Im August 2011, etwa einen Monat bevor die Occupy-Bewegung mit dem Slogan âWir sind die 99 %â Manhattans Finanzdistrikt besetzte, um âGleichheit, Demokratie, Revolutionâ1 zu fordern, veröffentlichte der FAZ-Redakteur Laszlo Trankovits ein Buch âüber Maà und Mitte in der Freiheit, in der Politik, in der Gesellschaft, in der Wirtschaftâ,2 das geradezu wie ein Präventivschlag gegen die Forderungen nach einer egalitären Umgestaltung der politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse in westlichen kapitalistischen Staaten wirkt. Es trägt den Titel Weniger Demokratie wagen! Wie Politik und Wirtschaft wieder handlungsfähig werden und versteht sich als âWarnungâ, die Demokratie ânicht mit übertriebenen, maÃlosen Forderungen zu beschädigenâ.3 Darin zitiert der Autor einen Bericht der Trilateralen Kommission (bestehend aus Vertretern der USA, EU und Japan), die bereits 1975, lange bevor das Brexit-Referendum und die Trump-Wahl den Horizont der abendländischen liberalen Gesellschaft mit Zweifeln an der Weisheit des Volkes verdunkelten, die Gefahr einer sich anbahnenden âKrise der Demokratieâ4 vernommen hatte. Diese äuÃere sich, so die Kommission, in einer strukturell bedingten, sich immer weiter zuspitzenden Unregierbarkeit demokratischer Völker und gehe mit einer Reihe beunruhigender Phänomene einher, deren Dringlichkeit die Autoren bereits mit plakativen Kapitelüberschriften in den Vordergrund rücken. So ist hier die Rede vom âCollapse of Traditional Institutionsâ, âDecline in Public Confidence and Trustâ oder von âThe Deligitimation of Authorityâ.5 Als Ursache der Krise identifizieren die Autoren einen âexcess of democracyâ,6 eine Art hyperaktive Beteiligung des Volkes an sämtlichen noch so komplexen Entscheidungsprozessen und mindestens genauso hyperaktive Anstrengungen des Staates, den zum Teil widersprüchlichen, kurzsichtigen und kontraproduktiven Launen des Volkes zu entsprechen. Diesem Exzess sei entsprechend âa greater degree of moderation in democracyâ7 entgegenzustellen â genauer gesagt, sei es erforderlich, den staatlichen Institutionen, die den Respekt der Bürger eingebüÃt haben, wieder zu ihrem alten Glanz zu verhelfen: âto restore the prestige and authority of central government institutionsâ.8
Auch heute, so führt nun Trankovits weiter aus, sind âPolitik und Wirtschaft [â¦] mit einem bedrohlichen Vertrauensverlust konfrontiertâ.9 Zur Vermeidung der katastrophalen Konsequenzen, die aus einem solchen Verlust resultieren könnten, helfe nur eine Entschleunigung der demokratischen Bestrebungen: Jener der Demokratie strukturell anhaftenden Tendenz in Richtung pluralistischer Entropie und antiautoritärem Chaos müssten Grenzen gesetzt werden, wolle man nicht, dass die westlichen demokratischen Staaten völlig handlungsunfähig gemacht und wirtschaftlich von totalitären Systemen abgehängt werden. Denn dass die Marktwirtschaft auch ohne Demokratie sehr gut â und zuweilen auch besser â funktionieren kann, zeigen laut Trankovits âmilde Diktaturenâ wie China und Russland.10 Das ist denn auch die Quintessenz von Trankovitsâ Buch, in dem er die âFrage nach der Weisheit des Volkesâ11 aufwirft, die Medien zur Selbstdisziplin aufruft und eine Einschränkung der Transparenz des Staates fordert. Eine âWelt ohne Geheimnisse wäre bedrohlichâ,12 behauptet Trankovits, und zieht zur Illustration seiner These unter anderem ein Zitat von Bismarck heran: âJe weniger die Leute darüber wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie nachtsâ.13
Man könnte meinen, dass auch der französische Philosoph, Psychoanalytiker und Rechtshistoriker Pierre Legendre sich in seiner Kulturkritik von denselben Grundgedanken leiten lässt, wenn er mit seiner dogmatischen Anthropologie die These aufstellt, dass menschliche Gesellschaften notwendigerweise an den Glauben an übergeordnete, sinngebende Autoritätsinstanzen gebunden sind und ohne die Bindung an solche âGründungsbilderâ (KT, 25),14 welche die âMetaphorisierung des Rätselhaftenâ (KT, 212) gewährleisten, nicht funktionieren können. Denn lässt sich Trankovitsâ Ruf nach weniger Transparenz und mehr blindem Vertrauen in institutionelle Führungskräfte nicht auch aus Legendres Kritik an einer von traditionellen Glaubens- und Wertesystemen abgewandten, der neuen, âultramodernenâ Dreifaltigkeit aus âTechnik-Wissenschaft-Wirtschaftâ (II, 116)15 huldigenden, säkularen Gesellschaft herauslesen? Betrachtet man Legendres Kritik an der âliberal-libertäre[n] Ideologieâ (GS, 124)16 der scheinbar freien, an kein allgemeingültiges Referenzsystem gebundenen, an nichts auÃer sich selbst glaubenden âMajestätssubjekt[e]â (GS, 139), seine Verweise auf die immer neuen Sinnkrisen â von der âKrise der Familieâ (KT, 442) bis zur âKrise des Rechtsâ (PBG, 386) â, denen sich unsere ultramoderne, liberal-libertäre Gesellschaft ausgeliefert sieht, dann kann zuweilen der Eindruck entstehen, dass Legendre zur Wiederherstellung von Sinn und Stabilität den âGlauben an eine sakralisierte Autoritätâ,17 also einen bedingungslosen Glauben an eine statische, jeglichem Einfluss seitens des Subjekts entzogene Drittinstanz einfordert.
Wo früher Kirche und Staat einen stabilen Bezugsrahmen lieferten, in dem das Individuum nur als instituierte, d.h. in der Institution fest verankerte und aus ihr nicht herauslösbare Einheit denkbar war, herrscht heute, so Legendre, das Phantasma der Befreiung des Subjekts von der als äuÃere Zwangsauferlegung empfundenen Drittinstanz und die damit einhergehende Ideologie vom freien âMarkt der Ideenâ (PBG, 27)18 und der ânormativen Selbstbedienungâ (PBG, 29). Entsprechend steuert in Legendres Darstellung die zeitgenössische abendländische Gesellschaft letztendlich auf einen Zustand zu, der nicht mehr als ein zusammenhängendes, von allgemeingültigen Gesetzen geleitetes Ganzes zu verstehen ist, sondern eher einem losen Konglomerat von individualistischen Ich-AGs gleicht, die lediglich pragmatischen Regeln für einen glatten Ablauf von zwischenmenschlichen Transaktionen folgen, ansonsten aber keinem Gesetz auÃer dem der eigenen Wünsche und Bedürfnisse unterstehen. Hier fantasiert sich jeder Einzelne als einen âautonomen Kleinstaatâ (VGL, 72),19 der jegliche Normativitätsansprüche seitens der Institution als Angriff auf die eigene Souveränität auffasst, während der Nationalstaat im klassischen Sinne seine ideelle Funktion zunehmend einbüÃt und zu einem reinen Verwaltungsapparat verkommt. Eine Daseinsberechtigung hat der Staat laut Legendre schon heute nur noch âin ökonomischer, finanzieller und militärischer Hinsicht [â¦], d.h. im Sinne der gesellschaftlichen Organisations- und Machtverhältnisse, wie man sie auf ein globales technisch-industrielles Imperium hin denktâ (KT, 516). Seiner eigentlichen Funktion als Institution im Legendreâschen Sinne, d.h. als Träger einer âsäkularen Theologieâ (LZ, 216),20 als sinnstiftendes und gemeinschaftsbildendes überinstanzliches Element, das âzur Reproduktion der Menschheit nötigâ (KT, 516) ist, vermag der heutige Staat allerdings nicht länger in angemessener Weise nachzukommen, sodass Legendre die Frage aufwirft, ob möglicherweise âdie Zeit des Staates abgelaufen istâ (KT, 516).
Wenn die Kinder des Textes, wie Legendre die Subjekte der Demokratie bezeichnet, in unserem ultramodernen, postideologischen, postfaktischen Zeitalter zu souveränen Majestätssubjekten werden und die ehemals einzig gültige väterliche (Staats-)Autorität durch eine Vielzahl individueller Ãberzeugungen und privater Wahrheiten zersetzen: Lässt sich dann Legendres Theorie womöglich heranziehen, um für weniger Demokratie durch mehr Glauben an ein unumstöÃliches und undurchdringliches Gesetz zu plädieren? Und lieÃe sich dann das âGeheimnis des Gesetzesâ (LA, 95),21 von dem Legendre wiederholt spricht, frei nach Trankovits und Bismarck, mit der Verschleierung unappetitlicher Tatsachen gleichsetzen, die am Ort der Macht zum Schutze des unschuldigen Bürgers praktiziert wird?
Die vorliegende Arbeit soll zweierlei aufzeigen: zum einen, dass Legendres Anliegen nicht auf eine MäÃigung der liberalen Demokratie oder des säkularen Nichtglaubens abzielt, zum anderen, dass das Problem der âUltramoderneâ laut Legendre gar nicht so sehr in einer Abnahme von Glauben besteht, sondern vielmehr im unabänderlichen Fortbestehen eines unreflektierten, âunwiderlegbaren Glaubens an die verbotene und versteckte Macht, an die Existenz eines majestätisch thronenden Allwissendenâ (LZ, 217). Denn âdie Auflösung der Mythologie und des Dogmas nach klassischem Stil wird in Wirklichkeit weitgehend kompensiert durch eine Verlagerung der Unterwerfung [â¦] der immer noch Kind gebliebenen Gläubigenâ (LZ, 272). Die Herausforderung, die sich der ultramodernen Gesellschaft stellt, so lautet die These der vorliegenden Arbeit, besteht nicht darin, weniger Demokratie (und mehr passives Vertrauen in die Autorität politischer Institutionen), sondern weniger Glauben und mehr (Interpretations-)Freiheit zu wagen. Dass sich Legendres Theorie im Kern darum dreht, diese Herausforderung zu formulieren und sich ihr zu stellen, wird anhand einer psychoanalytisch-literarischen Untersuchung und Neuauslegung seines Interpretationsbegriffs demonstriert.
Legendres Konzept der Interpretation ist gebunden an sein komplexes Verständnis der Wechselbeziehung Subjekt-Referenz, das im Zentrum seiner dogmatischen Anthropologie steht. Mit diesem theoretischen Ansatz hat es sich Legendre als Rechtshistoriker und Psychoanalytiker zum Lebenswerk gemacht, menschliche Kultur- und Gesellschaftsformen im Verhältnis zur Funktion dessen zu untersuchen, was er als die Referenz und deren konkrete Erscheinungsformen, nämlich den sozialen Dritten oder die Institution, bezeichnet. Die Referenz fungiert dabei zunächst einmal als eine symbolische Ordnung im weitesten Sinne, d.h., sie bildet den strukturellen Rahmen eines kollektiven Bedeutungssystems, der mit historisch variablen, konkreten Erscheinungsformen des Dritten (Gott, Papst, Volk etc.) besetzt werden kann. Die Institution ist dabei das soziale Konstrukt (Kirche, Staat, ethnisch-religiöse Gemeinschaft etc.), das auf der Grundlage der Referenz bzw. des konkreten Dritten aufbaut und als Träger und Vermittler der Gesetze fungiert, die in der Referenz verankert sind. Die Institution wird mithin durch eine Interpretationsarbeit, eine diskursive Vermittlungsleistung an die Referenz gebunden: Sie wird sprachlich konstruiert als die Instanz, die die ideellen Gesetze der Referenz in die konkrete Lebenspraxis der ihr unterstehenden Subjekte umsetzt. Erst durch eine solche Interpretationsleistung, den institutionell eingerichteten Bezug zu einer Referenz, die Unterwerfung unter diese, wird aus dem âMenschentierâ22 ein Subjekt und aus einer Menschengruppe eine Gesellschaft.
Seinen Interpretationsbegriff entwickelt Legendre aus der Position des Glossators, der das Kirchengesetz durch seine Kommentare auslegt, wobei die Kommentare selbst zum Gesetz werden (vgl. LZ, 92). Aber auch dem Künstler und, im Kontext der zeitgenössischen säkularen Gesellschaft, auch dem Humanwissenschaftler spricht Legendre die Interpretenfunktion zu, letztendlich also jedem, der die Referenz (das Gesetz, den Markt, die soziale Ordnung) auf einer öffentlichen bzw. institutionellen Ebene deutet. Die Interpretation der Referenz hat dabei einen vorrangig rituellen Charakter, entspricht dem âKunstgriff einer Liturgieâ, denn âohne die an die Methode geknüpften Riten, mittels derer der Text geltend gemacht werden kann, würde dieser eine Ansammlung an Buchstaben bleiben, ohne zum Objekt zu werden, das von einer Doktrin gehandhabt wirdâ (LZ, 98). Dieser âmythologisierendenâ Funktion der Interpretation, die das Subjekt in âLiebesgläubigkeitâ (LZ, 81) an die Referenz bindet und somit den gesellschaftlichen Zusammenhalt garantiert, wurde innerhalb der Legendre-Rezeption bislang ein zentraler Stellenwert beigemessen.23
Ebenso ausführlich thematisiert wird die von Legendre problematisierte Verdrängung dieser âlibidinösenâ Funktion der Interpretation (als Inszenierung eines âSich-Verliebens in die politische Botschaftâ, PP, 116)24 aus dem Bewusstsein des zeitgenössischen abendländischen Kulturkreises, der vom ideologischen Konglomerat âTechnik-Wissenschaft-Wirtschaftâ (II, 116) dominiert wird. Georg Mein spricht in diesem Zusammenhang von einem âLatenzzwangâ, den âdie christlich-abendländische Institutionalität über sich [â¦] verhängt [hat], einen Hang zur Antiinstitutionalität, der die zentrale Leistung der Institutionen verdeckt und sie inkommunikabel macht â freilich ohne sie deshalb zu unterbinden.â25
Gerade was diesen âLatenzzwangâ betrifft, sind sich Legendre-Kritiker allerdings nicht einig, ob es sich dabei tatsächlich um ein rein rhetorisches Mittel zur Verschleierung des Umstandes handelt, dass die vermeintlich liberale ultramoderne Gesellschaftsordnung nichts weiter ist als eine âsäkulare Theologie, die eine streng traditionelle Struktur kopiertâ (LZ, 216); oder ob die ultramoderne Verschleierung der Institutionalität hinter einer zur Schau gestellten Antiinstitutionalität möglicherweise eine neue, für die Ultramoderne spezifische Problematik beinhaltet, die zu lösen die Aufgabe der heutigen, noch zu ermittelnden Interpreten wäre.
Dies ist nicht zuletzt einer gewissen Widersprüchlichkeit innerhalb Legendres Theorie geschuldet: Einerseits legt er überzeugend dar, dass die heutige abendländische Gesellschaftsstruktur das Ergebnis der direkten Fortführung einer dogmatischen Ordnung ist, deren Grundlagen im mittelalterlichen kanonischen Recht zu verorten sind, und dass sie trotz ihres fortschrittlich liberalen Anscheins derselben archaischen Logik des Glaubens an eine allmächtig-allwissende Vaterinstanz folgt, die der Institution die Grundlage für deren Unterwerfungstechniken zum Zwecke der âBeherrschung und Inganghaltung der Menschheitâ (LZ, 2) liefert.
Andererseits meint Legendre, Anzeichen für eine allmähliche Auflösung der Drittinstanz am Horizont der Ultramoderne zu erkennen: So weist er vor allem in seinem Werk Die Kinder des Textes immer wieder auf das Phänomen des âliberalen Totalitarismusâ hin und die damit einhergehende âBeförderung eines sozialen Narzissmus, der als Gesetzesersatz propagiert wirdâ (KT, 69), die für die zeitgenössische abendländische Zivilisation charakteristisch seien und katastrophales Potential in sich bergen: Legendre spricht von einer âdrohenden Abschaffung der ternären Strukturâ (PBG, 28), begleitet von âmörderische[n] Effekte[n]â (PBG, 361), von ânoch nie dagewesene[n] Formen des Extremismusâ (PBG, 358) und âreligiösen Gewaltausbrüche[n] mit ihrem Duktus einer psychotischen Antwortâ (PBG, 28; Hervorh. i. Orig.).
Das Evozieren solcher Endzeitszenarien brachte Legendre den Ruf eines rückwärtsgewandten Theoretikers ein, der eine âkonventionelle konservative Ideenweltâ26 vertritt, die Autorität des Gesetzes als Bollwerk gegen das destruktive Potential der Menschheit postuliert27 und den Niedergang der traditionellen väterlichen Autorität beklagt: âThe idea, proposed by Pierre Legendre [â¦] is that the problem today is the decline of the Name-of-the-Father, of the paternal symbolic authority: in its absence, pathological Narcissism explodesâ.28
Im Gegensatz zu diesem innerhalb der Legendre-Rezeption verbreiteten Ansatz nimmt die vorliegende Arbeit die komplexe Wechselbeziehung zwischen Interpret und Referenz bzw. Subjekt und Text innerhalb der Legendreâschen Theorie in den Blick, um die These zu belegen, dass Legendres dogmatischer Anthropologie ein Postulat nach weniger statt mehr Glauben zugrunde liegt. Denn gerade sein Bestreben, âein Dogma, das nicht Dogma sein will, als Dogmaâ29 offenzulegen, also eine Art close reading der Referenz vorzunehmen, verleiht Legendres Werk, wie sich zeigen wird, ein Potential, das sowohl über eine konservative Gesellschaftskritik als auch über einen bloÃen âKlassifizierungsversuchâ30 der ultramodernen institutionellen Erscheinungsformen hinausgeht und die Grundlage für eine konstruktive, innovative Kulturkritik bietet, die Abhilfe gegen den laut Legendre allgegenwärtigen âOrientierungsverlustâ (LZ, XVII) der ultramodernen abendländischen Gesellschaft zu schaffen verspricht.
Um dies darzulegen, wird zunächst das Verhältnis Subjekt-Referenz in Pierre Legendres Werk aus dem psychoanalytischen Blickwinkel von Jacques Lacan und Slavoj Žižek betrachtet und sodann ins Verhältnis gesetzt zu literarischen Konstrukten des schreibenden Subjekts als Interpret seiner Bedeutung für einen übergeordneten Anderen (in Form eines anonymen Publikums oder eines konkreten Liebesobjekts). Vor diesem Hintergrund lässt sich der Legendreâsche Interpret, genauso wie der Interpret Legendre, als Autor-Subjekt auffassen, das sich mit seiner eigenen Beziehung zur abendländischen Referenz befasst und sie dadurch lesend schreibt. Vor eben diesem Hintergrund wird untersucht, wie viel Interpretationsfreiheit Legendres âdogmatische Anthropologieâ diesem Leser-Autor der Referenz zugesteht bzw. abverlangt. Denn die Funktion des Interpreten besteht laut Legendre nicht nur in der Anbindung des Subjekts an die Referenz (âmythologisierende Funktionâ), sondern gleichzeitig auch in der Einrichtung eines Abstands gegenüber der Referenz, ohne den âdie sozialen Rechtssubjekte [â¦] über ein wahnhaftes Bindemittel mit der Referenz verhaftetâ sind und das âpolitische Universumâ zur Tyrannei wird (PBG, 396). Man könnte also sagen, dass der Legendreâsche Interpret die âKunst des Lesensâ nach der Definition von Vladimir Nabokov praktiziert, der zufolge âein kluger Leser [â¦] nicht mit dem Herzen, nicht so sehr mit dem Gehirn, sondern mit dem Rückenmarkâ31 liest: Das Ziel der Interpretation ist keine spontane, emotionale Identifikation mit dem Text oder blinde, naiv gläubige Ergebung in den vermeintlichen Sinngehalt der Referenz; es ist aber auch kein rationales, pragmatisches Extrahieren der textuellen Bedeutungen oder technokratische Instrumentalisierung der Referenz als leeres Regelwerk; es ist vielmehr ein Lesen der Anbindung des Subjekts an die Referenz, also seiner Beziehung zum Objekt seines Glaubens. Hier eröffnet sich die Aussicht auf einen anderen Glauben (foi statt croyance) im Sinne von Vertrauen in die Fähigkeit des Interpreten, Sinn zu schaffen, in die Interpretierbarkeit der Referenz.
Zwar stellt die Arbeit den Versuch dar, den Legendreâschen Interpreten neu zu lesen. Allerdings soll es dabei nicht darum gehen, sich von der bisherigen Legendre-Forschung abzuwenden, sondern ganz im Gegenteil, sich in deren Kontinuität einzuschreiben, namentlich an die Arbeit von Katrin Becker anzuknüpfen, die mit der Bemerkung schlieÃt:
Ganz im Sinne der von Peter Goodrich im Rahmen eines privaten Email-Wechsels getätigten Aussage: âI think Legendre is very good at doing Legendre, but not so good at instancing (or applying Legendre)â, ist die dogmatische Anthropologie als Ausgangsbasis, sind Legendres Konzepte und Hypothesen als wertvolles Instrumentarium zu begreifen, das [â¦] gerade in seiner Weiterentwicklung und Anwendung auf von ihm nicht unbedingt vorgesehene Bereiche weitreichende Einsichten ermöglicht.32
Das Unterfangen der vorliegenden Arbeit ist genau dies, nämlich eine Anwendung von Legendre â und zwar zunächst einmal auf Legendre selbst, um zu demonstrieren, dass die Legendreâsche Kritik der ultramodernen abendländischen Subjektivität zuallererst beim Subjekt Legendre ansetzen muss, wenn sie zu konkreten Ansätzen zur Veränderung dieser Subjektivität Anlass geben soll. Durch die Verschiebung der Perspektive vom Legendreâschen Interpreten auf den Interpreten Legendre wird deutlich, dass der Interpret als Leser-Autor eines (Gesellschafts-)Textes ein Subjekt ist, verankert in einem spezifischen Glaubens- und Referenzsystem, auf dessen Inhalt es nur dann Einfluss ausüben kann, wenn es seine eigene Rolle darin zu verstehen und zu hinterfragen imstande ist. Erst auf dieser Grundlage kann sodann eine Legendreâsche Interpretation institutioneller Textmontagen erfolgen. Während es Beckers Anliegen war, zu zeigen, welche Rolle die Literatur bei der Anbindung des Subjekts an die Institution spielt, wird in der vorliegenden Arbeit der Versuch unternommen, Legendres Unterbreitung, âdie Gesellschaft als Textâ zu interpretieren, noch ein Stück weiter zu führen: nicht nur die Literatur als Teil der Institution zu betrachten, sondern die Institution als literarischen Text zu lesen und dabei zu demonstrieren, dass erst durch die Zusammenschau eines Textes mit der darin enthaltenen Autorfigur eine konstruktive Interpretation â eines Romantextes genauso wie des abendländischen Gesellschaftstextes â gelingen kann.
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In Teil I werden die theoretischen Grundlagen für Legendres Interpretationsbegriff erläutert und in den Kontext der Lacanâschen Psychoanalyse sowie deren kulturkritischer Ausrichtung in Slavoj Žižeks Theoriekomplex gestellt. Durch die psychoanalytisch- Žižekâsche Beleuchtung des komplexen Wechselverhältnisses Subjekt-Referenz werden ergänzende Perspektiven auf den Legendreâschen Interpreten eröffnet (Kapitel 1), um anschlieÃend zu zeigen, dass gerade die Ambivalenz der Interpretationsfunktion, die Legendre auch als gleichzeitiges â[B]inden und [L]ösenâ (KT, 87) definiert, sich als Instrument für eine konstruktive Kulturkritik eignet (Kapitel 2).
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In Teil II steht sodann, anstelle der theoretischen Figur des Legendreâschen Interpreten, der Interpret Legendre im Zentrum der Betrachtung: Legendres eigene Position als Interpret, d.h. konkret als ein die Referenz lesendes und seinen Kommentartext schreibendes Subjekt, wird anhand einer Gegenüberstellung mit literarischen Konstruktionen von Autor- und Schriftstellerfiguren näher untersucht. Konkret wird hier das Romanwerk Vladimir Nabokovs und dessen zentrales Thema des Zweifelns an der eigenen auktorialen Autorität herangezogen, um einen Schwachpunkt in Legendres Theoriegebäude aufzuzeigen, nämlich die Erhebung seiner selbst über seine eigenen kulturkritischen Betrachtungen â seine auktoriale Entrückung aus dem eigenen Text. Gerade die selbstreflektierenden Autorgestalten und unzuverlässigen Erzählerfiguren von Nabokovs Romanen zeigen dabei die Möglichkeit auf, das lesend-schreibende Subjekt wieder auf den Plan zu bringen und die Legendreâsche Interpretationsarbeit auch in der Praxis um genau die Komponente zu ergänzen, die in der Theorie bereits vorgesehen war: die Betrachtung der Bindung an die Referenz aus der Position des Subjekts, als kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben.
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In Teil III wird die unter I und II herausgearbeitete Funktion einer literarisch-Legendreâschen Interpretation zu einer spezifischen ÃuÃerung der Referenz, nämlich dem Volk der Demokratie, in Bezug gesetzt, um ihre konkreten Anwendungsmöglichkeiten zu demonstrieren: Die Referenz Volk, die als ideelles Fundament des Staates fungiert, wird zunächst im Kontext eines unzuverlässigen populistischen Narrativs betrachtet, und zwar am Beispiel von Vladislav Surkovs Theoretisierung des Putinismus und deren Unterwanderung durch Surkovs literarisches Alter Ego Natan Dubovickij. Vor diesem Hintergrund wird dann der populistische Volksbegriff in den westlichen, liberalen Kontext gerückt, um zu beleuchten, wie er durch die Gegenüberstellung zum demokratischen Volksbegriff interpretiert und transformiert werden kann.
Auch wenn im Mittelpunkt dieser Arbeit Legendres Interpret steht, so fungieren dennoch der Nabokovâsche implizite Autor und das Žižekâsche Subjekt der Psychoanalyse als zwei weitere vollwertige Protagonisten, an die der Erzählstrang der Arbeit immer wieder anknüpft, um die Legendreâsche Theorie zu vertiefen und zu erweitern: Nabokov, dem erklärten Feind von Marx und Freud, geht es letztendlich genauso wie dem marxistischen Psychoanalytiker Žižek darum, die Freiheit des Subjekts gegenüber einem vermeintlich objektiven, wissenschaftlich nachgewiesenen und damit unverrückbaren, festgeschriebenen Sinnsystem, dem groÃen Anderen, zu behaupten. Die Legendreâsche Dogmatik, die hinter der augenscheinlichen Freiheit des ultramodernen selbstgegründeten Majestätssubjekts den Glauben an eine archaische Vaterinstanz aufdeckt, findet hier einen Ausgangspunkt, von dem aus sie von einer neutralen âBestandsaufnahmeâ (LZ, 68) zu einer innovativen Kritik weitergedacht werden kann.
Ohne Autor: Tausende demonstrieren in New York, in: Zeit online, 6. Oktober 2011, https://www.zeit.de/wirtschaft/2011-10/occupy-wall-street-protest, Stand 1. Juli 2022.
Laszlo Trankovits: Weniger Demokratie wagen! Wie Politik und Wirtschaft wieder handlungsfähig werden, Frankfurt a.M. 2011, S. 11.
Ebd., S. 9.
Michel Crozier, Samuel P. Huntington, Joji Watanuki: The Crisis of Democracy. Report on the Governability of Democracies, New York 1975.
Ebd.
Ebd., S. 113.
Ebd.
Ebd., S. 170.
Trankovits: Weniger Demokratie wagen!, S. 255.
Ebd., S. 232.
Ebd., S. 18.
Ebd., S. 123.
Ebd., S. 126.
Die Sigle KT steht für: Pierre Legendre: Schriften Bd. 4. Die Kinder des Textes. Ãber die Elternfunktion des Staates, übers. v. Pierre Mattern, Wien/Berlin 2011.
Die Sigle II steht für: Pierre Legendre: Schriften Bd. 1. Vom Imperativ der Interpretation, übers. v. Sabine Hackbarth, Wien/Berlin 2010. Die Aufsatzsammlung enthält die folgenden Texte: Die Narbe. An die Jugend, die begierig sucht ⦠Rede vor Studenten über Wissenschaft und Unwissen; Die Fabrikation des abendländischen Menschen gefolgt von Der mordende Mensch; Dominium Mundi. Das Imperium des Managements sowie âDie Juden interpretieren verrückt.â Gutachten zu einem Text.
Die Sigle GS steht für: Pierre Legendre: Schriften Bd. 2. Gott im Spiegel. Untersuchung zur Institution der Bilder, übers. v. Sabine Hackbarth und Verena Reiner, Wien/Berlin 2011.
Oliver Kohns: Die Fiktion des Politischen. Legendre â Kantorowicz â Lacan, in: Die Zivilisation des Interpreten. Studien zum Werk Pierre Legendres, hg. v. Georg Mein, Wien/Berlin 2011, S. 211-237, hier S. 234.
Die Sigle PBG steht für: Pierre Legendre: Schriften Bd. 6. Das politische Begehren Gottes. Studie über die Montagen des Staates und des Rechts, übers. v. Katrin Becker, Wien/Berlin 2012.
Die Sigle VGL steht für: Pierre Legendre: Schriften Bd. 3. Das Verbrechen des Gefreiten Lortie. Versuch über den Vater, übers. v. Clemens Pornschlegel, Wien/Berlin 2011.
Die Sigle LZ steht für: Pierre Legendre: Schriften Bd. 8. Die Liebe des Zensors. Versuch über die dogmatische Ordnung, übers. v. Marina Laurent, Wien/Berlin 2016.
Die Sigle LA steht für: Pierre Legendre, Schriften Bd. 7. Die Leidenschaft ein anderer zu sein: Versuch über den Tanz, übers. v. Sabine Hackbarth, Wien/Berlin 2014.
Vgl. Legendres Formulierung in: Pierre Legendre: Leçons X. Dogma. Instituer lâanimal humain, Paris 2017 (nachfolgend mit der Sigle D gekennzeichnet). (Dt.: Dogma. Das Menschentier instituieren). In der vorliegenden Arbeit stammen alle Ãbersetzungen wörtlicher Zitate ins Deutsche, sofern nicht anders gekennzeichnet, von d. Verf.
Vgl. etwa die Arbeiten von Katrin Becker, Peter Goodrich, Sabine Hackbarth, Georg Mein. Katrin Becker: Zwischen Norm und Chaos. Literatur als Stimme des Rechts, Paderborn 2016. Peter Goodrich: Languages of Law. From Logics of Memory to Nomadic Masks, London 1990. Sabine Hackbarth: Pierre Legendres âdogmatische Anthropologieâ. Subjektkonstitution im Medium des Blicks, Wien/Berlin 2014. Georg Mein: Choreografien des Selbst. Studien zur institutionellen Dimension von Literalität, Wien/Berlin 2011. Georg Mein: âIl faut un corps pour signifier â¦â. Der Tanz im Horizont von Pierre Legendres dogmatischer Anthropologie, in: Die Zivilisation des Interpreten, hg. v. Mein, S. 97-118.
Die Sigle PP steht für: Pierre Legendre, Paroles poétiques échappées du texte. Leçons sur la communication industrielle, Paris 1982.
Mein: Choreografien des Selbst, S. 10.
Kohns: Die Fiktion des Politischen, S. 235.
Vgl. Clemens Pornschlegel: âMan muss nicht alles für wahr halten, man muss es nur für notwendig halten.â Zur Figur des Gesetzgebers bei Pierre Legendre, in: Die Zivilisation des Interpreten, hg. v. Mein, S. 239-253. âFür notwendig [â¦] muss man die kontingenten dogmatischen Normensysteme deswegen halten, weil sie die Subjekte vor dem Sturz in die dunkle, unsagbare Welt der Psychose und ins blutige Duell bewahren. [â¦] Das Gesetz mag zwar kontingent und lächerlich sein, seine wesentliche Funktion besteht darin, der natürlichen psychotischen Tendenz des Menschenwesens, der Konfusion mit dem unmöglichen Realen und dem Phantasma der Allmacht einen Riegel vorzuschieben.â Ebd., S. 252.
Slavoj Žižek: Trouble in Paradise. From the End of History to the End of Capitalism, London 2015, S. 12.
Anton Schütz: Die Institution erhören. Echographik eines gewöhnlichen Fanatismus, in: Rechtshistorisches Journal 17 (1998), S. 311-333, hier S. 314.
Mit diesem Understatement bezeichnet Legendre sein theoretisches Unterfangen (vgl. LZ, 6).
Vladimir Nabokov: Die Kunst des Lesens, übers. v. Karl A. Klewer, Frankfurt a.M. 2010 [Originaltitel: Lectures on Literature, 1980; Lectures on Russian Literature, 1981], S 16f.
Becker: Zwischen Norm und Chaos, S. 292.