You may be wondering, how a broken system as you currently find it in Lebanon is able to produce magazines, in the first place. The answer is simple: a broken system doesn’t produce magazines, but a loose system does.1
Das vorliegende Buch, das auf meiner 2020 an der Philipps-Universität Marburg eingereichten Dissertation beruht, hat nicht nur eine Beiruter Zeitschrift zum Gegenstand, sondern sie wurde auch mehrheitlich in Beirut verfasst. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung der Dissertationsschrift und bis heute befindet sich der Libanon in der schwersten Krise seines Wirtschafts-, Sozial- und Gesundheitssystems, die das Land seit dem Bürgerkrieg (1975–1990) erlebt hat. Im Oktober 2019 kam es zu anhaltenden Protesten gegen die vom konfessionellen System stabilisierten politischen Führungseliten, gegen die fortschreitende Verarmung weiter Teile der Bevölkerung und in Reaktion auf den massiven Wertverfall der libanesischen Lira aufgrund seit Jahrzehnten anhaltender Misswirtschaft und Korruption. Mit dem Ausbruch der globalen Covid-19-Pandemie kam das öffentliche Leben ab März 2020 beinahe vollständig zum Erliegen, was die wirtschaftliche Misere, die Frustration der Bevölkerung gegen die politische Führung, aber auch ein kollektives Ohnmachtsgefühl steigerte. Am 4. August 2020 zerstörte eine Explosion von mehreren tausend Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut, die als größte nicht-nukleare Explosion in die Geschichte eingegangen ist, große Teile der Stadt und kostete hunderte ihrer Bewohner das Leben. Das Ereignis reiht sich ein in einen anhaltenden Dauerzustand der Krise als eigentlicher Normalität in einem Land, dem es heute im Empfinden vieler Libanes*innen schlechter geht als zu Zeiten des Bürgerkriegs.
Am 18. Mai 2020, einige Wochen bevor ich meine Arbeit an der Universität Marburg einreichte, erhielt ich wie alle Newsletter-Abonnenten eine E-Mail der Beiruter Plattform für zeitgenössische Kunst und Kulturproduktion Ashkal Alwan. Die Institution hat sich seit Ende des Bürgerkriegs als lokale Konsekrationsinstanz zeitgenössischer Kunst etabliert und inzwischen bereits mehr als eine Generation libanesischer Künstler*innen international bekannt gemacht. Mit der Schließung aller kulturellen Einrichtungen im Zuge der Pandemieeindämmung entfiel, einmal mehr, auch die von Ashkal Alwan ausgerichtete prestigereiche Biennale Home Works, welche für 2020 geplant war. In ihrer Email mit dem Betreff „Perpetual Postponement“ schreibt die Direktion: “We have been waiting out crises for as long as we can remember. Our ‘normal’ is organized around successive ruptures and disruptions: a fragile assemblage of gestures, discourses, and affects riding the fantasy of continuity – whether inscribed in history or the everyday.”
Wir haben Krisen ausgesessen, solange wir uns erinnern können. Die Krise nicht als ein Ausnahme-, sondern als Normalzustand, in dem das alltägliche Leben sich organisiert, kennt die libanesische Kunstszene so gut wie jede*r einzeln*e Bürger*in dieses kleinen Landes. Dem zum Trotz zeigt das Land, damals wie heute, eine unverbrüchliche kreative Kontinuität in Kunst und Literatur. Und nicht nur hier. Sie zeigt sie auch und vor allem: im Zeitschriftenmachen. Noch immer existieren keine nationalen Kulturinstitutionen, die unabhängige Zeitschriftenprojekte, print oder digital, fördern. Genau wie die libanesische Kunstszene überlebt das unabhängige libanesische Zeitschriftenwesen heute unter anderem auch dank einer „NGO-isierung“ (Hanan Toukan) der Kulturlandschaft, das heißt einer in den 1990ern und 2000ern zugenommenen Ansiedlung mehrheitlich westlicher Kulturförderinstitutionen, die mit neuen Abhängigkeiten einherging. So ist sie genau wie vor vierzig oder fünfzig Jahren neben institutionellen Mittelgebern weiterhin auf Spenden und eine kleine aber treue Leserschaft angewiesen.
Das Ende des Jahrhunderts der arabischen Zeitschrift, zu dem der Schluss dieses Buchs das späte 20. Jahrhundert erklärt, ist daher nur das Ende einer Ära, an deren Höhepunkt, den 1960er und 1970er Jahren, im Libanon „mehr [Zeitschriften-]Publikationen zirkulierten, als die Bevölkerung konsumieren konnte.“2 In der Krise als Normalzustand überlebt auch das Krisenmedium Zeitschrift in den Nischen der Gegenwartskultur. Ihre Lebensbedingungen sind prekär, aber sie hat sich ihre wichtigste Funktion im so maroden wie „losen System“ eines Staats beibehalten, der sich kaum um seine Bevölkerung, aber auch nach wie vor befreiend wenig um sein unabhängiges Publikationswesen kümmert. Ibrahim Nehme und Jana al Obeydine, Zeitschriftenmacher*innen aus Beirut, erkennen in ihrer 2021 im libanesischen Online-Magazin V/A – Various Artists erschienenen Handreichung für aspirierende lokale Zeitschriftenmacher*innen Fluch und Segen ihrer Situation:
The pages of [Lebanese] magazines [today] provide a space for honest, intimate, and courageous conversations. They openly challenge outmoded ideas and narratives and propose new ones along the way. They do so while pushing the established modes of print publishing. Lebanon, where there seem to be only few rules for doing things and a lot of room to play and experiment, is not an exceptional but rather an ideal place for this development to take place. The existence of these publications constitutes a rebuke to those who want to tame dissenting voices. It is a spark in the surrounding darkness, poised to catch flame at any moment.3
Ihr Appell ist deutlich. Und er wird uns wiederbegegnen in der Geschichte der Zeitschrift, die das folgende Buch erzählt. Er sagt: Tut es trotzdem. Macht weiter Zeitschriften.
Ibrahim Nehme, Jana al Obeydine: “Publishing Beirut: Loose Systems”, V/A – Various Artists, 22. April 2021. www.various-artists.com.
Ebd.
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