Es gibt einen Themenkomplex, der in kolonialen Romanen und Erzählungen überdurchschnittlich repräsentiert ist, und das sind Kriegshandlungen. Dies ist im Allgemeinen für koloniale Literatur in den omnipräsenten Schilderungen kleinerer Auseinandersetzungen und Kämpfe mit der indigenen Bevölkerung bei der Eroberung neuer Gebiete der Fall, die in der agonalen Beziehung der Kolonialmacht zu den Kolonisierten begründet liegt. Im Besonderen aber zeigt sich dies in der gehäuften Thematisierung größerer Kriege, vor allem des Boxerkriegs in China (1899–1901), des Maji-Maji-Kriegs in Deutsch-Ostafrika (1905–1907), des Kriegs gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika (1904–1907) und des Ersten Weltkriegs in den Kolonien. Der Krieg gegen die Herero1 nimmt in dieser Auflistung wiederum eine besondere Rolle ein,2 sowohl hinsichtlich der hervorgerufenen medialen und politischen Aufmerksamkeit als auch der literarischen Verarbeitung des Kriegsgeschehens, die von einem Werk dominiert wird: Gustav Frenssens Peter Moors Fahrt nach Südwest (1906).3 Während die im Titel bereits angesprochene ‚Fahrt nach Südwest‘ mindestens Transgression in ein unbekanntes Terrain suggeriert und damit Abenteuer verheißt, wird hier der Frage nachgegangen, welche Rolle dem Abenteuer in der Thematisierung des Kolonialkriegs im Roman tatsächlich zukommt und in welchem Zusammenhang die spezifische Auseinandersetzung mit dem Abenteuer mit der gleichsam beabsichtigten Herosierung der Soldaten steht.
Es handelt sich bei Frenssens Roman – abgesehen von Hans Grimms zwanzig Jahre später publiziertem Volk ohne Raum (1926) – um den auflagenstärksten und meistrezipierten Kolonialroman überhaupt,4 der nicht nur direkte Nachahmer fand, sondern auch in der postkolonialen Literatur intertextuell aufgegriffen wurde.5 Die zeitgenössischen Reaktionen auf diesen Roman waren größtenteils sehr positiv. Alexander Lion beispielsweise, einer der Mitbegründer der deutschen Pfadfinderbewegung und selbst ehemaliger Kriegsbeteiligter, war in seiner Rezension zu Peter Moor voll des Lobes, weil er darin eine besonders authentische Kriegsschilderung und eine „kühn aus dem wirklichen Leben schaurige Wahrheit“ vermittelt sah: „Ohne Beschönigung und Idealisierung wird hier gezeigt, wie es wirklich zugeht.“6 Ähnlich lautet das Urteil in einer anderen Besprechung, die den Feldzugsbericht als „schlicht, ehrlich, ohne jede Pose, aber in lebendiger Anschaulichkeit“7 beschreibt. Die hier hervorgehobene, als überzeugend wahrgenommene Authentizität des Geschilderten mag ein Erfolgsrezept des Romans gewesen sein, das dazu beitrug, dass Peter Moor einer der wenigen kolonialen Erzähltexte ist, der über die Zeit des deutschen Kolonialbesitzes hinaus zahlreiche Neuauflagen erfuhr und bis heute eine gewisse Bekanntheit aufweist. Gerade deswegen ist der darin verhandelte Umgang mit dem kolonialen Abenteuer im Krieg, der außergewöhnlich und musterbildend zugleich war, als spezifische Facette kolonialliterarischen Erzählens von besonderem Interesse.
Der im Roman thematisierte ‚Aufstand‘8 der Herero in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika begann am 12. Januar 1904, als die Herero deutsche Siedlerinnen und Siedler überfielen und töteten, Eisenbahnstrecken und Telegrafenverbindungen zerstörten und verschiedene deutsche Siedlungen belagerten. Vorausgegangen war diesem Überraschungsangriff eine immer dramatischere Landenteignung der Herero durch die deutschen Kolonisatoren; hinzu kam eine Rinderpest, welche die Verarmung und Hungersnot der Herero weiter verschlimmert hatte. Der Schutztruppe unter dem Befehl des Gouverneurs Theodor von Leutwein gelang es zwar schnell, die belagerten Städte wieder zu befreien, jedoch entzündete sich in der Folge ein anhaltender Konflikt, der durch kleinere Gefechte an verschiedenen Orten gekennzeichnet war und in dem die deutschen Soldaten gegen eine Überzahl an indigenen Kriegern kämpften. Bereits im Frühjahr 1904 wurde Leutwein als Oberbefehlshaber von General Lothar von Trotha abgelöst, weil Leutwein aus Sicht der Entscheidungsträger in Berlin, allen voran des Kaisers selbst, die Gefechte nicht schnell und effektiv genug beenden konnte und als zu zögerlich und nachgiebig galt. Trotha hingegen hatte sich bereits in anderen kolonialen Kriegssituationen in China und Deutsch-Ostafrika den Ruf unerbittlicher Härte erarbeitet und wollte so auch im Kampf gegen die Herero vorgehen.9 Sein Plan, in einer Schlacht am Waterberg den Krieg zu gewinnen, scheiterte insofern, als die Herero aus der Umzingelung durch deutsche Truppen fliehen konnten; ihre Flucht führte sie jedoch in die Omaheke-Wüste, in die sie Trotha weiter verfolgen ließ und wo sie schließlich zum großen Teil verdursteten. Aus diesem Grund wird die Kriegsführung Lothar von Trothas in der historiografischen Forschung heute als genozidal10 eingestuft.11
Der Krieg, der zunächst gegen die Herero und dann bis 1907 gegen die ebenfalls in der Kolonie lebenden Nama geführt wurde, fand in der deutschen Presse großen Widerhall und wurde auch politisch kritisch diskutiert. Auch Gustav Frenssen, der selbst nie in Deutsch-Südwestafrika war, las diese Zeitungsberichte, informierte sich über den Kriegsverlauf aber vermutlich auch über den offiziellen Bericht des Großen Generalstabs.12 Einer der Gründe, warum die eingangs zitierten Rezensionen die Authentizität des geschilderten Kriegsgeschehens lobend hervorhoben, kann in der Tatsache vermutet werden, dass Frenssen am Krieg beteiligte Augenzeugen befragte, die ihm Briefe und andere private Aufzeichnungen zur Verfügung stellten.13
Aus diesem Material entwickelte der Autor die als „Feldzugsbericht“ apostrophierte Erzählung über den Krieg gegen die Herero aus der Sicht des einfachen Soldaten und autodiegetischen Erzählers Peter Moor. Entsprechend folgt der fiktionale Bericht dessen Erfahrungen, Entwicklung und Raumbewegung: Als Geselle in der elterlichen Schlosserei im holsteinischen Itzehoe beschließt Moor, sich dem Seebataillon in Kiel anzuschließen, um sich dann, als er vom Ausbruch des Kriegs gegen die Herero hört, spontan als Freiwilliger zur Unterstützung der Schutztruppe zu melden. Er berichtet von der mehrwöchigen Überfahrt der Soldaten in die Kolonie und von ihrem Transport zu ihrem Einsatzgebiet. Die restliche Handlung vollzieht diesen Feldzug bis zum Kriegsende und Moors anschließende Rückkehr in die Heimat nach.
Entsprechend der Ausgangsfrage nach dem Verhältnis der Darstellungsweise von Krieg mit Semantiken des Abenteuerlichen wird in diesem Kapitel herausgearbeitet, dass das koloniale Abenteuer im Angesicht des Kriegs sowohl als Erlebnismodell als auch als Modus des Erzählens zwar aufgerufen, sogleich aber verworfen und durch eine andere Form des gesteigerten Erlebens ersetzt wird, nämlich die inszenierte soldatische Hilflosigkeit. Während der Fokus der Forschung bislang vor allem auf der Darstellung des Kriegs als ‚Kampf ums Dasein‘ lag, wurde die vom Autor prominent in den Fokus gerückte Verzweiflung der Soldaten kaum berücksichtigt. Die folgenden Ausführungen beruhen auf der These, dass erst die Ablehnung des Abenteuers eine Darstellung soldatischer Hilflosigkeit ermöglicht und legitimiert und dass diese Hilflosigkeit, vor allem aber ihre diegetische Überwindung, die Grundlage einer Heroisierung der Schutztruppensoldaten ist. Indem Frenssen, der sich eigentlich als Heimatschriftsteller und nicht als Kolonialautor einen Namen gemacht hatte, die Fremde narrativ zu ‚verheimaten‘14 versucht und zugleich die Heimat zum evaluierenden Resonanzraum des kolonialen Kriegs macht, wird das Abenteuer als das der Heimat zwangsläufig Entgegenlaufende vor allem zu einem moralischen Problem stilisiert. Der Roman verhandelt über die Thematisierung des Kriegs als existentieller Bedrohung für die deutschen Soldaten die Frage, wie sich das Verhältnis zwischen den Wünschen, Sehnsüchten und Handlungsspielräumen des männlichen Individuums und den kollektiven Aufgaben der nationalen Ehrrettung nach der Abkehr vom Abenteuer als legitimem Handlungsmodell gestaltet.
Im ersten Unterkapitel (5.1.) wird nachvollzogen, wie Frenssen den Aufbruch der Soldaten in die Fremde in das in der exotistischen Reise- und Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts weit verbreitete und um 1900 fest etablierte Narrativ der Abenteuersehnsucht junger Männer einbettet. Zentral dafür erweist sich das von Frenssen bewusst gewählte Modell des doppelten Auszugs ins Abenteuer, das den Roman strukturiert. Zudem wird untersucht, wie ein Spannungsverhältnis zwischen der aufgeworfenen Abenteuererwartung und der versuchten Vereinnahmung der Fremde als neue Heimat, zu der der Krieg dienen soll, aufgebaut wird. Dazu wird die Verankerung des Autors sowie seines Romans in der Heimatkunstbewegung um 1900 und deren weltanschaulichen Prämissen erläutert.
Wie die gewählte Erzählstruktur des Kursus die Kriegshandlung beeinflusst, wird im zweiten Unterkapitel (5.2.) erörtert. Zunächst wird dargelegt, dass die Verzweiflung der deutschen Soldaten aufgrund ihrer ständig aufs Neue enttäuschten Sehnsucht nach Abenteuer und Bewährung in einer Desillusion und einer vollkommenen Ablehnung abenteuerlichen Verhaltens kulminiert, an dessen Stelle Überforderung tritt. Als Antwort auf die Hilflosigkeit, die die soldatische Handlungsmacht und die Souveränität des männlichen Individuums bedroht, entwickelt die Erzählung eine Entfesselung der Gewalt im Genozid, die gleichermaßen einer männlichen und völkisch-nationalen Resouveränisierung dienen soll.
Die ideologische Ausrichtung des Romans, die darauf abzielt, die Leserinnen und Leser von der Heldenhaftigkeit des Kolonialkriegs und der deutschen Kolonialbestrebungen an sich zu überzeugen, wird im letzten Unterkapitel (5.3.) herausgestellt. Dafür arbeitet Frenssen vor allem an einer Darstellung der Schutztruppe als heroischem Kollektiv, das die eigene Opferrolle in eine Position der Aufopferung für das nationale Ziel des Siegs über die Kolonisierten umzuwandeln vermag. Zu konstatieren ist indes auch eine Diskrepanz zwischen der Heroisierung der Schutztruppe und der so bildgewaltig dargestellten Verzweiflung der Soldaten – eine Diskrepanz, die, so wird zum Schluss gezeigt, vom Autor wiederum politisch instrumentalisiert wird.
5.1 Die abenteuerliche Aneignung der Fremde
5.1.1 Dem Abenteuer entgegen: Die Fahrt nach Südwest
Peter Moors Fahrt nach Südwest beginnt nicht in der Fremde der südwestafrikanischen Kolonie, sondern im holsteinischen Provinzstädtchen Itzehoe. Die im Titel anklingende Raumdimension der ‚Fahrt‘ markiert bereits das entscheidende Entwicklungsmoment der sujethaften Grenzüberschreitung von der norddeutschen Marschlandschaft in die südwestafrikanische Wüste. Das zentrale Thema der Raumbewegung wird schon in den ersten Sätzen des Romans ohne Umschweife zum Ausdruck gebracht:
Als ich ein kleiner Junge war, wollte ich Kutscher oder Briefträger werden; das gefiel meiner Mutter sehr. Als ich ein großer Junge war, wollte ich nach Amerika; da schalt sie mich. So um die Zeit, als die Schuljahre zu Ende gingen, sagte ich eines Tages, ich möchte am liebsten Seemann werden; da fing sie an zu weinen. (PM, 1)
Das Ich dieser autodiegetischen Erzählerstimme ist der titelgebende Peter Moor, der mit diesen ersten Worten den Eindruck der pragmatischen Einsilbigkeit eines einfachen Handwerkersohns erweckt, der sich aber gleichsam aus dieser altbekannten Lebenswelt hinaussehnt. In der prononcierten Kontrastierung der für die Mutter wünschenswerten Berufswahl, die Bodenständigkeit und heimische Verbundenheit mit nur einem begrenzten räumlichen Radius suggeriert, mit dem Fortgang nach Amerika, nur noch übertroffen von einem unsteten Seemannsleben, wird einerseits von Anfang an eines der bestimmenden Themen des Romans, nämlich das Verhältnis von Heimat und der weiten Welt, festgelegt. Andererseits wird damit ein Topos aufgeworfen, der in der deutschsprachigen Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts nicht wegzudenken ist und um 1900 dabei ist, zum Klischee zu erstarren, nämlich die in der Auswanderung nach Amerika und dem Seefahrerleben aufscheinende Sehnsucht des jungen Manns nach Abenteuer. Die so aufgegriffene Imagination der Reise in fremde Welten besaß zeitgenössisch nichtsdestotrotz noch immer große Faszinationskraft und erschien durch die Verwirklichung der imperialen Großmachtambitionen des Deutschen Reichs ab 1884 auch immer leichter real umsetzbar.
Die Gleichzeitigkeit von Heimatverbundenheit und Sehnsucht nach Ausbruch aus dem heimatlichen Alltag endet, sobald sich Moor für „Übersee“ und „Uniform“ (PM, 2) entscheidet. Zunächst schließt er sich dem Seebataillon in Kiel an, von dem ein Freund zu berichten weiß: „‚Es ist eine feine Truppe. Und dann ist es möglich, daß man einmal auf Reichskosten übersee kommt. (PM, 2) Diese Hoffnung bringt die Spannung zwischen dem Bedürfnis, die Heimat zu verlassen und etwas erleben zu können, und dem gleichzeitigen Bedürfnis, diese abenteuerliche Transgression ins Unbekannte dadurch abzusichern, dass sie ‚auf Reichskosten‘ geschieht, zum Ausdruck. Das große Wagnis, allein und ohne Sicherheitsnetz zu einem Abenteuer aufzubrechen, ist für den bodenständigen Handwerker noch unvorstellbar, sodass das Seebataillon ihm wie ein guter Kompromiss erscheint, um wohlkalkuliert und finanziell abgesichert der Heimat zumindest temporär den Rücken kehren zu können. Damit wird einerseits der aus der zeitgenössischen Erzählliteratur und vor allem der Kolonialliteratur bekannte Topos des Ausbruchs aus der heimatlichen Enge in die exotische, oft koloniale Fremde, der zumeist jugendlichen Protagonisten zugeschrieben wurde, aufgegriffen. Andererseits wird dieses phantastisch-verklärende Motiv zugleich an der ängstlichen Unerfahrenheit des Protagonisten korrigiert zu einem kontrollierbaren und konventionalisierten soldatischen Erleben der Welt, in dem die Kontingenzen minimiert sind. Es ist offensichtlich, dass mit diesem Auftakt die Interpretation des Geschehens als Entwicklung des jungen Helden nahegelegt wird, die in der Forschung auch immer wieder konstatiert wurde.15 Diese Lesart erscheint auch deshalb nachvollziehbar, weil die Darstellung der Überfahrt in die Kolonie den Eintritt des Protagonisten in seine persönliche Heldenreise in mehrfacher Hinsicht repräsentiert.
Der Anlass für die Heldenreise ergibt sich mit dem Krieg gegen die Herero in Südwestafrika, über dessen Ausbruch ihn wiederum ein Freund informiert: „In Südwestafrika haben die Schwarzen feige und hinterrücks alle Farmer ermordet, samt Frauen und Kindern.“ Moor beschließt, sich als Kriegsfreiwilliger zu melden, um „an einem Heidenvolk vergossenes deutsches Blut zu rächen.“ (PM, 6) Durch die Beteiligung an dieser scheinbar edlen Blutrache fühlt er sich nun beflügelt, sein persönliches Abenteuer, in dem seine eigene Wanderlust mit rassistisch-nationalistischen Motiven zusammenwirken, im Rahmen des Kriegs gegen die Herero anzutreten. Neben der Absicht, im „Heerdienst […] rascher weiter [zu] kommen“ oder „ein Stück Geld [zu] verdienen“ sind weitere Beweggründe seiner Kameraden für eine Kriegsbeteiligung „jugendliche Freude und Begeisterung, germanische Lust an der Fremde und am Krieg“, aber auch der bereits Moor antreibende Drang, „auf Reichskosten ein Stück der weiten Welt zu sehen“ und „etwas Besonderes“ zu erleben, um „ein Leben lang damit prahlen zu können“ (PM, 129). Kurz gesagt sind es also Geld, Ansehen, Karriere, Bewährung und die Lust an der Transgression in der Fremde und damit klassischerweise als Elemente des Abenteuers verstandene Triebkräfte, die die Soldaten nach Südwestafrika bringen.16
Für eine Charakterisierung des Feldzugsberichts als abenteuerlicher Erzählung spricht nicht nur der Rückgriff der Erzählerstimme auf solche eindeutigen Abenteuermotive, sondern auch die Tatsache, dass Gustav Frenssen die literarische Form der Abenteuernarration strukturell beabsichtigte. In seiner 1940 veröffentlichten, als „Lebensbericht“ betitelten Autobiografie betonte er, dass er die Handlung in Peter Moor „in zwei aufeinanderfolgenden schönen, vollkommen gleichen Wellen“ strukturiert habe, die er wie folgt spezifizierte: „Auszug, im Busch, Not (Katastrophe), Ruhe; wobei, wie es nicht wünschenswerter sein konnte, die zweite Welle die erste an Gewalt und Fülle der Bilder überragte.“17 Frenssen zieht hier ein bewährtes Erzählschema heran, das nicht nur, aber maßgeblich in der Abenteuerliteratur, und hier vor allem in den âventiure-Erzählungen der höfischen Romane des Mittelalters entwickelt wurde (vgl. Kap. 2.1.1. und 3.1.1.). Dass für Frenssen dieses Abenteuermodell leitend war, verdeutlicht insbesondere die von ihm hervorgehobene und für die höfische Literatur so charakteristische Doppelung der Handlung in zwei gleich aufgebaute, aufeinander folgende Erzählstränge, von denen der zweite den ersten in der Intensität des Geschilderten und im Ausgang der Handlung übertrifft. Diese an das âventiure-Schema angelehnte Doppelung der Handlung im kolonialen Abenteuererzählen lässt sich als „Fahrten und Fronten“18 konkretisieren, mit denen sich das Abenteuernarrativ in Kolonialismus und Krieg ausgestaltet. Dabei bringt die Fahrt die raumgreifende und -erobernde Transgressivität des kolonialen Abenteuers zum Ausdruck und die Front die Agonalität der kriegerischen Bewährung. In Peter Moor besteht die erste Welle aus dem Auszug der Soldaten ins Gefecht, dem Kampf, der Verwundung Moors und dem Rückzug in ein Krankenlager, wonach dann der zweite Teil wiederum mit dem Auszug in den Kampf beginnt, die Schlacht am Waterberg thematisiert und über die Verfolgung der Herero in die Wüste den Genozid beschreibt, bevor Moor schließlich kriegsuntauglich in die Heimat zurückkehrt.
Diesem Modell entsprechend beginnt der initiale Auszug mit der Überfahrt nach Südwestafrika, die vor allem von Vorfreude auf das anstehende Abenteuer geprägt ist. Bevor er aus Kiel abreist, fragt ihn sein Vater beim Abschied,
ob da wilde Tiere wären, ob die Feinde schon Alle [sic] Gewehre hätten, oder ob sie noch mit Pfeil und Bogen schössen, ob es dort sehr heiß und fiebrig wäre und dergleichen. Ich konnte nicht viel drauf antworten; denn ich wußte alles dies nicht. Ich nahm aber an, daß es so wäre, wie er sagte, und gab ihm in allem recht. (PM, 8)
Wilde Tiere, ebenso wilde, unterentwickelte Menschen mit primitiven Waffen, ein Fieber begünstigendes Klima – all dies sind Motive und Vorstellungen von der Fremde, die maßgeblich durch Reise- und Zeitungsberichte über die Kolonien und über die fiktionale Kolonialliteratur bekannt wurden und weit verbreitet waren. Gerade die mit Pfeil und Bogen kämpfenden Indigenen sind ein Bild, das in den zeitgenössisch sehr beliebten ‚Wild-West-Romanen‘, beispielsweise denen Coopers und Mays, entwickelt und popularisiert wurde.19 Der einfache Schlosser reproduziert so das populäre ‚Wissen‘ um die Fremde, von der sein Sohn ebenfalls nicht mehr kennt als diese kursierenden Stereotype. Peter Moor tritt seine Fahrt ahnungslos und naiv an, denn vieles, was er nun während der Überfahrt sieht, ist ihm völlig unbekannt. Voll Verwunderung betrachtet er vom Schiff aus „fliegende Fische“, „Meerleuchten“ oder einen „Walfisch“ (PM, 20), die ihm wie „Wunder“ (PM, 26) erscheinen. Es ist ein touristischer Blick, mit dem Moor bei der Überfahrt diese Fremde wahrnimmt. Besonders deutlich wird das, als sie einen Zwischenhalt auf Madeira einlegen, das ihnen schon vom Schiff aus wie aus einem „Bilderbuch“ erscheint:
Wie war alles neu! Und wie war alles bunt! […] Es war überhaupt, als wenn wir alle, sobald wir das Land betreten hatten, von lieblichem Wein trunken waren: so schön hell und weich schien die Sonne und so prächtig glänzte alles in Farben und so fröhlich waren die Menschen. Ich dachte: ‚Mach Deine Augen auf, daß du jetzt etwas siehst; wer weiß, ob Du noch einmal im Leben wieder unterwegs kommst.‘ (PM, 22–24)
Schon der Aufenthalt auf der märchenhaft-fremden Insel – beschrieben im Stil eines Urlaubsreiseberichts – ist für den holsteinischen Jungen ein transgressives Erlebnis. Eine wichtige Motivation, diese exotische Fremde tief auf sich wirken zu lassen, ist auch die Befürchtung, dass er womöglich nie wieder eine solche Reise unternehmen können wird. Impliziert ist damit aber auch, dass das Abenteuer, auf das er sich eingelassen hat, für ihn nur ein temporärer Ausflug, ein Urlaub von seinem eigentlichen Leben ist, nach dessen Ende er wieder in die Heimat zurückkehren wird.
So exotisch und verheißungsvoll auch alles sein mag, ist die wichtigste Perspektive für Moor und die anderen Soldaten demnach die irgendwann erfolgende Rückkehr, noch bevor sie ihr Ziel überhaupt erreicht haben. Vor dieser immer bereits mitgedachten Heimkehr stellt sich das ersehnte Abenteuer vor allem als Möglichkeit zur Bewährung der eigenen Tapferkeit und Männlichkeit und der Initiation ins Erwachsensein dar. Davon zeugt neben den eifrig durchgeführten Schießübungen, um für die bevorstehenden Gefechte gewappnet zu sein, insbesondere die immer wieder thematisierte Angst, den Krieg womöglich zu verpassen und unverrichteter Dinge zurückkehren zu müssen:
Wir […] ärgerten uns sehr, wenn wir daran dachten, daß der Aufstand vielleicht niedergeschlagen sein könnte, wenn wir einträfen, […]. Wir wollten doch wenigstens das Land betreten haben und nachher zu Hause von den afrikanischen Urwäldern, Affenherden und Antilopenrudeln erzählen können und von Strohhütten unter hohen Palmenschatten. (PM, 19)
Im bevorstehenden Krieg geht es den Soldaten nicht nur darum, ihre soldatische Kampfkraft und Tapferkeit unter Beweis zu stellen. Fast noch wichtiger als dieses kriegerische Abenteuer, das sie sich mit den etablierten exotistischen Motiven aus der Kolonialliteratur in ihrer Fantasie ausmalen, scheint die nachträgliche Erzählung von diesen Abenteuern zu sein. Ihre Sehnsucht richtet sich neben dem Abenteuer an sich auch auf das Erzählen einer guten Abenteuergeschichte für diejenigen, die die Fremde nicht aus eigener Anschauung kennen, wobei die Erzählung wiederum eben jene exotistischen Elemente enthalten soll, die ohnehin längst bekannt sind. Versteht man Literatur bereits als eine Instanz der Beobachtung zweiter Ordnung, die die Beobachtung der Beobachtung darstellt,20 kann das hier in Aussicht gestellte Abenteuer als ein Abenteuer dritter Ordnung begriffen werden, da es von Vornherein basierend auf bereits existierenden Abenteuergeschichten imaginiert wird und schon über die retrospektive Erzählung nachgedacht wird, bevor das Abenteuer erlebt wurde.
Dass die bereits bekannten Abenteuerschilderungen eine fragwürdige Glaubwürdigkeit aufweisen, wird von einem Kameraden betont: „Du mußt doch auch ein Andenken mitbringen, Moor“, wird ihm geraten, denn „[v]ielleicht ist der Aufstand vorbei, wenn wir in Swakopmund ankommen und wir kommen gar nicht an Land. Wenn Du dann nachher zu Hause sagst, Du wärst auch mit gewesen und hast nichts aufzuweisen, glaubt es Dir keiner.“ (PM, 23) Seine eigenen Erzählungen über die Erlebnisse in der Kolonie reichen demnach nicht als Beweis für die Authentizität des Geschilderten, denn exotistische Abenteuerzählungen aus den Kolonien sind in der wilhelminischen Kultur bereits zur weit verbreiteten Massenware geworden, die jeder schreiben und erzählen kann, ohne sie tatsächlich erlebt haben zu müssen. Ihnen haftet etwas Unglaubwürdiges, beinahe schon Erlogenes an, sodass ein materielles Souvenir als untrüglicher Beweis für das Erlebte benötigt wird.
Immer wieder wird die Unerfahrenheit des Schlossersohns ostentativ zum Ausdruck gebracht. „Ich wunderte mich, wie groß die Welt war.“ (PM, 21): So wird die ungläubige Faszination eines jungen Mannes, der erstmalig der norddeutschen Heimat den Rücken kehrt, überdeutlich unterstrichen – so deutlich, dass darin ein unverhohlenes Zitat all jener Reisebeschreibungen und Abenteuerromane zu erkennen ist, die die Überfahrt in die afrikanische Kolonie ausführlich mit den immer gleichen exotistischen Topoi beschreiben. Für die Überfahrt nach Deutsch-Südwestafrika zählen dazu etwa der Zwischenstopp auf Madeira, der Zeitvertreib auf dem Schiff, die Seekrankheit und die Überschreitung des Äquators, die Frenssen ebenfalls alle in seine Erzählung inkludiert.21 Er reiht sich mit seinem Feldzugsbericht also gezielt in eine koloniale Erzähltradition ein und überspannt diese zugleich so weit, dass von diesem Punkt nur zwei Möglichkeiten für die weitere Handlung des Romans bleiben: Entweder die Erzählung wird in diesem bereits etablierten Muster fortgeschrieben, was für die Leserschaft erwartbar wäre, oder dieses Muster wird so unmissverständlich aufgegriffen, um es umso effektvoller brechen zu können. Der Autor entscheidet sich für die zweite Option, und dieser Bruch wirkt umso frappierender, weil er sorgsam eingebettet wird in das Spannungsverhältnis von heimatlicher Sicherheit und kriegerischer Unsicherheit in der Fremde, die zugleich durch den Krieg zu einem Teil der Heimat werden soll.
5.1.2 Die Fremde als Heimat
Mit der Überfahrt nach Afrika ist zwar einerseits die räumliche Abkehr von der Heimat vollzogen, die prinzipiell die Grundlage für das Abenteuer darstellt, andererseits findet keine wirkliche Loslösung von dieser Heimat statt, da die Bindung an die Heimat überhaupt erst die Reise legitimiert: Der Aufbruch in den Krieg ist von vornherein als rassistisch grundierter Schutz der ‚deutschen Rasse‘ motiviert; außerdem ist das Handeln der Soldaten grundsätzlich vor allem auf die moralische Bewertung der Daheimgebliebenen ausgerichtet. Darüber hinaus soll die Kolonie durch den Sieg über die Kolonisierten zu einem neuen Heimatraum umgestaltet werden. Mit dieser Motivation wird der Heimat eine elementare Bedeutung zugemessen, die zu dem anfangs aufgeworfenen Abenteurergeist der Soldaten in einem Spannungsverhältnis steht.
Als er vom Krieg erfährt, erkundigt sich der in kolonialpolitischen Fragen offenbar unbedarfte Moor, ob „diese Ermordete[n] deutsche Menschen“ seien und erfährt, dass darunter „Schlesier und Bayern“ und Menschen „aus allen andern deutschen Stämmen, und auch drei oder vier Holsteiner […]‘“ (PM, 6) seien. Obwohl der Angriff nicht ihm selbst oder einem seiner Freunde persönlich gilt, sondern ihm unbekannten Deutschen in Afrika, fühlt er sich mit diesen offenbar verbunden genug, um für sie in den Krieg zu ziehen. Dies ist umso bemerkenswerter, als zunächst keine nationale, sondern eine sehr parzellierte regionale Identität ausgestellt wird, die stark im Heimatraum verankert ist. Schon der Name Moor deutet auf die Nähe zum sumpfigen Boden der holsteinischen Marschlandschaft hin, auf dem der Protagonist seine ersten Lebensjahre verbracht hat und auf dem er der Tradition gemäß eigentlich das Handwerk seines Vaters fortführen sollte. Und nicht nur seine regionale Identität wird betont, sondern auch die der Schlesier und Bayern, stellvertretend für die Vielzahl der „deutschen Stämme“. Die Verwendung des Begriffs des Stamms legt die Vorstellung nahe, dass die regionale Abstammung die Identität fundamental beeinflusst und diese sich somit aus einer jahrhundertealten, in den Heimatboden eingeschriebenen Tradition der Urwüchsigkeit speist.
Diese Idee ist wiederum fester Bestandteil der sogenannten Heimatkunstbewegung, der Gustav Frenssen als Vertreter der Heimatliteratur zuzuordnen ist. Denn abgesehen von Peter Moor, seinem einzigen Kolonialroman, verfasste Frenssen, der selbst aus dem holsteinischen Barlt in Dithmarschen stammte, vor allem sehr erfolgreiche Heimatromane, von denen der bekannteste, Jörn Uhl, im Jahr 1903 auf Platz drei der meistgelesenen Bücher stand und der von Autoren wie Wilhelm Raabe, Paul Heyse oder Thomas Mann wohlwollend aufgenommen wurde.22 Der große Erfolg des Jörn Uhl bewegte Frenssen überhaupt erst dazu, seine eigentliche Tätigkeit als Pastor ruhen zu lassen und sich ganz der Schriftstellerei zu widmen.23 Als vorherrschende Themen seiner Literatur können die Veränderung ländlichen Lebens durch die fortschreitende Modernisierung und der Verlust von Sicherheit und Sinn in diesem veränderten Heimatraum betrachtet werden. Dabei war Frenssens Zugang zur Literatur nicht geprägt von der theoretischen Auseinandersetzung mit literarischen Strömungen seiner Zeit, beispielsweise dem Naturalismus, oder mit führenden Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Stattdessen kam er durch die Theologie zum Schreiben, sodass er seine schriftstellerische Tätigkeit vor allem als Form der idealistischen Sinnstiftung in einer sich stark wandelnden Welt mit brüchigen Sinnangeboten verstand.24
Zwar hatte es schon früher Heimatromane oder, allgemeiner, regionalistische Literatur wie etwa die Dorfgeschichte gegeben,25 doch um 1900 formierte sich innerhalb der Heimatkunstbewegung eine spezifische Heimatliteratur, die sich programmatisch vor allem durch ihre kritische Positionierung zur Moderne kennzeichnet. Als Reaktion auf die schnellen Modernisierungsprozesse in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, wie etwa der Wandel von vornehmlich agrarischer Lebensweise zur Industrialisierung mit negativen Begleiterscheinung wie massenhafter Verarmung, aber auch das Entstehen neuer gesellschaftlicher Ordnungsformen und die rasante Urbanisierung, formierte sich die Grundlage der Heimatkunstbewegung in einer Reihe von Programmschriften wie Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher (1890) und Friedrich Lienhards Die Vorherrschaft Berlins (1900) primär in Form der Gegenhaltung zu diesem als bedrohlich empfundenen Fortschritt. Dieser Abwehr von allem Modernen entsprechend basiert die Heimatkunst grundlegend auf Dichotomien. Weil die Großstadt als die Verkörperung der industrialisierten und modernen Lebenswelt gesehen wird, wird diese als Raum der Dekadenz dämonisiert und stattdessen der ländliche Raum, und hier vor allem das Dorf, idyllisierend als Heimat verklärt. Den Massen der modernen Großstadt wird die Rückbesinnung auf das Individuum in der ländlichen Gemeinschaft entgegengestellt. Die zunehmend wissenschaftlich-kritische Durchdringung der Welt wird mit einer anti-intellektualistischen Hinwendung zu Gefühl und der Vereinfachung von Komplexität in binäre Muster beantwortet. Der auf diese Weise abgewerteten Gegenwart wird eine antifortschrittliche Nostalgie nach einer scheinbar besseren Vergangenheit entgegengesetzt.26
All dies ist Ausdruck eines Rückzugs in einen umfassenden Traditionalismus, der auch die Heimatliteratur innerhalb der Heimatkunstbewegung kennzeichnet. Diese sieht sich in Opposition zu modernen Strömungen wie dem Naturalismus, den sie als dekadente Großstadtliteratur missbilligt und von dessen urbanen Kosmopolitismus sie sich maßgeblich über die Vorstellung abgrenzt, dass regionale Literatur vor allem den jeweils spezifischen Regionalcharakter einer Gegend, die auch die Identität des Verfassers oder der Verfasserin prägt, zum Ausdruck bringt. Heimatliteratur versucht demnach, das vormoderne Leben in den verschiedenen Heimaträumen der deutschen ‚Stämme‘ authentifikatorisch aufzugreifen und innerhalb eines größeren, nationalen bzw. völkischen Zusammenhangs zu verorten. Anstatt neue Erzählformen und Themen zu generieren, konzentriert sie sich vor allem auf die Reproduktion bereits existierender Muster und die Inszenierung einer verloren geglaubten Lebenswelt. Formal orientieren sich die meisten Heimatromane am Realismus, wobei vor allem Wilhelm Raabe, Theodor Storm und Theodor Fontane Vorbilder sind.27 Gänzlich unbeirrt von der in der modernen Literatur oft zum Ausdruck gebrachten Sprachkrise und der Vorstellung einer fragmentierten Welt findet sich hier häufig eine souveräne, allwissende Erzählinstanz, die die Leserinnen und Leser durch eine lineare, jederzeit klar nachvollziehbare Handlung führt.
Auch abgesehen von der inhaltlichen Thematisierung des ländlichen bzw. dörflichen Heimatraums kreierte beispielsweise Gustav Frenssen in Jörn Uhl eine Erzählweise, die das Erzählen selbst zur Heimat für die Leserinnen und Leser werden lässt. Frenssens Schreibweise zeichnet sich zumindest in diesem frühen Roman maßgeblich durch eine Aufhebung von Anonymität und Objektivität im Text aus. Der sinnstiftende, mal ernsthafte, mal humorvolle Plauderton der auktorialen Erzählstimme sowie die weitschweifigen, häufig kolloquialen und mundartlichen Dialoge tragen dazu bei, die Leserinnen und Leser in der erzählten Welt und im Text selbst heimisch werden zu lassen.28 Dafür wird im Jörn Uhl ebenso wie in anderen Werken der Heimatliteratur weitestgehend von einer komplexen Psychologisierung der Figuren abgesehen. Das Personal ist stattdessen meist idealtypisch und schematisch gezeichnet auf der Grundlage der jeweiligen Herkunft, deren Merkmale auf die Figuren übertragen werden, wie etwa auch bei Peter Moor, der als Sprössling einer holsteinischen Handwerkerfamilie ebenso (wort-)karg und schlicht ist wie sein Heimatboden.
Zwar ist die Heimatliteratur nicht zwangsläufig völkisch, doch ergeben sich große Überschneidungen zur völkischen Literatur, die sich etwa in einer stärkeren Biologisierung der Handlung und der Figuren oder einer rassistischen Darstellung anderer Ethnien zeigen und im historischen Verlauf auch stärker wurden, sodass hier bereits Elemente der Blut- und Boden-Ideologie antizipiert werden.29 Für Frenssen, dessen Jörn Uhl schon deutlich rassistische Züge trug, ist zu konstatieren, dass seine Konzeption von Heimat in Peter Moor ebenfalls völkisch geprägt ist, insofern diese nicht nur lokalpatriotisch ausgerichtet ist, sondern über die Beschreibung der verschiedenen Volksstämme archaisierend und biologisierend charakterisiert wird. Für eine solche rassistische Grundierung spricht auch das Motiv der Blutrache, das Moor dazu bewegt, in den Krieg zu ziehen.30
Weil sie sich rückwärtsgewandt an einer längst verlorenen Vergangenheit festhält und diese immer wieder neu aufleben lassen will, ist die Heimatliteratur vor allem gegenüber ästhetischen Innovationen in der Defensive, insofern sie allem Neuen ablehnend gegenübersteht. Diese Haltung lässt sich als „Hilflosigkeit“31 angesichts der sich immer weiter und schneller modernisierenden Welt der Gegenwart und ihren künstlerischen Innovationen beschreiben, denen sie ästhetisch wenig entgegenzusetzen hat. Frenssen versucht jedoch durch die Verlagerung des heimatliterarischen Szenarios in den kolonialen Raum, dieser literarischen Hilflosigkeit entgegenzuwirken, indem in der Kolonie ein realer Raum der zeitgenössischen Lebenswelt gefunden wird, der als neue Heimat der einzelnen deutschen Volksstämme vereinnahmt werden soll.
Mit der immer weiter fortschreitenden Modernisierung um 1900 wurden die Utopien einer traditionellen Heimat, die in der Heimatliteratur beschworen wurden, zunehmend unerreichbar. Es setzte sich langsam die desillusionierte Ansicht durch, dass die Heimat, nach der sich sowohl die Autorinnen und Autoren als auch ihre Leserschaft sehnten, in Deutschland aufgrund der Denormalisierungseffekte eines tiefgreifenden Gesellschaftsumbruchs endgültig verloren sei. Durch innere Kolonisierungstendenzen rückständiger Provinzen und Meliorationsprojekte, beispielsweise die Entwässerung von Mooren oder die systematische Aufforstung von Wäldern zur industriellen Holzgewinnung, wurde diese alte deutsche Heimat immer fremder und im Zuge dessen konnte die Fremde immer attraktiver werden. Wie bereits die Solidarisierung vieler Autoren mit dem niederdeutschen ‚Brudervolk‘ der Buren während des Kriegs gegen die Briten gezeigt hatte, wurden auch kolonisierte Gebiete nach und nach als Räume einer neu zu schaffenden Heimat vereinnahmt.32 In den Kolonien, und hier insbesondere in der dezidiert als Siedlungsraum ausgewiesenen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, konnte in einem vorindustriellen Raum nun das Programm der Heimatkunst vermeintlich realisiert und die Suche nach Verankerung in einem neuen Heimatboden ermöglicht werden. Die Kolonien sollten nicht nur ein neues, sondern auch ein besseres Deutschland ermöglichen, in dem all jene degenerativen Tendenzen, die man in der Moderne zu erkennen glaubte, rückgängig gemacht werden konnten.33
Dabei erwies sich die so hoffnungsvoll in die Zukunft gerichtete Vorstellung von Heimat in einem weit entfernten Raum zugleich als Zeitreise in die Vergangenheit, denn in die gemäß der imperialistischen Ideologie zivilisatorisch ohnehin auf einer Vorstufe der europäischen Lebenswelt stehenden Kolonie ließ sich eine Utopie von Ursprünglichkeit und Rückkehr optimal hineinprojizieren, um die koloniale Fremde zu ‚verheimaten‘.34 Doch auch außerhalb dieser sehr rückwärtsgewandten Heimatideologie wurden Bilder der Kolonien zunehmend in den Heimatdiskurs um 1900 eingebunden. Eine wichtige Rolle dafür spielten Abbildungen der kolonialen Lebenswelt in kolonialen Periodika wie der Deutschen Kolonialzeitung oder Kolonie und Heimat, aber auch Bildpostkarten mit kolonialen Motiven, die sich immer weiter an heimatliche Motive annäherten, sowie die stärkere Thematisierung der Kolonien als feste Bestandteile der Heimat im schulischen Geografie- und Heimatkundeunterricht.35 Auch die koloniale Literatur vollzieht diese Verheimatung, indem zahlreiche Romane um 1900 nicht mehr reine Eroberungs- und Abenteuergeschichten erzählen, sondern, wie in Kapitel 4 bereits gezeigt wurde, vor allem den Versuch der dauerhaften Besiedelung der Kolonien thematisieren.
An dieser versuchten Verheimatung der Fremde partizipiert auch Peter Moor, auch wenn darin primär ein Krieg geschildert wird. Dies wird vor allem an den Stellen im Roman evident, an denen die Siedlungsleistung der Deutschen beschrieben wird. Als Moor und seine Kameraden die Überreste einer deutschen Siedlung sehen, welche die Herero zerstört haben, ist die Rede von einem „bescheidene[n] Haus“ in einem „schmalen, dürftigen Garten, dem man noch ansah, mit welcher Mühe deutsche Hände ihn in dem dünnen Erdreich gepflegt hatten“ (PM, 41). Zerstört finden sie des Weiteren auch ein „schönes stattliches Farmhaus“; zerschlagen sind nicht nur dessen Fenster, sondern auch die „schweren, sauber gearbeiteten Möbel“ (PM, 50). In den von deutschen Siedlerinnen und Siedlern kultivierten Gärten wachsen „wahrhaftig Palmen und Weinlauben, von denen wir in Kiel und auf dem Meere geträumt und geredet hatten“ (PM, 111). In diesen Schilderungen scheint die ganze Bandbreite von Elementen der heimatliterarischen Ideologie mit ihrer Idyllisierung von bäuerlichem Leben, Gartenbau und harter, ehrlicher Arbeit in einem Land ohne Industrialisierung auf. Die Art und Weise, wie diese neue Heimat zu besiedeln ist, wird von einem Deutschen, der schon vor dem Krieg in der Kolonie war, deutlich romantisiert dargestellt:
Ich suche mir einen Platz aus mit gutem Wasser und guter Weise; […]. Dann lasse ich das bißchen Vieh, das ich habe, dort weiden. Es nährt und tränkt und mehrt sich selbst, ganz wie bei Abraham und Jakob. Nach zwei, drei Jahren habe ich schon eine ganze Herde. Unterdes baue ich mir ein kleines steinernes Haus. Wenn ich allmählich anfange, einige Stücke Vieh zu verkaufen, wird aus dem Haus ein besseres. […] Sieh! Du kannst hier gehen und stehn und ruhn und trekken, hundert Meilen, und kein Mensch sagt Dir, was Du sollst oder nicht […]. (PM, 124–125)
Es ist das ursprüngliche, einfache Leben im Einklang mit der Natur, das hier glorifiziert wird als Rückkehr in einen archaischen Urzustand, der nun in das neue ‚gelobte Land‘ Deutsch-Südwestafrika verlagert wird. Hier, so wird suggeriert, kann ein Neuanfang in einem noch nicht durch technischen Fortschritt entfremdeten Land gewagt werden, das man mit primitiven Mitteln wie in längst vergangenen, biblischen Zeiten zu einer Heimat formen kann.
Die so als neue Heimat vorgestellte Kolonie kollidiert mit dem anfangs in Aussicht gestellten Abenteuer, da dieses einen Austritt aus der heimatlichen Ordnung bedarf, um seine spezifische Eigengesetzlichkeit entwickeln zu können. Die anfänglich evozierte Abenteuersehnsucht der Soldaten wird somit gebrochen an der ebenfalls mitlaufenden Heimatverankerung. Die Erzählung bewegt sich somit in einem ständigen Spannungsverhältnis zwischen dem erhofften Abenteuer und der Sehnsucht nach einer neuen Heimat, die traditioneller und archaischer als die alte sein soll, wobei die alte Heimat zugleich als emotionale Basis bestehen bleibt.
5.1.3 Kollektive Identitätsstiftung in der Schutztruppe
Der Angriff der Herero auf dieses Verheimatungsprojekt wird in Peter Moor zum Anlass genommen, aus den einzelnen regionalen ‚Stämmen‘, die aus völkischer Sicht die deutsche Nation ausmachen und in der Schutztruppe zusammenkommen, über das gemeinsame Ziel der Bekämpfung der Feinde in der neuen Heimat eine nationale Identität zu schaffen, die sich im Krieg bewähren kann. Anders als der Titel zunächst vermuten lässt ist die Schutztruppe nicht als ein Verbund aus Einzelkämpfern zu verstehen, sondern als ein Kollektiv, das sich in dem Moment bildet, als sich die Soldaten der Gefahr durch einen Angriff ihrer Feinde in Südwestafrika bewusst werden und beschließen, sich kollektiv dagegen zu wehren. In seinem Hauptwerk Masse und Macht (1960), das dem Zusammenschluss einzelner Menschen zu einem Kollektiv und der daraus resultierenden Macht gewidmet ist, konstatiert Elias Canetti: „Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes“, und schlussfolgert daraus, dass diese Furcht vor dem „plötzlichen, unerwarteten Griff aus dem Dunkel“,36 also dem taktilen An-greifen als tatsächlichem Angriff, den Menschen dazu führt, sich anderen Menschen anzuschließen. Das von ihm beschriebene „Dunkel“ ähnelt dem kolonialen Topos der oft als noch unbekannt und unerforscht und daher als dunkel beschriebenen Kolonien,37 wo die Deutschen vom unerwarteten Angriff der indigenen Bevölkerung überrascht wurden. Was Canetti als Masse bezeichnet, lässt sich auf die Schutztruppe als Kollektiv übertragen: Erst im Kollektiv, bzw. in der Masse, in der man dicht an dicht steht, „alle gleich“ werden und „[k]eine Verschiedenheit zählt“, fürchtet man diese Berührung nicht mehr. Stattdessen löst sich die Angst in einer „Entladung“,38 d. h. man geht in diesem kollektiven Zusammenschluss nun zum Gegenangriff über. Im Gegenangriff kann das nationale Kollektiv, repräsentiert durch die Schutztruppe, die hier vor allem sich selbst vor den Feinden schützt, Tapferkeit, Mut, Tatkraft und Überlegenheit zum Ausdruck bringen und mittels dieser als paradigmatisch maskulin attribuierten Männlichkeitstugenden die eigene Tatkraft erleben, wiederherstellen und unter Beweis stellen. Es geht beim Zusammenschluss zu einem militärischen Kollektiv darum, die jungen Männer nicht nur ins Erwachsensein, sondern auch ins soldatische Mannsein einzuführen, was mit dem Weggang aus der mütterlichen Geborgenheit in die durch Kampf geprägte Fremde markiert ist. Der Gegenangriff gegen die ‚Aufständischen‘, die koloniale Siedlungen zerstört und Deutsche getötet haben, dient also dazu, die einzelnen männlichen Individuen zu einer Gruppe zu vereinen, in der aus den ‚an-gegriffenen‘, gejagten Deutschen Jäger der Herero werden.
Darüber hinaus wird diese initiatorische Kollektivierung an der Schwelle zur erwachsenen Männlichkeit in Frenssens Roman mit einer nationalistischen Symbolik realisiert, insofern die Soldaten bis auf wenige Ausnahmen keine individuellen Eigennamen tragen, sondern allein aufgrund ihrer Herkunft charakterisiert werden: So ist die Rede von Schwaben, Schlesiern, Bayern und Holsteinern, die sich auf Hochdeutsch unterhalten, um sich überhaupt verständigen zu können. Ihre Namenlosigkeit zugunsten der Charakterisierung nach der Herkunft lässt ihre individuelle Identität hinter die Gruppenidentität zurücktreten. Für die „performative Fabrikation eines Wir“ sind „Einheitsfiktionen“ nötig, derer sich Frenssen hier mehrfach bedient, um die Schutztruppe als „Kollektivsubjekt“39 zu beglaubigen. So wird etwa das Aufgehen in einer an sich unsichtbaren nationalen Identität äußerlich durch die Uniformierung der Soldaten versinnbildlicht. Neben einer „schmucken, reinen Schutztruppenuniform“ (PM, 112) tragen sie allesamt „den Tornister mit der weißen Schlafdecke auf dem Rücken, das Gewehr über der Schulter, den Patronengurt um den Leib […]“ (PM, 34). Der Sprechgestus des Erzählers trägt ebenfalls dazu bei, dass die Truppe als eine auf Vielfalt basierende Einheit wahrgenommen wird: Statt seiner individuellen Erlebnisse und Gefühle beschreibt er vor allem die gemeinsam erlebten Geschehnisse – es kämpft, marschiert und leidet also nicht ein ‚Ich‘, sondern ein ‚Wir‘. Dass es Frenssens erklärtes Ziel war, die „marschierende Truppe“ als „Kollektivkörper in actu“40 erzählerisch auszugestalten, bezeugte er in seiner Autobiografie, der zufolge er lieber den „Zug einer bestimmten Truppe“ statt der Bewegung einzelner Individuen „durch den einsamen Busch, sozusagen querfeldein, von einer vorrückenden Truppe zur andern“41 beschreiben wollte. Zwar schildert der Ich-Erzähler Moor das Geschehen naturgemäß aus seiner eigenen Perspektive, allerdings befragt er auffällig häufig seine Kameraden nach ihrer Sicht. Zudem sammelt und bündelt er ihre Äußerungen, indem er einzelne Elemente der Gespräche am Lagerfeuer in direkter Rede wiedergibt. Peter Moor fungiert also als Sprachrohr der Namenlosen, denen er in seinem Bericht stellvertretend eine Stimme gibt und dabei selbst schweigt:
Ich setzte mich still zu ihnen und hörte mit großer Begierde, was sie miteinander redeten. […] Sie kamen auch auf die Ursachen des Aufstandes; und ein Älterer, der schon lange im Lande war, sagte: ‚Kinder, wie sollte es anders kommen? Sie waren Viehzüchter und Besitzer, und wir waren dabei, sie zu landlosen Arbeitern zu machen; da empörten sie sich. […]‘ Sie sprachen auch darüber, was wir Deutschen hier eigentlich wollten. (PM, 66–67)
Diese Unterhaltungen dienen dazu, dem unerfahrenen Moor ebenso wie den Leserinnen und Lesern die Logik und die Regeln der diegetischen Welt zu erklären und dabei eine rassistisch-nationalistische Ideologie zu vermitteln. Im Zuge dessen werden nämlich die Beweggründe der Feinde lediglich angerissen, um diese im weiteren Gesprächsverlauf unverzüglich zu diskreditieren, sodass das agonale Verhältnis zu den Herero und somit die Kriegsführung der Deutschen unangetastet bleiben. An diesen Dialogen sind die Herero gleichwohl nicht beteiligt – es wird nur hegemonial über sie gesprochen, wodurch die Beziehung zu ihnen der grundlegenden Ideologie des Kolonialismus folgend polarisiert und somit asymmetrisch bleibt.42
Mit der kollektiven Identitätsstiftung in der Schutztruppe wird die bei der Überfahrt nach Afrika ausgemalte individuelle Bewährung im Kampf indes prekär. Was nämlich nicht verwirklicht wird, ist die prototypische Sehnsucht des Abenteurers im kulturell etablierten Verständnis, allein gegen die ‚Wilden‘ zu kämpfen und die eigene Tapferkeit unter Beweis zu stellen. Stattdessen erwächst die Handlungsmacht der einzelnen Soldaten erst aus dem Zusammenschluss mit anderen Soldaten in ein kriegerisches Kollektiv, in dessen Masse man sich sicher genug fühlt, den Feind zu bekämpfen. Dieser Widerspruch zwischen militärischer Kollektivierung und Verheimatung der Fremde einerseits und individueller Heldenreise mit kolonialen Abenteuern andererseits durchzieht Moors Bericht leitmotivisch und wird erzählerisch so zugespitzt, dass der Konflikt schließlich in einer wohlkalkulierten Inszenierung von Verzweiflung und Hilflosigkeit mündet.
5.2 Frustration und Resouveränisierung im Krieg
5.2.1 „Durch die Welt ich wandern muss“: Desillusion, Heimweh und die Abkehr vom Abenteuer
Die von Frenssen aufgebaute Abenteuersehnsucht und -erwartung unter den Soldaten wird schon während der Überfahrt gezielt gebrochen. Bereits die erste Begegnung des unbedarften Ich-Erzählers mit schwarzen Menschen, die in Liberia als Arbeitskräfte an Bord kommen und ihm wie monströse Tiere vorkommen, zeugt davon: „Da erschrak ich und staunte mit offenem Munde. Denn über beide Borde kam es, mit Katzenschleichen und Schlangengleiten, schwarz und lang und halbnackt, mit großen entblößten Gebissen, mit lachenden wilden Menschenaugen […].“ (PM, 28) Die Schwarzen erscheinen wie eine Naturgewalt, gegen die man sich nicht wehren kann, und irritieren die auf dem Schiff herrschende weiße Ordnung. Moor beobachtet entsetzt, wie sie „mit ihren großen knarrenden Tiergebissen Beine, Gekröse und Eingeweide ungereinigt fraßen“ (PM, 30). Mit dem Ekel vor den als tierisch beschriebenen Schwarzen wird verdeutlicht, dass sie für Peter Moor das ganz und gar Andere verkörpern. Ihre fremden Essgewohnheiten und Tischmanieren laufen seiner beinahe obsessiven Fixierung auf Ordnung zuwider, die sich immer wieder offenbart, etwa wenn er erleichtert feststellt, dass die anderen Holsteiner an Bord „lauter ordentliche Leute“ (PM, 19) sind. Die den ethnisch Fremden zugeschriebene Unreinheit bewegt ihn zu der Distanzierungshaltung, dass „daß diese Schwarzen […] ganz, ganz anders sind als wir.“ (PM, 30)
Nun ließe sich vermuten, dass die durch eine dergestalt radikale Alterisierung aufgebaute Agonalität zu den afrikanischen Feinden dazu dienen soll, die kollektive Identität der Schutztruppe zu stärken und im Kontrast umso sichtbarer hervortreten zu lassen. Ähnlich wie der Ritter im höfischen Roman, der in die Fremde ausreitet und dort gegen Ungeheuer kämpfen muss, wird hier der Kampf gegen die barbarisch-tierischen Ungeheuer der Herero antizipiert, um so unterstreichen zu können, wie gewaltig dieser Kampf sein wird und wie transgressiv die Überfahrt in die ungeheure Fremde ist. Zugleich verdeutlicht der Ton der Erzählstimme jedoch, dass der bevorstehende Krieg wenig vom glorreichen Kampf gegen Ungeheuer haben wird. Stattdessen wird ein dystopisch-unheilvolles Bild entwickelt: „Am siebenten Tage, nachdem die Neger über die Reeling [sic] geglitten waren, an einem Morgen, sagte uns ein Matrose, daß wir Swakopmund heute noch erreichen würden.“ (PM, 32) In dieser negativen, regressiven Schöpfungsgeschichte erkennen die Soldaten am siebten Tag, dass die Wirklichkeit, entgegen der Schöpfung ihrer Fantasie, ganz und gar nicht gut ist: Erwartet werden die Soldaten von „grelle[r] Sonne“ (PM, 32) und menschenleerer Ödnis:
Durch den unendlich tiefen und heißen Sand, unter brennender Sonne, ungefähr sechzig Pfund auf den Schultern zogen wir landeinwärts. Wir hatten gedacht, daß ganz Swakopmund am Strand stehen würde, überglücklich, daß endlich Hilfe käme; aber es war kein einziger Mensch da. […] Wo wir […] einen Menschen zu Gesicht bekamen, schien es uns, daß er uns gleichmütig und fast spöttisch zusah. […] rund um uns, so weit wir sehen konnten, war nichts als dürrer, heißer Sand, auf den die Sonne mit grellem Flimmern brannte. Die Augen zogen sich zusammen; ein heißes, trockenes Gefühl zog die Kehle herunter. Wir waren ziemlich still. (PM, 35–36)
Die Beschreibung der Ankunft in der Kolonie setzt den Ton für den Rest der Feldzugsbeschreibung, die vor allem die Widrigkeiten in den Fokus rückt. Die Soldaten fahren mit einem primitiv gezimmerten Zug ins Landesinnere, sehen ein „ungeheures, schrecklich wildes Gebirge“, dessen Felsen „finster und fürchterlich“ drohen, und kommen schließlich auf einer „Hochebene von rötlichgelber Erde, dürftig bestanden mit grobem, gelblichem, trockenen Grase“ (PM, 37–40), an. Das Umschlagen vom locus amoenus der madeirischen Märchenlandschaft zum locus terribilis der kolonialen Fremde Südwestafrikas soll verdeutlichen, wie hart die deutschen Siedlerinnen und Siedler arbeiten müssen, um dieses karge Land zu einer neuen Heimat zu machen. Zugleich weisen die Kargheit und die Unbarmherzigkeit der Sonne auf die noch ausstehenden Qualen des Krieges hin. Die Landschaftsbeschreibung signalisiert außerdem einen Bruch der Erwartung der Soldaten: Sie sind nicht in einer Landschaft, die ihnen aus der Abenteuerliteratur bekannt ist – weder ist hier geheimnisvoller Urwald noch sehen sie Löwen, Elefanten oder Tiger. Es zeigen sich auch keine fremd aussehenden ‚Indianer‘ mit Pfeil und Bogen, die man nun bekämpfen könnte. In der Brachlandschaft zeugt bislang nur eine Spur der Verwüstung von der Existenz der Feinde, die diese bei ihren Angriffen auf die deutschen Siedlungen hinterlassen haben.
Moor und seinen Kameraden werden nach und nach alle Illusionen genommen, die sie vom Kolonialkrieg hatten. Ihre Anweisung lautet, „den Feind nordostwärts im Bogen [zu] umgehn und ihn [zu] stellen“ (PM, 58). Damit greift Frenssen die tatsächlich zunächst von Leutwein und später von Trotha verfolgte militärische Strategie auf, die Herero am Waterberg sternförmig einzukreisen und sie dort in einer Entscheidungsschlacht zu schlagen.43
Bald wird klar, dass Moor und seine Kameraden keineswegs schnell ins Gefecht ziehen können, sondern sehr lange marschieren müssen, bevor sie überhaupt in die Nähe des Kriegsgeschehens kommen. „Müde und gleichgültig zogen wir in den Abend hinein. Ich weiß nicht, ob wir in diesen Wochen jemals gesungen haben.“ (PM, 60) Während sie noch auf der Überfahrt ständig fröhliche Lieder angestimmt haben, schwinden nun Begeisterung und Optimismus mit jedem neuen Tag. Der kräftezehrende Marsch durch das Buschland bietet keine Gelegenheit zur abenteuerlichen Bewährung. Diese wird immer weiter aufgeschoben, weil sich ihre Feinde geschickt dem Kampf entziehen und sie stattdessen durch kleinere Überfälle aus dem Hinterhalt schwächen. Diese Taktik kennzeichnet den Kleinkrieg44 bzw. die Guerilla, insofern der Kampf der Herero nicht Teil der offiziellen Strategie eines nationalen Heers ist, sondern sich durch Irregularität und gesteigerte Mobilität45 kennzeichnet. Das bedeutet, dass es immer wieder Vorstöße gegen die deutschen Soldaten gibt, gefolgt von Rückzügen ins undurchdringliche Gelände, nicht aber die ersehnte große Schlacht, in der die deutschen Truppen ihre militärische Überlegenheit nutzen könnten. Anstatt ausführlicher Schlachtenbeschreibungen finden sich im Feldzugsbericht deshalb detaillierte Schilderungen davon, wie sich die Soldaten immer weiter durch das Land schleppen, zunehmend geschwächt durch fehlenden Proviant, Krankheiten und das schlechte Wetter. „Denn bald fing die Zeit an, wo wir mehr und mehr verhungerten und verelendeten, […]. So mußte es kommen, daß wir bald kraftlose Leute wurden.“ (PM, 59–61) Auch ihr Äußeres spiegelt dieses Elend wider:
Unsere Stiefel gingen entzwei; unsere Beinkleider waren unten nichts als Fetzen und Lumpen; unsere Jacken bekamen vom Dorn große Löcher und wurden entsetzlich schmierig, weil wir alles daran abwischten; unsere Hände waren voll von entzündeten Stellen, weil wir oft in den Dorn greifen mußten. (PM, 64–65)
Die Uniform als sichtbarstes Kennzeichen ihrer Identität und Integrität als vormals stolze Schutztruppen-Soldaten kleidet sie nun als verlumpte, dreckige Gestalten, denen sie nicht mehr als schützende Hülle dienen kann. Durch Krankheit, Hunger und Durst geschwächt und äußerlich durch den Zerfall der Uniform von der Desintegration der soldatischen Identität bedroht, wirkt die immer weiter mutlos vor sich hin marschierende Schutztruppe wie ein Heer der Hoffnungslosen. Diese Hoffnungslosigkeit speist sich auch aus der fehlenden individuellen Handlungsmacht, denn es ist schlicht unmöglich, individuell etwas an der Situation zu verändern. Die Soldaten sind dazu gezwungen, innerhalb ihres Trupps immer weiter zu marschieren und zu warten; die gemeinsame Vorwärtsbewegung des Gehens ist ihre einzige Option. Für eine Bewährung durch eine Einzelaktion bietet sich somit keine Gelegenheit, was dem Abenteuer jegliche Grundlage entzieht.
Am Ostermorgen – der Pastor Gustav Frenssen geizt ähnlich wie Alfred Funke und Richard Küas nicht mit religiösen Verweisen – entwickelt sich ein erneuter Angriff aus dem Hinterhalt für die deutschen Soldaten zum traumatischen Kampf ums nackte Überleben. Sie schießen „gegen Feinde, von denen wir nichts sahen, als hier und da zwischen Büschen ein Wölkchen Rauch. […] Nun sah ich auch etwas Fremdes herankommen. In Klumpen lag und kniete und schlich es zwischen den Büschen. Ich sah keinen einzelnen; nur eine Masse.“ (PM, 83–84) Sie verteidigen sich gegen diffuse Klumpen, eine amorphe Masse, die überall zu sein scheint und aus allen Richtungen angreift. Abermals wird deutlich, dass die – zumindest idealiter – geordnet marschierende Schutztruppe gegen Partisanen kämpft, zu deren Merkmalen es gehört, dass sie sich ihrer „Umgebung bis zur Ununterscheidbarkeit anpassen können“,46 worin auch ihr von Carl Schmitt ausgemachter „tellurische[r] Charakter“47 zum Ausdruck kommt, der sie mit der Erde verschmelzen lässt, für die sie kämpfen.
Die von Canetti beschriebene Angst vor dem Angriff aus dem Unsichtbaren verleitet die Soldaten dazu, sich zu einer „Jagdmeute“ zusammenzuschließen, als welche sie eigentlich die Herero am Waterberg zu „ereilen“, „umstellen“ und „töten“48 versuchen, um so die „Berührung durch Unbekanntes“49 kollektiv zu bewältigen. Dabei werden die Feinde zu einem undefinierbaren ‚Es‘ degradiert, das eher tierisch als menschlich erscheint und gerade deshalb so großen Schrecken auslöst. „Schwarze, halbnackte Gestalten“, wie „Affen, mit Händen und Füßen, das Gewehr im Maul“ heben sich „wie Schlangen aus dem Gras“ (PM, 84–85) oder klettern auf Bäume. Diese Beschreibung als tierische Rotte hilft zwar, die eigene kollektive Identität der Schutztruppe durch die Abgrenzung von den vermeintlich unmenschlichen Feinden zu profilieren. Zugleich verdeutlicht sich aber auch, dass eine individuelle Bewährung nicht möglich ist, erstens weil die Soldaten nicht selbst entscheiden können, ob und wie sie auf die Herero schießen, sondern an die Weisung des Hauptmanns gebunden sind, der zufolge sie sich „[s]prungweise rückwärts“ (PM, 84) in die Defensive begeben sollen. Zweitens stellt dieses Kampfszenario keineswegs einen ehrenhaften Zweikampf dar, in dem der Ritter gegen einen anderen Ritter kämpft. Ein ‚Mann-gegen-Mann‘-Nahkampf ist nur möglich, wenn der Gegner sichtbar gegenübersteht. Die Herero werden hingegen als wilde ‚Klumpen‘ wahrgenommen, die ihren Krieg gezielt asymmetrisch führen, indem sie auf Bäumen oder im Gras lauern.
Die erste „Welle“ des Kriegsgeschehens endet in einem improvisierten Lazarett, wo es zu der im Erzählschema vorgesehenen „Ruhe“50 kommt, die in der Makrostruktur des Krieges mit einem Stillstand des Feldzugs aufgrund mangelnder Soldaten und Waffen sowie fehlendem Proviant korrespondiert. Moors Trupp ist kein aktiv vorrückender „Heerzug“ mehr, sondern ein demobilisierter „Krankentransport“ (PM, 98). „Vorne im Leib den Typhus, hinten die Ruhr“ (PM, 105) sind die Soldaten – „schlaff, träge und gleichgültig“ (PM, 96) – nur noch Schatten ihrer selbst. Wenn Moor beklagt „Wir hatten nicht einmal ein bisschen Reinlichkeit“ (PM, 98), dann konzentriert sich darin der Kern des Problems, nämlich die sich zuspitzende physische wie psychische Zerrüttung des soldatischen Ichs, das durch die Verunreinigung die Differenz zu den als schmutzig dargestellten Feinden immer mehr einbüßt, dies aber nur noch gleichgültig zur Kenntnis nehmen kann.
Das vorherrschende Gefühl neben der Gleichgültigkeit ist Heimweh, das insbesondere in einem angestimmten Volkslied zum Ausdruck kommt: „‚Doch mein Schicksal will es nimmer,/Durch die Welt ich wandern muß,/Trautes Heim, dein denk ich immer,/Trautes Heim, dir gilt mein Gruß,/Sei gegrüßt in weiter Ferne,/Teure Heimat, sei gegrüßt.‘“ (PM 106–107) Das Lied verdeutlicht, dass die Bemühungen der Soldaten von Anfang an auf die Heimat ausgerichtet waren, und zwar einerseits, indem der Kampf in der Fremde die Integrität der Heimat und der ‚neuen Heimat‘ bewahren soll, und andererseits, indem die in der Heimat Gebliebenen die emotionale Grundlage sind, auf der das Handeln der Soldaten beruht, aber auch diejenigen sind, denen die Beurteilung des Kriegsgeschehens obliegt. Außerdem wird im Lied eine Wehmut formuliert, durch „die Welt wandern“ zu müssen, die hinsichtlich der anfänglichen Abenteuersehnsucht der Soldaten bemerkenswert ist. Der Aufbruch in die Fremde erscheint nur noch als lästige Pflicht, die gehorsame Soldaten zu erfüllen haben.
Dieser Eindruck verfestigt sich an einer Stelle, an der Moor ein paar der verletzten Soldaten näher beschreibt, darunter einen Nürnberger, der bereits viel gereist ist:
Er war in Nürnberg geboren und hatte dort seine Kindheit zugebracht. Fünfzehnjährig war er wegen seines Stiefvaters aus der Heimat gegangen und war seitdem unruhig durch die Welt gewandert. Als Steward war er von Bremen aus nach Südamerika gefahren, war quer hindurch nach Chile gekommen, hatte Samoa gesehen und hatte in San Franzisko Kellner gespielt. Dann war er in die Marine der Vereinigten Staaten eingetreten; doch nicht auf lange. Einige hundert Mark, die er in der Tasche hatte, hatten ihn verleitet, von New Orleans nach Australien zu fahren, um Gold zu graben; er hatte aber wenig oder nichts gefunden. Als Australien gegen die Buren Freiwillige stellte, war auch er hinübergefahren, als Trimmer, aber um den Buren zu helfen. Er war gefangen genommen und hatte auf Ceylon böse Tage erlebt. Von da war er nach Kapstadt zurückgekehrt und war auf die erste Nachricht vom Aufstand in unserer Kolonie als Kriegsfreiwilliger eingetreten. Es gibt, glaube ich, nicht wenige Deutsche, die so unruhig und wirr und gutmütig dumm durch die Welt wandern. Ihr ganzes Leben geht damit hin, wahllos einem ersten Einfall ihres unruhigen, haltlosen Gemütes zum Rechten oder Verkehrten nachzulaufen und nach getanem Lauf ohne Nachdenken oder gar Reue sich auf ein anderes Ziel, das eben gerade in ihr Gesichtsfeld kommt, zu stürzen. […] Es ist schlimm, wenn ein Mensch sein Leben nicht in der Hand behält. (PM, 103)
Offenkundig nimmt Moor an all jenen Tätigkeiten und Verhaltensweisen des Nürnbergers Anstoß, die man als abenteuerlich bezeichnen könnte: Als sein eigener Herr wandert er durch die Welt, ohne dabei an Heimat und Moral rückgebunden zu sein, er arbeitet wahllos in verschiedenen Berufen und gerät in Gefangenschaft, aus der er geschickt zu fliehen vermag. Dabei ist er getrieben von der Sehnsucht, irgendwo auf dieser Welt, nur nicht in der Heimat, sein Glück zu finden. Moor stört sich an der vollkommenen Kontingenz dieser Abenteurerexistenz, in der das Abenteuer als Selbstzweck ersehnt und erlebt wird. Genauer kann man diese spezifische Existenz des Abenteuerlichen in der literarisch sehr erfolgreichen Figur des Glücksritters fassen, womit der Autor über seinen Ich-Erzähler indirekt eine lange Tradition literarischer Glücksritter- und Schelmenerzählungen von Don Quijote und dem Abenteuerlichen Simplicissimus über Candide bis zu den klassischen Abenteuerromanen wie Robinson Crusoe aufruft, um sich davon umso deutlicher abgrenzen zu können.51 Glücksritter charakterisieren sich gerade dadurch, dass sie „das Glück suchen“, dass sie aus der Heimat „in ein Unbekanntes“ aufbrechen, um die Kontingenz „zu ihren Gunsten zu wenden“. Dabei ist der Glücksritter nicht so sehr ein „Verirrter und Verlorener“, sondern ein „Prototyp des Abenteurers“, der das Abenteuer „um seiner selbst willen aufsucht“.52 Hinzuzufügen ist, dass sich der Glücksritter als moderne Abenteurerfigur vom vormodernen ritterlichen Abenteurer dadurch unterscheidet, dass Ehre und Bewährung, für die der Ritter ausgezogen ist, um so die gestörte höfische Ordnung wiederherzustellen, an Bedeutung verlieren und stattdessen individuelle Selbstverwirklichung wichtiger wird.
Besonders deutlich zeigt sich Moors Missfallen an dieser Glücksritterexistenz in der Problematisierung des unsteten Gemüts, mit dem der Nürnberger Kamerad die Welt bereist und das ihn von einem Ort zum anderen treibt, immer auf der Suche nach etwas Neuem. Die rastlose, dabei völlig vom Zufall getriebene Impulsivität, mit der er willkürlich entscheidet, heute hier und morgen dort zu sein, signalisiert für Moor, dass ihm die emotionale Verankerung in der Familie und im Heimatboden fehlt.53 Darüber hinaus deutet die Serialität dieser Reisen um die Welt, in der ein Abenteuer das nächste jagt, auf eine mangelnde Innerlichkeit und Wertorientierung hin: An die Stelle des melancholischen Heimwehs tritt das Primat der Tat, das indes immer an der Oberfläche bleibt und keine individuelle Entwicklung erlaubt. Ohne die Ausrichtung auf einen höheren Zweck, für den all diese Reisen unternommen werden, also beispielsweise die Mehrung des nationalen Ansehens oder die Unversehrtheit der alten wie neuen Heimat, erscheint Moor das Abenteuer in seiner endlosen Reihung als sinnlos. Die Kriegsbeteiligung in der deutschen Schutztruppe ist für den Nürnberger nicht mehr als eine von vielen Abenteuerepisoden, die keinerlei Auswirkung auf ihn und seine Persönlichkeit haben wird, weil für ihn das Abenteuer zum Selbstzweck geworden ist, aber nicht mehr auf ein Ziel ausgerichtet ist. Anders als Moor und die anderen Soldaten, die im Krieg gegen die Herero Rache an den getöteten Deutschen üben wollen und so – zumindest anfänglich – von der moralischen Notwendigkeit ihres Handelns überzeugt sind, ist dem Abenteurer die Heimat im Wesentlichen gleichgültig, denn er stellt das Erlebnis des Abenteuers über alles andere. Aus einer heimatliterarischen Perspektive kann das Abenteuer als unverantwortlicher Egoismus eines Einzelnen und Abkehr von der Heimat daher nur aufs Entschiedenste abgelehnt werden, wie der Ich-Erzähler es hier tut.
Die Vehemenz, mit der Moor sich von diesem Abenteurer abgrenzt, ist dabei bezeichnend, denn seine größte Angst scheint es zu sein, „sein Leben nicht in der Hand“ zu behalten und die Kontrolle zu verlieren. Anders als für den Nürnberger ist für Moor und seine Kameraden der im Abenteuer angelegte Verlust der Kontrolle über das, was auf sie zukommt, die immer neuen Wendungen des Schicksals, die unvorhergesehenen Situationen, das damit einhergehende Risiko und die Kontingenz, mit denen der Abenteurer umgehen muss und innerhalb derer er seine Handlungsmacht immer wieder aufs Neue (er-)finden muss, das Schreckensbild der Soldaten. Sie sind in den Krieg eingetreten mit eher diffusen, populärkulturell inspirierten Vorstellungen der Fremde als Raum exotischer Abenteuer, in dem es zum einen möglich ist, ‚etwas zu erleben‘, das man in der Heimat nicht erleben kann, und in dem sie zum anderen das ‚Vaterland‘ und das ‚deutsche Blut‘ gegen seine Feinde verteidigen und sich dadurch als Einzelne bewähren können. Ihre Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, ist also nicht nur durch Abenteuersehnsucht, sondern maßgeblich durch den gegenläufigen Anspruch motiviert, mit diesem Feldzug eine aus den Fugen geratene koloniale Ordnung wiederherzustellen. Das dabei erhoffte besondere Erlebnis wurde zunächst durch die Transgression der heimatverbundenen Soldaten hinein in die Fremde als Abenteuer gerahmt, insofern der Aufbruch und die Überfahrt nach Afrika und die Vorstellung von wilden Tieren, Pflanzen und Menschen als Teil eines doppelten Kursus an die Genrekonventionen erfolgreicher Abenteuererzählungen angelehnt wurde.
Dieses unscharfe Nebeneinander von zweckorientierter Kriegsmotivation und diffuser Transgressionslust wird nun zugunsten einer Ablehnung alles Abenteuerlichen entschieden. Denn der weitere Verlauf dieses vage vorgestellten ‚afrikanischen Abenteuers‘ in seiner ersten „Welle“ bis ins Krankenlager verdeutlicht, dass das Kriegsgeschehen alles andere als abenteuerlich wahrgenommen wird. Selbst die Situationen, die potenziell abenteuerlich sein könnten, also die Angriffe der Feinde aus dem Hinterhalt, werden nicht abenteuerlich erzählt, sondern bringen stattdessen die Angst vor den vermeintlich wilden, tierähnlichen Feinden zum Ausdruck, denen man nicht gewachsen zu sein scheint.
Die anfängliche Abenteuersehnsucht der Soldaten wird also von der Angst vor dem Kontrollverlust abgelöst. Frenssen entwickelt gezielt ein abenteuerliches Erzählsetting, indem er die Handlung in zwei Teile teilt, in denen das Geschehen zweimal einen Auszug ins Gefecht beschreibt, der in eine existenzielle Bedrohung führt und in „Ruhe“ endet, und enttäuscht dann die Abenteuererwartung ebenso gezielt, indem das Geschehen schlicht nicht abenteuerlich ausgestaltet wird. Dieses Vorgehen dient ihm dazu, das Abenteuer als etwas zu diskreditieren, das von unmoralischer Egozentrik zeugt. Es wird außerdem als ein Erlebnismodus dargestellt, welcher der Erfahrung des kolonialen Kriegs nicht mehr gerecht wird, weil es darin gerade nicht mehr um individuelle Selbstverwirklichung und ein lustvolles Zurechtkommen in der Kontingenz des Lebens in der Fremde geht, sondern um eine kollektive Kraftanstrengung, in der jegliche Kontingenz eliminiert werden soll. Der Krieg kann nicht als Abenteuer erlebt werden, weil er als zu ernst und schrecklich erfahren wird, als dass man darauf mit der spielerischen Leichtigkeit eines Abenteurers, für die der Nürnberger Kamerad steht, reagieren könnte. Im Sinn einer heimatideologischen Verankerung der Figur in der heimischen Ordnung muss der Krieg auch ernsthaft und nicht als lapidares Abenteuer erlebt werden. Dass Frenssen die Struktur des doppelten Abenteuer-Kursus dennoch verwendet, um sie schließlich mit der Realität des Krieges kollidieren zu lassen, dient dazu, die Unzulänglichkeit des Abenteuers als Erlebnis- und Erzählform für den Kolonialkrieg auszustellen und damit das Abenteuer als etwas zurückzuweisen, das der modernen Erfahrungswelt nicht mehr angemessen ist.
5.2.2 Auf der Suche nach soldatischer Handlungsmacht
An die Stelle der erwartbaren Schilderung der Gefechte und Schlachten als abenteuerliche Handlungsfelder tritt die ausführliche, den Feldzugsbericht vollkommen dominierende Schilderung des Elends, der Krankheit und Überforderung der Soldaten. Es geht damit um eine demonstrative Inszenierung von soldatischer Hilflosigkeit. Aus der dezidierten Ablehnung der abenteuerlichen Kontingenz resultiert ein Mangel derjenigen Handlungsmacht, die nötig wäre, um auf die Unwägbarkeiten in der Wildnis individuell reagieren zu können. Die Soldaten fürchten zwar den mit dem Abenteuer verbundenen Kontrollverlust, doch ist es gerade die eigentümliche Handlungsmacht des Nürnbergers innerhalb seines nicht zu kontrollierenden, vollkommen kontingenten Abenteurerdaseins, die es ihm erlaubt, sein nicht vorhersehbares Schicksal und die ständig neuen Situationen so gut es geht selbstbestimmt zu gestalten. Moor und seine Kameraden hingegen fühlen sich trotz ihrer Ablehnung des Abenteuers von äußeren Faktoren wie der größer angelegten Kriegsstrategie des Feldzugs sowie der unberechenbaren Vorstöße der Feinde in ihrer individuellen Freiheit eingeschränkt. Sie erleben den größtmöglichen persönlichen Kontrollverlust durch die völlige Regellosigkeit der sie umgebenden ‚Wildnis‘, in der ihre Vorstellungen vom richtigen, ordentlichen Krieg nach europäischem Modell nicht umgesetzt werden können. Damit bedroht die paradoxe Konstellation zwischen der Sehnsucht nach Kontrolle über das Unkontrollierbare und der gleichzeitigen Fremdkontrolle die Souveränität der Soldaten; ihre männliche agency wird somit prekär.
Frenssen nimmt die historisch tatsächlich nachweisbare Überforderung der Soldaten54 zum Anlass, diese in plakativ ausgestellte Hilflosigkeit zu überformen. In seiner Erzählung beruht dieses Gefühl größtenteils auf der Verunsicherung über adäquates soldatisches Verhalten, die sich aus der Ablehnung abenteuerlichen Handelns bei gleichzeitig fehlender Handlungsalternative und wachsendem Kontrollverlust ergibt. Er rückt mit der Hilflosigkeit ein soldatisches Gefühl in den Fokus, das zumindest in der kolonialen Kriegsliteratur bislang nicht repräsentiert war. Die Verzweiflung der Soldaten kann nun dargestellt werden, ohne die Soldaten als ‚unmännliche‘, larmoyante Feiglinge erscheinen zu lassen, denn ihre Hilflosigkeit ist nicht selbstverschuldet, sondern von außen induziert.
Angesichts dieser betonten Hilflosigkeit malen sich die Soldaten gedanklich immer wieder ihre Heimkehr aus. Neben der Sehnsucht, heimzukehren, klingt hier außerdem das Bedürfnis an, vom Erlebten zu berichten:
Wohl fünfzigmal kam immer wieder von neuem das Gerede. Wir sollten abgelöst werden und nach Hause. Davon sprachen wir am liebsten. Nach Hause! Was werden sie zu Hause sagen, wenn wir wieder kommen! […] Was werden wir alles zu erzählen haben! […] O, nach Haus! Wir wollten alle, alle nach Haus. (PM, 95–96)
Die Heimkehr scheint erst dann richtig vollzogen zu sein, wenn die Zuhausegebliebenen ihre Geschichten vom Krieg zur Kenntnis genommen haben. Ihre Sehnsucht richtet sich demnach auf einen zukünftigen Rückgewinn von agency im Sinn einer narrativen Gestaltungsmacht zumindest über die Geschichte, die sie vom Krieg erzählen werden, welche es ihnen erlauben wird, das Geschehene in eine sinnvolle Ordnung zu bringen, die dem Geschehen in der Gegenwart fehlt. Impliziert wird damit aber auch, dass es schlussendlich die Menschen in der Heimat als Publikum dieser Geschichte sein werden, die über das Erlebte und Erzählte urteilen werden: Was „sie zu Hause sagen“ werden, ist demnach der Fluchtpunkt ihres ganzen Unterfangens, denn es geht darum, vor dem Urteil der Daheimgebliebenen bestehen zu können. Zwar kämpft man für die ‚neue Heimat‘, die in der Kolonie geschaffen werden soll, doch diese ist für die Soldaten in ihrem Krankenlager nichts mehr als ein „Affenland“ (PM, 64), aus dem sie interessante Geschichten zu erzählen haben werden.
Wie elementar die positive Beurteilung des Kriegs durch die Zuhausegebliebenen ist, verdeutlicht bereits Moors Abschied aus Kiel:
Wenn ich hundert Jahre alt werde, so vergesse ich doch niemals diese nächtliche Stunde, als Tausende von Menschen mit uns zogen […], uns anriefen, grüßten und winkten, und Blumen auf uns warfen und unsere Gewehre trugen und uns zum Bahnhof brachten. Der Platz vor dem Bahnhof war schwarz von Menschen. (PM, 9)
Moor erhofft sich von Anfang an, dass ihn dieses Verehrerkollektiv der jubelnden Menschenmenge auch bei seiner Rückkehr am Bahnhof empfangen und seine Erlebnisse als heroische Taten interpretieren wird. Während aus dieser in Aussicht gestellten Heroisierung ursprünglich maßgeblich der Antrieb erwuchs, überhaupt in den Krieg zu ziehen, verstärkt sich die nun vorherrschende Hilflosigkeit umso mehr, als einer der Soldaten im Krankenlager einen Brief aus der Heimat bekommt, der sie darüber informiert,
daß in Deutschland jedermann von dem Krieg zwischen Rußland und Japan spräche, von uns aber spräche kein Mensch, ja man spotte über uns und unsern Jammer als über Leute, die für eine lächerliche und verlorene Sache stritten, und man wollte nichts von uns wissen, weil wir das rasche Siegen nicht verstünden. (PM, 105)
Die sie bejubelnde Menschenmenge hat sich also längst von den Soldaten abgewandt. Nun reagieren die Menschen auf Berichte aus dem Krieg im fernen Afrika bestenfalls noch mit Desinteresse, eher aber mit Hohn und Verachtung. In dieser unscheinbaren Passage formuliert Frenssen eine für zeitgenössische Leserinnen und Leser deutlich erkennbare Kritik an der allgemeinen Einstellung der Deutschen gegenüber dem Geschehen in den Kolonien und der diesbezüglichen Presseberichterstattung. In der historischen Forschung wurde nachgewiesen, dass in der Anfangsphase des Kriegs die Zeitungsberichte darüber tatsächlich eher spärlich waren, weil die Nachrichten durch zerstörte Telegrafen- und Bahnverbindungen und die weite Entfernung zum Mutterland nur sehr langsam durchdrangen.55 Stattdessen beschäftigten sich viele Zeitungen mit dem ungefähr zeitgleich stattfindenden Krieg zwischen Japan und Russland, sodass Frenssen hier die zunächst geringe mediale Repräsentation des Kriegs zum Anlass nimmt, sie als Desinteresse der Öffentlichkeit zu interpretieren und gleichsam zu kritisieren.56
Mit dieser über den Brief aus der Heimat eingeführten Vorstellung des scheinbaren Desinteresses nimmt der Autor eine Moralisierung vor, die die Hilflosigkeit der Soldaten zusätzlich unterstreichen soll. Vor allem wird insinuiert, dass die Deutschen die Soldaten dafür verachteten, für etwas zu kämpfen, das nicht des Kämpfens wert sei – nämlich die ‚neue Heimat‘ in der Kolonie –, sodass ihre erbrachten Opfer entsprechend auch nicht ernst genommen würden. Der Vorwurf, nicht ‚rasch siegen‘ zu können, spielt auf die damals in Reichstag und Medien formulierte Kritik an der Kriegsführung an. Schon im März 1904, also etwa ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Völkermord, regte sich Widerstand gegen die extreme Brutalität und die kompromisslose Tötung der Feinde, aber auch der Zivilbevölkerung.57 Der Verweis auf die Länge des Krieges deutet zudem auf die Reichstagsdebatten zur Erweiterung des Kriegsetats, dem die Parlamentarier zustimmen mussten, hin: Je länger der Krieg dauerte und je mehr Kosten entstanden, desto mehr wurde der Krieg an sich in Frage gestellt, was schlussendlich zu einem so großen Zerwürfnis führte, dass sich der Reichstag im Winter 1906 auflöste und Reichskanzler Bernhard von Bülow die als „Hottentottenwahlen“ bekannt gewordenen Neuwahlen anordnete.58 Während einerseits von Kaiser Wilhelm II. als Oberbefehlshaber und der Kolonialverwaltung ein schnelles Ende des Kriegs gefordert und zu diesem Zweck auch ein erheblich höheres Gewaltausmaß in Kauf genommen wurde, wurde andererseits eben diese Gewalteskalation von den Oppositionsparteien scharf kritisiert.59 Indem diese politischen Erwägungen und die scheinbare Gleichgültigkeit der Deutschen hier en passant in die Handlung eingeflochten werden und die Erschütterung der Soldaten über den fehlenden Rückhalt in der Heimat daraus abgeleitet wird, wird verdeutlicht, dass die vorgesehene „Interpretationsgemeinschaft“60 den Soldaten in den Rücken fällt und sich nicht für ihr Handeln in der Fremde interessiert.
Mit der fehlenden Anerkennung seitens der Daheimgebliebenen erscheint selbst der Schutztruppe ihr Unterfangen immer sinnloser: „[I]m Typhuslager hörte ich, […] daß der Feldzug nun also mit mehr Macht wieder losgehn sollte. Aber mir war es gleichgültig; ich dachte: ‚Wärst Du bloß aus diesem Affenlande heraus.‘“ (PM, 108) Ähnlich wie bereits bei Funke wird hier ein ‚Dolchstoß‘-Narrativ entwickelt, das für Frenssens Erzählmotivation von zentraler Bedeutung ist. Die Sehnsucht danach, heimzukehren, wird effektvoll gebrochen, indem die scheinbare Abkehr der heimischen „Interpretationsgemeinschaft“ insinuiert wird, woraus eine noch gesteigerte Hilflosigkeit abgeleitet wird, weil die Soldaten der Sinnhaftigkeit ihres Handelns gänzlich beraubt werden. Dieser Tiefpunkt ist erzähltechnisch notwendig, um aus der Hilflosigkeit im zweiten Teil des Kriegs eine neue Handlungsmacht als Bestandteil einer Heroisierung zu generieren.
5.2.3 Going native und Genozid
Der zweite Teil des von Frenssen strukturell angelegten ‚Abenteuers‘ und des Feldzugs beginnt damit, dass Moor sich überlegt, „daß es doch nicht so schön wäre, so, nach diesen Erlebnissen, nach Hause zurückzukehren. Ich wollte gern bei dem zweiten und bessern Teil des Feldzugs, bei dem ‚raschen Siegen‘, dabei sein.“ (PM, 108) Ein gänzlich unrühmliches Ende des Kriegs und eine Rückkehr als Kriegsversehrter, der gar nicht wirklich gegen die Feinde gekämpft hat, kommen für ihn offenbar doch nicht in Frage. Ob der zweite Teil des Feldzugs indes besser ist als der erste und wie viele ‚Fortsetzungsteile‘ dieser Feldzug noch haben wird, kann der homo- und autodiegetische Erzähler Moor zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Vielmehr zeigt sich an dieser Stelle ein extradiegetischer Vorgriff auf die spätere Einteilung und Bewertung des Kriegs und seiner verschiedenen Phasen, die offenkundig an die geschilderte öffentliche Diskussion des Kriegs in der Heimat anknüpft. Dass er zweimal wortwörtlich das „rasche Siegen“ aufgreift, das zur obersten Maxime des Kriegs erklärt wurde, deutet auch darauf hin, dass der Autor in seiner Gestaltung der Handlung maßgeblich durch die retrospektive Bewertung des Kriegs beeinflusst war.
Zunächst zeigt sich in Moors Sehnsucht nach dem ‚raschen Siegen‘, dass dem langsam wieder zu Kräften gekommenen Soldaten das gleichgültige Verharren im Krankenlager nicht mehr ausreicht und er der lähmenden Hilflosigkeit im Lazarett ein Ende setzen will. Er schließt sich deshalb eigenmächtig einem Oberleutnant an, der auf dem Weg zum Kriegsschauplatz ist, womit eine neue agency in Aussicht gestellt wird. Äußerlich markiert ist diese Überwindung der Handlungsunfähigkeit als Auferstehung aus der Grabesruhe des Lazaretts: Moor tauscht die jämmerlichen Überreste seiner Uniformfetzen durch einen „ganz neuen Kordanzug“, in den er sich nach einem ausgiebigen Bad als symbolisch Neugetaufter kleidet. Mit dieser „schmucken, reinen Schutztruppenuniform“ (PM, 112) ist er so verwandelt, dass ihn der Oberleutnant nicht mehr wiedererkennt. Er erscheint also wie ein neuer Mensch, der nun den Neuanfang wagen kann.
Eine Gelegenheit für ein neues Abenteuer ergibt sich schnell, als Moor mit drei Kameraden beauftragt wird, einer anderen Abteilung eine Meldung zu überbringen. Auch hier weist der Ausgangspunkt, der auch aus einem Roman von Cooper oder May stammen könnte, in eine potenziell abenteuerliche Richtung: Nach einem ereignislosen Ritt durch die Nacht stoßen die vier Soldaten auf das Hauptlager der Herero, das sie im Geheimen beobachten, und reiten dann weiter in Richtung der Truppe, die sie erreichen wollen. Bei einer Rast kommt es dann zum Überfall durch die Feinde, die Moors Begleiter töten und dann ihn angreifen:
Laute Rufe und Scheltworte flogen heran. Kriechend und springend kamen sie durch das hohe, bewegte Gras auf mich zu. Da sprang ich, die Trense noch in der Hand, in fliegender Eile auf das nächste ungesattelte Pferd und brachte das müde Tier in Galopp und entkam ihnen am Busch entlang. (PM, 138–139)
Diese Situation ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Zum einen wird abermals kein heroischer Kampf geschildert, sondern eine Flucht vor Feinden, die indes für einen Spähtrupp noch nachvollziehbar erscheint. Zum anderen wird aber diese erfolgreiche Flucht Moors keineswegs für eine heroisierende Schilderung oder für eine Abenteuerepisode herangezogen. Stattdessen beschreibt Moor seine Flucht folgendermaßen:
Ich weiß nicht viel von den nächsten Stunden. Ich weiß nur, daß es mit entsetzlich schwer und dumpf auf dem Schädel lag, als wäre mein Hut voll Blei, und daß ich den Kopf sonderbar geduckt zwischen den Schultern hielt und die Augen halb geschlossen und daß ich immer wieder die furchtbaren Hiebe fühlte, die ich gesehen hatte. In schrecklich wüster Dumpfheit und wirrem, halbverrücktem Grübeln ritt ich wohl drei Stunden lang. […] Als mir ein wenig klarer wurde, dachte ich nach, wohin ich wohl ritte, und wußte es nicht. (PM, 139)
Die von ihm mitangesehenen Tötungen der anderen Soldaten haben ihn so verstört, dass er sogleich mit somatischen Symptomen reagiert. In einem Zustand der Verwirrung reitet er ziellos durch das fremde Land und gerät in eine existenzielle Bedrohungssituation. Sein erschöpftes Pferd muss er zurücklassen und auch er selbst irrt nun immer schwächer umher: „Da stand ich auf und sah mich in großer Not um und begehrte, tot zu sein.“ (PM, 142) Anstatt unbeirrt seinen Auftrag auszuführen oder heldenhaft im Kampf gegen die Feinde zu sterben, wird hier die blanke Panik in den Fokus gerückt, die ihn dem Wahnsinn nahebringt und den Tod herbeisehnen lässt. Der kurz zuvor noch als Auferstehung zelebrierte Neuanfang kollidiert also schnell mit der Realität des Kriegs. Zwar stirbt Moor nicht, doch nur unter dramatischen Bedingungen, die indes abermals nicht abenteuerlich ausgestaltet werden, kehrt er schließlich völlig entkräftet zu seiner Truppe zurück. „Ich meldete mich und berichtete […] und schlief sechs Stunden wie ein Toter.“ (PM, 147). An die Stelle des ausführlichen Berichts über ein potenziell abenteuerliches Erlebnis tritt ein mehrstündiger totenähnlicher Schlaf, der den Eindruck verstärkt, dass der Soldat seinen Schock nur noch durch Verdrängung, nicht aber durch eine Erzählung bewältigen kann.
Die hier zum Ausdruck gebrachte fundamentale Erschütterung durch das Kriegsgeschehen ist auffällig und kennzeichnet auch den weiteren Verlauf des Feldzugs, der sich nun rund um den Waterberg konzentriert. Moor plagt die „furchtbare Angst“, dass „sie nun hervorbrächen, im wilden Sturm, und daß es aus mit uns wäre.“ (PM, 152) An einen tapferen Zweikampf, den sie anfangs noch herbeisehnten, ist längst nicht mehr zu denken. Seine Angst kann nur durch den Einsatz von überlegener Waffentechnik abgemildert werden:
Das Rohr eines Maschinengewehrs schob sich neben meinem Gesicht vor. Gleich darauf knatterte es los. Die rasende Kugelsaat pfiff in die Büsche, prasselte und pfiff. Wie schön das klang! […] Nun donnerten auch die Kanonen von einer Anhöhe hinter uns über unsre Köpfe weg. Da wurde es drüben etwas stiller. (PM, 153)
Nicht die eigene kriegerische Leistung, sondern erst die überlegene Waffenmaschinerie lässt das verängstigte Kriegerkollektiv wieder Hoffnung schöpfen. Die Technisierung der Kriegsführung ersetzt also die individuelle Kampfeskraft und Tapferkeit des einzelnen Soldaten, der immer mehr zu einem Maschinenbediener wird und nur in dieser Rolle souverän erscheint, nicht aber als Krieger. Stärker könnte der Kontrast zwischen dem tapfer im Zweikampf kämpfenden Ritter der Vormoderne und dem wahllos in die feindlichen Reihen feuernden Soldaten des modernen Kolonialkriegs nicht herausgestellt werden.
Je länger, je intensiver und näher dieser Kampf ist, desto weniger fremd werden dabei die Feinde dargestellt. Nun sind die vormals als „Klumpen“ beschriebenen Herero laut der Erzählstimme sogar dazu fähig, Deutsch zu sprechen, wenn auch noch in einer alterisierenden Pidgin-Form, in der sie die deutschen Soldaten „heiser und höhnisch nachäffen“ (PM, 154). Bei genauerer Betrachtung offenbart sich als das Unheimliche an den Herero, dass manche von ihnen „die Uniform unserer Schutztruppe“ tragen, „andere hatten europäische Sommeranzüge“ (PM, 87), die sie den Deutschen gestohlen haben, sodass sie den deutschen Soldaten bedrohlich ähneln. Darin zeigt sich der „chamäleonhafte[] Charakter“ des Partisanen, der als ein „Meister der Tarnung […] sein Aussehen, seine Erscheinungsform fast nach Belieben verändern kann.“61 Diese Gefechtssituation stellt sich als „uncanny encounter“62 dar, also als eine Begegnung, deren Unheimlichkeit gerade darin liegt, dass man im vermeintlich Fremden das Eigene erkennt. Die durch die Kleidungsverwechslung geschaffene „Uneindeutigkeit der Partisanengestalt“63 unterstreicht somit den Horror der deutschen Soldaten davor, sich nicht mehr vom Feind unterscheiden zu können.64 Eben weil Moor und die anderen Soldaten so sehr auf der Opposition zu den Indigenen beharren, verstehen sie es als größtmögliche Provokation, von ihren Feinden nachgeahmt zu werden, und reagieren mit rasender Wut darauf.65
Diese Wut signalisiert eine Annäherung an die Gewalttätigkeit der Feinde, die als ‚Verwilderung‘ dargestellt wird. Während es zunächst die Herero sind, die „unter wilden Rufen durch die Büsche vorstürmten“, ist es dann „das heisere Brüllen der verdurstenden Tiere“, das die sich zuspitzende Lage verdeutlicht, sodass es nun die deutschen Soldaten sind, die immer wilder agieren: „Dann ging es von Mann zu Mann: Wir wollen stürmen. […] Mit wildem Schreien, mit verzerrten Gesichtern, mit trockenen, brennenden Augen sprangen wir auf und stürmten vorwärts.“ (PM, 158) Dass die strenge Opposition zwischen Deutschen und Herero nur eine Illusion ist, suggeriert indes bereits der Name ‚Moor‘, der eben nicht nur auf die heimische Moorlandschaft verweist, sondern auch auf die von Anfang an als Möglichkeit angelegte Annäherung der Weißen an ihre schwarzen Feinde, die als wild, tierisch und barbarisch geschildert werden. Mit zunehmender Verelendung sind ihre Gesichter so schmutzig und von der Sonne „verbrannt[]“, dass die Deutschen „fast schwarz“ (PM, 183) aussehen. Die Erzählerstimme beschreibt mit dieser unfreiwilligen Annäherung an die Kolonisierten den Vorgang, der im kolonialen Duktus als going native bezeichnet wird und in vielen kolonialen Erzählungen als Schreckensbild auftaucht, weil diese Anpassung an das Fremde als eine Bedrohung für die körperliche und geistige Gesundheit der Europäer betrachtet wurde.
Nicht nur äußerlich, sondern auch in ihren Taten zeigt sich dieses perhorreszierte going native, und zwar indem die zunehmende ‚Verwilderung‘ der Deutschen auch mit einer Brutalisierung in ihrem Handeln korrespondiert, die ursprünglich nur den Feinden attestiert wurde. Die Hilflosigkeit angesichts der nicht gegebenen adäquaten Reaktionsmöglichkeiten auf die ständigen Angriffe der Herero führt dazu, so suggeriert es die Erzählstimme, dass die Soldaten in ihrem Handeln kompromissloser werden. Auf eine Radikalisierung der Kriegshandlungen deuten neben dem zum Einsatz kommenden Maschinengewehr auch das wilde Schreien und ihre verzerrten Gesichter hin. Unter den Soldaten entwickelt sich die Bereitschaft, gegen die Feinde alles zu tun, was nötig ist, um den Krieg endgültig zu beenden. Als einzigen Ausweg aus der Überforderung der Soldaten stellt die Erzählung eine Umkehrung in eine erbarmungslose Handlungsmacht in Aussicht, die die bedrohte männliche Souveränität wiederherstellen soll. Dafür greift Frenssen wieder die im Doppelweg angelegte Möglichkeit der Bewährung im zweiten Kursus auf, die hier jedoch nicht mehr im ehrenhaften Zweikampf des einzelnen Ritters liegt, sondern in der kollektiven, durch einen technisierten Waffenapparat gestützte Brutalisierung.
Diese Brutalisierung äußert sich in jenem Geschehen, das in der heutigen Historiografie als Genozid verstanden wird. Es wurde in verschiedenen Studien darauf hingewiesen, dass die Erzählstimme keinen Hehl aus der Auslöschung der Herero macht.66 Ganz im Gegenteil wird die genozidale Strategie67 Lothar von Trothas, die darin bestand, die Herero nach den Gefechten am Waterberg am 11. August 190468 weiter in die Wüste zu verfolgen, auf den letzten 40 Seiten des Romans ausführlich geschildert.
Die Verfolgung der Herero in die Wüste beschreibt der Roman jedoch aus der Retrospektive des Jahrs 1906, als längst klar war, dass es nicht zu einer Entscheidungsschlacht gekommen war, sondern zum massenhaften Dursttod der Herero. Nach wochenlanger Verfolgung in die Wüste, die auch für die deutschen Truppen lebensbedrohlich wurde, erließ Trotha schließlich am 2. Oktober 1904 den berühmt-berüchtigten „Aufruf an das Volk der Herero“, in dem er den Herero den Status als deutsche Untertanen aberkannte und ihnen somit die Rückkehr aus der Wüste unter Androhung der Ermordung durch deutsche Soldaten untersagte: „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“69
Indem Frenssen für den Roman auf Augenzeugenberichte deutscher Soldaten zurückgreift und diese in Form eines Feldzugsberichts mit einem autodiegetischen Erzähler, Peter Moor, fiktionalisiert, entwickelt er eine diegetische Perspektive, die einerseits die ursprüngliche Erwartung der Soldaten, dass es irgendwann doch noch zu einer entscheidenden Schlacht kommt, und andererseits eine rückwirkende Apologie des Völkermords beinhaltet.70 Es wird kein Zweifel gelassen, dass die Verfolgung der Herero in die Wüste von Elend und Tod begleitet ist:
Wie tief hatte sich das stolze, wilde, höhnende Volk in seiner Todesangst erniedrigt. Wohin ich von meinem müden Pferd herab die Augen wandte, da lag haufenweise all ihr Gut: Ochsen und Pferde, Ziegen und Hunde, Decken und Felle. Und da lagen Verwundete und Greise, Leiber und Kinder. Ein Haufe [sic] kleiner Kinder lag hilflos verschmachtend neben Weibern, deren Brüste lang und schlaff herabhingen; andre lagen allein, die Augen und Nasen voll von Fliegen, noch lebend. […] Mittags machten wir an den Wasserlöchern Halt, die bis an den Rand voll von Kadavern waren. […] Mensch und Tier wird nachher in den Busch gestützt sein, irgendwohin, sinnlos, in letzter Verzweiflung, irgendwo Wasser zu finden. Im Busch werden sie verdurstet sein. (PM, 163–164)
Obwohl immer wieder lapidar festgestellt wird, dass die Herero in den „grausen Dursttode“ (PM, 172) fliehen, wird an der Vorstellung von einer großen Schlacht festgehalten. Als diese ausbleibt, kommentiert Moor: „Vom Feinde war nichts zu sehen, als unten in der Ferne eine ungeheure schwere Staubmasse, die rasch durch die Steppe vorwärtszog.“ (PM, 190) Diese zu einer „Staubmasse“ deformierte Menschenmasse wird nun in Ermangelung einer Entscheidungsschlacht so lange gehetzt, bis sie endgültig ausgelöscht ist.
Neben der Weisung ‚von oben‘, die Herero durch die Vertreibung in die Wüste zu vernichten, kommt die Vernichtungswut zum anderen durch Einzeltaten der Soldaten zum Ausdruck. Der gesamte zweite Teil des Feldzugs ist durchzogen von Gewalttaten Einzelner, die davon zeugen, dass die Soldaten ihre ursprüngliche Hilflosigkeit nun umkehren in gewalttätige Handlungsmacht. Moor erschlägt beispielsweise einen Herero mit dem Kolben seines Gewehrs und verspürt danach zwar ein Gefühl des Ekels vor seinem Gewehrkolben, aber keine Reue. Der offiziellen Weisung Trothas folgend erschießen sie fünf Männer, von denen einer den Waffenrock mit den „Namenszeichen eines unsrer gefallenen Offiziere“ trägt, wofür sie sich rächen wollen. „Die Weiber und Kinder, die jämmerlich verhungert aussahen, jagten wir in den Busch.“ (PM, 176) Als die Verfolgung bereits abgebrochen und der Krieg vorbei ist, stöbern Moor und seine Kameraden einen Feind auf, den sie zunächst aus scheinbarer Gnade laufen lassen, um ihn dann doch von hinten zu erschießen. Die Schilderung solcher Gewaltexzesse konstatiert eine Brutalisierung, die zugleich als notwendige Reaktion auf die zuvor kaum auszuhaltende Passivität gerechtfertigt wird, weil nur so das hilflose Warten auf die Schlacht endgültig umzukehren ist in die Freiheit, selbst handeln zu können und über das eigene Handeln selbst entscheiden zu können, auch wenn dieses Handeln dann als wütende Reaktion auf die eigene Hilflosigkeit nur noch gewalttätige Rache ist.71 In der durch das going native ausgelösten Verrohung liegt also der Schlüssel für die ersehnte Resouveränisierung, die zwar als Bewährung im Kampf, aber nicht mehr als Teil einer abenteuerlichen Episode erzählt wird.
Die direkte Bezugnahme des Autors auf den konkreten Kriegsverlauf ebenso wie die Stimmung und Gefühlslage der Soldaten ist auffällig. Dass Frenssen über seinen Erzähler Peter Moor die Angst, Verunsicherung und die permanente Todesgefahr in den Fokus rückt und somit den Anschein von Authentizität erweckt, trägt in erster Linie zu einer spezifischen Heroisierung der Schutztruppe bei.
5.3 Heroisierung zwischen Authentizität und Ideologisierung
5.3.1 Täter, Opfer, Helden: Zur Heroisierung der Schutztruppe
Dass die detaillierte Beschreibung der leidenden, hilflosen, heimwehgeplagten Soldaten neben einer möglichst anschaulichen Abbildung des Kriegs dem Zweck der Heroisierung dient, ist nicht auf den ersten Blick evident. Denn Gelegenheiten, die eigene Tapferkeit unter Beweis zu stellen und sich als heroisch zu bewähren, wie etwa Kampfschilderungen, fehlen weitestgehend. Die Situationen, in denen es möglich wäre, wie beispielsweise der Überfall auf Moors Patrouille, bei dem er panisch die Flucht ergreift, werden weder heroisierend noch abenteuerlich ausgeschmückt. Einer zentralen Grundannahme der Heldenforschung zufolge ist davon auszugehen, dass ein Held oder eine Heldin sich weniger durch seine respektive ihre Taten auszeichnet, sondern dass diejenige Figur als heroisch zu verstehen ist, „der heroische Eigenschaften zugeschrieben werden“.72 Diese Zuschreibung des Heroischen, das hat der ernüchternde Brief, der Moor über das Desinteresse der Deutschen informierte, gezeigt, fehlt in diesem Fall – im Gegenteil hat sich die für die Heroisierung vorgesehene Verehrergemeinschaft sogar verächtlich von den Soldaten abgewandt.
Dennoch zeugt die Erzählung vom Versuch, die Schutztruppe als heroisches Kollektiv darzustellen. Die Eigenschaften und Leistungen, die typischerweise einer heroischen Figur attestiert werden, finden sich in Moors Feldzugsbericht nämlich trotzdem. Zu nennen ist zunächst die Außerordentlichkeit ihres Handelns, die bereits dadurch erfüllt ist, dass die Soldaten, anders als die Zuhausegebliebenen, die Heimat verlassen und in einem fremden Land für das eigene Volk kämpfen. Dies erscheint umso außergewöhnlicher, als in der am Anfang des Romans zur Schau gestellten Heimatverbundenheit der Charaktere ein Aufbruch in die Fremde gar nicht vorgesehen ist. Es handelt sich größtenteils nicht um an transnationale Mobilität gewohnte Offiziere, sondern um einfache Soldaten, die sich als Handwerker- und Bauernsöhne aus ihrer gewohnten Ordnung in eine neue, koloniale Welt herausbewegt haben. Dies macht ihr Handeln außerdem transgressiv: Peter Moor und seine Kameraden überschreiten eine für sie eigentlich unüberschreitbare Grenze in eine gegensätzliche Welt, wodurch der Text erst sujethaft wird. Diese Transgression lässt sich räumlich verstehen, aber auch moralisch, da etablierte Normen im Krieg, zumal im hier geschilderten Kleinkrieg, keine Geltung mehr beanspruchen können.
Die Exzeptionalität und Transgressivität der Schutztruppe stellen sich hier jedoch nicht in einem besonderen Talent oder einer außerordentlich gut beherrschten Fähigkeit wie Schießen oder Kämpfen dar. Frenssen konzipiert Figuren, die zunächst absolut unbedeutend erscheinen und zum Teil sogar kriminell oder gesellschaftlich in Ungnade gefallen sind. Sie stellen Durchschnittstypen dar, die primär durch die Einfachheit ihres Gemüts gekennzeichnet sind. Peter Moor etwa wendet sich von seinen Gesprächspartnern ab, als sie „von gelehrten Dingen“ (PM, 13) sprechen.73 Dass der Autor, wie er in seiner Autobiografie festhielt, einen „rechten, ordentlichen holsteinischen Jungen“ zum Erzähler macht, dessen „Sinn und […] Sprache […] für diesen Stoff grade geeignet“74 sei, zeugt nicht nur davon, dass mit diesem nahbaren, zur Identifikation einladenden Erzähler ein Massenpublikum adressiert werden soll, sondern unterstreicht auch, dass die Protagonisten keine herausragenden Einzelindividuen und keine besonders ausgebildeten Elitesoldaten sind. Ihre eigentliche Kraft schöpft die Schutztruppe demnach aus ihrer Verfasstheit als Kollektivsubjekt.
Zunächst zeichnen die bereits untersuchten ausschweifenden Passagen, in denen anstelle von Schlachtenbeschreibungen das Leid der Soldaten thematisiert wird, ein eindrückliches Bild des existenzbedrohenden Elends, in dem die Soldaten als hilflose Opfer der widrigen Umstände erscheinen. Im Krankenlager konstatiert Peter Moor dann: „Offiziere, Ärzte, Lazarettgäste, Soldaten, die taten noch treu ihre Pflicht wie eine Maschine, die noch eine Weile weiterläuft, wenn der Dampf schon abgestellt ist, und waren inwendig schon krank und voll von wirren Gesichten.“ (PM, 105) Frenssen entwirft somit Helden, deren Außergewöhnlichkeit nicht in ihrem besonderen Mut oder ihrer Kampffertigkeit liegt, sondern ausschließlich in einer überdurchschnittlich ausgeprägten Bereitschaft zum Selbstopfer.75 Dieses bedingungslose Weitermachen für die Pflicht wird im Roman als Grundlage des Heldentums entwickelt. Als kranke Maschinen marschieren die Durchschnittssoldaten in ständiger Lebensgefahr weiter, obwohl ihre Körper langsam versagen und ihr Psyche Schaden nimmt: „Es ist wunderbar, wieviel der Mensch ertragen kann“ (PM, 168), betont der Erzähler und legt damit die Lesart nahe, dass ihre Bereitschaft zur Opferung ihres eigenen Lebens für das Wohl der Nation exzeptionell ist. Es ist also nicht so sehr der tatsächliche Erfolg in der Schlacht, quantifizierbar durch die Zahl der getöteten Feinde, sondern die immer wieder in Kauf genommene Todesgefahr als größtmögliche Transgression, die das Handeln heroisch macht. Dieser vom Erzähler insinuierte Aufopferungsgestus wird jedoch erst dann überzeugend, wenn die Soldaten selbst keine Opfer mehr sind, denn eine Aufopferung zeugt gerade von einer fundamentalen Handlungsmacht, die ihnen zumindest im ersten Teil des Kriegs fehlt. Denn wie die obigen Ausführungen gezeigt haben, sind die Soldaten keineswegs zu jedem Zeitpunkt zur bedingungslosen Selbstopferung bereit – im Gegenteil wird wiederholt betont, wie gleichgültig ihnen der weitere Verlauf des Krieges ist und wie groß ihre Angst davor ist, in diesem ohne heimatlichen Rückhalt immer sinnloser werdenden Krieg zu sterben. Damit die heroisierende Lesart des soldatischen Handelns als Aufopferung überzeugend werden kann, muss also zuvor die Opferrolle überwunden werden.
Als Mittel zur Überwindung der im ersten Teil des Feldzugs beschriebenen Hilflosigkeit dient im zweiten Teil des Feldzugs die zur Schau gestellte Gewalt. Der Beschluss von Trothas, den Feind „zu zwingen, nordostwärts in den Durst und in den Tod zu gehen“, wird als unerlässlich erachtet, „damit die Kolonie für alle Zeit vor ihm Ruhe und Frieden hätte.“ (PM, 171) Ihre Strategie der Vernichtung wird so nicht nur als notwendige, endgültige Befreiung von den als lästig empfundenen Aufständischen dargestellt. Darüber hinaus wird sie außerdem als Befreiung von der eigenen Hilflosigkeit präsentiert und ihre kollektive Täterschaft als Selbstopferung zum heroischen Akt stilisiert. Die sich entladende Gewalt gegen die Herero dient also maßgeblich der Resouveränisierung der Soldaten im Sinn einer Rückgewinnung von Handlungsmacht, die durch diese Täterschaft ihre Opferrolle hinter sich lassen können. Sie sind demnach zuerst Opfer der widrigen Begleitumstände und der unrechtmäßigen Auflehnung der Indigenen gegen die koloniale Ordnung und später stolze Täter im Dienst der Nation.76 Erst als Täter gelingt es ihnen, sich aktiv für die Selbstaufopferung zu entscheiden und so eine radikale heroische agency zu entwickeln. Beim Anblick der Leichen ihrer Opfer und der sterbenden Herero-Frauen und Kinder betont Moor trotzdem noch einmal, dass sie die eigentlichen Leidtragenden sind: „Auf durstenden und hungernden Pferden ritten wir weiter, wir Durstenden und Hungernden.“ (PM, 163)
In dieser so zum Ausdruck gebrachten Vernichtungsstrategie wird zudem die heroische Eigenschaft der Agonalität als Effekt der polaren Beziehung zum Feind deutlich. Das Verhältnis zu den von Anfang an entmenschlichten Herero ist zwar agonal konzipiert, wird aber zwischenzeitlich von Hybridisierung und Verwilderung der deutschen Soldaten bedroht, sodass am Ende nur die genozidale Auslöschung als ultimative Grenzziehung bleibt, um sich endgültig von den Gegnern abzuheben. Die Herero sind zum Schluss nichts weiter als eine „Staubwolke“, die „hinein in den Dursttod“ (PM, 191) verschwindet. Die Überwindung der eigenen Hilflosigkeit durch die individuelle wie strategische Gewalt ermöglicht in dieser Logik eine Resouveränisierung der angeschlagenen kolonialen Identität und Integrität, für die Frenssen durch die geschilderte Darstellung eine Heroisierung nahelegt.
Diese Heroisierung hängt jedoch maßgeblich davon ab, ob das Agieren der Schutztruppe moralisch positiv oder negativ aufgeladen wird. Denn ihre Grenzüberschreitung kann von der Gemeinschaft der Daheimgebliebenen sowohl kriminalisiert als auch heroisiert werden.77 Hier setzt nun Frenssens Roman intentional an: In seinem Lebensbericht betonte er rückblickend seine Verärgerung darüber, dass die Deutschen die „heiße Tapferkeit und das Sterben unsrer eignen Leute“ nicht gewürdigt hätten und ihnen somit der „ergreifende Zug der Geschehnisse“ und „ein großer sittlicher Wert“ verborgen geblieben seien. Um diesem „ungerechten Zustand“78 ein Ende zu setzen, entschied er sich nach einem Gespräch mit Generaloberarzt Dr. Robert Schian, einem seiner Informanten, dazu, den Krieg als „erste Waffentat des neuen Deutschlands“79 fiktional so zu verarbeiten, dass den Leserinnen und Lesern das Schicksal der Soldaten nahegebracht und deren Taten nachträglich in das ihm angemessen erscheinende Licht gerückt würden. Dem Feldzugsbericht, welcher der „deutschen Jugend, die in Südwestafrika gefallen ist, zu ehrendem Gedächtnis“ (PM, o. S.) gewidmet ist, wird als weiteres Symbol dieser Vermittlung ein Zitat aus der Odyssee als prätentiöses Motto vorangestellt: „‚Grolle doch dem Sänger nicht, daß er singt von dem Leid der Achäer! / Solchem Liede ja geben den Preis vor andern die Menschen, / Welches, die Hörer umschwebend, das jüngst Gescheh’ne verkündet!‘ Odyssee, I, 350“ (PM, o. S.) Frenssen inszeniert sich damit als Heldensänger,80 der die Menschen mit scheinbar authentischen Neuigkeiten aus dem heroischen Kampfgeschehen informiert und zugleich ihr durch Medienberichte fehlgeleitetes Bild vom Feldzug zu korrigieren versucht.
Der von Frenssen zur Publikation dieses Werks gewählte Zeitpunkt dürfte nicht zufällig gewesen sein. Schon in zeitgenössischen Rezensionen wurde gemutmaßt, dass Frenssen mit der Veröffentlichung von Peter Moor gezielt die 1906 hitzig geführte Debatte um die Aufstockung des Kolonialhaushalts, die schließlich zur Auflösung des Reichstags am 13. Dezember 1906 und zu Neuwahlen am 25. Januar 1907 führte, zu beeinflussen versuchte, indem er einen emotionalisierenden und heroisierenden Bericht beisteuerte.81 Diese Vermutung erhärtet sich durch den dringenden Rat seines Informanten Michaelsen, den Roman zu publizieren, „bevor der Reichstag los macht“,82 da „der Moment des Erscheinens wohl kaum günstiger sein“83 könnte. Und tatsächlich rezensierten Zeitschriften wie Die Grenzboten oder Daheim den Roman noch vor der Neuwahl des Reichstags und stellten ihre Lektüre des Peter Moor in direkten Zusammenhang mit der Notwendigkeit, eine Mehrheit für die weitere Finanzierung des Kriegs zu erlangen.84 Dass die von Frenssen vorgesehene Beurteilung der Schutztruppe als still leidende Helden Wirkung auf die Leserschaft erzielte, zeigt beispielsweise die Rezension in den Grenzboten, in der das „hohe Lied auf deutsche Art, auf dieses stille, wortkarge Heldentum, ein Heldentum noch mehr des Erduldens und Leidens als der Tat“85 lobend hervorgehoben wird. Und Robert Schian spricht in einem Brief von einem „nationalen Werke“, mit dem Frenssen auf „die Mühsale und Strapazen der deutschen Soldaten“86 aufmerksam gemacht habe.
Ein für diese Agitationszwecke zentraler Aspekt ist die Glaubwürdigkeit des Geschilderten. Hierzu bedient sich Frenssen einer Volte am Ende des Romans: Als Peter Moor schließlich wieder in die Heimat zurückkehrt, wird nicht das ersehnte Wiedersehen mit seiner Familie geschildert, sondern die zufällige Begegnung mit einem „Mann in mittleren Jahren“ am Hamburger Jungfernstieg, der sich als Freund seiner Familie herausstellt. Daraufhin beendet Moor seinen Bericht mit den Worten: „Ihm habe ich alles, was ich gesehen und erlebt und was ich mir dabei gedacht habe, erzählt. Er hat dies Buch daraus gemacht.“ (PM, 209–210) Mit dem letzten Satz wird Peter Moor noch einmal deutlich die Rolle des autodiegetischen Erzählers zugeschrieben, deren eigentlicher Urheber aber der Mann mittleren Alters ist, der Peter Moor als Erzählinstanz eines Feldzugsberichts basierend auf dessen erzählten Erlebnissen etabliert.
Mit dem Mann mittleren Alters literarisierte Frenssen sich selbst, denn er stützte sich für seinen Roman größtenteils auf die Erfahrungsberichte von Kriegsrückkehrern, die er laut eigener Aussage „eben vom Schiff gekommen, noch in ihrer alten Korduniform […] besehen und ausgefragt“87 habe. Er interviewte Soldaten, studierte die Tagebücher und Briefe, die sie ihm zur Verfügung stellten und entwickelte daraus eine Fiktion, für die er die Figur Peter Moor als Erzähler erdachte. Wie eng er dafür mit seinen Informanten, insbesondere dem Generaloberarzt Dr. Schian und dem „Einjährigen“ Michaelsen zusammenarbeitete, legen deren von der Forschung bislang nicht berücksichtigte Briefe in Frenssens Nachlass dar. Schian beispielsweise verfasste eine achtseitige, sehr detaillierte Handlungsskizze für „den Dithmarscher“ Peter Moor, der an anderer Stelle auch als „unser Held“ bezeichnet wird. Den darin vorgeschlagenen „Gang der Erlebnisse“88 übernahm Frenssen weitestgehend, sogar bis in die Details wie die Beschreibung der fliegenden Fische während der Überfahrt, der Wellblechhütten in Swakopmund, der deutschen Farmhäuser, des Typhuslagers sowie der Heimkehr Moors. Auch der Soldat Michaelsen nahm Einfluss auf den Schreibprozess, indem er dem Autor in zwei Briefen vom 7. und 8. September 1906 seine Anmerkungen und Verbesserungen zum Manuskript übermittelte, die teilweise so weit gehen, Formulierungen zu korrigieren und Frenssen über inhaltliche Fehler aufzuklären, welche dieser dann bis zur Publikation des Romans am 18. Oktober 1906 noch korrigierte.89 Diese detailgetreue Darstellung des Kriegs veranlasste seinen dritten Hauptinformanten, Leutnant Klinger, dazu, Frenssen nach der Publikation des Romans zu einem „äußerst wohl gelungenen kleinen Werk[]“ zu gratulieren, obwohl er sich gar nicht hatte vorstellen können, „daß jemand ohne Augenzeuge gewesen zu sein, nur auf kurze Notizen und Erzählungen gestützt, ein so sehr wahrheitstreues und lebensvolles Bild des Landes und der Verhältnisse malen“90 konnte.
Zwar rekurrierte der Autor also ausgiebig auf Erfahrungsberichte von tatsächlich Kriegsbeteiligten, machte aber mit der Offenbarung seiner eigenen Rolle als Verfasser des Berichts klar, dass es kein unmittelbarer Erlebnisbericht, sondern ein von einem Dritten geformter Text ist. Denn für die von Frenssen beabsichtigte Heroisierung war es nötig, dass ein glaubwürdiger, da durch einen Mittler formulierter Bericht die Daheimgebliebenen erreicht und ihnen nahelegt, die Soldaten als Helden zu verstehen. Natürlich gab es auch tatsächliche, mehr oder weniger ehrliche Kriegsberichte von Soldaten der Schutztruppe über das in Südwestafrika Erlebte – sie unterscheiden sich aber von Peter Moor vor allem darin, dass sie sich größtenteils darauf beschränken, das Geschehene zu schildern, ohne es in eine überzeugende, emotionalisierende Geschichte zu verwandeln. Mit der Schaffung Moors als Erzähler wird einerseits bis zur letzten Seite die Fiktion aufrechterhalten, es läge tatsächlich ein authentischer Augenzeugenbericht eines Schutztruppensoldaten vor, der den Eindruck eines intimen Einblicks in das ‚tatsächliche‘ Soldatenleben vermittelt. Indem diese Fiktion im letzten Satz als solche enthüllt wird, wird es andererseits möglich, das Berichtete als durch einen unabhängigen Chronisten verifizierte Heldentaten erscheinen zu lassen.91 Als besonders hilfreich erweist sich für Frenssens Ziel einer emotionalisierenden Glaubwürdigkeit, dass er aus den Berichten, Tagebüchern und Briefen der Kriegsbeteiligten keine herkömmliche Hymne auf die heroische Tapferkeit der deutschen Soldaten ableitet, sondern über den Fokus auf Angst und Verzweiflung sehr persönliche Empfindungen aufgreift, die ehrlicher wirken als hurrapatriotische Bekundungen des eigenen Muts und der Stärke. Indem er die Augenzeugenberichte in eine literarische Form bringt, macht er sie nicht nur angenehmer zu lesen als einen faktualen Bericht, sondern trägt maßgeblich dazu bei, das Geschehene emotional intensiver nachvollziehbar zu machen. Frenssen macht sich so zum Fürsprecher der zahllosen unbekannten Soldaten, die in der Kolonie für ihr ‚Vaterland‘ kämpfen, das ihnen im Gegenzug die ihnen zustehende Anerkennung vorenthält. Zugleich lässt sich im offenen Bekenntnis der Fiktionalität des Geschilderten dem Vorwurf der Lüge vorbeugen, der ungefähr zeitgleich Karl May gemacht wurde, der gerade nicht offenlegte, dass seine Figuren fiktional erdacht waren.
Eines der Charakteristika seiner literarischen Fiktionalisierung ist die strukturelle Formung des Kriegsgeschehens in gezielter Anlehnung an den doppelten Abenteuer-Kursus. Die spezifische Struktur ist beispielsweise noch nicht in dem Handlungsentwurf enthalten, den sein Informant Schian verfasste und an den Frenssen sich sonst in weiten Teilen hielt. Sie dient vor dem Hintergrund der gezielten nachträglichen Heroisierung als dramaturgisches Mittel, um die heroische Leistung zu akzentuieren. Denn mit der Zweiteilung der Handlung, dem zweimaligen Auszug des Helden in den Kampf und mit einem Tiefpunkt zwischen den beiden Teilen tritt besonders deutlich hervor, wie außergewöhnlich das Handeln der Helden, und hier vor allem das Ausmaß ihrer Bereitschaft zur Selbstopferung, ist. Die demonstrative Abwesenheit des Abenteuerlichen deutet umso mehr auf die vorgesehene Problematisierung von egoistischer Individualität hin, die wiederum eine ideologische Aufladung erfährt.
5.3.2 „Ästhetisch doppelte Buchführung“: Dissonanz der Erzählstimmen
Trotz des von Frenssen beabsichtigten authentischen Gepräges des Romans fallen beim genaueren Lesen eigentümliche Unstimmigkeiten auf: Immer wieder scheinen die Schilderungen Moors und die Empfindungen der einzelnen Soldaten nicht mit dem übergeordneten Ziel der Heroisierung zusammenzupassen. Das wurde im Ansatz schon bei der Umwandlung der anfänglichen Opferrolle zu einer Rolle der aktiven heroischen Aufopferung deutlich, die argumentativ nicht zwingend logisch dargestellt wird. Diese Ungereimtheiten sind jedoch von zentraler Bedeutung für das Erzählprojekt. Dass Frenssen seinem Erzähler eine Mehrstimmigkeit zuschreibt, die für Dissonanzen sorgt, zeugt nicht, wie zeitgenössische Literaturkritiker mutmaßten, von seinem mangelnden literarischen Talent, sondern soll seiner ideologischen Botschaft dienen und den suggestiv-manipulativen, predigthaften Charakter der Erzählung unterstreichen.
Peter Moors Fahrt nach Südwest ist kein neutraler Kriegsbericht, sondern ein durch und durch ideologischer Erzähltext. Am offensichtlichsten zeigt das die unverblümte Schilderung des Völkermords an den Herero, der als moralisch richtiges Handeln inszeniert wird. Insbesondere die sozialdarwinistische Perspektive, der zufolge die Überlegenheit der Deutschen sie zur Kolonisierung berechtige, bestimmt die Darstellung des Krieges über weite Teile.92 Die fortwährende Betonung des Leidens, der feindlichen Natur und der Härte des Krieges dient dazu, den Krieg als einen existenzbedrohenden Überlebenskampf der deutschen ‚Rasse‘, also als ein ‚Kampf ums Dasein‘ in der Fremde plausibel zu machen. Dass dieser unbarmherzige Kampf, der schließlich in die Vernichtung führt, als naturgemäße Notwendigkeit angesehen wird, verdeutlicht die immer wieder aufgegriffene Vorstellung, man handle nach einem universalen, historischen, biologischen oder göttlich gegebenen Gesetz. Die völlige Vernichtung der Feinde erscheint in dieser Logik folgerichtig und notwendig, um die Homogenität der eigenen ‚Rasse‘ gewährleisten zu können.
Man könnte die hier erzählte Geschichte dementsprechend auch mit „Peter Moors Fahrt in die Volksgemeinschaft“93 betiteln, denn es geht letztlich darum, dem Individuum seinen Platz und seine Rolle in eben dieser rassistisch gedachten Volksgemeinschaft zuzuweisen, worin dieses sich einzufinden hat. Für Peter Moor läuft diese Einfindung über den Krieg, und zwar indem die Überwindung seiner persönlichen Krise als einzelner Soldat durch den Umschlag in entfesselte Gewalt auch die kollektive Krise löst und er in diesem Kollektiv aufgeht. In dieser Überwindung der Krise und dem Rückgewinn von Handlungsmacht wurde immer wieder der Beweis ausgemacht, dass es sich um einen Entwicklungsroman handle.94 Noch einmal lohnt sich dafür der Blick auf die Einteilung des Romans in zwei Teile: Am Ende des ersten Teils, kurz bevor Moor sich entschließt, wieder in den Krieg zu ziehen, findet eine Begegnung statt, die als Epiphanie-Erlebnis95 präsentiert wird. Moor und seine Kameraden kommen zu einer deutschen Siedlung, wo sie eine Frau sehen:
Und da, im Schatten einer Veranda, stand eine deutsche Frau; sie hatte ein kleines Kind auf dem Arm. Wie wir hinsahen! Wie wir uns über das helle, saubere Kleid freuten und über das reine, freundliche Gesicht und über das kleine weiße Kind. Wie auf ein Himmelswunder starrten wir auf das, was man in Deutschland alle Tage sehn konnte. Wie die heiligen drei Könige, die auch aus der Wüste kamen und vom Pferd herab Maria mit ihrem Kinde sahen. (PM, 111)
Nachdem er erfolglos gegen die scheinbar kulturlosen ‚Wilden‘ gekämpft und krank und völlig desillusioniert wochenlang von der Heimkehr geträumt hat, ist es dieser Anblick einer Frau, den die Forschung als den entscheidenden Wendepunkt der Handlung ausgemacht hat. Dabei strotzt die Szene vor biblischer Motivik, über die die deutsche Frau zur Mutter Gottes stilisiert und der koloniale Neuanfang auch durch das heilige deutsche Kind und das strahlendweiße (Tauf-)Kleid symbolisiert wird. Die Szene fügt sich nahtlos in die eingangs geschilderte Heimatkunstprogrammatik ein, die Frenssen auch in Peter Moor einfließen ließ, indem die Kolonie zum Sinnbild eines noch brachliegenden Landes gemacht wird, das es zu verheimaten gilt. Die Szene soll dazu dienen, Moor daran zu erinnern, wofür er die Strapazen des Kriegs auf sich nimmt, nämlich den Neuaufbau einer deutschen Heimat in der Kolonie, für die die reine deutsche Frau als biologische wie emotionale Grundlage häuslicher Mütterlichkeit des deutschen Volkes sinnbildlich steht. Als eine der ganz wenigen weiblichen Figuren im Roman stellt sie eine Parallele zur am Anfang des Romans stehenden Mutter Moors dar, die ihr Kind nicht mehr in den Armen halten kann, sondern es in die weite Welt ziehen lassen muss.96 Dort, in der Fremde, ist es wiederum die mütterliche Liebe für das Kind, die Moor dieses höhere Ziel in Erinnerung ruft, weswegen er nun mit neuem Mut in den zweiten Teil des Feldzugs auszieht. Erst in dieser Oase deutscher Reinheit und Fürsorglichkeit kann Moor vollständig heilen, und zwar, indem er seine Bestimmung findet: Für das höhere Ziel, die ‚Volksgemeinschaft‘ zu verteidigen und ihr einen neuen Heimatraum zu schaffen, muss Moor sein individuelles Leiden und seine Bedürfnisse hintanstellen und sich für die Gemeinschaft opfern, wodurch sein individuelles Leiden wiederum erst geheilt wird Erst mit der Erkenntnis, dass das Individuum sich in die Volksgemeinschaft einfinden und für sie leiden muss, wendet sich das Blatt und der zweite Teil des Feldzugs führt zum ‚Sieg‘ über die Herero. Peter Moor entwickelt sich dieser Lesart zufolge also vom naiven, etwas egoistischen Jüngling, der die weite Welt sehen will, zu einem gereiften Soldaten, der den Ernst der Lage erkannt hat und sich in den Dienst der Volksgemeinschaft stellt.97
Es leuchtet ein, dass Frenssen mit diesem plakativen Bild die Interpretation des Romans als Lehrstück über den Überlebenskampf des deutschen Volks gegen die ‚Wilden‘ und die Entwicklung des vormals egoistisch abenteuernden Individuums zum wertvollen, opferbereiten Mitglied der Volksgemeinschaft bezwecken wollte. Stellen wie diese machen den Roman anschlussfähig für die darauf aufbauende ideologische Indoktrination mit imperialistischem, insbesondere aber rassistisch-völkischem Gedankengut. Davon zeugt, dass Peter Moors Fahrt nach Südwest vielerorts zur Schullektüre wurde98 und beispielsweise auch als lehrreicher Lesestoff Verwendung für die deutschen Pfadfinder fand (vgl. Kap. 6.), vor allem aber, dass der Roman durch die Weimarer Republik hindurch bis in das Dritte Reich erfolgreich blieb und schließlich sogar in einer Wehrmachtausgabe99 gedruckt wurde. Dass der ehemalige Pastor Frenssen hier mit großem Sendungsbewusstsein seine Botschaft von der Rechtmäßigkeit des Kriegs zu platzieren versuchte, ist unverkennbar. Der Roman trägt deutliche Züge einer literarisierten Predigt über die angeblich fehlende Moral und die notwendigen Anstrengungen zum Erhalt des ‚Deutschtums‘.100 Der große Verkaufserfolg des Buchs deutet außerdem darauf hin, dass diese Botschaft so nachvollziehbar verfasst war, dass viele Menschen die darin transportierte Sicht als berechtigt ansahen. Dennoch finden sich im Roman einige Stellen, die dieser Botschaft zuwiderlaufen oder sie zumindest nicht plausibel erscheinen lassen.
Frenssens Mittel der Wahl, um ideologische Inhalte in die Handlung einfließen zu lassen, sind Dialoge, in denen sich meist erfahrene Schutztruppler, die ‚alten Afrikaner‘, über den Sinn und die Berechtigung des Kolonialismus unterhalten und ihr eigenes Handeln reflektieren. Dabei handelt es sich de facto nur um Scheindiskussionen und -reflexionen, denn am Ende behält immer die Meinung das letzte Wort, die die Kolonisierung und den Völkermord rechtfertigt. Verdichtet findet sich diese Strategie in folgender Passage:
Nach einer Weile sagte der Oberleutnant: ‚Aber der Missionar hat doch recht, daß er sagt, daß alle Menschen Brüder sind.‘ Ich sagte: ‚Dann haben wir also unsern Bruder getötet;‘ und sah nach dem dunkeln Körper, der lang im Grase lag. Er sah auf und sagte mit seiner heisern, schmerzenden Stimme: ‚Wir müssen noch lange hart sein und töten; aber wir müssen uns dabei, als einzelne Menschen und als Volk, um hohe Gedanken und edle Taten bemühen, damit wir zu der zukünftigen, brüderlichen Menschheit unser Teil beitragen.‘ […] Ich hatte während des Feldzugs oft gedacht. ‚Was für ein Jammer! All die armen Kranken und all die Gefallenen! Die Sache ist das ganze Blut nicht wert!‘ Aber nun hörte ich ein großes Lied, das klang über ganz Südafrika und über die ganze Welt, und gab mir ein Verständnis von der Sache. (PM 200–201)
Moors aufkeimender Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Kolonisierung und Tötung schwarzer Menschen antizipiert zunächst die im öffentlichen und politischen Diskurs immer wieder formulierte Kritik am Kolonialkrieg, wird dann aber sofort entkräftet, indem sein Gesprächspartner wieder das Argument von der höher entwickelten Tüchtigkeit der deutschen ‚Rasse‘ und der ‚Bürde des weißen Mannes‘ formuliert. Während dieses ständig wiederholte Argument Moor offenbar bislang nicht überzeugen konnte, behauptet er nun ohne weitere vermittelnde Diskussion, dass er ein tieferes „Verständnis von der Sache“ bekommen habe, was wohl heißen soll, dass er nun begriffen hat, dass man individuelle Opfer bringen muss für die nationale Aufgabe der Kolonisierung und Zivilisierung anderer Völker und dabei nicht auf Einzelne Rücksicht nehmen kann. Dieser plötzliche Sinneswandel wird nicht weiter plausibilisiert, was angesichts der Handlung bis zu diesem Punkt im Roman auch keine leichte Aufgabe gewesen wäre. Denn aus dem bisherigen Verlauf lässt es sich kaum nachvollziehbar erklären, dass der leidende, hilflose Moor, der einfach denkende und sprechende, anti-intellektuelle und naive Handwerkersohn, der bis jetzt davon überzeugt war, dass „die Sache das ganze Blut nicht wert“ sei, plötzlich eine Einsicht in die komplexeren Zusammenhänge imperialer Politik haben soll. Selbst der vom Roman ergriffene Alexander Lion, der bereits erwähnte spätere Begründer der deutschen Pfadfinder, welcher als Stabsarzt ebenfalls am Krieg gegen die Herero beteiligt gewesen war, sah in seiner Rezension in dieser Stelle einen Widerspruch: „Ich habe die Worte des Oberleutnants mehrmals überlesen müssen, um zu verstehen, was damit gemeint sein kann. Und der schlichte Handwerkersohn soll dadurch auf einmal von der großen Zukunft Südwestafrikas überzeugt sein?“101 Selbst die Begegnung mit der sakralisierten deutschen Frau ändert nichts daran, dass Moor – auch wenn er von der Notwendigkeit des Krieges zumindest zeitweise überzeugt zu sein scheint – sich nichts sehnlicher wünscht als die Heimkehr, dass er Angst vor den Gefechten hat und ihm der Aufenthalt im „Affenlande“ (PM, 108) ein Graus ist.
Die Taktik des Autors, die Hilflosigkeit erzählerisch erst in aller Drastik aufzubauen und sie im zweiten Teil durch die Brutalität des Feldzugs zu kompensieren, ist auf der Ebene der Einzelfiguren psychologisch nicht überzeugend. Frenssens Versuch, einerseits die sehr persönlichen Eindrücke kriegsbeteiligter Soldaten zum Ausdruck zu bringen und diese andererseits durch seine Erzählung gleichsam in einen größeren Kontext nationaler Erweckung und imperialer Machtsicherung zu stellen, scheitert an einigen Stellen des Feldzugsberichts. Als der Krieg bereits vorbei ist, formuliert das einer der Soldaten so: „‚Ja,‘ sagte der Schutztruppler, ‚der [Krieg] ist zu Ende: vierzigtausend von ihnen sind tot; all ihr Land gehört nun uns. Aber was hilft es mir; ich muß hier sterben.‘“ (PM, 197)
Es zeigt sich an diesen Passagen, dass Frenssen seinem Erzähler, dessen Erlebnisse er möglichst authentisch zu schildern vorgibt, Worte in den Mund legt, die von dieser Figur weder inhaltlich noch stilistisch zu erwarten wären. Immer wieder wurde in zeitgenössischen Rezensionen bemängelt, dass Moor „in der Art eines ausgewachsenen Schöngeistes“ rede, wodurch die gleichzeitig betonte Einfachheit des Schlosserjungens Moor wie „gekünstelte Schlichtheit“102 wirke. Alexander Lion, der fälschlicherweise davon ausging, dass es sich bei Peter Moor um eine tatsächliche historische Person handelte, hielt es für unwahrscheinlich, „daß Moor – all diese z. T. tiefgründigen Gedanken sich wirklich gemerkt haben kann. Hier bringt der Dichter wohl zum großen Teil seine eigenen Ansichten zum Ausdruck.“103 Der Kritiker Leo Berg störte sich an der stilistischen Inkongruenz, wenn der „schlichte Schlosserjunge“ plötzlich etwa „vom ‚lieblichen Wein‘“ spricht und „nur so darauf los [philosophiert] wie ein richtiger Landpfarrer.“104 Für Berg war dieses offensichtliche Auseinanderfallen von autodiegetisch angelegter Erzählinstanz und dem Autor Frenssen, der sich im letzten Satz selbst als Urheber offenbart, primär ein ästhetisches Problem:
Man sieht die Landschaften nicht, man sieht die Menschen nicht, man lebt ihr Leben nicht. Man sagt nur: ach, die Armen! Und vor allen Dingen: man sieht den Feldzug nicht. […] Daß der, der dies schrieb, nicht dabei war, kann man den Blättern geradezu anriechen. Dieser Bericht ist nach Zeitungsmeldungen in einer friedlichen und sauberen Pfarrstube entstanden. Es wird von Blut und Krankheit geredet, aber es trieft und klebt nicht in den Sätzen, wie es auch dem schlichtesten Berichterstatter geschieht, wenn er mit dabei gewesen ist und das alles selbst gesehen, gerochen, gehört, erlebt, gehofft, gefürchtet hat. In diesem Feldzugsbericht wird z. B. nicht geflucht. Nirgends bricht ein Naturlaut geängstigter, gequälter, enttäuschter Menschen hervor. Frenssen hat viel zu wenig Phantasie und unmittelbare Dichterkraft, um sich das alles aus sich heraus zu schaffen, um sich in andere Seelen hinein zu versenken.105
Während Berg in dieser harschen Kritik der literarischen Fähigkeiten Frenssens zumindest insofern zuzustimmen ist, als die gewählten Bilder zwar an Drastik oftmals kaum zu überbieten sind, dabei aber zugleich steril anmuten, läuft diese ästhetische Bewertung dennoch insofern ins Leere, als zahlreiche Leserinnen und Leser den Roman durchaus als authentisch und rührend empfanden, wie die bereits zitierten Rezensionen verdeutlichen. Glaubt man Frenssens eigener Aussage in seinem Lebensbericht, ging es ihm vor allem um eine Emotionalisierung seiner Leserschaft, um auf die Leiden und die Selbstaufopferung der Soldaten hinzuweisen und so das öffentliche Bild des Kriegs zu revidieren. Was Leo Berg mit „Ach, die Armen!“ spöttisch abwertete, ist gerade die Evokation von Mitleid und eine Verdeutlichung der heroischen Taten, die Frenssen unabhängig von der ästhetischen Qualität des Geschriebenen offenbar gut gelang. Hier zeigt sich auch deutlich, dass der Autor seinem Feldzugsbericht offenkundig die Form einer Predigt gab, die über eine emotionale Affizierung zu einer moralischen Erkenntnis der Leserinnen und Leser führen soll.
Doch auch wenn der Roman beim Lesen eine gewisse Betroffenheit evoziert, bleibt dennoch das von Berg angesprochene Problem der mangelnden Glaubwürdigkeit. Denn der Autor schafft bedeutungsschwere Sprachbilder, die die epochale Relevanz des Krieges unterstreichen sollen, aber dennoch nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die Soldaten von dieser höheren Idee völlig unberührt bleiben. Nachdem der Krieg beendet ist, lässt Frenssen seinen Erzähler noch einmal die ehemals wüste Landschaft beschreiben:
Es war um die Zeit des Oktobers, wo in dieser Gegend der Frühling ins Land zieht. Regen und Gewitter waren schon tüchtig über die Steppe gefahren und fuhren noch darüber; davon sprießte nun neue Kraft aus der Erde, die so unfruchtbar aussah. In dem langen gelblichen Gras erschienen Blumen und erfüllten die Luft mit ihrem milden, schönen Duft. Der verhaßte Dornbusch bekam dunkelgrüne Blätter und schneeweiße Blüten […]. Und über all dem frischen Grün und dem herrlichen reinen Weiß und satten Gelb wölbte sich hoch, hoch oben der wolkenlose blaue Himmel. (PM, 203)
Penetrant pastorale Bilder wie diese mögen von Klischees durchzogen sein und einem Literaturkritiker ästhetisch minderwertig erscheinen. Problematisch für die beanspruchte Glaubwürdigkeit ist eher die damit beabsichtigte Lesart, dass das vormals wüste Land nun eine fruchtbare, „schneeweiße“ Oase ist, die den Deutschen als homogener, von allem Schmutz bereinigter ‚Lebensraum‘ dienen soll – denn die Soldaten wollen zu diesem Zeitpunkt gar keinen neuen ‚Lebensraum‘ mehr, sondern wünschen sich nichts sehnlicher, als in die eigentliche Heimat zurückzukehren. Zwar berichtet Moor noch von seinem Entschluss, irgendwann einmal in „das fremde Land“ zurückzukehren, doch vor allem will er „meine Eltern und mein Handwerk nicht aufgeben“ (PM, 204).
Diese Diskrepanz zwischen Peter Moors individueller Sehnsucht nach Heimkehr und der übergeordneten Absicht des Autors, über seinen Erzähler die politische Relevanz des Kriegs zum Ausdruck zu bringen, sorgt hier für eine Dissonanz zwischen der Stimme Moors als Erzähler seiner persönlichen Geschichte und den ihm in den Mund gelegten heimat- und kolonialideologischen Narrativen. In der autodiegetischen Erzählinstanz zeigt sich also eine irritierende Mehrstimmigkeit, die die Botschaft von der bedingungslosen Aufopferungsbereitschaft der Soldaten als heroischer Tat und der Kolonie als neuer Heimat zu unterminieren scheint. Auf Figurenebene lässt Moor kaum einen Zweifel daran, dass der Krieg für ihn und viele seiner Kameraden in erster Linie eine traumatische Erfahrung ist, was besonders deutlich wird, als es kurz so scheint, als müsse er erneut ins Gefecht ziehen, weil „die Hottentotten, die im Süden wohnen, sich plötzlich erhoben hätten, und […] nun also noch ein zweiter Feldzug käme, […] an Heimkehr wäre jedenfalls nicht zu denken.“ (PM, 204–205) Diesem erneuten Krieg entgeht Moor jedoch, weil sich herausstellt, dass er sich „einen Herzfehler geholt“ hat und deshalb „nach Haus“ (PM, 206) muss. Einerseits bedeutet die plötzliche Krankheit Moors ein erzähltechnisch eher plump eingeleitetes Ende der Handlung, andererseits stellt das Kranksein die Vorstellung einer dauerhaften Besiedelung der Kolonie als neuer Heimat in Afrika in Frage. Frenssen mag die Kolonie nach dem Krieg noch so emphatisch als blühende, reinweiße Landschaft beschreiben – die innerhalb der Heimatideologie vorgesehene Verheimatung dieser kolonialen Fremde, die für Moor auch nach dem Krieg noch ein „fremdes Land“ ist, ist zumindest vorerst als gescheitert zu betrachten, wenn wieder ein Krieg ausbricht, „der wohl ebenso schwierig sein würde wie der eben beendete“ (PM, 204), wenn die Feindseligkeit dieses Landes anhand der widrigen klimatischen Bedingungen hervorgehoben wird, die der kranke Moor nicht aushalten kann, und wenn fast alle Soldaten auf dem Schiff zurück in die Heimat „irgendeinen Schaden“ (PM, 208) haben.
Moors Krankheit äußert sich darin, dass sein „Herz so schwer und laut schlug“ (PM, 205), worin neben dem physisch nachweisbaren Herzfehler auch ein deutlicher Hinweis auf eine melancholische Resignation im Sinne eines ‚gebrochenen Herzens‘ angesichts des erneuten Kriegs gesehen werden kann, der den Erfolg ihrer bisherigen Anstrengungen im Krieg relativiert.106 Seinem klopfenden Herzen befiehlt er: „‚Was fällt dir ein, sei ruhig!‘“ (PM, 205), was nicht gelingt, und als sie vom ‚Aufstand‘ der ‚Hottentotten‘, also der Nama, erfahren, bekennt er: „Da wurden wir aber sehr still.“ (PM, 205). Wie schon das Verstummen der Lieder als Reaktion auf die überwältigenden Kriegsumstände dargestellt wurde, reagieren die Soldaten auch jetzt mit Sprachlosigkeit auf die Vorstellung, das bereits Erlebte noch einmal erleben zu müssen – innerhalb dieser klischeebehafteten Metaphorik ist es nur das gebrochene Herz, das nicht mehr schweigen will und sich über die Krankheit Ausdruck verschafft. Was Frenssens Erzähler hier evoziert, ist das Bild traumatisierter Kriegsversehrter, die nur noch „fröhlich über die Heimkehr“ (PM, 208) sind, was schlicht nicht zu der beabsichtigten Vorstellung, die Soldaten würden ihre individuellen Bedürfnisse bereitwillig und aus Überzeugung für die Bedürfnisse der Volksgemeinschaft opfern, passen will. „[D]er Berichterstatter“, so noch einmal der Literaturkritiker Leo Berg, „ist nur Maske, hinter der das kluge Gesicht des Verfassers alle Augenblicke hervorlugt.“107 Und der Rezensent Leopold Weber resümiert: „[A]us Liebe zu einem möglichst vielseitigen Effekte treibt Frenssen ästhetisch doppelte Buchführung […]“.108
Frenssen gelang es also nicht, die Diskrepanz zwischen dem vermutlich von den Augenzeugen betonten Leiden der Soldaten, das von ihm systematisch zu einer heroisch zu überwindenden Hilflosigkeit stilisiert wird, und seiner weltanschaulichen Tendenz innerhalb der Diegese plausibel zu überbrücken. Während es leicht wäre, diese Unstimmigkeit, wie Leo Berg es tat, auf das schriftstellerische Unvermögen Frenssens zurückzuführen, ist es wahrscheinlicher, dass der Autor diesen „möglichst vielseitigen Effekt“ instrumentalisierte, um für die Leserinnen und Leser zu verdeutlichen, wie wichtig zumindest eine nachträgliche Anerkennung der heroischen Taten der deutschen Soldaten, über die er mit seinem Roman aufzuklären versuchte, sei. Die so stark in den Fokus gerückte Verzweiflung der Soldaten dient also dazu, die Notwendigkeit einer Heroisierung dieser physisch wie psychisch Kriegsversehrten zu verdeutlichen und gleichermaßen die deutsche Öffentlichkeit für den Mangel dieser Heroisierung zu kritisieren. Frenssen ging es nicht um eine authentische Schilderung der soldatischen Gefühlswelt, sondern darum, das Publikum von der Rechtmäßigkeit des Krieges zu überzeugen, wofür er auf die ihm naheliegendste Form der appellhaft-vorwurfsvollen (Moral-)Predigt zurückgriff.
Weil die Anerkennung intradiegetisch noch fehlt, kann am Ende des Romans unter den Soldaten kein heroischer Stolz oder das Gefühl der Bewährung vorherrschen, sondern desillusionierte Verzweiflung über die Welt, in die sie ausgezogen sind, ebenso wie die Welt, in die sie nun zurückkehren. Die Bedürfnisse des ursprünglich Abenteuer erhoffenden Individuums bleiben damit inkompatibel mit der Notwendigkeit, das nationale Kollektiv zu stärken. Die von Frenssen nahegelegte und von einigen Forscherinnen und Forschern konstatierte Entwicklung des Titelhelden besteht vor diesem Hintergrund nur in der Ernüchterung seiner Träume und hochtrabenden Vorstellungen von der ‚weiten Welt‘ sowie in der damit verbundenen Erkenntnis, der Gemeinschaft zwangsläufig selbstlos dienen zu müssen. Nachdem er gesehen hat, welche Schrecken diese Welt für ihn bereithält, flieht er schließlich zurück in die heilende Sicherheit der Heimat. Abgesehen von dieser verstörenden Desillusion findet keine tiefergehende Entwicklung seines Charakters statt und er ist am Ende dort, wo er schon am Anfang stand, nämlich in der elterlichen Schlosserwerkstatt. So erscheint das im Roman geschilderte Kriegsgeschehen nur auf der Makroebene der ‚Volksgemeinschaft‘ erfolgreich, die den Kampf ums Dasein meistert und sich somit resouveränisiert. Die in Aussicht gestellte Verheimatung dieser widerspenstigen Fremde109 kann angesichts der geschilderten Kriegsgräuel indes nicht glaubhaft vollzogen werden, sondern bleibt eine Fantasie für die koloniale Nachkriegszukunft. Für Moor und seine kranken Kameraden ist der Krieg nichts mehr als eine erschütternde Episode, eine vielleicht kollektiv notwendige, insgesamt aber desaströse Unterbrechung des eigenen Lebens in der Heimat, zu der er sich schlussendlich doch zugehörig fühlt. Die Eskalation der Gewalt führt für die einzelnen Soldaten daher auch nicht zu einer Rettung ihrer im ersten Teil des Feldzugs prekär gewordenen männlichen Selbstbestimmtheit, sondern lediglich zu einer anhaltenden Traumatisierung.
Aus der Betrachtung des Romans ergibt sich für den Zusammenhang zwischen Abenteuer und kolonialem Krieg, dass die Selbstverständlichkeit des Abenteuerlichen im Krieg von Gustav Frenssen aufgehoben wird. Peter Moors Fahrt nach Südwest thematisiert den kolonialen Krieg nicht als ein groß angelegtes Abenteuer, in dem deutsche Protagonisten ihre exotistischen Sehnsüchte nach Bewährung ausleben. Stattdessen entwickelt der Autor seinen Roman im Spannungsfeld zwischen der topisch gewordenen Abenteuersehnsucht, der heimatkunstideologisch geprägten Verankerung der Figuren in der Heimat, die zugleich fremd geworden ist, und der Aushandlung dieser Spannungen im Krieg, der weder Abenteuer noch Verheimatung wirklich ermöglicht. Die Angst vor dem verantwortungslosen Kontrollverlust über sich selbst und vor dem ziellosen Umherwandern fernab der Heimat lässt die Soldaten vor einem Abenteuer zurückschrecken, obwohl sie anfangs die Fremde „auf Reichskosten“ erkunden und sich dabei in ihrer soldatischen Männlichkeit bewähren wollten. Ihre Vorstellung, diese Bewährung über das kalkulierte Risiko einer stark reglementierten Entscheidungsschlacht, bei der die Deutschen ihre militärische Überlegenheit ausnützen könnten, herbeizuführen, wird im regellosen Kleinkrieg desillusioniert.
Indem Frenssen zu Beginn noch die traditionelle Erzähl- und Erlebnisstruktur der âventiure bemüht, verweist er nicht nur auf die mit dem Krieg oftmals verbundene Abenteuererwartung und die Sehnsucht nach vormodern-antiquierter ritterlicher Ehre, sondern auch auf die Unmöglichkeit und Unangemessenheit, ein Abenteuer zu erleben, wenn sich dieser Krieg nicht mehr in einem fremden Raum abspielt, sondern auf dem bereits von der deutschen Besiedelung zur Verheimatung vorgesehenen Boden stattfindet. Ein solches vormodernes, auf individuelle Ehre abzielendes Abenteuer kann in einem modernen Feldzug wie dem geschilderten nicht mehr verwirklicht werden. Das gilt aber auch für modernere Abenteuervorstellungen, die durch den Nürnberger als Inbegriff eines egoistischen, auf seine individuelle Verwirklichung ausgerichteten Glücksritters desavouiert werden. Zu groß ist die Verantwortung der Soldaten gegenüber der auf sie vertrauenden Heimat, zu gewaltig ist der Ernst dieses Kriegs und seiner scheinbar authentisch beschriebenen Schrecken, als dass dies im Modus eines lustvoll erlebbaren Abenteuers zu erzählen wäre.
Im gezielten Bruch dieses Erzählmusters scheint somit die wachsende Unmöglichkeit eines kolonialen Abenteuers, aber auch die daraus resultierende Irritation über die nun zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen auf, die Frenssen hier als Hilflosigkeit darstellt. Diese Hilflosigkeit kann jedoch nur mit einem Gewaltausbruch überwunden werden. So kann die Gewalt nicht nur als größtmögliche Form der Selbstopferung, die hier auf eklatante Weise Täter- und Opferrollen verkehrt, sondern vor allem als ein gleichzeitig stattfindender Akt der Resouveränisierung der bedrohten Volksgemeinschaft verstanden werden.
Die nachdrücklich betonte Verzweiflung der einzelnen Soldaten innerhalb dieser uniformen Masse dient Frenssen gleichsam dazu, die Aufopferungsbereitschaft als Ausdruck des leidenden Helden zu stilisieren. Mit dieser Heroisierung tritt der propagandistische Charakter des Romans deutlich hervor: Dem Autor ging es um nichts weniger als das Ansehen der deutschen Soldaten und der deutschen Kolonisierung an sich in der öffentlichen Wahrnehmung zu korrigieren, was den Roman im Kontext der damaligen Kritik am Krieg und der dafür notwendigen Mittel zu einem zutiefst politischen Text macht. Auch die Diskrepanz zwischen der Innenperspektive seiner Erzählerstimme Peter Moor, die im letzten Satz dekonstruiert wird, und seiner eigenen Stimme als ideologisch motiviertem Autor unterläuft Frenssen weniger aus mangelnder literarischer Fähigkeit, sondern wird von ihm gezielt instrumentalisiert. Denn die Schilderung des soldatischen Leidens ist notwendig, um die Dringlichkeit einer zumindest nachträglichen Heroisierung zu unterstreichen, selbst wenn dies zu Ungunsten einer überzeugenden Psychologisierung seiner Figuren geschieht. Wie schon bei Alfred Funkes Roman wird auch hier ein ‚Dolchstoß‘ insinuiert, demzufolge eine Resouveränisierung der in die Krise geratenen soldatischen Männlichkeit durch die verwehrte Anerkennung des Geleisteten seitens der Menschen in Deutschland erschwert wird. Der erzielte Effekt ist eine Inszenierung einer krisenhaften Männlichkeit, die nicht einmal mehr im Krieg, dem ureigensten Refugium von Bewährung mittels physischer Gewalt, ihre Stärke unter Beweis stellen kann. Dass diese Inszenierung im vollen Bewusstsein um den tatsächlich erfolgten Genozid an den Herero erfolgt, zeigt schlussendlich, dass auch hier in der narrativen Betonung einer Krise augenblicklich ein Moment der Rechtfertigung und der Sicherung hegemonialer Machtstrukturen angelegt ist.
‚Die Herero‘ heißen in der Bantu-Sprache Otjiherero eigentlich Ovaherero – der Begriff ‚Herero‘ ist also eine falsche bzw. ungenaue ethnische Bezeichnung, die aber sowohl in den historischen und literarischen Quellentexten als auch in der literaturwissenschaftlichen und historiografischen Forschungsliteratur deutscher Sprache nach wie vor dominiert. Aus diesem Grund wird sie auch in den folgenden Ausführungen verwendet.
Zur medialen Rezeption des Kriegs gegen die Herero vgl. ausführlich Brehl, M.: Diskursereignis ‚Herero-Aufstand‘.
Frenssen, Gustav: Peter Moors Fahrt nach Südwest. Ein Feldzugsbericht. Berlin: G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung 1906. Zitate werden im Folgenden im Fließtext mit der Sigle ‚PM‘ nachgewiesen.
Zu den Auflagenzahlen vgl. Warmbold, J.: „Ein Stückchen neudeutsche Erd‘“, S. 95, sowie Hermes, Stefan: „Fahrten nach Südwest“. Die Kolonialkriege gegen die Herero und Nama in der deutschen Literatur (1904–2004). Würzburg: Königshausen & Neumann 2009, S. 46.
Das berühmteste Beispiel hierfür aus der deutschsprachigen postkolonialen Literatur ist Timm, Uwe: Morenga. München: Verlag Autoren Edition 1978.
Africanus (d. i. Alexander Lion): Peter Moors Feldzugsbericht. In: Deutsche Kultur 2.21 (1906), S. 647–651, S. 647–648.
N. N.: Maßgebliches und Unmaßgebliches. In: Die Grenzboten 65.4 (1906), S. 324–328, S. 325.
Sowohl der Begriff ‚Aufstand‘ als auch die Bezeichnung ‚Schutztruppe‘ für die kolonialen Soldaten sind ideologisch gefärbte Termini des zeitgenössischen Kolonialdiskurses. Während ‚Aufstand‘ eine illegitime Erhebung der Kolonisierten impliziert, ist ‚Schutztruppe‘ ein deutlicher Euphemismus, denn geschützt wurden von den Soldaten primär die Interessen der Kolonialmacht und der deutschen Siedlerinnen und Siedler, keineswegs aber die kolonisierten Menschen. Im Folgenden wird daher von Krieg statt von Aufstand die Rede sein. Der Terminus ‚Schutztruppe‘ hingegen wird trotz seiner gewaltverschleiernen Intention als historisch korrekte Bezeichnung für die kolonialen Streitkräfte verwendet.
Vgl. Kamissek, Christoph: „Ich kenne genug Stämme in Afrika“. Lothar von Trotha – eine imperiale Biographie im Offizierkorps des deutschen Kaiserreichs. In: Geschichte und Gesellschaft 40 (2014), S. 67–93, S. 68.
Die Interpretation des Kriegs gegen die Herero als erster deutscher Genozid geht bereits auf die 1960er Jahre zurück, vgl. Drechsler, Horst: Südwestafrika unter deutscher Kolonialherrschaft. Der Kampf der Herero und Nama gegen den deutschen Imperialismus 1884–1915. Berlin: Akademie 1966, sowie Bley, Helmut: Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894–1914. Hamburg: Leibniz 1968. Umstritten ist jedoch bis heute, worin genau die genozidale Strategie lag und wie es dazu kam. Während einige der Einschätzung Jürgen Zimmerers folgen, der zufolge Lothar von Trotha von Anfang an die vollständige Vernichtung der Herero geplant hatte, differenzieren neuere militärhistorische Studien, betonen die Prozesshaftigkeit und Komplexität der Gewalt und argumentieren, dass der Genozid insbesondere aus dem Scheitern der zuvor von Trotha verfolgten Strategie der Entscheidungsschlacht resultierte. Dies ist vor allem für die Beurteilung der längerfristigen Wirkmacht kolonialgenozidaler Strategien im Rahmen einer im deutschen Kolonialismus begründeten „Archäologie des genozidalen Gedankens“ (J. Zimmerer) und deren Auswirkungen auf die Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg und auf den Holocaust relevant. Vgl. dazu bspw. Zimmerer, Jürgen: Krieg, KZ und Völkermord in Südwestafrika. Der erste deutsche Genozid. In: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen. Hrsg. von Jürgen Zimmerer u. Joachim Zeller. 2. Aufl. Berlin: Links 2004, S. 45–63, sowie Zimmerer, Jürgen: Holocaust und Imperialismus. Beitrag zu einer Archäologie des genozidalen Gedankens. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 51.12 (2003), S. 1098–1119, aber auch Hull, Isabel V.: Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany. Ithaca, NY, London: Cornell Univ. Press 2005, Häussler, Matthias: Der Genozid an den Herero. Krieg, Emotion und extreme Gewalt in Deutsch-Südwestafrika. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2018, sowie Lundtofte, Henrik: „I believe that the nation as such must be annihilated …“. The Radicalization of the German Suppression of the Herero Rising in 1904. In: Genocide. Cases, Comparisons and Contemporary Debates. Hrsg. von Steven L. B. Jensen. Kopenhagen: Danish Center for Holocaust and Genocide Studies 2003, S. 15–53.
Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele Herero tatsächlich in diesem Genozid den Tod fanden. Die Schätzungen bewegen sich zwischen 35.000 und 100.000 Menschen vor dem Krieg und etwa 14.000 bis 16.000 danach. Dem entgegen stehen ca. 1.500 Tote unter den insgesamt 14.000 deutschen Soldaten. Vgl. Kuß, Susanne: Kriegsführung ohne hemmende Kulturschranke. Die deutschen Kolonialkriege in Südwestafrika (1904–1907) und Ostafrika (1905–1907). In: Kolonialkriege. Militärische Gewalt im Zeichen des Imperialismus. Hrsg. von Thoralf Klein u. Frank Schumacher. Hamburg: Hamburger Edition 2006, S. 208–247, S. 212.
Großer Generalstab: Die Kämpfe der deutschen Truppen in Südwestafrika. Erster Band. Der Feldzug gegen die Hereros. Berlin: Ernst Siegfried Mittler und Sohn 1906. Dass Frenssen den Bericht des Großen Generalstabs gelesen hatte, legt eine Bemerkung im Briefwechsel mit seinem Informanten Robert Schian nahe, siehe Schian, Robert: Brief an Gustav Frenssen, 15.06.1906. 4 Seiten, unpaginiert. Nachlass Gustav Frenssen in der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek Kiel, Cb21.56.1110 (4) 1906, o. S.
In seinen Memoiren benennt er als seine Quellen den Generaloberarzt Dr. Robert Schian, aber auch einen Leutnant Klinger und einen Studenten namens Heinz bzw. Heinrich Michaelsen, der als sogenannter ‚Einjähriger‘ freiwillig am Krieg beteiligt gewesen war, vgl. Frenssen, Gustav: Lebensbericht. Berlin: G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung 1940, S. 143–145. Im Nachlass Gustav Frenssens, der in der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek Kiel verwahrt wird, finden sich zahlreiche, bislang nicht berücksichtigte Briefe seiner Informanten Klinger, Schian und Michaelsen, die belegen, dass sie ihm umfangreiches Material wie Tagebücher, Briefe und Fotografien zur Verfügung stellten und dass es einige Treffen mit dem Autor gab, in denen dieser sie über ihre Erlebnisse befragte.
Der Begriff ist entlehnt aus Parr, R.: Die Fremde als Heimat, S. 133.
Vgl. zu dieser Lesart beispielsweise Hermes, S.: „Fahrten nach Südwest“, S. 46–47 und Brehl, Medardus: Vernichtung der Herero. Diskurse der Gewalt in der deutschen Kolonialliteratur. München: Fink 2007, S. 185.
Frenssen folgt mit dieser Schilderung dem Vorschlag eines seiner Informanten, dem Generaloberarzt Dr. Robert Schian, der in seiner Skizze zum Handlungsablauf des Romans eben diese und andere, ähnliche Beweggründe angab, vgl. Schian, Robert: Von Schian vorgeschlagener Gang der Erlebnisse. 8 Seiten, unpaginiert, undatiert, vermutlich April 1906. Nachlass Gustav Frenssen, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Cb21.56.1110 (7), o. S.
Frenssen, G.: Lebensbericht, S. 144.
Honold, Alexander: Fahrten und Fronten. Umschriften des Abenteuerromans in Kolonialismus und Krieg. In: Abenteuer in der Moderne. Hrsg. von Oliver Grill u. Brigitte Obermayr. Paderborn: Fink 2020, S. 15–50, S. 15.
Vgl. auch Brehl, Medardus: „Das Drama spielte sich auf der dunklen Bühne des Sandfeldes ab“. Die Vernichtung der Herero und Nama in der deutschen (Populär-)Literatur. In: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen. Hrsg. von Jürgen Zimmerer u. Joachim Zeller. 2. Aufl. Berlin: Links 2004, S. 86–96, S. 88.
Vgl. ausführlicher Klausnitzer, Ralf: Observationen und Relationen. Text – Wissen – Kontext in literaturtheoretischer und praxeologischer Perspektive. In: Journal of Literary Theory 8.1 (2014), S. 55–86, S. 80.
Dies hat Gesine Krüger gezeigt, siehe Krüger, Gesine: Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein. Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904 bis 1907. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1999, S. 76–78, aber auch Brehl, M.: Vernichtung der Herero, S. 115.
Das Buch überholte damit Thomas Manns Buddenbrooks, das auf Platz vier lag. Vgl. Boa, Elizabeth: Some Versions of Heimat. Goethe and Hölderlin around 1800, Frenssen and Mann around 1900. In: Heimat. At the Intersection of Memory and Space. Hrsg. von Friederike Eigler u. Jens Kugele. Berlin: De Gruyter 2012, S. 34–52, S. 45. Zu den begeisterten Reaktionen Heyses, Raabes und Manns vgl. Ketelsen, Uwe: Literatur und Drittes Reich. Schernfeld: SH 1992, S. 154–156, Krobb, Florian: Wilhelm Raabe und Gustav Frenssen. Zur Konvergenz des Ungleichzeitigen (in der Rezeption). In: Kein Nobelpreis für Gustav Frenssen. Eine Fallstudie zu Moderne und Antimoderne. Hrsg. von Heinrich Detering u. Kai Sina. Heide: Boyens 2018, S. 85–110, sowie Kaiser, Gerhard: Ruhm. Zum Verhältnis von Gustav Frenssen und Thomas Mann. In: Kein Nobelpreis für Gustav Frenssen. Eine Fallstudie zu Moderne und Antimoderne. Hrsg. von Heinrich Detering u. Kai Sina. Heide: Boyens 2018, S. 111–140.
Zum Erfolg des Jörn Uhl vgl. das Kapitel zur Erzählkonzeption des Romans in Ketelsen, U.: Literatur und Drittes Reich, S. 148–171, hier S. 149–151.
Vgl. Ketelsen, Uwe-K.: Frenssens Werk und die deutsche Literatur der ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts. Zuordnungen, Parallelen, Abgrenzungen. In: Gustav Frenssen in seiner Zeit. Von der Massenliteratur im Kaiserreich zur Massenideologie im NS-Staat. Hrsg. von Kay Dohnke u. Dietrich Stein. Heide: Boyens & Co. 1997, S. 152–181, S. 154–158.
Zum Unterschied zwischen regionalistischer Literatur im Allgemeinen und dem Heimatroman im Besonderen vgl. grundlegend Mecklenburg, Norbert: Erzählte Provinz. Regionalismus und Moderne im Roman. Königstein: Athenäum 1982, S. 71–112.
Zu einer umfassenden Charakterisierung der Heimatkunstbewegung und der Heimatliteratur im Besonderen vgl. Rossbacher, Karlheinz: Heimatkunst in der frühen Moderne. In: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Naturalismus – Fin de siècle – Expressionismus 1890–1918. Band 7. Hrsg. von York-Gothart Mix. München: Hanser 2000, S. 300–313, und Dohnke, Kay: Völkische Literatur und Heimatliteratur 1870–1918. In: Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871–1918. Hrsg. von Uwe Puschner, Walter Schmitz u. Justus H. Ulbricht. Berlin: De Gruyter Saur 1996, S. 651–684.
Vgl. Ajouri, Philip: Literatur um 1900. Naturalismus – Fin de Siècle – Expressionismus. Berlin: Akademie 2009, S. 171.
Vgl. dazu ausführlicher Ketelsen, U.: Literatur und Drittes Reich, S. 157–165.
Vgl. dazu auch Dohnke, K.: Völkische Literatur, S. 652–654. Davon zeugt in besonderer Form auch die Karriere, die Gustav Frenssen als völkischer Schriftsteller im Dritten Reich machte, siehe dazu Dohnke, Kay: ‚… und kündet die Zeichen der Zeit‘. Anmerkungen zur politisch-ideologischen Publizistik Gustav Frenssens. In: Gustav Frenssen in seiner Zeit. Von der Massenliteratur im Kaiserreich zur Massenideologie im NS-Staat. Hrsg. von Kay Dohnke u. Dietrich Stein. Heide: Boyens & Co. 1997, S. 220–261.
Frenssen bekannte sich schon früh zum Nationalsozialismus und stand umgekehrt in nationalsozialistischer Gunst. Die völkische Ideologie kommt in späteren Schriften Frenssens, beispielsweise Der Glaube der Nordmark (1936), sowie in seiner Beteiligung an der Kriegspropaganda auch deutlich zum Ausdruck. Dennoch zeigen genauere Untersuchungen, dass der von Frenssen selbst, beispielsweise in seinem Lebensbericht (1941), lancierte Eindruck, er sei immer schon ein Anhänger des völkischen Nationalismus und ein Fürsprecher des ‚Deutschtums‘ gewesen, als Versuch einer nachträglichen Ausrichtung seiner Überzeugungen auf den Nationalsozialismus verstanden werden können, was indes nicht wirklich der Realität entspricht. Stattdessen lassen sich in früheren Schriften etwa auch Sympathien für Sozialismus, Bolschewismus und Frauenrechte erkennen, die verdeutlichen, dass Frenssens Schriften vor allem als Resonanzraum für eine Auseinandersetzung mit der Moderne interessant sind, er diese Erfahrungen aber gänzlich anders verarbeitete als seine schreibenden Zeitgenossen in Naturalismus, Expressionismus oder Avantgarde. Zur Verortung des Werks Frenssens in der Literatur der Moderne vgl. die Aufsätze im Sammelband Kein Nobelpreis für Gustav Frenssen, insbesondere die Beiträge Detering, Heinrich u. Kai Sina: Poetik und Propaganda. Einführende Anmerkungen zu Gustav Frenssen. In: Kein Nobelpreis für Gustav Frenssen. Eine Fallstudie zu Moderne und Antimoderne. Hrsg. von Heinrich Detering u. Kai Sina. Heide: Boyens 2018, S. 7–17 und Kiesel, Helmuth: Moderne und Antimoderne. Gustav Frenssen im Kontext. In: Kein Nobelpreis für Gustav Frenssen. Eine Fallstudie zu Moderne und Antimoderne. Hrsg. von Heinrich Detering u. Kai Sina. Heide: Boyens 2018, S. 21–42, sowie außerdem die Beiträge in Dohnke, Kay u. Dietrich Stein (Hrsg.): Gustav Frenssen in seiner Zeit. Von der Massenliteratur im Kaiserreich zur Massenideologie im NS-Staat. Heide: Boyens & Co. 1997.
Dohnke, K.: Völkische Literatur, S. 658.
Zur Solidarisierung mit den Buren im Burenkrieg vgl. Parr, Rolf: Wilhelm Raabe und die Burenkriege. 1899: Deutsche Schriftsteller begeistern sich für die „Burensache“. In: Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit. Hrsg. von Alexander Honold u. Klaus R. Scherpe. Stuttgart: Metzler 2004, S. 254–263.
Zu den „wechselseitigen Affinitäten“ zwischen Heimat- und Kolonialliteratur vgl. ausführlicher Parr, R.: Die Fremde als Heimat, S. 10, sowie Parr, Rolf: Heimat, oder: Warum koloniales Fernweh so prekär ist. In: Fernweh nach der Romantik. Begriff – Diskurs – Phänomen. Hrsg. von Irmtraud Hnilica, Malte Kleinwort u. Patrick Ramponi. Freiburg i. Br.: Rombach 2017, S. 101–117, S. 102–104.
Vgl. Parr, R.: Die Fremde als Heimat, S. 9–11.
Dies hat Jens Jäger überzeugend herausgearbeitet, vgl. Jaeger, Jens: Colony as Heimat? The Formation of Colonial Identity in Germany around 1900. In: German History 27.4 (2009), S. 467–489.
Canetti, Elias: Masse und Macht. Hamburg: Claassen 1984, S. 11.
Zum Narrativ der ‚Dunkelheit‘ der kolonisierten Gebiete vgl. Brantlinger, P.: Rule of Darkness, sowie neueren Datums die ähnlich gelagerte Untersuchung von Thanner, V.: Tückische Oberflächen, v.a. Kapitel II.
Canetti, E.: Masse und Macht, S. 14.
Alkemeyer, Thomas u. Ulrich Bröckling: Jenseits des Individuums. Zur Subjektivierung kollektiver Subjekte. Ein Forschungsprogramm. In: Jenseits der Person. Hrsg. von Thomas Alkemeyer, Ulrich Bröckling u. Tobias Peter. Bielefeld: Transcript 2017, S. 17–32, S. 18–20.
Ebd., S. 26.
Frenssen, G.: Lebensbericht, S. 144.
Zur Funktionsweise asymmetrischer Gegenbegriffe bei der Bildung von Wir-Gruppen vgl. Koselleck, Reinhart: Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe. In: ders.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. 2. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1992, S. 211–259, sowie Koschorke, A.: Wahrheit und Erfindung, S. 96–101. Zum hier sichtbar werdenden „imperial gaze“ vgl. Baer, Elizabeth R.: The Genocidal Gaze. From German Southwest Africa to the Third Reich. Detroit: Wayne State Univ. Press 2017, S. 52.
Mit der Ablösung Leutweins durch Trotha änderte sich jedoch das Kriegsziel: Während Leutwein versucht hatte, die Herero durch fortwährende militärische Konfrontation zum Aufgeben zu zwingen und einen Frieden auszuhandeln, der die Herero auch weiterhin als Arbeitskräfte erhalten sollte, ersetzte Trotha diese Ermattungstaktik durch eine Vernichtungsstrategie. Zu den begriffsgeschichtlichen Implikationen des Terminus ‚Vernichtung‘ und der Entwicklung der Trotha’schen Vernichtungsstrategie vgl. ausführlich Häussler, M.: Der Genozid, S. 167–184.
Zum Kolonialkrieg gegen die Herero als Kleinkrieg und zum Begriff des Kleinkriegs allgemein vgl. ausführlicher Häussler, Matthias u. Trutz von Trotha: Brutalisierung ‚von unten‘. Kleiner Krieg, Entgrenzung der Gewalt und Genozid im kolonialen Deutsch-Südwestafrika. In: Mittelweg 36 21.3 (2012), S. 57–89.
Carl Schmitt machte als zentrale Charakteristika des Partisanenkampfs neben der Irregularität und der gesteigerten Mobilität der Partisanen die Intensität und den tellurischen Charakter ihres Einsatzes aus, vgl. Schmitt, Carl: Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkung zum Begriff des Partisanen. Berlin: Duncker & Humblot 1963, S. 20–28. Zur umstrittenen Frage nach der (Ir-)Regularität des Partisanen zwischen Soldat und Terrorist vgl. Münkler, Herfried: Die Gestalt des Partisanen. Herkunft und Zukunft. In: Der Partisan. Theorie, Strategie, Gestalt. Hrsg. von Herfried Münkler. Opladen: Westdeutscher Verlag 1990, S. 14–39, S. 16 ff.
Münkler, H.: Die Gestalt des Partisanen, S. 14.
Schmitt, C.: Theorie des Partisanen, S. 26.
Canetti, E.: Masse und Macht, S. 108.
Ebd., S. 11.
Frenssen, G.: Lebensbericht, S. 144.
Zum Glücksritter-Motiv siehe die Beiträge in Ette, Wolfram u. Bernhard Teuber (Hrsg.): Glücksritter. Risiko und Erzählstruktur. Paderborn: Fink 2021.
Ette, Wolfram u. Bernhard Teuber: Einleitung. In: Glücksritter. Risiko und Erzählstruktur. Hrsg. von Wolfram Ette u. Bernhard Teuber. Paderborn: Fink 2021, S. VII–XI, S. VIII.
Zu einer ähnlichen Deutung der Passage vgl. Noyes, John K.: National Identity, Nomadism, and Narration in Gustav Frenssen’s Peter Moor’s Journey to Southwest Africa. In: The Imperialist Imagination. German Colonialism and its Legacy. Hrsg. von Sara Friedrichsmeyer, Sara Lennox u. Susanne Zantop. Ann Arbor: Univ. of Michigan Press 1998, S. 87–105, S. 94.
Trothas Idee einer Entscheidungsschlacht war zu eurozentrisch gedacht, weil die dafür benötigte Artillerie im unwegsamen und kaum kartografierten Gelände der Wüste bzw. Steppe nur schwer vorwärtskam und insgesamt zu wenig mobil war. Außerdem erforderte sie berittene Infanterie als mobile Kundschafter, für die speziell ausgebildete Soldaten und gute Pferde nötig waren. Die Pferde starben an Krankheiten, Durst und Unterernährung und die Truppen wurden unter Zeitdruck aus allen möglichen Bereichen zusammengestellt, sodass Marineinfanteristen – wie Peter Moor – und noch völlig unselbstständige Rekruten plötzlich zu berittenen Kundschaftern werden mussten und für diese Aufgabe auch vor Ort kaum ausgebildet wurden. Vgl. ausführlicher Häussler, M. u. T. von Trotha: Brutalisierung ‚von unten‘, S. 70–75, und Kuß, Susanne: Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen. Eskalation von Gewalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 3., durchges. Aufl. Berlin: Links 2012, S. 165–166.
Vgl. Zeigerer, Merle: Kriegsberichterstatter in den deutschen Kolonialkriegen in Asien und Afrika. Augenzeugen, Anstifter, Komplizen? Kiel: Solivagus Præteritum 2016, S. 67–68.
Dass dieses von Frenssen hier eingeführte scheinbare Desinteresse der medialen Öffentlichkeit am Kriegsgeschehen zu einem wirkmächtigen Narrativ wurde, zeigt beispielsweise die Übernahme dieses Narrativs in der Pfadfinder-Literatur, die in Kapitel 6.3.1 untersucht wird.
Es war August Bebel, der bereits am 17.03.1904 zwei Soldatenbriefe im Reichstag verlas, die die Kriegsgräuel ungeschönt zum Ausdruck brachten. Es dauerte allerdings noch etwa ein Jahr, bis im Reichstag ausführlicher darüber diskutiert wurde und auch die Presse darüber kritischer berichtete. Vgl. dazu Kuß, S.: Deutsches Militär, S. 348.
Zu den „Hottentottenwahlen“ vgl. ausführlicher van der Heyden, Ulrich: Die „Hottentottenwahlen“ von 1907. In: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen. Hrsg. von Jürgen Zimmerer u. Joachim Zeller. 2. Aufl. Berlin: Links 2004, S. 97–104.
Vgl. Krüger, G.: Kriegsbewältigung, S. 49.
Asch, Ronald G. u. Michael Butter: Verehrergemeinschaften und Regisseure des Charisma. Heroische Figuren und ihr Publikum. Einleitung. In: Bewunderer, Verehrer, Zuschauer. Die Helden und ihr Publikum. Hrsg. von Ronald G. Asch u. Michael Butter. Würzburg: Ergon 2016, S. 9–21, S. 11.
Münkler, H.: Die Gestalt des Partisanen, S. 14.
Diesen Begriff hat John Zilcosky unter Rückgriff auf Freuds Konzept des Unheimlichen geprägt, siehe Zilcosky, John: Uncanny Encounters. Literature, Psychoanalysis, and the End of Alterity. Evanston, Illinois: Northwestern Univ. Press 2016.
Münkler, H.: Die Gestalt des Partisanen, S. 14.
Es erscheint naheliegend, bei dieser Nachahmung an Homi Bhabhas Konzept der kolonialen Mimikry zu denken, demzufolge die Kolonisierten aus dem Zwang heraus, sich der Kultur der Kolonisierenden anzupassen – was Bhabha am Beispiel der christlichen Missionare demonstriert –, eine subversive Handlungsmacht gerade daraus generierten, indem sie zwar die Kolonisatoren imitieren, dabei aber immer noch ein Maß an Andersheit bewahren. Diese Vorstellung führt hier jedoch in die Irre, da die deutschen Soldaten, anders als die Missionare, die die Kolonisierten ‚zivilisieren‘ wollen, gar kein Interesse an zivilisierten Indigenen haben, sondern stattdessen eine größtmögliche Fremdheit bewahren wollen.
Vgl. zu diesem Zusammenhang auch Stefan Hermes’ Analyse dieser Textpassage, siehe Hermes, S.: „Fahrten nach Südwest“, S. 63–65, sowie Kenosian, David: The Colonial Body Politic. Desire and Violence on the Works of Gustav Frenssen and Hans Grimm. In: Monatshefte 89.2 (1997), S. 182–195, S. 188.
Vgl. beispielsweise Brehl, Medardus: „Diese Schwarzen haben vor Gott und Menschen den Tod verdient“. Der Völkermord an den Herero 1904 und seine zeitgenössische Legitimation. In: Völkermord und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Irmtrud Wojak u. Susanne Meinl. Frankfurt, New York: Campus 2004, S. 77–97, S. 93, Baer, E. R.: The Genocidal Gaze, S. 54–57, Brehl, M.: „Das Drama“, S. 90–92, sowie Hermes, S.: „Fahrten nach Südwest“, S. 49.
Matthias Häussler betont, dass der Völkermord von Trotha zunächst nicht dezidiert geplant gewesen war. Zwar hatte er angekündigt, weder vor „Strömen von Blut“ noch vor „krassem Terrorismus“ (Lothar von Trotha in einem Brief an Theodor Leutwein, zitiert nach Zimmerer, Jürgen: Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust. Berlin: Lit 2011, S. 49) zurückzuschrecken, doch sein Ziel, die Feinde in einer vernichtenden Schlacht zu besiegen, behielt er noch bei, als die Herero bereits in die Omaheke geflohen waren. Er ließ sie weiter in die Wüste verfolgen, obwohl dort auch für seine Soldaten kein Wasser vorhanden und das Gebiet weitgehend unbekannt war, um sie schließlich wieder einkesseln und dann besiegen zu können. Dies zeigt Häussler anhand von Briefen und Tagebucheinträgen, in denen Trotha seine Strategie darlegte, vgl. Häussler, M.: Der Genozid, S. 184–188. Ähnlich argumentiert auch Lundtofte, H.: The Radicalization. Dieser Lesart zufolge wäre der Genozid das Resultat des Scheiterns dieser von Trotha viel zu lange verfolgten, sehr traditionellen und auf europäische Kriegsschauplätze zugeschnittenen Strategie der ‚großen Operation‘, die im unwegsamen Gelände Südwestafrikas misslingen musste.
Die Schlacht am Waterberg kann kaum als wirkliche Schlacht und erst recht nicht als militärischer Erfolg für die Deutschen bewertet werden, auch wenn der General dies in seiner Rückmeldung an den Kaiser so kommunizierte. Trothas Plan, die Herero von allen Seiten einzukreisen und dann gleichzeitig anzugreifen, scheiterte insofern, als eine Truppe zu früh angriff und damit die Herero in die Richtung der schwächsten deutschen Abteilung drängte. Diese zahlenmäßig deutlich unterlegene Abteilung musste den Herero weichen, sodass sie fliehen konnten, wenngleich ihnen nur der Weg in die Omaheke-Wüste übrigblieb. Trothas Plan einer Entscheidungsschlacht war also gescheitert, weil sich die Herero dieser erneut entzogen hatten. Zum Kriegsgeschehen rund um den Waterberg vgl. Krüger, G.: Kriegsbewältigung, S. 50–51, sowie Hull, I. V.: Absolute Destruction, S. 33–43.
Proklamation Lothar von Trothas vom 2.10.1904, zitiert nach Zimmerer, J.: Von Windhuk nach Auschwitz, S. 52. Der für die eigenen Soldaten bestimme Zusatz, dass der Befehl nicht dazu gedacht sei, Frauen und Kinder zu erschießen, sondern „daß über sie hinweggeschossen wird, um sie zum Laufen zu zwingen“, mag zur Ehrrettung der deutschen Soldaten gedacht gewesen sein, ändert indes nichts an der Tatsache, dass die Herero – Krieger wie Zivilisten, Männer wie Frauen und Kinder – dazu gezwungen waren, sich entweder von deutschen Soldaten erschießen zu lassen oder in der Wüste zu verdursten.
Dass es sich um eine Vernichtung handelte, war auch zeitgenössisch bereits unbestritten – diskutiert wurde aber, ob und wodurch die Vernichtung berechtigt und angemessen war. Zu diesen Rechtfertigungsstrategien vgl. ausführlicher Brehl, M.: „Diese Schwarzen“. Die Diskussion in den Medien und im Reichstag über die Rechtmäßigkeit dieses Gewaltmaßes greift Susanne Kuß auf, vgl. Kuß, S.: Deutsches Militär, S. 348–352.
Der Erzähler schildert einen Prozess, der auch historisch belegt ist. Missionare berichteten bereits kurz nach dem Ausbruch des Kriegs von einer sich rasch ausbreitenden „Pogromstimmung“ (Missionar Elgner an die Rheinische Missionsgesellschaft, zitiert nach Häussler, M. u. T. von Trotha: Brutalisierung ‚von unten‘, S. 61) unter den deutschen Siedlerinnen und Siedlern sowie den Soldaten, denen es unerhört erschien, dass die Herero die koloniale Ordnung störten und die europäische Überlegenheit in Frage stellten. Zugleich machte ihnen dieser ‚Aufstand‘ auch ihre eigene prekäre Situation in zahlenmäßiger Unterlegenheit gegenüber der indigenen Bevölkerung bewusst, was, so Matthias Häussler und Trutz von Trotha, die Angst schürte. An die Stelle der großen Schlachten trat der Kleinkrieg. Die sich immer wieder der direkten militärischen Konfrontation entziehenden Feinde lösten außerdem eine wachsende Frustration und Verbitterung der Soldaten aus, die zunehmend unter der tatsächlich schlechten Versorgungslage litten. Um die eigene Überlegenheit unter Beweis zu stellen und ein Surrogat für die fehlende Schlacht zu erschaffen, so wird vermutet, kam es immer wieder zu Angriffen auf Herero-Siedlungen und Massakern, auch als der Krieg längst entschieden war. Entscheidend ist, dass es sich hierbei um eine „Brutalisierung ‚von unten‘“ handelte, die nicht von der Heeresleitung initiiert wurde, die Vernichtungsabsichten derselben aber flankierend unterstützte. Vgl. ausführlicher Häussler, M. u. T. von Trotha: Brutalisierung ‚von unten‘, S. 61–82.
So formulieren es die Mitglieder des Freiburger Sonderforschungsbereichs 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ in ihrem Konzeptpapier zum eigenen Forschungsfeld. Heroische Eigenschaften sind demnach vor allem „agonale, außeralltägliche, oftmals transgressive eigene Leistungen.“ Siehe dazu: von den Hoff, R., R. G. Asch u. a.: Helden – Heroisierungen – Heroismen, S. 8. Tobias Schlechtriemen fügt in seiner heuristischen Typologie des Heroischen noch eine „starke Agency“ und die „moralische und affektive Aufladung des Handelns“ als Elemente der Heroisierung hinzu, vgl. Schlechtriemen, Tobias: Der Held als Effekt. Boundary work in Heroisierungsprozessen. In: Berliner Debatte Initial 29.1 (2018), S. 106–119, S. 109.
Diese Abkehr des Protagonisten von allem Intellektuellen muss auch vor dem Hintergrund der heimatkünstlerischen Ablehnung von Wissenschaft, Abstraktion und Vergeistigung verstanden werden.
Frenssen, G.: Lebensbericht, S. 144.
Zu dieser größtmöglichen Opferbereitschaft vgl. Münkler, Herfried: Heroische und postheroische Gesellschaften. In: Merkur 61 (2007), S. 742–752, S. 742. Auch Tobias Schlechtriemen sieht in der Bereitschaft, das eigene Leben zu opfern, eine ins Extreme gesteigerte Transgressivität, vgl. Schlechtriemen, T.: Der Held als Effekt, S. 111.
Vgl. ähnlich auch Hermes, Stefan: Täter- und Opfermythen in der Kolonialliteratur. Von Gustav Frenssens Peter Moors Fahrt nach Südwest zu Hans Grimms Volk ohne Raum. In: Täter als Opfer? Deutschsprachige Literatur zu Krieg und Vertreibung im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Stefan Hermes u. Amir Muhić. Hamburg: Dr. Kovač 2007, S. 149–163, S. 152–153.
Vgl. Schlechtriemen, T.: Der Held als Effekt, S. 111.
Frenssen, G.: Lebensbericht, S. 142–143.
Frenssen, Gustav: Brief an Dr. Robert Schian. 2 Seiten, unpaginiert, 7.04.1906. Nachlass Gustav Frenssen, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Cb21.56.1110 (03).
Dass Frenssen sich keineswegs bescheiden „in eine Reihe mit Homer, Sophokles, Goethe oder Keller“ stellte, hat Ketelsen gezeigt, vgl. Ketelsen, U.-K.: Frenssens Werk, S. 155. Darin scheint ein Selbstverständnis seiner Rolle als Dichter auf, das vermutlich weniger die ästhetische Qualität in den Fokus rückt als vielmehr die aus seiner Sicht epochale Bedeutung seiner Dichtung für eine umfassende ‚Welterklärung‘, die in obigem Zitat ebenfalls anklingt.
Vgl. z. B. Treffenfeld, H. J.: Um Deutsch-Südwestafrika! Betrachtungen eines Reichstagswählers. In: Daheim 43.2 (1906), S. 11–12, S. 12.
Michaelsen, H. J.: Brief an Gustav Frenssen, 8.09.1906. 2 Seiten. Nachlass Gustav Frenssen, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Cb21.56.1046 (9), S. 2
Michaelsen, H. J.: Brief an Gustav Frenssen, 26.09.1906. 3 Seiten. Nachlass Gustav Frenssen, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Cb21.56.1046 (10), S. 2.
Vgl. dazu N. N.: Maßgebliches und Unmaßgebliches, S. 326, sowie Treffenfeld, H. J.: Um Deutsch-Südwestafrika!, S. 12.
N. N.: Maßgebliches und Unmaßgebliches, S. 326.
Schian, Robert: Brief an Gustav Frenssen, 2.11.1906. 4 Seiten, unpaginiert. Nachlass Gustav Frenssen, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Cb21.56.1110 (1), o. S.
Frenssen, G.: Lebensbericht, S. 145.
Schian, R.: Von Schian vorgeschlagener Gang der Erlebnisse, o. S.
Michaelsens Korrekturen reichen von der „kleine[n] Unstimmigkeit“ bis zu vehement vorgetragenen Änderungswünschen: „Das können Sie niemals schreiben!“, so Michaelsen über eine von Frenssen geschilderte Gefechtssituation, siehe Michaelsen, H. J.: Brief an Gustav Frenssen, 7.09.1906. 4 Seiten. Nachlass Gustav Frenssen, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Cb21.56.1046 (8), S. 1. Allerdings berücksichtigte Frenssen längst nicht alle von Michaelsens Änderungsvorschlägen, wie beispielsweise einen Handlungsstrang über eine uneheliche Liebesbeziehung, die Michaelsen selbst erlebt hatte und die ihm auch für Moor vorschwebte. Der selbstbewusste Ton, mit dem Michaelsen seine Korrekturwünsche formuliert, deutet darauf hin, dass er sich als vollwertiger Co-Autor sah, der die Figur Moor als sein fiktionales Alter Ego betrachtete, was auch erklärt, warum es später zu einem Rechtsstreit über die Urheberschaft des Romans zwischen Frenssen und Michaelsen kam, der sich bis 1912 hinzog. Diese Streitigkeiten lassen sich über die Briefe in Frenssens Nachlass detailliert nachvollziehen.
Leutnant Klinger: Brief an Gustav Frenssen, 22.10.1906. 4 Seiten, unpaginiert. Nachlass Gustav Frenssen, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Cb21.56.996 (22), o. S. Hervorhebung im Original.
In späteren Auflagen fehlt diese Aufhebung der Ich-Erzählinstanz am Ende des Romans; stattdessen kehrt Moor zu seinen Eltern zurück. Dass Frenssen sich selbst als Herausgeber der Berichts Peter Moors also nicht mehr eigens hervorhob, hängt vermutlich mit dem Streit um die Urheberschaft des Romans zusammen, der zwischen Frenssen und einem seiner Hauptinformanten, Heinrich Michaelsen, nach der Veröffentlichung im Oktober 1906 entstand. Michaelsen beharrte darauf, prozentual am Verkauf beteiligt zu werden oder namentlich als Mitverfasser des Textes genannt zu werden, was Frenssen unter Berufung auf die literarische Formung des reinen Rohmaterials, das ihm Michaelsen als nur einer von mehreren Informanten gegeben habe, entschieden zurückwies, vgl. Frenssen, Gustav: Brief an Heinrich Michaelsen senior. 8 Seiten, unpaginiert, 26.10.1906. Nachlass Gustav Frenssen, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Cb21.56.1046 (12), o.S. Indem er den Verweis auf die Verarbeitung realer Berichte von realen Soldaten streicht, rückt zwar seine eigene Rolle als Verfasser des Textes in den Hintergrund, zugleich wird aber Peter Moor zu einer rein fiktiven Figur, die sich nur in einer fiktionalen Welt bewegt, wenngleich sie auf den tatsächlichen Berichten von Kriegsbeteiligten beruht, sodass Frenssen sich uneingeschränkt als alleiniger Autor eines fiktionalen Werks präsentieren konnte.
Zum einen wird immer wieder insinuiert, dass es eine tieferliegende, schicksalhafte Berechtigung für den Völkermord gäbe. Zum anderen wird nahegelegt, dass die Auslöschung der Herero legitim sei, weil diese – bezugnehmend auf eine viel ältere geschichtsphilosophische Argumentation, der zufolge die Schwarzen zivilisatorisch rückständig seien – keinen Beitrag zur Kultivierung des Landes erbracht und damit ihre mangelnde eigene Kultiviertheit unter Beweis gestellt hätten. Dies mündet schließlich in ein pseudoreligiös-sozialdarwinistisches Argument von der moralischen und körperlichen Tüchtigkeit der Deutschen, die sie dazu berechtige, andere Menschen nicht nur zu kolonisieren, sondern auch zu töten, um ihre eigene Tüchtigkeit zu bewahren und zu stärken. Vgl. dazu ausführlicher Brehl, M.: Vernichtung der Herero, S. 143–156.
Ebd., S. 185.
Vgl. beispielsweise Brehl, Medardus: (Ein)Geborene Feinde. Der Entwurf existentieller Feindschaft im Kolonialdiskurs. In: Feindschaft. Hrsg. von Medardus Brehl u. Kristin Platt. München: Fink 2003, S. 157–177, S. 160, Hermes, S.: „Fahrten nach Südwest“, S. 50, sowie Brehl, M.: Vernichtung der Herero, S. 185.
Dies betonen etwa Parr, R.: Die Fremde als Heimat, S. 138–139, Warmbold, J.: „Ein Stückchen neudeutsche Erd’“, S. 113–114, Struck, Wolfgang: Die Lesbarkeit eines Kontinents. Afrika in der deutschen Literatur um 1900. In: KODIKAS/Code 221–2 (1999), S. 43–56, S. 53, und Brehl, M.: Vernichtung der Herero, S. 186.
Vgl. auch Honold, A.: Fahrten und Fronten, S. 41.
Peter Moor lasse sich, so etwa Stefan Hermes, als Entwicklungsroman lesen, „[…] beschreibt [der Roman] doch die Ausbildung der Identität eines zunächst ebenso naiven wie verunsicherten Protagonisten, der sich der Bedeutung seines Handelns und seiner sozialen Rolle sukzessive bewusst wird und an Virilität gewinnt.“ Siehe Hermes, S.: „Fahrten nach Südwest“, S. 50.
Vgl. Benninghoff-Lühl, S.: Deutsche Kolonialromane, S. 38.
Vgl. Baer, E. R.: The Genocidal Gaze, S. 60.
Frenssen selbst soll über den predigthaften Charakter seines Schreibens gesagt haben, seine beste Predigt sei sein Roman Jörn Uhl gewesen. Dass er sein literarisches Schaffen auch als erweiterte Plattform für seine Predigten ansah, verdeutlicht auch eines seiner frühen Werke: Die dreibändigen Dorfpredigten (1899–1902) enthalten, was der Titel verspricht, nämlich literarisierte Predigten. Siehe dazu auch Crystall, Andreas: Gustav Frenssen. Sein Weg vom Kulturprotestantismus zum Nationalsozialismus. Gütersloh: Kaiser 2002, S. 169.
Africanus (d. i. Alexander Lion): Peter Moors Feldzugsbericht, S. 649.
Weber, Leopold: Ästhetische doppelte Buchführung? In: Der Kunstwart 20 (1906), S. 318–325, S. 321.
Africanus (d. i. Alexander Lion): Peter Moors Feldzugsbericht, S. 649.
Berg, Leo: Ein Feldzugsbericht. In: Das literarische Echo. Halbmonatsschrift für Literaturfreunde 9.7 (1906), S. 498–500, S. 498.
Ebd., S. 499.
Die Idee, Peter Moor den zweiten Feldzug zu ersparen, geht wohl auf den „Von Schian vorgeschlagene[n] Gang der Erlebnisse“ in Frenssens Nachlass zurück, in dem auch das Bild des gebrochenen Herzens vorgeschlagen wird. Darin schreibt Schian, dass „unser Held“ den „Aufstand der Hottentotten […] nicht mehr mitmachen kann, weil er wegen ‚Herzbruch‘ heimsendungsbedürftig ist.“ Siehe dazu Schian, R.: Von Schian vorgeschlagener Gang der Erlebnisse, o. S.
Berg, L.: Ein Feldzugsbericht, S. 498.
Weber, L.: Ästhetische doppelte Buchführung?, S. 321, Hervorhebung im Original.
Vgl. Parr, R.: Die Fremde als Heimat, S. 133–144.