Der eigenen Geschichte nicht bewusst ist das Private. Es ist (noch) nicht beispielhaft, weil es nicht in den Erscheinungsraum des Politischen eintreten kann, wie wir mit Hannah Arendt sagen könnten.1 So ist das Private, z.B. die Angelegenheiten dieser Autorin, etwa ihre persönliche Geschichte, und als Teil dieser die Entstehungsgeschichte dieses Textes, eben gerade nicht historisch, sondern ahistorisch. Vor einiger Zeit wurde der Ruf laut, dass das Private das Politische sei.2 Dass also die privaten Angelegenheiten der Einzelnen Grund zu und Anlass von politischen Forderungen werden sollten, weil dort, im Bereich des Privaten, die Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten einer ungleichen Gesellschaft zu Buche schlagen. Diese Mängel seien nicht im Privaten, sondern nur im politischen Raum des Gemeinsamen, oder: der Bedeutungen, zu verhandeln, weil sie sonst gar nicht zur Erscheinung gebracht werden könnten. Die kritische Vergewisserung des eigenen Standpunktes verlangt also sowohl eine Bewusstwerdung, den Eintritt des Privaten ins Politische, als auch die Wahrnehmung dieses Standpunktes als exemplarisch und historisch, d.h. als eine Position, deren bloÃes (da) Sein teilhat an Bedeutung in einer überindividuellen und zeitenverbindenden Gemeinschaft der Sprecher. Das Politische ist und bleibt gerade nicht privat. Andererseits sind âpersönliche Meinungenâ oder: Standpunkte wichtig, nicht, weil sie persönlich-privat (also auch ahistorisch) sind, oder weil das Abstrakt-Allgemeine an ihnen tatsächlich herauszudestillieren und dem objektiven Wissen zuzuführen sei, sondern weil sie im Moment ihrer Verlautbarung historisch werden und so zum Grund für weitere (zukünftige) Bedeutungsfindungen.
Ein Text ist eine Spur in die Zukunft. Im Moment des Geschriebenseins bereits überkommen, eine Art Rest, ist er der Ausgangspunkt eines kritischen Weitermachens. Der hier vorliegende Text ist in eben diesem Sinn ein Entwurf. Das Nebeneinanderstellen von Gedanken in ihm erklärt sich aus den poetischen Interessen seiner Autorin, aus ihrer Absicht, verschiedene Momente des (eigenen) Lesens in (kanonischen) Texten miteinander zu verbinden, so dass ein neues Bild sichtbar wird. Die Machart des Textes besteht im Verknüpfen von punktuellen Text-Exegesen. Es geht also nicht um groÃe Einzelstudien einzelner Denker oder Quellen, sondern um die Berührung mit Texten. Die Philosophie liege als Disziplin genau mittig zwischen Poesie und Logik, meint Gottfried Gabriel.3 Aus dieser Mitte heraus nur ist Bedeutung theoretisch erschlieÃbar. Adriana Cavarero z.B. holt die weiblichen Figuren der Antike zurück in den Diskurs und zeigt an ihnen ein âneuesâ oder alternatives Bild des im Kanon Enthaltenen.4 Mein Anliegen ist ebenso das Vorstellen dessen, was möglich ist, hier mit Hilfe der Formulierung eines âneuenâ oder alternativen Bildes von Sozialontologie anhand der Untersuchung von âBedeutungspermanenzâ. Dieses Bild ist nur im Ausgangspunkt dem instrumentellen Bedeutungsbegriff der analytischen Handlungstheorien ähnlich, oder dem präsentisch-auÃerhistorischen Bedeutungsbegriff in analytischen Bedeutungstheorien; sie berührt aber auch den geschichtlichen Begriff von Bedeutung der Hermeneutik oder Textauslegung nur tangential. Vielmehr geht es mir um die Suche nach einer kritischen und pragmatischen Antwort auf die Frage âWas dürfen wir hoffen?â Eine Antwort versuche ich zu formulieren anhand der prozessualen Beschreibung von Bedeutung, die sich mit Apel transzendental letztbegründbar und rational zeigt, und die uns verpflichtet auf eine nach Wahrheit und Eudaimonia strebende Sprechergemeinschaft, die gerade durch die Unabgeschlossenheit dieses Strebens nach Bedeutung gekennzeichnet ist.
âExponents and square roots, pencils and erasers, beta decay and electron capture. Name two things that undo each other and explain why both are necessaryâ, so die Schreibanweisung zu einem College-Admissions-Essay einer US-amerikanischen Universität aus dem Jahr 2024. Sava, unser ältester Sohn, antwortet in einer Skizze zu diesem Thema der âNotwendigen Gegensätzeâ: Zeit und Leben lösen einander.5 Ist mit âlösenâ hier gemeint: löschen oder annullieren? Vielleicht: einlösen oder erlösen? Oder: auslösen als befreien? âTime is not an actor; it is the undoing of memory and evidence of existence. Yet, life renders time-as-limit irrelevant to those who are alive,â schreibt er. Was ist Zeit? Das Aufeinanderfolgen von Ereignissen, gemessen anhand von Entropie, d.i. als Verlauf eines Wärmeprozesses hin zu einer immer gleichmäÃigeren Verteilung der Teilchen im Universum, d.i. als Anwachsen des Chaos. Chaos ist das Aufhören von Ereignissen, es bezeichnet das ungeordnete, weil vollkommen gleichmäÃige Ganze. Was ist Leben? Leben ist Erinnerung. âEvery building and every monument, however great or safe, will eventually fall to the ravages of time. After all, it does not possess the ability to reproduce. However, a cultural memory or story can live on almost indefinitely. At least, as long as there are minds in which its memory can be reproduced, meaning being traced and transmitted.â Das Paradox: Wir können den Kampf gegen die Zeit gewinnen, wenn auch nur vorübergehend. In meiner Antwort geht es um ein Lösen dieses Paradoxes.
Lovelock formuliert und untersucht in âGaiaâ bereits 1979 die These, dass âLebenâ selbst die für es notwendigen (planetaren Bedingungen kontinuierlich hervorbringt:6
By contrast (to Mars and Venus which have atmospheres of CO2 with less than 1 % nitrogen and oxygen), our own atmosphere contains gases that will react in sunlight and hence is in a deep state of chemical disequilibrium. I knew that the air we breathe is constant in composition and this suggests that it must be regulated by life. (â¦) Then the idea that life on the surface formed a system that kept the planet habitable came into my mind as a flash of enlightenment. (Lovelock, Gaia, 2016, vii)
Diese Idee beinhaltet sofort auch die weiterführende These für Lovelock, dass âlifeâ nicht nur die chemische Komposition der Luft, sondern auch das Klima allgemein regulieren könnte. Lovelock fordert in Konsequenz dieser These(n) eine einheitliche Wissenschaft, die unseren âlebendigen Planetenâ zu beschreiben und zu erklären sucht. (ebenda, ix) Er erweitert diese Einsicht auf den Bereich der Produkte des Geistes:
Our evolution as an animal able to communicate by speech and with a large brain enabled us to harvest, use, and store information. Without this ability there would have been no persistent ideas, no record of them, and no Anthropocene. (â¦) We should also see that our pollution is much more than combustion products like CO2. Intelligent animals like us also excrete information in its many forms. (Lovelock, Gaia, 2016, x)
Bei Max Scheler ist dem Ungehemmten des Lebens das hemmende Prinzip des Geistes entgegengestellt, der das Chaos des undifferenzierten Werdens des Lebensprinzips zu einer (rational-grammatisch-göttlichen) Ordnung formt.7 Auch dies ist ein Prozess des der Zeit Entgegenstehens, der jedoch selbst wieder ein Werden darstellt, in diesem Sinn ist er Arbeit an Bedeutung.
Mein Leipziger Kollege Nikos Psarros schreibt in einem neueren Aufsatz zur âNatur der Zeitâ in physikalischen und evolutionsbiologischen Theorien, dass eine eschatologische Auffassung der evolutionären Zeit, d.i. die Idee einer evolutionären Zeit, die einen Anfang und ein Ende hat, entgegen herrschender Meinung philosophisch naheliege:
Die Wissenschaft der Biologie untersucht ihre Objekte unter der Bedingung der zyklischen Zeit. Im Gegensatz dazu ist die Zeit der Evolutionstheorien der Arten linear wie die Zeit der Physik und Chemie. Sie hat aber im Gegensatz zu dieser linearen Zeit auch eine irreversible Richtung, die nicht einfach entropisch ist â wie die Zeit der Thermodynamik â, sondern in erster NaÌherung historisch und fortschreitend. (â¦)
Die FaÌhigkeit des Geistes zu verstehen, also eine bestimmte systematische Struktur der natuÌrlichen Welt als notwendige und hinreichende Bedingung ihrer Existenz zu erkennen, ist die Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Idee dieser FaÌhigkeit â die Intelligenz â ist die notwendige und ausreichende Voraussetzung fuÌr den Beweis der eschatologischen Natur der evolutionaÌren Zeit. (Nikos Psarros, Die Natur der Zeit, im Erscheinen)8
Wenn mit dem Erscheinen der Intelligenz im Wesen âMenschâ ein Ende der evolutionären Zeit erreicht ist, dann ist unser weiteres Fortschreiten in der kulturellen Zeit hin zu einer Realisierung âbesserer Theorienâ und âgelingender Lebenâ nicht nur eine logische Folgerung, sondern, anders als in Lovelocks Darstellung der Produkte geistiger Tätigkeit als âevolutionärer Abfallâ, auch eine âsittlicheâ Verpflichtung für uns.
Erwähnen möchte ich verschiedene Institutionen, vertreten durch wohlwollende Personen, die diesem Projekt auf die Sprünge halfen: Das akademische Jahr 2023/24 verbrachte ich an der University of Oklahoma mit Recherchen in der exzellenten Bizzell Library in Norman. Ich danke Rusty Jones, der mich als Forscherin an die OU einlud. Die verschiedenen Themen des Textes erarbeitete ich vor allem in der Diskussion mit Studierenden an der Paris Lodron Universität Salzburg im Zeitraum vom Wintersemester 2020 bis zum Sommersemester 2024. Allen engagierten Mitdiskutanten sei hiermit gedankt. Dank auch an Johannes Brandl, durch dessen Vermittlung die Lehrtätigkeit an der PLUS zu Stande kam. AuÃerdem forschte und unterrichtete ich an den Universitäten in Leipzig, WrocÅaw, an der Hebrew University in Jerusalem, in Graz, Granada und Wien. Den Studierenden und Lehrenden an diesen Universitäten danke ich für ihre Gastfreundschaft und ihre Einsichten, von denen ich lernen durfte. Dank an Max Stange und Maxi Seidl, von deren umsichtigen Kommentaren der Text profitierte. Die Vorarbeit zu diesem Text bis zu meiner Habilitation, auf der diese Arbeit aufbaut, wurde von der Volkswagen-Stiftung durch ein Dilthey-Stipendium ermöglicht. Die Drucklegung der Monographie wurde möglich durch die groÃzügige Unterstützung des Fördervereins zur wissenschaftlichen Forschung an der Paris Lodron Universität Salzburg.
Im Sinne der doppelten Bindung des Sprechers an eine diachrone und synchrone Sprechergemeinschaft, die indes beide ideal gedacht werden müssen, d.h. die mich beide kategorisch auf âbessere Theorieâ verpflichten, â ein Telos, das auÃerhalb des Strebens liegt und darum ein Scheitern des Strebens bereits mitbeinhaltet â, widme ich âBedeutungspermanenzâ meinen (akademischen) Müttern und Vätern, und TW und unseren Kindern, mit denen ich am Tisch der Philosophen sitzen darf. Dort sitzt auch die Leserin / der Leser dieses Buches.
Hannah Arendt, The Human Condition, University of Chicago Press: Chicago, 1958.
Carol Hanisch, The Personal is Political, in: Shulamite Firestone, Anne Koedt (Hrsg.), Notes from the Second Year: Womenâs Liberation, 1970.
Gottfried Gabriel, Zwischen Logik und Literatur, Metzler: Heidelberg: 1991.
Adriana Cavarero, Nonostante Platone, Editori Riuniti: Rom, 1990. Aus dem Italienischen von Gertraude Grassi und Otto Kallscheuer, Rotbuch Verlag: Berlin 1992.
Siehe auch: Beatrice Kobow, Sava Wedman, Weltbezug und Zeitlichkeit, in: Analytische Explikationen & Interventionen, mentis/Brill: Leiden, 2021.
Lovelock, Gaia, <1979> OUP: Oxford, 2016.
Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos, <1928>, Meiner: Hamburg, 2018.
Das Paper wurde auf dem âArbeitskreis zu Hegels Naturphilosophieâ 2024 vorgestellt und ist im Erscheinen begriffen; vgl. auch: Psarros, The Ontology of Time â A Phenomenological Approach, in: Burckhardt, Hans, Gerogiorgakis, Stamatios (Hrsg.), Time and Tense, Philosophia Verlag: München 2015, 383â428.