Bei eingehender Betrachtung ist der Titel dieser Arbeit wohl etwas irreführend. Denn eine in irgendeiner Form umsetzbare Arbeit wirklich über die Tugenderkenntnistheorie zu schreiben, dürfte eine mögliche Verfasserin oder einen möglichen Verfasser vor echte Schwierigkeiten stellen. Das liegt daran, dass es heutzutage eine große Anzahl von mitunter recht unterschiedlichen Erkenntnisprojekten gibt, die alle gleichermaßen unter dem Namen »Tugenderkenntnistheorie« bekannt sind. Diese Vielfältigkeit ist ihrerseits dem Umstand geschuldet, dass ein so alter und schillernder Begriff wie der der Tugend heute im Rahmen der Tugenderkenntnistheorie in philosophischen Kontexten Anwendung findet, in denen er ursprünglich keinen Platz hatte.
Dabei war die Grundidee einmal ganz einfach. Am Ende eines Aufsatzes über die Beschaffenheit epistemischer Rechtfertigung behauptete Ernest Sosa nämlich Anfang der 1980er Jahre – fast en passant –, dass der theoretische Bezug auf bestimmte Eigenschaften von Personen, er nannte sie damals »intellectual virtues«, gute Dienste in der Erkenntnistheorie leisten könne. Sosa wies bei dieser Gelegenheit bereits darauf hin, dass, wenn man den Begriff so verwendete, man sich jedoch Gedanken über die Frage machen müsse, wie der Tugendbegriff in diesem Zusammenhang am besten zu verstehen sei, und – nicht zuletzt – wie das Verhältnis zwischen moralischen und intellektuellen Tugenden dann wohl aussähe.
Die Debatte um die Antworten auf diese Fragen wird bis heute geführt und die Optionen für diese Antworten bilden ein Spektrum von einer Anwendung eines schlanken Begriffs der intellektuellen Tugend auf Fragen, die ohnehin eine Rolle in der jüngeren erkenntnistheoretischen Tradition spielen, bis hin zu der Ambition, unter Bezugnahme auf einen Begriff der intellektuellen Tugend, der an den Tugendbegriff in der Moralphilosophie angelehnt ist, die Art und Weise zu verändern, in der wir über den Zweck und die Natur der Erkenntnistheorie insgesamt denken. Gar so weit, wie diese zweite Antwortoption das nahelegt, werde ich mit meinen Behauptungen in dieser Arbeit nicht gehen. Ich denke, dass der Begriff der intellektuellen Tugend tatsächlich in unterschiedlicher Form im Rahmen der Erkenntnistheorie gewinnbringend anwendbar ist. Es ergeben sich spannende, innovative, immer noch genuin erkenntnistheoretische Fragen, wenn wir uns Gedanken über den Begriff der intellektuellen Tugend und seine Anwendbarkeit in der Erkenntnistheorie machen. Das negative Ergebnis dieser Arbeit geht jedoch in eine eher konservative Richtung. Es lautet, dass der Begriff der Tugend, wie er in der Moralphilosophie vorkommt, nicht derselbe Begriff von Tugend sein kann, den wir in einer Analyse des Begriffs des Wissens nutzbar machen können. Das positive Ergebnis der Arbeit lautet demgegenüber, dass wir in der Tat in der Theorie von Wissen Fortschritte machen, wenn wir den Fokus der epistemischen Beurteilung auf die Eigenschaften der erkennenden Person legen. Dabei hilft es, wie ich meine, den eingangs zitierten Vorschlag von Aristoteles zu beherzigen, und in gewisser Weise vom Anfang auszugehen – von der gestaltgebenden Annahme einer Theorie des Wissens, die Wissen als zugehörig zu einer bestimmten Art von normativem Phänomen versteht: den persönlichen Errungenschaften.
Im Laufe der Zeit haben mir viele Personen, mehr als ich hier nennen kann, in der einen oder anderen Weise geholfen, meine Arbeit voranzutreiben und damit letzten Endes zu diesen beiden Ergebnissen zu kommen. Mein Dank gilt insbesondere den folgenden Personen, die Bereiter für und Begleiter auf dem Weg waren, der mich zu diesem Punkt geführt hat. Bei den Mitgliedern der Abteilung Philosophie der Universität Bielefeld möchte ich mich für die freundschaftliche Arbeitsatmosphäre bedanken und für die Gemeinschaft dort, in die sie mich herzlich aufgenommen haben. Insbesondere den wechselnden Mitgliedern des Lehrstuhls für Theoretische Philosophie der Universität Bielefeld sowie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am dortigen Forschungsseminar möchte ich herzlich für ihre Unterstützung danken. Bedanken möchte ich mich auch bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kolloquiums der Lehrstühle für Theoretische Philosophie in Bielefeld, Münster und Osnabrück sowie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zweier Seminare an der Universität Bielefeld zum Thema dieser Arbeit für allerlei kritische Rückmeldung und Diskussion von Thesen, die im Folgenden eine Rolle spielen werden.
Ein besonderer Dank gebührt meinem Doktorvater, Christian Nimtz, für seine immerwährende und unbedingte Bereitschaft, mich in allen Dingen zu unterstützen, für das Vertrauen, das er von Anfang an in mich investiert hat, und für zahllose inhaltliche Diskussionen, ohne welche diese Arbeit arg gelitten hätte. Nicht zuletzt für seine Bereitschaft, mich immer wieder zu ermutigen und auf den rechten Weg zu bringen, möchte ich mich bei ihm bedanken. Gerhard Ernst möchte ich dafür danken, dass er meine Arbeit immer wieder kritisch und aus einem etwas anderen philosophischen Blickwinkel, stets wohlwollend und konstruktiv begleitet hat, und nicht zuletzt für seine Bereitschaft, Zweitgutachter für meine Dissertation zu sein. Auch durch sein Zutun haben meine Arbeit und die Art und Weise, in der ich auf die Philosophie als Tätigkeit insgesamt blicke, sehr dazugewonnen. Auch bei meinem Kollegen Peter Schulte möchte ich mich für seine stetige Unterstützung bedanken, denn er hatte zu jeder Zeit ein offenes Ohr für meine Anliegen, und war stets bereit, mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Auch sein Wirken hat deutliche Spuren in dieser Arbeit hinterlassen. Ein herzlicher Dank sei auch Fabian Hundertmark ausgesprochen für seine Freundschaft, seine ansteckende Leidenschaft für Philosophie und für die vielen Gespräche, an deren Ende wirklich meist weniger Verwirrung bestand als vorher.
Einige Personen haben mir in anderer als bloß inhaltlicher Form bei der Umsetzung dieses Projekts geholfen, indem sie mir zum rechten Zeitpunkt Mut zugesprochen und mir den Rücken gestärkt haben. Besonders dafür bedanken möchte ich mich bei Anna-Sophie Althoff, Martin Maahs, Florian Hahn, Tim Waldherr, Konrad Rühling und Amy Kindley. Meinen Eltern, Ursula Maier-Kindley und Richard Kindley, gebührt der größte Dank. Ihr habt den Grundstock geschaffen für alles weitere. Meinem Bruder, Michael Kindley, danke ich für sein Vorbild und dafür, dass er den Weg geebnet hat, der mich bis zu diesem Punkt geführt hat. Aristoteles sagt, man lernt die Tugend durch Gewöhnung, Vorbild und Unterweisung – ich für meinen Teil hätte kein besseres Vorbild haben können.