Die hier vorliegende philosophische Abhandlung ist eine leicht überarbeitete Fassung der von mir im Mai 2023 an der Hochschule für Philosophie München als Dissertation zur Erlangung des Dr. phil. eingereichten Arbeit gleichen Titels.
Gegenstand dieser Abhandlung ist der Abschnitt Die Wirklichkeit aus Hegels Wissenschaft der Logik: Die Lehre vom Wesen. Der in der Forschung bislang wenig beachtete Textabschnitt der Wesenslogik wird hinsichtlich seines Begriffsverständnisses von Wirklichkeit und Substanz untersucht. Meine exegetische Leitthese ist, dass der gesamte Abschnitt vor dem Hintergrund des aristotelischen Substanzbegriffs zu deuten ist, dessen konzeptionelles Kernelement das energeia-Konzept darstellt. Dieses Konzept wird von Hegel unter dem Ausspruch des Gangs des reinen Denkens in der Wissenschaft der Logik1 als Methode der Philosophie vorgestellt und zugleich als eine Seinsweise einer alles umfassenden Vernunft entfaltet.
Mein Ziel ist es, das methodische Voranschreiten des reinen Denkens innerhalb der WdL als Neubelebung einer von Aristoteles geprägten Theorie der reinen Wirksamkeit (energeia) auszuweisen. Im Zuge dessen soll besonders die metaphysische Konzeption von Hegels Wirklichkeitsabschnitt durchdrungen werden. Dabei steht u.a. der Begriff der absoluten Substanz im Fokus der Untersuchung, mit dem Hegel die objektive Logik abschlieÃend in die subjektive Logik überführt. Durch eine genaue Textanalyse des Wirklichkeitsabschnitts der Wesenslogik wird nachgezeichnet, wie sich Hegels Methode des reinen Denkens bis zur absoluten Substanz fortentwickelt, die sich als bestimmtes Sein (to ti en einai), Zugrundeliegendes (hypokeimenon) und Für- sich-Stehendes (choriston) selbst offenbart. Die metaphysischen Strukturen des Textes werden dabei fortlaufend mit aristotelischen Substanzstrukturen verglichen, wobei die Kongruenz mit aristotelischen Substanzprinzipien an zentralen Begriffen herausgestellt wird. So wird beispielsweise aufgezeigt, dass Hegels Formbegriff eine Kongruenz mit dem eidos-Prinzip des Aristoteles aufweist; oder dass die Form-Materie- bzw. die Form-Inhalt-Dichotomie, die dem Wirklichkeitsabschnitt der Wesenslogik vorausgeht, Hegels Ãberwindung des hylemorphistischen Substanzdenkens darstellt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Parallele, die sich zwischen dem hegelschen Gang des reinen Denkens qua Reflexion und der aristotelischen energeia bzw. noÄsis im letzten Abschnitt Die Wirklichkeit der Wesenslogik aufzeigen lässt.
Die Frage nach der Wirklichkeit führt sowohl bei Aristoteles als auch bei Hegel in die spekulative Untersuchung des Grunds bzw. des Prinzips von Sein. Während Aristoteles die Betrachtung der Wirklichkeit bei der empirisch wahrnehmbaren Substanz ansetzt und so zu einem ersten, absoluten Seinsprinzip (energeia) vordringt, das sich qua reiner noÄsis manifestiert, überlässt Hegel den Gang des reinen Denkens unter Abstraktion vom Sein sich selbst und zeigt, wie sich die immanente Entwicklung des reinen Denkens zu einem Substanzprinzip fortbestimmt, das der Substanzstruktur des Aristoteles entspricht. Bemerkenswert dabei ist, wie sich in Hegels Denkweise die aristotelischen Konzeptionen der endlichen und der ewigen Substanz vereinen.
âDer Weg durch den Kopf in den Willen zur That ist ein langer Weeg / der durch einen Abgrund unterbrochen ist, über welchen nur das Herz die / Brüke baut.â Feuerbach.2
In diesen Zeilen Feuerbachs spiegelt sich treffend der Weg dieser Arbeit wider. Ohne Willenskraft, ohne Durchhaltevermögen und ohne Leidenschaft für die Philosophie hätte ich diese Arbeit nicht fertigstellen können. Auf meinem Weg begleiteten mich insbesondere die nachfolgend genannten Personen, denen ich an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank aussprechen möchte. Zuallererst danke ich meinem Doktorvater Herrn Georg Sans â ohne seine scharfsinnige Kritik wäre diese Arbeit sicherlich nicht dieselbe. Ebenso danke ich Herrn Dominik Finkelde, der mir mit Rat und Zuspruch zur Seite stand. Ich danke auÃerdem Herrn Thomas Buchheim, dessen exzellente Aristoteles-Seminare an der Ludwig-Maximilians-Universität München ich mit groÃer Freude besuchen durfte. Dank seiner Diskussionsbereitschaft und seines Inputs fokussierte sich mein philosophisches Interesse immer schärfer auf die aristotelische Metaphysik. Auch möchte ich mich bei dem Kolloquium unter der Leitung von Herrn Christian Georg Martin bedanken, dem ich im Wintersemester 2021/22 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg als Gast beiwohnen durfte. Einen Teil meiner Arbeit in jenem Rahmen vorstellen und diskutieren zu dürfen, war sehr hilfreich, und ich danke allen Teilnehmern herzlich für ihr konstruktives Feedback! Zuletzt danke ich Herrn Gunther Wenz. Seinem väterlichen Beistand, seiner Anteilnahme und seiner Diskussionsbereitschaft verdanke ich es, dass mir insbesondere gegen Ende meiner Promotionsphase weder Mut noch Verve für das Projekt abhandenkamen.