sind in den Redezügen impliziert? Welches Prinzip, welcher Sinngehalt kann die Grundlage der konkreten ÃuÃerung sein? Welches Prinzip kann mir verschiedene (thematisch) unterschiedliche ÃuÃerungen als Ausdruck desselben ihnen zugrunde liegenden Sinnes verständlich machen?â (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 289).
Dabei ist eine komparative fallinterne, aber auch die komparative fallübergreifende, Analyse notwendig, um über die minimalen und maximalen Kontraste verschiedener fallinterner und fallübergreifender Textpassagen zu erkennen, was das gemeinsame Dritte, das Tertium Comparationis ist, das die Passage ausmacht (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 297). Es geht also um den Vergleich von Passagen, in denen ähnliche Themen ähnlich oder ganz anders verhandelt werden, um dadurch Homologien zu entdecken, die die Frage beantworten: â[W]elche Sinnstruktur kann mir verschiedene thematisch unterschiedliche Erzählungen, Beschreibungen [â¦] oder auch Argumentationen aufschlieÃen?â (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 284). Interpretationen, die sich so für das Material sinnvoll erweisen, müssen sich also im Material durch andere Passagen weiter verdichten, indem andere Interpretationsmöglichkeiten sich durch andere Passagen ausschlieÃen. Dies basiert auf der oben beschriebenen Prämisse, dass jeglichem Handeln eine implizite Regelhaftigkeit unterliegt und diese sich komplett durch die Handlungspraxis durchzieht (vgl. Nohl 2012, S. 46).
Dieses Vorgehen soll aspekthaft an derselben Passage exemplarisch aufgezeigt werden, wobei auch hier die reflektierende Interpretation nicht vollständig dargestellt werden kann:
Zeile 723â725: Bewertung mit Hintergrundkonstruktion im Modus der Argumentation
Semih beginnt seine Ausführungen mit der Bemerkung âIch bin ehrlichâ, womit er auf die Transparenz aufmerksam macht, die er nun schafft. Zusätzlich dokumentiert sich in der expliziten Formulierung seiner Ehrlichkeit auch ein Bezug zu anderen Personen, insofern Semih hiermit implizit seine Kenntnis über die Fremdwahrnehmung seines Verhaltens als womöglich nicht richtig bzw. widersprüchlich offenlegt. Eine hohe Identifikation mit Musik und seinem eigenen Musikgeschmack wird anhand des Possessivpronomens âmeineâ deutlich, wenn er sein eigenes Hörverhalten als âmeine Musikâ rahmt. Semih bewertet seinen Musikgeschmack als ânicht als Religiöser komplett vertretbarâ und begründet diese Bewertung (âweilâ) direkt im Nachgang. âVulgärspracheâ dokumentiert sich als negativer Horizont und Rap, der diese beinhaltet, wird von Semih zumindest teilweise, aus religiöser Sicht, abgelehnt. Rap, auch wenn er diese Vulgärsprache beinhaltet, tritt aber als positiver Horizont auf, wenn er ihn âsehr gerneâ hört.
Zeile 725â728: Beschreibung mit Hintergrundkonstruktion im Modus der Argumentation
Semih wechselt auf eine Metaebene, wenn er nun âinsgesamtâ noch allgemeiner über das Thema (âwas das angehtâ) spricht. Sein âGewissenâ und seine religiöse âSeiteâ werden durch eine Aufzählung zusammengebracht und gemeinsam seinem diesem widersprechenden Musikverhalten gegenübergestellt. Sein Musikverhalten wird dabei ein Stück weit priorisiert, wenn Gewissen und religiöser Seite âda auch ihre Chanceâ gelassen wird. Der Widerspruch zwischen Handeln und Meinung wird von Semih dahingehend aufgelöst, dass er die Auswahl an Songs einschränkt, sodass âes nicht zu (.) heftigâ bezüglich der Vulgärsprache ist. Gleichzeitig dokumentiert sich hier ebenso eine gewisse Widerspruchstoleranz, wenn Semih davon spricht â[s]einem (.) Gewissen und [s]einer religiösen Seite da auch ihre Chanceâ zu lassen. Das Dilemma wird also nicht gänzlich beseitigt.
Zeile 729: Immanente Nachfrage zum negativen Horizont
Zeile 729â737: Beschreibung
Semih beginnt eine Beschreibung einer generischen Situation des Musikhörens, bei welcher er auf solche vulgären Passagen stöÃt. So treten âfrauenfeindliche Zeilenâ als negativer Horizont auf, die für Semih den âtolle[n] Songâ âkaputtâ machen. Dabei dokumentiert sich in dieser negativen Rahmung und Ablehnung eine Verwunderung, wenn Semih in direkter Rede die Interpret*innen rhetorisch fragt: âWarum machst du es jetzt gerade kaputt (lachend)?â. Dabei ist die Frage rein rhetorisch formuliert, sodass die Antworten der Interpret*innen nicht relevant sind. Unabhängig von der Begründung der Verwendung solcher âfrauenfeindliche[r] Zeilenâ werden sie von Semih als negativer Horizont abgelehnt. Dieser negative Horizont schlägt sich dann auch unmittelbar in der Anpassung seines Medienverhaltens nieder, wenn Semih angibt, seine Playlist âgereinigtâ und damit 60 Songs ârausgenommenâ zu haben.
3.6.1.4 Typenbildung
Um die Fälle mit ihren Eigenheiten zu verstehen, werden also auch bei der reflektierenden Interpretation bereits andere Fälle mitgedacht, wenn komparativ fallübergreifend analysiert wird. Diese fallübergreifende Perspektive wird dann besonders bei der Typenbildung relevant, da es bei der dokumentarischen Methode nicht darum geht, jeden einzelnen Fall für sich zu sehen, sondern immer wiederkehrende Strukturen im Handeln unterschiedlicher Personen aufzudecken. Wenn dies nicht der Fall wäre, könnten am Ende die Befunde auch nicht generalisiert werden und es könnten nur Aussagen über die befragten Personen getroffen werden. Dies wurde im entsprechenden Kapitel zur Generalisierung und Gütekriterien qualitativer Forschung (Kapitel 3.2) weiter erläutert. Durch die dokumentarische Methode lassen sich unterschiedliche Formen der Typenbildung26 generieren, wobei im Rahmen dieser Arbeit die sinngenetische Typenbildung verfolgt wurde und bezüglich der Soziogenese nur Impulse gesetzt werden.
Bei der sinngenetischen Typenbildung handelt es sich um eine Typenbildung, die sich durch themenbezogene komparative Analyse generieren lässt (vgl. Nohl 2012, S. 51). Durch die komparative Analyse verschiedener Fälle werden die Orientierungsrahmen herausgearbeitet und miteinander verglichen. Insbesondere in diesem Schritt werden maximale Kontraste äuÃerst relevant. Zwei Textpassagen werden gegenübergestellt, die ein ähnliches Thema ganz anders verhandeln, wodurch sich das Wie des Gesagten als differenzierend darstellt. So können Fälle, die in gewisser Weise ähnlich sind bzw. ganz anders sind, gruppiert werden. Nun kann untersucht werden, ob es bei Fällen mit ähnlichem Orientierungsrahmen, ein Tertium Comparationis gibt. Dieses kann meist durch weitere Abstraktionsschritte rekonstruiert werden. âDie so rekonstruierten Orientierungsrahmen werden abstrahiert (d.h. vom Einzelfall relativ abgelöst) und zu Typen (A und B etc.) ausformuliertâ (Nohl 2012, S. 51). Auf diese Weise kann durch die sinngenetische Typenbildung herausgearbeitet werden, in welchen Orientierungsrahmen die für die Forschung relevante Themen und Problemstellungen verhandelt werden (vgl. Nohl 2012, S. 52). Die weitere Abstraktion der Orientierungsrahmen ermöglicht es, auf einer Metadimension eine Basisorientierung als grundlegendes Tertium Comparationis herauszuarbeiten. Dies ist damit das grundlegende, gemeinsame Dritte (die Orientierung bzw. das Thema), das in den Fällen unterschiedlich verhandelt wird. Die Typologie, die verschiedene Formen dieser Basisorientierung beschreibt, wird Basistypik genannt (Bohnsack 2013, S. 249â255).
Demgegenüber stehen soziogenetische Typenbildungen, die darüber hinaus die âFrage nach den sozialen Zusammenhängen und der Genese eines Orientierungsrahmensâ beantworten können (Nohl 2012, S. 52). Während also in der sinngenetischen Typenbildung der Orientierungsrahmen herausgearbeitet und damit das Wie der Handlungspraxis erschlossen wird, wird bei der soziogenetischen Typenbildung das Warum der Handlungspraxis erschlossen, indem analysiert wird, woher diese bestimmte Art und Weise der Handlungspraxis kommen könnte. âWill man die Migrationstypik z.B. von der Geschlechtstypik abgrenzen, muss man systematisch männliche mit weiblichen Gruppen vergleichen. Erst wenn man nachweisen kann, in welchen Fällen die Basistypik systematisch nicht auftritt, hat man ihre Soziogenese rekonstruiertâ (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 299). Es geht also darum, zu erschlieÃen, welche konjunktiven Erfahrungsräume es sind, die die Handlungspraxis so entscheidend prägen. Eine solche vollständige Soziogenese bedarf aber einer entsprechend groÃen Fallzahl und Tiefenanalyse, die in der Forschung nur selten bis zum Ende verfolgt wird (vgl. Amling & Hoffmann 2013, S. 180). In den meisten Fällen handelt es sich um abschlieÃende soziogenetische Ãberlegungen. Auch im Rahmen dieser Arbeit kann eine solche vollständige Soziogenese nicht geleistet werden. Dennoch soll aber über eine typen- und fallvergleichende Korrespondenzanalyse versucht werden, zumindest soziogenetische Ãberlegungen zu formulieren. Dies wird in der Zusammenfassung des Auswertungskapitels (Kapitel 5.5) weiter ausgeführt werden.
3.7 Sampling-Strategie
Für die Generalisierbarkeit von qualitativen Forschungsergebnissen spielt im Sinne der Gütekriterien die Samplingstrategie eine wichtige Rolle, denn die Auswahl der Fälle bestimmt, auf welche Weise die Ergebnisse verallgemeinert werden können (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 173). Wie zuvor dargelegt, erhebt die qualitative Forschung keinen Anspruch auf statistische Repräsentativität. Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass Repräsentativität gar keine Rolle spielt, da sonst keine Grundlage für Generalisierung gegeben wäre. Die ausgewählten Fälle in qualitativer Forschung sollen dabei nie nur für sich selbst stehen, sondern werden so gewählt, dass sie in gewissem MaÃe auch etwas GröÃeres ârepräsentierenâ (wie z.B. Milieu, Generation, Phänomen, â¦) (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 173â174). Dieses Prinzip der Auswahl von Fällen, die für eine bestimmte Population oder Grundgesamtheit stehen, wird in der empirischen Sozialforschung als Sampling bezeichnet (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 174). Das Problem einer angemessenen Auswahl von Fällen stellt sich aus ganz pragmatischen Gründen, da es meistens nicht möglich ist, die Grundgesamtheit zu befragen. Denn bezogen auf diese Arbeit würde das bedeuten, dass alle muslimische Jugendliche, die in Deutschland leben, befragt werden müssten. Dies ist aufgrund der hohen Anzahl der Personen und dem schwierigen Zugang zu ihnen weder qualitativ noch quantitativ zu bewerkstelligen. Die Frage nach dem Sampling wird aber in qualitativer und quantitativer Forschung unterschiedlich beantwortet und durch ein anderes Vorgehen bearbeitet. Bei quantitativer Forschung wird versucht, ein deutlich kleineres Spiegelbild der Grundgesamtheit zu erstellen, das die Diversität der Grundgesamtheit in sich abbildet, weswegen die Auswahl der Fälle durch Zufalls- und Quotensichtprobentechniken statistisch errechnet wird (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 175â176). Demgegenüber geht es bei qualitativer Forschung nicht um statistische Verteilung, sondern darum, âdie Strukturiertheit des Phänomens und das Spektrum seiner Ausprägungen zu erfassenâ (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 176).
In dieser Arbeit wurde das Verfahren des Theoretical Sampling verfolgt, wie es von Glaser & Strauss (1967) im Zuge der Grounded Theory entwickelt und dann vor allem durch Glaser, Strauss, Schatzman und Corbin weiterentwickelt wurde (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 177, mit Verweis auf Kelle & Kluge 1999, S. 44). Die Grundidee dieser Strategie ist, dass sich die Auswahl des Samples im Forschungsprozess nach und nach ergibt und nicht schon vorab festgelegt ist. Damit wird dem iterativ-zyklischen Charakter des qualitativen Forschungsprozesses Bedeutung zugemessen, indem sich Erhebung und Auswertung immer wieder gegenseitig bedingen und abwechseln. âDas Theoretical Sampling ist ein Verfahren, âbei dem sich der Forscher auf einer analytischen Basis entscheidet, welche Daten als nächstes zu erheben sind und wo er diese finden kann.â âDie grundlegende Frage beim Theoretical Sampling lautet: Welchen Gruppen oder Untergruppen von Populationen, Ereignissen, Handlungen (um voneinander abweichende Dimensionen, Strategien usw. zu finden)â wendet man sich bei der Datenerhebung als nächstes zu? Und welche theoretische Absicht steckt dahinter? âDemzufolge wird dieser Prozess der Datenerhebung durch die sich entwickelnde Theorie kontrolliert.ââ (Strauss 1998, S. 70, Hervorhebungen im Original). Durch minimale und maximale Kontrastierung werden weitere Fälle gesucht und untersucht, bis eine theoretische Sättigung erreicht ist. âSättigung heiÃt, dass keine zusätzlichen Daten mehr gefunden werden können, mit deren Hilfe der Soziologe weitere Eigenschaften der Kategorie entwickeln kann. Sobald er sieht, dass die Beispiele sich wiederholen, wird er davon ausgehen können, dass eine Kategorie gesättigt istâ (Glaser & Strauss 2010, S. 77). Auf diese Weise ist das Konzept der theoretischen Sättigung ebenfalls ein Argument für die Generalisierbarkeit qualitativer Ergebnisse. Auch wenn durch weitere Interviews neue Spezifika einzelner Fälle hinzukommen, ergeben sich durch sie keine neuen Strukturen und RegelmäÃigkeiten auf Theorieebene â in diesem Fall eben auch keine Ãnderungen für die Typologie â, sofern eine Sättigung bereits erreicht wurde. Durch die theoretische Sättigung wird also deutlich, dass Erkenntnisse gewonnen wurden, die über die einzelnen untersuchten Fälle hinaus, Aussagen über das Phänomen an sich, über seine Struktur und Beschaffenheit ermöglichen.
So wurde auch im Rahmen dieser Arbeit das Sample nach und nach festgelegt. Fragen wie âWie finde ich eine Person, die sich im Gegensatz zum vorherigen Fall ganz stark von Anderen abgrenzt?â, âWen müsste ich fragen, um jetzt jemanden zu finden, für den Religion im Alltag kaum eine Rolle spielt?â oder âFür welche Jugendlichen spielen wohl Videos von Prediger*innen eine groÃe Rolle?â ergaben sich aus der stetigen Auswertung der bisherigen Interviews und hatten das Ziel, auf theoretischer Ebene das Spektrum der Ausprägungen des Phänomens zu erfassen, indem Schritt für Schritt neue Erkenntnisse über das Phänomen erlangt wurden. So konnte durch diesen Forschungsprozess eine Typologie rekonstruiert werden, die sich bei der Auswertung der letzten Fälle immer weiter verdichtet und bestätigt hat, bis aus den neuen Interviews keine neuen Erkenntnisse oder kontrastierenden Strukturmerkmale mehr gewonnen werden konnten. So wurde eine theoretische Sättigung erreicht und der Erhebungsprozess bei 12 erhobenen Interviews beendet.
Für die Generalisierbarkeit der Ergebnisse empfiehlt Helfferich, die Untersuchungsgruppe möglichst eng und präzise zu bestimmen, eine breite Variation innerhalb der Gruppe abzubilden und die Aussagekraft der Ergebnisse über die Gruppe zu reflektieren und ggf. zu limitieren, wenn eigentlich nur über eine Teilgruppe Aussagen getroffen werden können (vgl. Helfferich 2011, S. 174). Daher soll die genaue Auswahl des Samples in dieser Arbeit erläutert werden. Im Rahmen des Theoretical Samplings wurde dabei auf einige soziodemografische Merkmale zurückgegriffen, da auf Grundlage bisheriger Forschung hier auf theoretischer Ebene eine mögliche abweichende Ausprägung vermutet wurde. Geschlecht, Migrationsgeschichte, sozioökonomischer Status, Schulart und Alter waren Kategorien, die auch im Sample insofern abgebildet sind, als Jugendliche innerhalb dieser Merkmale Abweichungen aufweisen sollten, um eine Gegenüberstellung und einen Vergleich zu ermöglichen. Es wurden Jugendliche unterschiedlichen Geschlechts befragt, die unterschiedliche Schularten besuchen und einem unterschiedlichen sozioökonomischen Status zugeordnet werden können. Der sozioökonomische Status wurde über den Beruf der Eltern erfasst. Bezüglich der Migrationsgeschichte wurde das Sample nur auf muslimische Jugendliche beschränkt, die selbst in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, da eine zu starke Abweichung vermutet wurde, wenn die mediale und religiöse Sozialisation maÃgeblich in einem anderen Kontext geprägt wurde. Diese Eingrenzung dient also der stärkeren Vergleichbarkeit. Auf der Ebene der Eltern wurde versucht, unterschiedliche Herkünfte abzudecken, die die Diversität der Muslim*innen in Deutschland berücksichtigt. Bezüglich des Alters wurden Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren ausgewählt, was so auch der Altersspanne der JIM-Studie entspricht.27 Berücksichtigt wurde auch, ob die Jugendlichen einen Islamischen Religionsunterricht oder einen vergleichbaren Unterricht besuchen oder nicht und ob sie auch auÃerschulisch eine Art der religiösen Bildung, etwa Moscheeunterricht, nachgehen.
Insgesamt wurden nur muslimische Jugendliche befragt. Entsprechend kann in dieser Arbeit auch nicht systematisch beantwortet werden, was innerhalb dieser religiösen Sozialisation in mediatisierter Welt spezifisch muslimisch ist. Die Problematik der Muslimisierung der Muslim*innen wurde bereits mehrfach dargelegt (siehe Kapitel 2.1 und Kapitel 3.1). Aus empirischer Perspektive lässt sich die Frage nach dem spezifisch Muslimischen nur in Abgrenzung zu nichtmuslimischen Personen beantworten, indem in einem Sample muslimische und nicht-muslimische Personen vorkommen und herausgearbeitet wird, ob bzw. wie sich die Struktur der religiösen Sozialisation in mediatisierter Welt innerhalb dieser Gruppen unterscheidet, wobei der Einfluss von anderen Faktoren wie Herkunft, Klasse etc. ebenso berücksichtigt werden muss (siehe Kapitel 2.1). Da bei der vorliegenden Arbeit keine nichtmuslimischen Jugendlichen herangezogen wurden, kann nicht abschlieÃend beantwortet werden, ob sich die dargelegten Lebenswelten komplett von nichtmuslimischen Jugendlichen unterscheiden und ob tatsächlich die muslimische Religiosität der Grund dieser Ausgestaltung des Alltags ist. In der Zusammenfassung des empirischen Kapitels zur konjunktiven Ebene (Kapitel 5.5) werden diesbezüglich soziogenetische Ãberlegungen angestellt, um zu untersuchen, inwiefern sich andere Erfahrungsräume wie Geschlecht, Milieu, etc. in den Ausführungen der muslimischen Jugendlichen als wirksam zeigen. Letztlich kann eine solche Unterscheidung erst in weiterer Forschung mit einem gröÃeren, religionsübergreifenden und diverseren Sample erreicht werden.
Eine solche klare Abgrenzung ist aber auch nicht Ziel der vorliegenden Studie. Ziel dieser Arbeit ist es vielmehr, die Lebenswelten muslimischer Jugendlicher zu untersuchen und zu verstehen, wie sich religiöse Sozialisation in mediatisierter Welt in der alltäglichen Handlungspraxis muslimischer Jugendlicher zeigt. Dass der Schnittbereich von Medien und Religion über die zahlreichen Berührungspunkte insbesondere für muslimische Jugendliche relevant sein könnte, wurde über die bisherige Forschung aufgezeigt. Mit dem Fokus auf muslimische Jugendliche wird damit auch angestrebt, dem groÃen Desiderat der empirischen Erforschung der Lebenswelt muslimischer Jugendlicher nachzugehen. Dies spiegelt sich dann auch in der vorangestellten, gesonderten Auswertung der Interviews auf kommunikativer Ebene wider (siehe Kapitel 4). Die Eingrenzung des Samples auf muslimische Jugendliche ist ebenfalls ein Versuch, eine stärkere Vergleichbarkeit herbeizuführen. Zu verstehen, wie muslimische Jugendliche mit Medien und Religion umgehen, könnte so helfen, insgesamt religiöse Sozialisation in mediatisierter Welt besser zu verstehen. Ob sich dies bei nichtmuslimischen Personen genau so, ähnlich oder ganz anders zeigt, müsste in weiterer Forschung untersucht werden.
Die Einstufung als muslimisch wurde im Rahmen dieser Arbeit als Selbsteinschätzung vorgenommen, indem schon bei der Suche nach Interviewpartner*innen transparent gemacht wurde, dass nach muslimischen Jugendlichen gesucht wird. Personen, die sich davon angesprochen fühlten und sich somit selbst als muslimisch definieren, werden in dieser Arbeit auch als muslimisch verstanden. Ob damit die interviewten Jugendlichen muslimisch als Glaube, als ethnisch-nationale Zugehörigkeit oder anders verstehen, bleibt offen. Dies wurde absichtlich nicht vorgegeben, um der Diversität der Muslim*innen gerecht zu werden. Entsprechend hat sich gezeigt, dass im Sample eine Bandbreite von religiöser Praxis und Ãberzeugungen erfasst werden konnte und es sich dahingehend nicht um eine homogene Gruppe handelt. Auch mit Blick auf die Auswertung und die Generalisierung wird nicht auf eine Homogenisierung der muslimischen Jugendlichen gesetzt und Religion nicht als charakteristischstes und relevantestes Bindeglied dieser Gruppe verstanden. Ziel der Arbeit ist es, über eine sinngenetische Typenbildung mehr über das Phänomen der religiösen Sozialisation in mediatisierter Welt zu erfahren, ohne die Erfahrungsräume der interviewten Jugendlichen als muslimisch gleichzusetzen.
Aus diesen Ãberlegungen und mit dieser Vorgehensweise ergab sich das in Tabelle 4 aufgeführte Sample:



Im Anhang kann diese anonymisierte Sampletabelle mit den wichtigsten Daten der befragten Jugendlichen ebenfalls eingesehen werden. Die Bedeutung dieser und weiterer Kategorien, die durch den Abschlussfragebogen erhoben wurden, werden in der Zusammenfassung der Ergebnisse des Auswertungskapitels zur konjunktiven Ebene (Kapitel 5.5) im Zuge der soziogenetischen Ãberlegungen mittels Korrespondenzanalyse weiter reflektiert.
3.8 Forschungsethische Ãberlegungen und Datenschutz
Ein weiteres Gütekriterium für empirische Arbeiten und qualitative Forschung ist die Beachtung forschungsethischer Prinzipien und datenschutzrechtlicher Bestimmungen, um einen gröÃtmöglichen Schutz der Befragten zu gewährleisten. Neben formalen, rechtlichen Vorgaben handelt es sich dabei um eine moralische Selbstverpflichtung der Forscher*innen. Auch wenn verschiedene Ethikkodizes von Forschungseinrichtungen und Fachgesellschaften vorliegen, gibt es nicht die eine Forschungsethik mit entsprechenden Richtlinien, die allgemeingültig sind. Im Kontext qualitativer Forschung steht dabei besonders die Beziehung der Forscher*innen zu den Befragten im Fokus. Hopf formuliert dabei vier Themenbereiche, die für die forschungsethische Reflexion der Beziehung wichtig sind:



Forschungsethische Reflexion auf der Ebene der Beteiligten (Eigene Darstellung in Anlehnung an Hopf, 2015, S. 590)
Sowohl Hopf also auch Strübing berufen sich beide darüber hinaus auf den Ethik-Kodex der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) und des Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen (BDS) und formulieren zwei forschungsethische Prinzipien, die neben der wissenschaftlichen Güte diese forschungsethischen Reflexionen bündeln: Das Prinzip der Nichtschädigung und das Prinzip der informierten Einwilligung (vgl. Strübing 2018, S. 222â223). Diese sollen auf das Vorgehen dieser Arbeit hin konkretisiert werden.
Nach dem Prinzip der Nichtschädigung soll die Teilnahme an der Studie für die Beteiligten keine Nachteile und Gefahren nach sich ziehen und sie sollen über mögliche Risiken aufgeklärt werden (vgl. Strübing 2018, S. 222). Inhaltlich-thematisch sind durch das Interview weitestgehend keine besonderen sozialen, psychischen oder emotionalen Belastungen zu erwarten, da der Gegenstand der Befragung am Alltag der Jugendlichen ansetzt. Das Sprechen über das eigene alltägliche Handeln wurde als unproblematisch eingeschätzt und es haben sich durch die Interviews dahingehend keine Sondersituationen ergeben. Gleichzeitig war dem Forschenden bewusst, dass Diskriminierungserfahrungen aufgrund der alltäglichen Erfahrungen und Diskriminierung als gesellschaftliche Realität in den Interviews angesprochen werden könnten. So wie insgesamt der Umgang mit Diskriminierungserfahrungen unterschiedlich und subjektiv ist, kann auch das Explizieren solcher Erfahrungen unterschiedliche Reaktionen auslösen. Entsprechend wurde bei den Interviews darauf geachtet, möglichst sensibel mit solchen ÃuÃerungen umzugehen und die Befragten nicht zum ÃuÃern von und Verweilen in Diskriminierungserfahrungen zu drängen. Durch die Offenheit der Interviews war es den Befragten aber jederzeit möglich, Themen, die für sie relevant sind, zu äuÃern und Themen zu wechseln, wenn sie es möchten. Gelegentlich wurde im Sinne immanenter Nachfragen nachgefühlt und falls keine unmittelbare weitere Explikation stattfand, wurde vom Forschenden nicht weiter darauf beharrt. Darüber hinaus waren keine thematischen psychischen bzw. emotionalen Belastungen zu erwarten.
Beim Prinzip der Nichtschädigung spielt ebenso die Anonymisierung und Pseudonymisierung eine groÃe Rolle, um Rückschlüsse auf die befragten Personen zu verhindern (vgl. Strübing 2018, S. 223). Entsprechend wurden für alle Befragten Pseudonyme verwendet und jegliche Aussagen, die Rückschlüsse auf die Personen erlauben würden (Nennung des Ortes, Nennung von Personennamen, â¦), wurden entweder komplett entfernt und auf der Metaebene durch eckige Klammern kenntlich gemacht ([Stadtname]) oder durch einen anderen Namen pseudonymisiert.
Im Prinzip der informierten Einwilligung geht es um die Freiwilligkeit der Teilnahme mit möglichst ausführlicher Information über Ziele und Vorgehen der Studie (vgl. Strübing 2018, S. 223). Eine solche Aufklärung über das Ziel der Forschung ist aber nicht immer möglich und sinnvoll, vor allem dann, wenn eine solche Vorabinformation die Befragten so stark beeinflussen würde, dass das Gesagte zu verzerrt ist und damit nicht mehr genutzt werden kann. Entsprechend muss ein möglichst hoher Grad an Transparenz verfolgt werden bei gleichzeitig möglichst niedrigem Grad an Verdecktheit des Vorgehens. Insofern eine solche Verdecktheit, methodisch und theoretisch begründet werden kann, rechtlich abgesichert ist und keine weiteren Nachteile für die Befragten nach sich zieht, lässt sich von einer Zulässigkeit sprechen (vgl. Strübing 2018, S. 223â224). So wurde bei der Interviewanfrage auch formal deutlich gemacht, dass der Forschende Teil einer universitären Forschungseinrichtung ist und für eine wissenschaftliche Arbeit Interviewpartner*innen sucht. Als Ziel der Arbeit wurde angegeben, dass es um âden Alltag von muslimischen Jugendlichen in Deutschlandâ geht. Damit wurde das Thema Medien vorab nicht gesetzt, weil es zu vorangehenden Ãberlegungen seitens der Interviewten hätte führen und damit die Interviewaussagen hätte verzerren können. Diese Verdecktheit schien auch aufgrund der alltäglichen Nähe des Themas Medien und der geringen emotionalen Belastung als unproblematisch. Das Thema Religion wurde hingegen doppelt gesetzt, indem einerseits kenntlich gemacht wurde, dass der Forschende am Zentrum für Islamische Theologie im Bereich der islamischen Religionspädagogik angestellt ist und andererseits explizit nach âmuslimischen Jugendlichenâ gefragt wurde. Damit wurde den Befragten vorab transparent gemacht, dass es im weitesten Sinne auch um Religion gehen wird, was für eine informierte Einwilligung zu einem solchen Interview wichtig erschien. Das Schreiben zur Anfrage kann im Anhang eingesehen werden. In jedem Fall wurde den Befragten dieses Anfrageschreiben zugeschickt, auch wenn vorher schon der Kontakt über einen Gatekeeper auch ohne Anfrageschreiben erfolgt war.
Die informierte Einwilligung wurde so durch die Vorabinformation durch das Anfrageschreiben ermöglicht. Darüber hinaus wurde bei Kontaktaufnahme über das Vorgehen, die Aufnahme, die Anonymisierung, Datenschutzbestimmungen, die Nutzung der Daten für die Forschung und die schriftliche Einwilligung aufgeklärt und erst nach Einwilligung ein Termin für ein Interview vereinbart. Beim Interview wurde noch vor Start des Interviews und dem Beginn der Audioaufnahme erneut über diese Punkte aufgeklärt und eine mündliche Einwilligung eingeholt. Nach dem Interview wurde dann eine Einwilligungserklärung zur Erhebung und Verarbeitung personenbezogener Daten für Forschungszwecke mit den entsprechenden Informationen nachgereicht. Damit sollte es den Befragten ermöglicht und erleichtert werden, auch nach dem Interview die Teilnahme abzulehnen. Die Einwilligungserklärung wurde dann bei den Minderjährigen von den Erziehungsberechtigten unterschrieben.
3.9 Ausblick auf die empirischen Kapitel 4 und 5
In dieser Arbeit wird auf Grundlage der Mediatisierungstheorie die religiöse Sozialisation in mediatisierter Welt von muslimischen Jugendlichen untersucht. Hierzu wurden im Zeitraum von 2020 bis 2023 12 leitfadengestützte, narrative Einzelinterviews mit Jugendlichen muslimischen Glaubens zwischen 12 und 19 Jahren geführt. Mit diesem Vorgehen soll diese zentrale Forschungsfrage beantwortet werden29 :
Welche handlungsleitenden Orientierungen strukturieren den Umgang von muslimischen Jugendlichen mit a) Medien und b) mit Religion (in Medien), und welche Zusammenhänge bestehen zwischen ihren jeweiligen handlungsleitenden Orientierungen in diesen beiden Bereichen?
In Kapitel 5 wird in der empirischen Auswertung der konjunktiven Ebene diese Forschungsfrage beantwortet, indem die Rekonstruktion der handlungsleitenden Orientierungen dargelegt wird. Damit wird dort das eigentliche Ziel rekonstruktiver Forschung und der dokumentarischen Methode verfolgt, wenn es dann um die Rekonstruktion handlungsleitender Orientierungen im Umgang mit Medien und Religion geht.
Wie aus der Gliederung deutlich wird, ist der empirischen Auswertung der konjunktiven Ebene ein weiteres Auswertungskapitel vorgeschaltet. In diesem Kapitel 4 wird die kommunikative Ebene gesondert betrachtet und dargestellt, weil sie für den Forschungsgegenstand als relevant erachtet wurde. Dort wird der Fokus auf das Was der Handlungspraxis gerichtet und genauer in den Blick genommen, was die Jugendlichen in den Interviews gesagt haben. Durch die Darstellung der kommunikativen Ebene soll es damit möglich werden, religiöse Sozialisation in mediatisierter Welt im Alltag der interviewten Jugendlichen noch konkreter kennenzulernen. In Kapitel 4.2 werden das konkrete Vorgehen hierzu und der Mehrwert dahinter im Einzelnen erläutert.
In Kapitel 2.4.2 wurde die dreischrittige Argumentation von Pirner (2014), warum Medien und Religion zusammenhängen und warum dieser Zusammengang auch für die Religionspädagogik wichtig sein muss, bereits vorgestellt. Die 1) Medialität des Menschen wurde genauso dargelegt, wie die 2) Medialität von Religion bzw. des Islam. Im dritten Schritt verweist Pirner auf einige Befunde aus der Medienrezeptionsforschung und reflektiert diese mit Blick auf die Religionspädagogik. So nennt er beispielsweise die Kultivierungstheorie, dass Medien Menschen durch ihre Mediennutzung im Sinne einer häufig unmerklichen Kultivierung von bestimmten Auffassungen und Haltungen beeinflussen, und die Agenda-Setting-Theorie, dass Medien diskursprägend sind und gesellschaftliche Ãffentlichkeit thematisch leiten können (vgl. Pirner 2014, S. 95â96). In diesem Kapitel wird angelehnt an diesen dritten Schritt auch geprüft, welche Befunde aus der empirischen Religionsforschung (zum Schnittbereich von Medien und Religion) für die Religionspädagogik und insbesondere für das Vorgehen der vorliegenden Arbeit relevant sind. In Kapitel 2.4.3 wurde dies bereits teilweise in Kürze dargelegt.
Wie antimuslimischer Rassismus und Diskriminierung im Kontext von Medien in den Interviews zur Sprache kam, wird in Kapitel 4.2.1 erläutert.
Dies wird in Kapitel 4.2.3 im Zusammenhang mit der Wahrnehmung der interviewten Jugendlichen von muslimischen Influencer*innen erläutert.
In der Unterscheidung von Ghandour gesprochen, bleibt hier ungeklärt, ob die beschriebene Handlungspraxis in irgendeiner Weise eine Artikulation ihrer Hingabe (islÄm) ist bzw. ob sich die Jugendlichen in einem muslimischen Selbstverständnis tatsächlich einer bestimmten Symbolik bedienen, die von Symboliken anderer Formen von Hingabe abgegrenzt werden kann (vgl. Ghandour 2023, S. 143). Bezüglich dieser Abgrenzung zeigt sich, dass die Ãberlegungen von Ghandour (2023) noch weiter geschärft werden müssen, um nicht jegliches Handeln von Muslim*innen als âmuslimischâ zu bezeichnen. Auch besteht die empirische Schwierigkeit, wann etwas als Ausdrucksform von Hingabe verstanden werden kann. Als subjektive Erfahrung bleibt sie zunächst den Forschenden verschlossen. Entweder müssen Subjekte selbst explizit formulieren, dass sie etwas aufgrund einer Form der Hingabe tun, um es als islÄm fassen zu können, oder es muss auf theoretischer Basis eine solche Kategorisierung vorgenommen werden, was in gewisser Weise eine Unterstellung einer bestimmten Absicht bedeutet. Nichtsdestotrotz bietet die Unterscheidung von Ghandour ein groÃes Potenzial für empirische Forschung zu Muslim*innen.
Siehe hierzu auch die Ethnografie von Probst, der sich den Ãberschneidungen von FuÃball und Religion widmet (vgl. Probst 2022).
Während des Analyseprozesses hat sich gezeigt, dass die handlungsleitenden Orientierungen im Bereich Medien und Religion (in Medien) in Gänze deckungsgleich sind. Dieser Umstand ist also ein Ergebnis der vorliegenden Studie, auch wenn dies bereits bei der Darstellung der empirischen Auswertung berücksichtigt ist, wenn die Orientierungen zu Medien und Religion nicht separat vorgestellt werden.
Kruse unterscheidet hier zwischen âBlockverfahrenâ und âStufen-â bzw. ââSchichtverfahrenâ des Aufbaus und weist daraufhin, dass es insbesondere bei qualitativen Forschungen in rekonstruktiver Logik nicht die eine richtige Gliederung gibt (vgl. Kruse 2015, S. 628â631).
Aufgrund der Vielfalt der Methoden und Zugänge innerhalb der qualitativen Sozialforschung stellt sich im wissenschaftlichen Diskurs immer wieder die Frage der Gemeinsamkeit dieser Art der empirischen Sozialforschung (vgl. hierzu Reichertz 2007), aus welchem Grund Kruse für die Unterscheidung zwischen qualitativ und rekonstruktiv argumentiert (vgl. Kruse 2015, S. 24).
Für eine detailliertere Einordnung der Inhaltsanalyse und den diesbezüglichen Diskurs siehe Reichertz (2016, S. 224â232).
Dazu mehr im Unterkapitel zum Erhebungsverfahren (Kapitel 3.4).
Ziel in diesem Unterkapitel ist es nicht, die Diskussion über die Gütekriterien qualitativer Forschung gänzlich abzudecken, sondern vielmehr zu begründen, inwiefern in dieser Arbeit die Qualität der Analysen unter Befolgung der Gütekriterien hergestellt wurde. Für einen Ãberblick bezüglich der unterschiedlichen qualitativen Gütekriterien und der Diskussion darum siehe Misoch (2019, S. 245â262) und Flick (2015).
In diesem Ansatz werden die Grundgedanken der einzelnen Gütekriterien der quantitativen Forschung (im Folgenden: Validität, Reliabilität, Objektivität) und qualitativen Forschung (im Folgenden: Gültigkeit, Zuverlässigkeit, intersubjektive Nachvollziehbarkeit) als identisch verstanden. Wie sich diese Gütekriterien aber in der konkreten Forschung berücksichtigen lassen, unterscheidet sich. Für die bessere Unterscheidung quantitativer und qualitativer Gütekriterien wurden daher unterschiedliche Begriffe verwendet, die zwar im allgemeinen Sprachgebrauch synonym verstanden werden (z.B. âValiditätâ und âGültigkeitâ), hier aber als Gegensätze gebraucht werden. Damit wird versucht, den gemeinsamen Grundgedanken des jeweiligen Gütekriteriums zu verdeutlichen und gleichzeitig die Unterschiede qualitativer und quantitativer Forschung kenntlich zu machen.
Relevanzsysteme können dabei, im Sinne von Erich Nestler (2000), als âdie Gewichtung (Valenz, Wertigkeit, Hierarchie) der Elemente eines Bezugssystemsâ (Nestler 2000, S. 151) verstanden werden. Die Auseinandersetzung mit Themen und Inhalten ist also stets eine Konstruktionsleistung der Individuen. Selbst wenn das Thema dasselbe ist, können Individuen aufgrund ihrer unterschiedlichen Relevanzsysteme es unterschiedlich wahrnehmen bzw. anders damit umgehen. Siehe auch Ulfat (2017, S. 61â63).
Für eine detailliertere theoretische Auseinandersetzung mit Mediatisierung mit Blick auf Praxistheorie siehe Gentzel (2015), mit Blick auf Praxeologie siehe Paus-Hasebrink (2017)
Siehe Kapitel 2.3.1.2.
In der Literatur lassen sich unterschiedliche Bezeichnungen für derartige Interviews finden. Jan Kruse spricht etwa mit Verweis auf Cornelia Helfferich (2009) bei narrativen Interviews, die leitfadengestützt einen thematischen Fokus haben, von âteilnarrativen Interviewsâ (Kruse 2015, S. 151).
Dies wurde bereits in Kapitel 2.4.1 ausgeführt.
Welche Strategie zur Gewinnung von Interviewpartner*innen verfolgt wurde, wird einerseits im Unterkapitel zum Sample genauer und andererseits auch später bei den Kurzporträts der Interviewten erläutert.
Digitale Interviewführung gewinnt in der qualitativen Forschung immer mehr an Beliebtheit. Diese Verschiebung von analoger zu digitaler Erhebung wird auch hinsichtlich ihrer methodologischen Konsequenzen und damit verbundenen Potenziale und Risiken reflektiert (Nicklich et al. 2023; Lobe, Morgan & Hoffman 2020; Archibald et al. 2019; Diaz-Bone 2021; Leinhos 2019; Hoffmann et al. 2022).
Zu verweisen ist allerdings darauf, dass es die dokumentarische Methode nicht gibt und entsprechend diese Schritte und ihre praktische Umsetzung von einzelnen Vertreter*innen der dokumentarischen Methode auch mit gewissen Abweichungen durchgeführt werden. Nichtsdestotrotz bleibt in jedem Fall die Zielsetzung der Methode und der Wechsel der Analyseeinstellung identisch (Amling et al. 2019). Die vorliegende Arbeit orientiert sich insbesondere an Nohl 2012, der die dokumentarische Methode mit Blick auf die Auswertung von Interviews beschreibt.
Mannheim erklärt diese Unterscheidung und das Forschungsinteresse am Beispiel eines Freundes, der einem Bettler Geld gibt: âIn diesem Falle kommt es mir gar nicht darauf an, was der Freund objektiv getan, geleistet hatte, auch nicht darauf, was er durch seine Tat ausdrücken âwollteâ, sondern das was durch seine Tat, auch von ihm unbeabsichtigt, sich für mich über ihn dokumentiertâ (Mannheim 1964, S. 108).
Im Artikel Binici (2020) werden die einzelnen Schritte der dokumentarischen Methode anhand einer anderen Passage aus den Interviews dargestellt, was ebenfalls hilfreich für die intersubjektive Nachvollziehbarkeit der Methodik sein kann.
Diese Ãberprüfbarkeit und Vergleichbarkeit der Themenverläufe sind dann insbesondere bei der Auswertung der expliziten Ebene relevant, wie im entsprechenden Kapitel erläutert werden wird.
Maxelon et al. (2018) verdeutlichen, dass auch die Textsorte Argumentation einen Mehrwert für den Erkenntnisgewinn haben kann.
In der Literatur werden unterschiedliche Begriffe, zum Teil auch austauschbar, für diese Vergleichshorizonte verwendet: Positiver Horizont â negativer Horizont (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 296); Positiver Horizont â negativer Gegenhorizont (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010, S. 290); und auch weitere Formulierungen.
Neben sinngenetischer und soziogenetischer Typenbildung sind auch relationale, phasen- und prozessanalytische Typenbildungen möglich (Amling et al. 2019; Nohl 2013; Bohnsack, Hoffmann & Nentwig-Gesemann 2018).
In der Basisuntersuchung zum Medienumgang Jugendlicher in Deutschland werden ebenfalls 12- bis 19-Jährige befragt. In der Sozialforschung ist es dabei unterschiedlich, welche genaue Altersspanne für die Lebensphase Jugend betrachtet wird; solche Bestimmungen von Jugend weichen zudem zum Teil stark von der rechtlichen Definition ab. Die genaue altersspezifische Eingrenzung gestaltet sich dahingehend als schwierig, da die Lebensphase Jugend biologisch mitbestimmt ist (Pubertät), aufgrund gesellschaftlicher, rechtlicher, historischer Rahmenbedingungen variabel ist und auch von Person zu Person abweichen kann (vgl. Harring & Schenk 2018).
Zur Problematik des Begriffs âMutterspracheâ siehe Schmidt (2023).
Warum die Forschungsfrage so formuliert wurde, ist in Kapitel 2.4.3 erläutert worden.