„Postkolonialismus, Theologie und die Konstruktion des Anderen“ – Stereotypisierung und Abgrenzung zum Zweck des Machterhalts ist ein allgegenwärtiges Phänomen. Umso herausfordernder kann es sein, dieses theoretisch zu reflektieren und die hieraus gewonnenen Erkenntnisse selbstkritisch auf die eigene Wahrnehmung zu beziehen. Ein heuristisches Instrumentarium hierfür bieten die postcolonial studies, die seit den 1980er Jahren den geisteswissenschaftlichen Diskurs mitprägen. In der angelsächsischen Theologie schon recht früh rezipiert, werden sie in der Theologie des deutschsprachigen Raumes erst seit einigen Jahren vermehrt wahrgenommen. Der vorliegende Band möchte sich der Herausforderung stellen und auch hier „Erkundungen in einem Grenzgebiet“ unternehmen. Der Untertitel drückt hier‑ bei gleichermaßen Neugier und Vorsicht aus: Neugier, weil das Grenzgebiet noch wenig erschlossen ist, Vorsicht, weil in solchem Terrain stets die Wege zunächst ausgelotet werden müssen, bevor sie zumindest zeitweilen mit Zuversicht beschritten werden können.1
Der Sammelband geht zurück auf ein interdisziplinäres Lehrprojekt am Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Das Lehrprojekt mündete am 5. und 6. August 2016 in der Tagung „Wir und die ‚Anderen‘? Erkundungen im Grenzgebiet von Postkolonialismus und Theologie“ an der Universität Oldenburg, die sich durch ihre Kombination von fachwissenschaftlichen Beiträgen und studentischen Präsentationen auszeichnete.2 Die hier vorgelegten Aufsätze bilden den um weitere Beiträge ergänzten Tagungsertrag ab. Im Folgenden sind alle theologischen Disziplinen zum gestellten Thema versammelt: So werden postkoloniale Fragestellungen aus systematisch-theologischer, bibelwissenschaftlicher, kirchenhistorischer und religionspädagogischer Perspektive beleuchtet, wobei die Diskussion noch durch religionswissenschaftliche und hochschuldidaktische Beiträge bereichert wird.3
Der systematische Theologe Michael Nausner (Uppsala/Schweden) folgt in seinem Aufsatz den Spuren einer postkolonialen Theologie, für welche die Frage nach Zugehörigkeit die zentrale Herausforderung darstellen muss. Gerade das Christentum kann sich Nausner zufolge nicht auf eine klare Zugehörigkeit zur Welt berufen, welche dann die Zugehörigkeit Anderer bestreitet. Vielmehr ist in postkolonialer Perspektive das Mehrfachzugehörige, Hybride an der christlichen Existenz zu betonen. Begründet ist diese Vorstellung für Nausner darin, dass Christen und Christinnen sich nie nur als zu einer Nation zugehörig verstehen können, sondern sich immer auch als aus der Welt Herausgerufene begreifen müssen, die zu Gott gehören. Nausner versteht gerade diese Mehrfachzugehörigkeit als ein Friedenspotential, weil es nationalistischen Dynamiken entgegenwirken kann.
Die Religionswissenschaftlerin Theresa Pieper (Bremen) zeigt in ihrem Beitrag, dass poststrukturalistische Vorstellungen von nicht-abgrenzenden religiösen Identitäten ein Potential besitzen, gesellschaftliche Abgrenzungsdynamiken zu unterlaufen. Gerade damit wird nicht die Möglichkeit emanzipatorischer Politik untergraben. Vielmehr werden so Freiräume für emanzipatorische Bewegungen unterschiedlich Marginalisierter geschaffen.
Der interkulturelle Theologe Bernhard Ortmann (Yangon/Myanmar) reflektiert in seinem Aufsatz die Problematik von Verallgemeinerungen im Religionsvergleich. In kritischer Auseinandersetzung mit Peter Schmiedels Werk Philosophie, Religion und Wirtschaft (Marburg 2015) zeigt er, wie dieser seine interreligiöse Wirtschaftsethik über eine Abgrenzung vom Hinduismus als dem wirtschaftsethisch untauglichen ‚Anderen‘ entwickelt. In einer Perspektive der Dekonstruktion macht Ortmann deutlich, dass die ‚Weltreligion‘ Hinduismus eine in sich vielgestaltige Religionsformation darstellt, die sich nicht als Abgrenzungsmodell vereinnahmen lässt. Ein Zugang zum interreligiösen Vergleich, der postkoloniale Kritik ernst nimmt, argumentiert er, müsse dagegen auch ‚subalternisierte‘ Traditionen einbeziehen.
Der systematische Theologe Dominik Gautier (Oldenburg) plädiert für eine postkolonial reflektierte Christologie. Im Anschluss an Gayatri Chakravorty Spivaks Analyse ‚epistemischer Gewalt‘, welche die Stimmen der ‚Anderen‘ zum Schweigen bringt, könne die Christologie als Irritation kolonialer Vorstellungen neu gelesen werden. Hierzu zieht er die Arbeiten Reinhold Niebuhrs und James H. Cones heran: Weil diese die Christologie als Unterbrechung bestehender Herrschaftsverhältnisse begreifen, sind sie postkolonial anschlussfähig. Hiervon ausgehend könnte auch religiöse Bildung als eine Bildung reformuliert werden, die sich den eigenen kolonialrassistischen Verwicklungen stellt. Sie würde die Stimme der ‚Anderen‘ dann weder ignorieren noch vereinnahmen, sondern sich im produktiven Sinn von ihr verwirren lassen und das Verlernen rassistischen Denkens üben.
Der Neutestamentler Christian Wetz (Oldenburg) widmet sich in seinen exegetischen Überlegungen dem Jesuswort von der „zweiten Meile“ (Mt 5,41). Es entsprach römischem Beamten- und Militärrecht, dass Soldaten Bewohner eroberter Länder zu Frondiensten requirieren (ἀγγαρεύειν) durften. Dazu gehörte auch, jemanden zu nötigen, den Soldaten eine bestimmte Wegstrecke etwa zum Lastentragen zu begleiten. Jesu Weisung, die Wegstrecke zu verdoppeln, schafft mit Homi Bhabha einen Dritten Raum der Begegnung, in dem der Soldat in die Entscheidung gerufen wird, die imperiale Logik, die er repräsentiert, in Frage zu stellen. Dieser Dritte Raum steht im Zusammenhang mit der matthäischen Himmelreich-Theologie. Dabei kehrt Jesu Gebot die bestehenden hegemonialen Verhältnisse nicht um, sondern nivelliert sie.
Die Alttestamentlerin Janneke Stegeman (Amsterdam) zeigt anhand des Umgangs mit den biblischen Figuren Jesus und Tamar, in welcher Weise koloniale Deutungsmuster in der homiletischen Rezeption der Bibel bis heute nachwirken. Jesus wird laut Stegemann, entgegen seiner Geschichte als Kritiker und Opfer imperialer Gewalt, als weißer Christus gezeichnet, der seiner kritischen Seite entledigt und herrschaftsförmig gemacht wird. Diese Strategie beschreibt Stegeman parallel zur Bildung eines Männerbundes als „bonding“. Demgegenüber wird die in Gen 38 dargestellte Tamar in der Rezeptionsgeschichte – in einem Prozess des Otherings – als die „Andere“ konstruiert. Entgegen einer anderen Lesart, welche die körperliche Selbstbestimmung Tamars wahrnimmt und ihr Verhalten als einen Widerstand gegen ihren Ausschluss versteht, wird sie überwiegend in abwertender Weise wahrgenommen. Stegemann spricht sich in ihrem Aufsatz deshalb dafür aus, biblische Figuren gerade in ihrer subversiven Kraft wahrzunehmen, die sich nachwirkenden kolonialen Vereinnahmungen entziehen.
Der Religionswissenschaftler und Ethnologe Magnus Echtler (Bayreuth) beschäftigt sich mit Isaiah Shembe, der im Jahr 1910 die Nazareth Baptist Church in Südafrika (NBC) gründete und seitdem von den Kirchenangehörigen als Messias verehrt wird. Echtler zufolge ist die erbcharismatische Stellung des Kirchenführers in der NBC, die sich in Form des ‚spirituellen Shembe‘ in jedem Kandidaten manifestieren muss, hinsichtlich des messianischen Gehalts ambivalent. Allerdings argumentiert er, dass angesichts eines religionswissenschaftlich-theologischen Diskurses, der christliche Traditionen in der NBC betont, den messianischen Charakter Shembes herunterspielt und innerkirchliche Stimmen weitgehend ignoriert, eine postkoloniale Intervention nahezu zwingend vom schwarzen Messias sprechen muss. Nur so können der radikale Bruch mit dem Missionschristentum markiert und die fortgesetzten Vereinnahmungsversuche zurückgewiesen werden.
Der Kirchenhistoriker Gladson Jathanna (Chennai/Indien) beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit der wissenskonstruierenden und herrschaftskonstitutiven Funktion des Archivs. Am Beispiel des Hermannsburger Missionsarchivs entwirft er eine postkoloniale Archivkritik und zeigt, wie durch Quellenanordnung und die Verschlagwortung des Materials eine bestimmte Lesart der Geschichte vorgegeben wird. Indem sie die Perspektive der Missionare privilegiert, legt sie eine Erzählung der Mission in Indien als Erfolgsgeschichte nahe. Um eine postkolonial ausgerichtete und damit vielschichtige Erzählung der Mission zu entwickeln, die nicht die Stimmen der Missionierten tilgt, bedarf es nach Jathanna einer ständigen Kritik von Archiven und einer Unterwanderung des Quellenbegriffs. Geschehen kann dies, indem schriftliche, vor allem aber auch nicht-schriftliche Äußerungen der Missionierten, wie Kunst, Lieder oder Tanz, als Quellen herangezogen werden. Dadurch kann eine einseitige Geschichtsschreibung aus der Perspektive der deutschen Missionare irritiert werden.
Ergänzend hierzu widmet sich die Kirchenhistorikerin Sabine Hübner (Oldenburg) der Frage, wie eine postkoloniale, machtkritische Analyseperspektive für kirchengeschichtliche Seminare fruchtbar gemacht werden kann. Hierzu stellt sie ein Seminar vor, das im Rahmen des erwähnten Oldenburger Lehrprojekts die Komplexität der europäischen Kolonialgeschichte thematisierte, zugleich aber ihre bis heute andauernden Folgen im Blick behielt. In Anlehnung an das didaktische Format des Forschenden Lernens führten Studierende dort eigene kleine Forschungsprojekte zu Fotografien aus dem Archiv der Norddeutschen Mission durch und präsentierten die Ergebnisse auf der sich an das Lehrprojekt anschließenden Tagung. Wie Hübner zeigt, bestärken sich bei diesem Vorgehen postkoloniale und forschungsbasierte Ansätze gegenseitig: Einerseits erfahren forschungsbasierte kirchengeschichtliche Lehrkonzepte durch postkoloniale Fragestellungen eine machtkritische Vertiefung. Andererseits stellen forschungsbasierte Seminare einen geeigneten Lehr- und Lernkontext bereit, um postkoloniale Überlegungen für Studierende sinnvoll zu konkretisieren.
Die Religionspädagogin Britta Konz (Dortmund) zeigt in ihrem Beitrag, dass der Umgang mit Heterogenität eine Aufgabe der Migrationsgesellschaft ist, zu der auch die Religionspädagogik ihren Beitrag leisten muss. Sie ist zu einem neuen intrareligiösen Lernen herausgefordert, das als Brücke zum interreligiösen Lernen dienen kann. Die Auseinandersetzung mit interkultureller Theologie und postkolonialer Theorie kann dabei, so ihre These, in zweierlei Hinsicht zur Ressource werden: Zum einen, indem sie die Religionspädagogik dazu herausfordert, dem Konzept des Konfessionellen und Konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts ein konfessionelles Selbstverständnis zugrunde zu legen, das nicht auf einem religiösen Othering anderer religiöser Überzeugungen und Glaubensrichtungen basiert und die Realität christlicher Binnendifferenzierung und die kulturelle Vielfalt des Christentums umfassend reflektiert. Zum anderen, indem beim Theologisieren mit Schülerinnen und Schülern kontrastierende Wahrheitsansprüche anderer christlicher und nicht-christlicher Glaubensvorstellungen reflektiert werden.
Den Herausgebern der Reihe „STAR“, Mandy Robbins und Jan Willem van Henten, sei für die freundliche und unbürokratische Aufnahme des Bandes und dem Verlag Brill, namentlich Ingrid Heijckers-Velt und Gert Jager, für die hervorragende Betreuung gedankt. Darüber hinaus sei Dr. Matthias R. Hoffmann (Kiel und München) für die gründliche Korrektur und sprachliche Überarbeitung der englischen Beiträge gedankt.
Wir widmen diesen Sammelband dem Andenken an Klaus Alois Baier (1941–2017). Der große Ökumeniker und Interkulturelle Theologe wirkte bis zu seinem Ende unermüdlich, begeistert und begeisternd als außerplanmäßiger Professor am Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik der Universität Oldenburg.
Britta Konz
Bernhard Ortmann
Christian Wetz
In den Beiträgen finden geschlechterinklusive Schreibweisen bei Personengruppen keine durchgängige Verwendung. Stattdessen wird meist dem üblichen Sprachgebrauch gefolgt. Die inklusive Schreibweise (z.B. „Schülerinnen und Schüler“) wird stellenweise verwendet, wo es um Individuen in ihrer Geschlechterdifferenz geht, nicht um den Typus, der im Deutschen zumeist durch die maskuline Form bezeichnet wird.
Darüber hinaus fand im Sommer 2016 unter dem Motto „fremd. Biblisch-theologische Einsichten in ein Menschheitsthema“ eine sechswöchige Gottesdienstreihe statt, die von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Nikolai in Oldenburg unter der Leitung von Pfarrer Andreas Thibaut gemeinsam mit dem Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik der Universität Oldenburg veranstaltet wurde.
Weiteres zur Tagung unter www.uni-oldenburg.de/andere_tagung.