Das Ziel der vorliegenden Studie ist es, Caravaggio als einen subversiven Künstler vorzustellen. Dabei wird Subversion nicht als heroisches Verhalten, sondern als eine Form des Eigensinns in widrigen Zeiten verstanden. Um 1600 war eine solche Selbstbehauptung in Italien notwendig, da die Beschlüsse des Tridentinischen Konzils drastische Auflagen für die Malerei zur Folge hatten und im Bereich der Literatur zu einem restriktiven Umgang mit den Werken zahlreicher Autoren führten. Wer über Subversion in Caravaggios Gemälden nachdenkt, verlässt als Interpret die Welt der Evidenz, in der alles auf einen Blick entdeckt, erkannt und erklärt werden soll. Der Künstler weiß den politischen Gehalt seiner Bilder geschickt zu verbergen. In hermeneutischer Hinsicht bedarf es folglich einer Anstrengung im „Untergrund“ der Bilder. Dabei fördert man Kritik an der katholischen Kirche zutage sowie Zweifel in Bezug auf die religiöse Malerei wie auch ästhetische und sexuelle Normen.
Die vorliegende Untersuchung zu Caravaggio nahm in Rom ihren Anfang. Im akademischen Studienjahr 2006/07 durfte ich als Rudolf-Wittkower-Professor ein Jahr an der Bibliotheca Hertziana über Antikenrezeption und Italienreisen nordeuropäischer Maler forschen.1 Albrecht Dürer steht in einer langen Reihe von Künstlern, die die Alpen überqueren und ins Staunen geraten. Dabei kam es nicht nur zu Nachahmung und Bewunderung, sondern auch zu Kränkungen und Zurückweisungen. So beklagt sich der Nürnberger in einem Brief an Willibald Pirckheimer über seine venezianischen Kollegen, die ihm vorwerfen, nicht aus antikem Geist gestalten zu können. Um sich über die Kritik seiner Konkurrenten lustig zu machen, schuf der Nürnberger nach seiner Rückkehr zwei der frühesten Werkparodien der Kunstgeschichte. In seinen Meisterstichen aus dem Jahr 1514 nutzt er antike Motive, um tanzende und musizierende Bauern darzustellen.2 Er verwendet eine hohe Form für einen niederen Inhalt und begründet damit eine subversive Kunsttradition, die im Folgenden auch für Caravaggio geltend gemacht werden soll.
Mit der vorliegenden Studie setze ich die These der kritischen Bildironie fort, die ursprünglich für Pieter Bruegel d. Ä. entwickelt wurde und 1999 unter dem Titel Das Paradox als Bildform veröffentlicht wurde. Dabei haben sich Texte von Erasmus von Rotterdam als zentral erwiesen, dessen Adagium von den Silenen des Alkibiades im Sinne einer christlichen Poetik auch für Caravaggio von Bedeutung ist.3 Einleitend wird die Frage seiner subversiven Bildpraxis in historischer Perspektive erörtert und Anknüpfungspunkte zur bisherigen Forschung aufgezeigt.4 Es folgt eine Deutung des Bacchino malato als dem wohl wichtigsten frühen Programmbild des Malers sowie Analysen ausgewählter Genrebilder. Abschließend werden die Gemälde der Contarelli-Kapelle und Arbeiten des Spätwerks in den Blick genommen. Mit dieser Reihenfolge wird der von der Forschung akzeptierten Chronologie der Werke entsprochen. Ausschlaggebender ist jedoch, dass mit dieser Abfolge deutlich wird, wie sehr Caravaggio seine Bildpoetik aus der Tradition der Genremalerei entwickelt hat und damit in jener nordeuropäischen Überlieferung steht, die mit den Bauern-Darstellungen Dürers ihren Anfang nimmt.
Der vorliegende Text wurde über einen langen Zeitraum hinweg an verschiedenen Orten verfasst und ist bereits in großen Teilen in Form von Aufsätzen publiziert worden.5 Dabei habe ich von der Unterstützung zahlreicher Institutionen profitiert. An erster Stelle sei Sybille Ebert-Schifferer, der damaligen Direktorin der Bibliotheca Hertziana, gedankt. Ohne ihre Einladung nach Rom hätte meine Caravaggio-Reise keinen Anfang genommen. Darüber hinaus bin ich dem IKKM in Weimar und seinen Direktoren Lorenz Engell und Bernhard Siegert für einen einjährigen Forschungsaufenthalt und ihr Vertrauen in meine Forschungen sehr dankbar. Schließlich gilt es, der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung zu danken, die mir einen sechsmonatigen Forschungsaufenthalt in Greifswald ermöglicht hat. Die finale Form des Buches verdankt sich jedoch meiner Tätigkeit als Teilprojektleiter beim Dresdner SFB 1285 „Invektivität. Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung“ sowie einem dreimonatigen Aufenthalt am Historischen Kolleg in München.
Unterstützt wurde ich von Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunden. Hilfreich war auch die Kritik der anonymen Gutachter, die manchen Fehler hat vermeiden helfen und gute Hinweise für die Abfolge meiner Argumente enthielt. Für Korrekturen und Hinweise bedanke ich mich herzlich bei Celina Berchtold, Jörg Bochow, Giovanni Careri, Guillaume Cassegrain, Juliane Gatomski, Johanna Gerling, Lea Hagedorn, Wolfgang Holler, Giuseppe Peterlini, Frank Schmidt, Bernd Stiegler, Armin Trappe, Bettina Uppenkamp und Moritz von Villebois. Sophie Kirsten, Pauline Lehmann und Martin Lottermoser haben das Projekt mit großer Ausdauer und Anteilnahme begleitet. Alle genannten Personen und zahlreiche weitere haben durch Kommentare, Korrekturen und eigene Beobachtungen zum Gelingen dieses Buches beigetragen. Am ausführlichsten hat jedoch meine Frau Susanna an alledem teilgenommen. Tutto cambia eppure tutto rimane uguale. Una scuola dei sileni.
J.M.
Dresden, im Juni 2025
An der Bibliotheca Hertziana in Rom habe ich 2006 meinen ersten Vortrag über den lombardischen Künstler gehalten. Bereits damals nutzte ich zur Erklärung seines Gemäldes Junge von einer Eidechse gebissen Schriften von Erasmus von Rotterdam. Dieser Beitrag wurde seitdem an zahlreichen Universitäten und Forschungseinrichtungen als Vortrag gehalten, 2009 im Internet als IKKM-Lecture veröffentlicht und 2017 publiziert. Jürgen Müller: „Cazzon da mulo“. Sprach- und Bildwitz in Caravaggios ‚Junge von einer Eidechse gebissen‘, in: Intermedialität in der Frühen Neuzeit. Formen, Funktionen, Konzepte, hg. von Jörg Robert, Berlin 2017 (= Frühe Neuzeit, Bd. 209), S. 180–214.
Jürgen Müller: „Antigisch Art“. Un contributo alla ricezione ironica dell’ antichità da parte di Albrecht Dürer, in: Dürer, l’Italia e l’Europa, hg. von Sybille Ebert-Schifferer und Kristina Herrmann-Fiore, Mailand 2011 (=Studi della Bibliotheca Hertziana, Bd. 6), S. 47–71.
Jürgen Müller: Das Paradox als Bildform. Studien zur Ikonologie Pieter Bruegels d. Ä., München 1999, S. 28.
Einen knappen kommentierten Forschungsbericht bietet, Jutta Held: Caravaggio. Politik und Martyrium der Körper, Berlin 1996, S. 11–20. Die umfassendste Materialsammlung gibt: Maurizio Marini: Caravaggio. Pictor praestantissimus. L’iter completo di uno dei massimi rivoluzionari dell’arte di tutti i tempi, Rom 2005.
Alle hier zu nennenden Aufsätze sind in der Bibliografie am Ende des Buches erfasst.