Dieses Buch ist ein Versuch, die Frage „was ist Bedeutung?“ systematisch zu beantworten. Da das Wort „Bedeutung“ vieldeutig ist, hätte man zur genaueren Abgrenzung erwarten können, dass ich etwa „sprachliche Bedeutung“ sage. Aber der Begriff „Sprache“ ist selbst nicht ohne ein klares Verständnis dessen abzugrenzen, was Bedeutung in diesem engeren Sinn ist. Sind Lautfolgen wie „aua“ und „pst“ sprachlich? Was ist mit einer Handbewegung in einer Gebärdensprache oder mit einem einfachen Kopfschütteln? Alle diese Phänomene haben jedoch in einem gewissen Sinn Bedeutung, der Fälle wie „die Bedeutung des Zerfalls des römischen Reichs“ oder „die Bedeutung der aktuellen Wirtschaftskrise“ ausschließt. Es ist die Bedeutung in dem ersten Sinn, die ich untersuchen will. Es wird einem nicht entgangen sein, dass die oben genannten Phänomene eine Rolle in unserer Kommunikation spielen, sodass man wohl die Bezeichnung „kommunikative Bedeutung“ in Erwägung ziehen kann. In diesem Buch werde ich zeigen, dass der Zusammenhang des Bedeutungsbegriffs mit dem der Kommunikation kein Zufall ist.
Es ist wichtig, dass wir uns von Anfang an klarmachen, dass es bei der Frage „was ist Bedeutung?“ nicht darum geht, Bedeutungsangaben für irgendwelche Ausdrücke aufzustellen. Die Frage ist nicht, was ein bestimmter Ausdruck bedeutet, sondern, was Bedeutung ist. Diese Frage ist zudem gleichzeitig eine erkenntnistheoretische Frage, nämlich die, woher wir wissen, dass ein Ausdruck die Bedeutung hat, die er hat. Diese weitere Dimension der Frage nach der Bedeutung wurde oft übersehen, da wir im Alltag eine Frage wie „woher wissen wir, dass ‚Feuer‘ Feuer bedeutet?“ als eher müßig abtun. Als Champollion zuerst den Hieroglyphentext auf dem Rosettastein entziffert hat und die Bedeutungen der Ausdrücke in dieser Schrift nannte, war diese Warum-Frage eine ernsthafte. Warum haben diese Ausdrücke die von Champollion angegebenen Bedeutungen? Woher wusste er das? Unsere alltägliche Gleichgültigkeit gegenüber der Forderung, Kenntnisse der Bedeutung zu begründen, wurzelt in unserem fast uneingeschränkten Vertrauen in die Autorität eines Muttersprachlers. Aber diese Autorität selbst ist philosophisch erklärungsbedürftig. Eine Bedeutungstheorie muss auch diese Frage beantworten können. Denn anders als andere Eigenschaften ist die Bedeutung eines Ausdrucks etwas, das wesentlich dazu da ist, erkannt zu werden. Für Bedeutung gilt also in der Tat, esse est percipi, oder besser intellegi. Daher ist eine Bedeutungstheorie, die nicht gleichzeitig eine Theorie des Verstehens ist, eine unvollständige und sogar eine gehaltlose – da das eigentliche Rätsel der Bedeutung gerade in der Frage, woher wir sie kennen können, besteht.
Wie soll nun eine richtige Bedeutungstheorie aussehen? Ich habe bereits auf den Zusammenhang der Bedeutung mit der Kommunikation hingewiesen. In der Tat lässt sich der Bedeutungsbegriff vollständig auf den der Kommunikation und dieser schließlich auf Begriffe der mentalen Zustände zurückführen. Die Grundidee einer solchen Rückführung stammt von Paul Grice, der vor allem gezeigt hat, wie das, was jemand mit einer Äußerung in einer Kommunikation meint, oder anders gewendet, die konkrete Äußerungsbedeutung, was ich schließlich die Realbedeutung einer Äußerung nennen werde, durch die Kommunikationsabsicht erklärt werden kann.1 Diese Idee bietet den Ansatz für eine Bedeutungstheorie, die sowohl die Was-ist-Frage als auch die erkenntnistheoretische Frage beantwortet. Grob gesagt kann man diese Idee durch das folgende Beispiel erläutern: Mit der Äußerung „Schnee!“ in einer Kommunikation zu meinen, dass es schneit, heißt, diese Äußerung mit der Absicht zu vollziehen, den Adressaten in einen mentalen Zustand zu bringen, in dem es ihm scheint, dass es schneit. Diese Absicht wird zudem allein dadurch erfüllt, dass der Adressat bei der Äußerung eben diese Absicht erkennt. Eine solche Einflussnahme auf die mentalen Zustände eines anderen durch die Bekanntmachung der Beeinflussungsabsicht nenne ich eine offene. Es wird eine meiner Aufgaben in diesem Buch sein, diese Offenheit genau zu beschreiben.
In einem zweiten Schritt kann man die Standardbedeutung des Ein-Wort-Satzes „Schnee!“ durch die Äußerungsbedeutung erklären. Die Standardbedeutung ist bloß die Äußerungsbedeutung, die man innerhalb einer Gemeinschaft bei dieser Äußerung i. d. R. erwartet. Sätze oder Ausdrücke an sich gibt es streng genommen nicht, es sei denn als konkrete Äußerungen, vollzogen in konkreten oder vorgestellt in gedachten Kommunikationen. Sobald wir uns dieser Tatsache bewusstwerden, ist die Erklärung der Standardbedeutung durch die Äußerungsbedeutung eine intuitive Sache.
Ein bemerkenswerter Zug an diesem Beispiel ist, wie die Erklärung uns deutlich macht, dass wir nicht vorher die Bedeutung der Äußerung „Schnee!“ kennen müssen, um die Äußerung zu verstehen. Sie zeigt uns im Gegenteil, wie wir überhaupt die Erkenntnis der Bedeutung erlangen. Wir müssen in der gegebenen Kommunikation anhand der Äußerung und ihrer begleitenden Umstände irgendwie ausmachen, dass der Sprecher mit dieser Äußerung die oben genannte Absicht verbindet. Man muss also die Äußerung radikal interpretieren, radikal in dem Sinne, dass wir dabei nicht auf vorhandene Sprachkenntnisse zugreifen können. Es ist ein oft übersehenes Faktum, dass wir jede Sprache auf diese Art radikal interpretieren können, da jede Sprache als Muttersprache von ihren Muttersprachlern auf diese radikale Weise gelernt werden, ein Faktum, das erst durch das Gedankenexperiment der radikalen Übersetzung2 bzw. Interpretation3 ins allgemeine Bewusstsein der Sprachphilosophie gerückt zu sein scheint. Die Perspektive eines Interpreten hilft besonders dabei, die erkenntnistheoretische Frage uns deutlich vor Augen zu führen.
Obwohl diese Erklärung für solche unstrukturierten Äußerungen gut funktioniert, bleibt sie zunächst einmal wirkungslos für die meisten Äußerungen unserer alltäglichen Kommunikation. Denn diese erfolgt fast ausschließlich in strukturierten Äußerungen. Es ist zwar nicht verkehrt, zu sagen, dass die Bedeutung der Äußerung „wenn es noch weiter so schneit, können wir nicht mehr fahren“ darauf zurückzuführen ist, dass man mit dieser Äußerung den Adressaten durch eine offene Einflussnahme in einen mentalen Zustand bringen will, in dem es ihm scheint, dass sie nicht mehr fahren können, falls es weiter so schneit. Aber diese Aussage ist fast nichts-erklärend. Denn wir können nicht diese komplexe Absicht erkennen, ohne dass wir bereits die Bedeutung der Äußerung kennen. Eine radikale Interpretation scheint nicht mehr möglich zu sein. Wenn sie aber grundsätzlich nicht möglich wäre und nur die Bedeutung der Äußerung in ganz rudimentären Kommunikationen, in denen nur unstrukturierte Signale gegeben werden, durch Kommunikationsabsicht erklärt werden könnte, so wäre der Gewinn des Grice’schen Ansatzes ziemlich gering. Bedeutung in einem philosophisch interessanten Sinn würde gar nicht erklärt. Aber wir wissen bereits angesichts des Faktums unseres radikalen Erstspracherwerbs, dass alle Äußerungen einer Sprache radikal interpretiert werden können. Die Frage ist nur, wie wir es gemacht haben. Um dies zu zeigen, brauchen wir eine rekursive Theorie, die die Bedeutung zusammengesetzter Äußerungen durch die Bedeutung ihrer kleinsten Bestandteile erklärt. Die kleinsten Bestandteile sind nun wiederum unstrukturiert und lassen sich in der gleichen Weise interpretieren, wie die Äußerung „Schnee“ interpretiert wird. Eine solche Theorie, die die Bedeutung der zusammengesetzten Äußerungen auf die ihrer Bestandteile zurückführt, nenne ich eine Kompositionstheorie und das Problem, das sie lösen soll, das Kompositionsproblem.
Grice hat zwar auch versucht, eine Art Kompositionstheorie zu entwickeln, welche eine Behandlung dessen beinhaltet, was man i. d. R. unter „Bezugnahme“ und „Prädikation“ versteht.4 Sein Versuch ist jedoch einerseits skizzenhaft. Andererseits hat er sich nicht bemüht, den Zusammenhang seiner Kompositionstheorie mit der Meinensanalyse zu erläutern. Die Theoretiker, die Grice’ Meinensanalyse in aller Ausführlichkeit mit größter Sorgfalt weiterentwickelt haben, wie z. B. Stephen Schiffer5 und Georg Meggle6, haben schließlich wenig über das Kompositionsproblem zu sagen.
Andere, wie z. B. Sperber & Wilson7, Recanati8 und Joszczolt9, lassen sich vor allem von Grice’ Theorie der Implikatur inspirieren, welche den Ansatz bietet für eine systematische Untersuchung der Arten, auf die man mit einer Äußerung mehr meint, als es sich mit dieser Äußerung wörtlich sagen lässt, wobei dieses über das Gesagte hinaus Gemeinte „Implikat“ genannt wird. Diese Theoretiker entwerfen philosophische Modelle der Kommunikation, in dem eher eine Pragmatik angestrebt wird. Viel Energie ist auf die Unterscheidung aufgewendet worden, was in einer Kommunikation explizit gesagt und was nur implizit gemeint wird.10 Grice’ ursprüngliches Programm der kommunikationstheoretischen Semantik bleibt dabei aus. Sperber & Wilson äußern diesbezüglich sogar Zweifel daran, dass Grices Meinensanalyse auf alle Fälle der Kommunikation zutrifft.11 Gelegentlich wird es anscheinend auch hier versucht, das Kompositionsproblem zu lösen, wie z. B. bei Jaszczolt.12 Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass Jaszczolt dabei die Standardbedeutung für bereits gegeben hält und sie nicht eigens erklärt. Dadurch wird die zentrale Frage der Bedeutungstheorie bereits übergangen. Wenn es um die Frage, was Bedeutung überhaupt ist, geht, ist die Unterscheidung zwischen impliziter und expliziter Bedeutung, und somit die Unterscheidung zwischen Pragmatik und Semantik, schließlich eine zweitrangige Sache. Sie müssen in einer einheitlichen Bedeutungstheorie ihre Erklärungen finden.
Darum werde ich nicht viel über Grice’ Theorie der Implikatur zu sagen haben. Wenn eine Kompositionstheorie, die einen Teil der Theorie des Verstehens ausmacht, entwickelt wird, wird die Einheit der Meinensanalyse und der Theorie der Implikatur bei Grice ersichtlich. Denn es gibt nur eine Art, Bedeutung zu erzeugen, nämlich über offene Einflussnahme. Die Mechanismen der Erzeugung von einfachen Äußerungsbedeutungen und von Implikaten sind schließlich dieselben. In diesem Licht werden Grice’ beide Theorien vereint. Aber auch diese Einheit werde ich nicht eigens zu zeigen versuchen, da sie, so meine Überzeugung, sofort einleuchtet, sobald eine vollendete Bedeutungstheorie vorliegt.
Während die Theoretiker innerhalb der Grice’schen Tradition das Kompositionsproblem entweder ungenügend behandeln, oder es unter Auslassung der Beantwortung der Frage nach der Bedeutung lösen, gibt es eine bekannte kompositionale Bedeutungstheorie außerhalb dieser Tradition, nämlich Donald Davidsons wahrheitstheoretische Semantik. Davidson hat früh erkannt, dass eine adäquate Bedeutungstheorie rekursiv sein muss.13 Er schlägt eine Tarski’sche Wahrheitstheorie als Bedeutungstheorie vor und setzt dabei im Gegensatz zu Tarski den Wahrheitsbegriff als intuitiv klar voraus und erklärt den Bedeutungsbegriff durch den der Wahrheit.14 Hier haben wir eine Theorie, die das Kompositionsproblem adäquat zu lösen beansprucht und zudem auch eine begriffliche Erklärung der Bedeutung anbietet. Aber diese Theorie ist keine kommunikationstheoretische. Dass man den Begriff der Bedeutung nicht vollständig durch den Wahrheitsbegriff erklären kann, sieht man daran, dass Äußerungen nicht nur vollzogen werden, um etwas Wahres zu sagen. Auch in Fällen, wo sie zu diesem Zweck vollzogen werden, ist dies ein untergeordneter Zweck. Man will dabei etwas Wahres sagen, nur weil man über etwas informieren, etwas mitteilen, an etwas erinnern, etwas erklären usw., will. So kann auch die wahrheitstheoretische Bedeutungstheorie keine adäquate Theorie der Bedeutung sein, da es in einer Kommunikation immer mehr zu erkennen gibt als die Wahrheitsbedingung des geäußerten Satzes.
Mein Ziel in diesem Buch ist, eine einheitliche Bedeutungstheorie zu entwickeln, die sowohl eine Meinensanalyse als auch eine Theorie des Verstehens enthält, die dadurch sowohl die Seinsfrage „was ist Bedeutung?“ als auch die erkenntnistheoretische Frage „wie erkennen wir Bedeutungen?“ beantwortet.
Da die Meinensanalyse seit ihrer Geburt bereits eine intensive Bearbeitung und dadurch einen erheblichen Fortschritt erfahren hat, wird meine Bearbeitung der Meinensanalyse vor allem in feinen Nachbesserungen bestehen. Die Theorie des Verstehens hingegen, die, wie ich es später zeigen werde, dasselbe ist wie die Theorie der Interpretation, erfolgt in zwei Schritten. Zuerst muss erklärt werden, wie primitive Äußerungen ohne Strukturanalyse verstanden, d. h. interpretiert werden können. Danach muss man das Verstehen zusammengesetzter Äußerungen erklären. Dieser zweite Schritt besteht in der Formulierung einer Kompositionstheorie. Ihre Aufgabe kann ihrerseits wieder in zwei Teile zerlegt werden. Zum einen muss man zeigen, wie die Bedeutung jener Äußerungen in einem Interpretationsversuch zu bestimmen ist, die zwar eine innere Struktur aufweisen, aber nicht aus Teilsätzen bestehen. Man muss sozusagen zeigen, wie aus Wörtern Sätze gebildet werden. Zum anderen muss man zeigen, wie die Bedeutung zusammengesetzter Sätze durch die der Teilsätze zu erklären ist, oder anders gesagt, wie man aus Sätzen Sätze macht. Letzteres sind die bekannten Probleme der Semantik der Junktoren, die einigermaßen leicht zu lösen sind, und der intensionalen Satzkonjunktionen, wie z. B. der Konjunktion „weil“, deren Interpretation bei weitem schwieriger ist. Die Kompositionstheorie, die ich entwickeln werde, beschränkt sich vor allem auf die erste Aufgabe, nämlich die Erklärung der Satzbedeutung durch Wortbedeutung. (Die Rede von Satzbedeutung soll natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass man stets die Äußerung als Untersuchungsgegenstand hat.) Im Grunde genommen ist die Aufgabe die Erklärung der Grundebene der Syntax, die traditionell durch das Subjekt-Prädikat-Schema bzw. das Schema der Bezugnahme und der Prädikation erklärt wird. Ich werde eine Zwei-Schritte-Theorie entwickeln, die dieses alte Schema ablöst. Die Aufgabe der Erklärung der intensionalen Satzkonjunktion werde ich hier außer Acht lassen, erstens, weil es dazu viele überzeugende Lösungen bereits gibt,15 und zweitens, weil die intensionale Satzkonjunktion nicht die Grundebene der Komposition ausmacht – allein mit Bezugnahme, Prädiktion und Quantifikation, so scheint es mir, kann man schon fast alles, was sich in einer Sprache sagen lässt, ausdrücken.
Bei dieser Kompositionstheorie ist es ferner besonders wichtig, zu zeigen, dass sie vollständig im Sinne einer Kommunikationstheorie verstanden werden kann. Alles, was hier über die Bedeutung der Sätze und ihrer Bestandteile gesagt wird, muss letztlich durch die Begriffe der mentalen Zustände erklärt werden können.
Aber bevor ich überhaupt diese Aufgaben in Angriff nehmen kann, muss ich mit einer Reihe von hartnäckigen Vorurteilen in der Sprachphilosophie aufräumen. Unter anderem werde ich im ersten Kapitel zeigen, dass die gängigen Begriffe wie „Gebrauch“ „Sprachspiel“ und „Regel“ im Zusammenhang der Bedeutungstheorie zum Teil metaphorisch, zum Teil aber einfach inhaltsleer sind. Im zweiten Kapitel zeige ich, dass der primäre Bedeutungsträger die Äußerung ist und dass die Bedeutung in letzter Instanz durch Kommunikation zu erklären ist. Auch werde ich hier versuchen, die zentralen Begriffe, die untersucht werden, wie z. B. den Begriff der Äußerung und den Begriff des Mit-einer-Äußerung-etwas-Meinens vorläufig abzugrenzen. Diese zwei Kapitel bilden den ersten Teil, der eine Vorbereitung für die oben genannten Aufgaben ausmacht. Im zweiten Teil werde ich die Meinensanalyse behandeln. Ich beginne damit, im dritten Kapitel die Begriffe der mentalen Zustände zu untersuchen und klar abzugrenzen, die in der Meinensanalyse den Begriff des Mit-einer-Äußerung-etwas-Meinens erklären sollen. Das Kapitel 4 setzt sich mit Einwänden gegen die Meinensanalyse bzw. gegen die Idee der kommunikationstheoretischen Bedeutungstheorie auseinander. In Kapitel 5 erreiche ich eine endgültige Formulierung der Meinensanalyse, während ich dabei vor allem die Offenheit der Kommunikation genau beschreibe. Der dritte Teil ist schließlich der Theorie des Verstehens gewidmet. Zu Beginn zeige ich im sechsten Kapitel, wie die Kommunikationstheorie eine Antwort auf die erkenntnistheoretische Frage nach der Bedeutung gibt. Hier zeige ich, warum es bei gewissen Äußerungen möglich ist, dass die Kommunikationsabsicht, wodurch die Äußerungsbedeutung ja erklärt wird, unabhängig von dieser in einer Kommunikation vom Adressaten bestimmt werden kann. Verstehen ist auf dieser Grundebene nicht von Sprachkenntnissen abhängig. Das Streben nach diesem Verstehen ohne Vorkenntnisse nenne ich die radikale Interpretation. Die zentrale Idee hier ist, dass wir ganze Sprachen durch radikale Interpretation von Grund auf erschließen können. Diese Idee ist intuitiv plausibel, sobald wir an unseren Erstspracherwerb denken, in dem wir radikal interpretieren mussten. Meine Aufgabe besteht vor allem darin, Zweifel zu zerstreuen, indem ich einige Missverständnisse aufkläre, die die Quellen dieser Zweifel bilden – insbesondere das verbreitete Missverständnis, dass Gedanken bzw. mentale Zustände Bedeutungen haben, dass das Denken sprachlich sei oder grundsätzlich Sprache voraussetze. Alle diese scheinbaren Gemeinplätze beruhen auf sprachlicher Verwirrung. Im siebten Kapitel präsentiere ich schließlich eine Kompositionstheorie (beschränkt auf die Grundebene der Syntax), die ich „Zwei-Schritte-Theorie“ nenne. Der Inhalt ist also folgendermaßen aufgegliedert:
Vgl.: Paul Grice: »Meaning« und »Utterer’s Meaning and Intentions«, in: ders.: Studies in the Way of Words, Cambridge, Massachusetts 1989, S.213–223 und S.86–116.
Vgl.: W. V. O. Quine: Word and Object. Massachusetts 1960, S.26–79.
Vgl.: Donald Davidson: »Radical Interpretation« in: ders.: Inquiries into Truth and Interpretation, Oxford 1984, S.125–139.
Vgl.: Paul Grice: »Presuppositions and Conversational Implicature«, in: ders.: Studies in the Way of Words, Cambridge, Massachusetts 1989, S.269–282, und Paul Grice: »Vacuous Names«, in: Donald Davidson & Jakko Hintikka (Hg.): Words and Objections, Essays on the Work of W. V. Quine, Dordrecht 1975, S.118–145.
Vgl.: Stephen Schiffer: Meaning, Oxford 1972.
Meggle hat sich in seinem Buch Grundbegriffe der Kommunikation, Berlin 1981, nur auf die Aufgabe der theoretischen Beschreibung der Kommunikation beschränkt. Später unternahm er zwar den Versuch, konventionelle Bedeutung durch Kommunikation zu erklären, setzt sich dabei aber mit dem Kompositionsproblem nicht auseinander. Vgl.: Georg Meggle: Handlungstheoretische Semantik, De Gruyter 1984.
Vgl.: Dan Sperber & Deirdre Wilson: Relevance: Communication and Cognition, Cambridge, Massachusetts 1986.
Vgl.: François Recanati: Literal meaning, Cambridge, 2003.
Vgl.: W. Jaszczolt: Default Semantics: Foundations of a Compositional Theory of Acts of Communication, Oxford 2005.
Vgl. z. B.: Kent Bach: »Conversational Impliciture«, in: Mind & Language 9 (1994), S.124–163, und Kent Bach: »You Don’t Say?«, in: Synthesis 128 (2001), S.15–44.
Dan Sperber & Deirdre Wilson: Relevance: Communication and Cognition, Cambridge, S.27.
Vgl.: Jaszczolt: Default Semantics: Foundations of a Compositional Theory of Acts of Communication, S.72.
Vgl.: Donald Davidson: »Theories of Meaning and Learnable Languages«, in: ders.: Inquiries into Truth and Interpretation, Oxford 1984, S.3–16.
Vgl.: Donald Davidson: »Truth and Meaning«, in: ders.: Inquiries into Truth and Interpretation, Oxford 1984, S.17–36.
Vgl. z. B. Donald Davidson: »On Saying That«, in: ders.: Inquiries into Truth and Interpretation, Oxford 1984, S.93–108, und die Kapitel VI und VII von Quine: Word and Object.

