‚The horror! The horror!‘
Haben wir ein Herz von Finsternis, das Herz voller Finsternis oder sind wir im Herzen der Finsternis? Das erste beschriebe eine Qualität unseres Herzens, das zweite eine (möglicher Weise: temporäre) Affiziertheit unseres Herzens, das dritte einen Umraum, in dem wir uns (reinen Herzens?) orientieren müssten. Während es vielleicht bis hierher so hat scheinen können, als wäre ein (lustiges, gutes, richtiges) Leben im Zentrum einer falschen (korrupten) Weltordnung möglich und die Reportagen aus diesem Auge des Sturms hellsichtig, so zeigt sich rückschauend, dass diese Berichte selbst es sind, die die Umwertung aller Werte nicht bloß berichten, sondern ermöglichen, beinhalten und verursachen. Odysseus Schlauheit rettet ihn und seine Gefährten vielleicht aus mancher Gefahr, aber all jene, die auf seine Schlauheit bauen und von ihr profitieren, müssen endlich doch elendiglich untergehen. Odysseus selbst ist dann kein Individuum, das davonkommt, sondern derjenige, der in die Heimat zurückkehrend, die Pest in die belagerte Burg hineinträgt (wie der Ritter in Bergmans Film ‚Das 7. Siegel‘) – er ist die Personifikation der Zerstörung, die in der Ordnung angelegt ist.
Adorno beklagt die Situation: dass in einem falschen Leben kein richtiges möglich sei; wobei die Falschheit und Richtigkeit sich auf Situation (richtiges Handeln ist in einer korrumpierten Wirklichkeit unmöglich), Handlungsoptionen (das falsche Leben ermöglicht mir keine akzeptablen Handlungsoptionen; ich kann nicht als Handelnder in Erscheinung treten) und Affiziertheit (die Falschheit der Situation affiziert mich derart, dass ich die richtigen Handlungen nicht ausführen kann, weil ich die richtigen Urteile nicht mehr zu fällen in der Lage bin) bezieht. Adorno notiert dies ‚aus einem beschädigten Leben‘; die Lage, die er beschreibt, ist eine posttraumatische Gegenwart, deren Handlungsoptionen durch den Terror, der das Trauma auslöste, verzerrt worden sind.
Hannah Arendt beschreibt so ähnlich die Folgen des Handelns, die unabsehbar und unkontrollierbar sind; für sie gibt es freilich beim Handeln im Raum des Menschlichen die Möglichkeit des Verzeihens. Ein Handeln jedoch, das ‚in die Natur hineinhandelt‘, ist nicht im Moment des Verzeihens aufgehoben. Adornos Klage in ‚Minima Moralia‘ ist getragen vom Zweifel an den Möglichkeiten des Verzeihens, zu sehr sind die materiellen Folgen und die existentielle Bedrohung, die von der ‚Falschheit des Lebens‘ ausgeht, sichtbar. Da diese ‚Falschheit‘ nicht endet, sondern die Bedingungen, die den Terror ermöglichten, weiter bestehen (in der Gesellschafts-und Wirtschaftsordnung der Moderne, vor allem aber in den Ideen, auf denen diese Ordnungen basieren), ist die existentielle Bedrohung nicht aufgehoben, ist das richtige Leben weiterhin unmöglich. Andererseits sehen wir die Folgen dieses falschen Lebens am Verfall der gesamten Welt, die uns umgibt – am Verfall der gesellschaftlichen Institutionen, der Bedrohtheit des Klimas und der Umwelt; Klimakollaps ist in diesem Sinne nicht nur die Beschreibung von natürlichen Faktoren, sondern umfasst den Zusammenbruch des gesellschaftlichen Klimas, den Adorno bereits beschreibt. Adornos Dictum bezieht sich ursprünglich auf das private Leben: ‚Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben‘ wird paraphrasiert als: ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen.‘ Für Hannah Arendt ist das Handeln der Bereich des Erscheinens, die Folgen des Handelns sind nicht absehbar oder steuerbar. Die Relevanz einer pluralen Meditation zum Erscheinen sei eben die Möglichkeit, falsche Vorstellungen von kollektiver Identität und unserem Handlungsrahmen im Kollektiv zu korrigieren, um Entfremdung abzubauen. Abzubauen gilt es vor allem die Vorstellung, dass unser Handeln individuell konstituiert ist. Gerade diese Korrekturen fallen politisch und moralisch ins Gewicht, um ein gemeinsames gutes Leben zu ermöglichen. Hannah Arendt beschreibt den archimedischen Punkt als einen Punkt in der Geschichte des Geistes, – aber auch als die Projektion, d.i. die Vorstellung, eines solchen Punktes –, von dem aus es uns möglich ist, die Welt (als unsere Heimat) zu verlassen und sie, diese Welt, die uns ganz umgibt und uns ganz formt, in unsere (vorgestellte) Verfügbarkeit zu überführen. Dies hat fatale Folgen. Die Trennung von den anderen und von der Welt ist damit beschlossene Sache. Die dreifache Entfremdung beginnt.