Das hier ist die erste Ausgabe des 22. Jahrgangs, die ich vor mir sehe und die mich vor sich sieht. Ich nehme sie in meine Hand, so wie ich auch die 240 Ausgaben vor ihr in die Hand genommen habe. Ich wende sie kurz hin und her, ich blättere für einige Augenblicke darin und reiße dann die Seiten auf. Dann berühre ich das Papier mit meinen Fingern, lese die Überschriften der Artikel, die ich bereits gelesen habe, und rieche an der Tinte. Habe ich schließlich alle Blätter durchgesehen, lege ich sie auf den Tisch und atme glücklich ein.1
Es ist Januar 1973 in Beirut. Suhail Idris (Suhail Idrīs), der libanesische Herausgeber und Publizist, hält die aktuelle Ausgabe seiner renommierten Literaturzeitschrift Al-Adab (Al-Ādāb) in den Händen. Ihre materielle Präsenz verleitet ihn zu dieser beinahe zärtlichen Meditation, welche er in der Folgeausgabe veröffentlichen wird.2
Idris’ Einatmen ist ein Aufatmen: Das Aufatmen eines Verlegers, der mit den alltäglichen Mühen der Zeitschriftenpublikation vertraut ist, und dem es trotzdem einmal mehr gelungen ist, eine Ausgabe aus der Druckerei zu holen. Einige dieser Mühen verbinden ihn mit Zeitschriftenmachern auf der ganzen Welt: Säumige Autoren, mangelhafte Manuskripte, finanzielle Engpässe und ein kleines Lesepublikum. Gleichzeitig kämpft seine Zunft im Libanon und anderen arabischen Staaten mit spezifischen politischen, ökonomischen und institutionellen Produktionsbedingungen, die eine Kulturzeitschrift zu einem permanent prekären Unterfangen machen: Devisenbeschränkung und Exportbegrenzung, sowie eine damalige teils starke Zensur in Staaten wie Ägypten, Syrien und Irak, die gleichzeitig das Gros der Leserschaft dieser Zeitschriften stellen, bringen viele dieser Publikationsprojekte, kaum gegründet, an ein frühes Ende.
Dann aber ist Idris’ Einatmen auch einfach ein Einatmen, in großer Zufriedenheit. Einmal mehr das Richtige getan zu haben, das heißt, seiner Pflicht als Intellektueller nachgekommen zu sein. An der arabischen Definition dieser Figur hatte Al-Adab keinen unbedeutenden Anteil3: Im Zuge der Kritik am Algerienkrieg in den späten 1950ern und während seines Studiums in Paris war Idris auf Jean-Paul Sartre und das Konzept der littérature engagée aufmerksam geworden. Idris war begeistert: Es schien die Antwort auf die Frage zu sein, wie die Literatur zum Teil eines nationalistischen arabischen Projekts werden könne. So nahm Sartres große Popularität in der arabischen Welt vor allem auf den Seiten von Idris’ Al-Adab ihren Ausgangspunkt, einer Zeitschrift, die in ihrem Selbstverständnis Sartres Les Temps Modernes überaus nahestand.4 Die ideologische, personelle und institutionelle Beziehung von Al-Adab und Les Temps Modernes ist nur ein Beispiel für die transnationale Kultur der Zeitschrift als, in den Worten Eric Bulsons, world form.5 Zu den ungeschriebenen Gesetzen dieser Weltgattung und des Intellektuellen, dessen bevorzugtes Artikulationsmedium sie darstellt, zählt, dass sie beide ihre großen Momente in der Krise haben. In der Krise definiert und legitimiert sich der Intellektuelle neu – oft genug durch die Gründung einer Zeitschrift.
Gegenstand und Aufbau des Buchs
Auch die Zeitschrift, um die es hier gehen soll, ist ein solcher Fall: Die Krise auf der sie sich gründet und über die sie sich begründet teilt bis heute die arabische Ideengeschichte in ein diskursives Davor und Danach. Im Verlauf ihres Erscheinens wird diese Zeitschrift auf weitere ideologische, materielle und ereignisgeschichtliche Krisenmomente reagieren – und auf diese Weise einen der umbruchreichsten Abschnitte der modernen arabischen Geschichte dokumentieren, aber auch mitgestalten. Dies ist ihr Portfolio:
Mawaqif (Mawāqif) (dt.: Standpunkte, Positionen) wurde 1968 in Beirut von dem syrischen Dichter Adunis (Adūnīs) gegründet und erschien dort mit einer kriegsbedingten Unterbrechung bis 1984. Nach weiterer vierjähriger Pause wurde sie ab 1988 in Paris (Redaktion) und London (Verlag und Herausgabe) neu aufgelegt und 1994 endgültig eingestellt. Beschränkte sich ihre Herausgebergruppe in ihrer Anfangsphase auf Adunis, die syrische Literaturkritikerin Khalida Said (Ḫālida Saʿīd), sowie die beiden libanesischen Redaktionsassistenten Samir Sayigh (Samīr as-Ṣāyiġ) und Riyadh Fakhouri (Riyāḍ Fāḫūrī), versammelte Mawaqif ab 1970 bis zu ihrem Ende ein wechselndes Kollektiv von vor allem libanesischen, syrischen, irakischen, palästinensischen, marokkanischen und algerischen Schriftstellern, Denkern und Künstlern der arabischen Welt in ihrem Impressum, von denen heute viele zu den renommiertesten Vertretern ihrer Profession zählen. Zu den prägendsten Herausgebern neben Adunis und Khalida Said zählen (in Reihenfolge ihres Beitritts)6: Samir Sayigh (1970–1984); Halim Barakat (Ḥalīm Barakāt) (1970–1980), Albert Mansour (Albīr Manṣūr) (1970–1980); Mahmoud al-Rimawi (Maḥmūd ar-Rimāwī) (1970–1980); Mounir al-Akash (Munīr al-ʿAkaš); (1970–73); Adel Daher (ʿĀdil Ḍāhir) (1971–1980); Mona Saudi (Munā as-Saʿūdī) (1971–1975, 1984–1994); Muhammad al-Maghout (Muḥammad al-Māġūṭ) (1971–1973); Sadiq Jalal al-Azm (Ṣādiq Ǧalāl al-ʿAẓm) (1972–1980, 1988–1989); Kamal Abu Deeb (Kamāl Abū Dīb) (1974–1994); Kamal Boullata (Kamāl Bullāṭa) (1974–1994); Elias Khoury (Ilyās Ḫūrī) (1974–1975, 1983–1994); Abbas Beydoun (ʿAbbāṣ Baiḍūn) (1978–1994); Saadallah Wannous (Saʿadallāh Wannūs) (1978–1980); Edward Said (Idwārd Saʿīd) (1978–1979, 1992–1993); Saadi Youssef (Saʿadī Yūsuf) (1984; 1989–1994); Muhammed Bennis (Muḥammad Bannīs) (1988–1994); Diya’ al-Azzawi (Ḍiyāʾ al-ʿAzzāwī) (1988–1994); Shawqi Abdelamir (Šawqī ʿAbdalamīr) (1988–1994); Mohammed Arkoun (Muḥammad Arkūn) (1988–1994); Abdellatif Laabi (ʿAbdallaṭīf al-Laʿabī) (1988–1994).
Die Zeitschrift erschien idealiter zweimonatlich, wobei ihr Turnus faktisch unregelmäßiger war. Diese Schwankungen unterlagen verschiedenen Faktoren, die in der Regel finanzieller oder personeller Natur und nur in seltenen Fällen, wie 1975 oder 1982, ereignisgeschichtlich bedingt waren. Zudem spielten Zensurfragen dank Libanons schwachem Staat und liberalem Klima kaum eine restriktive Rolle für die Produktion, dagegen aber für die Distribution in andere arabischen Staaten, insbesondere Irak, Syrien und Ägypten, wo die Zeitschrift stark rezipiert wurde. Mawaqif finanzierte sich bis zu ihrer Übernahme durch Saqi House ab 1988 unabhängig durch ihre Produzenten, unregelmäßige private Spenden, Abonnements und Werbeanzeigen. Die Redaktionsarbeit verteilte sich bis 1988 auf den Chefherausgeber Adunis, dessen Ehefrau Khalida Said sowie irregulär auf verschiedene Herausgeber und inoffizielle Redaktionsassistenten, zentrierte sich aber um Adunis, der bis zur letzten Ausgabe jede Druckfahne autorisierte. Ab 1988 stellte Saqi House einen offiziellen Redaktionsassistenten. Auch die inhaltliche Gestaltung durch die Herausgebergruppe war lose institutionalisiert: Vor Kriegsausbruch traf man sich mehr oder weniger regelmäßig in Adunis’ und Khalida Saids Privathaus oder Beiruter Cafés, eigene Redaktionsräume existierten nicht. Während des Bürgerkriegs sowie mit Mawaqifs Wiedererscheinen in Paris erfolgte die Kommunikation mehrheitlich postalisch und telefonisch. Der Druck wurde von wechselnden Beiruter Druckereien übernommen. Den Vertrieb bis 1984 übernahm mehrheitlich die Buchhandlung Maktabat Ra’s Beirut (Maktabat Raʾs Bairūt), ab 1988 Saqi House in London und mit Eröffnung ihres Beiruter Ablegers Dar al-Saqi (Dār as-Sāqī) ab 1990 zusätzlich auch wieder ein lokaler Beiruter Vertrieb. Die Auflage lag relativ konstant bei durchschnittlich 2000 Exemplaren, der Preis einer Einzelausgabe bewegte sich zwischen 1968 und 1994 zwischen 4 und 13 US-Dollar.7
In ihrer inhaltlichen Ausrichtung deckte Mawaqif ein denkbar weites Spektrum ab: Sie veröffentlichte literarische Texte, darunter mehrheitlich Poesie, aber auch Prosa und Dramatik; sie publizierte die ganze Bandbreite zwischen experimentellen Essays, Kritiken und umfangreichen wissenschaftlichen Studien aus den Bereichen Literatur, Kunst, Theater, Musik, Politik, Geschichte, Soziologie, Religion und Philosophie; sie veröffentlichte Zeichnungen und grafische Kunst und, dank erweiterter technischer und materieller Möglichkeiten, ab 1988 auch Malerei, Lithografie und Plastik; und sie bemühte sich in ihrer ersten Publikationsphase bis 1975 um eine Berichterstattung aus Beiruts kultureller und intellektueller Szene.
Mawaqifs ideologische Position, die zu lokalisieren eines der Anliegen dieses Buchs ist, ist nicht in einem Begriff zu umreißen. Aufschlussreicher ist vielmehr der Blick auf den historischen Wandel dieser Position, die sich von der Neuen arabischen Linken in den 1960er und 1970er Jahren, über eine weit definierte, liberale Linke der 1980er Jahre hin zu einer liberal-humanistischen Position ihrer Spätphase in den 1990ern bewegte. Mit anderen Worten wird es darum gehen, Mawaqif einerseits als Reaktion auf eine sich im starken Umbruch befindliche arabische Welt des späten 20. Jahrhunderts sichtbar zu machen, andererseits ihre aktive diskursive Rolle im Rahmen dieses Umbruchs zu rekonstruieren.
Mawaqif genießt heute eine weitgehend unbestrittene Anerkennung als eine der wichtigsten arabischen Kulturzeitschriften nach 1967. Anders jedoch als etwa bei Shi’r (Šiʿr), die als ‚Erneuerin der arabischen Poesie‘ ebenfalls in den arabischen Zeitschriftenkanon eingegangen ist, war sich die arabische und nicht-arabische Geschichtsschreibung bislang uneins, worin genau Mawaqifs Beitrag besteht, um den sie sich Zeit ihres Erscheinens und darüber hinaus verdient gemacht hat. In der Regel bleibt diese Frage geflissentlich unbeantwortet oder die Antwort vage.8 Fragt man Mawaqifs Akteure oder deren Zeitgenossen, oder konsultiert deren Memoiren, dann zeigt sich, dass jeder, meist abhängig von der eigenen intellektuellen Verortung, etwas anderes in ihr sah: Eine Erweiterung des von Shi’r begonnenen Projekts einer Revolutionierung der arabischen Poesie (Adunis); eine Rückanbindung an das kritische Projekt der Nahda (Khalida Said); ein Forum für die kulturelle Dimension der palästinensischen Frage (Elias Khoury); eine Öffnung der arabischen Literaturkritik für den französischen Poststrukturalismus (Kamal Abu Deeb); eine Integration der bildenden Kunst in die literarisch dominierte Moderne-Debatte (Samir Sayigh); ein permanenter Aufruf zur kritischen Rebellion ihres Lesers (Fadia Jiha [Fādiā Ǧiḥā]); ein Ort für Adunis’ persönliches kritisches Projekt (Abbas Beydoun). Es ist eines der Anliegen dieses Buchs zu zeigen, dass Mawaqif all das gleichzeitig war; und dass diese Gleichzeitigkeit sich teils widerstreitender Projekte eines der Merkmale ihrer Gattung, der Kulturzeitschrift, ist. Daher geht es hier um eines entschieden nicht: Den Beweis anzutreten, dass Mawaqif ihren Rang im Kanon arabischer Zeitschriften des 20. Jahrhunderts verdient besetzt. Sehr wohl geht es aber darum, Mawaqif ideengeschichtlich zu verorten, und dabei ihre vielen Gesichter zu berücksichtigen, die sie im Laufe ihres Erscheinens teils gleichzeitig, teils aufeinander folgend zeigte. Es geht somit um ein biografisches Porträt dieser Zeitschrift, jedoch nicht ausschließlich um ihrer selbst willen. Sondern dieses Porträt beabsichtigt, anhand von Mawaqifs Partikularität den Blick auf die Repräsentanz dieser Zeitschrift zu öffnen. Nicht im Sinne einer Beliebigkeit, sondern als einzigartige Zeugin einer Phase in der arabischen Ideengeschichte, die diese Zeitschrift hervorgebracht und in ihrem Verlaufe geprägt hat, und die daher die diskursiven und materiellen Spuren dieser Geschichte in sich trägt. In ihrer Eigenschaft als kollektives Produkt wird Mawaqif den biografischen und ideologischen Werdegang einer ganzen Generation, die an ihr mitwirkten, widerspiegeln. Diese Generation, die maßgeblich durch den Sechstagekrieg 1967 politisiert wurde, durchlebt in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren eine elektrisierende Phase linker Mobilisierung und revolutionärer Aufbruchsstimmung, distanziert sich ab Mitte der 1970er Jahre dann zunehmend vom politischen Aktivismus und wendet sich – in Teilen dieser Generation – einem jetzt als humanistisch definierten intellektuellem Engagement zu, in dessen Kontext die arabische Moderne, das kulturelle Erbe und die arabische Identität zu Schlüsseldebatten werden. Das Schwinden eines vereinenden linken Projekts, die arabische Uneinigkeit hinsichtlich der Palästinafrage, innerarabische und internationale Kriege sowie die zunehmende Repression arabischer Regierungen gegen oppositionelle und kritische Stimmen aus den eigenen Reihen erlebt diese Intellektuellengeneration als eine „Kette von Rückschlägen“9 in den 1980er und 1990er Jahren, die die Wahrnehmung einer sich fortschreibenden Krisensituation perpetuierte, in der sich die arabische Welt – und mit ihr ihre Intellektuellen – befanden.
Vor dem Hintergrund des Erkenntnisinteresses dieser Studie zeichnet sich Mawaqif vor allem durch eines aus: Sie ist paradigmatisches Beispiel einer arabischen Zeitschrift, die die zweite Hälfte des arabischen 20. Jahrhunderts als „Jahrhundert des Intellektuellen“ (Gilcher-Holtey) begleitet, abgebildet und entscheidend mitproduziert hat. Ihre Biografie erzählt die Geschichte einer Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit: des Intellektuellen, der sich in der und durch die Krise neu erfindet; und der durch ihn produzierten Zeitschrift als Krisenmedium, das diese Figur in Erscheinung bringt und eine vorgestellte Gemeinschaft Gleichgesinnter stiftet.
Mawaqif qualifiziert sich als Fallbeispiel dieser Beziehung aus mehreren Gründen gegenüber anderen Zeitschriften ihrer Zeit: Weil nur wenige andere arabische Kulturzeitschriften auf einen vergleichsweise langen Publikationszeitraum von über 25 Jahren zurückblicken können, wodurch sie die Untersuchung einer Zeitschrift im Wandel ermöglicht; weil kaum eine andere arabische Kulturzeitschrift eine vergleichbare Personenriege unter ihren aktiven Herausgebern versammelt, von denen heute viele als wichtige Repräsentanten und Diskursbegründer in der arabischen Ideen-, Literatur- und Kunstgeschichte nach 1967 gelten; weil kaum eine andere in diesem Zeitraum im Mashriq publizierte Zeitschrift sich so stark für den Maghreb geöffnet hat wie diese, und damit stärker als viele andere eine gesamtarabische Erfahrung repräsentiert; weil sich in kaum einer anderen arabischen Zeitschrift auf so paradigmatische Weise der ideologische Werdegang des arabischen Intellektuellen nach 1967 als eines revolutionist-turned-writer abzeichnet; und weil sich nicht nur die ideologischen, sondern – mit ihrer Gründung und Frühphase in Beiruts arabischer Gelehrtenrepublik, dem Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs und ihres anschließenden Exils in Europa – auch die physisch-lebensweltlichen Erfahrungen einer Generation in kaum eine andere arabische Zeitschrift so eingeschrieben haben wie in Mawaqif.
Das vorliegende Buch versteht sich als eine ‚Biografie‘ der Zeitschrift Mawaqif, deren Publikationszeitraum eine der umbruchsreichsten Phasen moderner arabischer Geschichte abdeckt. Verfolgt wird Mawaqifs Entwicklung von einem Beiruter Periodikum der Neuen arabischen Linken nach 1967/68 und deren revolutionären Selbstverständnis, hin zu einer Förderung poststrukturalistischer Kritik und einer Aufweichung der linken Diskursposition während des libanesischen Bürgerkriegs, bis zu ihrer Emigration nach Europa und der Implikationen für ihre neue Position als arabische Exilzeitschrift. Es schließt die Forschungslücke im Hinblick auf die herausragende(n) Position(en) dieser Zeitschrift als eine der für den ideengeschichtlichen Diskurs nach 1967 relevantesten arabischen Zeitschriften, welcher bislang – anders als vergleichbar relevanten Vertreterinnen wie Al-Adab, Shi’r oder Souffles/Anfās – noch keinerlei wissenschaftliche Aufmerksamkeit zugekommen ist.10
Das Buch tritt für ein geisteswissenschaftlichen Neuverständnis der Gattung Zeitschrift ein. Anstatt sie, wie in der arabistischen Zeitschriftenforschung noch weitläufig der Fall, auf einen passiven Container historischer Debatten zu reduzieren, soll sie hier als eine historisch gewachsene Medienform in ihren spezifischen Eigenlogiken verstanden werden. Ihre Bezeichnung als eine eigenständige kulturelle Akteurin, welche in Korrespondenz zur Biografie als Metapher und Methodik steht, ist Teil einer Perspektivierung, die an die Forderungen und das Erkenntnisinteresse der interdisziplinären Periodical Studies anschließt: Die Zeitschrift wird als eine produktive, performative Textgattung sowie als Produkt einer kollektiven, dabei lokal und historisch situierten Praxis begriffen.11 Die Bezeichnung der Zeitschrift als kulturelle Akteurin gibt außerdem Gelegenheit, eine diskursgeschichtliche Anthropomorphisierung der arabischen Zeitschrift kritisch aufzugreifen, die als einer der Gründe für die bisher verkürzte Auseinandersetzung mit dieser Medienform angesehen werden muss.12
Als Teil der Erforschung materieller Kultur der modernen arabischen Welt interessiert sich dieses Buch einerseits dafür, inwiefern die Mawaqif produzierenden Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler in der Tatsache dass, als auch in der Art und Weise wie sie die Zeitschrift machen, die Rolle des Intellektuellen nach 1967 in praxi annehmen. Der oder die ‚Intellektuelle‘ wird daher hier nicht als soziale Schicht oder Klassenzugehörigkeit verstanden, sondern als eine temporäre Rolle, die kulturelle Akteure in der Öffentlichkeit einnehmen, und damit als gesellschaftlich konstruierte Sozialfigur, deren Definition einem diskursiven Wandel unterworfen ist. In den Worten des Soziologen Rainer Lepsius: „Intellektuelle sind, soziologisch gesehen, […] nicht Leute mit irgendwelchen persönlichen Eigenschaften, sondern Leute, die etwas Bestimmtes tun. Was sie treiben, ist Kritik. Kritik ist der Beruf des Intellektuellen.“13
Doch von Interesse ist hier auch die Gegenfrage als einer Vexierfrage: Wie macht die Zeitschrift den bzw. die Intellektuellen? Wie bringt sie eine intellektuelle Gemeinschaft überhaupt erst hervor? Das Erkenntnisinteresse richtet sich somit weiterhin auf die Performanz der modernen arabischen Kulturzeitschrift im Rahmen ihrer Form und Gattungsnormen. Für die Produktivität, die Krisennarrativen im Bereich der Zeitschriftenpublizistik im Kontext des modernen Nahen Ostens zukommt, dient Mawaqif als ein paradigmatisches Beispiel: Sie praktiziert im Verlauf ihres Erscheinens und in Reaktion auf die sie umgebenden Produktionsbedingungen und Diskursverschiebungen eine Aktualisierung des intellektuellen Mandats sowie Formen intellektueller Vergemeinschaftung, indem sie die Krise als kollektive und kollektivierende conditio erscheinen lässt, die diese Gemeinschaft zum gemeinsamen Handeln in einer gemeinsam erfahrenen Raumzeit aufruft. Durch diese Setzung beabsichtigt dieses Buch, einer etablierten und teils zum Allgemeinplatz geronnenen Ansicht in den historisch und kulturwissenschaftlich ausgerichteten Nah- und Mitteloststudien ein Korrektiv, oder vielmehr eine notwendige kritische Erweiterung zu sein: Es setzt der diskursiven Trope des desillusionierten, isolierten arabischen Intellektuellen nach 1967 die gemeinschaftsstiftende Produktivität der Krise als Diskursstrategie entgegen, die sich nirgendwo deutlicher zeigt als in der Kulturzeitschrift als Produkt einer kollektiven intellektuellen Praxis. Durch diese Perspektivverschiebung zeigt die Zeitschriftenbiografie ihr Potenzial als einer alternativen Intellektuellengeschichte des späten arabischen 20. Jahrhunderts, gelesen durch das Prisma einer Zeitschrift.
Ist die Zeitschrift in mancherlei Hinsicht auch eine „Weltgattung“, so hat sich ihre jeweilige regionale Ausprägung dennoch entlang spezifischer lokaler Faktoren vollzogen. Daher setzt eine Untersuchung der arabischen Zeitschrift, wie letztlich jeder regionalen Zeitschriftenkultur, eine historische Fundierung der theoretischen Vorannahmen zwingend voraus. Orientiert an der eben gestellten Vexierfrage – „Warum machen arabische Intellektuelle Zeitschriften?“ und „Wie machen arabische Zeitschriften ‚den Intellektuellen‘?“ – wird das folgende Unterkapitel dieser Einleitung zuerst den historischen Zusammenhang von Medium und Sozialfigur, damit auch die Frage der Zeitschrift als intellektuelle Praxis rekonstruieren, und anschließend die Produktivität der ‚Krise‘ im Hinblick auf die arabische Zeitschrift im 20. Jahrhundert ausloten. Gemeinschaft bzw. Vergemeinschaftung wird somit hier im zweifachen Sinn verstanden: Erstens als eine konkrete Gemeinschaft in Bezug auf die Zeitschrift als Ort des Zusammenschlusses kultureller Akteure, die sich unter nomen und nomos der Zeitschrift temporär zusammenfinden;14 zweitens und in Anlehnung an Benedict Anderson als eine vorgestellte Gemeinschaft, die im Zuge der Rezeptionserfahrung erzeugt wird.15 Zwei weitere Unterkapitel stellen die Zeitschriftenbiografik als Methode vor; und vermessen das Feld, in dem diese Studie sich bewegt.
Das Buch unterteilt sich anschließend in vier Kapitel, die jeweils eine biografische Phase der Zeitschriftengeschichte in den Blick nehmen, und einen deren Ergebnisse zusammenführenden Schlussteil. Kapitel 1 „Die Neugründung des arabischen Intellektuellen (1968)“ widmet sich Mawaqifs Gründungmoment im Jahr 1967/68. Es legt den Fokus auf den Zeitschriftengründer und Chefherausgeber Adunis, für den die Gründung von Mawaqif das Kernelement einer Emanzipationsstrategie darstellt, um sich eine unabhängige Position in Beiruts kulturellem Feld der späten 1960er Jahre zu verschaffen. Kapitel 2 „Revolutionäre Zeit-Schriften: Mawaqif als Anti-Institution (1968–1975)“ untersucht, wie Mawaqif sich die ‚Revolution‘ als Programm und Metapher in ihrer ersten Publikationsphase umfassend aneignen und sich so als eines der zentralen Organe einer Neuen arabischen Linken etablieren wird. Kapitel 3 „Außerhalb des Kriegs: Mawaqif als Refugium (1978–1984)“ verfolgt Mawaqifs prekäre Publikationssituation während des libanesischen Bürgerkriegs, ihre folgenreiche Positionierungen zur iranischen Revolution sowie ihre Neuorientierung hin zur Frage der Moderne und zur (post-)strukturalistischen Theoriebildung. Kapitel 4 „Jenseits der Schrift: Mawaqif als Exil (1988–1994)“ begibt sich in die letzte Phase der Zeitschrift nach Paris, wo sie nach jahrelanger Unterbrechung durch eine diasporische arabische Intelligenzija wiederaufgelegt wird. Im Zentrum stehen die Implikationen dieser Exilerfahrung für die Zeitschrift und der intellektuellen Gemeinschaft, die sie adressiert. Der Schluss – in seiner Eigenschaft als Ende der Geschichte – blickt in Mawaqifs letzte Ausgabe im Jahr 1994, resümiert die Stationen und Ergebnisse dieser Biografie und schließt mit einer Betrachtung zur Nostalgie der Printzeitschrift im Umbruch zum arabischen 21. Jahrhundert.
Jener Biografie-Liebhaber, dem die Lektüre der nun folgenden historischen und theoretisch-methodischen Ausführungen müßig erscheint, möge getrost in Kapitel 1 zur Gründung von Mawaqif springen. Ihre bewegte Lebensgeschichte erzählt sich von ganz allein.
Die Zeitschrift als Krisenmedium
Al-maǧalla und al-muṯaqqaf: Zum historischen Zusammenhang von Medium und Sozialfigur
Insofern der Intellektuelle als „‚Protagonist der Öffentlichkeit‘ an die Geschichte dieser (Medien-)Öffentlichkeit gebunden ist“, müsse, so der deutsche Intellektuellenhistoriker Daniel Morat, „Intellektuellengeschichte [] immer medienhistorisch informiert betrieben werden.“16 Hinsichtlich seiner Genese gilt es in der europäischen Moderneforschung als allgemein anerkannt, dass die Sozialfigur des Intellektuellen im Zuge eines Öffentlichkeitswandels und dem Aufkommen der modernen Massenpresse im 18. und 19. Jahrhundert entstanden ist. Im Zuge der Aufklärung bildete sich ein neues gelehrtes Selbstverständnis heraus: Von den solipsistischen Gelehrten der europäischen Vormoderne grenzten sich die engagierten Philosophen und hommes de lettres der Aufklärung ab, aus denen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich das Projekt der Aufklärung im Zuge des erstarkenden Nationalismus zunehmend politisierte, die Figur des modernen Intellektuelles hervorgehen sollte. Ingrid Gilcher-Holtey sieht als eine der wichtigsten Bedingungen für das Einnehmen dieser sozialen Rolle „die Entstehung einer von staatlichen Interventionen relativ freigesetzten Öffentlichkeit“ an.17 Diese unabhängige Öffentlichkeit ermöglichte nicht nur, aber vor allem die junge Mediengattung der Zeitschrift, die in diesem Zuge zu einem der wichtigsten Artikulations- und Kommunikationsplattformen dieses modernen Intellektuellen wurde. Für den europäischen Kontext ist der Zusammenhang zwischen Zeitschriften- und Intellektuellengeschichte vor allem in Frankreich, dem ‚Geburtsland‘ des modernen intellectuel, seit den späten 1980er Jahren Gegenstand historischer Forschung18, findet jedoch seit einigen Jahren auch im deutschen Wissenschaftsfeld und im Zuge eines neuen Verständnisses kulturwissenschaftlicher Zeitschriftenforschung ein verstärktes Interesse.19
Dass auch die arabische Nahda (an-nahḍa) – verstanden sowohl als historische Periode zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert als auch als intellektuelles Projekt20 – als Öffentlichkeits- und vor allem Medienwandel betrachtet werden muss, kann in der regionalbezogenen Forschung inzwischen als Common Sense betrachtet werden. Auch wenn jüngst berechtigte Kritik an einem eurozentrischen Narrativ geäußert wird, demzufolge im Zuge der napoleonischen Invasion Ägyptens 1789 Europa der arabischen Welt die Moderne ‚gebracht‘ habe, bleibt dennoch unbestritten, dass die durch Frankreich importierte Druckerpresse das Entstehen neuer textueller Praktiken und Gattungen, damit einen Medienwandel, maßgeblich befördert hat.21 Die Forschungsarbeiten von Dyala Hamzah und Leyla Dakhli gehören zu den ersten, die die Genese der Sozialfigur des arabischen Intellektuellen in Zusammenhang mit einem Medien- und Kommunikationswandel im 19. und frühen 20. Jahrhunderts betrachtet haben.22 Während Dakhli auch andere Formen der sociabilités intellectuels berücksichtigt, zentriert vor allem Hamzah die Rolle der arabischen Publizistik für die Entstehung einer modernen Öffentlichkeit. In ihrer Einleitung des von ihr herausgegebenen Sammelbands The Making of the Arab Intellectual hält sie fest: “The Arab intellectual mapped his/her public and defined his/her interest and was ‘made’ in return. The ‘making of the modern Arab intellectual, like any other, obtained [sic!] therefore in the public sphere […].”23
Hamzah grenzt diesen Ansatz kritisch von der ideengeschichtlichen Tradition Albert Houranis24 ab und dessen Reduktion der Nahda auf die diskursiven Beiträge historischer Einzelpersönlichkeiten:
Hourani’s intimate knowledge of this material, which burst onto the scene of the colonized […] Arab provinces […] in the pedagogical guise of periodical serialization, printed manuals or compilations, only matches his sheer disregard for the social significance of the two central agents that materially produced and effectively disseminated this whole new range of writings: the printing press and the periodical/daily press.25
Dagegen gelte es endlich, so Hamzah, jene „neuen Gattungen, Medien, Orte, und Netzwerke, die die Nahda konstituierten“ zu diskutieren, sowie die „spezifischen Umstände ihrer Intellektuellen, die der Figur des Lehrers, des Publizisten und des Aktivisten erlaubten, in Erscheinung zu treten.“26
Zu diesen neuen Gattungen zählt, neben der Zeitung, vor allem die arabische Zeitschrift, al-maǧalla.27 Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts genossen arabische Zeitschriften eine bemerkenswerte Zirkulation: Die ägyptische Al-Hilal (Al-Hilāl) oder die syro-libanesische Al-Muqtataf (Al-Muqtaṭaf) wurden im ganzen Nahen und Mittleren Osten, nach Nord- und Südamerika und nach Europa distribuiert. Hierdurch verbreiteten diese Periodika nicht nur zeitgenössische Debatten zur Frage der arabischen Moderne, sondern sie etablierten maßgeblich, so Dagmar Glaß, auch die diskursive Praxis des öffentlichen Meinungsstreits, der sich vornehmlich auf den Seiten dieser Zeitschriften ereignete. Die Rolle der modernen Massenmedien für die Ausbildung einer arabischen bürgerlichen Öffentlichkeit auf der einen, sowie eines Nationalbewusstseins auf der anderen Seite wurde in der Nahda-Forschung vielfach in Rückbezug auf Jürgen Habermas’ Öffentlichkeitstheorie diskutiert28 und provozierte nicht minder häufig Referenzen zu Benedict Andersons Konzept der Nation als „vorgestellte Gemeinschaft“.29 Eine der grundlegenden Bedingungen für die Entstehung des Nationalismus sieht Anderson in der Gründung der Presse und des „Printkapitalismus“: Dessen Verwendung der Umgangssprache anstatt des sakralen Latein schuf neue Lesepublika und gab diesen das virtuelle Gefühl einer Gleichheit und Gleichzeitigkeit.30 Ausgehend von dieser Annahme argumentiert etwa Stephen Sheehi, dass die arabischen Zeitschriften des 19. Jahrhunderts nicht nur selbst eine moderne Institution dargestellt hätten, sondern dass sie „der prinzipielle Mechanismus waren, durch den die Moderne sich in der arabischen Welt institutionalisierte.“31
Die arabische Zeitschrift charakterisierte sich – ähnlich den frühen Zeitschriften in Europa – im 19. und frühen 20. Jahrhundert durch ein generalistisches Themenspektrum und publizierte häufig in einer Ausgabe Beiträge aus den Bereichen Naturwissenschaft, Medizin, Recht, Technologie, aber auch Belletristik und Poesie, sowie zu Fragen des alltäglichen Lebens und Boulevardthemen. Anders als die Zeitung (al-ǧarīda), deren Hauptaufgabe in der Berichterstattung lag, verfolgte die frühe Zeitschrift einen enzyklopädischen Ansatz mit dem erklärten Auftrag, ihre Leserschaft breit zu bilden. Diese Zeitschriften präsentierten sich als Anthologien des Gegenwartswissens, förderten jedoch auch neue literarische Gattungen wie den Roman und kritische Textgenres wie den Essay. Ihre universalgelehrte Ausrichtung reflektierte die Absicht ihrer Herausgeber, die sich auf ein Verständnis von adab als geistiger Allgemeinbildung und sittlicher Verfeinerung beriefen.32 Dieses Verständnis von adab stand in Entsprechung zur gelehrten Sozialfigur des adīb, der als eine mit breitem Wissen ausgestattete Person definiert wurde, welche sich durch einen spezifischen Zugang zum Schreiben als einer erzieherischen und unterhaltenden Tätigkeit auszeichnet. Damit bildete der adīb eine Kontrastfigur zum ʿālim als Hüter eines spezifischen, meist religiösen oder juristischen Wissens.33 Diese Definition des adīb, die bis Ende des 19. Jahrhunderts vorherrschte, orientierte sich noch stark am mittelalterlichen und vormodernen Bild des arabischen Schriftgelehrten. Jedoch mit dem Ende des 19. Jahrhunderts und im Zuge jenes profunden Medienwandels, der die Nahda konstituierte, wurde die Sozialfigur im Zuge eines lebendigen Disputs vor allem auf den Seiten arabischer Periodika mit weiteren Funktionen ausgestattet. Teresa Pepe stellt fest, dass etwa ab 1880 den udabāʾ (Pl. von adīb) erst zunehmend die zusätzliche Funktion des Kritikers neuer literarischer Gattungen und ab dem frühen 20. Jahrhundert die des genialen Schöpfers zugesprochen wurde, der sein Werk nicht mehr notwendig der Absicht der religiös-moralischen Verfeinerung des Lesers zulasten des literarischen Werts zu unterstellen habe – einer Ansicht, für die vor allem Taha Hussein (Ṭāhā Ḥusayn) als Vertreter einer Generation steht.34
Die Zeitschriftenherausgeber der ersten Stunde vereinte somit das säkular-missionarische Selbstverständnis, ihre Gesellschaft mit einer am europäischen Vorbild orientierten, modernen Zivilisation vertraut zu machen, das Allgemeinwissen ihrer Leser zu mehren und ihre Perspektive auf verschiedene Gegenstandsbereiche zu erweitern, die sie als notwendig für den gesellschaftlichen Fortschritt erachteten. Ihr ambitioniertes Ziel und das ihrer Zeitschriften war es, die fremd- und selbstdiagnostizierte Rückständigkeit (at-taḫalluf) der östlichen Zivilisation zu beenden und im arabischen Bürger „ein Verlangen […] für modernes, vernunftgeleitetes und naturwissenschaftliches Wissen zu wecken, auf dem die moderne Ära sich vermeintlich gründete.“35
Eine Neujustierung ihrer gesellschaftlichen Rolle erfuhr die arabische Zeitschrift im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts: Sie entwickelte sich jetzt verstärkt zum Hauptwerkzeug eines Konkurrenzkampfes im politischen Feld, in dem das Veröffentlichen in oder die Herausgabe von einer bestimmten Zeitschrift mehr und mehr gleichgesetzt wurde mit einer Positionierung für oder wider eine bestimmte politische Ideologie. ‚Politik ist nichts für die Kulturzeitschrift‘ – diese etwa von Ahmad Arif al-Zein (Aḥmad ʿĀrif az-Zain), dem Chefredakteur der von 1909 bis 1926 herausgegebenen libanesischen Zeitschrift Al-Irfan (Al-ʿIrfān), vertretene Haltung, die dem allgemeinen Standpunkt von Zeitschriftenherausgebern bis ins frühe 20. Jahrhundert entsprach36, war nun Geschichte. Bereits während der Mandats- bzw. Kolonialzeit, verstärkt aber im Zuge der Nationalstaatenbildung wurde die Zeitschrift Artikulationsplattform, Vernetzungs- und Propagandaorgan unterschiedlicher nationalistischer Strömungen und so zu einem zentralen Medium gesellschaftlicher und kultureller Dekolonisierung. Für den libanesischen Publizisten und Romancier Elias Khoury repräsentieren die arabischen Zeitschriften des 20. Jahrhunderts entsprechend „die Wirklichkeit einer ideologischen Vielfalt“ hinsichtlich der Frage der nationalen Befreiung; sein Kollege Hazim Saghieh (Ḥāzim Ṣāġīya) bezeichnet sie vergleichbar als „ideologische Mechanismen“.37 Für die Zeitschrift als Disseminationsorgan des arabischen Nationalismus sprach, dass sich ihr Leserpublikum nicht auf ihre jeweiligen nationalen Grenzen beschränkte, sondern teils eine Verbreitung von Bagdad bis Rabat genoss. Zudem erreichte sie die zahlreichen arabischen Leser im europäischen und nord- und lateinamerikanischen Exil, für die sie eines der wichtigsten Informations- und Kommunikationsmedien mit der innerarabischen Diskursgemeinschaft darstellte. Oder aber – wie das frühe Beispiel der von Muhammad Abduh (Muḥammad ʿAbduh) und Gamal ad-Din al-Afghani (Ǧamāl ad-Dīn al-Afġānī) 1884 herausgegebenen Al-Urwa al-Wuthqa (Al-ʿUrwa al-Wuṯqā) zeigt – sie wurde frei von Zensur selbst aus dem Exil publiziert und von dort in die arabische Welt distribuiert, wodurch auch häretische Positionen ihren Weg zum arabischen Leser fanden. Der Nutzen dieser Vernetzungsfunktion zeigte sich insbesondere auch für die nicht-arabischen Minderheiten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die Zeitschriften, meist in kleiner Auflage, zur transregionalen Netzwerkbildung und Verbreitung von Reformgedanken nutzten.38 Sie zeigte sich in der Hochphase des arabischen Nationalismus dabei genauso in Projekten explizit nicht-nationalistisch basierter, sondern religiös und spirituell ausgerichteter Gemeinschaftsbildung, wie im Fall der in Kairo herausgegebenen kurzlebigen Sufi-Zeitschrift Al-Maarifa (Al-Maʿārifa, 1931–1934).39
Ein zentrales Element der Politisierung der Zeitschrift war in dieser Zeit auch ein wachsendes Bewusstsein für die politische Rolle der Literatur. Seit ihren Anfängen übernahmen arabische Zeitschriften – wie in vielen anderen Ländern und ihren literarischen Feldern – die Funktion einer Plattform für junge Literaten, die hierdurch erstmals die Möglichkeit erhielten, ihre Gedichte, Romanfragmente und Theaterstücke einem größeren Publikum zugänglich zu machen.40 Nun aber begannen Literaten, ‚ihre‘ Zeitschriften verstärkt für eine avantgardistische, künstlerisch-politische Selbstpositionierung im kulturellen Feld ihrer Zeit und zur Einmischung in politische Fragen zu nutzen. Die Entstehung nationaler literarischer Felder führte ab den 1930er Jahren zu einem Prozess der Spezialisierung der arabischen Zeitschrift im Bereich der Literatur41 als auch in anderen, nun stärker voneinander abgegrenzten Wissensbereichen, so dass nun von einem Fachjournalismus (aṣ-ṣiḥāfa al-mutaḫaṣṣaṣa) die Rede war.42 Trotz dieser Spezialisierung der arabischen Zeitschrift, die Teil einer modernen Ausdifferenzierung und Institutionalisierung von Wissensdisziplinen im arabischen 20. Jahrhundert ist, dominierte auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die übergreifende Bezeichnung al-maǧalla aṯ-ṯaqāfīya (dt.: Kulturzeitschrift) den arabischen Diskurs.
Der Aufstieg des Panarabismus in den 1950er Jahren zeitigte auch die Ablösung der alten intellektuellen Garde der udabāʾ, damit des adīb als der bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zentralen intellektuellen Sozialfigur. Der Niedergang des adīb, so Yoav Di-Capua, markiert den Übergang von der Nachunabhängigkeitsphase zur Phase der Dekolonisierung und einen intellektuellen Generationenwechsel. Den udabāʾ, die ihr gelehrtes Selbstverständnis in der Mehrung modernen Wissens, der moralischen Bildung des Bürgertums und als Fürsprecher einer ästhetischen Autonomie der Literatur sahen, stand eine junge Generation gegenüber, die die Literatur zum Element des politischen Kampfes auserkoren hatte und die ihre Autorität nicht, wie die Vorgeneration, über staatliche Institutionen, sondern im vermehrten Maße über informelle Organisationsstrukturen, wie Zeitschriften, Zeitungen und politische Zirkel behauptete.43 Di-Capua illustriert dies am Beispiel zweier Zeitschriften und ihrer Publikationsorte: der Kairiner Zeitschrift Al-Katib al-Misri (Al-Kātib al-Miṣrī) und ihrem Gründer und Chefherausgeber Taha Hussein, jenem adīb par excellence, der von einem kulturellen Sonderweg Ägyptens überzeugt war; und der Beiruter Al-Adab – von der in diesem Buch noch viel die Rede sein wird –, auf deren Seiten der politisch engagierte muṯaqqaf, der „Intellektuelle“ wie auch das moderne Europa ihn kannte, sein großes arabisches Debut feiern würde. Al-Adab war Organ einer jungen, politisierten Generation, die Ägypten eine kulturelle Führungsrolle zusprach, jedoch für eine vereinte arabische Politik und Kultur eintrat.44 In derselben Zeit, so bemerkt Di-Capua, stellten die generalistisch orientierten Kulturzeitschriften der alten ägyptischen Avantgarde – unter ihnen etwa die renommierte Al-Thaqafa (Aṯ-Ṯaqāfa) und Al-Risala (Ar-Risāla) – ihre Publikation ein.45 Das intellektuelle Mandat, das sie verkündet und auf dem sie sich gegründet hatten, verlor im politisierten Klima der Dekolonisierung seine Legitimation.
Dabei hatte sich, so zeigt Teresa Pepe in ihrer Begriffsgeschichte des adīb, der Übergang zwischen der Sozialfigur des adīb und des muṯaqqaf diskursiv weit weniger scharf vollzogen, als es Di-Capua aus Perspektive der Intellektuellengeschichte darstellt. In den 1930er und 1940er Jahren wurde verstärkt auch dem adīb ein Einfluss auf den gesellschaftlichen und politischen Wandel zugesprochen und gefordert, dass sich seine Tätigkeit nicht nur auf den Elfenbeinturm beschränken solle.46 Dennoch wurde der muṯaqqaf als politischer Kampfbegriff und zur distinktiven Selbstbezeichnung von jener jungen Generation strategisch, auch in ihren Zeitschriften, eingesetzt, wodurch die frühe Form dieser Sozialfigur maßgeblich durch ein linkes Projekt der Dekolonisierung und deren Zeitschriften geprägt wurde. Dies verdankte sich auch einer ab den 1940ern die arabische Zeitschriftenlandschaft dominierenden linken Presse, die vor allem im Libanon von Zensur und staatlicher Restriktion verschont blieb.47 Zur flächendeckenden Bezeichnung eines in den politischen Prozess intervenierenden und für den gesellschaftlichen Wandel engagierten Intellektuellen brachte es der muṯaqqaf dabei erst im Zuge der 1960er Jahre, dem Einsatzpunkt dieses Buchs.48
Die Geschichte der modernen arabischen Zeitschrift ist nicht nur eine Geschichte zweier (bzw. mehrerer) Sozialfiguren und ihres Definitionskampfs. Es ist auch die Geschichte zweier Städte, Kairo und Beirut, die sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts den Status als Zentrum der arabischen Publizistik mehrfach gegenseitig streitig machten.49 In der Mitte des 19. Jahrhunderts lief Beirut Kairo diesen Rang erstmals ab. Dies bezeugen die große Zahl an Druckereien, Buchhandlungen und einer rasch wachsenden Zahl von meist kurzlebiger Periodika, die zwischen 1850 und 1870 in der späteren libanesischen Hauptstadt erschienen.50 Im Zuge der Nationalbewegungen und des wachsenden Widerstands gegen die europäischen Kolonialmächte verschob sich das Zentrum der arabischen Publizistik im frühen 20. Jahrhundert erneut nach Ägypten, wo mit der Präsenz der britischen Kolonialmacht ein weit stärkerer Push-Faktor für den Aufstieg des arabischen Nationalismus bestand als im levantinischen französischen Protektorat. Erst gegen Ende der 1950er Jahre, im Kontext der Suezkrise, behauptete sich das wirtschaftlich blühende Beirut erneut als publizistisches Zentrum einer „zweiten Nahda“.51 Elias Khoury betont in seinem 2002 verfassten Essay „Für eine dritte Nahda“ (Min aǧli nahḍa ṯāliṯa) deutlich die Verflechtung von Zeitschriftenkultur und politisch-kulturellem Projekt, das sich im Beirut der 1950er bis 1970er Jahre materialisierte:
The course of the first Nahda concluded with a cultural approach to the second Nahda, which was articulated in thought, poetry, the novel, theater and the visual art, by transforming Beirut into a margin and a center at the same time. The city received all the clamor of protest and calls for re-vision, becoming a cultural laboratory through its many journals – Al-Adab, Shi’r, Al-Tariq, Mawaqif, Dirasat ’Arabiyya – and its newspapers, its cafés and late nights, through Fairuz, through its stages.52
Folgen wir Khourys Darstellung, dann gehört die Zeitschrift als Leitmedium53 des Intellektuellen nicht nur zu den konstitutiven Elementen der ersten, sondern auch der „zweiten Nahda“, als jener kurzen historischen Epoche und Blütephase libanesischer Publizistik, in die auch Mawaqifs Erscheinen fällt.
Wenn im weiteren Verlauf dieses Buchs verkürzt von ‚Zeitschrift‘ die Rede ist, dann wird sich auf jene Form der „Kulturzeitschrift“ berufen, die im arabischen Diskurs ab den 1950er Jahren als al-maǧalla aṯ-ṯaqāfīya bezeichnet wird. Im Zuge des Dekolonisierungsprojekts der Langen Sechziger Jahre und dessen Auffassung, dass kulturelle bzw. künstlerische Produktion nicht von der Politik zu trennen sei, wurde im historischen Diskurs – wie oben erwähnt –, trotz einer disziplinären Ausdifferenzierung der arabischen Kulturzeitschrift ab den 1930er Jahren, keine nähere Klassifizierung vorgenommen.54 Der begriffliche Umgang dieses Buchs trägt diesem lokalen historischen Diskurs Rechnung, da eine rein formalistisch argumentierende Klassifizierung für die Fragestellung dieses Buchs nicht erkenntnisleitend wäre. Dagegen ist es in Anlehnung an Elias Khourys und Hazim Saghiehs Bezeichnung der Zeitschriften als Repräsentanten „ideologischer Vielfalt“ bzw. als „ideologische Mechanismen“ im Kontext von Dekolonisierung und Moderne weitaus zielführender zu fragen, inwiefern die definierenden Linien zwischen verschiedenen Zeitschriften weniger in disziplinären Labels als in den ideologischen Positionen zu finden sind, die sie im intellektuellen Feld ihrer Zeit besetzen.
Doing Magazines
Diese Skizze der historischen Beziehung zwischen (konkurrierenden) arabischen Sozialfiguren des Intellektuellen und deren zentralem Artikulationsmedium, der Zeitschrift, lenkt den Blick auf das ‚Zeitschriftenmachen‘ als intellektuelle Praxis bzw. als Praxis des Intellektuellen. Edward Said hatte in einer Vortragsreihe 1993, die später unter dem Titel Representations of the Intellectual veröffentlicht wurde, darauf hingewiesen, dass Studien zum Intellektuellen sich meist auf dessen Definitionen beschränken würden. Selten aber würden sie „eine Bestandsaufnahme des Bildes, der Charakteristik, der faktischen Interventionen und der Ausübung [performance]“ dieses Intellektuellen vornehmen, “all of which taken together consider the real lifeblood of every real intellectual.”55 Das Zeitschriftenmachen – gemeint ist damit hier in erster Linie: das Herausgeben einer Zeitschrift – ist, so argumentiert die folgende Studie im Anschluss an Saids Forderung, als zentrale Praxis und Performanz des arabischen Intellektuellen zu betrachten. Ihre Untersuchung öffnet einerseits den Blick darauf, wie sich einzelne kulturelle Akteure – meist, aber nicht ausschließlich Schriftsteller – medial als intellektuelle Persona inszenieren, wofür Stephen Greenblatt den Begriff des Self-Fashioning geprägt hat.56 Das mediale Self-Fashioning des arabischen Intellektuellen hat Zeina Halabi in ihrer Studie anhand individueller Fallstudien innerhalb von arabischer Literatur und Film ausführlich untersucht. Sie hat überzeugend gezeigt, dass und wie intellektuelle Akteure im Rahmen ihrer künstlerischen Praxis wirkmächtige Repräsentationen der Intellektuellenfigur erzeugt haben – wie sich somit der Intellektuelle selbst ‚gemacht‘ hat –, diese Figuren aber auch wieder dekonstruiert haben.57 Ein Blick auf die spezifische Praxis des Zeitschriftenmachens ermöglicht jedoch darüber hinaus, die von Said geforderte Erforschung intellektueller Praxis als das zu sehen, was sie nicht nur, aber vor allem auch ist: als eine kollektive Praxis, darin Produkt und Performanz eines „Denkkollektivs“.58 Ergänzend zu Dyala Hamzahs Kritik an einer auf Einzelpersonen konzentrierten arabischen Ideengeschichte in der Tradition Houranis muss man feststellen, dass die Erforschung intellektueller Kollektive im arabischen Kontext bislang großflächig vernachlässigt wurde und sich erst in jüngster Zeit vor allem die Kunstgeschichte, sukzessive aber auch die Literatur- und Intellektuellengeschichte für diese zu öffnen beginnt. Einige dieser Arbeiten, wie etwa Robyn Creswells Studie zum Kreis der Gruppe Shi’r, behandeln auch die zentrale Rolle von Zeitschriften als Organ einer intellektuellen bzw. künstlerischen Gruppierung, doch sind diese Periodika nicht Hauptgegenstand – bzw.: Hauptakteurinnen – dieser Studien.59
Im Kontext der westdeutschen Geschichte nach 1960 haben in jüngerer Zeit die Veröffentlichungen von Philipp Felsch und Ulrich Raulff die Rolle des Zeitschriftenlesens, für Zeitschriften Schreibens und des Zeitschriftenmachens für die Ausbildung eines linken Habitus und als Performanz einer intellektuellen Persona betont. Für die westdeutschen Zeitgenossen der Produzenten von Mawaqif ermöglichte das Lesen der ‚richtigen‘ Zeitschriften – ähnlich der Lektüre von Marx’ Kapital oder den von Felsch diskutierten Merve-Bändchen –, sich als rebellischer junger, in der Regel linker Intellektueller zu inszenieren, und durch das Gründen einer eigenen Zeitschrift in diesem Milieu damit verbundenes Kapital zu erwerben.60 Eine ähnliche Beobachtung hat der Sozialanthropologe Fadi Bardawil im selben historischen Zeitraum für Lubnān Ištirākī, einer Gruppe junger libanesischer Sozialisten, hinsichtlich der sozialen Bedeutung der Lektüre bestimmter Theoriewerke sowie deren Rezeption in der Zeitschrift der Gruppe Dirasat Arabiyya (Dirāsāt ʿArabīya) gemacht.61
Die vorliegende Studie begründet eine Notwendigkeit, das Zeitschriftenmachen als eine zentrale historische Praxis intellektueller Akteure anzuerkennen, vor allem auf Basis ihrer vorgenommenen Quellenanalyse: Sowohl in erstmals berücksichtigten historischen Quellen, als auch im Zuge von meinen Gesprächen mit Mawaqifs ehemaligen Akteuren hat sich das Zeitschriftenmachen überdeutlich als ein konstitutives Kernelement von intellektueller Performanz und Selbstverständnis abgezeichnet – einem Aspekt, dem in der bisherigen Erforschung arabischer Periodika nach 1950 keine Aufmerksamkeit zugekommen ist. Klar zeigt sich dies in der Antwort auf die jedem meiner Gesprächspartner gestellte Frage, warum diese*r Mawaqif – oder eine andere Zeitschrift – mitherausgegeben habe: Jede*r Einzelne reagierte mal mehr, mal weniger ausgeprägt mit dem gleichen Unverständnis, beantworte sich die Frage doch von selbst: Es habe sich um eine intellektuelle Pflicht gegenüber der Gesellschaft gehandelt.62 Diese Selbstverständlichkeit des Zeitschriftenmachens, die keiner gesonderten Erläuterung bedarf, sondern direkt mit dem intellektuellen Mandat verknüpft ist, verweist auf diese Praxis nicht als Konsequenz, sondern als konstituierendes Element dieses Selbstverständnisses.
Hierzu ein illustrierendes Quellenzitat aus einer Zeitschriftenkonferenz im Jahre 1990. Der irakische Publizist Ali al-Allaq (ʿAlī al-ʿAllāq) erinnert sich gemeinsam mit seinen Zuhörern, allesamt etablierte arabische Zeitschriftenherausgeber, an die frühen Tage ihrer literarischen und intellektuellen Sozialisierung und die Bedeutung, die den Zeitschriften hierbei zugekommen ist:
Wer von uns erinnert sich nicht an die erste Zeitschrift, die man gelesen hat? An die erste Zeitung, an die man ein Gedicht, eine Erzählung oder einen Artikel geschickt hat? Wer von uns erinnert sich nicht, mit besonderer Nostalgie, an die erste Zeitschrift, die einige der frühen Versuche veröffentlichte? Zahlreiche Versuche, gleichzeitig so quälende und harte Erinnerungen. Wunderbare Schlaflosigkeit. Die Qual war einem ein Heiligtum, das dem Leiden des Liebenden nahekam. All dies, damit unsere Namen auf den Seiten jener Zeitschriften erschienen, in denen wir zu publizieren träumten: Al-Adab, Al-Adib, Shi’r. … Jeder einzelne von uns war erfüllt von einem erbarmungslosen Gefühl: Dass wir solange noch formlos, noch Anfänger seien, bis die erste dieser Zeitschriften ihre Seiten für uns öffnen würde. War dies nach langer Bemühung endlich eingetreten, stellte sich ein Gefühl unendlicher Befriedigung ein.63
Diese Worte des Herausgebers der irakischen Zeitschrift Al-Aqlam (Al-Aqlām), in ihrer Andacht, wenn nicht Erotik, vergleichbar mit Suhail Idris’ zu Beginn zitierter Meditation, unterstützt ein Verständnis der Kulturzeitschrift als kultureller Praxis, die insofern konstitutiv für das künstlerische und intellektuelle Selbstverständnis kultureller Akteure ist, als dass sie für diese Akteure Bedeutung hat.64 Der Praxisbegriff lenkt den Fokus der Forschung nicht auf ein Endprodukt, sondern den Prozess kultureller Produktion und damit ihre sozialen, materiellen und ökonomischen Entstehungsbedingungen.65
Pierre Bourdieus Theorie kultureller Felder ist diesbezüglich grundlegende Referenz. Dabei hat Bourdieu selbst die Bedeutung des Zeitschriftenherausgebens für die Herausbildung eines intellektuellen Habitus und dessen Positionierung im literarischen bzw. kulturellen Feld unterbeleuchtet. In seiner betreffenden Studie Die Regeln der Kunst behandelt er Zeitschriften vor allem als Konsekrationsinstanzen literarischer Produktion und damit in ihrer Bedeutung für die in ihnen publizierenden Schriftsteller, und nur am Rand als einen „Sammelpunkt einer Gruppe von Produzenten“ ähnlich dem Salon oder dem Zirkel.66 Diese Gruppe vereine ein gemeinsamer „Ethos“, repräsentiert durch die Zeitschrift, die als „als Sammelstätte oder Negativfolie, jedenfalls aber als Orientierungspunkt innerhalb der Klassifizierungskämpfe wirken soll, wie sie sich in jedem Feld abspielen.“67 Inwiefern aber das Zeitschriftenmachen selbst als eine kulturelle Praxis verstanden werden muss, was die Frage impliziert, worin genau die Tätigkeit des Herausgebers einer Zeitschrift besteht und wie dessen spezifischer Habitus beschaffen sein muss, hat erst Matthew Philpotts im Anschluss an Bourdieu herausgearbeitet. Laut Philpotts muss ein Zeitschriftenherausgeber, in seiner Aufgabe, die Summe des erwirtschafteten Kapitals seiner Zeitschrift zu halten und zu vergrößern, über einen „multiplen Habitus“ verfügen, der drei Typen vereine: die charismatische, die bürokratische und die vermittelnde Herausgeberschaft.68 In Bezug auf Mawaqifs Produzenten, insbesondere Adunis, wird auf die Frage des herausgeberischen Habitus punktuell zurückgekommen werden. Im Anschluss an Bourdieu und Philpotts sei vorerst festzuhalten, dass nicht nur das Schreiben für, sondern vor allem das Herausgeben von Kulturzeitschriften eine lohnenswerte, das heißt symbolisches Kapital generierende Praxis darstellt. Eine öffentliche Selbstdarstellung und -positionierung ermöglicht die Zeitschrift nicht nur ihren Autoren, sondern auch und vor allem ihren Herausgebern, auf die der von Manushag Powell herausgestellte performative Aspekt des periodical writing nicht minder zutrifft: “[T]he performance of periodical writing, in which an author can craft a recurring persona to appear before the public at planned intervals, has much in common with the performance of acting and may in some ways be more liberating.”69
Das Schreiben für und Herausgeben von Zeitschriften ermöglicht, in Powells treffender Bühnenmetapher, kulturellen Akteuren einen Auftritt in verschiedenen von ihnen gewählten öffentlichen Rollen. Es eignet sich damit im besonderen Maße für den Auftritt als Intellektueller, welcher nur im Rahmen einer öffentlichen Performanz entstehen kann. Die Rekonstruktion und Analyse von Mawaqifs Lebenslauf berücksichtigt so notwendig auch die individuellen trajectoires ihrer prägenden Produzenten, deren kollektive Schnittstelle die Zeitschrift darstellt. Im Laufe der Studie wird so gefragt, welche Rolle Mawaqif hinsichtlich deren Performanz einer spezifischen öffentlichen Person – oder mit Bourdieu: eines Habitus – für ihre Herausgeber spielte; und welche Rolle vice versa den einzelnen Herausgebern im Hinblick auf Mawaqifs biografischen Wandel zukommt.
Krisenzeiten: Zeitschriften und Vergemeinschaftung
Zeitschriftenpublizistik, so hat Roman Léandre Schmidt richtig festgehalten, ist eine „Kunst des rechten Augenblicks.“70 Es kommt nicht von ungefähr, dass die Gründung neuer Zeitschriften häufig mit gesellschaftlichen und politischen Krisen einhergegangen ist: In der Krise haben Zeitschriften bzw. der sich durch sie begründende Intellektuelle ihre größten Momente. Das Gründungsnarrativ folgt dabei einer immer ähnlichen Struktur: Neue Kulturzeitschriften konstatieren die Krise als einen Mangel unter Berufung auf eine übergeordnete Entität (in der Regel „die Gesellschaft“, „die Kultur“, „die Literatur“, etc.), die unter diesem Mangel leidet und begründen darüber die Notwendigkeit eines Erneuerungsprogramms durch die ‚richtige‘ Kritik an diesen Verhältnissen, die die Zeitschrift – das heißt: das sie konstituierende Kollektiv – in einzigartiger Weise bereitzustellen gedenkt. Indem Zeitschriften eine Krise ausrufen, inszenieren sie sich als dieser Krise adäquates Krisenmittel. Ein prägnantes Beispiel ist das in der Weltwirtschaftskrise um 1930 diskutierte, jedoch nie realisierte Zeitschriftenprojekt Krise und Kritik von Walter Benjamin und Bertolt Brecht, welches die Krise – und die ihr vorläufige Kritik als „eingreifendes Denken“ (Brecht) – zum Programm machte. „Arbeitsfeld“ der geplanten Zeitschrift sei, so Benjamin, „die heutige Krise auf allen Gebieten der Ideologie und die Aufgabe der Zeitschrift ist es, diese Krise festzustellen oder herbeizuführen, und zwar mit den Mitteln der Kritik.“71 Für eine Zeitschrift ist die Notwendigkeit, eine Krise „festzustellen oder herbeizuführen“ dabei kein einmaliger Akt im Moment der Gründung, sondern muss im Verlaufe ihrer Existenz beständig entlang der jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Situation, in die die Zeitschrift interveniert, aktualisiert werden. Mawaqifs Biografie wird so auch die Paradoxie einer Diskursstrategie der Krise zeigen, als deren Lösungsmittel sich die Zeitschrift präsentiert, deren erfolgreiche Überwindung ihr jedoch gleichsam die Legitimation entzöge.
Die Idee der Krise als eines produktiven Moments, als einer in den Worten Janet Roitmans „nicht zu beobachtenden Bedingung, sondern einer Beobachtung, die Bedeutung erzeugt“72, geht zurück auf Reinhart Kosellecks wegweisende Studie zur Krise als historischer Erkenntniskategorie der Moderne.73 Folgen wir Roitmans Lektüre Kosellecks ist die Krise kein objektivierbares Ereignis, sondern eine Metapher, deren wesentliche Funktion darin besteht, Geschichte erzählbar und beherrschbar zu machen. Sie dient als narrative Zäsur in einem fortlaufenden Strom historischen Geschehens, der durch ihre Diagnose in eine Geschichte distinkter Ereignisse parzelliert und damit periodisiert werden kann. So ist sie ein epistemologisches und rhetorisches Instrument, mit dem wir ‚Geschichte‘ – als Sequenz eines Vorher, Jetzt und Nachher – kognitiv begreifen und diskursiv beschreiben. Gleichzeitig birgt die Krise als Metapher eine moralische Forderung, insofern ihre Lösung nach dem richtigen Handeln in der Gegenwart verlangt. Als ursprünglich medizinischer Begriff der crisis – dem Umschlagpunkt an der Schwelle zu Genesung oder Tod – entsteht sie erst durch das Urteil eines Subjekts, welches die Krise als Gegenwartsdiagnose zwischen zwei Fragen, damit in ihrem Verhältnis zur Kritik situiert: Was ist in der Vergangenheit falsch gelaufen? Und was muss getan werden, damit es in der Zukunft anders wird?
Spricht man jedoch im Kontext der Nah- und Mitteloststudien von einer Krise, begibt man sich in schwierige Gewässer. Denn der Begriff, als Metapher und Narrativ, blickt auf ein langes orientalistisches Erbe zurück, an dem sich in den vergangenen Jahrzehnten vehemente Kritik formiert hat. Orientalisten in der Tradition Hamilton A. R. Gibbs hätten, so Israel Gershoni, ein „Narrativ der intellektuellen Krise“ als „Konzeptrahmen für die Beschreibung und Erklärung“74 einer Generation modernistischer arabischer Intellektueller im frühen 20. Jahrhundert gesetzt, das auf dem „Scheitern einer Moderne nach westlichem Vorbild“ gründete.75 Damit habe der Begriff in der westlichen Geschichtsschreibung als Erklärungsformel für weitestgehend alle politischen und sozialen Entwicklungen der arabischen Welt des 20. Jahrhunderts hergehalten, weshalb er heute als „weiteres Relikt eines überholten, orientalistischen Paradigmas“ disqualifiziert werden müsse.76 Samer Frangie ergänzt, dass dieses Narrativ auch spätere Geschichtsschreibungen arabischer politischer Ideengeschichte dominiert habe, und insbesondere nach 1967 auch von arabischen Autoren übernommen wurde, was wiederum, ebenfalls von arabischer Seite, den Vorwurf der ‚Selbstorientalisierung‘ provoziert habe. Er bemerkt weiter, dass hierdurch beide Seiten der arabischen Debatte – die Krisenbeschwörer als auch deren postkolonial sensibilisierten Kritiker – „das ‚Narrativ der Krise‘ als Grundstruktur einer Erfassung arabischen politischen Denkens“ reproduziert hätten. Dies wiederum hatte zur Folge, dass die Varianz unterschiedlicher politischer Projekte hinter ihre Verallgemeinerung als ‚Krisenreaktionen‘ zurückgetreten sei.77 Dabei steht, obwohl spätestens seit Clovis Maksouds (Klūfīs Maqṣūd) Die Krise der arabischen Linken (Azmat al-yasār al-ʿarabī, 1960) und Muhammad Hassanein Haykals (Muḥammad Ḥasanain Haikal) Die Krise der Intellektuellen (Azmat al-muṯaqqafīn, 1961) die Krise als Diskursbegriff im arabischen Kontext verankert wurde, eine etymologische und diskursive Genealogie von al-azma noch aus, so Max Weiss und Jens Hanssen.78
Der Trope des Scheiterns, die dem arabischen Narrativ der Krise seit ihren orientalistischen Frühformen eingeschrieben ist, gesellt sich nach 1967 und verstärkt ab den späten 1970er Jahren die intellektuelle Erfahrung und (Selbst-)Erzählung einer politischen Desillusionierung hinzu. Fadi Bardawil hat sie im Bild des „einsamen Wächters“ nachgezeichnet, welcher durch eine postapokalyptische Landschaft seiner früheren Überzeugungen wandert:
Dwelling in the ruins of the Left, the militant intellectual’s locus shifted from the vanguard and ‘organic’ intellectual of the 1960s and 1970s, calling on the masses to revolt, to the individual critic, who has lost his revolutionary organizational moorings, becoming the lone guardian of the Enlightenment’s temple.79
Die Repräsentation des arabischen Intellektuellen als „einsamer Wächter“ eignet sich, um eine gängige Konnotation des arabischen Narrativs der Krise zu veranschaulichen: Es zentriert auf ein kollektiv empfundenes Gefühl politischer Ohnmacht und Isolation ab den späten 1970er Jahren und hat, wie Zeina Halabi herausgearbeitet hat, das Selbstverständnis und Self-Fashioning einer Generation arabischer Intellektueller maßgeblich geprägt.80 Diese wirkmächtige Repräsentation überschattet jedoch, dass zum einen unmittelbar nach 1967 ein Moment linkspolitischer Mobilisierung und revolutionärer Aufbruchsstimmung eine produktive Reaktion auf die Krise der Naksa (an-naksa) – die heute dominante arabische Bezeichnung des Sechstagekrieg – darstellte. Zum anderen, dass selbst in den arabischen ‚bleiernen Jahren‘ ab den späten 1970ern dem Narrativ der Krise, der die Figur des „einsamen Wächters“ (Bardawil) bzw. des „Propheten auf dem Berg Nebo“ (Halabi) entspringt, eine fortdauernde Produktivität im Hinblick auf eine intellektuelle Selbstlegitimierung und – vor allem – eine intellektuelle Vergemeinschaftung zukommt. Im Schatten dieser Intellektuellenrepräsentationen wurde auf die Produktivität der Krise als „Diagnose und Diskursstrategie“81 in der arabischen Ideengeschichte und Kulturproduktion, obwohl maßgeblich von einem fortdauernden Krisennarrativ geprägt, zwar hingewiesen, aber mit wenigen Ausnahmen kaum als solche untersucht.82
Das vorliegende Buch beabsichtigt – durch das Prisma einer arabischen Zeitschrift zwischen den 1960er und 1990er Jahren – einen Beitrag zur Korrektur des schlechten Rufs der Krise in den Nahostwissenschaften leisten, ohne die berechtigte Kritik an ihrem orientalistischen Narrativ zurücknehmen zu wollen, indem es die arabische Zeitschrift als ein produktives Krisenmedium diskutiert.83 Dieses Krisenmedium verhilft dem arabischen Intellektuellen nach 1967 auf die Bühne der Geschichte zu treten und – entgegen der Auffassung seiner Isolation und Vereinzelung – eine intellektuelle Gemeinschaft im Wandel der Zeit, der Zeit dieser Zeitschrift, zu stiften. Die hier sowohl „festgestellte“ als auch „herbeigeführte“ Krise, so werden die folgenden Kapitel zeigen, erweist sich in Diskurs und Form der hier behandelten Zeitschrift maßgeblich als die Erfahrung eines „Bruchs der zeitlichen Vorstellungskraft“, wie Samer Frangie die geistige Disposition des arabischen Intellektueller des späten 20. Jahrhunderts bezeichnet:
[T]he crisis was not only political. It was more fundamentally a breach of the temporal imagination that guided and authorised such projects of emancipation, a disjoining of the neat alignment of past, present and future. The end of the sense of temporal concordance left these intellectuals, to use the words of the Jamaican scholar David Scott, with ‘a certain experience of temporal afterness … in which the trace of futures past hangs like the remnant of a voile curtain over what feels uncannily like an endlessly extending present’.84
Bereits vor mehr als zwanzig Jahren hat Mark Turner das Verhältnis von Zeit und Zeitschrift als die dieses Medium charakterisierende Beziehung bezeichnet: “Time, however you think about it, is essential to what periodical print media is.”85 Dieses Verhältnis begründet sich einerseits formal: Die Zeitschrift definiert sich sowohl in ihrer Periodizität, das heißt durch ihre regelmäßige Publikationsfrequenz, als auch in ihrer Serialität, das heißt in ihrer Eigenschaft als Anschlusslektüre ihrer jeweiligen Vorausgabe, über einen modernen, da linearen Zeitbegriff. Im gleichen Maße, wie sie diesem Zeitbegriff passiv unterworfen ist, strukturiert die Zeitschrift diesen dabei auch aktiv mit: In ihrem Anspruch, zeithistorische Ereignisse für ein zeitgenössisches Publikum zu dokumentieren, organisiert, strukturiert und klassifiziert die Zeitschrift dieses Zeitgeschehen und wird so zu einem Archiv der Gegenwart, das eine zukünftige Geschichtsschreibung überhaupt erst ermöglicht und durch ihre inhaltlichen und formalen Setzungen diskursiv präfiguriert. Zeitschriften, so vor allem auch im Anspruch der Zeitschriftenmacher, spiegeln also ihre Zeit und bringen sie gleichzeitig hervor. Bei Weitem kein neuer Gedanke: Ein unterstelltes enges Verhältnis der Zeitschrift zu ‚ihrer‘ Zeit, wie Moritz Neuffer festhält, lässt sich im deutschsprachigen Raum bereits seit der Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert an den „Theoretisierungen und Idealisierungen des Mediums“ ablesen.86 Jene Funktionsbestimmungen auf einem Spektrum zwischen „Prägekraft und Abbildfunktion“87 zeigen eine Kontinuität bis ins 20. Jahrhundert und lassen sich – wie wir später sehen werden – auch im arabischen Diskurs finden. Zeitschriften, in den Worten von Patrick Eiden-Offe und Moritz Neuffer, reagieren somit auf historische „Zeitenwenden“ und bilden zugleich ihre „Eigenzeiten“ heraus.88 Die Erfahrung einer geteilten Zeit, die im Kontext der Periodika-Rezeption entsteht, ist auch Kernelement der Konstitution einer vorgestellten Gemeinschaft, wie Benedict Anderson sie konzipiert hat. Diese Gemeinschaft konstituiert sich maßgeblich auf der Erfahrung einer Gleichzeitigkeit (simultaneity), welche sich, neben dem Roman, vor allem in der modernen Gattung der Zeitung zeige. Trifft die „Massenzeremonie“ des habituellen morgendlichen Zeitungslesens zwar nicht auf die Zeitschrift zu, so verbindet beide periodischen Formen dennoch, durch ihre Verbindung disparater Ereignisse und Themen aus verschiedenen Bereichen und Orten die im Zuge der Rezeption entstehende Fiktion einer geteilten Raumzeit.89
Damit ist – und das ist so selbstverständlich wie notwendig zu betonen – in Bezug auf jede Form kultureller Materialität die Kategorie der Zeit nicht unabhängig von der Kategorie des Raums zu denken. Dies gilt in besonderem Maße für die Zeitschrift, die sich nicht nur in einer bestimmten historischen Zeit, sondern auch in einem bestimmten nationalen Raum lokalisiert. Erst aus dieser „Konfrontation mit der spezifischen, historisch ausgebildeten Topographie ihres Landes“ gewinnt die politisch-literarische Zeitschrift ihr gesellschaftliches Mandat.90 Obwohl sich ihre Macher in der Regel als intellektuelle Kosmopoliten begreifen und die Zeitschrift qua internationaler Autoren- und Leserschaft sowie Distribution eine transnationale Öffentlichkeit hervorbringt, kommt die Zeitschrift nicht ohne eine solche Verortung aus. So wird am Beispiel von Mawaqif zu untersuchen sein, inwiefern die Zeitschrift Teil eines lokal konstituierten intellektuell-literarischen Felds und dessen Dynamiken ist, das die Knotenpunkte einer Lokalität der Zeitschrift konstituiert, von denen ausgehend diese eine Bewertung von Zeitgeschehen und Geschichte vornimmt.
Die besten Zeiten für Zeitschriften sind also Krisenzeiten? An den Abschluss dieser Überlegung gehört eine Selbstkritik: “Crises loom large in historiography because they are generally more interesting than stability.”91 So blendet die konzeptuelle Zuspitzung der Zeitschrift als Krisenmedium wie auch die biografische Verengung auf die dichten bzw. ‚kritischen‘ Momente der Zeitschriftenbiografie ihre weit zahlreicheren „öden Momente“ aus.92 Die vorangegangenen theoretischen Überlegungen suggerieren, es bestünde eine Konsistenz in der Entwicklung einer Zeitschrift, die es nur zu rekonstruieren gelte. Dieser Eindruck muss daher umgehend demontiert werden, will man diese Gattung ehrlich ernstnehmen.
Biografie als Methodik
Als serielle Publikation deckt die Zeitschrift mit ihrem Erscheinen teils einen sehr großen historischen Zeitraum ab, in dessen Verlauf sie sich in Form und Inhalt und in Abhängigkeit zu ihren personellen, materiellen und gesellschaftlichen Produktionsbedingungen ständig wandelt. ‚Die Zeitschrift‘ Mawaqif ist damit eine Fiktion. Sie existiert nur in 74 physischen Einzelausgaben, wobei Mawaqif 3 eine völlig andere Zeitschrift ist als Mawaqif 68. Macht man sich dies klar, wird die frappante Komplexitätsreduktion deutlich, wenn – wie häufig in der arabistischen Forschung geschehen – die historische Position einer Zeitschrift allein anhand der Positionierung ihrer ersten Ausgabe beurteilt wird. Welche möglichen methodischen Zugangsformen zur Zeitschrift aber gibt es, will man sie als eine Akteurin im historischen Wandel betrachten? Dieses Buch erzählt die Geschichte von Mawaqif, einem unbelebten Printobjekt in 74 Ausgaben, als intellektuelle Biografie.
What’s in a Name? – Zur Besonderheit der Zeitschriftenbiografik
Seit den 1990er Jahren sind Objektbiografien ein wichtiger Bestandteil des methodischen Werkzeugkastens in Archäologie, Ethnologie und Anthropologie. Angesichts eines seit einigen Jahren gestiegenen Interesse an Fragen materieller Kultur erweisen sich nun auch in anderen Disziplinen der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, so das Vorwort eines kürzlich erschienenen Konferenzsammelbands zum Thema, „‚Objektbiographien‘ als griffig anmutende, zugleich aber vielfältig, ja offen gehandhabte Möglichkeit einer Annäherung an die Welt der Dinge.“93 Objektbiografien sind verheißungsvoll, da sie das Augenmerk auf Dinge als Kontaktzone sozialer Beziehungen in Laufe der Geschichte richten. Der erste, der das Potenzial eines solchen Genres erkannte, war der russische Autor und Futurist Sergei Tretjakow. In der „Biographie des Objekts“ sah er eine Chance, eine Biografie nicht des bürgerlichen Individuums, sondern des gesellschaftlichen Kollektivs zu erzählen. Er illustrierte sie am Bild des Fließbands: “On the object’s conveyer belt, the revolution is heard as more resolute, more convincing, and as a mass phenomenon. For the masses necessarily share in the biography of the object. Thus: not the individual person moving through a system of objects, but the object proceeding through the system of people.”94
Das Fließbands und der in dessen Bild eingelassene Klang von Fabriken und Massenproduktion als zeitgenössischem Kolorit des Publikationsjahres 1929 verweisen auf das kommunistische Projekt, das Tretjakows Faszination entzündete. Was seine „Biografie des Objekts“ jedoch mit jüngeren Ansätzen der Objektbiografie verbindet, ist ihr Versprechen, als ein Brennglas auf das soziale Gefüge zu dienen: Objektbiografien ermöglichen, die komplexe Funktionsweise einer vergangenen (oder gegenwärtigen) Gesellschaft, Gemeinschaft oder Gruppe zu rekonstruieren, kristallisiert in der Geschichte eines einzelnen Gegenstands. Nimmt man das Objekt Zeitschrift, erscheint sie besonders vielversprechend: Eine Zeitschrift ist nicht das Werk einer einzelnen Person, sondern das Gemeinschaftswerk einer Produzentengruppe im historischen Wandel. Wenn wir uns also, wie oben gefordert, von einer arabischen Ideengeschichte verstanden als einer Geschichte herausragender solipsistischer Individuen lösen und sie stattdessen als rhizomatischen Prozess von Kooperation und kollektivem Austausch betrachten wollen, dann scheint die Biografie des Objekts Zeitschrift ein überzeugender Ausgangspunkt.
Doch so sehr sich die Objektbiografie als Methode in den Geistes- und Sozialwissenschaften etabliert hat, sie ist hier auch auf berechtigte Kritik gestoßen. So hebt Matthias Jung zwei wesentliche Schwächen der Biografie bei der Anwendung auf Objekte hervor: Erstens ihren oft missachteten Status als Metapher; und zweitens die Verführungskraft der Biografie als narratives Genre. Bleiben wir vorerst bei der Metapher: Jung räumt ein, dass es ein Verdienst der Objektbiografie sei, auf die Tatsache aufmerksam gemacht zu haben, dass Objekte zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten unterschiedliche Funktionen und Bedeutungen haben können. Doch er hält entgegen, dass wenn der metaphorische Charakter verkannt wird, „dies, auch wenn es nicht den Intentionen der Verfasser entspricht, zu einer projektiven Anthropomorphisierung der Objekte [führt].“95
Auch in der vorliegenden Objektbiografie lag die Anthropomorphisierung nicht in der Absicht der Verfasserin. Trotzdem lässt sie sich ganz auf die Metapher ein, schlimmer, sie dehnt sie noch weiter aus: Sie behauptet, eine intellektuelle Biografie der Zeitschrift Mawaqif zu sein. Studien, die sich als „intellektuelle Biografie“ ausweisen (in der Regel über eine bereits bekannte Persönlichkeit innerhalb des etablierten Kanons), erheben einen interessanten Anspruch: Anders als die „gewöhnliche“ Biografie interessiert sich die intellektuelle Biografie für die Institutionen und Personen, die einen herausragende Persönlichkeit der Geistesgeschichte geformt und beeinflusst haben, als auch für das Konstrukt eines Gedankengebäudes, das diese Person repräsentiert. Die intellektuelle Biografie sucht nach den Anfängen, der Beständigkeit und den Brüchen dieses Konstrukts; sie verortet und interpretiert die materielle Produktion, das sogenannte Œuvre, vor dem Hintergrund eines Lebenslaufs. Kurzum: Die profanen, weltlichen Aspekte einer Biografie treten hier zurück hinter die Idee des ‚Geistesmenschen‘. Die Anthropomorphisierung der Zeitschrift wird mit der Metapher der intellektuellen Biografie stark strapaziert, doch sie betont ein weiteres Kuriosum des Gegenstands: Durchblättert man arabische Zeitschriften der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so stellt man fest, dass die soziale Funktion der Zeitschrift beinah ebenso häufig und hitzig diskutiert wurde wie die soziale Rolle des modernen Intellektuellen selbst – und zwar in einer erstaunlichen diskursiven Homologie. Dies, so wurde oben dargelegt und argumentiert dieses Buch folgend entlang der Biografie ihres Gegenstands, ist auf ein Verständnis des Zeitschriftenmachens als Konstitutiv intellektuellen Selbstverständnisses zwischen den arabischen 1960er und 1990er Jahren zurückzuführen. Die Metapher der intellektuellen Biografie erlaubt nun zum einen, die zentrale Rolle der modernen Zeitschrift im Hinblick auf diese kulturelle Performanz zu betonen; und zweitens die Zeitschriftenbiografie als eine kollektive intellektuelle Biografie einer Generation in der aufgeheizten Atmosphäre des späten arabischen 20. Jahrhunderts zu lesen.
Aber in welcher Sprache, in welchem Ton kann eine solche intellektuelle Objektbiografie geschrieben sein? Matthias Jung warnt weiter, dass das eigentliche Problem der Biografie als Metapher in der Sprache selbst liegt. Er sieht einen Erzählzwang, der auch nicht-menschliche Entitäten mit Handlungsfähigkeit ausstattet, und dieser resultiert aus grammatischen Dispositionen: „Der Anthropomorphisierung muss [] keine theoretische Programmatik zugrundeliegen, sie kann sich allein auf der Ebene sprachlicher Darstellung vollziehen.“ Was immer also in die Position des grammatischen Satzsubjekts rückt, „wird zum Subjekt.“96
Und so ist es. Das Schreiben einer Zeitschriftenbiografie ist ein ständiges Hadern mit und verlorener Kampf gegen das Schreiben von Sätzen wie „Mawaqif veröffentlichte einen Artikel über Roland Barthes“; „in den 1970ern waren Mawaqif und Shi’r Antagonisten“; „Mawaqif ignorierte die Widerstandsliteratur, unterstützte aber den palästinensischen Widerstand“ und so weiter. Doch im Hinblick auf die historische Zeitschrift beschränkt sich diese Sprachgewohnheit bei Weitem nicht auf eine Anthropomorphisierung im Rahmen des biografischen Narrativs. Obwohl die Wissenschaft Zeitschriften selten als „autonome Objekte“, wie Latham und Scholes gefordert haben, behandelt hat, fasziniert doch ein diskursiv hervorgebrachtes Phantasma der Zeitschrift als identischer Gestalt: Nicht nur, aber auch im arabischen Sprechen über die Zeitschrift wird sie de facto subjektiviert; das heißt, sie wird syntaktisch, aber auch rhetorisch als handlungsfähige Akteurin behandelt. In Ausblendung ihrer Natur als serielles Printobjekt tritt sie diskursiv als mit sich selbst identische Einheit auf, strukturell einer Person äquivalent. Diese Subjektivierung bzw. Personifizierung der Zeitschrift findet sich nicht nur in den Selbstverständigungstexten von Zeitschriftenmanifesten, sondern auch im historischen und wissenschaftlichen Diskurs: So ist Shi’r eine liberale Zeitschrift, und sie hat die arabische Dichtung revolutioniert, wohingegen Al-Adab den arabischen Nationalismus unterstützt sowie die Prosagattung gefördert hat.97 Die Anthropomorphisierung der Zeitschrift in Form einer grammatikalischen Subjektivierung ist also keineswegs auf das biografische Schreiben beschränkt, sondern scheint etwas mit der Natur dieses Objekts selbst zu tun zu haben.
Der Verdacht: Der Ursprung eines Diskurses der Zeitschrift als subjektivierte Einheit liegt in der Tatsache, dass ihr Titel weniger ein Titel ist, wie der eines Buchs, als vielmehr ein Eigenname. Pierre Bourdieu hat den Eigennamen als „eine der offensichtlichsten Institutionen“ einer „Vereinheitlichung des Selbst“ beschrieben, durch die Identität – „understood as the constancy to oneself of a responsible being that is predictable or at least intelligible“ – sozial und diskursiv konstruiert wird.98 Bourdieus Überlegungen knüpfen hier deutlich an Michel Foucaults Theoretisierung des Autorennamens als diskursiver Ordnungsfunktion, der „Autorfunktion“, an.99 Der Eigenname als Ordnungsfunktion suggeriert damit „eine Kontinuität des biologischen Individuums, welches in Wirklichkeit konstanten Veränderungen und Unterbrechungen unterworfen ist.“100 Der Eigenname als Ordnungsfunktion wird am Beispiel des Zeitschriftennamens besonders evident, handelt es sich bei ihr gerade um kein biologisches Individuum. Diskursiv wirkt also der Eigenname einer Zeitschrift als Marker einer konsistenten Identität im Wandel der Zeit.
Wann immer wir jedoch über das Leben im Sinne eines Verlaufs mit einem Anfang und einem Ende sprechen, wird, so Bourdieu in seinem Aufsatz „L’illusion biographique“, „die Summe der Ereignisse einer individuellen Existenz betrachtet als Geschichte und als Narrativ dieser Geschichte“:
So we may assume that the autobiographical narrative is always at least partially motivated by a concern to give meaning, to rationalize, to show the inherent logic, both for the past and for the future, to make consistent and constant, through the creation of intelligible relationships, like that of the cause (immediate or final) and effect between successive states, which are thus turned into steps of a necessary development.101
Um diesen unvermeidbaren Konstruktionscharakter des biografischen Narrativs nicht länger zu verbergen, sondern transparent zu machen, schlägt Bourdieu ein Verständnis der Biografie nicht als „Lebensgeschichte“ sondern als „Lebenslauf“ (trajectoire) vor, im Sinne einer “Abfolge nacheinander besetzter Positionen durch denselben Akteur (oder dieselbe Gruppe) in einem Raum, der sich selbst konstant entwickelt und Transformationen unterworfen ist.“102
Und hier kommen wir zurück auf die zweite von Jung aufgeworfene Problematik der Objektbiografie, ihrer Narrativität: Auch wenn es dem Soziologen Bourdieu um die Biografie biologischer Individuen geht, so möchte ich hier argumentieren, bietet sich eine kritische Biografie als Methodik, die auf der Anerkennung des synchronen multiplen Charakters des biografischen Subjekts basiert und die Frage des Wandels zentral setzt, für die Erforschung der Geschichte einer Zeitschrift überaus an. Denn sie ermöglicht eine dialektische Position: Sie erkennt die diskursive Praxis eines Sprechens über die Zeitschrift als identische Einheit an („Mawaqif tut dies und das“), während sie gleichzeitig diese Repräsentation dekonstruiert und die ‚Vielheit‘ der Form, das heißt ihren multiplen Charakter aufdeckt. Hierdurch erweist sie sich als geeignetes Werkzeug für die Rekonstruktion, damit Erzählbarkeit, der Geschichte einer Zeitschrift, die im Laufe ihrer Existenz verschiedene Positionen sowohl gleichzeitig als auch nacheinander besetzt, welche in keiner notwendigen Kohärenz zueinander stehen. Der Titel der hier untersuchten Zeitschrift selbst steht Pate für ein Verständnis der Zeitschriftenbiografie als trajectoire: Sie materialisiert sich in ihren einzelnen „Stationen“ bzw. „Positionen“ (mawāqif), wobei jede Ausgabe eine biografische Einzelstation (mawqif) darstellt, die durch ihren lineare Abfolge in Verbindung, jedoch nicht in logischer Konsequenz, zu ihren früheren Positionen steht. Obwohl sie durch ihren Titel und im Rahmen ihrer Performanz Einheit und Konsistenz behauptet, ist sie de facto ein sich ständig wandelndes historisches Objekt, respektive – im Falle von Mawaqif – 74 Objekte unter gleichem Namen. Ihren Fiktions- und Konstruktionscharakter verrät die Zeitschriftenbiografie zudem durch die Masse an Leerstellen und Auslassungen, die jede Biografie auszeichnet: Die Rekonstruktion ihres Lebenslaufs ist durchzogen von nicht dokumentarisch nachvollziehbaren Unterbrechungen und Unregelmäßigkeiten hinsichtlich des Publikationszyklus, der Änderungen der Herausgebergruppe, der Auswahlkriterien und des Lektorats der publizierten Texte, der Unsichtbarkeit nichtpublizierter Texte, damit der ganzen Arbitrarität einer Einzelausgabe als materialisierter biografischer Position.103 Eben hierin offenbart die Zeitschriftenbiografie den fiktiven Charakter einer jeden Biografie.
Die Weltlichkeit der Zeitschrift
Was sind nun die narratologischen Setzungen der vorliegenden Zeitschriftenbiografie? Wie bei der Biografie des menschlichen Subjekts setzt auch sie ein mit der ‚Geburt‘ der Zeitschrift, ihrer Gründung im Jahre 1968, und endet mit dem ‚Tod‘, ihrer Einstellung im Jahre 1994. Ihr Lebenslauf wurde in drei Publikationszeiträume periodisiert, denen die Hauptkapitel gewidmet sind. Für diese Periodisierung als Ordnungsparameter sprechen gute Gründe: Der Umbruch dieser Phasen ist jeweils charakterisiert durch einen fundamentalen Wandel in Mawaqifs Publikationsbedingungen und markiert durch eine längere Unterbrechung ihrer Publikation: Auf ihre erste Beiruter Phase (1968–1975), der post-Naksa-Phase, folgt nach dreijähriger Unterbrechung die zweite Beiruter Phase während des libanesischen Bürgerkriegs (1978–1984) und nach einer weiteren vierjährigen Unterbrechung die dritte Phase, in der die Zeitschrift aus dem europäischen Exil verlegt und herausgegeben wird (1988–1994).
Worum es dieser Biografie geht ist die Rekonstruktion der Weltlichkeit dieser Zeitschrift, um sich Edward Saids Begriff zu bedienen, der sowohl den Text, das heißt die konkrete Zeitschrift als Sequenz physischer Ausgaben in Inhalt und Form, als auch ihre politische, kulturelle, soziale und ökonomische Situation, in deren Abhängigkeit sie erscheint, umfasst.104 Nur durch ein ständiges Changieren zwischen Text und Situation, damit zwischen Nähe und Ferne, Zoom-In und Zoom-Out, kann die Zeitschriftenbiografie der Weltlichkeit ihres Gegenstands und dieser Gattung gerecht werden. Unter die hier berücksichtigten Quellen fallen daher nicht nur die Zeitschrift Mawaqif selbst, sondern auch Interviews mit ihren ehemaligen Produzenten und deren Zeitgenossen, Memoiren und Zeitzeugenberichte, Konferenzdokumentationen, Zeitschriften aus demselben historischen Zeitraum, sowie Sekundärliteratur aus den Bereichen der arabischen Ideen-, Intellektuellen-, Literatur- und Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Die Untersuchung der Zeitschrift als Text umfasst all das, was die Zeitschrift über sich selbst zu sagen imstande ist. Hierunter fallen Texte und Paratexte, Bilder, Abbildungen und gestalterische Elemente, damit die ganze Bandbreite der Miszelleneität. Im Zuge dieser Zoom-Ins geraten so nicht nur ihre Inhalte – das heißt, die von Mawaqif unterstützten Debatten und Themen der diversen Bild- und Textgenres –, sondern auch ihre Form sowie ihr intertextuelles Verhältnis in den Blick. Besonderes Augenmerk gilt den Anschlusslektüren, die die serielle Produktion und Rezeption der Zeitschrift ermöglicht. Diese werden insbesondere da relevant, wo sich eine Debatte über mehrere Folgeausgaben zieht und so jene ‚dichten‘ Momente der Zeitschriftengeschichte erzeugt werden. Kapitel 2 bis 4, welche je einer von Mawaqifs drei Hauptpublikationsphasen gewidmet ist, fokussieren jeweils auf einige derart dichte Jahre der Zeitschriftenbiografie, welche definiert werden durch eine zentrale Debatte, anhand derer Mawaqif sich prominent im intellektuellen Feld ihrer Zeit positioniert und die ihre Außenwahrnehmung in diesem Feld anschließend dauerhaft prägen wird. Im Zuge dieser Distinktionsbewegung berücksichtigt die Analyse auch in gegebenem Rahmen die Positionen anderer Zeitschriften, die Mawaqifs Position in wechselseitiger Abhängigkeit prägen. Besonders nah kommt die Analyse dem Text beim Zoom-In in eine ausgewählte Einzelausgabe am Ende eines jeden Kapitels. In Entlehnung des von Michail Bachtin auf die Romananalyse bezogenen Konzepts105 wird der Chronotopos, das heißt die spezifische Raumzeit einer ausgewählten Zeitschriftenausgabe, analysiert: Eine Zeitschriftenausgabe ist einerseits immer situiert an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit, andererseits entwirft jede ihrer Ausgaben selbst eine interne Raumzeit – im Sinne einer je spezifischen Inverhältnissetzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Referenz auf geografisch lokalisierbare Räume –, die ihren Lesern im Zuge der Rezeption erfahrbar gemacht wird. Die Frage, die sich über eine Analyse des Chronotopos einer Zeitschriftenausgabe stellen lässt, ist nun, in welchem Verhältnis ihre materielle raumzeitliche Verortung – ihre historische Zeit – zu ihrer ideellen raumzeitlichen Verortung – ihrer Eigenzeit – steht, durch welche die Zeitschrift ihre vorgestellte Gemeinschaft je aktualisiert.
Die Untersuchung der Situation der Zeitschrift umfasst die Gesamtheit von Bedingungen und Diskursen, welche auf die Produktion, Distribution und Rezeption der Zeitschrift einwirken. Hier geraten so die allgemeinen ereignisgeschichtlichen und lebensweltlichen Faktoren in einer Publikationsphase in den Blick, die technischen und infrastrukturellen Voraussetzungen, die ihr zur Verfügung stehen, die personelle Situation im Hinblick auf parallele Aktivitäten ihrer Herausgeber und die Topografie der sie umgebenden zeitgenössischen lokalen Zeitschriftenlandschaft. Auch hier folgen die Kapitel 2 bis 4 einem weitestgehend identischen Vorgehen: Jedes beginnt mit der Erfassung der ereignis-, geistes- und mediengeschichtlichen Situation – dem Zoom-Out –, rekonstruiert sowohl die allgemeinen lokalen Produktionsbedingungen der arabischen Kulturzeitschrift als auch Mawaqifs spezifische Produktionsbedingungen in der jeweiligen Publikationsphase. Diese Situierung wird ergänzt durch eine Rekonstruktion des historischen Diskurses zur arabischen Kulturzeitschrift anhand einer Auswertung dreier Konferenzen, die im betreffenden Zeitraum die gesellschaftliche Rolle dieser Gattung diskutieren. Ziel ist es, hierdurch das zu diesem Zeitpunkt jeweils wirksame Legitimationsparadigma der arabischen Kulturzeitschrift und damit das intellektuelle Selbstverständnis ihrer Produzenten sichtbar zu machen, dem auch Mawaqif als Akteurin im kulturellen Feld ihrer Zeit unterworfen ist.
Fragestellung und Methodik dieses Buchs haben sich natürlicherweise auch an begrenzter Zugänglichkeit und Mangel von Quellen geformt. So ist der Fokus auf dem materiellen Endprodukt, der gedruckten Zeitschrift, auch der Tatsache geschuldet, dass sich während der Forschungsphase die über Adunis verlaufenden Redaktionskorrespondenzen der Jahre 1968 bis 1994 nicht einsehen ließen.106 Daher stellten veröffentlichte Memoiren und Gespräche mit ehemaligen Zeitschriftenakteuren die einzige redaktionsgeschichtliche Quelle dar. Die lang zurückliegende Herausgebertätigkeit brachte notwendig immer wieder auch widersprüchliche Aussagen hervor. Zudem zeigte sich erneut, dass Zeitschriften Freundschaftsprojekte sind: Die Entwicklung persönlicher Bindungen, das biografische Mäandern gegenseitiger Zu- und Abneigung, sind nicht nur maßgebliche Faktoren der konkreten publizistischen Zusammenarbeit, sondern prägen auch deren spätere Bewertung. In den Gesprächen war es daher häufig unmöglich, zwischen historischem Fakt und nostalgischer Fiktion zu unterscheiden. Ebenso wichtig war im Kontext dieser Interviews, über welche Themen nicht gesprochen werden konnte. Auch wenn es mir gelang, bestimmte Grundzüge zu erfassen, blieb etwa die Finanzierung der Zeitschrift bis zum Schluss eine Black Box.107 Was mir daher blieb war ein „Verweilen im Zweifel als Methode“, das Manushag Powell allen Zeitschriftenforscher*innen ans Herz legt:
[T]he periodical scholar must take on something approximating John Keats’s notion of negative capability, dwelling in doubt as a methodology. She will then learn to embrace her field’s cacophony as an enabling paradox: for almost every sweeping generalization about what periodicals “do,” it is possible to find compelling examples of them doing precisely the opposite.108
Die vorliegende Zeitschriftenbiografie ist eine Biografie der Wende- und Höhepunkte, die die „öden Momente“ ihrer Geschichte, damit das die Zeitschriftenpraxis auszeichnende repetitive Moment, als auch ihre unbekannten Momente unterbeleuchtet. Sie ist im vollen Bewusstsein geschrieben, dass ihre Selektion ein spezifisches biografisches Narrativ konstruiert. Am Ende verfolgt diese Biografie damit die Absicht einer jeden Biografie: Sie will eine spannende Lebensgeschichte erzählen und zeigen, dass es wert ist, sie zu erzählen.
Why (Arab) Periodical Studies?
Die intellektuelle Biografie der Zeitschrift Mawaqif versteht sich als ein initialer Beitrag zu einem Subforschungsfeld der Periodical Studies mit Schwerpunkt auf den Zeitschriftenkulturen der arabischen Moderne und Gegenwart. Darin verfolgt dieses Buch ein disziplinäres Interesse in zwei Richtungen:
Es tritt einerseits ein für eine stärkere Berücksichtigung der Zeitschriftenkulturen arabischsprachiger Gesellschaften innerhalb der Periodical Studies.109 Die Periodical Studies verstanden sich von Beginn an als inhärent interdisziplinäres Feld: Insofern Zeitschriften traditionell als historische Quellen in unterschiedlichen Disziplinen dienten, öffnen sich, je nach Disziplin, aus der die Forschenden stammen, unterschiedliche Eingangstore zur Zeitschrift als Erkenntniszusammenhang. Sie werden interessant als soziale Praxis, als transtextuelle Gattung und als bibliografisches Objekt, insofern Zeitschriften verschiedene Dinge ‚tun‘, die in die Expertise unterschiedlicher geistes- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen fallen: “They shape the texts and images they contain; they influence intellectual communities and movements; and they serve as a specific form of archive for social and cultural transformation.”110 Gerade weil sie „in der Geschichte der Ideen und Theorien, der Künste und der Wissenschaften der Neuzeit allgegenwärtig [sind]“ und sich damit nicht auf eine wissenschaftliche Disziplin beschränken lassen, erweisen sich Periodika als „theoriebedürftig“.111 Ihre Eigenlogiken verlangen nach spezifischen Methoden, ihre Ubiquität nach interdisziplinären Forschungsansätzen und der Bildung disziplinübergreifender Forschungsnetzwerke. Obwohl Latham und Scholes in ihrem disziplinbegründenden Aufsatz bemerken, dass „Periodical Studies in keiner Weise auf Europa und Nordamerika beschränkt sind“112, ist festzuhalten, dass bis heute innerhalb dieser internationalen Forschungsnetzwerke Forscher*innen und Forschungsgegenstände aus dem Globalen Süden – damit auch der arabischen Welt – in den theoretischen und methodischen Debatten kaum vertreten sind. Der Blick in Zeitschriftenkulturen des Globalen Südens ist jedoch unter anderem deshalb so relevant, da die Zeitschrift in den Ländern der einst sogenannten Dritten Welt zu den Hauptinstrumenten politischer und kultureller Dekolonisierung zählte und maßgeblich an der Hervorbringung lokalspezifischer, alterierender Modernekonzeptionen beteiligt war (und teilweise noch immer ist). Dieses Buch versteht sich somit nicht als rein regionale Ergänzungsleistung innerhalb der vom Globalen Norden dominierten Periodical Studies, sondern als Beitrag zur Erforschung der Zeitschrift als world form (Bulson). So erhofft sich diese Zeitschriftenbiografie auch und vor allem Anschlussfähigkeit an einige oben erwähnte jüngere Studien zur europäischen Linken und ihrer Zeitschriftenkultur im ausgehenden 20. Jahrhundert. Mit den Akteuren dieser Zeitschriften teilten Mawaqifs Akteure – und andere arabische Zeitschriftenmacher ihrer Generation – oft nicht nur einen politisch-ideologischen Werdegang und ähnliche Fragen, für die sie auf dieselben Theoriereferenzen zurückgriffen, sondern sie teilten vor allem auch eine Vorstellung davon, welche Versprechen eine eigene Zeitschrift bereithält. Als postkoloniale Subjekte aber war ihre Situation eine völlig andere, und entsprechend auch die Antworten, die sie in ihren und durch ihre Zeitschriften fanden.
Das Buch plädiert, zum anderen, für eine Integration der Zeitschrift als eigenständigem Forschungsgegenstand in die historisch und kulturwissenschaftlich ausgerichteten Regionalstudien mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika bzw. in die Arabistik als moderne- und gegenwartsbezogener Literatur- und Kulturwissenschaft. Was ist der Grund für die bisherige Vernachlässigung der Zeitschrift in diesen Regionalstudien? Fakt ist – und dies trifft erst einmal auf alle globalen Zeitschriftenkulturen zu –, dass Periodika hochgradig unbequeme Objekte sind, „komplizierte Biester“, wie Manushag Powell so treffend schrieb.113 Sie sind kompliziert aufgrund ihrer sie definierenden Gattungscharakteristika: ihrer namensgebenden Periodizität, ihrer Serialität114, ihrer Miszelleneität115 und ihrer Heteroglossie116. Die ersten beiden Gattungscharakteristika wiegen im Fall historischer arabischer Zeitschriften und ihrer Archivierung besonders schwer: Eine Zeitschrift produziert im Verlauf ihres Erscheinens teils große Textmassen. Nur wenige Bibliotheken führen vollständige physische Ausgabenverläufe arabischsprachiger Zeitschriften.117 Trotz der fortschreitenden Digitalisierung existieren kaum maschinenlesbare Digitalisate, die eine Schlagwortsuche ermöglichen; zudem mangelt es an Auswertungsmethoden großer digitaler periodischer Korpora sowie an best practices im Bereich der kritischen digitalen Edition.118 Dabei beherbergen nicht nur Digitalisate, sondern auch die traditionellen physischen Sammelbindungen arabischer Periodika erhebliche „Löcher im Archiv“, wie Latham und Scholes die Auslassungen von Paratexten bezeichnen, die zugunsten des „literarischen“ Gehalts dieser Zeitschriften oft herausgeschnitten wurden, diese Gattung jedoch maßgeblich definieren.119 Arabische Zeitschriftenforschung ist damit in den allermeisten Fällen auch heute noch mit einer langwierigen analogen Quellenforschung verbunden, deren Resultate verglichen mit dem betriebenen Zeitaufwand oft gering ausfallen, was einer gegenwärtigen wissenschaftlichen Publikationslogik, die Quantität vor Qualität belohnt, zuwiderläuft. Folgen wir also auch hier der These von Latham und Scholes, die sich das gestiegene Interesse an Zeitschriften vor allem durch das Anwachsen digitaler Archive erklären, mag der Stand der Digitalisierung arabischer Periodika – oder allgemeiner: Periodika in nicht-lateinischer Schrift – einer der Gründe sein, warum Forschungsbemühungen in diesen Regionaldisziplinen noch vergleichsweise verhalten sind, obwohl sie auch hier traditionell zu den wichtigsten Quellen historischer Forschung zählen.
Die Entwicklung der modernen Presse war dabei bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert Gegenstand arabischer Forschung.120 Einem nichtarabischsprachigen Publikum wurde die reiche Pressekultur seit der Nahda dann erst durch Amy Ayalons 1995 erschienene Überblicksstudie und bald Referenzwerk The Press in the Arab Middle East zugänglich gemacht.121 Die Zeitschrift (al-maǧalla) im engen Sinne erfuhr in der arabischen Wissenschaftslandschaft und ihren historischen Disziplinen erst in den 1990er Jahren ein verstärktes Interesse. Als Pionierarbeiten sind hier die Studien von Yasir Fahd (Yāsir Fahd) und Hilal Natut (Hilāl Natūt) herauszuheben, beides mehrheitlich deskriptive anthologische Kurzdarstellungen historischer Zeitschriften, an denen die Genese der Gattung exemplarisch nachvollzogen wird.122 Es war Dagmar Glaß, die in ihrer 2004 erschienenen Studie über Al-Muqtataf erstmals die Skizze einer Gattungsgeschichte der frühen arabischen Zeitschrift sowie eine Analyse ihrer kommunikativen Funktionen dargelegt hat.123 2005 verfasste hierauf aufbauend Stephen Sheehi ein Plädoyer für eine stärkere Berücksichtigung arabischer Zeitschriften als eigenständigem Forschungsgegenstand in der Nahda-Forschung.124
Von diesen singulären Beiträgen in den frühen 2000ern abgesehen haben vor allem in den vergangenen Jahren vereinzelt Forschende aus den Nah-, Mittelost- und Nordafrikastudien begonnen, ihre Aufmerksamkeit der arabischen Zeitschrift als autonomem Forschungsobjekt unter Anerkennung dessen spezifischer Regeln und Konventionen zuzuwenden. Die von ihnen vorgeschlagenen theoretischen Zugänge und methodischen Verfahren arbeiten über diese Einzelstudien hinaus einer kritischen kulturwissenschaftlichen Erforschung der arabischen Kulturzeitschrift zu. Angesichts der Bedeutung, die historischen Zeitschriften als eine der Hauptquellen der Nahda-Forschung zukommt, und aufgrund der inzwischen etablierten Ansicht, dass die Nahda als ein Medienwandel verstanden werden müsse, findet sich ein großer Teil experimenteller neuer Forschungsansätze im Feld der frühen arabischen Zeitschrift. Vor allem Barbara Winckler, die die frühe arabische Zeitschrift als Form und kulturelle Institution untersucht, Till Grallert, der die Ideosphäre im spätosmanischen Nahen Osten anhand von Zeitschriftennetzwerken rekonstruiert, und Hala Auji, die zu visuellen Codes arabischer Periodika forscht, sind Vertreter*innen einer neuen arabischen Periodikaforschung mit Schwerpunkt auf dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.125 Ferner wären auch die literaturhistorischen Studien von Maha Abdul-Mageed und Elizabeth Holt zu nennen, die erörtern, inwiefern die serielle Publikation arabischer Prosaliteratur in frühen Periodika eine spezifische, sich maßgeblich von der Buchpublikation unterscheidende Rezeption dieser Texte nahegelegt hat126 sowie die Arbeit von Nevine Fayek zu Zeitschriften als Institutionen früher arabischer Prosadichtung vor 1950.127
Auch im Bereich arabischer Periodika ab 1950 wurden in den vergangenen beiden Jahrzehnten, verstärkt aber auch hier erst in den letzten Jahren, wichtige Beiträge zu deren historischer Erschließung geleistet. Unter diesen Arbeiten dominierte bis noch vor wenigen Jahren ein eher traditioneller Ansatz, der die Zeitschrift als Publikationsort einer spezifischen Debatte oder als sozialen Knotenpunkt einer Gruppe von Produzenten untersucht, dabei in der Regel die oben genannten Gattungsspezifika der Zeitschrift und ihre Eingebundenheit in eine Vielzahl sie determinierender Publikationsbedingungen weitgehend unberücksichtigt lässt. Im Bereich einzelner Fallstudien haben hier vor allem die Arbeiten von Abdarrahim al-Allam (ʿAbd ar-Raḥīm al-ʿAllām) zu Al-Arabi, Sandy Salim Abu Saif (Sāndī Salīm Abū-Saif) und Jak Amatayis (Ǧāk Amātāyīs) zu Shi’r, von Monica Ruocco zu Al-Adab sowie von Kenza Sefrioui zu Souffles/Anfās faszinierende Einblicke in die Geschichte dieser Zeitschriften ermöglicht.128 Auch Kata Mosers Erforschung des Beitrag arabischer Kulturzeitschriften für die Ausbildung der Philosophie als wissenschaftlicher Disziplin hat den Gegenstandsbereich entscheidend erweitert.129 Demgegenüber setzen einige jüngere Publikationen und noch laufende Forschungsprojekte die von ihnen behandelten Zeitschriften stärker selbst ins Zentrum theoretischer Überlegungen. Im Bereich der modernen Literaturgeschichte sind hier, unter anderem, die Studien von Dounia Badini, Otared Haidar und zuletzt vor allem Robyn Creswell zur Zeitschrift Shi’r zu nennen130; Elizabeth Kendall zu Gallery 68 und zur Formation des literarischen Felds in Ägypten in den 1960er Jahren131; oder Anne-Marie McManus zur Rolle von Literaturzeitschriften als Vernetzungsort arabischer Literaten zwischen Maghreb und Mashriq132. Wichtige Ansätze und Perspektiven zur Rolle von Printpraktiken und insbesondere Zeitschriften für die arabische Literatur- und Kulturgeschichte brachten in den vergangenen Jahren zudem zwei Zeitschriftensonderausgaben zusammen.133
Im Fahrwasser eines seit einigen Jahren gesteigerten Interesses am 20. Jahrhundert als einer Global- bzw. Verflechtungsgeschichte profitiert glücklicherweise auch die Zeitschrift als Weltgattung. Die Rolle von spezifischen Zeitschriften in der Ära der Dekolonisierung, im kulturpolitischen Kontext des Kalten Kriegs und im Hinblick auf die Genese und Entwicklung einer transnationalen Linken – die für diese Studie besonderes anschlussfähig ist – behandelten in jüngster Zeit einige kunstgeschichtliche Arbeiten, darunter besonders jene von Claire Davies und Zeina Maasri134, einige stärker literaturhistorisch verankerte Studien, wie etwa von Elizabeth Holt, Hala Halim und Olivia Harrison135, mehrere in der Intellektuellengeschichte verortete Publikationen, darunter insbesondere jene von Joseph Ben Prestel und Yoav Di-Capua136, wie auch vereinzelte sozialwissenschaftliche Arbeiten, hier insbesondere Adélie Chevée, die (Zeitschriften-)Publizistik im Kontext der syrischen Revolution untersucht.137 Dabei sind derartige disziplinäre Zuordnungen in vielen Fällen nicht hinreichend, da die Zeitschrift, als Quelle wie als Gattung, den Blick zwingend auf die Interdependenz politischer, sozialer und künstlerischer Diskurse und Praktiken lenkt, worin sowohl Chance als auch Herausforderung des Gegenstands begründet liegt.
Das jüngst gesteigerte Interesses an der arabischen Zeitschrift als Erkenntniszusammenhang beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Wissenschaft. Auch in der zeitgenössischen Kunst zeigt sich aktuell eine Hinwendung zu den Printpraktiken des 20. Jahrhunderts und zur Zeitschrift als Gegenstand künstlerischer Forschung. Mirene Arsanios’ Essay “Comparative Notes on the Cultural Magazine in Lebanon”, in dem erstmals einige zentrale Fragen an die arabische Kulturzeitschrift als kulturellem Phänomen aufgeworfen werden – und dem dieses Buch wegweisende Inspiration verdankt – entstand 2011 im Kontext des Projekts “On Publications” der von Mirene und Marwa Arsanios gegründeten Beiruter Künstler*inneninitiative 98Weeks, das beabsichtigte, über das Ausstellen von Objekten arabischer Printkultur, darunter historische Zeitschriften, das Lesen dieser Artefakte als eine Praxis der Moderne zu erkunden.138 Das in Berlin tätige syrische Künstlerkollektiv Fehraz Publishing Practices setzt ebenfalls den Schwerpunkt künstlerischer Forschung auf historische Printpraktiken. Ihr aktuelles Projekt “Borrowed Faces: Stories of Publishers During the Cold War” rekonstruiert die Geschichte des arabischen Printsektors der 1950er und 60er Jahre und seiner Netzwerke anhand von monografischen und periodischen Publikationen jener Jahrzehnte; das künstlerische Medium zur Ausstellung dieses Rechercheprozesses ist wiederum selbst eine aus diesem Prozess hervorgehende Zeitschrift.139 Und ein letztes aktuelles Beispiel: Zugehörig zu ihrer Installation “Dreams Have No Titles” über die Langen Sechziger Jahre in Algerien, mit der Zineb Sedira den französischen Pavillon der 59. Biennale Venedig bespielte, publizierte die französische Künstlerin begleitend eine dreiteilige Zeitungsserie, die sie als explizite Hommage an die berühmte marokkanische Kulturzeitschrift Souffles/Anfas anlegte.140
Diese kurze und bei Weitem nicht erschöpfende Skizze zeigt ein neu erwachtes Interesses an der historischen arabischen Zeitschrift in Wissenschaft und Kunst. Sie vermittelt aber auch die Heterogenität möglicher disziplinärer Zugänge zum Gegenstand Zeitschrift im Sinne eines eigenständigen Felds, das hier versucht wurde, zu umreißen. Eine stärkere Zusammenführung dieser oft isolierten Ansätze als auch eine Integration künstlerischer Forschung in die Arab Periodical Studies – wie dieses Feld hier im Interesse der diskutierten zweifachen Öffnung genannt werden soll – ist nötig, um geteilte Fragen und Überschneidungsbereiche transparent zu machen und um, wie Latham and Scholes zurecht fordern, Zeitschriftenforschung als ein notwendig kollektives Unternehmen zu begreifen.141 Wenn häufig auch nur implizit, so eint doch ein Aspekt die genannten Publikationen und Projekte: Über die Zeitschrift soll und kann eine neue und korrigierte Perspektive auf etablierte Ansichten der arabischen Ideen-, Literatur- und Kunstgeschichte gewonnen werden.
Suhail Idrīs, Editorial, Al-Ādāb, Nr. 2 (1973): 2.
Die Eingangssequenz dieser Einleitung ist in ähnlicher Form erschienen in meinem Essay: Yvonne Albers, „Beginnen, aufhören, neu anfangen: Über die Zeitschrift Mawaqif und einige Stationen des arabischen Intellektuellen seit 1968“, Eurozine, 26. Juli 2018, www.eurozine.com.
Hierzu vor allem: Monica Ruocco, L’Intelletuale arabo tra impegno e dissenso. Analisi della rivista libanese al-Adab (1953–1994) (Rom: Jouvence, 1999).
Zum Verhältnis beider Zeitschriften und ihrer Chefredakteure siehe: Verena Klemm, Literarisches Engagement im arabischen Nahen Osten: Konzepte und Debatten (Würzburg: Ergon, 1998); Yoav Di-Capua, No Exit: Arab Existentialism, Jean-Paul Sartre, and Decolonization (Chicago: University of Chicago Press, 2018); Omar Kamil, „Februar 1967: Sartre in Kairo“, in Le Régard du Siècle: Claude Lanzmann zum 90. Geburtstag: Ein internationales Symposium, hg. von Susanne Zepp (Baden-Baden: Tectum, 2017), 107–34.
Eric Bulson, Little Magazine, World Form (New York: Columbia University Press, 2019).
In Klammern ist jeweils die Zeitspanne der Mitgliedschaft angeführt, wobei die Angaben in Mawaqifs Impressum nicht notwendig deckungsgleich mit der praktischen Redaktionsaktivität der jeweiligen Personen sind. Viele spielten schon früher eine aktive Rolle, wurden jedoch erst später offiziell als Herausgeber angeführt (z.B. Khalida Said, Elias Khoury oder Diya’ al-Azzawi). Dabei berücksichtigt die Aufzählung diejenigen ehemaligen Herausgeber, die mehr als drei Jahre Teil der Gruppe waren und regelmäßig Beiträge in der Zeitschrift veröffentlichten, oder, die nur kurzzeitig Teil der Gruppe waren, dennoch aber die Zeitschrift wesentlich mitgeprägt haben. Nicht aufgeführt werden neben den kurzzeitigen, weniger prominenten Herausgebern außerdem solche Akteure, die nicht offiziell im Impressum als Herausgeber geführt wurden, obwohl sie eine wichtige Rolle, etwa als Übersetzer, für die Zeitschrift spielten. Ihnen wird jedoch an entsprechender Stelle in diesem Buch Aufmerksamkeit zuteil.
Aufgrund der starken Schwankungen des Libanesischen Pfund zwischen 1968 und 1994 bietet eine Angabe der Preisentwicklung im vergleichsweise stabilen US-Dollar einen besseren Vergleich. Die Angabe orientiert sich dabei nicht am Dollar-Preis für eine Ausgabe, wie er im Zeitschriftenimpressum angegeben wird (da dieser Versandgebühren beinhaltet), sondern am historischen Wechselkurs.
Siehe etwa: Sabry Hafez, “Cultural Journals and Modern Arabic Literature: A Historical Overview”, Alif: Journal of Comparative Poetics, Nr. 37 (2017): 33; Fouad Ajami, The Dream Palace of the Arabs: A Generation’s Odyssey (New York: Pantheon Books, 1998), 121.
There Are So Many Things Still to Say [Wa-hunāka ašyāʾ kaṯīra kān yumkin an yataḥaddaṯ ʿanhā al-marʾ…]: Interview with Saʿdallāh Wannūs (Arte, 1997).
Zum Forschungsstand siehe das letzte Unterkapitel der Einleitung.
Der Begriff der Zeitschrift als Akteurin wird hier mehr metaphorisch als analytisch verwendet und ist daher nicht gleichbedeutend mit Latours non-human actor, wenngleich dessen Netzwerk-Theorie der Zeitschriftenforschung neue Türen öffnet. Siehe etwa: Nathan K. Hensley, „Network: Andrew Lang and the Distributed Agencies of Literary Production“, Victorian Periodicals Review 48, Nr. 3 (2015): 359–82. Eine konsequente Konzeptionalisierung der Zeitschrift als kulturelle Akteurin nehmen Stephen Parker und Matthew Philpotts in ihrer literatursoziologischen Studie zur Zeitschrift Sinn und Form vor: Stephen Parker und Matthew Philpotts, Sinn und Form: The Anatomy of a Literary Journal, Bd. 6, Interdisciplinary German Cultural Studies (Berlin / New York: De Gruyter, 2009).
Siehe das folgende Unterkapitel „Biografie als Methodik“.
Lepsius Rainer M., „Kritik als Beruf: Zur Soziologie des Intellektuellen“, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Nr. 1 (1964): 82. Zitiert in: Roman Léandre Schmidt, Lettre International. Geschichte einer europäischen Zeitschrift (Paderborn: Wilhelm Fink, 2017), 38.
Dieses erste Begriffsverständnis folgt dem eigentlichen Gebrauch von „Vergemeinschaftung“ als Begriff der (Intellektuellen-)Soziologie und geht zurück auf den französischen Begriff der sociabilité intellectuel. Vgl. Schmidt, Lettre International: Geschichte einer europäischen Zeitschrift, 70f. Schmidt verweist weiter auf Pluet-Despatin: „Une contribution à l’histoire des intellectuels: les revues“.
Benedict Anderson, Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism (London: Verso Books, 2006).
Daniel Morat, „Intellektuelle und Intellektuellengeschichte“, Docupedia-Zeitgeschichte: Begriffe, Methoden und Debatten der zeithistorischen Forschung (blog), 20. November 2011, docupedia.de.
Ingrid Gilcher-Holtey, „Prolog: Eingreifendes Denken“, in Eingreifendes Denken: Die Wirkungschancen von Intellektuellen (Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2007), 14.
Für eine umfassende Darstellung der Beziehung von Zeitschriften und Intellektuellenfigur im europäischen Kontext, die auch diesen Abschnitt informiert hat, siehe: Schmidt, Lettre International: Geschichte einer europäischen Zeitschrift, 29–41. Für den französischen Kontext gelten vor allem die Arbeiten von Jean-Francois Sirinelli in den späten 1980er Jahren als forschungsprägend, an deren Schule sich auch der intellektuellensoziologische Ansatz von Leyla Dakhli orientiert: Leyla Dakhli, Une génération d’intellectuels arabes: Syrie et Liban (1908–1940), Collection Terres et gens d’islam (Paris: Éd. Karthala, 2009).
Für den hier untersuchten Publikationszeitraum im westdeutschen Kontext besonders aufschlussreich sind die Arbeiten von Roman Léandre Schmidt, Henning Marmulla und Moritz Neuffer: Henning Marmulla, Enzensbergers Kursbuch: Eine Zeitschrift um 68 (Berlin: Matthes & Seitz, 2011); Schmidt, Lettre International: Geschichte einer europäischen Zeitschrift; Moritz Neuffer, Die journalistische Form der Theorie: Die Zeitschrift “alternative”, 1958–1982 (Göttingen: Wallstein, 2021). Im Kontext der ostdeutschen Geschichte siehe etwa: Parker und Philpotts, Sinn und Form: The Anatomy of a Literary Journal.
Vom arabischen Verb na-ha-ḍa (sich erheben, erwachen). Um frühere eurozentrische Nomenklaturen in der Übersetzung zu vermeiden („Renaissance“) hat sich der Begriff des „Erwachens“ etabliert, jedoch fokussiert auch dieser, wie Christian Junge festhält, auf das Ende einer Zeit des Niedergangs oder Stillstands, al-inḥiṭaṭ, wie die postklassische Phase unter osmanischer Herrschaft in der arabischen Geschichtsschreibung bezeichnet wird. Als wertfreiere Übersetzungsvariante gilt daher heute der Begriff der „Erneuerung“ (renewal). Zur Nahda als Begriff, Projekt und Epoche siehe: Christian Junge, Die Entblößung der Wörter: Aš-Šidyāqs literarische Listen als Kultur- und Gesellschaftskritik im 19. Jahrhundert (Wiesbaden: Reichert, 2019), 22–25.
Zur aktuellen Kritik an diesem Narrativ siehe v.a.: Nadia Bou Ali, “Collecting the Nation: Lexicography and National Pedagogy in al-Nahda al-’arabiya”, in Archives, Museums and Collecting Practices in the Modern Arab World, hg. von Sonja Mejcher-Atassi und John Pedro Schwartz (Farnham: Ashgate, 2012), 33–56; Auji, Hala, Printing Arab Modernity: Book Culture and the American Press in Nineteenth-Century Beirut (Leiden: Brill, 2016); Stephen Sheehi, “Towards a Critical Theory of Al-Nahḍah: Epistemology, Ideology and Capital”, Journal of Arabic Literature 43, Nr. 2–3 (2012): 269–98.
Dyala Hamzah, Hrsg., The Making of the Arab Intellectual: Empire, Public Sphere and the Colonial Coordinates of Selfhood, 18 (London: Routledge, 2013); Dakhli, Une génération d’intellectuels arabes.
Dyala Hamzah, “Introduction: The Making of the Arab Intellectual (1880–1960): Empire, Public Sphere and the Colonial Coordinates of Selfhood”, in The Making of the Arab Intellectual (1880–1960): Empire, Public Sphere and the Colonial Coordinates of Selfhood, hg. von Dyala Hamzah (London: Routledge, 2013), 1 f.
Albert Hourani, Arabic Thought in the Liberal Age, 1798–1939 (London: Oxford University Press, 1962).
Hamzah, “Introduction”, 7.
Hamzah, 10. Dies, so Hamzah, sei folgend die Absicht der Beiträge des Sammelbandes.
Die Unterscheidung zwischen einer Zeitung, die der täglichen Berichterstattung vorbehalten ist, und der Zeitschrift etablierte sich erst zum Ende des 19. Jahrhunderts: al-ǧarīda und al-maǧalla sind seitdem die Bezeichnungen für die zwei Hauptformen periodischer Publikation, während sie vorher in der Regel unter dem französischen Lehnwort ǧurnāl zusammengefasst worden waren. Maǧalla als „Ort“ oder „Dokument wo eine Sache erhellt wird“ ist bis heute die vorherrschende Bezeichnung für die Zeitschrift. Adīb Mrūwah, Aṣ-ṣiḥāfa al-ʿarabīya: Našāṭuhā wa-tatawwuruhā (1961), zitiert in Dagmar Glaß, Der Muqtaṭaf und seine Öffentlichkeit: Aufklärung, Räsonnement und Meinungsstreit in der frühen arabischen Zeitschriftenkommunikation, Bd. 1 (Würzburg: Ergon, 2004), 123.
Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990). Siehe in Referenz auf Habermas etwa: Glaß, Der Muqtaṭaf und seine Öffentlichkeit, 1:59; Stephen Sheehi, “Arabic Literary-Scientific Journals: Precedence for Globalization and the Creation of Modernity”, Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East 25, Nr. 2 (2005): 438–48; Elizabeth M. Holt, “Serialization and Silk: The Emergence of a Narrative Reading Public of Arabic in Beirut, 1870–1884” (New York, Columbia University, 2009), 17.
Anderson, Imagined Communities. Siehe in Referenz auf Anderson etwa: Sheehi, “Arabic Literary-Scientific Journals”, 440; Nadia al-Bagdadi, Vorgestellte Öffentlichkeit: Zur Genese moderner Prosa in Ägypten 1860–1908 (Wiesbaden: Reichert, 2010); Glaß, Der Muqtaṭaf und seine Öffentlichkeit, 1:58; Elizabeth M. Holt, “Narrative and the Reading Public in 1870s Beirut”, Journal of Arabic Literature 40, Nr. 1 (1. Mai 2009): 42.
Anderson, Imagined Communities, 46.
Sheehi, “Arabic Literary-Scientific Journals”, 447.
Heute bezeichnet der Begriff adab im säkularen Kontext fast ausschließlich die „Literatur“ im belletristischen Sinne. Zum Begriffswandel von adab in dieser Phase siehe: Elisabeth Kendall, Literature, Journalism and the Avant-Garde: Intersection in Egypt (London: Routledge, 2006), 30; F. Gabrieli, „Adab“, in Encyclopaedia of Islam, Second Edition, hg. von P. Bearman, Th. Bianquis, C.E. Bosworth, E. van Donzel, W.P. Heinrichs., 24. April 2012; al-Bagdadi, Vorgestellte Öffentlichkeit, 23–24. Siehe vor allem auch: Michael Allan, “How Adab Became Literary: Formalism, Orientalism and the Institutions of World Literature”, Journal of Arabic Literature 43, Nr. 2–3 (1. Januar 2012): 172–96.
Muhsin J al-Musawi, The Medieval Islamic Republic of Letters: Arabic Knowledge Construction (Notre Dame: University of Notre Dame Press, 2015). Zitiert in: Teresa Pepe, “Critics, Moralists and Intellectuals: The Transformation of the Udabāʿ in the Arab Nahḍah: A Historical-Conceptual Approach”, Oriente Moderno 99, Nr. 1–2 (2019): 184.
Pepe, “Critics, Moralists and Intellectuals: The Transformation of the Udabāʿ in the Arab Nahḍah: A Historical-Conceptual Approach”, 185–92.
Sheehi, “Arabic Literary-Scientific Journals”, 444.
Glaß, Der Muqtaṭaf und seine Öffentlichkeit, 1:147.
Ilyās Ḫūrī, „Al-baḥṯ ʿan dawr mumkin: Ḥawla dawr al-maǧallāt aṯ-ṯaqafīya fī ḥarakat at-taḥarrur al-waṭanī wa-t-taqaddum al-iǧtimāʿī“, Al-Ādāb, Nr. 12 (1974): 13. Saghieh in: Mirene Arsanios, “Comparative Notes on the Cultural Magazine in Lebanon”, Ibraaz, 2011. www.ibraaz.org.
Siehe etwa das laufende Promotionsprojekt von Katrin Köster (Universität Leipzig): “The Alawite Awakening (Yaqẓat al-ʿAlawiyīn): The Alawite Reform Movement during the first decades of the twentieth century in the context of the Arabic Nahḍa”.
Siehe etwa das laufende Promotionsprojekt von Mariam Elashmawy (Freie Universität Berlin): “The Commendatory Republic: Al-Taṣawwuf al-Islāmī, Community-Making, and the Network of Commendations in al-Ma’rifā”
al-Bagdadi, Vorgestellte Öffentlichkeit.
Kendall, Literature, Journalism and the Avant-Garde, 38.
Für einen Überblick: Hilāl M. Natūt, Aṣ-ṣiḥāfa al-mutaḫaṣṣaṣa fī Miṣr wa Lubnān (Bairūt: Dār al-Ḫuḍr, 1994). Zum (natur)wissenschaftlichen Journalismus: Radwan Mawlawi, “Arab Scientific Journalism: Achievements and Aspirations”, Impact of Science on Society, Nr. 38 (1988): 397–409. Zum philosophischen Journalismus: Kata Moser, Akademische Philosophie in der arabischen Welt: Inhalte, Institutionen, Periodika (Berlin: Klaus Schwarz Verlag, 2018).
Yoav Di-Capua, “The Intellectual Revolt of the 1950s and the ‘Fall of the Udabāʾ’”, in Commitment and Beyond: Reflections on/of the Political in Arabic Literature since the 1940s, hg. von Friederike Pannewick, Georges Khalil und Yvonne Albers (Wiesbaden: Reichert, 2015), 100. Di-Capua führt, wie auch Verena Klemm, die historische Debatte zwischen Taha Hussein und Raif Khoury als Beleg für einen Generationenwandel im Verständnis der gesellschaftlichen Rolle von Literatur, damit auch des adīb, an.
Di-Capua, 92 ff.
Di-Capua, 99.
Pepe, “Critics, Moralists and Intellectuals: The Transformation of the Udabāʿ in the Arab Nahḍah: A Historical-Conceptual Approach”, 193ff.
Ḍāhir al-ʿAkkārī, Aṣ-ṣiḥāfa aṯ-ṯawrīya fī Lubnān 1925–1975 (Bairūt: Dār al-Fārābī, 1975), 15.
Pepe, “Critics, Moralists and Intellectuals: The Transformation of the Udabāʿ in the Arab Nahḍah: A Historical-Conceptual Approach”, 195f.
Dabei soll nicht unterschlagen werden, dass auch Damaskus und Bagdad wichtige Zentren der arabischen Publizistik zur Zeit der Nahda waren, die dennoch hinter der Rolle von Beirut und Kairo zurücktreten.
Ami Ayalon, The Press in the Arab Middle East: A History (New York: Oxford Univ Pr, 1995), 40ff; Glaß, Der Muqtaṭaf und seine Öffentlichkeit, 1:74ff.
Die von Khoury verwendete Formulierung der „zweiten Nahda“ hatte sich als Begriff im arabischen Diskurs bereits kurz nach 1967 etabliert. Elizabeth Suzanne Kassab, Contemporary Arab Thought: Cultural Critique in Comparative Perspective (New York: Columbia University Press, 2010), 20.
Ilyās Ḫūrī, „Min aǧli nahḍa ṯāliṯa“, Aṭ-Ṭarīq 1 (2002): 29–38. Zitiert aus der englischen Übersetzung: Elias Khoury, “For a Third Nahda”, in Arabic Thought against the Authoritarian Age: Towards an Intellectual History of the Present, hg. von Jens Hanssen und Max Weiss, übers. von Max Weiss (Cambridge: Cambridge University Press, 2018), 364.
Zum Begriff des Leitmediums: Daniel Müller, Annemone Ligensa, und Peter Gendolla, Hrsg., Leitmedien: Konzepte – Relevanz – Geschichte (Bielefeld: Transcript, 2009).
Hiervon zeugen die in den Kapitel 2, 3 und 4 diskutierten Zeitschriftenkonferenzen der 1970er bis 1990er Jahre.
Edward W. Said, Representations of the Intellectual: The 1993 Reith Lectures (New York: Vintage Books, 1996), 13.
Stephen Greenblatt, Renaissance Self-Fashioning: From More to Shakespeare (Chicago: The University of Chicago Press, 1980).
Zeina G. Halabi, The Unmaking of the Arab Intellectual: Prophecy, Exile, and the Nation, Edinburgh Studies in Modern Arabic Literature (Edinburgh: Edinburgh University Press, 2017).
Zum Begriff des „Denkkollektivs“ bei Ludwig Fleck sowie dem aktuellen Fokus der Intellektuellengeschichte auf Gruppen und andere Kollektivformen in der deutschen Forschung siehe: Morat, „Intellektuelle und Intellektuellengeschichte“. Siehe auch die 2020 vom Zentrum von Literaturforschung und Simon-Dubnow-Institut Leipzig organisierte Veranstaltung: „Schulen, Gruppen, Stile: Denken, kollektiv betrachtet.“ ZfL Berlin, 14. Februar 2020.
Robyn Creswell, City of Beginnings: Poetic Modernism in Beirut (Princeton: Princeton University Press, 2019). Siehe auch Elizabeth Suzanne Kassab: “Summoning the Spirit of Enlightenment: On the Nahda Revival in Qadaya wa-Shahadat”, in Arabic Thought against the Authoritarian Age: Towards an Intellectual History of the Present, hg. von Jens Hanssen und Max Weiss (Cambridge: Cambridge University Press, 2018), 311–35.
Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie: Geschichte einer Revolte 1960–1990 (München: Beck, 2015); Ulrich Raulff, Wiedersehen mit den Siebzigern: Die wilden Jahre des Lesens (Stuttgart: Klett-Cotta, 2014).
Fadi A. Bardawil, Revolution and Disenchantment: Arab Marxism and the Binds of Emancipation (Durham: Duke University Press, 2020).
Interviews wurden geführt mit: Adunis, Khalida Said, Abbas Beydoun, Elias Khoury, Fadia Giha (Maktabat Ra’s Beirut), Fawwaz Traboulsi (CAMES, AUB), Samer Sayigh, Aboude Abou Jaoude (Dar al-Furat).
ʿAlī Ǧaʿfar al-ʿAllāq, „Al-maǧalla aṯ-ṯaqāfīya al-ʿarabīya: Sulṭat al-wāqiʿ… am šahwat al-ḥulm?“, Al-Ādāb 7–9 (1990): 22.
Siehe hierzu auch den kurzen Essay der libanesischen Malerin und Schriftstellerin Etel Adnan zu den für sie relevanten Zeitschriften: Etel Adnan, “On Small Magazines”, Bidoun, www.bidoun.org.
In Bezug auf die arabische Kulturproduktion siehe das von meinen Kolleg*innen Ines Braune und Felix Lang verfasste Kapitel zu „Kulturellen Praktiken“ in: Yvonne Albers, Ines Braune, Christian Junge, Felix Lang, Friederike Pannewick, Arabistik: Eine literatur- und kulturwissenschaftliche Einführung (Stuttgart: J.B. Metzler, 2020).
Pierre Bourdieu, Die Regeln der Kunst: Genese und Struktur des literarischen Feldes, 6. Aufl. (2001; repr., Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2014), 365.
Bourdieu, 432.
Matthew Philpotts, “The Role of the Periodical Editor: Literary Journals and the Editorial Habitus”, The Modern Language Review 107, Nr. 1 (Januar 2012): 39–64. Philpotts baut hier vor allem auf Bourdieus „doppelte Persönlichkeit des Herausgebers“ an, wie von diesem beschrieben in: Pierre Bourdieu, „Une révolution conservatrice dans l’édition“, Actes de la recherche en sciences sociales 126, Nr. 1 (1999): 3–28.
Manushag N. Powell, “We Other Periodicalists, or, Why Periodical Studies?”, Tulsa Studies in Women’s Literature 30, Nr. 2 (2011): 445.
Schmidt, Lettre International: Geschichte einer europäischen Zeitschrift, 177.
Erdmut Wizisla, Benjamin und Brecht: Die Geschichte einer Freundschaft, Erstausgabe (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2004), 130. Siehe auch: Roman Léandre Schmidt, „Utopisch scheitern. Zwei Zeitschriftenprojekte“, Eurozine, 26. Mai 2010. www.eurozine.com.
Janet Roitman, “Crisis”, Political Concepts: A Critical Lexicon, 2012. www.politicalconcepts.org.
Reinhart Koselleck, Kritik und Krise: Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, 8. Aufl, 36 (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997).
Israel Gershoni, “The Theory of Crisis and the Crisis in a Theory: Intellectual History in Twentieth-Century Middle Eastern Studies”, in Middle East Historiographies: Narrating the Twentieth Century, hg. von Israel Gershoni, Amy Singer, und Y. Hakan Erdem (Seattle: University of Washington Press, 2006), 134.
Gershoni, 151.
Gershoni, 172f.
Samer Frangie, “Theorizing from the Periphery: The Intellectual Project of Mahdi ’Amil”, International Journal of Middle East Studies 44, Nr. 3 (2012): 466–67.
Max Weiss und Jens Hanssen, “Introduction: Arabic Intellectual History between the Postwar and the Postcolonial”, in Arabic Thought against the Authoritarian Age: Towards an Intellectual History of the Present, hg. von Jens Hanssen und Max Weiss (Cambridge: Cambridge University Press, 2018), 20. Siehe auch: Jens Hanssen, “Crisis and Critique: The Transformation of the Arab Radical Tradition between the 1960s and the 1980s,” in The Arab Lefts: Histories and Legacies, 1950s–1970s, ed. Laure Guirguis (Edinburgh University Press, 2020), 222–42.
Fadi A. Bardawil, “The Inward Turn and Its Vicissitudes: Culture, Society, and Politics in Post-1967 Arab Leftist Critiques”, in Local Politics and Contemporary Transformations in the Arab World: Governance Beyond the Center, hg. von Malika Bouziane, Cilja Harders und Anja Hoffmann, Governance and Limited Statehood (Houndmills: Palgrave Macmillan, 2013), 102.
Halabi, The Unmaking of the Arab Intellectual: Prophecy, Exile, and the Nation. Halabis Ausgangspunkt ist das making-of einer Intellektuellenrepräsentation mit vergleichbarer Konnotation: Der „Intellektuellen-Prophet“ (hier: Mahmoud Darwish) auf der Spitze des Bergs Nebo. Vgl. 3ff.
Henning Grunwald und Manfred Pfister, Hrsg., Krisis! Krisenszenarien, Diagnosen und Diskursstrategien (Paderborn München: Fink, 2006), 9.
Eine wichtige Ausnahme ist der Sammelband von Richard Jacquemond und Felix Lang, Hrsg., Culture and Crisis in the Arab World: Art, Practice and Production in Spaces of Conflict (London: I.B. Tauris, 2019). Der Band behandelt aus Perspektive der Bourdieuschen Feldtheorie die Produktivität politischer Krisen in Bezug auf die gegenwärtige arabische Kulturproduktion. Zum zu Grunde gelegten Krisenbegriff siehe hier: Felix Lang, “Beauty, Goodness and Bombs: The Role of Political Crisis in Structuring the Arab Field (s) of Cultural Production”, in Culture and Crisis in the Arab World: Art, Practice and Production in Spaces of Conflict, hg. von Richard Jacquemond und Felix Lang (London: I.B. Tauris, 2019), 13–38.
Den Begriff des „Krisenmediums“ nutzt auch Moritz Neuffer im Kontext der Geschichte der Zeitschrift alternative. Er kann damit als einer von vielen Ausgangspunkten dienen, die Zeitschrift als world form in ihrer je spezifischen historischen und geografischen Situiertheit zu denken. Neuffer, Die journalistische Form der Theorie, 41.
Samer Frangie, “After the Revolutions: Inheriting Tragedy”, in The Time Is out of Joint, hg. von Abou El Fetouh und Ala Younes, Bd. 1 (Sharjah: Sharjah Art Foundation, 2016), 131.
Mark W. Turner, “Periodical Time in the Nineteenth Century”, Media History, 8, Nr. 2 (2002): 183.
Moritz Neuffer, Editorial, Internationales Archiv Für Sozialgeschichte Der Deutschen Literatur 45, Nr. 1 (20. Juni 2020): 106. Siehe zum Verhältnis von Zeit und Zeitschrift auch den Beitrag von Nora Ramtke in derselben Ausgabe: Nora Ramtke, „Zeitschrift und Zeitgeschichte. Die Zeiten (1805–1820) als chronopoetisches Archiv ihrer Gegenwart“, IASL 45, Nr. 1 (2020): 112–34.
Neuffer, Editorial, 107.
Patrick Eiden-Offe und Moritz Neuffer, „Was ist und was will kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung?“, ZfL Blog, 19. November 2018. www.zflprojekte.de.
“[I]f we now turn to the newspaper as cultural product, we will be struck by a profound fictiveness. What is the essential literary convention of the newspaper? If we were to look at a sample of, say, The New York Times, we might find [] stories about Soviet dissidents, famine in Mali, a gruesome murder, a coup in Iraq, the discovery of a rare fossil in Zimbabwe, and a speech of Mitterand. Why are these events so juxtaposed? What connects them to each other? Not sheer caprice. Yet obviously most of them happen independently, without the actors being aware of each other or of what the others are up to. The arbitrariness of their inclusion and juxtaposition […] shows that the linkage between them is imagined.” Anderson, Imagined Communities, 33.
Schmidt, „Engagement und Widerstand: 70 Jahre Les Temps Modernes“, 96.
Rüdiger Graf und Konrad H. Jarausch, ““Crisis” in Contemporary History and Historiography”, Docupedia-Zeitgeschichte: Begriffe, Methoden und Debatten der zeithistorischen Forschung, 27. März 2017. www.docupedia.de.
Der wichtige Hinweis auf die von jeder*m Zeitschriftenforscher*in gern ausgeblendeten “dull moments” in der Geschichte von Zeitschriften – etwa in Form einer repetitiven Herausgabepraxis, weniger interessant erscheinenden Ausgaben, schlechter Beiträge, etc. – stammt von Matthew Philpotts nach meinem Vortrag auf der Jahrestagung des Arbeitskreises Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung am ZfL Berlin / KWI Essen, im Juli 2018.
Dietrich Boschung, Patric-Alexander Kreuz und Tobias Kienlin, Biography of Objects: Aspekte eines kulturhistorischen Konzepts, Internationales Kolleg Morphomata (Paderborn: Fink, 2015), 7.
Sergei Tretiakov, “The Biography of the Object (1929)”, hg. von Wilhelm Hemecker und Edward Saunders, Bd. Biography in Theory: Key Texts with Commentaries (Berlin: De Gruyter, 2017), 100.
Matthias Jung, „Das Konzept der Objektbiographie im Lichte einer Hermeneutik materieller Kultur“, in Biography of Objects: Aspekte eines kulturhistorischen Konzepts, hg. von Dietrich Boschung, Patric-Alexander Kreuz und Tobias Kienlin (Paderborn: Wilhelm Fink, 2015), 39.
Jung, 40.
Sätze ebendieser Form werden jedem Forschenden der arabischen Literaturgeschichte im 20. Jahrhunderts vertraut sein. Ein Blick in die in dieser Arbeit behandelten Zeitschriftenkonferenzen der Jahre 1974, 1980 und 1990 belegt diese Behauptung ausführlich.
Pierre Bourdieu, “The Biographical Illusion (1986)”, in Biography in Theory: Key Texts with Commentaries, hg. von Wilhelm Hemecker und Edward Saunders (Berlin: De Gruyter, 2017), 212.
Michel Foucault, „Was ist ein Autor?“, in Texte zur Theorie der Autorschaft, hg. von Jannidis Fotis u. a. (Stuttgart: Reclam, 2000), 198–229.
Marie Kolckenbrock, “Life as Trajectory: Pierre Bourdieu’s The Biographical Illusion”, in Biography in Theory: Key Texts with Commentaries, hg. von Wilhelm Hemecker und Edward Saunders (Berlin: De Gruyter, 2017), 219.
Bourdieu, “The Biographical Illusion (1986)”, 211.
Bourdieu, “The Biographical Illusion (1986)”, 215.
Roman Léandre Schmidt hat diesbezüglich auf das sinnige Bild des „Gasthauses“ bzw. der „Küche“ verwiesen. Schmidt, Lettre International: Geschichte einer europäischen Zeitschrift, 228.
Edward W. Said, Die Welt, der Text und der Kritiker (Frankfurt am Main: S. Fischer, 1997). Bewusst ist hier nicht von Kontext die Rede, ein Begriff, der in der Literaturwissenschaft den Text und den diese umgebende Welt häufig als zwei separate, voneinander unabhängige Entitäten gefasst hat. Mit Saids Weltlichkeit wird dagegen der Text als aktiver Agens in einer geteilten Situation verstanden, nicht als Reagens auf einen historischen Kontext – eine Perspektivverschiebung, die für ein Verständnis der Zeitschrift als kultureller Akteurin zentral ist. Für eine kritische Diskussion von Kontext und Situation zugunsten der letzten siehe: Michael Allan, In the Shadow of World Literature: Sites of Reading in Colonial Egypt (Princeton: Princeton University Press, 2016), 34–35.
„Die Zeit verdichtet sich hierbei, sie zieht sich zusammen und wird auf künstlerische Weise sichtbar; der Raum gewinnt Intensität, er wird in die Bewegung der Zeit, des Sujets, der Geschichte hineingezogen.“ Michail M. Bachtin, Chronotopos (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2017), 7.
Das IMEC (Institut Mémoires de l’édition contemporaine), dem Adunis unmittelbar vor meiner Anfrage seinen Vorlass inklusive aller Redaktionskorrespondenzen übergeben hatte, befand sich zum Zeitpunkt meiner Anfrage noch im Prozess der Erfassung und Archivierung. Es ist davon auszugehen, dass diese Korrespondenzen zukünftiger Forschung ein aufschlussreiches Bild über Mawaqifs Redaktionsprocedere geben werden.
Siehe hierzu Kapitel 3.1.
Powell, “We Other Periodicalists, or, Why Periodical Studies?”, 443.
Die Ausbildung der Periodical Studies als eigenständigem Forschungsfeld ist eine Entwicklung in der internationalen Forschungslandschaft, die ihren Ausgangspunkt in den anglophonen Victorian and Modernist Studies genommen hat. Sean Latham und Robert Scholes haben in ihrem 2006 erschienenen Artikel “The Rise of Periodical Studies” einem wachsenden wissenschaftlichen Bemühen in ihrem und angrenzenden Fächern einen Namen gegeben, welches sich „innerhalb oder entlang des größeren Felds der Printkultur in den Geistes- und Sozialwissenschaften“ herausgebildet habe. Was diese kritischen Ansätze eint, ist dass sie Zeitschriften nicht mehr als „Behälter für separate Informationshappen“ und „Quellen, die in ihre Einzelkomponenten zerlegt werden“ verstehen wollen, sondern als „autonome Forschungsobjekte“ und „Texte, die nach neuen Methoden und neuen Arten kollaborativer Erforschung [verlangen]“ (Sean Latham and Robert Scholes, “The Rise of Periodical Studies,” PMLA 121, no. 2 (2012): 517–31, hier: 518). Der Artikel eröffnete eine Diskussion zu der Frage, wie der komplexe Gegenstand der historischen Zeitschrift erfasst werden könne, um die periodische Form selbst als Teil materieller Kultur erforschbar zu machen. Im europäischen Kontext institutionalisierten sich Ansätze einer neuen kritischen Zeitschriftenforschung 2009 mit der Gründung der European Society for Periodical Research (ESPRit), die seit 2016 auch eine eigene Fachzeitschrift herausgibt, das Journal of European Periodical Studies (JEPS) (www .espr-it.eu). Im deutschen Kontext wurde ab 2016 mit der in Köln, Bochum und Marburg angesiedelten interdisziplinären DFG-Forschergruppe „Journalliteratur“ (www .journalliteratur.blogs.ruhr-uni-bochum.de/) sowie dem 2017 gegründeten „Arbeitskreis kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung und dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (www.zfl-berlin.org/projekt/kulturwissenschaftliche-zeitschriftenforschung.html) dieses interdisziplinäre Forschungsfeld auch in der deutschen Wissenschaftslandschaft gestärkt.
Working Group on Periodical Research (Arbeitskreis kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung): “Worlds of Cultural Journals: Editorial” Eurozine. www.eurozine.com.
Eiden-Offe und Neuffer, „Was ist und was will kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung?“
Latham und Scholes, “The Rise of Periodical Studies”, 519.
Powell, “We Other Periodicalists, or, Why Periodical Studies?”, 446.
Siehe auch zum Begriff der „Anschlusslektüre“ als eines der charakterisierenden „rezeptionssteuernden Potenziale“ der Zeitschrift die Konferenzpublikation zu „Lektüreabbruch – Anschlusslektüre: Journale lesen“: im Rahmen der Aktivitäten der DFG-Forschergruppe „Journalliteratur“: Volker Mergenthaler, Nora Ramtke und Monika Schmitz-Emans, Hrsg., Journale lesen: Lektüreabbruch – Anschlusslektüren = Reading Journals : Coherence and Interruption, Journalliteratur (Hannover: Wehrhahn Verlag, 2022).
Nicolas Pethes bezeichnet mit dem Begriff „das Nebeneinander gänzlich unterschiedlicher Themen, Gattungen und Präsentationsformen“, darunter „literarische Texte, Rezensionen, Reiseberichte, biographische Skizzen oder Nachrichten aus aller Welt“, welche „mitunter gänzlich unvermittelt nach- bzw., je nach Seitenlayout, auch über- und nebeneinander [] stehen.“ (Aus Pethes Projektbeschreibung des Teilprojekts „Poetik der Miszelle: Zur Koevolution periodischer Presse und modernem Roman“ der DFG-Forschergruppe „Journalliteratur“: https://phil-fak.uni-koeln.de/index.php?id=36541).
Dieser auf Mikhail Bachtins Romantheorie zurückgehende und inzwischen in den Periodical Studies etablierte Begriff hebt auf die Vielzahl von Sprecherinstanzen ab, die in einer einzigen Zeitschriftenausgabe zusammenkommen. Siehe: Michail M. Bakhtin, The Dialogic Imagination: Four Essays (Austin: University of Texas Press, 2017). In der Vergangenheit wurde die Heteroglossie der modernen arabischen Zeitschrift häufig auf die Sprecherposition des einen, in der Regel männlichen Chefredakteurs einer Zeitschrift beschränkt, und so im Bedürfnis nach einer leichten geistesgeschichtlichen Einordnung die Vielstimmigkeit der Zeitschrift drastisch reduziert. Besonders, wenn es sich bei diesem um eine charismatische Persönlichkeit handelte, werden Zeitschrift und Chefredakteur nach wie vor diskursiv gern in Personalunion gehandelt. Als frühe arabische Kritik an dieser diskursiven Verkürzung liest sich eine Aussage von Taha Hussein aus dem Jahre 1937: „Jede Zeitschrift ist ein gesellschaftliches, kein individuelles Phänomen und auch wenn ihr Besitzer eine einzelne Person ist, ist sie ein kollektives Eigentum.“(Ṭāhā Ḥusain, Ḥadīṯ al-arbiʿāʾ, Bd. 3 (al-Qāhira: Dār al-Maʿārif, 1937), 227.; zitiert in: Ruocco, L’Intelletuale arabo tra impegno e dissenso. Analisi della rivista libanese al-Adab (1953–1994), 18.)
Das gilt prinzipiell für Bibliotheksbestände innerhalb als auch außerhalb der arabischen Welt. Tatsächlich jedoch, wie Till Grallert gezeigt hat, stellt für Forschende innerhalb der arabischen Welt der Zugang eine besondere Herausforderung dar, unter anderem, da vollständige Jahrgänge sich in relevant höherer Zahl in europäischen und US-amerikanischen, seltener aber in regionalen Bibliotheksarchiven finden. Zum Problem der mehrschichtigen “inaccessibility” in Bezug auf digitalisierte arabische Periodika für regionale Forschende und deren Implikationen, siehe: Till Grallert, “Open Arabic Periodical Editions: A Framework for Bootstrapped Scholarly Editions Outside the Global North”, Digital Humanities Quarterly 16, Nr. 2 (25. Juni 2022).
Es existieren zwar weltweit inzwischen eine große Zahl an Digitalisierungsprojekten arabischer Zeitschriften, darunter etwa das laufende Projekt Translatio am Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn, dessen Korpus eine große Zahl arabischer, persischer und osmanisch-türkischer Zeitschriften zwischen 1860 und 1945 umfasst (www.translatio.uni-bonn.de) oder das Al-Sharekh-Onlinearchiv, das inzwischen über 260 arabische Zeitschriften aus 23 Ländern archiviert hat (www.archive.alsharekh.org). Jedoch liegen hier, wie auch in der Regel, ausschließlich nicht-maschinenlesbare Bilddigitalisate (Faksimile) vor. (Zu Stand und Entwicklung von OCR-Software für die arabische Schrift siehe: Grallert.) Ein weiteres wichtiges Forschungswerkzeug für die frühe arabische Zeitschriftenforschung bietet das Projekt Jara’id, eine Chronologie arabischer Periodika zwischen 1800–1929, die neben bibliografischen Daten auch sämtliche physischen und digitalen Archivierungsorte aufführt (www.projectjaraid.github.io)
Latham und Scholes, “The Rise of Periodical Studies”, 520.
Siehe etwa: Fīlīb dī Ṭarrāzī, Tārīḫ aṣ-ṣiḥāfa al-ʿarabīya (Bairūt: al-Maṭbaʿa al-Adabīya, 1914); Ibrāhīm ʿAbduh, Aʿlām aṣ-ṣiḥāfa al-ʿarabīya (al-Qāhira: Maktabat al-Ādāb, 1946); Adīb Muruwwa, Aṣ-ṣiḥāfa al-ʿarabīya: našʾatuhā wa-taṭawwuruhā (Bairūt: Dār Maktabat al-Ḥayyāt, 1961); Yūsuf Asʿad Dāġir, Qāmūs aṣ-ṣiḥāfa al-lubnānīya 1858–1974: wa-huwa muʿǧam yuʿarrif wa-yuʾarriḫ li-ṣ-ṣuḥuf wa-d-dawrīyāt allatī aṣdarahā al-lubnānīyūn fī Lubnān wa-l-ḫāriǧ, Manšūrāt al-Ǧāmiʿa al-Lubnānīya: Qism ad-Dirāsāt al-Adabīya (Bairūt: al-Ǧāmiʿa al-Lubnānīya, 1978).
Ayalon, The Press in the Arab Middle East.
Yāsir Fahd, Maǧallātunā al-ʿarabīya wa-fann aṣ-ṣiḥāfī (Riyāḍ: Dār at-taṯqīf li-našr wa-t-taʾlīf, 1993); Natūt, Aṣ-ṣiḥāfa al-mutaḫaṣṣaṣa fī Miṣr wa Lubnān.
Glaß, Der Muqtaṭaf und seine Öffentlichkeit.
Sheehi, “Arabic Literary-Scientific Journals”.
Bereits erschienene Publikationen aus den laufenden Forschungsprojekten: Hala Auji, “Printed Images in Flux: Examining Scientific Engravings in Nineteenth-Century Arabic Periodicals”, in Visuelles Design/ Visual Design: Die Journalseite als Gestaltete Fläche/ The Periodical Page as a Designed Surface, hg. von Andreas Beck u. a. (Hannover: Wehrhahn Verlag, 2019); Hala Auji, “Picturing Knowledge: Visual Literacy in Nineteenth-Century Arabic Periodicals”, in Making Modernity in the Islamic Mediterranean, hg. von Margaret S. Graves und Alex Dika Seggerman, 2022; Barbara Winckler, “Embarking upon a New Era through an Old Genre: Biographical Essays in Journals of the Nahḍah Period – Ǧurǧī Zaydān and al-Hilāl’s Early Years as Example”, Oriente Moderno 99, Nr. 1–2 (2019): 68–93; Barbara Winckler, “Seriality, Journal-Specific Communication and Archival Practices in Two Late 19th and early 20th Century Arabic Periodicals”, in Journale Lesen: Lektüreabbruch – Anschlusslektüren, hg. von Volker Mergenthaler, Nora Ramtke und Monika Schmitz-Emans (Hannover: Wehrhahn Verlag, 2022), 233–60; Barbara Winckler, “‘Translating’ Orality and Sociability into Print: Strategies for Building a Community of Shared Values in a 1920s Beirut-Based Women’s Magazine”, Middle East Journal of Culture and Communication 15, Nr. 1–2 (15. Juni 2022): 34–55; Barbara Winckler, “New Media and the Transformation of the Public Sphere in the nahda Period and Today: How the Advent of the Periodical Press and the Internet Have Affected the Arab/ic Literary Field – Analogies and Differences”, in New Geographies: Texts and Contexts in Modern Arab Literature (Madrid: Ediciones Universidad Autónoma de Madrid, 2018), 27–64; Till Grallert, “Catch Me If You Can! Computational Approaches to Track the Late Ottoman Ideosphere of Authors and Periodicals in the Wasteland of the ‘Digitised’ Arabic Press”, hg. von Simone Lässig, Geschichte und Gesellschaft, Nr. 47 (1), 2021. Siehe außerdem die oben bereits genannten Dissertationsforschungen von Katrin Köster zu den Zeitschriften der syrischen Alawiten und die von Mariam Eleshmawi zur Zeitschrift Al-Ma’arifa als Netzwerk und Vergemeinschaftungsmedium eines transnationalen Sufismus.
Elizabeth M. Holt, Fictitious Capital: Silk, Cotton, and the Rise of the Arabic Novel (New York: Fordham University Press, 2018). Von Maha Abdul-Mageed liegt hierzu keine Publikation vor, siehe daher ihren Vortrag: Maha Abdul-Mageed, “Miṣbāḥ al-Sharq: Print Media and 19th Century Literary Objects of Truth” (Media Transition and Cultural Debates in Arab Societies (Conference of the Arab-German Young Academy of Sciences and Humanities), Tunis, 24. November 2017).
Nevine Fayek: “Arabic Prose Poetry – A Path of its Own: al-shi’r al-manthūr in Egypt: Traces from Overlooked Literary Journals of the 1930s” (Dissertation, Universität Münster, 2022).
ʿAbd ar-Raḥīm al-ʿAllām, Min al-iṣlāḥ ilā t-tanwīr: Qirāʾa fī l-mašrūʿ aṯ-ṯaqāfī al-maǧallatī: Maǧallat Al-ʿArabī (Maġrib: Al-Mawǧa, 2007); Sāndī Sālim Abū-Saif, Qaḍāyā an-naqd wa-l-ḥadāṯa: Dirāsa fī t-taǧriba an-naqdīya li-maǧalla „Šiʿr“ al-lubnānīya (Bairūt: Al-muʾassassa al-ʿarabīya li-d-dirāsāt wa-n-našr, 2005); Ǧāk Amātāyīs, Yūsuf al-Ḫāl wa-maǧallatuhu „Šiʿr“ (Würzburg/Baīrūt: Ergon/Dār an-Nahār, 2004); Ruocco, L’Intelletuale arabo tra impegno e dissenso. Analisi della rivista libanese al-Adab (1953–1994); Kenza Sefrioui, La revue Souffles, 1966–1973: Éspoirs de révolution culturelle au Maroc (Rabat: Editions du Sirocco, 2014).
Moser, Akademische Philosophie in der arabischen Welt: Inhalte, Institutionen, Periodika.
Otared Haidar, The Prose Poem and the Journal Shi’r: A Comparative Study of Literature, Literary Theory and Journalism (Reading: Ithaca Press, 2008); Dounia Badini, La revue Shi’r: Poésie et la modernité poétique arabe: Beyrouth (Paris: Actes Sud, 2009); Creswell, City of Beginnings.
Kendall, Literature, Journalism and the Avant-Garde.
McManus, Anne-Marie: Of Other Languages: Arabic Literature, Decolonization, and Materialities of Language (im Prozess). Siehe auch: Anne-Marie McManus, “The Avant-Garde Journal between Maghreb and Levant”, in The Cambridge History of World Literature, hg. von Debjani Ganguly, 1. Aufl. (Cambridge University Press, 2021), 527–43.
“Literary Journalism”, Alif: Journal of Comparative Poetics 37 (2017) (hg. Hala Halim): Zeitschriften werden behandelt in den Beiträgen von Sami Soliman Ahmed, Hoda El Shakry, Alexa Firat, Sabry Hafez, Alaaeldin Mahmoud und Adam Spanos. “Media Transitions and Cultural Debates in Arab Societies”, Special Issue of Middle East Journal of Culture and Communication 16.1–2 (2022) (ed. Teresa Pepe und Barbara Winckler): Zeitschriften werden behandelt in den Beiträgen von Yvonne Albers, Walter Armbrust, Nevine Fayek und Barbara Winckler.
Claire Davies, “Decolonizing Culture: Third World, Moroccan, and Arab Art in Souffles/Anfas (1966–1972)”, Essays of the Forum Transregionale Studien 2 (2015): 17–29; Zeina Maasri, Cosmopolitan Radicalism: The Visual Politics of Beirut’s Global Sixties (Cambridge: Cambridge University Press, 2020).
Elizabeth M. Holt, “Cairo and the Cultural Cold War for Afro-Asia”, in The Routledge Handbook of the Global Sixties: Between Protest and Nation-Building, hg. von Jian Chen u. a. (London: Taylor & Francis, 2018); Hala Halim, “Lotus, the Afro-Asian Nexus, and Global South Comparatism”, Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East 32, Nr. 3 (2012): 563–83; Olivia Harrison, Hrsg., Transcolonial Maghreb: Imagining Palestine in the Era of Decolonization (Stanford: Stanford University Press, 2016).
Joseph Ben Prestel, “A Diaspora Moment: Writing Global History Through Palestinian-West German Ties”, The American Historical Review 127, Nr. 3 (1. September 2022): 1190–1221; Yoav Di-Capua, “Arab Existentialism: An Invisible Chapter in the Intellectual History of Decolonization”, The American Historical Review 117, Nr. 4 (1. Oktober 2012): 1061–91. Siehe auch das laufende Promotionsprojekt von Florian Keller (Freie Universität Berlin): “On the Margins of History: (Post)Marxist Thought in the Maghreb after 1967”.
Siehe etwa: Adélie Chevée, “From Suriyya Al–Asad to Souriatna : Civic Nationalism in the Syrian Revolutionary Press”, Nations and Nationalism 28 (2021): 154–76.
Arsanios, “Comparative Notes on the Cultural Magazine in Lebanon”.
Erste Schritte in diese Richtung waren der Workshop am Forum Transregionale Studien Berlin “The Journal as Form: Re-Thinking Approaches to the Study of Arabic Periodicals” (Organisation: Yvonne Albers, Anne-Marie McManus, Barbara Winckler), 11.-13. November 2021 (www.eume-berlin.de/en/events/calendar/details/the-journal-as-form-re-thinking-approaches-to-the-study-of-arabic-periodicals.html) sowie ein Panel während des Deutschen Orientalistentags 2022 unter dem Titel „Neue Ansätze zu einer kulturwissenschaftlichen Zeitschriftenforschung“ (Organisation: Yvonne Albers, Till Grallert, Barbara Winckler), an denen viele der in dieser field map genannten Forschende teilnahmen. Aus diesen Veranstaltungen ging zudem eine von Barbara Winckler und mir koordinierte internationale Arbeitsgruppe hervor.