In den philologischen und literarischen Kreisen der deutschsprachigen Länder gehört der Name des Germanisten, Literaturhistorikers und Komparatisten Konstantin Asadowski (Konstantin MarkoviÄ Azadovskij) neben Viktor Žirmunskij, Vladimir Admoni, Lev Kopelev oder Efim Ätkind seit Jahrzehnten zu den bekanntesten russischen Fachleuten, deren Werke auch im deutschen Sprachraum verlegt und gelesen werden. In seiner Heimat ist er über seine Forschungsleistungen hinaus auch als Ãbersetzer und Publizist bestens bekannt. Nur wenigen hingegen eröffnete sich bislang Asadowskis eigenes dichterisches Werk. Symbolisch war seinerzeit die Aufnahme zweier Gedichte von ihm, die während eines Besuches im Dorf Norenskaja (im Archangelâsker Gebiet) im Dezember 1964 bei seinem dorthin verbannten Freund Iosif Brodskij entstanden waren, in einen Sammelband von dessen Gedichten. Brodskij selbst erkannte bei der Auswahl der Texte später nicht die Herkunft dieser Gedichte. Ihr gemeinsamer Freund, der Petersburger Historiker Jakov Gordin beschlieÃt mit dieser Episode seine Würdigung Asadowskis und bezeichnet eine solche Integrierung des Gastgeschenkes von Asadowski in Brodskijs eigenes Textkorpus als sehr vielsagend.1 Das ist ein sicherlich nicht beabsichtigtes, aber dennoch authentisches Zeugnis seiner dichterischen Verwandtschaft mit Brodskij. Sowohl über dieses Zeichen der Freundschaft vor dem Hintergrund der Begegnungen in Norenskaja als auch 17 Jahre danach in New York gibt es eine fesselnde Erzählung Konstantin Asadowskis selbst.2
In der öffentlichen Wahrnehmung bleibt Asadowskis Name auch mit der unauslöschbaren Erinnerung an Repressalien und politische Verfolgung der spätsowjetischen Zeit verbunden. Im Dezember 1980 aufgrund gefälschter Beweismittel verhaftet und im März 1981 zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt, führte er nach seiner Freilassung am 18. Dezember 1982 für sich und seine Frau Svetlana, ebenfalls unrechtmäÃig verurteilt, einen Kampf um die juristische Bestätigung des staatlichen Unrechts. Die Verfolgung Asadowskis gibt ein unverfälschtes Bild der spätsowjetischen Realität wieder, ähnlich wie die Verleumdung des herausragenden Ãbersetzers Efim GrigorâeviÄ Ätkind (1918â1999)3 oder wie die Ermordung des Germanisten und Ãbersetzers Konstantin PetroviÄ Bogatyrev (1925â1976).4 Die emotionalen, moralischen, gesellschaftlichen Umstände und Details dieser für seine Familie, darunter auch für Asadowskis Mutter Lidija Vladimirovna (geb. Brun, 1904â1984), schicksalhaften Ereignisse wurden in einer groÃartigen und kompromisslosen Untersuchung des Moskauer Historikers Pëtr Družinin festgehalten.5 Dieses Werk gibt insgesamt eine sehr eindeutige Antwort auf eine wesentliche Frage: âWas ist der Grund dafür, dass der Germanist und Ãbersetzer, der in literarhistorische Recherchen vertieft und nicht unmittelbar an der Dissidententätigkeit beteiligt war, in eine solche Ungnade <â¦> gefallen ist?â6 Wenn Družinins Buch wie vorgesehen bald in englischer Ãbertragung vorliegen wird, wird dieses zeitgeschichtliche Zeugnis auch in fachlich relevante Zusammenhänge der Wissenschaftsgeschichte erneut hineinwirken. Zur Rekonstruktion des Sachverhaltes betreffend die Familie Konstantin Asadowskis (d. h. eine mit geheimdienstlichen Methoden durchgeführte Provokation, bei der eine groÃe Zahl an Beteiligten auffällt7) kommt die von Efim Ätkind hervorgehobene Verbindung zwischen der Verfolgung Asadowskis und den ideologischen Prozessen gegen die vorhergehenden zwei Generationen von Geisteswissenschaftlern in der Sowjetunion hinzu, auf die auch der in diesen Sammelband aufgenommene Beitrag Asadowskis âBerufsverbot für einen âKosmopolitenââ ausführlich eingeht.
Dass jedoch ein solches Szenario noch in den angeblich fast schon liberalen Jahren des sowjetischen Systems gegen einen âunpolitischenâ Intellektuellen voll und ganz eingesetzt wurde, mag auch nach den vergangenen Dezennien verwunderlich erscheinen. In der Retrospektive wird aber nicht nur Verwunderung ausgelöst, sondern es tritt auch die eindeutige, mit Dokumenten und Gerichtsbeschlüssen untermauerte, moralische Ãberlegenheit Asadowskis zutage. Im Februar 1989 wurde er und im Juni 1993 seine Frau rehabilitiert, da nun in den beiden Fällen gerichtlich festzustellen war, dass es sich um eine geheimdienstliche Provokation gehandelt hatte. In den 1990-er Jahren wurden sie als Opfer politischer Verfolgungen anerkannt.
Asadowskis Lebensweg trägt den Stempel dieser Leningrader Situation, die aufgrund der Kontaminierung der wissenschaftlichen Tradition mit den ideologischen Exzessen hier zumindest eines kurzen Kommentars bedarf. Es würde der Persönlichkeit Asadowskis nicht gerecht, die vielschichtigen Gründe für seinen Widerstand des Geistes mit einem verbreiteten Motto Andrej Sinjavskijs, seine (d. h. Sinjavskijs) Unstimmigkeiten mit dem Sowjetregime seien ästhetischen Charakters, zu apostrophieren, wenngleich auch diese nicht ganz auÃer Acht zu lassen sind. Aber der Konflikt erschöpft sich nicht in einer Person und nicht in einer Generation, und da sich seitdem viele Ereignisse überlagert haben, wäre zunächst zu definieren, wie die Natur dieser Ãbergriffe und Verfolgung in dem damaligen unmittelbaren Leningrader Kontext umrissen werden könnte. Da die mitunter prägnantesten dichterischen Zeugnisse der historischen Analyse sowohl des âSilbernen Zeitaltersâ als auch der Leningrader Periode im Leben St. Petersburgs auf Anna Achmatova zurückgehen,8 entlehnen wir einige ihrer Bilder für diese Retrospektive auf Konstantin Asadowskis Biographie.
In einem als âElegieâ bezeichneten Fragment eines Poems, datiert mit âLeningrad 1944â, schrieb Achmatova: âWie einen Fluss hat mich die erbarmungslose Epoche umgedreht. Man hat mein Leben vertauscht. Es floss in ein anderes Flussbett, an dem anderen vorbei, und meine eigenen Ufer kenne ich nicht [â¦]â. Die Lebensläufe der Generation der Eltern Asadowskis und ihres Freundeskreises, die in den hier versammelten Artikeln sowohl als Lebende und Ãberlebende als auch als Beispiele der âSekundärliteraturâ vorkommen werden, stehen allesamt unter diesem Vorzeichen. Diese Generation, zu der auch jene gehörten, die seinerzeit mit der gefahrvollen Bezeichnung âFormalistenâ versehen waren, tarnten sich als sowjetische Literaten oder retteten sich in die Literaturgeschichte und die Textologie von PuÅ¡kin oder Lev Tolstoj, in die Dialektologie und die vergleichende Epenforschung, die russische volkstümliche Ãberlieferung, kurzum, in verschiedenste Richtungen der geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den späten 1940er Jahren, begann in der Sowjetunion eine weitere Welle von ideologischen Säuberungen; Achmatova gehörte zu denjenigen, die den öffentlichen Demütigungen am härtesten preisgegeben war. In den philologischen, historischen u. a. Disziplinen entluden sie sich auf unterschiedliche Weise, ein Hammerschlag sollte dabei die sog. âentwurzeltenâ oder âheimatlosen Kosmopolitenâ treffen, was in Wirklichkeit eine zügellose antisemitische Kampagne darstellte. Sie wütete in Leningrad um einiges brutaler als in Moskau; die Facetten jenes wiederkehrenden stalinistischen Terrors sind in einem zweibändigen Werk des bereits erwähnten Historkers Pëtr Družinin hinreichend dargestellt.9 Konkret bedeutete das für die Forschungsarbeit in der Philologie und Literaturgeschichte, dass jeder Vergleich zwischen einem russischen und einem âwestlichenâ Phänomen, ob in genetischer oder typologischer Hinsicht, ideologisch verdreht und kriminalisiert werden konnte, so z. B. die Feststellung eines bei PuÅ¡kin vorkommenden Motivs in einem französischen Werk oder eine Parallele zwischen einem russischen Märchen und einem Text aus der Grimmschen Sammlung. Insbesondere traf es die vergleichende Epenforschung und überhaupt die Komparatistik. Solche Vorkommnisse zu entlarven, war in jenen Tagen die vorgeschriebene Ausübung des âPatriotismusâ, der âWachsamkeitâ und dergleichen; all diese Kampfbegriffe bilden eine Schicht markierter Lexik und sind heute noch leicht identifizierbar. Eine solche Atmosphäre wirkte sich gerade in der russischen Umgebung wie ein geistiges Tschernobyl aus, beruhen doch die Grundlagen der russischen Kultur seit der postpetrinischen Epoche auf der Dichotomie Russland / (West)Europa.
Asadowskis Vater Mark KonstantinoviÄ, der bereits zu Lebzeiten anerkannte herausragende Erforscher der russischen Folklore, überstand und überlebte zwar diese verbalen Repressalien, aber die Widerlichkeit und alle damit einhergehenden sozialen Bedrohungen und menschlichen Enttäuschungen haben seine Gesundheit stark beeinträchtigt und seinen frühen Tod herbeigeführt. (In den letzten Lebensjahren widmete sich der Volkskundler Mark Azadovskij der Erforschung der âDekabristenâ, d. h. den Ereignissen um den Petersburger Aufstand einer adligen Geheimgesellschaft im Dezember 1825). Mit dieser Erfahrung der Verfolgung und des Niedergangs, noch intensiviert durch die Widerfahrnisse aus den Familien ihrer akademischen Umgebung, sind die ersten Schritte auf dem Bildungsweg Konstantin Asadowskis verbunden. Ganz wesentlich für die Position Asadowskis ist sein Eintreten gegen die Verdrängung von Repressalien, denen die russische Geisteswissenschaft ausgesetzt war, aus der gegenwärtigen Wahrnehmung: Zahlreiche Beiträge und mehrere Quelleneditionen von ihm gelten dem Bewahren dieser Erinnerung. Die persönlichen Schicksale bekommen ihr Recht gegenüber dem viel zu breiten Rahmen der zeitgeschichtlichen Verallgemeinerung, die gnadenlos gegenüber Einzelheiten sein kann. Wie der unvergessene Freund und Biograph Brodskijs, der Literaturwissenschaftler und Dichter Lev Losev10 am Beispiel eines am 18. Dezember 1964 von Anna Achmatova in Rom niedergeschriebenen Gedichtes zeigte, führt der Perspektivenwechsel mit der Zeit dazu, dass die Tragödie eines Volkes dann nur mehr als ein Bildelement mit âeinem Wölkchen der Qualâ darüber wahrgenommen wird, wenn man auf die Dimension des Persönlichen verzichtet. Dieses Achmatova-Paradigma erweist sich als eine weltanschauliche Komponente in Asadowskis Schaffen.
In seiner Rede von 1990 hat Efim Ätkind11 sehr anschaulich ausgeführt, dass die komparatistische Forschung im Rahmen der sowjetischen Ideologie bald gefährlich, bald nicht ganz gefahrlos sein konnte, jedenfalls nicht neutral. Aber âdie Asche Klaasens schlägt an meine Brust,â wie Tyll Uilenspiegel es ausdrückte, und so fiel auch die Entscheidung Konstantin Asadowskis, seine Forschungsarbeit als eine Absage an jenen damals spürbar gewordenen Geist der Auslöschung und Vernichtung zu gestalten. Wie Jakov Gordin feststellt, weisen Asadowskis Studien zu Nikolaj Kljuev, einem als Bauerndichter bekannten modernistischen Dichter, der 1937 hingerichtet wurde, einen inneren Zusammenhang mit den Themen von Mark KonstantinoviÄ Azadovskij auf. Es sei noch hinzugefügt, dass die Beschäftigung mit einem Dichter wie Kljuev, der ein solches Schicksal hatte, wie ein klares Bekenntnis anmutet. Während Asadowskis Vater wegen seiner Studien zu PuÅ¡kin und den Brüdern Grimm angegriffen wurde, legte Konstantin Asadowski eine vollständige Ãbersetzung der Grimmschen Märchensammlung ins Russische vor.
In erster Line hat jedoch Asadowskis komparatistische Ausrichtung die Erforschung der russischen Moderne geprägt. In Anlehnung noch an seine Lehrjahre bei Naum Berkovskij stellte er sich die Frage nach der Rezeption russischer Kultur in den deutschsprachigen Kontexten, später ergaben sich auch viele komplementäre Aspekte. Wie sein Freund (und bisweilen Mitautor), der herausragende Historiker der russischen Literatur der Moderne Aleksandr Lavrov feststellte, gäbe es
noch ein gemeinsames Merkmal, das so gut wie allen der Geschichte der Kultur gewidmeten Texten aus der Feder Asadowskis zu eigen ist. Die darin formulierten Ideen und Konzepte entstehen immer auf der Grundlage der Untersuchung eines riesigen Massivs von Fakten und Dokumenten. Nicht selten werden sie von ihm aufgrund minuziöser archivalischer Recherche in zahlreichen Sammlungen in und auÃerhalb Russlands erstmals bekannt gemacht und sind in die Forschung eingeflossen.12
Literaturhistorische und typologische Studien Asadowskis erlauben nun eine systematisch freigelegte Sicht auf Nietzsche, George, vor allem auf Rilke vor dem Hintergrund der russischen Ãberlieferung. Dabei vermochte Asadowski plastisch die Paradoxien der westlichen Annäherung an die russische Kultur wie Rilkes Versuch der Entfaltung seiner Russland-Liebe ausgerechnet im Dialog mit dem groÃartigen Kunsthistoriker und Maler Aleksandr Benois aufzuzeigen. Von seinen Rilke-Studien, die auch dessen Beziehungen zu Boris Pasternak und Marina Cvetaeva erstmals erschöpfend beleuchteten, wurde in diese Sammlung lediglich ein Beitrag über Akim Volynskij aufgenommen. Die innovativen Studien Asadowskis zur russischen Präsenz im Nietzsche-Archiv, dem in vielfacher Hinsicht wichtigen Vergleich zwischen Stefan George und VjaÄeslav Ivanov oder den Rezeptionsbedingungen Stefan Zweigs in der UdSSR verdeutlichen seine methodischen Grundsätze und bringen Ergebnisse, die gleichsam für mehrere Aspekte der Erforschung des kulturellen Dialogs förderlich sind. Bei Konstantin Asadowski ist die Begriffsverbindung âRussland und der Westenâ13 thematisch wie biographisch vollends verantwortet. In ihrer überaus pointierten Analyse der weltanschaulichen Grundlagen der übersetzerischen Tätigkeit Asadowskis hat Elena Äižova gezeigt, dass zu den wichtigsten Voraussetzungen der Beschäftigung mit Texten einer anderen Kultur die Schaffung eines gemeinsamen kulturellen Wertes gehört.14 Dieser Ansatz gewinnt auch dadurch an Kraft, dass Asadowski mütterlicherseits mit dem kulturellen Erbe der St. Petersburger Deutschen verbunden ist, einer Tradition, die im 20. Jh., angefangen mit dem Ersten Weltkrieg, fast ausgelöscht wurde. Fremd sind die deutschsprachigen Kulturen für ihn nicht, Grenzen zwischen den Kulturen erhalten bei ihm keine Legitimierung. Wäre âKosmopolitâ nicht so eine abgegriffene Bezeichnung, wäre das vielleicht eine passende, wenngleich auch dann recht blasse Charakteristik jener historisch verankerten Position Asadowskis.
Konstantin Asadowski wurde in Leningrad in einem der schwersten Momente der Geschichte dieser Stadt geboren; mit der eindringlichen Schilderung der Schicksale seiner Familie beginnt die hier vorgelegte Auswahl aus seinem wissenschaftlichen Werk. Asadowskis geistige Heimat, die Petersburger Kultur, öffnete sich ihm gegenüber auch in der Leningrader Zeit als eine lebendige Quelle. Im Leningrad jener Jahre gab es über die ganze sowjetische Zeit hinweg viele Stränge der ungebrochenen kulturellen und akademischen Tradition, die aufgrund der persönlichen Verbundenheit der Ãberlebenden den Zugang zu verbotenen Texten und verschollenen Erinnerungen ermöglichten. Ein solcher Zusammenschluss der Generationen bedarf keiner langen Ketten: Es genügt oft eine Begegnung wie die zwischen Achmatova und Brodskij, um eine bedeutsame kulturelle Rezeption zu initiieren. Gewiss, Asadowski reflektierte auch das Streben der offiziellen zeitgenössischen Literatur und Publizistik nach Stalins Tod, sich von den Zensurzwängen zu befreien, zumal in einer Atmosphäre, in der die künstlerische Entfaltung immer mehr in den Kreisen jenseits des sowjetisch konformen Rahmens stattfand.15 Aber die grundsätzliche Einstellung, vielen anderen unter den sowjetischen Bedingungen ebenfalls wohl vertraut, hat Jakov Gordin treffend in Worte gefasst: âDie hohe russische Kultur erwies sich als bedeutsamer und in mancherlei Hinsicht realer als die alltägliche sowjetische Wirklichkeitâ.16
In Hinblick auf die wissenschaftliche Tätigkeit Konstantin Asadowskis sollte es im Laufe der Zeit an Zeichen der Anerkennung nicht mangeln. Sein Eintreten für humanistische Werte der deutschsprachigen Kulturen hat vielfach Würdigung gefunden. Davon seien hier nur einige Höhepunkte erwähnt. Im Jahre 1990 erhielt Asadowski den Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt; 1992 wurde er auch zum Mitglied dieser Akademie gewählt. 1990/91 hielt er sich am Wissenschaftskolleg zu Berlin auf, 1994 bekam er den Förderpreis der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Am 21. Januar 2011 wurde Konstantin Asadowski für seinen Beitrag zur deutsch-russischen kulturellen Verständigung mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse geehrt.
Dieser unmittelbare Dialog mit den deutschsprachigen Kulturen von heute, Reisen zu Forschungszwecken, die physische Anwesenheit in den Bibliotheken und Archiven, Begegnungen an den Universitäten â all das wurde für Konstantin Asadowski erst infolge der politischen Umbrüche in der damaligen Sowjetunion möglich, die mit den Veränderungen in Osteuropa einhergingen; seinen ersten sowjetischen Reisepass erhielt er im Oktober 1988. Auch heute, nach drei Jahrzehnten der unvermuteten und fragilen Reisefreiheit, stellt für viele Menschen âvon drübenâ die Ãberwindung von Staatsgrenzen ein kleines Wunder dar. Noch mehr dürfte damals der Beginn einer neuen Epoche auf Asadowski gewirkt haben, hatte er doch bis dahin niemals mit einer solchen Schicksalswendung rechnen können. Durch seine Publikationen und das Wirken seiner Persönlichkeit kam jene geisteswissenschaftliche Tradition, die prägend für ihn selbst war, erneut auch in unserer vergesslichen und verdrängenden Gegenwart zu Wort.
Für einen Ãberblick des Lebensweges von Konstantin Asadowski steht neben der bereits erwähnten Untersuchung Pëtr Družinins samt den darin veröffentlichten Zeugnissen und Dokumenten auch die Zusammenstellung von Michail Bezrodnyj zur Verfügung.17 Die innere Biographie Asadowskis eröffnet sich am ehesten aus der Liste seiner Veröffentlichungen.18 Zuweilen gestaltet sich die Suche nach einer bestimmten Publikation nicht leicht, ist man doch immer wieder von der sich darin spiegelnden Vielfalt und dem zeitlichen Horizont Asadowskis fasziniert. Nicht zuletzt dürfte auch die Zahl der Veröffentlichungen erstaunen. Am erstaunlichsten ist jedoch, dass eine solche Leistung, die ihresgleichen sucht, keineswegs mit einem geregelten, stets in ruhigen Fahrwassern verlaufenden Akademiker-Dasein zusammenhängt.
In seiner Laudatio auf Asadowski bei der Verleihung des Gundolf-Preises, die sehr treffend âAllen Widrigkeiten zum Trotz â¦â betitelt ist, betonte Efim Ätkind19: Wenn es nicht dazu gekommen wäre, dass so viele Jahre in Asadowskis Leben durch die Verleumdungen, Gerichtsverfahren, Lagerhaft überschattet wurden, so hätte sein Werk noch wesentlich umfangreicher sein können. Als Ätkind das damals sagte, war Konstantin Asadowski gerade 50 Jahre alt. In den seitdem vergangenen 30 Jahren vermochte er â âallen Widrigkeiten zum Trotz â¦â â viele Teile seines groÃartigen wissenschaftlichen, literarischen und übersetzerischen Werkes zur Vollendung zu bringen. Um erneut mit jenem von Anna Achmatova entliehenen Bild zu sprechen, flieÃt nun der Fluss des Lebens wieder im Bett seiner eigenen Ufer. Anlässlich des denkwürdigen Ereignisses â der 80. Wiederkehr des Geburtstages von Konstantin Asadowski am 14. September 2021 â sei ihm Schaffenskraft und Gesundheit gewünscht und für seine reichen Geschenke â Untersuchungen, Editionen, Ãbersetzungen â an die nachkommenden Generationen gedankt.
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