Als Tugenderkenntnistheorie können all diejenigen Ansätze in der Erkenntnistheorie gelten, in deren Antworten auf erkenntnistheoretische Fragen der Begriff der intellektuellen Tugend eine gestaltgebende Rolle einnimmt. Diese Ansätze ihrerseits können anhand zweier Kriterien voneinander unterschieden werden. Das erste Kriterium betrifft die Fragen, auf welche diese Ansätze Antworten formulieren. Das zweite Kriterium betrifft den Begriff der intellektuellen Tugend, der jeweils zur Beantwortung dieser Fragen herangezogen wird. Während in Bezug auf die Fragen, die mit dem Begriff der intellektuellen Tugend zu beantworten sind, heute meist eine Art laisse faire-Einstellung unter Tugenderkenntnistheoretikern1 herrscht, wird über die Frage, wie der Begriff der intellektuellen Tugend in der Erkenntnistheorie zu verstehen ist, heftig diskutiert. Einig ist man sich allenfalls in Bezug auf die These, dass intellektuelle Tugenden dispositionale Eigenschaften von Personen sind, die ihre Träger in intellektueller Hinsicht – das heißt, grob gesprochen, dort, wo es um das Denken oder das Erkennen geht – gut machen.
Auf dieser Grundlage argumentiert eine Gruppe von Tugenderkenntnistheoretikern dafür, dass intellektuelle Tugenden als kognitive Fähigkeiten – wie die Wahrnehmung oder die Erinnerung – aufzufassen sind, weil solche Fähigkeiten einer Person dazu verhelfen, wahre Überzeugungen zu bilden (Sosa 1991, 2015; Greco 2009, 2010). Eine zweite Gruppe ist der Ansicht, dass intellektuelle Tugenden nicht als Fähigkeiten, sondern, wie in der Tugendethik gemeinhin üblich, als persönliche Charaktereigenschaften aufgefasst werden sollten, weil Eigenschaften wie intellektuelle Großzügigkeit oder intellektueller Schneid einer Person dazu verhelfen, sich in intellektueller Hinsicht – etwa bei forschenden Untersuchungen – richtig und redlich zu verhalten (Zagzebski 1996, Baehr 2011, Roberts und Wood 2007).
Diese kurzen Ausführungen zeigen, dass sich der Tugenderkenntnistheorie als Theorielandschaft eine Uneinigkeit in Bezug auf das Verständnis ihres Grundbegriffs attestieren lässt. Vielleicht ist das auch überhaupt kein Problem; man könnte schließlich meinen, dass die Frage, was eine intellektuelle Tugend wirklich ist, nur sinnvoll beantwortet werden kann, wenn man vorher festlegt, was dieser Begriff leisten soll – das heißt, indem man sich fragt, welche Frage mithilfe des Begriffs überhaupt beantwortet werden soll. Da es denkbar ist, dass sich recht unterschiedliche Fragen innerhalb der Erkenntnistheorie mithilfe des Begriffs der intellektuellen Tugend beantworten lassen, und in den Antworten auf diese Fragen einmal der eine, einmal der andere Begriff seinen Platz hat, ergibt es Sinn, der Zweckdienlichkeit der Frage skeptisch gegenüber zu stehen, wer im Streit um die Natur von intellektuellen Tugenden nun wirklich Recht hat.
Im Fokus dieser Arbeit stehen allerdings ausschließlich diejenigen Versionen der Tugenderkenntnistheorie, in denen der Begriff der intellektuellen Tugend in einer Analyse des Wissensbegriffs und damit zur Antwort der mit diesem Anliegen verbundenen Fragen nutzbar gemacht wird. Das heißt, im Folgenden geht es um Theorien von Wissen. Wenn die Aufgabe lautet, die Natur von Wissen mithilfe des Begriffs der intellektuellen Tugend zu ergründen, dann ist die Frage, was wir in diesem theoretischen Zusammenhang sinnvollerweise unter den intellektuellen Tugenden einer Person verstehen sollten, meines Erachtens angebracht und verlangt nach einer Antwort. Diese Antwort zu liefern ist das erste Anliegen dieser Arbeit.
Da es im Grunde zwei Antworten auf die Frage gibt, was eine intellektuelle Tugend ist, gibt es auch zwei Großgruppen von Theorien von Wissen innerhalb der Tugenderkenntnistheorie. Auf der einen Seite gibt es den Tugendreliabilismus – auch Tugendverlässlichkeitstheorie (virtue reliabilism) genannt (Greco 2003, 2009, 2010; Sosa 2007, 2015; Riggs 2002) –, der eine Analyse des Wissensbegriffs mithilfe des Begriffs der kognitiven Fähigkeit anstrebt. Auf der anderen Seite gibt es den Tugendresponsibilismus, auch Tugendverantwortungstheorie (virtue responsibilism) genannt (Zagzebski 1996, Napier 2008), der dasselbe mithilfe des Begriffs der intellektuellen Charaktertugend versucht. Wir haben es also mit zwei unterschiedlichen Versionen einer Tugendtheorie von Wissen zu tun, die in Konkurrenz zueinander stehen und die sich in der Hauptsache darin unterscheiden, dass in ihnen der Begriff der intellektuellen Tugend je unterschiedlich auslegt wird. Mit Blick auf diese beiden Theorieoptionen lässt sich die eben gestellte Frage nach der Natur der wissenskonstitutiven intellektuellen Tugend auch so formulieren: Welche Variante der Tugenderkenntnistheorie bietet die bessere Analyse von Wissen?
Ich werde dafür argumentieren, dass der Tugendresponsibilismus, der den Begriff des Wissens mithilfe des Begriffs der intellektuellen Charaktertugend analysiert, kein aussichtsreicher Kandidat für die richtige Theorie von Wissen ist, weil die Anforderungen, welche der Begriff der intellektuellen Charaktertugenden an den Begriff des Wissens stellt, schlichtweg zu stark zu sind (vgl. auch Baehr 2011, 39-44; Greco 2010, 10; Sosa 2015, I.2). Das heißt, ich werde mich am Ende des ersten Teils der Arbeit (Kapitel 1-4) auf Seiten der Tugendreliabilisten schlagen, wenn es um die Frage geht, wie wir den Begriff der intellektuellen Tugend verstehen sollten, wenn unser Anliegen ist, eine Theorie des Wissens zu entwerfen. Damit wird die erste zentrale Frage der Arbeit beantwortet sein: Wenn wir den Begriff des Wissens mithilfe des Begriffs der intellektuellen Tugend analysieren, sollten wir Tugendreliabilisten sein – wir sollten eine Theorie von Wissen entwerfen, die auf den Begriff der kognitiven Fähigkeit Bezug nimmt.
Der zweite Teil der Arbeit (Kapitel 5-6) widmet sich einer detaillierten Ausarbeitung und genauen Untersuchung des Tugendreliabilismus als Theorie von Wissen. Ich werde die Gründe nachvollziehen, die dafür sprechen, dass der Tugendreliabilismus ein besonders aussichtsreicher Kandidat für eine gelungene Theorie des Wissens ist, – nicht nur im Vergleich zum Tugendresponsibilismus, sondern auch zu einer der konkurrierenden Theorien von Wissen außerhalb der Tugenderkenntnistheorie, dem so genannten Prozessreliabilismus. Ich konzentriere mich auf den Prozessreliabilismus als Alternative zum Tugendreliabilismus, weil dieser von seinen Vertretern als dessen Weiterentwicklung wahrgenommen wird, – als eine Theorie mithin, welche die Vorteile des Prozessreliabilismus teilt, während sie seine Nachteile vermeidet (vgl. z.B. Greco 2010, 10; Pritchard 2014, 58). Diese Behauptung gilt es zu überprüfen. Meine These im zweiten Teil der Arbeit lautet, dass der Tugendreliabilismus in der Tat eine aussichtsreiche Theorie des Wissens ist, welche uns – richtig verstanden –die Ressourcen bereitstellt, einige der zentralen Probleme im Zusammenhang mit der Analyse des Wissensbegriffs besser zu lösen, als es mit einem reinen Prozessreliabilismus möglich wäre.
Wie bereits angedeutet wurde, sind die genannten Erkenntnisprojekte bezüglich der Natur von Wissen beileibe nicht erschöpfend für das Feld, das typischerweise als Tugenderkenntnistheorie bezeichnet wird. Es gibt eine ganze Reihe von Ansätzen, denen es um die Beantwortung von Fragen geht, die mit der Analyse von Wissen nichts oder nur wenig zu tun haben. Manche Tugenderkenntnistheoretiker stellen sich z.B. die Frage, ob es grundsätzlich moralisch falsch ist, etwas aufgrund von unzulänglicher Evidenz zu glauben (vgl. Montmarquet 1993). Andere fragen sich, welche intellektuelle Verantwortung wir anderen Personen gegenüber haben, insofern wir Wesen in einer Gemeinschaft sind, deren Mitglieder auf das redliche intellektuelle Verhalten ihrer Mitmenschen vertrauen und angewiesen sind (vgl. Code 1987). Wieder andere fragen sich, was den Charakter eines ausgezeichneten bzw. vorbildlichen Denkers ausmacht (vgl. Roberts und Wood 2007).
Diese für sich genommen durchaus interessanten Projekte werden im Folgenden allerdings keine Rolle spielen oder nur insofern implizit behandelt werden, als sie alle Teil der Tugenderkenntnistheorie als Theorienfamilie sind, deren Grundannahmen ich im ersten Kapitel erklären und im weiteren Verlauf der Arbeit anwenden möchte. Das wird es uns ermöglichen, zu erläutern, was das besondere an Tugendtheorien von Wissen ist, die wir, wie ich zeigen möchte, alle als Formen einer aretaischen Analyse von Wissen verstehen sollten. Wir beginnen deshalb im ersten Kapitel mit der Beantwortung der Frage, was die Angelsätze der Tugenderkenntnistheorie sind. Zentral sind hier zwei Thesen: Zum einen die These, dass die Erkenntnistheorie eine normative Disziplin ist, und zum anderen die These, dass diese Art der Normativität unter Bezugnahme auf bestimmte normative Eigenschaften von Personen – ihre intellektuellen Tugenden – erklärt werden kann. Der Bezug auf beide Thesen zusammen macht die aretaische Analyse von Wissen zu einer so genannten personenbasierten Theorie von Wissen.
Das zweite Kapitel widmet sich der Frage, welche Theorieoptionen wir haben, wenn wir die Frage beantworten wollen, was eine intellektuelle Tugend ist. Ich werde die historischen Wurzeln des Tugendbegriffs in Aristoteles’ Ethik nachvollziehen, um vor diesem Hintergrund den Begriff der kognitiven Fähigkeit und den Begriff der intellektuellen Charaktertugend für die Zwecke dieser Arbeit zu erläutern. Beide Begriffe sehe ich in Aristoteles’ Antwort auf die Frage angelegt, was eine Tugend ist. In diesem Kapitel werde ich betonen, dass es entscheidend ist, dass wir den Begriff der intellektuellen Tugend als den Begriff einer personalen Eigenschaft auffassen, weil wir nur so die Vorteile einlösen können, die uns eine echte personenbasierte Theorie von Wissen in Aussicht stellt. Dort werde ich ein Kriterium der minimalen Kontrolle für die Personalität von Eigenschaften anbieten (S. 56), das über die Arbeit hinweg immer wieder zur Anwendung kommen wird. Dort werden wir auch die Gelegenheit haben, die Frage zu beantworten, in welchem Verhältnis kognitive Fähigkeiten und intellektuelle Charaktertugenden zueinander stehen.
Das dritte Kapitel liefert eine Einordnung der aretaischen Analysen von Wissen in ihren historisch-systematischen Hintergrund. Das Ziel dieses Kapitels besteht darin, die These zu motivieren, dass eine Version einer historischen, externalistischen Theorie von Wissen die beste Option ist, um mit bestimmten Fällen von epistemischem Zufall umzugehen. Zugleich dient das Kapitel als Hintergrund- und Methodenkapitel. In ihm werde ich die Begriffsanalyse als philosophische Methode erläutern und zeigen, durch welche theoretischen Desiderata die Entwicklung einer Theorie von Wissen bis hin zur aretaischen Analyse von Wissen motiviert ist. Ich habe mich entschieden, dieses Kapitel auf einen späteren Teil der Arbeit zu verschieben, weil dies in erster Linie ein Buch über Tugenderkenntnistheorie ist. Leserinnen und Leser, die mit der erkenntnistheoretischen Tradition der letzten Jahrzehnte wohlvertraut sind, können getrost über dieses Kapitel hinweggehen. Ich hoffe, dass es mit seinem einführenden Charakter anderen eine Hilfe sein wird.
Das vierte Kapitel stellt unterschiedliche Versionen der aretaischen Analyse von Wissen vor und diskutiert deren Vor- und Nachteile. In diesem Kapitel werde ich dafür argumentieren, dass der Tugendreliabilismus die einzig vielversprechende Theorie von Wissen im Lager der Tugenderkenntnistheorie ist, weil die Integration des Begriffs der intellektuellen Charaktertugend – so, wie dieser Begriff von Tugendresponsibilisten in der Regel verstanden wird, – zu starke Anforderungen an den Wissensbegriff stellt. Ich werde dort auch unterschiedliche Versionen des Tugendreliabilismus vorstellen und zeigen, welche Theorieelemente uns zur Verfügung stehen, um die im zweiten Teil der Arbeit behandelten Problemfälle anzugehen.
Das fünfte Kapitel beantwortet die Frage, worin die Unterschiede zwischen dem Prozess- und dem Tugendreliabilismus als zwei eng verwandten Theorien von Wissen liegen, und wieso wir auch dann Tugendreliabilisten sein sollten, wenn doch schon eine so erklärungsmächtige Theorie wie der Prozessreliabilismus vorliegt. Hier spielen insbesondere zwei Fragen eine Rolle: Können beide Theorien die Natur von Wissen erklären und können beide Theorien den Wert von Wissen erklären? Insbesondere auf diese zweite Frage liefert das fünfte Kapitel eine bedingt negative Antwort. Sie lautet, dass der Prozessreliabilismus den Wert von Wissen nicht erklären kann, dass der Tugendreliabilismus gegenüber dem Prozessreliabilismus in Bezug darauf allerdings nur dann im Vorteil ist, wenn wir die noch näher zu erläuternde These über die Natur von Wissen verteidigen können, dass Wissen eine persönliche Errungenschaft ist.
Das sechste Kapitel widmet sich deshalb den wichtigsten Herausforderungen für diese für den Tugendreliabilismus gestaltgebende Annahme. Das Ziel des Kapitels ist es, diesen Herausforderungen zu begegnen, um am Ende die bestmögliche Variante des Tugendreliabilismus zu entwickeln. Hier spielen Fälle von testimonialem Wissen, Fälle von umweltbedingtem epistemischem Zufall sowie die Frage eine Rolle, ob der Tugendreliabilismus nicht darauf angewiesen ist, auch intellektuelle Charaktertugenden als intellektuelle Tugenden, die Wissen hervorbringen, zuzulassen, um eine extensional angemessene Theorie von Wissen zu formulieren.
Das Ergebnis der Untersuchung besteht in der These, dass der Tugendreliabilismus eine vielversprechende Theorie von Wissen ist, die in Aussicht stellt, nicht nur die Natur, sondern auch den Wert von Wissen zu erklären. Um die gewichtigsten Einwände gegen den Tugendreliabilismus zu entkräften, ist es jedoch unumgänglich, die These ernst zu nehmen, dass die Genese von Wissen auf der Einflussnahme von personalen Eigenschaften beruht – und dies tun wir, so behaupte ich, indem wir die These stark machen, dass Personen, um über Wissen verfügen zu können, zu einem Mindestmaß in der Lage sein müssen, die Ausübung ihrer kognitiven Fähigkeiten zu kontrollieren. Wissen erweist sich aus Sicht der im Folgenden verteidigten Variante der aretaischen Analyse als ein komplexes Phänomen, für dessen Zustandekommen ein Zusammenspiel von personalen kognitiven Fähigkeiten auf unterschiedlichen Ebenen verantwortlich ist. Nur so lässt sich meines Erachtens die gestaltgebende Annahme der Tugenderkenntnistheorie, dass Wissen ein Zustand ist, für dessen Zustandekommen eine Person selbst verantwortlich ist, verteidigen, und nur so können wir die Vorteile einlösen, die uns diese Annahme verspricht.
So, wie ich diese und vergleichbare Wortformen hier und in allem Weiteren zu verwenden beabsichtige, möchte ich mich als Bezug nehmend auf Personen verstanden wissen, unabhängig davon, welches Geschlecht sie haben oder sich zuschreiben mögen.