Lieber Ortwin Nimczik,
mit Ihnen verabschiedet sich ein Hochschullehrer vom aktiven Dienst, dessen Lehr- und Forschungstätigkeit stets die politische Perspektive, das Wirksamwerden in Schule, Gesellschaft und Musikleben im Auge hatte. Wenn ich Sie in den Jahren Ihres Wirkens als Professor wie auch in Ihrer Verbandstätigkeit richtig verstanden habe, könnte man als Motto destillieren: âBrücken schlagenâ â Brücken zwischen schulischem, auÃerschulischem und in der Schule stattfindendem, nicht schulischen Unterricht; und Brücken zwischen den groÃen Verbänden der Musikpädagoginnen und -pädagogen in Deutschland.
An der Hochschule für Musik Detmold haben Sie seinerzeit einen Studiengang gestaltet, welcher das Lehramtsstudium mit der künstlerisch-pädagogischen Ausbildung für den auÃerschulischen Musikunterricht verband. Auf den Verband Deutscher Musikschulen sind Sie stets zugegangen, um gemeinsam Wege zu finden, die Herausforderungen von Ganztagsunterricht und Ganztagsbetreuung zu meistern.
Entscheidend waren Sie beteiligt an der Zusammenführung der beiden groÃen traditionellen Verbände im Bereich der Schulmusik, des Arbeitskreis für Schulmusik e.V. (AfS) und des Verband Deutscher Schulmusiker e.V. (VDS), zum Bundesverband Musikunterricht e.V. (BMU). Nur jemand, der nicht nur die langen Jahre der Vorverhandlungen, sondern auch die Gründungsversammlung des neuen Bundesverbandes 2014 in Leipzig in ihrer ganzen Komplexität â und generalstabsmäÃigen Einzigartigkeit! â miterlebt hat, kann zumindest erahnen, welche Herkulesarbeit sich hinter diesem mit Fug und Recht als epochal zu bezeichnenden Schritt verbarg.
Dem Deutschen Musikrat sind Sie seit 2010 als Mitglied des Bundesfachausschusses Bildung verbunden. Wiederum beweisen Sie in einem der schwierigsten Themen Ihre Suche nach dem Brückenschlag: Nie haben Sie ein Hehl aus Ihrer tiefen Ãberzeugung gemacht, dass Musikunterricht vom ersten Grundschultag an nicht nur in ausreichendem Umfang, sondern auch von fachlich, i.e. durch ein Lehramtsstudium mit Vertiefung im Fach Musik, qualifizierten Lehrkräften erteilt werden müsse. Dennoch sehen Sie den bis heute eklatanten Lehrermangel im Grundschulbereich, der nunmehr erstmals durch eine von Deutschem Musikrat, Konferenz der Landesmusikräte und Bertelsmann Stiftung gemeinsam durchgeführte wissenschaftliche Studie bewiesen wurde, und suchen nach Möglichkeiten, einen Quereinstieg zu ermöglichen, der, ohne Aufgabe des genannten Postulats hinsichtlich der Lehrerbildung, dem drängenden Defizit in unter den gegebenen Umständen bestmöglicher Weise gerecht wird.
Lieber Herr Nimczik, im Namen des Deutschen Musikrates danke ich Ihnen herzlich für Ihren Einsatz, dessen Leidenschaftlichkeit ich des Ãfteren live erleben durfte. Im Kontext Ihrer Verabschiedung aus dem Hochschuldienst danke ich Ihnen insbesondere dafür, dass Sie Ihre Professur stets als Auftrag für eine weit über den Hochschulrahmen hinausreichende Ãbernahme von Verantwortung verstanden und gelebt haben. Für die kommenden Jahre wünsche ich Ihnen, dass wachsende Freiheit Ihnen die Ermöglichung manches unerfüllt gebliebenen Wunsches eröffnet â dazu die nötige Gesundheit.
Ihr
Martin Maria Krüger
Präsident Deutscher Musikrat