Die Repräsentation von Gewalt in literarischen Werken ist so alt wie die Literatur selbst. So bestimmte der Themenkomplex Gewalt und Gewaltsamkeit bereits zahlreiche bedeutende Werke der Weltliteratur von Homers Ilias und Ovids Metamorphosen über Boccaccios Decamerone und Grimmelshausens Simplicissimus bis hin zu Goethes Faust-Dichtung, Kleists Erzählungen und Celans Lyrik. Seit sich in den 1990er Jahren Denker wie Jacques Derrida, Werner Hamacher und Anselm Haverkamp näher mit Walter Benjamins Aufsatz Zur Kritik der Gewalt aus dem Jahr 1921 auseinandersetzten, sind zahlreiche literatur-, kultur- und medienwissenschaftliche Publikationen zur Darstellung von Gewalt erschienen. Der vorliegende Band erhebt nicht den Anspruch, dieses weit gefächerte Forschungsfeld vollständig aufzuarbeiten. Es ging uns vielmehr – mit Blick auf jüngste historische Ereignisse (Corona-Pandemie, terroristische Anschläge und Kriege in Europa und im Nahen Osten) – darum, die Repräsentation bzw. Theoretisierung von Gewalt in älteren Werken neu zu beleuchten sowie die Darstellung von Gewalt in neueren Texten, z. T. unter Bezugnahme auf ältere Gewalt-Diskurse, zu diskutieren. Die Beiträge des Bandes gehen zurück auf eine wissenschaftliche Tagung, die im Rahmen der langjährigen Partnerschaft der Warschauer und Hamburger Institute für Germanistik vom 22. bis zum 24. Mai 2024 an der Universität Warschau stattgefunden hat. Im Zentrum der Tagung standen Überlegungen und Fragen zu Darstellungsformen von Gewalt in der Literatur und anderen Medien, die Aspekte der Repräsentation von gewaltsamen Ereignissen (Pandemien, Kriege, sexuelle Gewalt etc.) ebenso wie sprachliche Formen der Gewalt (Hassrede) umfassten. Die globale Bedeutung und Relevanz des Themas sowie die für die Institutspartnerschaft überaus bedeutsamen deutsch-polnischen Literatur- und Kulturbeziehungen machten eine komparatistische Perspektive der Tagung und des Bandes unabdingbar, was sich auch in den verschiedenen Beiträgen widerspiegelt, die eine breite historische Ausrichtung aufweisen. Neben Beiträgen zu theoretischen und literarischen Werken des 20. und 21. Jahrhunderts versammelt der Band auch Arbeiten zur Literatur des Mittelalters und des Barocks. Die Reichhaltigkeit des Themas für die literaturwissenschaftliche Forschung spiegelt sich auch in den vielen Gattungen, Genres, Schreibweisen und Äußerungsformen, die in diesem Band Gegenstand der jeweiligen Lektüren sind: Essays und gesellschaftliche Diskurse werden ebenso diskutiert wie Romane, Dramen, Gedichte und Versepen. In der Zusammenschau dieser unterschiedlichen Lektüren von literarischen und theoretischen Texten, die sich mit dem Thema Gewalt befassen, sucht der Band einen Beitrag zum aktuellen Diskurs über Gewalt und Gewaltsamkeit zu leisten.
Unser Dank gilt den Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge und die Mitwirkung an der Publikation dieses Bandes. Ein besonderer Dank geht an die Universität Warschau, die durch die großzügige Gewährung eines Druckkostenzuschusses diesen Band ermöglicht hat.
Peter Brandes
Krzysztof Tkaczyk