Die Digitalisierung, die rasante Weiterentwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) und deren zunehmender Einsatz in verschiedensten Lebensbereichen haben unser (Alltags-)Leben bereits grundlegend transformiert. Diese Entwicklungen werden, so ist aller Voraussicht nach zu erwarten, auch künftig auf noch unvorhersehbare Weise unser individuelles Leben, unsere Gesellschaft und Kultur verändern. Wie diese Transformationsprozesse zu gestalten und zu bewerten sind und wo die Möglichkeiten und Grenzen dieser Prozesse liegen, sind Fragen, mit denen sich auch Philosoph*innen beschäftigen. So hat sich in den letzten Jahren der Bereich der Philosophie der Digitalisierung und KI entwickelt. Zumindest in der Wahrnehmung der breiteren Ãffentlichkeit werden hier primär Fragen der Philosophie des Geistes und moralphilosophische Fragen verhandelt. So wird beispielsweise in der Philosophie des Geistes diskutiert, ob und unter welchen Voraussetzungen man KI Bewusstsein, Intentionalität oder Autonomie zusprechen kann. Innerhalb der Ethik der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz sind beispielsweise Fragen nach der Verantwortung und Haftung bei autonomen Systemen, dem Schutz der Privatsphäre, dem legitimen Einsatzbereichen von digitalen Technologien und der Fairness und Chancengleichheit im Zugang und in der Nutzung von digitalen Ressourcen zentral.
Mit diesem zweisprachigen Sammelband wollen wir die Aufmerksamkeit auf ein weiteres Feld der Philosophie der Digitalisierung und KI lenken, das der Ãsthetik. In den nachfolgenden 16 Beiträgen kommen Philosoph*innen unterschiedlicher Denktraditionen, Autor*innen benachbarter Disziplinen und Künstler*innen zu Wort. Sie diskutieren ästhetische und kunstphilosophische Fragestellungen rund um KI-generierte Werke und deren ästhetischen Status, das kreative und künstlerische Potenzial von KI, die Interaktion von KI, Künstler*in und Betrachter*in und die Ãsthetik sozialer Medien und virtueller Realitäten.
Die ersten Beiträge setzen alle an der Frage an, ob künstliche Intelligenz Kunst erschaffen kann bzw. ob man mithilfe von künstlicher Intelligenz Kunst kreieren kann. So stellt Göran Hermerén im ersten Beitrag âCan Computers Create Art?â zugleich die Frage, ob Computer, die gegenwärtig verfügbare KI-Programme oder KI-Werkzeuge verwenden, autonome Künstler*innen sein können, Künstler*innen, die Kunstwerke erschaffen, als deren Urheber*innen sie es verdienen, angesehen zu werden. Er argumentiert, dass man diese Frage negativ beantworten muss.
Auch Catrin Misselhorn geht in ihrem Beitrag âArtificial Intelligence, Authorship and Aesthetic Responsibility in Artâ der Frage nach, ob KI echte Kunst schaffen kann, und unterscheidet dabei zwischen generativer und kooperativer KI-Kunst. Sie kommt zu dem Schluss, dass KI zwar im engen Sinne ästhetisch agieren kann, ihr jedoch die Fähigkeit zur Autorschaft und damit zur ästhetischen Verantwortung fehlt â eine zentrale Voraussetzung dafür, Kunst erschaffen zu können. Auch in kooperativen Szenarien bleibt KI damit keine Mitautorin; ihre Produkte gelten als âFake Artâ, die zwar wie Kunst erscheinen, aber den sozialen Kunstbegriff untergraben.
Dieter Mersch untersucht im dritten Text âZur Kritik künstlicher Kunst. Ãsthetik unter Bedingungen von Deep Learningâ das kreative Potenzial und den Kunststatus KI-generierter Bilder und kritisiert dabei die zugrunde liegenden Kreativitäts- und Kunstbegriffe. Er zeigt, dass diese Systeme vor allem auf mathematischen Optimierungsverfahren und Bildstereotypen beruhen und daher primär zufallsbasierte Variationen statt genuine künstlerische Neuerungen erzeugen.
Daniel Feige verteidigt im vierten Kapitel âKritik der KI-Kunstâ aus handlungstheoretischer Perspektive und produktionsästhetischer Ãberlegungen heraus die These, dass KI nicht die Fähigkeit besitzen kann, eigenständig Kunstwerke zu schaffen, da sie über keine ästhetische Rationalität verfügt. Gleichzeitig könne KI als eigensinniges Material verstanden werden, das künstlerisch genutzt werden kann, um kritische Auseinandersetzungen mit ihrer gesellschaftlichen Rolle zu ermöglichen.
Charlotte Klink analysiert in ihrem Beitrag âAnanke, oder: von den Möglichkeiten der Kunst und der Notwendigkeit der KIâ die ideologisch geprägte Notwendigkeitslogik im öffentlichen und technologischen Diskurs über KI. Anhand künstlerischer Projekte verdeutlicht sie, dass und wie Kunst durch ihre Offenheit und Kontingenz alternative Perspektiven auf die gesellschaftliche Implementierung von KI eröffnen kann.
Im sechsten Kapitel âPhotography and the Techno-Automatic Paradigm in Art and Aestheticsâ untersucht Snježana Å imiÄ das Verhältnis von Kreativität und Automatismus am Beispiel der Fotografie. Sie stellt dabei die Frage, ob Maschinen kreativ sein können, in einen historischen Zusammenhang, indem sie aufzeigt, dass ähnliche Debatten bereits mit der Erfindung der Fotografie geführt werden. Dabei entwickelt sie die These, dass Kreativität und Automatismus kein Widerspruch sein müssen, sondern auch menschliche Kreativität teilweise auf automatisierten Prozessen beruht.
Oliver Zöllner untersucht vor dem Hintergrund medien- und technikphilosophischer Ansätze, was ein Bild im Zeitalter KI-basierter Bildgeneratoren ist, in seinem Beitrag âPrompting Imagistic Images: Humans as Shepherds of AI-based Image Productionâ. Er entwickelt ein neues Verständnis technisch erzeugter Bilder im Spannungsfeld von Wahrheit und Kitsch. Er skizziert die veränderte anthropologische Rolle des Menschen als âHirte der Objekteâ und beschreibt das Verhältnis von Mensch und Technik als allmählich habitualisierte Affordanz.
Lisa Schmalzried setzt in ihrem Text âArtificial Intelligenz, Kitsch, and Artâ an der Beobachtung an, dass KI-generierte Werke eine hohe Kitschaffinität aufweisen. Sie argumentiert erstens, dass (viele) KI-generierte Werke Kitsch sind (KI-Kitsch-These), und zweitens, dass diese Werke keine Kunst sind (KI-Keine-Kunst-These). Anhand stilistischer Merkmale, affektiver Reaktionen und idealer Kitschproduktionsweisen wird für die KI-Kitsch-These argumentiert, bevor auf Basis einer effekt-basierten, funktionalistischen Kitschdefinition die grundsätzliche Unvereinbarkeit von Kunst und Kitsch dargelegt wird.
Die nächsten Beiträge thematisieren die Wichtigkeit des leiblich-körperlichen Aspekts für die ästhetische Wahrnehmung. Gülben Salman und Cemre Su Kavalalı analysieren in âThe Bodily Aspect of AI-Based Aesthetic Generations: Immersive Digital Sensual Experienceâ zunächst die maschinellen Lernverfahren hinter KI-basierter Bildgenerierung und zeigen anhand historischer Entwicklungen, dass KI eher Design als Kunst schafft. Sie argumentieren, dass KI die sinnliche ästhetische Erfahrung bereichern kann. AbschlieÃend wird mit Merleau-Pontys Konzept des Chiasmus dargestellt, wie KI durch hybride Erfahrungen zur ästhetischen Erfahrung beitragen kann, beispielhaft an immersiven Museumserlebnissen.
Harry Drummond argumentiert im zehnten Kapitel âEnactive Aesthetics: Insights Through AIâ, dass KI-Systeme keine ästhetischen Erfahrungen wie Menschen machen können, da ihnen die hierfür grundlegende leibliche Verkörperung fehlt. Er klärt die ästhetisch-kognitiven Grenzen heutiger KI, vertieft das Verständnis ästhetischer Erfahrung und kritisiert eine hirnzentrierte Ãsthetik zugunsten eines verkörperten, enaktiven Ansatzes der Kognitionswissenschaft.
Beiträge von Simon Waskow und Sebastiano Gubian konzentrieren sich auf musikästhetische Fragestellungen. Simon Waskow illustriert in seinem Beitrag âProcessed Material and the hybrid Indexâ am Beispiel von Holly Herndons Godmother, wie KI-basierte Audio-Generierung die menschliche Stimme vom Körper trennt und dadurch das Indexikalische in Tonaufnahmen verändert. Die Aufnahme wird zum hybriden Produkt aus Mensch und Maschine, was zentrale Konzepte wie musikalisches Material und Prozess neu bestimmt. AbschlieÃend werden die weitreichenden Auswirkungen dieser Technologien auf künstlerische Praktiken reflektiert.
In seinem Text âThe Technical System of Music in Bernard Stieglerâs Aesthetics: Some Remarks on the Role of Computers in Musical Compositionâ beleuchtet Sebastiano Gubian die Rolle zeitgenössischer Musik in Bernard Stieglers Ãsthetik und reflektiert den Wandel der Computernutzung in der Musik nach der Krise des Strukturalismus. Anhand von Emmanuel Nunesâ Werk Lichtung I wird ein neuer ästhetischer Zugang analysiert, der mithilfe von Stieglers Prothesenbegriff den Ãbergang von automatisierter Komposition hin zu einer vielfältigeren Mensch-Maschine-Interaktion verständlich macht.
Vinicius de Aguiar wendet sich in seinem Beitrag âSocial Media and the Arts: Two Regimes of Attention Economyâ dem Bereich der sozialen Medien zu. Er untersucht die ästhetischen Folgen der Aufmerksamkeitsökonomie in sozialen Medien und argumentiert, dass diese auf einer technologisch vermittelten Ãsthetisierung beruht, die vor allem das Angenehme privilegiert. Diese âÃsthetik des Angenehmenâ untergräbt das Potenzial sozialer Medien für intersubjektive Erfahrungen. Literatur und Musik dienen dabei als Gegenbeispiele, die zeigen, wie ästhetische Medien intersubjektive Erlebnisse ermöglichen können.
Der Beitrag âNeither IRL nor URL: The Puzzling Ontological Status of Internet Memesâ von Jay Luong untersucht die ontologischen Besonderheiten von Memes als digitale Bild-Text-Formen. Dabei zeigt Luong, dass klassische kunsttheoretische Modelle wie Wollheims Type/Token-Unterscheidung die Eigenheiten von Memes nur unzureichend erfassen. Memes unterscheiden sich in drei zentralen Punkten von traditionellen Kunstwerken, was auf ihre spezifische soziale Einbettung und Produktionsweise zurückzuführen ist.
Sebastian Mühls Artikel âFrom Morphogenic Angels to Duotopia. Figurations of hybridity and becoming in the work of Keiken and Cao Feiâ thematisiert die ästhetische und politische Bedeutung von Avataren in den Arbeiten von Keiken und Cao Fei im Kontext virtueller Realitäten und Gaming-Umgebungen. Dabei wird gezeigt, wie deren avatarische Figurationen symbolisch in die Bildung digitaler Identitäten eingreifen und als Ausdruck einer visuellen Politik verstanden werden können, die Macht-, Wissens- und Identitätsstrukturen mitprägt.
Der abschlieÃende Beitrag âÃsthetische Erscheinungsformen: Gestaltung öffentlicher Interessen und Raummodelleâ von Christiane Wagner erweitert den Betrachtungsrahmen nochmals. Wagner untersucht, wie digitale, von Kunst, Architektur, Design und Medien gestaltete Räume in urbanen und hybriden Umgebungen durch ästhetische und ethische Wahrnehmung zur Gestaltung öffentlicher Interessen beitragen können. Im Fokus steht dabei die theoretische und kritische Analyse digitaler Kommunikationskontexte im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung, soziale Teilhabe und kulturelle Zugehörigkeit.
Wie dieser erste Ãberblick über die Beiträge dieses Sammelbandes veranschaulichen soll, geben die Autor*innen einen spannenden Einblick in das sich entwickelnde Forschungsfeld der Ãsthetik der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz und regen zu einer differenzierten Reflexion über die ästhetische Dimension der digitalen Transformation an.