Die vorliegende Arbeit hat die Darstellung und Analyse des Vorbegrifflichen im Sinne des amerikanischen Pragmatismus zum Anlass. „Das Vorbegriffliche“ bezeichnet in diesem Zusammenhang die Gesamtheit der Elemente, die der Geltung von Begriffen vorausgehen und von denen die Geltung von Begriffen abhängig ist. Dazu gehört die Anerkennung eines wesentlichen Zusammenhangs zwischen ausgedehnter und denkender Welt im Begriff: Der Begriff des Vorbegrifflichen ist mit klassischen mentalistischen Auffassungen des Begriffs inkompatibel und weist diese als sekundäre Effekte auf dem Fundament einer wesentlich praktisch beschaffenen Begrifflichkeit aus. Durch die Linse des amerikanischen Pragmatismus lässt sich diese Geltungsdimension des Vorbegrifflichen entfalten, denn die Skepsis gegenüber reinen, ausschließlich theoretisch fundierten Gegensätzen gehört zum Grundinventar des Pragmatismus.
Bedeutsam ist das Vorbegriffliche für das Verständnis von Begrifflichkeit und insbesondere für den Anspruch der Allgemeinheit von Begriffen. Die Anerkennung der wesentlichen Geltung eines Vorbegrifflichen für die Begriffe führt zu der Frage, wie allgemeine Gültigkeit entsteht und wodurch sie sich versichert, wenn die Feststellung von formaler Allgemeingültigkeit nicht möglich ist oder der Rückzug auf die streng formalisierte Allgemeinheit ganze Wissensfelder in ihrer Möglichkeit delegitimiert, überhaupt allgemeine Aussagen treffen zu können. Das Vorbegriffliche umfasst die empirische Genese von Allgemeinheit in der Zeit, und Allgemeinheit impliziert Gemeinschaft. Das ist keine Verhexung durch die Sprache: Generality implies community ist gleichermaßen in Geltung. Das Vorbegriffliche ist das Substrat dieser Gemeinschaft und bewahrt ihre Absichten und Regeln.
In vier Kapiteln entfaltet die Arbeit Notwendigkeit, Beschaffenheit, Wirkung und Relevanz des Begriffs des Vorbegrifflichen. Das erste Kapitel problematisiert die rein formallogische Auffassung von Allgemeinheit und skizziert das Spannungsverhältnis zwischen Allgemeinheit und Partikularität in zwei Bereichen. Der lebensweltliche Umfang von Allgemeinheit hängt von einer Vorstellung von Gemeinschaft ab. Wenn diese aber nicht allein als Zusammenfassung von Partikularitäten verstanden werden soll, setzt Gemeinschaft wiederum Allgemeinheit in Form von gemeinsam geteilten Aussagen und Überzeugungen voraus. Allgemeinheit soll, so die übliche Auffassung, durch Begriffe aufrufbar sein. Aber kann man sich auf Begriffe berufen, deren analysierbarer Bedeutung durch die im formallogischen Sinne falsche und trotzdem verständliche Verwendbarkeit der Begriffe selbst widersprochen werden kann? Diese Frage stellt Ernst Cassirer in Reaktion auf eine wechselhafte Wissenschaftsgeschichte der Geisteswissenschaften. Und von seinem Begriff des Kulturbegriffs aus gewinnt die Arbeit die Einsicht, dass der Horizont der Allgemeinheit von Begriffen häufig eigentlich den Horizont von geteilten Absichten bezeichnet. Die Wirkung von Absichten spielt auch eine wesentliche Rolle in Robert Brandoms Begriff des Begriffs, den die Arbeit neben dem performativen Begriffsmodell Adi Ophirs analysiert. Beide Modelle sind post-mentalistisch durch ihre gemeinsame Voraussetzung einer Handlungsdimension des Begrifflichen, und beide setzen Gemeinschaft als wesentlichen Aspekt des Begrifflichen voraus – bei Brandom als Lösung des kommunalen Regresses, der sich aus dem partikularistischen Modell von Gemeinschaft ergibt, bei Ophir im Gegenteil als intentionale Aktivität zur Durchbrechung von kommunalen Normen. Beide Modelle bilden so entgegengesetzte Extreme des Spektrums von Begrifflichkeit ab, sind sich allerdings ähnlich dadurch, dass sie kommunale Regresse durch regulative Regresse ersetzen: Norm und Normdurchbrechung fehlt in beiden Modellen die Grundlage, von der aus Normen koordiniert und Normdurchbrechungen wahrgenommen werden können. Dass eine solche Grundlage existieren muss, führt zu der Vermutung, dass den Modellen ein Begriff von Vorbegrifflichkeit fehlt bzw. diese nicht berücksichtigt wird.
Das zweite Kapitel der Arbeit unternimmt dementsprechend den Versuch, diese Leerstelle durch Abschreiten eines Horizonts von Varianten des Vorbegrifflichen zu füllen. Die Lektüre der Begriffe des Vorurteils und der Tradition bei Hans-Georg Gadamer, des Vorbegrifflichen, der Macht und des Dispositivs bei Michel Foucault sowie der Metapher und des Unbegrifflichen bei Hans Blumenberg mündet in einer Synthese der jeweils wesentlichen Einsichten in die Beschaffenheit des Vorbegrifflichen mithilfe von John Deweys Begriff der Gewohnheit. Der Begriff des Vorbegrifflichen, der daraus entsteht, weist Vorbegrifflichkeiten als wesentlich historische Gebilde aus, die eine basale Form der kommunalen Intentionalität darstellen. Diese kommunale Intentionalität strukturiert das Vorfeld von jeweils präsenten Absichten auf allgemeine Weise. Wesentlich für das Vorbegriffliche nach dem Vorbild des pragmatistischen Gewohnheitsbegriffs ist zudem der Status der Sprache als einer nicht-privilegierten (wenngleich wirkungsvollen) Handlungsweise unter vielen.
Um diese Strukturen erschließbar zu machen, wendet sich das dritte Kapitel dem Gewohnheitsbegriff des semiotischen Pragmatismus von Charles Sanders Peirce zu. Diese ist aufgrund einer genealogischen Beziehung mit Deweys Konzeption verwandt, aber hinsichtlich der Wirkung wesentlich feiner aufgelöst. Hat nämlich Dewey aus Peirce’ Begriff ein besonderes Gespür für die fundamentale Bedeutung von Gewohnheiten für lebensweltliche Zusammenhänge entwickelt, so bietet die Rückkehr zu Peirce die Möglichkeit, diese Zusammenhänge systematisch im Kontext der formalen Beziehungen seiner Semiotik darzustellen und dadurch für den Entwurf einer Logik des Vorbegrifflichen handhabbar zu machen. Mithilfe einer solchen Logik, so lautet die Annahme, lässt sich das Vorbegriffliche eines jeweiligen Begriffs durch die Beschreibung der Kontinuität von Absichten ganz im Sinne des Pragmatismus als einer Methode der Klärung von Bedeutung zumindest heuristisch annähern.
Einen solchen skizzenhaften Versuch unternimmt das vierte Kapitel anhand einer Analyse des umstrittenen Begriffs der Literatur. Neben der konkreten Problematisierung anderer Verfahren zur Klärung und Festlegung von Begriffen macht dieser Versuch noch einmal die besondere Leistung der Analyse von vorbegrifflichen Strukturen für die begriffsgeschichtliche Arbeit deutlich. Es geht nicht darum, Begriffe definitiv zu klären (eine irrige Wunschvorstellung, die die Konkretheit einer sich stetig wandelnden Welt außer Acht lässt), sondern die jeweiligen Regelmäßigkeiten aufzuzeigen, innerhalb derer sich begrifflicher Wandel (selbst ins vermeintliche Gegenteil) auch auf lange Dauer vollzieht, ohne dabei für diese Regelmäßigkeiten ahistorische Universalität zu beanspruchen. Was in der Arbeit Hexiologie genannt wird, beansprucht für sich, konkrete Allgemeinheit zu formulieren, die wie die sprichwörtliche Wahrheit irgendwo dazwischen liegt.