Stoffe & Literatur
Mit dem 1936 offiziell beginnenden Vierjahresplan, den Adolf Hitler auf dem sogenannten âParteitag der Ehreâ verkündet, startete ein umfassendes Industrie- und Infrastrukturprogramm, mit dem die Nationalsozialisten vor allem das Ziel verfolgten, innerhalb kurzer Zeit die deutsche Wirtschaft in einen Zustand zu versetzen, der die Durchführung eines neuen Krieges ermöglichte.1 Begleitet wurde das Programm, das durch direkten Auftrag von Adolf Hitler und federführend vom Hermann Göring unterstellten PreuÃischen Staatsministerium beziehungsweise bald schon einer eigens für den Vierjahresplan eingerichteten Behörde geplant und durchgeführt wurde, von einem gewaltigen Propagandaapparat zur ideologischen, populärwissenschaftlichen und schulischen Vermittlung der wirtschaftlichen MaÃnahmen. Das Programm einer groÃformatigen Neusortierung der gesamten Wirtschaftslandschaft war auch die Reaktion auf einen krisenhaften Rohstoffmangel im Sommer 19362 und den Schock der Weltwirtschaftskrise, âin deren Folge politisch-ökonomische Konzepte, die eine Unabhängigkeit vom Weltmarkt versprachen, auf groÃe Sympathien stieÃen.â3 Eine wesentliche Aufgabe des Plans bestand folglich in der Herstellung dieser Unabhängigkeit Deutschlands von ausländischen Rohstoffen und deren möglichst vollständige Ersetzung durch Erzeugnisse aus heimischen Ausgangsmaterialien. Eine Schlüsselposition bei dieser Zielsetzung nahm die chemische Industrie ein, deren Wichtigkeit und Verantwortlichkeit für die Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs und die Massenmorde in den Konzentrationslagern, die millionenfach mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B durchgeführt wurden, kaum überschätzt werden kann.4
Diesem politisch-gesellschaftlichen Aufstieg ging ein Etablierungsprozess in der Wissenschaft voran, bei dem die Chemie in den Rang einer für besonders produktiv gehaltenen Disziplin aufsteigt, maÃgeblich bestimmt durch die Entwicklung chemischer Synthesen.5 Zuvor war die Chemie bereits an Aushandlungsprozessen im Bereich der Analyse von Stoffeigenschaften oder der Ergründung des Konzepts einer vis vitalis beteiligt. Deren (scheinbare) Widerlegung in der Harnstoffsynthese durch Friedrich Wöhler 1828 führte, grob gesagt, zur institutionellen Ausdifferenzierung in eine organische und eine anorganische Chemie, wonach die organische Chemie zum Ausgangspunkt der modernen Synthesechemie wurde.6 Reste eines âromantischen Paradigmasâ7, für das die Idee der vis vitalis und andere, zum Teil aus der Alchimie stammende Konzepte, weiterhin standen, verblieben allerdings, besonders in populärwissenschaftlichen und -literarischen Texten, noch lange im imaginativen Umfeld der Chemie.
Die Bemühungen um die Erlangung der Autarkie, denen die Chemiker als âStoÃtruppâ dienen sollten8, führten zum Aufbau umfangreicher Strukturen zur Produktion synthetischer Materialien und zum Ausbau bereits bestehender Produktionszweige, die sich der Herstellung künstlicher Textilien, von Plastikmaterialien, Treibstoffen, Gummi, Düngemitteln, Medikamenten, aber auch fotografischer Materialien, bis hin zu allen erdenklichen Formen von Substitut- und Fake-Produkten widmeten. Basis für diese breite Produktpalette waren in vielen Fällen Abfallstoffe aus der Energiegewinnung durch Kohle, insbesondere der Steinkohlenteer, aus dem schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts künstliche Farbstoffe gewonnen wurden. Diese Teerfarbstoffe avancierten später wiederum zum Ausgangsmaterial etlicher weiterer Entwicklungen, vor allem auf pharmazeutischem Gebiet. Auch das synthetische Benzin und der künstliche Gummi Buna gingen von Steinkohlederivaten aus, während für die bereits im Ersten Weltkrieg fabrikmäÃig eingesetzte Ammoniaksynthese vor allem Luftstickstoff verwendet wurde und für die Kunstfasererzeugung, Cellophanfolien oder Foto- und Videomaterial pflanzliche Zellulose den Ausgangsstoff bildete.
Neben diesen realisierten, mal mehr mal weniger erfolgreichen Synthesen9, die einen groÃen Einfluss auf die Lebenswelt der Zeitgenoss_innen hatten und viele Bereiche des Lebens stark veränderten, gibt es eine Reihe von Kunststoffprodukten, die nicht zur Serienreife gelangten und solche, die lediglich in der Phantasie von Ingenieuren und Schriftstellern existierten. Bereits lange vor dem Vierjahresplan gehörten die Entwicklung revolutionärer Werk- und Treibstoffe, die synthetische Erzeugung von Gold und anderen Edelmetallen, der Kampf mit biologischen und chemischen Waffen aus den Labors von Superschurken und Geostrategen oder Rohstoffkrisen10 zum festen Inventar von Science Fiction-Texten und der phantastischen Literatur. Aus dieser Perspektive lässt sich das Grimmsche Rumpelstilzchen, dem die Umwandlung von Stroh zu Gold gelingt, ebenso als Vorform des modernen Synthesechemikers verstehen, wie der Ingenieur Mac Allan in Bernhard Kellermanns Roman Der Tunnel (1913), der zur Verwirklichung seines Projekts, Europa und Nordamerika mit einem Tunnel durch den Atlantik zu verbinden, en passant den Spezialstahl Allanit erfindet. Eine Verdichtung âstoffbezogenerâ Themen in der deutschsprachigen Literatur lässt sich ab den mittleren Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts feststellen. Zuvor, seit der Jahrhundertwende, als der Ingenieur zum Protagonisten einer neuen Art von technischem Zukunftsroman aufstieg11, und nochmals verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg, häufen sich Texte, in denen neben besagten Spezialtreibstoffen, die das Erreichen extraterrestrischer Räume ermöglichen, vor allem Todesstrahlen, Strahlenkanonen und andere Medien direkter Herrschaftsausübung vorkommen, die zur künstlichen Erzeugung edler Metalle oder zur Konstruktion neuartiger Weltraumfahrzeuge geeignet sind.12 Bei diesen Texte handelt es sich mehrheitlich um, bereits zuvor populäre, geopolitische Fiktionen, mit denen nach 1918 vor allem die politischen Delegitimierungserfahrungen im Kontext der deutschen Weltkriegsniederlage, wirtschaftliche Krisen, die als âSchmachâ empfundenen Bestimmungen des Versailler Vertrages und der Verlust der sogenannten âSchutzgebieteâ verarbeitet werden. Diese oft mit phantastischen Mitteln arbeitenden und noch einige Zeit populären Texte werden ab Mitte der Zwanziger Jahre von solchen ergänzt, die ihre Welt als gerade noch glaubwürdig gesteigerte Version ihrer Entstehungskontexte modellieren und weniger stark eigene phantastische Welten entwerfen, wenngleich es dies bis in die Zeit des Nationalsozialismus ebenfalls weiter gibt.13 Diese neuen Texte verbleiben teilweise noch sehr deutlich im Paradigma des um den Ingenieur herum gestalteten Zukunftsromans, setzen aber in anderen Fällen auch dokumentarische Techniken und andere Verfahren ein, die zu intensiveren Rückkopplungen mit Programmatiken der Neuen Sachlichkeit führen und offensichtlich darauf achten, ihre utopischen Versprechungen und auÃergewöhnlichen Erfindungen in glaubhaften Diegesen anzusiedeln, die erkennbar aus den textexternen Umständen gespeist sind. In beiden Typen, stärker phantastischen und stärker nicht-phantastischen Texten, finden sich bereits einige, die eine so vorher nicht anzutreffende Perspektive auf Stoffe, ihre Herstellung und ihren Platz innerhalb der erzählten Welt einnehmen und beginnen, Konzepte wie Materialität, Synthese, Künstlichkeit und nicht zuletzt auch Warenkultur als Wahrnehmungs- und Wissensfelder über âStoffeâ neu zu denken. Dazu zählen so unterschiedliche Texte wie Hans Dominiks Kautschuk (1929/30), Ilja Ehrenburgs Das Leben der Autos (1930), Das kunstseidene Mädchen (1932) von Irmgard Keun oder Sage und Siegeszug des Kaffees (1934) von Heinrich Eduard Jacob mit dem Untertitel Die Biographie eines weltwirtschaftlichen Stoffes, der als erstes deutschsprachiges Buch gilt, âdas seine Struktur allein einer âSacheâ verdank[t]â14.
Zeitgleich mit dem politischen Impuls des Vierjahresplans, ändert sich der Charakter der âStoff-Romaneâ. Eine Welle neuer Bücher erscheint, die sich nun explizit synthetischen Stoffen zuwendet und extrem erfolgreiche Titel hervorbringt, dabei aber weiterhin von Texten flankiert wird, die sich nicht-synthetischen Rohstoffen wie Zucker, Kohle und Erdöl widmen. Bis auf wenige Ausnahmen, etwa Hans Dominik, erscheinen neue, eventuell aus anderen Genres bekannte Namen auf den Deckeln der oft nur mit der Bezeichnung des Stoffs betitelten Romane, während die Verfasser_innen, die sich zuvor mit geopolitischen oder phantastischen âStoff-Textenâ beschäftigt hatten, in ihren jeweiligen Genres verbleiben oder sich anderen Sujets zuwenden. Dabei ist es bereits zuvor eher unüblich, dass Autoren sich âspezialisierenâ und mehrere âStoff-Romaneâ veröffentlichen. Eine Ausnahme bildet die Science Fiction, wo bei Autoren wie Otto Willi Gail, Stanislaus Bialkowski, Walther Kegel oder eben Hans Dominik der neue Treibstoff, die Strahlenkanone, vor allem aber Werkstoffe mit Spezialeigenschaften auch weiterhin fest zum Plot gehören und als deus ex machina erscheinen, wenn technisch bisher nicht zu lösende Probleme auftauchen.15 Diese Romane, die sich vorrangig aus Gründen der Plotlogik neuartiger Stoffe bedienen und Stoff-Eigenschaften wie das Atomgewicht exzessiv steigern, stellen eine wichtige Referenz für Spielarten des âStoff-Romansâ dar und finden ihren Gegenstandsbereich naheliegenderweise weiterhin oft in geopolitischen Erzählungen.16 Beispiele für diese Texte vom Rand des hier untersuchten Korpus sind etwa Arthur Rundts Kupfer B (1934), in dem eine kanadische Kleinstadt von Terroristen heimgesucht wird, deren Anführer ein Verfahren entwickelt hat, um die Leitfähigkeit von Kupfer aufzuheben und damit elektrische Geräte auÃer Betrieb zu setzen.17 Hans Dominiks Atomgewicht 500 (1935) kann als typischer Vertreter einer Menge von Texten gelten, in denen Energiefantasien dadurch realisiert werden, dass die Erhöhung des spezifischen Atomgewichts eines Elements extrem gesteigert beziehungsweise ein neues Element entdeckt wird, das über ein extrem hohes Atomgewicht und damit immense Energiereserven verfügt.18 Und schlieÃlich gelingen in Texten wie Paul Eugen Siegs Weltraumroman Detatom (1936) Raumfahrtprojekte, hier eine Marsreise, durch die Entwicklung eines Spezialmetalls, das alle bisherigen Werkstoffe durch Kombination von maximaler Stabilität bei gleichzeitiger Superleichtigkeit übertrifft.19
Die inhaltlich neuartigen âStoff-Texteâ, auf denen hier der Fokus liegen wird, erscheinen konzentriert im Zeitraum zwischen 1936 und 1939. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwindet der Typus mit einigen Ausläufern, die über ein auffällig anderes Verhältnis zum Politischen verfügen, bis in die frühen Fünfziger Jahre und einzelnen verspäteten und ideologisch deutlich anders ausgerichteten Nachfolgern in der Literatur der DDR fast völlig, oder zieht sich erneut in die Science Fiction zurück, wo auch in der Zwischenzeit mit Spezialtreibstoffen der Weltraum durchflogen und Strahlenkanonen abgefeuert wurden. Parallel dazu sind für Romane zu synthetischen Stoffen nach 1945, die weiter in wirtschaftlichen und politischen Kontexten spielen, Tendenzen einer Re-Phantastisierung sowie eine Neigung zur pazifistischen Neuausrichtung zu verzeichnen, mit denen die Texte signalisieren, zwar politische Verantwortung zu übernehmen, sich dabei aber gänzlich von allen Formen der Vereinnahmung emanzipiert zu haben, was zu glauben natürlich wiederum ein Trugschluss wäre. Die Stoffe bleiben auch weiterhin Träger eines ideologischen Imaginären, das nun aber weniger über die Synthese als Ermöglichungsbedingung für (gesteigertes) âLebenâ vermittelt wird. Vielmehr stellen sie nun eine desavouierte und damit problematische GröÃe dar, sodass die Geschiche des synthetischen Stoffs in deutschsprachigen Erzähltexten bezeichnenderweise nach der zweiten Weltkriegsniederlage vorläufig endet.20
In den drei Bereichen Wissenschaft, Politik und Literatur erreichen im hier untersuchten Zeitraum spezifische Verdichtungs- und Neuorientierungsprozesse ihren teilweise bizarren Höhepunkt oder Vorstufen bizarrer Höhepunkte. Während der Vierjahresplan das bisher gröÃte konzertierte Projekt zum Umbau der deutschen Wirtschaft und der Vorbereitung katastrophaler Folgen darstellt, erreicht die Chemie ein Stadium, in dem sie ihre institutionelle Konsolidierung abgeschlossen hat, zur maÃgeblichen Produktivdisziplin und zur Grundlage einer Schlüsselindustrie wird.21 Und auch literatur- und mediengeschichtlich lassen sich für Artefakte, in denen beide GroÃprojekte und ihre Verflechtung reflektiert werden, Romane, Sachbücher, Jahrbücher, Firmenbroschüren, Ausstellungen und sonstiges Material, vielfältige Um- und Neustrukturierungen ausmachen. Dazu zählen institutionell etwa eine Modernisierung des Buchmarkts, die sich im Aufstieg bestimmter Medientypen und Darreichungsformen populärer Texte zeigt, zu denen Heftromane und das vergröÃerte Netz an Leihbibliotheken zählen, sowie eine ökonomische Umschichtung dieses Marktes von der Belletristik zum Sachbuch und dessen strukturelle Aufwertung.22 Neben der umfangreichen politischen Steuerung, die auf Produktion und Vertrieb der Bücher massiven Einfluss nimmt, dabei zuvor etablierten Autor_innen die Veröffentlichung ihrer Texte verbietet, sie unterdrückt oder ins Exil drängt, werden auch literatursystemintern Verfahren und Darstellungspraktiken auf unterschiedliche Weise neu ausgehandelt und es wird, implizit wie explizit, über Reaktionen auf politische, wissenschaftsgeschichtliche und literarische Veränderungen nachgedacht.
Eingrenzung der Materialbasis
Innerhalb einer aus literaturgeschichtlicher Sicht relativ kurzen Zeit von Mitte bis Ende der 1930er Jahre erscheinen also Romane, die, begleitet von einer Vielzahl von Sachbüchern, Propagandaausstellungen und anderen populärwissenschaftlichen Materialien, über synthetische Stoffe und das Prinzip der Synthese nachdenken sowie versuchen, das Verhältnis von Literatur und Wissenschaft, aber auch Politik kurzfristig an die zeitlichen Gegebenheiten anzupassen. Anders als ihre Vorläufer nehmen die Bücher jener Klasse die chemischen Erzeugnisse nicht mehr nur als Mittel zum Zweck (als Wunderwaffe oder Wundersprit) oder als lebensweltliche Novität mit Neuigkeitswert zur Kenntnis (wie in Kautschuk-Krimis oder im Fall der Bemberg-Seide) und rücken sie nicht bloÃ, wie zuvor, als Titel auf den Buchdeckel, sondern ebenso inhaltlich in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit.23 Dabei handelt es sich wie erwähnt beinahe ausschlieÃlich um Werke der Populärliteratur mit zum Teil extrem hohen Auflagen, die neben einigen etablierteren Schriftstellern wie Rudolf Brunngraber und Karl Aloys Schenzinger, von denen auch die am wenigsten in Vergessenheit geratenen Titel stammen, oft von Autoren vorgelegt werden, die auf der Grenze zwischen Unterhaltungsschriftstellerei, Wissenschaft und Industrie arbeiten24, etwa der Ingenieur Hans Dominik oder der politisch recht einflussreiche Arzt Hellmuth Unger. Aufgrund des diversen Berufsprofils des durchgehend männlichen Autorenfeldes25, das sich teilweise auch in den Publikationsorten und -formen widerspiegelt, scheint es geboten, neben den Romanen auch Sachtexte in die Untersuchung einzubeziehen und zwar sowohl solche, die sehr eng ins propagandistische Gefüge des Vierjahresplans eingelassen sind, als auch solche aus dem weiteren Fahrwasser der politischen Steuerung, wie die Jahrbuch-Reihe Das Neue Universum als populärem Sammlungsort verschiedener Themen und Vermittlungsweisen. Weitergehende Untersuchungen müssten sich schlieÃlich den groÃen Ausstellungsprojekten der Zeit, der GeSoLei (1926) in der Weimarer Republik oder Schaffendes Volk (1937) während der Zeit des Nationalsozialismus widmen, die hier nur am Rande behandelt werden.
Die ausführliche Analyse einer mitten im Vierjahresplan erschienenen Firmenbroschüre des damals zentralen deutschen Chemiekonzerns, der 1925 aus den wichtigsten Unternehmen dieses Gebiets durch Fusion gegründeten I.G. Farben, wird zur Entwicklung einiger zentraler Begriffe genutzt, um der engen Verbindung verschiedener Erzählverfahren, Textsorten und Text/Bild-Kombinationen Rechnung zu tragen und darüber hinaus den Blick der folgenden Analysen auch für ideologische und darstellungslogische Ãhnlichkeiten über Genre- und Mediengrenzen hinweg zu sensibilisieren. Auch verfahrenstechnische Unterschiede, die es neben diversen Parallelen gibt, sollen vor allem in detaillierten Analysen von Romanen aus der âHochphaseâ der Bücher mit Stoffbezug rekonstruiert werden, bei denen die Kontakte der Bücher mit weiterem Material aus dem Umfeld der Propaganda zum Vierjahresplan zur selben Zeit, aber auch Publikationen, die vor 1936 erschienen sind, fortwährend im Blick bleiben. Auf einer Typologie der ins propagandistische Netz um den Vierjahresplan involvierten Gattungen liegt somit nicht das Hauptaugenmerk der Untersuchung; diese soll aber durch Einbindung möglichst diversen Materials in Umrissen zur Erscheinung kommen.
Die Bücher der untersuchten Gruppe sind bisher nicht konkret aus dem Blickwinkel ihrer Anbindung an die Autarkie-Politik der Nationalsozialisten und den Vierjahresplan untersucht worden und bilden auch bislang kein Genre. Abgesehen vom Oberbegriff âSchrifttum zum Vierjahresplanâ, der weder politisch tragbar, noch heuristisch plausibel und auch nicht hinreichend eingegrenzt ist, da hierzu auch Fachbücher aus der Kunststoffindustrie, dem Wirtschaftsrecht, Handelsbilanzen, âwehrwirtschaftlicheâ Literatur und sonstiges Spezialmaterial zählen, gibt es bisher keine Benennungsangebote für die Texte des hier untersuchten Korpus. Für die folgenden Ausführungen wird der, einen Gattungsbegriff gezielt vermeidende, Begriff âBücher mit Stoffbezugâ verwendet. Damit soll auf ihre latente Nichtzuordenbarkeit zu einer bestimmten Gattung sowie auf die Buchform und den âStoffâ als das, was sie materiell und thematisch verbindet, hingewiesen werden. Der Stoffbezug ist dabei ein zwei- bis dreifacher. Erstens sind damit die chemischen Stoffe beziehungsweise ihre synthetischen Derivate (etwa die Kunstseide) gemeint, auf die sich alle Bücher beziehen. Darin mitgedacht ist der Stoff als literarische Kategorie und, kurz gesagt, âMaterialâ von Literatur.26 Und schlieÃlich erhalten einige der Bücher auch materiell einen tatsächlichen Bezug aus Stoff, indem sie beispielsweise in die synthetische Faser, von der sie handeln, exemplifizierend eingebunden werden.27 Auch wenn das nicht auf alle Bücher zutrifft, stellt dieses Detail doch ein Verhältnis zwischen ihnen und ihren âStoffenâ aus, das als metonymische Verlängerung einer verfahrensmäÃigen Beziehung zur Synthese als Thema, von der sie intern strukturiert werden und die in allen untersuchten Büchern besteht, gelesen werden kann.
Technikgeschichte oder Literaturgeschichte?
Sebastian Graeb-Könneker leitet in seiner Untersuchung zur Autochthonen Modernität28 das Anwachsen einer Literatur mit schwerpunktmäÃig technischen Themen von der gestiegenen Bereitschaft, genau diese Literatur staatlicherseits zu fördern, und diese Tendenz wiederum von der Vorstellung ab, âdaà deutsche Technik und deutscher Erfindergeist Schrittmacher eines neuen Zeitalters seien.â29 Diese Anordnung in Reihe geschalteter Elemente ist einerseits triftig, andererseits erfasst sie die Komplexität der zeitgenössischen Literaturdebatte natürlich erst einmal nur unvollständig. Zwar lässt sich institutionell sehr wohl ein wuchtiges Förderungsprogramm ausmachen, über das ein spezifisches âSchrifttum zum Vierjahresplanâ zuerst konstruiert und sogleich auch intensiv protegiert wurde30, wogegen âlinkeâ, weniger technokratische Sach- und Industrieliteratur systematische Unterdrückung erfuhr31 und ihre Vertreter dementsprechend eine geringere Reichweite hatten als die Autoren des rechten Spektrums. Innerhalb der neuen Sparte, die ihrerseits bereits deutlich querliegend zu den übrigen âSchrifttumsâ-Klassen und entsprechend gattungsübergreifend konzipiert wird32, drückt sich eine Tendenz aus, technischen Welt- und Geschichtsdeutungen medial übergreifend wachsenden Raum zuzugestehen, allerdings auch, sie als gesondert und spezifisch auszuweisen und vom übrigen âSchrifttumâ abzugrenzen. Zusätzlich zur neuen Kategorie innerhalb bestehender Organe gab es mit Einsatz des Vierjahresplans noch diverse weitere Propagandaaktionen zu seiner Popularisierung, etwa die Gründung der Zeitschriften Der Vierjahresplan 1936 und im Jahr darauf Das deutsche Fachschrifttum, mit der die Ausdifferenzierung dessen, was heute als Sachbuch bezeichnet wird, eine institutionelle Repräsentation erfuhr. Graeb-Könneker berichtet in seiner Studie noch von einer jährlich stattfindenden groÃen Werbeaktion mit einem thematischen Schwerpunkt auf dem Vierjahresplan, die explizit den Anspruch verfolgte, den âschaffende[n] Mensch[en] [â¦] ständig zu besseren Leistungenâ33 anzuspornen. Zusätzlich gab es eine mobile Wanderausstellung, bei der groÃe Lastkraftwagen mit ausklappbaren Räumen neben den Metropolen auch kleine und mittelgroÃe Städte besuchten und die Ausstellung Der Vierjahresplan zeigten, sowie Material zur Integration des Wirtschaftsprogramms in den Schulunterricht.34
Insgesamt war die NS-Literaturpolitik keineswegs so einförmig, wie mit Blick auf einen gleichgeschalteten Staat und einzelne seiner MaÃnahmen intuitiv angenommen werden kann. Ein Beispiel hierfür ist die zentrale Opposition zwischen dem sogenannten âAmt Rosenbergâ35 und der von Propagandaminister Goebbels geleiteten Reichsschrifttumskammer. Graeb-Könneker macht insgesamt vier verschiedene Strukturen der NS-Literaturförderungspolitik aus. Neben dem âAmt Rosenbergâ, seiner Schrifttumsabteilung und den verschiedenen Stellen des Propagandaministeriums und der ihm angegliederten Reichsschrifttumskammer sind das weiterhin die Reichsstelle für volkstümliches Büchereiwesen, die dem Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung von Bernhard Rust unterstand, und die Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums (PPK) unter der Leitung von Reichskanzleichef Philipp Bouhler, die auch die Nationalsozialistische Bibliographie herausgab, welche also nur ein Weg zur Kanalisierung und Lenkung der Literaturdistribution war.36 Diese Stellen positionierten sich zum Teil sehr unterschiedlich, etwa in der Frage nach dem Stellenwert von Unterhaltungsliteratur. Die dahingehende Opposition der wichtigsten Institutionen fasst BaÃler salopp zusammen: âgrob gesagt: im Goebbels-Umfeld ok, im Rosenberg-Umfeld nichtâ37.
Die âTechnikâ wird also institutionell durch die Einrichtung ihr zugewiesener Bereiche forciert als eigenständig repräsentiert und ihre Inhalte werden aus den Kategorien, in denen sie zuvor, etwa nach Publikationsarten geordnet, eingruppiert waren, ausgesondert. Gleichzeitig signalisieren die Materialien inhaltlich und durch die Breite des Adressatenfeldes eine weitgehende Durchdringungsabsicht aller gesellschaftlichen Bereiche und setzen damit einen Trend fort, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Professionalisierung der Technikwissenschaften einsetzt, von dort über die Ausbildung des neuen Berufsstands der Ingenieure und die fortgesetzte Nobilitierung technischen âWissensâ zu Beginn des 20. Jahrhunderts führt und die Technik schlieÃlich, auch mit Unterstützung der hier untersuchten Texte, in den âRang eines âabendländischen Kulturgutsââ38 aufsteigen lässt.39
Trotz einer zunehmend renommierten Position innerhalb jener neuen technikaffinen Ordnung sah etwa die Gruppe der Ingenieure sich auch nach ihrem Aufstieg in die Position von âHauptträgern der gesellschaftlichen Entwicklungâ während des 19. Jahrhunderts von sozialer Diskriminierung betroffen.40 Ein wichtiges Feld der Anerkennungsarbeit gegen diese selbstdiagnostizierte Marginalisierung bestand in dem Versuch, die Geschichte der eigenen Disziplin zu institutionalisieren (in Zeitschriften, Verbänden etc.), was seit der Jahrhundertwende verstärkt betrieben wurde.41 Für die Zeit des Nationalsozialismus sieht die Forschung die Ingenieure dann in einem merkwürdigen Nicht-Spannungsverhältnis beziehungsweise konstatiert keinen wesentlichen Konflikt zwischen der (natürlich zu heuristischen Zwecken homogenisierten) Gruppe âder Ingenieureâ und dem NS-Staat. Dieses Urteil wird zu einem Teil aus ebenjenen Akzeptanzbemühungen der Ingenieure erklärt, deren Forderungen im Nationalsozialismus weitgehend verwirklicht wurden42, und zum anderen aus der Tendenz der Ingenieursgeschichtsschreibung, Technik als Phänomen in einem ideologiefreien Raum anzusiedeln.43 Was dabei für âideologiefreiâ gehalten wurde, bedarf, neben der fehlschlagenden Schlussfolgerung, die Ingenieure wären für konkrete systemische Veränderungen ihrer Lebenswelt mehr oder weniger âblindâ gewesen, aus heutiger Sicht freilich der Revision.44
Selbst die kursorische Sichtung von Ingenieursromanen aus den Jahrzehnten vor dem Vierjahresplan, etwa Robert Krafts Die Nihilit-Expedition (1908), in dem eine Gruppe deutscher Fahrradingenieure ins unerforschte australische Hinterland reist und dort ein isoliert existierendes Urvolk aufstöbert, das über das titelgebende Wundermetall verfügt, oder Kellermanns bereits erwähnter Tunnel sowie Der Golfstrom (beide 1913), ein anderer Klassiker des Genres von Hans Ludwig Rosegger, der die Umlenkung der Meeresströmung an die nordamerikanische Ostküste und die anschlieÃende Vereisung Europas behandelt, zeigen, dass die Romane sehr wohl über verinnerlichte und ihre Handlung, wie auch die Erzählverfahren, entscheidend prägende ideologische Fundamente verfügen.45 Das Handlungsfeld des Ingenieurs, der um den Ersten Weltkrieg zunehmend die Rolle des international agierenden Diplomaten einzunehmen scheint, wird mehr und mehr die Geopolitik. Dort, darauf weist Andy Hahnemann in seiner Studie hin,
[werden] Fragen des Politischen zunehmend eng geführt mit Fragen der Technik. Deutlicher als zuvor liegt die politische Hoffnung auf den Technikern, ihren Erfindungen und ihren Leistungen zum Wohle des Vaterlandes. Der Ingenieur geht als Held in Serie und ersetzt flächendeckend das, was vor 1914 die deutsche Diplomatie und Flotte zu leisten hatte, nämlich die Repräsentanz und Handlungsfähigkeit Deutschlands in der Welt.46
Der gleichzeitige Befund, dass die Romane und Sachtexte sich oft den Anschein der âUnvoreingenommenheitâ oder gar âNaivitätâ zu geben versuchen, verstärkt, beim Wort genommen, nur die Erkenntnis, dass âdie Ingenieureâ selbst permanent Ideologie produzieren, und sei es in der performativ paradoxen Form, wenn sie behaupten, es ausdrücklich nicht zu tun.47 Diese Gemengelage macht sie, in Selbstwahrnehmung und diskursiver Verortung merkwürdig gespalten, schlieÃlich auch für die vor dem Nationalsozialismus breit geführte Debatte zur âSachlichkeitâ anschlussfähig, wo der ideologische Gehalt von Quellen und ein potenziell objektivistischer Dokumentarismus rege diskutiert werden.48
Studien, die sich der im Untersuchungszeitraum erschienenen Literatur mit thematischem Bezug zum Vierjahresplan nähern, halten es häufig für unproblematisch, die Romane als Reflex einer veränderten politischen Situation zu werten und also unhinterfragt die Vorgängigkeit des Politischen (und damit âZeitgeschichtlichenâ) vor dem âKulturellenâ (also hier der Literaturgeschichte) zu postulieren.49 Einzelne literatur- und kulturwissenschaftliche Beiträge relativieren diese Befunde inzwischen und weisen auf die Möglichkeit hin, auch Werke des âSchrifttums zum Vierjahresplanâ in diachrone literaturgeschichtliche Modelle einzuordnen50 beziehungsweise auf eine generelle weitgehende Autonomie des Literatursystems vom direkten Einfluss politischer Zäsuren.51 Inzwischen hat sich die Ansicht recht gut etabliert, dass die Literatur zu Zeiten des Nationalsozialismus keine radikale Abwendung von vorangegangenen Strömungen vollzieht, die als âModerneâ zusammengefasst werden können und von denen Walter Delabar sagt, sie hätten um 1933 âden gesamten gesellschaftlichen und kulturellen Referenzraum imprägniertâ52. Gleichzeitig legen die entsprechenden Ansätze häufig dennoch recht viel Wert auf eindeutige und wenig abgestufte Etikettierungen des Nationalsozialismus als âmodernâ beziehungsweise ânicht-modernâ53 und betrachten die Texte der Zeit recht selten mit einem differenzierten Blick auf ihre literarischen Verfahren, sondern âvor allem nach inhaltlichen und politischen Kriterienâ54.
Dass es Beziehungen zwischen Politik und Literatur wohl gibt, will die vorliegende Untersuchung nicht bestreiten, sondern im Gegenteil durch einen differenzierteren Blick auf die Einordnung dieser im Zeitraum von vier Jahren verdichtet erscheinenden Bücher sowie auf ihre historische Situation und das publizistische Umfeld, den Blick für drei Aspekte schärfen. Es soll 1) gezeigt werden, dass auch die in den Büchern reproduzierte Ideologie historisch ist und, wie auch der Nationalsozialismus, nicht als knopfdruckartiger Effekt verstanden werden kann, der mit seinem Eintreten in die Position nationalstaatlicher Herrschaftsausübung sofort kulturelle Artefakte nach den eigenen, bisher nicht repräsentierten Mustern hervorbringt, sondern sich aus vorgängigen diskursiven Konstellationen speist, systemisch angelegte Debatten intensiviert, weiterführt, abzubrechen versucht und dabei neu auf Vorder- und Hintergrund von gesellschaftlicher, politischer und künstlerischer Aufmerksamkeit verteilt.
2) soll in Anlehnung an einen Forschungsstrang, der auf der Betonung eigener Prozessdynamiken der Literaturgeschichte besteht und sich gegen vorschnelle Ãbertragungen vermeintlicher zeitgeschichtlicher Effekte auf die Literatur ausspricht55, ein Fall von auf den ersten Blick erstaunlicher Koinzidenz von politischen MaÃnahmen und einem zeitgleichen, und scheinbar mit der Politik synchronisierten, populärliterarischen Produktionsschub zur Ãberprüfung und Schärfung des Modells einer autonomen Literaturgeschichte untersucht werden.
Und 3) soll, da die Politik im Zusammenhang mit den hier behandelten Büchern notwendig eine Rolle spielt, das Verhältnis zwischen (vermeintlich) âpolitischer Literaturâ und Politik nicht kurzschlüssig als simpel, linear und identitär verstanden, sondern vielmehr vermutet werden, dass auch hier die Populärliteratur eigene Verschiebungen, Varianten und Kommentare des und zum Politischen liefert. Dies kann nur mit einem differenzierten Blick auf die literarischen Verfahren der Texte über ihre thematischen Setzungen und die politisch-ideologischen Bedingungen ihrer Entstehung hinaus gelingen.56 Nur so lässt sich zeigen, dass ideologische Strukturen sich nicht allein in Inhalt und Plot der Texte âwiderspiegelnâ, sondern, dass populäre Vorstellungen von âSyntheseâ die Bücher auch auf einer tieferen Ebene strukturieren, die nicht mehr explizit von âWissenschaftâ und âFortschrittâ spricht und so der Bezug zur ideellen Sphäre über den Vierjahresplan hinaus und zu dem aufrecht erhalten wird, was im Folgenden âsynthetischer Kolonialismusâ genannt werden soll.57 Die Synthese wird dabei als politischer Begriff entdeckt, der von seiner chemisch-technischen Grundbedeutung her in die Lage versetzt wird, als StrukturgröÃe auch Aushandlungsprozesse auf gesellschaftlicher Ebene anzuleiten und beispielsweise auf das Konzept der âVolksgemeinschaftâ übertragen zu werden.58 Wichtig bleibt dabei, dass diese Texte zwischen Roman und Sachbuch, auch wenn es sich bei ihren Autoren teilweise um Ingenieure oder Ãrzte handelt, eben nicht von ausgewiesenen Fachleuten für ihresgleichen verfasst wurden und darum zunächst als Popularisierungen von naturwissenschaftlichem âWissenâ angesehen werden müssen, die nicht auf lineare und vollständige Adaption wissenschaftlicher und politischer Inhalte verpflichtet und zu eigenen Akzentuierungen zwischen Fiktionalisierung und Faktualität59 in der Lage sind.60
Synthese als âLeitideeâ
Das Konzept der âSyntheseâ in seinen mannigfaltigen, eigentlichen und metaphorischen Bedeutungen, liefert für die Rekonstruktion der Formationen, in die sich diskursive Prozesse um das Verhältnis von âEigenemâ und âAnderemâ zwischen etwa 1920 und der Mitte der Fünfziger Jahre einlassen, einen wichtigen, bisher nur am Rand beachteten Kristallisationspunkt. Sie, die âSyntheseâ, steuert zentral das Wissensgefüge der Zeit, sofern es sich um die Aushandlung eines neuen epistemischen Feldes nicht nur zwischen âEigenemâ und âAnderemâ, auch zwischen âInnenâ und âAuÃenâ, âLebenâ und âNicht-Lebenâ sowie ferner âEchtemâ und âKünstlichemâ kümmert. Die organische Chemie, aus der alle wichtigen Syntheseprodukte hervorgehen, stellt die disziplinären OrientierungsgröÃen bereit, ein wissenschaftliches Bild- und Aussagenreservoir, das durch Migrationsbewegungen ins Feld des Politischen, wozu hier auch die Populärkultur zählen soll, neue Anwendungsbereiche erschlieÃt, die die Wissenschaft als eminent ideologische Sphäre sichtbar werden lassen, dort aber auch mit âeinheimischenâ Verfahren verhandelt. So entsteht der von Oels beschriebene âGrenzkontaktâ, bei dem Techniken und Inhalte aus dem einen Bereich im anderen reflektiert, übernommen, verworfen oder umgestaltet werden können61, ohne bestehende Widersprüche zu beseitigen, aber mit der Option, es zumindest dem Anschein nach zu tun.62
Anleitend für die folgenden Ãberlegungen sind unter anderem die Arbeiten zur Synthetischen Moderne von Gustav Frank und Stefan Scherer, deren noch nicht komplett ausgeführte Implikation, zwischen der Kunststoffproduktion ab den Zwanziger Jahren und der Romanproduktion der Zeit bestehe ein metonymischer Zusammenhang63, beim Wort genommen werden soll. Während die Autoren ihre Thesen vor allem an literarischen Quellen entwickeln, die der âbesserenâ Sorte von Unterhaltungskultur und mittlerweile dem Kanon der Neuen Sachlichkeit oder der Nachkriegsliteratur angehören64, ist das Feld hier durch dezidiert populäres, von der Forschung eher vernachlässigtes und politisch bis auf wenige Ausnahmen mindestens fragwürdiges, zu Recht unkanonisches Material bestimmt.
Dass es sich bei der âSyntheseâ der Synthetischen Moderne nicht um dasselbe Konzept handelt, wie etwa in den Firmenbroschüren der I.G. Farben, liegt auf der Hand, sollte aber dennoch betont werden. Das spezifische âSyntheseâ-Verständnis, das der Synthetischen Moderne zugrunde liegt, enthält, da das Modell sich im Aufbau befindet, noch einige Leerstellen. Grundsätzlich und verknappt besteht es darin, dass hier âCharakteristika der literarischen Moderne mit traditionellen und eingängigeren Verfahren auf neue Weise verschmelzenâ65, was für den Zeitraum von der Mitte der Zwanziger Jahre bis zur Mitte der Fünfziger Jahre relativ stabil gelte, sodass für die Literaturen dieser Zeit von âeine[r] gemeinsame[n] mentale[n] Dispositionâ66 gesprochen werden könne, die eben âim Zeichen einer wie auch immer angestrebten Syntheseâ67 stehe. Spätestens an dieser Stelle spaltet sich das âSyntheseâ-Konzept bei den Autoren, 1) in die angestrebte literaturgeschichtliche Zusammenfügung mehrerer zuvor als distinkt wahrgenommener âEpochenâ und 2) das übergreifende Programm dieser neuen Formation.
Diese zweite âSyntheseâ besteht nun darin, dass die unterschiedlichen Verfahren der einzelnen Komponenten (Neue Sachlichkeit, Magischer Realismus etc.) über ihre gemeinsame Funktion zusammengehalten werden, âdas Eindringen moderner Elemente, die Krisen auslösen, zu dokumentieren und qua Verfahren literarisch zu bändigen.â68 Das âSynthetischeâ liegt also in der aus dem Ãberblick über das heterogene Feld der deutschsprachigen Literatur zwischen 1925 und 1955 gewonnenen Erkenntnis, dass alle disparaten Stile und Erzählverfahren das Ziel verfolgen, âOrdnung zu rettenâ69 sowie, dies verfahrenstechnisch nicht mehr in Form von âÃberbietungsgesten durch artistische Neuerungenâ zu tun, âsondern [â¦] als Epochendiagnosen im Resonanzraum der etablierten literarischen Möglichkeitenâ70.
Ein dritter, schlussfolgernder Bestandteil des âSyntheseâ-Konzepts der Synthetischen Moderne wird schlieÃlich gewissermaÃen von den Texten selbst vollzogen, die nun beginnen, Verfahren über Medien- und âEpochenâ-Grenzen hinweg zu âsynthetisierenâ, also bei âgrundsätzlich mimetisch-illusionistischem Anspruch der Darstellungâ71 sich einerseits realistischen Verfahren verpflichtet sehen, darüber hinaus aber Elemente der Avantgarde, des Surrealismus und der Neuen Sachlichkeit miteinander kombinieren, um auf diese Weise âeine doppelte Wirklichkeit zu plausibilisieren, indem die zersplitterte und als solche (seit Rilkes Malte und Einsteins Bebuquin) nicht mehr überzeugend darstellbare Tatsachenwelt mit einem höheren Sinn enggeführt wird.â72 In einem expliziten Verweis auf Irmgard Keuns Kunstseidenes Mädchen, mit dem schlieÃlich der metonymische Zusammenhang zwischen Kunststoff- und Romanproduktion der Zeit hergestellt wird, leisten die Autoren einerseits beiläufig die, begriffsgeschichtlich natürlich viel zu knappe, Abgrenzung zum Hegelschen Synthese-Begriff, und stellen andererseits die Verbindung zu Warenwelt und Anthropologie des untersuchten Zeitraums her:
Synthesis wird hier aber nicht mehr im Sinne Hegels verstanden, sondern im Sinne der âModern Timesâ, die Kunststoff herstellen wie eben die Bembergseide, die in Keuns Titel Das kunstseidene Mädchen (1932) metonymisch auf die Anthropologie übergreift: durch Verfahrenstechnik industriell aus Polymeren produziert und einer neuen Konsumkultur demokratisierend zum massenhaften Gebrauch verfügbar gemacht und so ihren charakteristischen Glanz verleihend.73
Jener metonymische Ãbergriff von industrieller Verfahrenstechnik und ihren Produkten auf literarische Verfahren und ihre Produkte soll in dieser Arbeit untersucht und grundlegend am Beispiel derjenigen Vertreter fundiert werden, die nun explizit, und stärker noch als das Kunstseidene Mädchen, die Synthese selbst zum Thema machen und damit, als Gruppe von Texten74 und Teil der Synthetischen Moderne, einen inhaltlich und zeitlich verdichteten Extremfall darstellen.
Um diese Konstellation plausibel zu beschreiben, bedarf es weiterer Vorannahmen. So wird davon ausgegangen, dass das Begehren nach einer âorganischen Gemeinschaftâ, wie es Erhard Schütz der Diskussion der Zwanziger Jahre abliest75, Widerhall in den Bestrebungen diverser Diskursteilnehmer findet, ihre Gegenstände, seien es menschliche Akteure, vor allem deren âSeeleâ, aber auch âStoffeâ oder Deutschland als Ganzes, gegen ein feindliches AuÃen immunisierend abzudichten, was im Nationalsozialismus in der Idee eines von Feinden umringten âVolkskörpersâ gipfelt.76 Auf die Bücher und sonstigen Artefakte, die dieser Untersuchung zugrunde liegen, trifft diese Beobachtung ebenfalls zu. Sie sind damit Teil einer bei ihrem Auftritt bereits hochtourig laufenden Diskussion, die längst mit diversen Metaphern zur Beschreibung eines neuen Mensch/Technik-Verhältnisses arbeitet, etwa der Idee einer âPanzerungâ77 in verschiedenen Ausprägungen, als von auÃen montierter Schutz oder im Subjekt angelegte Haltung der âKälteâ78 beziehungsweise âHabitus des Einverständnissesâ79. Diese Konzepte implizieren zudem einen variablen Grad an âDurchdringungâ, die vor dem Krieg etwa in Ernst Jüngers Arbeiter programmatisch verdichtet ist und später zum Beispiel in Benses Vorstellung einer âtechnischen Existenzâ80 nachklingt.
Paradigmen, die gemeinhin der Neuen Sachlichkeit zugeordnet werden, etwa das âNeue Sehenâ, betreffen häufig die Veränderung wahrnehmungslogischer Verbindlichkeiten im Zuge von Beschleunigungs- und Technisierungserfahrungen, die angeblich von der verstärkten Präsenz audiovisueller Medien und den Paradigmenwechseln innerhalb der Physik angeleitet werden.81 Sie sind dabei, wie zu zeigen sein wird, zusätzlich von Vorstellungen der organischen Chemie und ihren Synthesen gelenkt82, die, ähnlich wie das quantenphysikalisch inspirierte Vordringen âin den mikrophysikalischen Bereich der Materieâ83, an diversen Moderationsbewegungen von Moderne-Effekten, bis hin zu einer Lockerung der Subjekt/Objekt-Grenze und der Entdeckung und ideologischen Indienststellung des Atomar-Unsichtbaren mitarbeiten.84 Dies ist für die hier untersuchten Texte zentral und führt literaturgeschichtlich zur Beobachtung verfahrenstechnischer Mischungsbereiche, etwa zwischen dem, was der Neuen Sachlichkeit und dem, was dem Magischen Realismus zugeordnet werden könnte.
Grundlegend für die folgenden Ausführungen wird die Annahme sein, dass sich diese Prozesse innerhalb des untersuchten Materials stets in einem Spannungsfeld zwischen den Sphären âStoffâ und âRaumâ abspielen und dabei lebensideologisch grundiert sind85, sodass von einem dreigliedrigen Modell ausgegangen wird, dessen Elemente von Text zu Text variabel zu verorten und in ihrem Verhältnis neu zu beschreiben sein werden. Das âSehenâ wird seinen ihm bisher von der Forschung zugewiesenen Platz im Kontext einer neusachlichen Wahrnehmungsprogrammatik behalten dürfen, vor allem aber als flottierendes Paradigma eines kulturellen Imaginären in den Realismen der NS-Literatur auftauchen und dabei selbst sichtbar werden als eingespannt in die Durchsetzung einer âWeltanschauungâ86, welche die verschiedenen Texte als lebensideologische Merkmalsmenge grundiert und die Ãberlagerungen und Beziehungen zwischen âLebenâ, âStoffâ und âRaumâ beschreibbar macht.87 Ebner betont, dass der Begriff der âWeltanschauungâ
auf eine unmittelbare, immediate Immersion ab[zielt], das heiÃt auf ein unmittelbares âEintauchenâ in eine âuniversaleâ Vorstellungswelt. Dem Anspruch nach sollte die Gesellschaft bis hinunter zu jener intimsten Vorstellungswelt, der Wahrnehmung, durch eine einheitliche Vorstellungswelt verschmolzen werden.88
Dieser Bezug von âWeltanschauungâ und âWahrnehmungâ, der die Text gewordenen Ideologeme als Phantasmen kenntlich macht, wird für die folgenden Untersuchungen wichtig und leitend sein. âWahrnehmungâ wird im Zuge der Propaganda zum Vierjahresplan und innerhalb der Texte des dazugehörigen âSchrifttumsâ noch einmal forciert ideologisiert und jetzt als âwirklich Neues Sehenâ, freilich ohne dieses Etikett offiziell zu erhalten, für die Erkenntnis der âSyntheseâ als Teil des âNeuen Deutschlandâ an den Start gebracht. Die Romane, Jahrbücher und Ausstellungen sind von dieser Warte als âTrainingsprogrammâ einer neuen Wahrnehmungsordnung zu verstehen, mit dem eine Erkenntnis des durch die synthetischen Stoffe hervorgebrachten neuen eigenen Raums âDeutschlandâ eingeübt wird.
In Anlehnung an Hahnemanns Studie über die geopolitischen Texturen der Literatur der Zwischenkriegszeit gilt auch hier, dass die Analyse der ausgewählten Gruppe von Texten nicht das Ziel verfolgt, eine gesellschaftliche âRealitätâ zu rekonstruieren. Stattdessen sollen die populären Texte, Propagandamaterialien und Firmenschriften innerhalb eines âkulturellen Archivsâ verortet werden89, âdas die Bilderwelten und Redewelten bereitstellt, mit denen ein Verständnis globaler Vorgänge erreicht werden sollte.â90 Diagnostiziert Hahnemann, dass â[d]as Denken und Schreiben über die Welt [â¦] in den 20er und 30er Jahren ganz wesentlich ein geopolitisches Denken und Schreiben [war]â91, wird hier ergänzend die These aufgestellt, dass es ab den mittleren DreiÃiger Jahren als geopolitisches zugleich ein synthetisches Denken und Schreiben ist. Der globale Raum, den die von Hahnemann untersuchten Texte als âzweidimensionale Fläche, in der die nationalen oder transnationalen Kollektive gegeneinander im Kampf um Raum antratenâ92 konstruieren, erfährt durch die Bücher mit Stoffbezug eine Erweiterung in die âTiefeâ, aus der das âEigeneâ und âVertrauteâ als âNeuesâ und erst noch zu ErschlieÃendes aufsteigt. Die Akteure werden so in die Lage versetzt, geopolitisches Denken auch nach dem Ende des âfaktischenâ Kolonialismus mit Hilfe einer phantasmatischen Umkehr des eigenen Raums in einen als âneuâ wahrgenommenen weiterzuführen und damit, auf einer zweiten Stufe, den Verlust der Kolonien auÃerhalb des Landes in einer Abwehrreaktion zum Anlass der Erbringung beispielloser Leistungen auf chemischem Gebiet positiv umzudeuten.93
Die âepochale Signaturâ eines umfassenden Krisengesprächs, dessen Thema der (globale) Raum und seine Grenzen sind94, wird von diesen Ergänzungen nicht entkräftet. Vielmehr können mit den nötigen Anpassungen auch für die Spätphase der Zwischenkriegszeit und darüber hinaus eine spezialisierte Etappe sowie Unterströme dieser Debatte ausgemacht werden, in denen die âTexturâ des Globalen über wichtige Abschnitte als ihrer Struktur nach âsynthetischâ erkennbar wird. Die Konstruktion dieses Phantasmas findet in den Texten und Ausstellungen um den Vierjahresplan herum beobacht- und analysierbar statt, ohne zugleich durchgängig in einer wie auch immer konzipierten gesellschaftlichen âRealitätâ sichtbar zu sein. Die untersuchten Artefakte stellen eine Art âDritten Raumâ95 dar, in dem es den Subjekten möglich wird, auch ohne dass es ihnen voll bewusst wäre, die phantasmatische Umkehr einer erlittenen âRaumâ-Kränkung zu vollziehen, deren Wahrnehmung in den Mustern kolonialer Erfahrung verarbeitet wird. Der Verlauf der Grenze zwischen intendiert-verfügbaren und unbewusst-unverfügbaren Inhalten bei der Ausgestaltung dieser âLösungâ ist dabei natürlich nicht immer präzise und oft gar nicht zu bestimmen. Fragen nach der Intentionalität in Bezug auf Text-, Bild-, Plot- oder Kombinationsentscheidungen durch historische Subjekte spielen darum im Folgenden keine wesentliche Rolle. Für relevant gesetzt wird das Material in seiner publizierten Form, in der es an den öffentlichen Aushandlungsprozessen teilgenommen hat und das ebenfalls, hier präziser fassbar, um eine Oberflächen- und eine Tiefenebene verfügt.
Nicht zuletzt stellt die Untersuchung einer Phase, in der die Chemie der Synthese zum ersten Mal in der Rolle einer maÃgeblichen, das Leben und den Tod von Millionen Menschen beeinflussenden, ermöglichenden und verantwortenden Akteurin ist, auch eine wichtige Grundlage für die Reflexion aktueller Praktiken und Lebensformen dar. Joachim Schummer beschäftigt sich mit dem exponentiellen Wachstum der Chemie und legt in einer Studie von 1997 Ergebnisse vor, nach denen sich die Zahl der neu erzeugten Substanzen im Schnitt alle 13 Jahre verdoppelt. Waren um 1800 etwa 600 chemische Substanzen bekannt, sind es am Ende des 20. Jahrhunderts weit über 10 Millionen mit weiterhin stark steigender Tendenz96:
Today there are nearly 3 million chemists all over the world producing some 700.000 papers a year. You may raise the question: what are all these chemists doing? Do they invent and test new theories? Far from it! The answer is: Chemists produce new substances; only last year they made 1,3 million new ones.97
Laut Schummer handelt es sich bei 95 Prozent aller bekannten Stoffe und Materialien um âartifactsâ, die es so nicht in der Natur gibt.98 Im Kontext dieser Zahlen wirken die Synthesen des Vierjahresplans direkt relativ. Allerdings besteht hier ein wichtiger Unterschied zwischen chemischem âWissenâ und gesellschaftlicher Lebenswelt: Gerade die Synthesen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts stellen gravierende Zäsuren im Leben der Menschen dar und stieÃen weitreichende Entwicklungen etwa im Konsumieren, Wohnen und in der Medizin an. So gelangen die Synthese des ersten kommerziell tauglichen Farbstoffs Mauvein 1856, die der schmerzstillenden Acetylsalicylsäure 1899, die des Adrenalin in Reinform 1906 und die Herstellung von Nylon 1935. Nach 1945 wird es möglich, komplette Haushaltseinrichtungen aus synthetischen Materialien herzustellen und auf natürliche Rohstoffe (zumindest theoretisch) weitgehend zu verzichten. Sachbücher mit Titeln wie Die Welt in der Retorte (1938), Chemie erobert die Welt (1938), Das Jahrhundert der Kunststoffe (1952), Es geht nicht ohne Plaste (1962) oder Revolution aus der Retorte (1966)99 weisen auf die zentrale Rolle der chemischen Produktion von Kunststoffen in modernen westlichen Wohlstandsgesellschaften hin und führen implizit, etwa in den beigegebenen Illustrationen, die Vision einer Welt ohne Kunststoffe als die einer Welt in Trümmern mit, die an Erfahrungen der vom Krieg zerstörten Städte erinnert.100 Für eine Geschichte synthetischer Stoffe als selbstverständlicher Teil menschlicher Lebens- und Alltagspraxis, der sie zuvor nicht waren und heute ohne Zweifel sind, stellen die DreiÃiger Jahre, der Vierjahresplan und seine chemische und politische Vorgeschichte ein bis heute nachwirkendes Datum dar.101
Die Bücher mit Stoffbezug innerhalb der sogenannten âBuchâ- oder âRomankriseâ
Ab den Zwanziger Jahren und besonders gegen Mitte und Ende des Jahrzehnts intensiviert sich im deutschsprachigen Literaturbetrieb eine Debatte erneut, die bereits um die Jahrhundertwende rege geführt wurde und deren Gegenstand eine vermeintliche âKrise des Romansâ ist.102 Erhard Schütz, der die âKriseâ als âDiskussionâ sieht und in ein Gefüge aus âSkepsis bis Ablehnung gegenüber dem konventionellen, d. i. psychologischen, um einen persönlichen Protagonisten zentrierten Romanâ103 einerseits und einer âschon länger anhaltenden Tendenz zu groÃgedachten weltanschaulichen Popularisierungsbüchernâ104, zu denen er etwa die Werke Spenglers, Hörbigers, Steiners etc. zählt, andererseits einordnet. Innerhalb dieses Gefüges erlangen schlieÃlich Formen faktographisch-dokumentarischer Literatur in ihren bevorzugten Textsorten âals Reportage, politischer Reisebericht oder Reportage- und Tatsachenroman [â¦] diskursive Dominanz.â105 Die relativ neue Erscheinung des genuinen Sach-Buchs, das sich maÃgeblich als etwas zwischen Wissensvermittlung und Literatur herauskristallisiert, nimmt in dieser Gemengelage eine zunehmend prominente Position ein, der sich bald Autoren annahmen, die zuvor in anderen Sparten publizierten, wie neben den bereits erwähnten Dominik, Schenzinger und Heinrich Eduard Jacob etwa Anton Zischka, Heinrich Hauser oder Hanns Heinz Ewers.106 Schütz rekonstruiert âeine[n] historischen Moment[] der Ambivalenz, Bifurkation und anschlieÃenden Veralltäglichung (oder Profanierung)â107, in dem sich die Ausdifferenzierung eines eigenen Sachbuchsegments innerhalb des deutschsprachigen Buchmarkts ankündigt und schlieÃlich bis in die Siebziger Jahre verfestigend vollzieht. David Oels situiert an der âWendung zu den Tatsachenâ, die sich im Rahmen der Literatur-Diskussion der Zwanziger und DreiÃiger Jahre vollzieht, ebenfalls den Abzweig der Sachbuchsparte und wertet ihn als Versuch der Literatur, zuvor geschwundene âoder fehlende Ãffentlichkeit [â¦] erneut herzustellen â mit einer Literatur, die âein Erfahrungspotenzialâ anbietet, âaber nicht das Realisieren der Erfahrungâ erzwingtâ108, also programmatisch auf âUnterhaltungâ justiert ist, gegen deren vervielfältigte Anbieter innerhalb einer wachsenden Konsum- und Warenwelt (Rundfunk, Presse, Film) sich die Literatur selbst als ins Hintertreffen geraten begreift und nun reagiert.109
Die verschiedenen Symptome, die Verleger_innen, Autor_innen und Kritiker_innen für den Buchmarkt der Weimarer Republik diagnostizierten, deren prominenteste wohl seine vermeintliche âAmerikanisierungâ und die zu starke Orientierung an der âKonjunkturâ waren110, wurden auf unterschiedliche Weise beantwortet, zumeist mit groÃen Werbekampagnen für Bestseller-Autor_innen, Wettbewerben, der Neuausrichtung von Programmen111 und darunter auch durch eine Aufwertung von Formen mit stärkerem Bezug zu sogenannten âTatsachenâ, also einer als faktographisch wahrgenommenen Literatur. Damit sollte auf zwei Hauptpunkte der zeitgenössischen Romankritik geantwortet werden, einerseits den Vorwurf eines âals bürgerlich und spätzeitlich-dekadent apostrophierten Psychologismusâ und andererseits den, âbloÃe Fiktionâ112 zu sein.
Diese Vorwürfe werden von der Forschung rege diskutiert und hinsichtlich ihrer Relevanz unterschiedlich bewertet.113 In jedem Fall scheint es plausibel, eine bereits vorgängige Aufwertung der âTatâ in die Erklärung einzukalkulieren, wie Martin Lindner sie für die Lebensideologie (LI) beschreibt, wo etwa um 1910 die zuvor stärkeren Formen der âLebensâ-Erkenntnis durch âmystisch-kontemplative oder erotisch-ekstatische Versenkungâ114 von ebenjenen mit stärkerem âTatâ-Pathos abgelöst werden. Diese Ablösung sei durch die Erkenntnis motiviert, âdaà das Alltags-âLebenâ [â¦] der lebensideologischen Logik zufolge nicht vom âAll-Lebenâ zu trennen istâ115. Erst durch die âTatâ â[fügt] sich der handelnde Mensch in den âLebensâ-Zusammenhang ein und [erlebt] seine Einheitâ116. Die zunehmende Glaubwürdigkeit dieser Einstellung wird durch den von Thomas Lange als âmodernen Fatalismusâ klassifizierten Glauben weiter gefördert, âdaà das Leben bestimmt wird von âSachgesetzlichkeitenâ und âSachzwängenââ117. Literatur nimmt damit Teil an einer Technokratisierung des Denkens, die sich mit Horkheimer als Ausprägungszusammenhang einer âinstrumentellen Vernunftâ begreifen lässt und gibt eine Antwort nicht nur auf ihre eigene âKriseâ, sondern auch auf eine Krise der Technik, die um 1930 trotz aller Selbstverständlichkeit angesichts weiter bestehenden Elends und einer Nichteinlösung utopischer Versprechen118 als kulturelle Leitkategorie unter Legitimationsdruck gerät. Zugleich gibt die Technik in den Sach- und sonstigen âTatsachenâ-Büchern, in die sie über Thema, Sujet und Verfahren, aber auch personell durch Autoren aus technischen Berufen einwandert, Antworten auf eigene Krisen und Krisen der Literatur. An der Debatte um die neue Literatur und vor allem den neuen diskursiven â(dritten) Ortâ des Sachbuchs, an dem beide (Krisen-)Felder interferieren und synergetisch aushandeln, wie einerseits âTechnikâ als modernes Kulturphänomen in Rückkopplung mit dem âLebenâ sprachlich-ideologisch moderiert, gedämpft und platziert werden soll und andererseits darüber nachgedacht wird, welche Rolle die Literatur in diesem Prozess spielen wird und welche von der âTechnikâ angestoÃenen Modifikationen sie an ihrem eigenen System vornimmt, nehmen einige Vertreter besonders exponiert teil. Noch vor Samuel Fischer, der mit seinem Diktum von der âBücherkriseâ keineswegs zur Avantgarde der Diskussion gehört, wären für die mittleren und späten Zwanziger Jahre unter vielen anderen Otto Flake, Egon Erwin Kisch, Alfred Döblin, Bernard von Brentano, Jakob Wassermann und, in der Zeit weniger lautstark, aber mit gröÃeren Echos in der späteren Rezeption, Siegfried Kracauer und Walter Benjamin zu nennen.119 Hauptabarbeitungsautor und Lieblingsgegner wird den Vertretern des neuen, an der Reportage orientierten Romans (sofern er sich noch so nennen darf), neben Emil Ludwigs populär-historischen Biographie-Romanen120, besonders Thomas Mann, dessen Zauberberg 1924 erschienen war und der 1929 den Nobelpreis erhielt.121 Ludwig und Mann standen für bereits überkommene oder noch zu bewältigende Roman-Paradigmen, denen mit Entpsychologisierung, Ideologiekritik, Versachlichung und den entsprechenden literarischen Verfahren begegnet werden sollte.122
An zwei Selbstaussagen des neusachlichen Literatursystems sollen kurz Vorschläge zur Lösung des skizzierten Problems veranschaulicht werden. Beide Positionen wurden von den Zeitgenoss_innen immer wieder zur Distinktion eines neuen Schreibens, vor allem im Umgang mit der âRealitätâ und ihren âTatsachenâ, herangezogen und auf beide wird im Zusammenhang mit einer âVerdinglichungâ der Literatur zwischen der Mitte der Zwanziger Jahre und der Zeit des Nationalsozialismus häufig hingewiesen. Es handelt sich um Sergej Tretjakows Essay Die Biographie des Dings (1929) sowie Michail Prawdins schon zur Zeit des Nationalsozialismus in der Zeitschrift Die Literatur erschienenen Artikel Der Tatsachenroman (1934). Die Texte verhandeln einen je neuen Typus von Autor beziehungsweise Roman unter der MaÃgabe einer radikalen Entsubjektivierung bei entsprechender Aufwertung des âfaktisch Gegebenenâ. Für Tretjakow wird dabei das âDingâ zum möglichen Ersatz für den menschlichen Protagonisten des âklassischenâ Romans, weil es, wie auf einem FlieÃband, längsschnittartig alle sozialen Klassen durchfährt123 und so die Personen und Zustände, denen es auf seinem Weg begegnet, sichtbar werden lässt. Die epistemologische Umwertung der Neuen Sachlichkeit in Bezug auf die literatursysteminterne Unterscheidung von âWahrheitâ und âWirklichkeitâ, nach der â[d]ie Zufälligkeit und Kontingenz der âwirklichenâ Welt und ihrer Oberflächenerscheinungen nicht mehr unterschieden [werden] von ihrem wahren âWesenâ [und] die direkte Wiedergabe wirklicher Ereignisse mit Wahrheit identifiziert [wird]â124, rastet an dieser Stelle in Tretjakows Ãberlegungen problemlos ein und wird für seine Dichotomisierung von âHandelnâ und âFreizeit/Psychologieâ auf attraktive Weise anschlussfähig:
Es treten Ingenieure, Ãrzte und Finanzleute als Helden auf, aber gewöhnlich ist darüber, was und wie sie arbeiten, nur eine minimale Zahl von Zeilen die Rede. Dafür wird darüber, wie sie küssen und essen und sich vergnügen, wie sie sich langweilen und wie sie sterben, sehr viel gesagt.125
Küssen, essen, sich vergnügen und langweilen werden als âTätigkeitenâ gegen die relevanteren Aktivitäten am Arbeitsplatz abgewertet, die durch Fokussierung auf das âDingâ wieder breiteren Raum in den Narrationen erhalten sollen. Damit sollen âidealistische Wucherungenâ vermieden werden, in denen âdie Figur des Helden [anschwillt] und anstatt daà sie durch [die] Dinge und deren Einfluà bestimmt wird, diese selbst zu bestimmen [beginnt]â126. Dem Projekt, die Trennung von Beobachter und Beobachtungsobjekt im Text aufzuheben, geht wiederum die Bedingung voran, den âProzeà gesellschaftlicher Produktion darstellbarâ127 zu machen und auf diese Weise Entfremdung sichtbar werden zu lassen und literarisch überwinden zu können.128
Prawdin passt die Debatte noch einmal mit autoritärem Akzent auf die âdeutschen Verhältnisseâ an, indem er im Rekurs auf die Erfahrung des Ersten Weltkriegs einen generationalen Habitus postuliert, der durch das kollektive Erlebnis der Niederlage geformt sei. Im damaligen âZusammenbruchâ habe âdie damals lebende Generation zum erstenmal verspürt[], daà über ihrem Willen, ihren Wünschen und ihrem Streben die Macht der realen Tatsachen stand.â129 Mit dieser Erkenntnis begründet Prawdin eine neue Epoche in der Geschichte des Romans, die zugleich das Ende seiner Entfremdung markiert. Von den âVorbildernâ, die jahrhundertelang die Romane bevölkert hätten und die erst mit der Absicherung im bürgerlichen Gesellschaftsleben unnötig geworden wären, sei die Literatur übergegangen zur Darstellung von Lügen in Form âleider nie vorhanden gewesene[r] Geschichtsepochen oder âidealistische[r]â Gesellschaftsbilderâ130, die dem Bürger eskapistische Sehnsuchtswelten âjenseits seines Alltagsâ131 zur Verfügung stellen. Diese Verfallserscheinung wird durch die vom Krieg ausgelöste Erkenntnis beendet, âdaà nicht der Mensch die Tatsachen des Lebens, sondern daà die Tatsachen das Leben des Menschen bestimmen.â132 Mit Tretjakow verbindet Prawdin nun die Forderung, dass in der neuen Literatur, die verfahrenstechnisch aus der Reportage gespeist wird, was ihre Zielgruppe angeht, von der Zeitung zu lernen hat und von entsprechenden Literatur-Reportern verfasst wird, das Privatleben der Figuren âgänzlich zurück[tritt]â und ohnehin nur dort von Belang ist, wo es in einer Beziehung zu jenen âüberpersönliche[n], zweckbestimmte[n] Bildungen stehtâ, zum Beispiel: âRomane von Korporalschaften, Panzerzügen, Werksgemeinschaften, ja Städten und Industriegebietenâ133.
Figurenpsychologie wird im Prawdinschen Tatsachenroman durch das Konzept von âKräftenâ ersetzt, die es nur im Plural gibt und die âhinterâ dem Helden und seinen Handlungen stehen. Der Tatsachenroman âkennt und untersucht die Kräfte, die auÃerhalb des Willens des einzelnen liegen, sie sind ihm wichtiger als der Charakter â und das unterscheidet ihn von dem psychologischen Roman.â134 Ãber diese Diskursivierung individuellen Schicksals als Produkt auÃerpersonaler Dynamiken führt er den Roman schlieÃlich wieder seiner ursprünglichen Funktion zu, ein Leitfaden für das Leben der Menschen zu sein, und macht ihn zum Ratgebermedium für von der Nachkriegserfahrung bestimmte Modernitäts-Effekte.135 Darüber hinaus wird Prawdins Ansatz über dieses âKraftâ-Modell anschlussfähig für die lebensideologische Debatte, auf die Tretjakow oberflächlich keinen Bezug nimmt.136 Dessen Konnex zum Pathos der âTatâ besteht eher in der Umbesetzung des Schriftstellers von der Position des reinen Beobachters in die eines âoperierendenâ Produzenten137 und ist damit, eher als Prawdins kulturkritischer Text, als politisch-poetologischer Kommentar ernstzunehmen138, der sich gut mit anderen linken Stimmen der Zeit, etwa Bertolt Brecht und seinem kurzen Text Ãber Stoffe und Form (1929) verträgt, wo die Beziehung zwischen, in diesem Fall dramatischer, Textproduktion und der Welt der âTatsachenâ sogar bereits mit einem doppelten âStoffâ-Begriff verknüpft wird:
Das erste ist also: die Erfassung der neuen Stoffe, das zweite: die Gestaltung der neuen Beziehungen. Grund: die Kunst folgt der Wirklichkeit. Ein Beispiel: die Gewinnung und Verwertung des Petroleums ist ein neuer Stoffkomplex, in dem bei genauer Betrachtung ganz neue Beziehungen zwischen Menschen auffallen. Eine bestimmte Handlungsweise des einzelnen und der Masse wird beobachtet und ist deutlich dem Petroleumkomplex eigentümlich. Aber nicht die neue Handlungsweise hat die besondere Art der Petroleumverwertung geschaffen. Sondern das Primäre war der Petroleumkomplex, das Sekundäre sind die neuen Beziehungen. Die neuen Beziehungen stellen die Antworten dar, die die Menschen auf die Fragen des âStoffesâ geben, die Lösungen. Der Stoff (sozusagen die Situation) entwickelt sich nach bestimmten Gesetzen, einfachen Notwendigkeiten, das Petroleum aber schafft neue Beziehungen. Diese sind, wie gesagt, sekundär.139
Ausgehend von Prawdin und Tretjakow, der durch eine 1931 absolvierte Vortragsreise in Deutschland bekannt wurde140, könnten die Bücher mit Stoffbezug, aus dramentheoretischer Distanz von Brechts sich sträubendem Petroleum sekundiert, als Teil des Aushandlungsprozesses um Möglichkeiten einer âneuen Literaturâ begriffen werden, der stark an neusachliche Programmatiken anschlieÃt und sie weiter radikalisiert, dabei aber keinen Anspruch auf Zugehörigkeit zur Hochkultur erhebt, beziehungsweise diese Kategorie schlicht nicht mehr relevant setzt.141 Ihren auffälligsten Verfahren, beispielsweise der âAuflösungâ der Protagonistenrolle in den âStoffâ hinein, sowie der Veränderung von anthropologischen Personen- und literarischen Figurenkonzeptionen und Sprecherpositionen in den Texten des untersuchten Korpus, wird eine groÃe Bedeutung zukommen. Aber auch die Rekonstruktion von tiefer in den Büchern liegenden Konzepten von âRaumâ und âStoffâ, die als Phantasma einer topologischen Umkehr das ausprägen werden, was hier âsynthetischer Kolonialismusâ genannt werden soll, bestätigt die Verbindung der Bücher mit Stoffbezug mit der zuvor geleisteten Ãffnung des Literatursystems. Dabei sollten die Einflüsse der Debatte aber auch nicht überschätzt werden. Erhard Schütz, der über Tretjakow und Prawdin sehr plausible Linien einer Geschichte der deutschsprachigen Sachliteratur bis in die Nachkriegszeit zeichnet, für die vor allem die erfolgreichen âRomane ohne Erfindungâ142 von Kurt Marek alias C. W. Ceram und allen voran sein Archäologie-Longseller Götter, Gräber und Gelehrte (1949) stehen, sieht zwischen den beiden Polen,
wie das Telos der naturwissenschaftlich-technischen und geostrategischen Sachliteratur abgelöst wird durch eine tröstende Fundierung in historischen GroÃzyklen, durch die noch die zeitgenössischen Trümmer [â¦] Nobilitierung erhalten [â¦]143
Für die Bücher mit Stoffbezug kann, ohne zuviel zu verraten, vorweggenommen werden, dass sie sich am âTatâ- und âFaktenâ-Pathos sowie an der Verschiebung vom psychologisierten Helden zum tendenziell typisierten Führer (der als Ingenieur oder Chemiker realisiert wird) und inhaltlich von der Darstellung privater zu âproduktivenâ Tätigkeiten beteiligen. Für die eingeforderte âVersachlichungâ der Literatur stehen die Bücher zudem geradezu exemplarisch. Dennoch wird zu zeigen sein, dass sich ihr Programm darin nicht erschöpft und sie also nicht als âLösungâ der sogenannten âRomankriseâ in eine verlängerte Literaturgeschichte der Neuen Sachlichkeit eingereiht werden können. Sie stellen vielmehr eine weniger leicht zuzuordnende Mischform dar, die neben ihren Bezugnahmen auf formal neusachliche Schwundprozesse in Bezug auf âden Romanâ auch Indizien für eine Mitarbeit am gleichzeitigen Projekt einer âRestitution des Epischenâ liefern, das Walter Benjamin etwa in Döblins Bau des epischen Kunstwerks (1928) exemplarisch beschrieben sieht.144 Beim Epos handele es sich um das Modell einer Hybridkonstruktion, âdie aus dem Rekurs auf die alte epische Form [â¦] revitalisierende Energien für die Gegenwart schöpfen sollâ145 und die deutlich vom Roman, der mit âseiner zweckrationalen Motivation zum Ausdruck der âzivilisatorische[n] Entartung des Kunstwerksââ146 wird, abgegrenzt ist. Das Epos steht bei Döblin im âDienst einer Ãberwindung [der] Realitätâ und wird dabei âmit der Schaffung einer überrealen âSphäre einer neuen Wahrheitâ [betraut]â147.
Für das Korpus der Bücher mit Stoffbezug bietet sich hier eine gewagte Lektüre Döblins und seines Epos-Modells an. Die Bücher schaffen kurz gesagt tatsächlich diese âüberreale Sphäreâ, indem es ihnen gelingt, durch komplexe räumliche Konzeptualisierungen eine imaginäre Struktur zu erzeugen, innerhalb der, auch formal, die Anzahl der Möglichkeiten erst einmal zu wachsen scheint. Döblin proklamiert, wenn es um die Form des epischen Werks geht:
Ich fordere auf, die epische Form zu einer ganz freien zu machen, damit der Autor allen Darstellungsmöglichkeiten, nach denen sein Stoff verlangt, folgen kann. Wenn sein Sujet gewillt ist, lyrisch zu tanzen, so muà er es lyrisch tanzen lassen. Die Autoren erleben von allen Seiten den dringenden Ruf nach Aktualität, nach Gegenwartsdichtung. Wenn man ganz ehrlich ist, sagt man heute sogar: man will überhaupt keine Dichtung, das ist eine überholte Sache, Kunst langweilt, man will Fakta und Fakta. Dazu sage ich bravo und dreimal bravo.148
Wenn Döblin hier von Fakta spricht, handelt es sich nicht um dasselbe wie bei der Prawdinschen âTatsacheâ. Döblins Begriff ist subjektiviert und spricht nicht von, im weitesten Sinne diskursiven, âKräftenâ, die das Epos darstellen soll, sondern zielt darauf ab, und hier ist er näher bei Tretjakow, den Dichter beweisen zu lassen, âdaà er ein Faktum und ein Stück Realität ist und noch immer so gut und faktisch wie die gute Erfindung des Triergon oder wie die Caroluszelle.â149 In seinem Programm modelliert Döblin eine Gattung, die frei von formalen Beschränkungen ist und sich in der Darstellung ihrer Inhalte einer spezifischen Eigenzeit zuwendet, mit deren Hilfe sowohl die âModerneâ als auch ebenjene âWunschenergieâ150 verhandelt werden können, die aus den Büchern mit Stoffbezug Zeugnisse eines kollektiven Imaginären machen. Ihre formale âFreiheitâ ermöglicht die Integration verschiedener Wissensbestände und Perspektiven und führt zu einem spezifischen Gattungs-Wissen, das es erlaubt, die Bücher mit Stoffbezug als Gruppe zu historisieren151 und als eine Reaktion, natürlich anders, als Döblin es vorgeschlagen hat, auf die âKrise des Romansâ in âepischerâ Form zu begreifen.
Die mediale Vielgestaltigkeit der Bücher und ihre spezifischen Darstellungsweisen arbeiten also an der Diskussion um die Aushandlung neuer diskursiver Strategien zur Verwaltung von Komplexität innerhalb einer Synthetischen Moderne mit.152 Das Aufkommen von âStoffenâ als Stoff von Romanen, die Beschreibung ihrer Entdeckung, Sicht- und Nutzbarmachung, wobei sie sich immer wieder auch als Entziehendes und Flüchtiges zeigen, Projekte der Dingfestmachung und Stillstellung der âStoffeâ als Untersuchungsgegenstand, gehen dabei Hand in Hand mit Reflexionen über literarische Darstellungsmodi und anthropologische wie epistemologische (Neu-)Konzeptualisierungen und werden unterschwellig von autopoetischen Reflexionen des âRomansâ über sich selbst begleitet. Auffallend dabei ist die Lockerung von Gattungskonventionen, vor allem was die ânarrative Geschlossenheit und Einheitlichkeitâ153 der Texte angeht, über die, bereits jenseits des dokumentarischen Diskurses der Neuen Sachlichkeit, sehr spät zentrale Forderungen ihrer literarisch-ästhetischen Programmatik eingelöst zu werden scheinen, ohne dass sich die Akteure noch formal zu ihr bekennen. Die versuchsweise Einbindung von erzählerischen Montagetechniken und von scheinbar âdokumentarischemâ Material (Abbildungen, Werbeanzeigen, chemischen Formeln), über die Referenzen an wissenschaftliches und mediengeschichtliches âWissenâ hergestellt werden, sind für das Sachbuch bisher selten und für die populäre Literatur der untersuchten Zeit längst nicht ausreichend als âspezifisch âmoderneâ Technik wahrgenommen wordenâ154. In Verbindung mit ihrer Stellung als populäre Bücher mit groÃer Reichweite bietet sich für das Korpus die Möglichkeit, verfahrensgeschichtlich eine Linie vom späteren Bereich jenes Zeitraums der deutschsprachigen Literatur, den die Autorengruppe um Moritz BaÃler auf Kontinuitäten untersucht und der bis 1950 beziehungsweise 1960 reicht, historisch nach vorn zu verlängern. Bei BaÃler heiÃt es mit Blick auf das Ende des Zeitraums süffisant:
War nicht genau dies â über geschlossene, selbstreferentielle Formen zu neuen, in wachsenden Stilgemeinschaften akzeptierten metonymischen Modi zu kommen â der groÃe Traum der historischen Avantgarden? [â¦] Romantik und literarische Moderne suchen programmatisch den neuen Mythos, aber es ist der Realismus, und a fortiori der populäre Realismus, der ihn praktiziert. Vielleicht ist dies die finale Pointe unserer Verfahrensgeschichte über hundert Jahre, dass ausgerechnet die vermeintlich trivialsten realistischen Erzählmuster diesen Traum der emphatischen Moderne realisieren sollten â nach deren Ende, versteht sich, und in einer Form, die allen Vorstellungen Hohn spricht, die sich Einstein, Kandinsky & Co. von einer solchen Realisierung gemacht haben mögen. [â¦] Womöglich war der Graben zwischen hochkultureller Avantgarde und genrestabilem Groschenheft aber längst geschlossen worden in den neorealistischen Verfahren, die die deutschen Literaturen seit dem Ende der emphatischen Moderne dominieren. Kulturindustrie, übernehmen Sie!155
Literatur- und denkgeschichtlich scheint es tatsächlich plausibel, die Bücher mit Stoffbezug als âWunscherfüllerâ des âdeutscher Raumâ-Phantasmas zu lesen und ebenso ihre gattungsgenealogische Anwärterschaft auf diese Funktion einmal probehalber zu unterstellen. In ihrer medialen Vielsträngigkeit und ihrer Positionierung zwischen Belletristik und Sachbuch und also einer koordinierten Sonderstellung zwischen âEposâ und âBerichtâ unternehmen sie, das sei hier unterstellt, ein letztes Mal den gelingenden Versuch, mit literarischen Mitteln auf die in der Medienkonkurrenz atomisierte Wahrnehmung im doppelten Sinn âsynthetisierendâ zu reagieren.156
Das Raumkonzept der Bücher mit Stoffbezug 1: Verortung der Sphären âStoffâ, âRaumâ & âLebenâ
Die Bücher mit Stoffbezug denken über räumliche, genauer geopolitische, Fragen nach und entwickeln selbst ein spezifisches Raumkonzept, das in enger Beziehung zur Vorstellungswelt des deutschen Kolonialismus steht. Um diese auf den ersten Blick nicht unmittelbar naheliegende Konstellation besser verstehen zu können, scheint es zunächst geboten, die drei wesentlichen Sphären, die den Blick auf das Untersuchungskorpus lenken, zueinander in Beziehung zu setzen. Ihr Verhältnis besteht auf mehreren Ebenen. Zunächst ist der Vierjahresplan programmatisch von Beginn an auch ein geopolitisches Projekt, das sich in die Debatte um den deutschen âLebensraumâ und die von den Nationalsozialisten, aber auch anderen Parteien und auch bereits weit vor 1933, proklamierte âRaumnotâ einordnet.157 Die Diskussion betraf etwa die Frage der jenseits der Grenzen des Deutschen Reichs lebenden âAuslandsdeutschenâ, die zur Legitimation räumlicher Ansprüche herangezogen wurden. Zugleich bekräftigten die ostentativ betonte angebliche Benachteiligung Deutschlands mit natürlichen Rohstoffen und Ackerland und die daher drohenden Notlagen den Anspruch auf Raumerweiterung von innen heraus.
Der Vierjahresplan stellt in diesem Zusammenhang eine dialektische Figur dar, mit der die deutsche Rohstoffkrise, scheinbar paradox, nicht expansiv beantwortet wurde158, sondern durch das Vorhaben, das, was es im Ausland zu holen gäbe, durch Umwandlung von heimischen Ressourcen zu ersetzen. Fehlende Kautschuk-, Erdöl-, EiweiÃ- oder Baumwollvorkommen im eigenen Land mussten fortan nicht mehr zwangsläufig zur Forderung nach der Okkupation kautschuk-, erdöl, eiweiÃ- oder baumwollreicher Gebiete führen und machten den Vierjahresplan so vor der Hand zu einem Programm zur Sicherung des Friedens in Europa. Tatsächlich war dies natürlich ein Vorwand, der von der deutschen Propaganda zum âFriedensâ- und âAufbauâ-Topos, eingefügt in den archaisierenden âBlut und Bodenâ-Mythos159, ausgebaut werden konnte, während es eigentlich darum ging, einen Ausweg aus dem Dilemma fehlenden Rohstoffbesitzes zu finden, das dem Wunsch entgegenstand, einen ressourcenintensiven Angriffskrieg vorzubereiten.160 Schlüsselbegriff für dieses neue raumpolitische Paradigma wird im Kontext des Vierjahresplans neben der Synthese die Autarkie. Hierunter wurde einerseits eine âMöglichkeit zur Revision auÃenwirtschaftlicher Abhängigkeitenâ161, also die, als friedlich propagierte, Restitution nationaler Souveränität nach der Diskreditierungserfahrung des Versailler Vertrags verstanden. Andererseits galt sie, und dies strikt nur innerhalb der NS-Führung162, aber auch als notwendige Voraussetzung für die kriegerische VergröÃerung des âLebensraumsâ.163 Im Begriff der Autarkie kommen âRaumâ-Problem und âLebensâ-Problem, dramatisch gesteigert als Ãberlebensfrage164, zusammen und werden mit einer in Aussicht stehenden âStoffâ-Lösung, eben der Ersetzung natürlicher durch synthetische (Roh-)Stoffe, moderiert. In der Fixierung auf dieses Verhältnis nimmt das âSchrifttum zum Vierjahresplanâ eine Sonderstellung ein und es ist besonders auffällig, dass die nationalsozialistische Literaturpolitik ausgerechnet zu einem Zeitpunkt Texte zu fördern beginnt, die von einer gesteigerten âliterarische[n] Partizipation an der modernen Weltâ zeugen, als âHitler das Primat seiner Politik auf einen zukünftigen Krieg ausgerichtet hatâ165.
Andy Hahnemann beschreibt das Projekt seiner Studie zur literarischen und nicht-literarischen Geopolitik für die Zeit zwischen den Weltkriegen als die Rekonstruktion einer âImaginationsgeschichte des Globalenâ166. Martin Lindner analysiert die ideologische Zentriertheit des Denkens um Konzept und Begriff des âLebensâ für den Zeitraum von 1890 bis etwa 1950, der die Jahre von Hahnemanns Untersuchung also voll umfasst. An die Ãberlegungen und Ergebnisse beider Autoren schlieÃt diese Studie an und nimmt ihrerseits eine diskursive Verdichtung in den Blick, die nicht zwischen âLebenâ und âRaumâ liegt, sondern als von diesen, in wiederum ihrer eigenen Verschränkung, umschlossen und in die entsprechenden Debatten integriert gedacht werden muss.
Die beiden Sphären âLebenâ und âRaumâ werden für den betreffenden Zeitraum aus literaturwissenschaftlicher Perspektive bisher nicht sonderlich stark aneinander gekoppelt wahrgenommen. Tatsächlich kommt die Debatte um das âLebenâ zwischen 1890 und den Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts natürlich keineswegs ohne räumliche Bezüge und Denkmuster aus. Gerade die Auseinandersetzungen um den âLebensraumâ werden ausgesprochen intensiv, mithin sogar fanatisch geführt. Dabei handelt es sich jedoch um Konzepte, die trotz ihrer historischen Relevanz etwa Lindner für seine Untersuchung nicht vorrangig interessieren müssen, da es sich bei der Lebensideologie (LI) in erster Linie um die Beschreibung von Angelegenheiten des Individuums handelt. Auch kollektivpsychologische und soziologische Dispositive, die, folgt man Lindner, vor allem seit dem Ersten Weltkrieg (ausgehend etwa von den an Gustave Le Bon geschulten Theorien von Max Weber und Karl Mannheim) politisch an Einfluss gewinnen167, führen stets die kollektive Perspektive zurück auf die Bedingungen und das mentale Setup des Einzelnen. Spatiale Denkfiguren werden in diesem Zusammenhang vor allem als Bildspender interessant, etwa wenn es darum geht, das âauthentische Lebenâ als hinter oder unter den verhärteten gesellschaftlichen Formen liegend zu denken.168 Raumsemantik dient entsprechend hauptsächlich zur Beschreibung polarer, meist psychologisierter Organisationsprinzipien und wird von diesen aus auch in geopsychologischer Form anwendbar, wenn etwa das âObenâ/âMitteâ/âUntenâ-Schema aus âlebensfernemâ Intellekt, geistiger Mittelschicht und vital-triebhaftem Proletariat in die Horizontale gelegt und mit europäischen Mentalitäten von Westen (Frankreich) über die Mitte (Deutschland) nach Osten (Russland) korreliert wird.169
Hahnemanns Studie zum geopolitischen Schreiben zwischen den Weltkriegen erzählt ihre Geschichte ihrerseits weitgehend ohne Bezugnahmen auf das Wertsystem âLebenâ und beruft sich auch nicht auf Lindners Arbeiten oder die Lebensideologie generell. Dies geschieht, das sei unterstellt, reflektiert. Der Autor charakterisiert sein heterogenes Material aus Reiseberichten, Zukunfts- und Science Fiction-Romanen, kulturkritischen Schriften und Texten anderer Provenienz als relativ frei von individualpsychologischen Inhalten.170 âSeineâ Texte agieren in einem Dreieck aus Geographie, Politik und Technik, wobei jedes Element die anderen bedingt und so beispielsweise jede technische Entwicklung politische Verwertung findet, die anschlieÃend wiederum (zumeist) zur Herstellung einer neuen räumlichen Ordnung innerhalb der (erzählten) Welt führt.171 Dabei sind sie, in denen oft genug vom âLebensraumâ gesprochen wird, keineswegs frei vom Denken der Lebensideologie. Ihre Metaphoriken von Kampf, flutenden Massen und Ãberwindung, das Denken in âRassenâ, deren differente Willens-, Stärke- und Wertbestände nahezu immer mit der entsprechenden Geographie rückgekoppelt werden, oder die omnipräsenten, mental besonders ausgestatteten Führerfiguren sprechen vielmehr dafür, dass die Narrationen eine umfassende Imprägnierung durch das lebensideologische Denken der Zeit172 erfahren haben, in welcher Form und Intensität im Einzelnen auch immer.173 Dennoch liegt der Fokus von Hahnemanns Buch nicht auf dem Bereich âLebenâ und ermittelt stattdessen, ausgehend von der Kategorie âRaumâ, eine imaginative Sphäre, die das Denken der Zeitgenoss_innen auf andere Weise, dabei aber nicht weniger stark, geprägt hat. Mögliche Beziehungen zwischen beiden Einflusssphären, wie sie etwa in Modellen von Hybridität oder neuerdings Interferenz174 beschrieben werden, entgleiten der vergleichenden Untersuchung schnell, wenn sie, etwa im Konzept der ââEnergieâ als Medium geopolitischer Weltbildfabrikationâ175, aus nicht erkannten Ãberschneidungsbereichen von anderen ideologischen âQuellenâ her ins Bild laufen.176
In einer vermittelnden Lektüre lassen sich die Beobachtungsfelder âLebenâ und âRaumâ also sehr wohl als einander überlagernd erkennen. Ein Ansatz für die Implementierung einer dritten Kategorie, den âStoffâ (im Sinne von synthetischen Substanzen und Materialien), der das Aktionsfeld umfassend mitgestaltet, liegt in der Feststellung unterschiedlicher Akzente hinsichtlich der Plot- beziehungsweise Figurenpsychologie in den Bereichen âRaumâ und âLebenâ. Während Hahnemann für die geopolitische Literatur aus einem anti-psychologischen Impuls177 eher kollektivpsychologische Zusammenhänge rekonstruiert, führen die literarischen Beiträge und Kommentare zur Lebensideologie, die Lindner analysiert, tendenziell zu individualpsychologischen Konstellationen, denen freilich Kollektivsemantiken (etwa zur âPsychologieâ einer bestimmten Klasse) unterlegt sein können.
Für die Bücher, denen die vorliegende Untersuchung sich widmet, sind beide Konzepte, âLebenâ und âRaumâ, gemeinsam mit ihren zugehörigen Denkumgebungen, eminent wichtig. Im Verhältnis beider Sphären gilt es, einen dritten Mitspieler zu verorten, der sich maÃgeblich durch ein Nachdenken über âStoffeâ auszeichnet. Es gilt weiterhin, die beiden ersten Akteure und diesen neuen in ihren Funktionen zu charakterisieren. Die Kategorie âLebenâ übernimmt die Funktion eines metaphorischen Katalysators, der es vermag, selbst unverändert, Prozesse in seiner Umgebung anzustoÃen und verschiedene Modelle ideologisch zu grundieren. Die Lebensideologie hüllt also die beiden anderen Sphären âStoffâ und âRaumâ gewissermaÃen ein, sodass diese beiden innerhalb einer Kultur, die als lebensideologisch bezeichnet werden kann, in ein wechselseitiges Verhältnis zueinander treten. Demnach strukturiert das âLebenâ als Ideologiekonvolut neben vielem anderen auch das Kontaktgebiet dieser beiden Sphären, auf dem spezifische Aushandlungsprozesse stattfinden können. Kontakt ist dabei als schwächere Form einer Durchdringung gedacht, die zudem zeitliche und situative Abstufungen erlaubt. Einfach gesagt kann der âStoffâ mit dem âRaumâ letztlich auch soweit interferieren, dass er âRaumâ wird. Die Bücher mit Stoffbezug können sehr enge Verbindungen der beiden Sphären herstellen, ohne sie konzeptuell voll zur Deckung zu bringen. Das wird etwa deutlich in der Modellierung einer bestimmten, neu semantisierten âTiefenâ-Dimension, die der âdeutscheâ Raum als Raum der Synthese braucht, um neue Erzeugnisse mental an die Kategorie des âEigenenâ zu binden, und die zugleich eine Realisierung lebensideologischer Psychologie darstellt, bei der in der âTiefeâ das âLebenâ in seiner Reinform verortet wird.178 Viele synthetische Stoffe werden beispielsweise aus Steinkohlenteer als Ausgangsstoff gewonnen, der wiederum als Inkarnation eines prähistorischen (eher ahistorischen) âDeutschen Waldesâ begriffen wird. Die âTiefeâ, aus der der alte Wald als Kohle räumlich kommt, ist dann zugleich eine âLebens-Tiefeâ mit unterschiedlichen Konnotationen (âUrsprünglichkeitâ, âReinheitâ, âkulturelle Unversehrtheitâ und ganz allgemein âReferenzâ). Der geförderte Stoff behält etwas von dieser räumlichen Semantik, die zur Legitimierung des späteren âKunststoffsâ, etwa der Markierung seines eigentlich natürlichen Charakters, genutzt werden kann und darüber hinaus, in seiner räumlichen Verortung und deren semantischer Bearbeitung durch die Bücher, an Konzepte des âdeutschen Kolonialidiskursesâ anschlieÃt.
Das neue Modell sei also zunächst als lebensideologisch gefärbtes Kontakt- und Verhandlungsfeld der Sphären âRaumâ und âStoffâ gedacht, das für die untersuchten Texte als ergiebig groà angenommen wird, um die Existenz eines Hybridgenres von âBüchern mit Stoffbezugâ zu postulieren. Die polaren Wertschemata, die für das âLebenâ in der abstrakten Gegenüberstellung von âLebenâ und âNicht-Lebenâ und für den Raum im âDiesseitsâ und âJenseitsâ einer topographischen Grenze bestehen, werden durch den âStoffâ und die Oppositionen, die er mitbringt und in beide Sphären einzuspeisen vermag, dynamisiert und neu kodiert, ohne die früheren Prämissen je ganz aufgeben zu müssen. Bei diesen Oppositionen handelt es sich um die Dichotomie von âkünstlichâ und ânatürlichâ sowie die, topologische Grenzen mit aufrufende, Unterscheidung von âEigenemâ und âAnderemâ. Die Bücher mit Stoffbezug stellen also eine wichtige vernachlässigte Etappe innerhalb der LI-Epoche dar. An ihnen wird die groÃe Rolle der Entwicklung synthetischer Stoffe, vor allem als Ersatz für, etwa durch den Verlust ihrer natürlichen Lagerstätten in den Kolonien oder andere (geo)politische Verschiebungen, nicht (mehr) zu gewinnende Ressourcen deutlich. Dies gibt schlieÃlich neuen Aufschluss darüber, in welcher Form die durch den Verlust der Kolonien erlittene âKränkungâ kollektiv bearbeitet wurde.
Ãber die Konzepte âStoffâ und âSyntheseâ werden in den Büchern des Korpus die Ebenen von individueller und kollektiver Psychologie gewissermaÃen synthetisiert. So werden die Entdeckung und Entwicklung neuer âStoffeâ als Angelegenheit des Einzelnen behandelt, die in psychologisierter Form auch die Interaktion des Forschers mit seiner Umgebung semantisch âversorgtâ (beispielsweise wenn chemische Prozesse mit privaten korreliert werden und die Entdeckung eines âStoffsâ durch den Forscher mit einer Schwangerschaft seiner Frau zusammenfällt, sodass der Text âChemieâ als eine Sphäre markiert, in der implizit auch âZeugungâ verhandelt wird). Zugleich wird bei den Büchern, die von der Programmatik des Vierjahresplans affiziert sind, genau diese Vereinzelung von Forschung und Entdeckung, also die Bindung der Synthese an das Individuum, recht zügig zum Problem. âWissenschaftâ und âSyntheseâ sind innerhalb dieser Programmatik nur legitim, wenn sie die Einsicht teilen, dass es sich bei ihren Themen um âLebensfragen des deutschen Volkesâ handelt. Dieses gesamtgesellschaftliche Interesse ist mit einer privat betriebenen und von individuellen Befindlichkeiten abhängigen Chemie nicht vereinbar und erkennt im Forscher, der als auÃergewöhnliches Individuum am Rand des Unbekannten arbeitet und dadurch potenziell eine Nähe zum âWahnsinnâ aufweist, oder den gesellschaftliche Hindernisse an der Realisierung seiner synthetischen Potenziale hindern, eine Gefahr für das Projekt nationaler Souveränität. Allerdings gehört diese Feststellung zu jenen Ideologemen, die innerhalb der Texte noch nicht sujetlos geworden und also von Text zu Text neu zu verhandeln sind.179 Ziel der Texte ist es dann, das Prinzip der âSyntheseâ von seinen chemischen Implikationen her auch als Organisator der sozialen Gefüge zu denken und den âVerbundâ und die âAustauschbarkeitâ der Fortschritte im Wissenschaftssystem quasi-synthetisch gegenüber Privatlabor und Individuum aufzuwerten.180 Individualität als Problem und Kollektivität als erst herzustellende Lösung bilden einen Ausgangspunkt für das psychologische Modell einer durch den âStoffâ prozessierten mental-gesellschaftlichen Synthese, in dem die Lebensideologie zu ihrer kollektivpsychologischen Gestalt kommt.
Eine wichtige âRaumâ-Referenz der Bücher mit Stoffbezug besteht in der âKolonieâ, die sich thematisch weiter auffächert, deren Bearbeitung aber stets im Verlust der deutschen âSchutzgebieteâ ihren Ausgangspunkt hat. Von dort aus eignet sich das Konzept auf unterschiedliche Weise entweder für die Ausgestaltung revanchistischer Modelle, indem Deutschland als die bessere Kolonialmacht beziehungsweise die Imperien der anderen Staaten als mangelhaft dargestellt werden, oder zur Vorstellung von Deutschland als selbst von den âSiegermächtenâ besetzter Kolonie. Oft treten beide Modelle in Kombination auf beziehungsweise bespielen denselben revanchistischen Zusammenhang. In den Büchern mit Stoffbezug erscheint das eigene Land schlieÃlich selbst als ein erst noch zu kolonisierender Raum, dessen Rohstoffquellen, da sie verborgen in Syntheseprozessen, den Retorten und nicht zuletzt den Köpfen der als Chemiker arbeitenden âSöhneâ des Landes liegen, noch gar nicht vollständig bekannt und erschlossen sind und aus einer räumlichen, historischen und semantischen âTiefeâ ans Licht gebracht werden müssen oder, je nach Einsatzpunkt der Bücher, der eigene Raum nachträglich âneuâ, als bereits vollständig synthetisch durchdrungen erkannt werden muss. Ein einschlägiges Beispiel hierfür ist wiederum der Steinkohlenteer, über den Deutschland massenhaft verfügte und der zur Grundlage für die gesamte Farbstoffindustrie wurde. Seine Entstehung als wertloses Nebenprodukt, etwa bei der Herstellung von Leuchtgas, führte zunächst zu seiner Klassifikation als Abfall von frühen und mittleren Industrialisierungsprozessen und damit als Ballast von Modernisierung. Die ErschlieÃung seiner diversen Bestandteile181 machte ihn jedoch in der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Schlüsselsubstanz, deren schier unerschöpflicher Inhaltsreichtum den Chemikern als Wiederkehr einer Art âUrsuppeâ erschien. Dass dieser âStoffâ nicht importiert wird, sondern aus dem eigenen âTiefenâ-Raum kommt, dementsprechend âtellurischeâ Merkmale hat, gleichzeitig aber, als Beiwerk chemischer Prozesse, auch dem Bereich der Industrie angehört, macht ihn sowohl zum Repräsentanten von (Ur-)Geschichte, als auch zum Signifikant für das âNeueâ und zum stofflichen Korrelationsort von âRaumâ und âLebenâ.
Eine solche vom âStoffâ akzentuierte Beziehung zwischen âRaumâ und âLebenâ begegnet in den Büchern des Korpus häufiger, beispielsweise auch dann, wenn ein mit âLebenâ korrelierter âStoffâ, etwa ein bestimmtes Medikament, eine gleichfalls mit âLebenâ korrelierte Grenze überschreitet, worunter auch eine Körpergrenze verstanden werden kann. Passiert ein âStoffâ in einem Buch mit Stoffbezug jene Grenze in den Körper hinein, tut er dies bemerkenswerterweise zumeist nicht in Deutschland, sondern in Räumen des globalen Südens, die ihrerseits mit gesteigertem âLebenâ verbunden sind. Das gilt etwa für die Behandlung der Schlafkrankheit in mehreren nicht-âdeutschenâ Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent mit dem Medikament Germanin (1938) im gleichnamigen Buch von Hellmuth Unger, für das Blutdoping der Arbeiter im Kupferdoktor (1939) von Fritz Peil, der vom Abbau von Metallerz in Chile handelt, oder für Rudolph Brunngrabers Heroin (1952), der ein Dokumentarfilmteam zur Erkundung der Rauschgiftsucht nach Ãgypten âbegleitetâ. Gelangen synthetische âStoffeâ durch Schlucken, Spritzen oder Strahlen in âdeutsche Körperâ auf âdeutschem Bodenâ und reflektieren die Texte das selbst auf der Handlungsebene, so geschieht dies beinahe immer in Texten mit deutlicherem Dokument- und Faktographiecharakter, wie etwa der I.G. Farben-Broschüre Erzeugnisse unserer Arbeit. In stark narrativen Texten, die sich selbst als Roman deklarieren, ist der höchste Approximationsgrad, den künstliche Stoffe an diesen âdeutschenâ Körper erreichen dürfen, zumeist schon beim Strumpf aus Bembergseide erreicht, mit dem Doris in Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen ihren Beinen den âGlanzâ verleiht.182
Das Verhältnis zwischen âStoffâ, âRaumâ und âLebenâ ist in den Büchern mit Stoffbezug also vielgestaltig, intrikat und gegenüber anderen Textgruppen speziell. Vom âLebenâ kann gesagt werden, dass es die beiden anderen Elemente strukturiert, ohne von diesen strukturiert zu werden. Die Merkmale, über die es eventuell aus spezifisch âstofflicherâ Sicht verfügt, stellen Varianten von im System bereits vorhandenen Ideologemen und damit keine genuinen Neueinsätze dar.183 âStoffâ und âRaumâ sind besonders eng verkoppelt und beeinflussen die Werte der jeweils anderen Sphäre so immens, dass praktisch keine eigenständigen Zweierbeziehungen dieser beiden zum Bereich âLebenâ mehr denkbar sind, die nicht von Wechselwirkungen mit der jeweils anderen GröÃe zeugen. Die Gesamtheit der Beziehungen zwischen den drei GröÃen âStoffâ, âRaumâ und âLebenâ ergibt ein System, das die Texte des Korpus auf spezifische Weise strukturiert und das als synthetischer Kolonialismus weiter konturiert wird.
Das Raumkonzept der Bücher mit Stoffbezug 2: synthetischer Kolonialismus
Hahnemann sieht in der (deutschsprachigen) geopolitischen Literatur zwischen 1918 und 1933 âeine auf den globalen Raum ausgerichtete grenzenlose Wunschenergieâ184, deren Ziel âdie politische Aufwertung des Vaterlandesâ185 ist. Das Begehren danach ergibt sich nicht zuletzt aus einer Reihe von Kränkungen, als deren âschmachvollsteâ die Bedingungen des Versailler Friedensvertrags und der daraus resultierende Verlust der deutschen âSchutzgebieteâ gesehen werden. Hieraus ergeben sich Tendenzen einer marginalisierten Selbstwahrnehmung, in der Deutschland als âAvantgarde der Unterdrücktenâ186 erscheint. Timm Ebner hat in seiner Studie zur Nationalsozialistischen Kolonialliteratur dargestellt, wie sich diese Selbstmarginalisierung in Aussagen manifestiert, in denen Deutschland als âKolonieâ verschiedener âMächteâ erscheint: âVersailles sei âVersklavungspaktâ, Deutschland âKuli der Weltâ, âPlantage des Weltkapitalsâ, âSklave der Entente-Nationenâ oder âWallstreetkolonieâ.â187 Ebner sieht diese Tendenz bereits vor dem Ersten Weltkrieg, auch hier im Zusammenhang mit dem deutschen Kolonialismus, und findet dabei Unterstützung in der These eines âdeutschen Sonderwegsâ, der das Land hinsichtlich seiner Kolonialpolitik von den anderen âGroÃmächtenâ abgrenzt. Das Deutsche Reich, so der mentalitätsgeschichtliche Kernpunkt der These, würde sich, als zu spät Gekommener in den Reihen der Kolonialstaaten, einerseits durch eine imitative Kolonialpolitik auszeichnen, die beispielsweise dem Britischen Empire nacheifere und dessen Vertreter dementsprechend, als gehetzte Emporkömmlinge, bestimmte Manien und Neurosen ausbilden, die etwa als âTropenkollerâ pathologisiert und zeitgleich literarisiert werden.188 Hierüber würden Effekte und affektive wie materielle Ãberschüsse beschleunigter Industrialisierung und gesteigerten Konsums, das âHasten des modernen Lebensâ189, wie Karl Lamprecht es beschreibt, gewissermaÃen extraterritorial, zum Beispiel im Erwerb von Kolonien und in der dortigen Betätigung, abgeführt.190 So entsteht eine enge Verbindung von Kolonialismus und kapitalistischer Modernisierung, aber auch eine Nähe dieses Komplexes zu Medien und Psychologie als Herrschaftstechniken, wenn die deutschen Kolonisatoren als Akteure einer nationalen âNeurasthenieâ gesehen werden, deren Aufenthalt in den Kolonien immer auch als therapeutische Affektentladung konzipiert ist.191
Die These vom âdeutschen Sonderwegâ wird andererseits auch dahingehend ausgelegt, dass das Verhalten der Deutschen im Gegensatz zu dem anderer Kolonisatoren in der kolonialen Praxis, aber auch in den politischen Debatten zum Thema, von gröÃerer Empathie, einem Modus der Identifikation mit der einheimischen Bevölkerung und weniger dem Paradigma einer White Manâs Burden192 geprägt gewesen sei.193 Dieses Verhalten, das etwa von Berman auf die, im Vergleich zu den europäischen GroÃmächten, im Deutschen Reich weniger stabil ausgeprägten Konzepte von ânationaler Identitätâ und âSouveränitätâ zurückgeführt wird194, habe mutmaÃlich bewirkt, dass âAlterität [â¦] in diesem Zusammenhang zum Gegenstand eines âheterophilenâ Begehrens werden [konnte]â195. Deutschland hätte, so Berman, bei der Ausbildung eines eigenständigen Nationalismus eher auf kulturelle Identifikation rekurriert als, wie etwa Frankreich und England, auf ânational powerâ.196 Dass hieraus allerdings nicht der Schluss gezogen werden darf, das Deutsche Reich wäre in seiner Kolonialpolitik und den Praktiken bei der Ausübung von Herrschaft über die besetzten Gebiete grundsätzlich weniger brutal und rücksichtsloser als die Akteure aus GroÃbritannien, Frankreich, Belgien und anderen Staaten, oder gar wirklich âverständnisvollâ vorgegangen, zeigen neuere Forschungen hinreichend.197
Das Konzept einer âempathischen Kolonialmachtâ taugt aufgrund seiner merkwürdigen Ãbertragung individualpsychologischer Thesen auf das Kollektiv der deutschen Entscheidungsträger sicher nicht für die Bewertung konkreter Machtausübung und findet auch in einem GroÃteil der die Herrschaftspraxis umgebenden Debatten keinen soliden Widerhall. Konzepte wie der âSonderwegâ sind daher nicht als Versuche einer Verharmlosung des Kolonialismus, sondern als Aussagen mit einem bestimmten Status zu werten. Berman weist selbst darauf hin, dass der âKolonialdiskursâ nicht mit dem âKolonialismusâ identisch ist, sondern mitunter gar zu ihm widersprüchliche Konzepte ausprägt, dabei aber permanent auf ihn referiert, worin sein analytisches Potenzial liegt.198 Die entsprechende Semantik eines solchen âSonderwegsâ lässt sich aus den Aussagen des âKolonialdiskursâ als Projekt einer mentalen Kerbung des Raums199 rekonstruieren und gibt vor allem Informationen darüber, wie der deutsche Kolonialismus sich selbst sah und gesehen zu werden beabsichtigte, ohne, dass das mit seiner historischen âRealitätâ besonders viel gemeinsam haben müsste.
Nach 1918 setzt sich die Tendenz zur Selbstmarginalisierung in der Debatte um den Friedensvertrag von Versailles und den dort zur âTatsacheâ erklärten Verlust der Kolonien intensiviert fort und drückt sich nun verstärkt in der Rhetorik eines Kolonisiert-Seins aus. Von diesem Punkt an, beziehungsweise seit dem faktischen Verlust der Kolonien im Verlauf des Ersten Weltkriegs, dem der Versailler Vertrag nur die amtliche Bestätigung verlieh200, spricht man von einem deutschen âKolonialismus ohne Kolonienâ201 und akzentuiert damit den, durch den Entzug der ârealenâ Grundlage verstärkten, imaginären Gehalt des Konzepts, wenngleich konkrete Bemühungen um einen Rückerhalt der Kolonien noch einige Jahre andauern und ihr Ende, paradoxerweise, im Nationalsozialismus finden.202
Ebner spricht von einer âallgemeine[n] intrinsische[n] Fiktionalität des Kolonialenâ203 und sieht für dieses Merkmal in der Zeit nach dem Verlust der âSchutzgebieteâ nur âein besonders markantes Beispielâ204. Kolonialismus ist nach Ebners Beobachtungen stets auf Fiktionalisierung angewiesen, auch, weil ein GroÃteil der Bevölkerung der âMetropoleâ, jenseits von Kolonialwarenläden und ebenjenen kolonialen Bild- und Textwelten, faktisch niemals in Kontakt mit den besetzten Gebieten und ihren Bewohner_innen getreten sei. Kolonialismus als konkreter Erfahrungsraum sei ein Elitenphänomen und der Rest der Bevölkerung des Kolonialstaats erlebe ihn eben ohnehin ânurâ imaginär, in fiktionalisierter Form qua Werbetexte, Erzählungen, Filme und ähnlichem.205 Das öffnet im kolonialen Schauplatz einen âDritten Raumâ, an den ânicht nur Phantasmen der Entgrenzung, sondern auch die Phantasmen einer Beherrschung, die bis zur âFernsteuerungâ reichteâ206 ausgelagert werden konnten. Das Fiktionalitäts-Modell des Kolonialismus, das Ebner entwickelt, führt zur Freilegung subtiler Doppelbödigkeiten in der Sphäre eines kolonialen Imaginären, über die Verschiebungen des âRealenâ im âImaginärenâ als Medieneffekte von Ideologie sichtbar gemacht werden können. Ebner weist nach, dass zur Zeit des Nationalsozialismus, während der weiterhin Kolonialliteratur erscheint, wenngleich das Konzept eines deutschen Ãberseekolonialismus vorläufig eine Absage erfährt, auch die in den Fiktionen geleistete âSelbstkolonisierung maÃgeblich zur Kriegsvorbereitung bei[trug], indem sie die Eroberungspolitik zur âNotwehrâ verklärte, wie es das Schlagwort vom âLebensraumâ verdichtete.â207 Auch ohne Rückgriff auf Ambivalenzen, die âdialectical flip-sideâ208 der Aufklärung und ihr Kernkonzept, die Vernunft, als zugleich Katalysator zivilisatorischen Fortschritts, der seinem Programm nach âemphatisch auf Inhalte (Glück, Gleichheit, Gerechtigkeit u.a.)â209 ausgerichtet wird, und eine technische Rationalität im Ausgang einer instrumentellen Vernunft, deren âoperativer Wert, ihre Rolle bei der Beherrschung des Menschen und der Natur [â¦] zum einzigen Kriterium gemachtâ210 wird, können so inhärente Paradoxien des Moderne-Prozesses in ihrer imaginären âVerarbeitungâ dechiffriert werden. Der Nationalsozialismus ist, nach Ebner, radikal fiktional und zielt, wie oben zitiert, âauf eine unmittelbare, immediate Immersion ab, das heiÃt auf ein unmittelbares âEintauchenâ in eine âuniversaleâ Vorstellungsweltâ211, die bis auf das Niveau des Einzelnen und seiner Wahrnehmung mit einer umfassenden, einheitlichen âVorstellungsweltâ verschmelzend, oder auch âsynthetisierendâ, wirkt. Eine so umfassend gedachte ideologische Einheit wird fortwährend durch ihre âmedialen Bedingtheiten, [den] Rahmen oder die Leinwand der Immersionâ, wie Ebner es nennt, gestört212:
Eine der gröÃten Paradoxien der NS-âWeltanschauungâ besteht darin, dass sie fortwährend von ihren Störungen verfolgt wird, und zwar gerade deshalb, weil sie versucht, ihre eigene mediale Bedingtheit zu verleugnen. Die Störung ist der unweigerliche Effekt von Unmittelbarkeitsutopien wie der âVolksgemeinschaftâ, der âEinheit von Volk und Führerâ, der âWeltanschauungâ. Insofern sind die Produkte der nationalsozialistischen âMediendiktaturâ ein Paradebeispiel für jene paradoxen modernen âMedien des Immediatenâ beziehungsweise âMedien der Unmittelbarkeitâ, deren übersteigerte Mimesis dem Anspruch nach ihre Medien überschreitet und einen Zugang zum âRealenâ herstellt.213
Für die von ihm untersuchten Texte identifiziert Ebner den âVerräterâ als zentrale Figur, âin dessen Gestalt die medialen Störungen von der Immersion abgespalten werdenâ214 und der so zur Ermöglichungsbedingung einer universalen âWeltanschauungâ wird. An den Büchern mit Stoffbezug soll gezeigt werden, dass ähnliche Text/Bild-Figuren nicht nur in die (fiktionalisierte) koloniale Peripherie delegiert wurden, sondern auch Teil eines bestimmten âRaumâ/âStoffâ-Phantasmas im âeigenenâ Land waren. Nachdem der Ãberseekolonialismus strukturell und politisch an Bedeutung verloren hatte, wurde besonders ein diskursiver Strang in dieser Hinsicht zum neuen âLieblingâ einer offiziellen Debatte, nämlich der um den synthetischen (Roh-)Stoff, dessen Literarisierung von Beginn an effektiver als âneuâ politisiert werden konnte, als etwa die etablierten Sujets des geopolitischen Zukunftsromans.215 Neben der für die Kolonialliteratur konstitutiven Struktur aus âVerschwörungâ und âVerräterâ, die gemeinsam die durch universale âWeltanschauungâ hergestellte Einheit der âGemeinschaftâ bedrohen, ist für die Bücher mit Stoffbezug vor allem eine spezifische Variante von Kolonialismus konstitutiv, die ebenfalls mit der Regulierung einer âStörungâ beschäftigt ist und das bearbeitet, was Schivelbusch die âKultur der Niederlageâ genannt hat. Sie führt unter bestimmten Umständen zur Schaffung einer âneurotisch-halluzinatorische[n] Ersatzweltâ, âin die sich das traumatisierte, zum realen Gegenschlag nicht fähige (und zu der den Verlust akzeptierenden Trauerarbeit nicht willige) Ich zurückziehen und in der es sich austoben kann.â216
Wird Ebners Modell noch näher an das hier zur Debatte stehende Korpus herangeführt, scheint auch das Mimesis-Konzept seiner Arbeit für eine Ãbertragung auf den synthetischen âStoffâ zunächst suggestiv, verspricht es doch, das Verhältnis von âEchtemâ und âKünstlichemâ treffend einzufangen:
Den Mimesisbegriff verwende ich im Folgenden für Formen der Repräsentation, die das Repräsentierte nicht nur symbolisch âvertretenâ, sondern es auch simulieren, indem sie seine ästhetischen Eigenschaften nachahmen.217
Dieses Verhältnis lässt sich problemlos auf den synthetischen Stoff als nicht nur substituierenden Vertreter des natürlichen Rohstoffs, sondern seine vollständige, oft sogar bessere Simulation, die vor allem als Diskursphänomen relevant ist, übertragen. Die Propaganda um den Vierjahresplan verwendete viel Aufmerksamkeit auf die Einübung in Benennungs- und Beschreibungspraktiken der synthetischen Stoffe, um zu vermeiden, dass diese fälschlicherweise als âKunst-â oder âErsatzstoffeâ, ein Begriffsdämon aus den Jahren des Ersten Weltkriegs, gehandelt wurden und kann in dieser Hinsicht als geradezu von der perfekten Simulation besessen beschrieben werden.
Zu dieser einfachen Ãbertragung von Rohstoffeigenschaften auf künstliche Substanzen, die der Synthese-Stoff in der âPhase der Reproduktionâ218 immer erfüllt, kommen für die synthetischen Stoffe in den DreiÃiger Jahren weitere Funktionen hinzu. Der Vierjahresplan und âseineâ Texte fallen in eine Zeit, in der die Synthesechemie sich an einem Ãbergang befindet, wo zum bereits etablierten Nachbau ânatürlicherâ Stoffe im Labor und in industriellem MaÃstab, wie etwa Farbstoffen, Stickstoff und bald Kautschuk, das zusätzliche Versprechen tritt, auch gänzlich neue Stoffe ohne Vorbild in der Natur synthetisch erzeugen zu können. Als ein Meilenstein dieses Abschnitts gilt neben der stark wachsenden Serumpalette in der Pharmazie die Synthese der Nylon-Faser, die 1935 erstmals gelang und deren Produkt 1938 âals eine vollständig synthetische Faser aus Luft, Wasser und Kohleâ der Ãffentlichkeit präsentiert wurde.219 In dieselbe Zeit, in der auch die Texte zum Vierjahresplan erscheinen, fallen zunehmend Visionen vom Leben in einer vollsynthetischen Welt und Ãberlegungen zur potenziellen Ersetzbarkeit aller bisher bekannten Materialien durch im Labor erzeugte Substanzen, bei denen alle Eigenschaften beliebig optimiert werden können. Medial und diskursiv in Stellung gebracht führten die neuen Erkenntnisse auch dazu, dass die Chemie mit deutlich mehr Deutungshoheit in Bezug auf die Einordnung von Fortschrittselementen auch auf anderen Gebieten ausgestattet wurde.220 Auf diese Weise wird sie auf mehreren Ebenen zu einer Wissenschaft der Repräsentationsarbeit, sowohl was ihre Produkte, als auch, was ihren diskursiven Ort angeht. Sie unterliegt dabei auf beiden Feldern in unterschiedlicher Form dem Prinzip der âSimulationâ, etwa, wenn es um Bemühungen geht, sie als spezifisch âdeutscheâ Wissenschaft in ein Ensemble von Disziplinen der nationalen Wissensbildung einzugruppieren221 und dabei den eigenwilligen Wissensmodus der Synthesechemie, die über ein spezifisches Verhältnis zum Nichtwissen verfügt, in dem der auch für den Chemiker neue Stoff bei seinem erstmaligen Auftauchen als gänzlich âunberührtâ und seine Erschaffung als Akt der Schöpfung gelten kann222, für das Verhältnis von Epistemologie und Ideologie produktiv zu machen. Die Chemie ist damit in der Lage, Strukturen zu dynamisieren223 und etwas als fundamental âneuâ zu charakterisieren. Sie korrespondiert darin mit der Ideologie des Nationalsozialismus, in deren Rhetorik das âNeue Deutschlandâ einen wichtigen Platz einnimmt. Die âStoffâ-Wissenschaft wird auf diese Weise zur politischen Legitimierungshelferin und stützt ebenso ein neues autogeographisches Raumkonzept, dem es vor allem darum geht, den Raum des âEigenenâ als âwieder neuâ zu deklarieren.
Das Mimesis- und Repräsentationsmodell der âSyntheseâ ist subtiler und ideologisch tiefergehend als die oberflächlichen propagandistischen Strategien zur Ausblendung des âkünstlichenâ Charakters der Stoffe durch vollständige âSimulationâ erahnen lassen. Wissenschaftliche Innovationen, ihre Popularisierung und Kommodifizierung, die zur Aufwertung der Chemie als Leitkategorie führen, ermöglichen nicht nur ihren wirtschaftspolitischen Aufstieg, sondern lassen sie auch ideologisch zu einem wichtigen Wertreservoir bei der Aushandlung eines neuartigen Verhältnisses zum âEigenenâ, vor allem in räumlicher Hinsicht, werden. Die einzelnen Synthesen simulieren dabei sehr wohl ihr Vorbild, gehen aber als Medien der Repräsentation darüber noch hinaus, indem sie schlieÃlich einen ganzen Zustand simulieren, der als Darstellung einer Krise im Zustand ihrer Ãberwindung bezeichnet werden kann. Bedingung für ein Versprechen nationaler Integrität, das durch die Realisierung neuer Ressourcen, welche die Chemie in Aussicht stellt, ermöglicht wird, ist die Umsetzung der Prinzipien eines synthetischen Kolonialismus auf allen relevanten Gebieten.
Die vom Nationalsozialismus geförderte Literatur bemüht sich um eine Vereinigung von Erfahrungen der âModerneâ mit traditionellen oder, mit Graeb-Könneker, autochthonen Gehalten.224 Die âModerneâ wird in der zeitgenössischen Wahrnehmung dabei geteilt in Bereiche, die es zu übernehmen gilt, die Verbesserungen versprechen und die mit dem âdeutschen Wesenâ vereinbar sind und solche, für die das nicht gilt:
In den verschiedenen Bereichen nationalsozialistischer Literaturlenkung finden wir eine markante Zahl von ÃuÃerungen (Rezensionen, Essays, Preisausschreiben usw.), die sich für eine Akzeptanz der modernen Welt aussprechen, soweit sie sich auf Technik, GroÃstadt, Forschung, Erfindertum, nicht aber auf plurale Erscheinungsformen wie Demokratie, moderne Kunst u.ä. bezieht. Die Akzeptanz schlieÃt auch die Bereitschaft mit ein, das dynamische Prinzip anzuerkennen, das in diesen Teilbereichen wirksam wird â dies allerdings nur unter dem Vorbehalt, daà der Wandel, der damit ausgelöst wird, kontrollierbar bleibt. Der Nationalsozialismus reklamiert diese Kontrollfunktion für sich, faÃbar in der Aussage Dähnhardts, daà der Nationalsozialismus âjedes Ding auf seinen rechten Platz rückt.â In dieser Rolle handelt das NS-Regime gleichermaÃen bewahrend wie revolutionär.225
Im Bild von jedem Ding auf dem rechten Platz kehrt der universalistische Zugriff der âWeltanschauungâ, wie Ebner sie fasst, wieder. Innerhalb dieses Prozesses wird auch der Kolonialismus als Raumordnungsparadigma in die Sortierungspragmatik des Nationalsozialismus involviert und innerhalb eines diskursiven Verhandlungsraums, der Politik des Vierjahresplans und der ihr angeschlossenen (populärkulturellen) Propaganda, im Verbund mit der Synthese als neuem âStoffâ-Paradigma radikal neukonfiguriert. Hierbei werden keine absolut neuen Vorstellungen des âRaumsâ erzeugt, sondern bestehende ausgebaut und modifiziert. Auch der synthetische âStoffâ fällt schlieÃlich 1936 nicht vom Himmel, sondern wird in den Narrativen und Text/Bild-Konvoluten stets historisiert und aus vorgängigen Prozessen hergeleitet, die diegetisch im Nationalsozialismus unter neuen, förderlichen Bedingungen ihre Vollendung, volle Wertschätzung und umfassende Nutzung finden.
Wenn Moritz BaÃler erklärt, dass die nationalsozialistische Kulturpolitik ânach 1933 (womöglich in Ermangelung von Alternativen) die Heimatkunstliteratur zur Hochliteratur der Gegenwart [machte]â226, übersieht er damit vielleicht die trotz aller Lenkung, auch aus propagandistischen Gründen, erhaltene relative Pluralität der Gattungen im Literaturbetrieb der Zeit, gibt aber zugleich einen wertvollen Hinweis für einen weiteren wichtigen Referenzrahmen der Bücher mit Stoffbezug. Diese schlieÃen nämlich zwar in einigen inhaltlichen Punkten und Teilen ihres Figureninventars deutlich an Utopien, Phantastik und Zukunftsromane an, orientieren sich aber, was ihren spezifischen erzählerischen Realismus angeht, noch stärker an traditionalisierenden Formen. Inwiefern Science Fiction und Zukunftsliteratur auf der einen und sogenannte Heimat- und âBlut und Bodenâ-Literatur auf der anderen Seite sich zu dieser Zeit verfahrenstechnisch überhaupt nennenswert unterscheiden, ist eine bisher unbeantwortete Forschungsfrage. BaÃler et al. legen tendenziell eine nur marginale Differenz nahe und sehen das Anliegen der jeweiligen Texte eher in der Positionierung innerhalb des zeitgenössischen Literatursystems als in seiner potenziellen formalen Infragestellung. Hier sieht sich etwa die sogenannte âHeimatkunstâ mit einer repräsentationslogisch intrikaten Aufgabe konfrontiert: âEr [der Autor, AW] muss nicht nur seine Volkstümlichkeit unter Beweis stellen, sondern dabei zugleich seine Nicht-Trivialität bei gleichzeitiger Vermeidung jedes Anscheins von Artifizialität demonstrieren.â227 Die Bücher mit Stoffbezug, auf einer anderen Ebene ebenfalls mit der Verneinung von Artifizialität befasst, signifizieren die Chemie als Scharnier für die Aushandlung einer Art âintime[n] Naturalismusâ228, den Adolf Bartels schon zur Jahrhundertwende als Ãbergang zur Heimatkunst fördern wollte.229 Für den Kontext der nationalsozialistischen Literaturpolitik und das âSchrifttum zum Vierjahresplanâ bildet die Bartelssche Heimatkunst einen interessanten Referenzrahmen, weil in ihrer zweischrittigen Programmatik aus ausgestellter Nicht-Trivialität und gleichzeitigem Hintergehen jeglicher Artifizialität ein Lösungsvorschlag ergeht, der auch für die Bücher mit Stoffbezug attraktiv ist. Jenes âPartikulareâ, in dem die Literatur nun âdas Wesentlicheâ230 suche und für das in der sogenannten Heimatkunst ganz allgemein die âProvinzâ steht, wird in den Büchern mit Stoffbezug anders akzentuiert, dennoch bleibt die Konsequenz gleich: âNun aber soll in einem zweiten Schritt dieses Partikulare wieder zum Ausdruck eines positiven Metacodes, des âechten Deutschenâ hochstilisiert werden, und erst im Zuge dieser synekdochischen Operation wird die Heimatkunst zur völkischen Literatur.â231 Für einen solchen verbindlichen Metacode innerhalb der Bücher mit Stoffbezug existieren mehrere Optionen. Das âechte Deutscheâ bietet sich ebenso an, wie spezifischere Bestimmungen in Richtung der Verbindung und Aussöhnung materialistischer Sujets, die einen starken Akzent auf dem âNeuenâ haben, mit den Grundlagen der âTraditionâ, an die sie anschlieÃen. Ebenso eignet sich die Konstellation einer âLebensâ-Krise als im Modus des synthetischen Kolonialismus überwindbares Problem. Und schlieÃlich läÃt sich hierfür auch das Prinzip der Synthese als Organisationsverfahren oder übergeordneter Referenzrahmen einsetzen, der in den Texten die Reflexe zwischen beispielsweise Farbstoffchemie, Industriegeschichte und Kolonialismus vermittelt und dabei auch in die Erzählverfahren und die Figurenpsychologie überführt.232
Methodische Setzungen
Den folgenden Untersuchungen liegt eine Verbindung von diskurs- und netzwerkanalytischen Ansätzen zugrunde, die sich theoretisch aus dem Umfeld der Schulen Michel Foucaults und Bruno Latours herleiten und für diese Studie mit literaturgeschichtlichen Modellen aus der deutschsprachigen Rezeption des New Historicism verschaltet werden. Der dezidiert mediengeschichtliche Ansatz, bei aufrechterhaltenem literaturwissenschaftlichen (als spezifisches, aber auch medienwissenschaftliches) Interesse, stützt sich auf die Arbeiten von Friedrich Kittler, Jurij Lotman, Mieke Bal und deren Schüler_innen, etwa Hartmut Winkler und seinen Begriff des Prozessierens, und betrachtet Mediengeschichte und -theorie als möglichen Austragungsort repräsentationskritischer Ãberlegungen, die ihrerseits von Positionen aus den Cultural-, Gender- und Postcolonial Studies inspiriert sind. Weitere Einflüsse kommen aus der psychoanalytischen Literatur- und Kulturtheorie, der Debatte um âKultur als Textâ233 und der integrativen Literaturwissenschaft234 sowie, in Fragen einer heuristischen âBefremdung der eigenen Kulturâ235, aus Soziologie und Ethnologie. Mit der Beobachtung, dass Räume verschiedener Art, seien sie topographisch, biologisch oder ideell, in einem bestimmten Zeitraum und diskursiven Feld semantisch als mentale Abwehranlagen mit immunsystemischen Funktionen konzipiert sein können, werden schlieÃlich Ãberlegungen aus dem Sphären-Modell von Peter Sloterdijk aufgegriffen.236 Sein Denken, das an wichtigen Punkten auch den Begriff der Synthese streift, schreibt sich in produktiver Abgrenzung von Horkheimers Konzept der instrumentellen Vernunft her, das den dialektischen Rationalismus des 20. Jahrhunderts beschreibt und für den denkgeschichtlichen Kontext ebenfalls wichtig ist.
Die meisten methodischen Stränge sind ihrerseits nicht isoliert und ihre Kombination nur bedingt originell, sodass das Geflecht theoretischer Annahmen, aus denen die Arbeit entstanden ist, insgesamt und vereinfachend als aus Elementen der strukturalistischen Kulturtheorie mit netzwerk- und psychoanalytischen Ergänzungen237 zusammengesetzt und ihr Interessensgebiet als die mediengeschichtlich fundierte Analyse von Wissens-, Medien- und Wahrnehmungsordnungen im Feld populärer Kultur beschrieben werden kann.
Das Korpus der im Rahmen dieser Arbeit gesichteten und ausgewerteten Bücher mit Stoffbezug umfasst die im Literaturverzeichnis versammelte Liste von Puplikationen mit eher und zumeist (populär-)literarischem und tendenziell populärwissenschaftlichem Charakter, die sich mit der Entdeckung, Erzeugung und Verarbeitung von âStoffenâ im (vordergründig) nicht-literaturwissenschaftlichen Sinn beschäftigen. Die Bücher des engeren Rahmens sind dadurch gekennzeichnet, dass in ihnen explizit die Erzeugung der Stoffe auf chemischem Weg, eine enge Einbindung der Substanz in die Narration und eine textinterne Reflexion chemischer Verfahren zur Erzeugung von âStoffenâ eine zentrale Stellung einnehmen. Der Erscheinungszeitraum aller gefundenen Bücher umfasst die Jahre von 1908 bis 1985, wobei die Erscheinungsdichte der Titel an den Rändern dieses Zeitraums deutlich ausfranst und sich eine auffällige Verdichtung des Erscheinens von Büchern mit Stoffbezug erst im Intervall zwischen 1924 und 1959 einstellt, worin sich nochmal die eigentliche âHochphaseâ der Gattung in den Jahren 1934 bis 1939 mit einem wiederum deutlichen Trend ab 1936 abgrenzen lässt. Der Zeitraum der höchsten Publikationsfrequenz entspricht also der Dauer des Vierjahresplans.
Diese Studie hat ihren Weg zur Darstellung der bisher nicht erforschten Verbindung zwischen den untersuchten Büchern, der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik und dem âdeutschen Kolonialdiskursâ in detaillierten Einzeltextanalysen gefunden. Die ausführlich vorgestellten Analysen gelten bis auf eine Ausnahme (Alumnit) Büchern, die während des Vierjahresplans und damit im Abschnitt der höchsten Veröffentlichungsdichte von Büchern mit Stoffbezug erschienen sind. Da es sich dabei um teilweise extrem auflagenstarke und zugleich von der Forschung zum Teil ganz übersehene Veröffentlichungen handelt, zu denen kaum bis gar keine ausführlichen Untersuchungen existieren, scheint dieses Vorgehen auch im Rahmen einer korpusbasierten Analyse legitim. Die partielle Vermittlung der Analyseergebnisse aus dem âKernâ des Korpus mit seinem historischen Davor und Danach erfolgt vor allem in Abschnitt 3.4.7 und im Schlusskapitel.
Aus propagandistischen Gründen wurde das Programm stets als âZweiter Vierjahresplanâ bezeichnet, nachdem Adolf Hitler bereits 1933 mit der Parole âGebt mir vier Jahre Zeit [â¦]â angetreten war. Vgl. Alfred Ingemar Berndt: Gebt mir vier Jahre Zeit! Dokumente zum ersten Vierjahresplan des Führers. München 1937. Die Dokumentation sollte eine Summe des im âersten Vierjahresplanâ seit 1933 Erreichten darstellen.
Vgl. Sebastian Graeb-Könneker: Autochthone Modernität. Eine Untersuchung der vom Nationalsozialismus geförderten Literatur. Opladen 1996. S. 126.
Ebd., S. 127. Graeb-Könneker bezieht sich hier auf Dieter Petzina: Autarkiepolitik im Dritten Reich. Der nationalsozialistische Vierjahresplan. Stuttgart 1968.
Vgl. etwa Martin Bechstedt: ââGestalthafte Atomlehreâ. Zur âDeutschen Chemieâ im NS-Staatâ. In: Herbert Mehrtens & Steffen Richter (Hg.): Naturwissenschaft, Technik und NS-Ideologie. Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte des Dritten Reichs. Frankfurt/Main 1980. S. 142â165, hier S. 144.
Vgl. Mareike Frevert: Wissenschaft der Synthese. Ein Ansatz zur wissenschaftsphilosophischen Bestimmung der Chemie. Kassel 2015. S. 132. Frevert verortet die nicht mehr hinterfragte âRolle der Synthese innerhalb des Methodenarsenals der Chemieâ am Beginn des 20. Jahrhunderts.
Vgl. ebd., S. 124ff.
So der Titel einer Studie von Ralf Liedtke: Das romantische Paradigma der Chemie. Friedrich von Hardenbergs Naturphilosophie zwischen Empirie und alchemistischer Spekulation. Paderborn 2003.
So eine Aussage von Paul Duden, dem damaligen Vorsitzenden des Vereins deutscher Chemiker (VdCh). Vgl. Frevert: Wissenschaft der Synthese. S. 145.
Vgl. für das Beispiel der Produktion von Reifen aus dem synthetischen Gummi Buna und ihre gegenüber Reifen aus Naturkautschuk extrem mindere Qualität Paul Erker: âDie Rolle der Forschung bei der Ersatzstoff-Produktion. Das Beispiel Continental AG/Reifenindustrieâ. In: Doris Kaufmann (Hg.): Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Bestandsaufnahme und Perspektiven der Forschung. Göttingen 2000. S. 411â425. Erker nimmt in der klaren Betonung der Mängel der synthetischen Produkte noch immer eher eine Randposition ein. Ein GroÃteil der Forschung teilt nach wie vor implizit die Einschätzung vom hochwertigen künstlichen Rohstoff bzw. relativiert die Angaben der Propaganda nur unzureichend. Meistens spielt die tatsächliche Qualität der Produkte schlicht keine Rolle.
Vgl. bspw. die Texte dieser Anthologie: Susanne Päch (Hg.): Als der Welt Kohle und Eisen ausging [sic!]. Klassische Science Fiction-Erzählungen. München 1980.
Vgl. hierzu Carl Wege: Buchstabe und Maschine. Beschreibung einer Allianz. Frankfurt/Main 2000. S. 97, wo der Ingenieur im Kontext der Zwanziger Jahre als âHerr und Meister der Weltâ und âvom Nimbus der âEffizienzâ und âExaktheitâ umgebenâ sowie âVertreter eines neuen, im analytischen Denken geschulten Menschenschlagsâ bezeichnet wird. Vgl. auÃerdem ausführlich Tanja Paulitz: Mann und Maschine. Eine genealogische Wissenssoziologie des Ingenieurs und der modernen Technikwissenschaften 1850â1930. Bielefeld 2014.
Vgl. zu den âfrühenâ Synthesen im Science Fiction-Kontext die materialreiche Studie von Dina Brandt: Der deutsche Zukunftsroman 1918â1945. Gattungstypologie und sozialgeschichtliche Verortung. Tübingen 2007. S. 138f.
Vgl. zum Zukunftsroman im NS Andy Hahnemann: Texturen des Globalen. Geopolitik und populäre Literatur in der Zwischenkriegszeit 1918â1939. Heidelberg 2010. S. 180f.
Thomas Lange: âLiteratur des technokratischen BewuÃtseins. Zum Sachbuch im Dritten Reichâ. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) (1980) H. 40. S. 52â81, hier S. 65. Es wird kolportiert, Jacobs selbst habe behauptet, die Gattung âSachbuchâ für den deutschen Markt erfunden zu haben. Vgl. hierzu Ulf Diederichs: âAnnäherungen an das Sachbuch. Zur Geschichte und Definition eines umstrittenen Begriffsâ. In: Rudolf Radler (Hg.): Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart. Bd. 9: Die deutschsprachige Sachliteratur. München, Zürich 1978. S. 1â37. Hier zit. n. Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung 18 (2010). S. 12. Digital verfügbar unter:
Vgl. zur häufigen Nebensächlichkeit dieser Stränge, die ihre sujetlose Normalität in den entsprechenden Diegesen anzeigt Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 165, sowie zur Benamung dieser Stoffe Dietmar Dath: Niegeschichte. Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine. Berlin 2019, bspw. S. 190f. & 197. Strahlen sind darüber hinaus in der Zeit auch gelegentlich Thema von Romanen, die nicht dem Science Fiction-Genre angehören, etwa Norbert Jacquesâ Geschichten um den Superschurken Dr. Mabuse (1920, 1932/1950) oder Die Galeere (1913) von Ernst WeiÃ, dessen Hauptfigur an der Strahlenkrankheit stirbt.
Die Raumkonzepte der zeitgenössischen Science Fiction-Literatur sind dabei weder uninteressant, noch mit Blick auf die Bücher mit Stoffbezug guten Gewissens zu vernachlässigen. So wäre in weiterführenden Untersuchungen an den âRändernâ des Korpus zu ermitteln, welche SF-Bestandteile sich für die Bücher mit Stoffbezug als anschlussfähig erweisen. Vgl. zu den geopolitischen Gehalten der Romane von Hans Dominik bspw. Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 165 sowie mit (auto-)kolonialem Bezug S. 285 oder Brandt: Der deutsche Zukunftsroman. S. 158.
Arthur Rundt: Kupfer B. Berlin 1935. An die Ausgabe wird interessanterweise über die Abbildung einer weiblichen Laborkraft bei der chemischen Arbeit auf dem Schutzumschlag und den Klappentext, der das Initialereignis des Romans, einen Unfall im Schönheitssalon âLa Dameâ, aufgreift eine Kopplung von âChemieâ und âWeiblichkeitâ angelagert.
Hans Dominik: Atomgewicht 500. Berlin 1935.
Paul Eugen Sieg: Detatom. Berlin 1936. Vgl. hierzu auch Brandt: Der deutsche Zukunftsroman. S. 88f.
Julia DallâArmi zeigt, dass âStrahlenâ-Plots, etwa aus dem Kontext der Atomenergie, nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt ins Drama wandern. Vgl. Julia von DallâArmi: Poetik der Spaltung. Kernenergie in der deutschen Literatur 1906â2011. Wiesbaden 2018. S. 135. Generell spielen Dramen unter den Büchern mit Stoffbezug im Kontext des Vierjahresplans keine wesentliche Rolle. Vgl. hierzu auch Bertolt Brechts süffisantes Diktum âDas Petroleum sträubt sich gegen die fünf Akte [â¦]â. In: Bertolt Brecht: âÃber Stoffe und Formâ [1929]. In: Ders.: Gesammelte Werke. Bd. 15: Schriften zum Theater 1. Frankfurt/Main 1982. S. 196â198, hier S. 197.
Vgl. hierzu nochmal Frevert: Wissenschaft der Synthese. S. 143f.
Vgl. Christian Härtel: ââGrenzen über unsâ. Populärwissenschaftliche Mobilisierung, Eskapismus und Synthesephantasien in Zukunftsromanen des âDritten Reichsââ. In: Walter Delabar, Horst Denkler & Erhard Schütz (Hg.): Banalität mit Stil. Zur Widersprüchlichkeit der Literaturproduktion im Nationalsozialismus. Bern u.a. 1999. S. 241â257, hier S. 245. Weiterhin Lange: Literatur des technokratischen BewuÃtseins. S. 71, der für den Anfang der 1940er Jahre für den Anteil der Belletristik an der Gesamtbuchproduktion schwankende und aufgrund der intransparenten Grenzziehung zur âFach- und Sachliteraturâ insgesamt schwer zu deutende Zahlen von 10 bis 18 Prozent angibt. Sowie Wege: Buchstabe und Maschine. S. 77, wo, mit Verweis auf Schütz, von einer Erhöhung der Produktion âlehrhafte[r] und populäre[r] Darstellungen nach 1939 [um] bis zu 60%â gesprochen wird. Von einer expliziten Förderung des tendenziell sachthemenbezogenen âSchrifttums zum Vierjahresplanâ und den entsprechenden Effekten auf dem Buchmarkt gehen alle Autoren aus.
Zuvor bestand hier keine sichere Korrelation und von einem âStoff-Titelâ konnte nicht auf einen âStoff-Romanâ geschlossen werden. So ist etwa Hans Dominiks Kautschuk (1929/30) zwar im Industrie-Milieu angesiedelt, dass der Spionage-Plot sich allerdings auf ein neuartiges Verfahren der Kautschuk-Synthese bezieht, wird inhaltlich praktisch nicht reflektiert und bleibt eine Art MacGuffin. Dass der âStoffâ in dieser Funktion keineswegs zu vernachlässigen ist, zeigt etwa Žižek in seiner cineastisch inspirierten Lacan-Lektüre. Vgl. Slavoj Žižek: The Sublime Object of Ideology. London, New York 1989. S. 163: â[â¦] thatâs a MacGuffin, a pure nothing which is none the less efficient. Needless to add, the MacGuffin is the purest case of what Lacan calls objet petit a: a pure void which functions as the object-cause of desire.â (Herv. im Orig.).
Vgl. hierzu Ulrich Troitzsch: âTechnikgeschichte in der Forschung und der Sachbuchliteratur während des Nationalsozialismusâ. In: Herbert Mehrtens & Steffen Richter (Hg.): Naturwissenschaft, Technik und NS-Ideologie. Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte des Dritten Reichs. Frankfurt/Main 1980. S. 215â242, hier S. 223.
Im âKernâ des Untersuchungskorpus finden sich ausschlieÃlich Bücher männlicher Autoren. Die Bücher der drei Autorinnen nehmen jeweils Sonderpositionen ein: Irmgard Keuns Kunstseidenes Mädchen (1932) als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit mit âStoffbezug am Randâ, Vicki Baums Cahuchu (1943) als Beispiel für Exilliteratur âmit Stoffbezugâ und Toni Rothmunds Gold? (1932) als Sonderfall des historischen (Alchemie-)Romans. Das Buch über den mutmaÃlichen Erfinder des MeiÃner Porzellans als Beiprodukt der Herstellung synthetischen Goldes, Johann Friedrich Böttger, verhandelt den Konflikts zwischen Böttgers individuellem Freiheitsdrang und seiner gleichzeitigen Ruhmsucht, darüber hinaus die Korrelation von Alchemie und âLebenâ, insb. âErotikâ und schlieÃlich den Konflikt zwischen Macht, Religion und Dekadenz in der sächsischen Gesellschaft der Zeit um 1700. (Al)chem(ist)isches âWissenâ spielt eine sehr untergeordnete Rolle. Vgl. Toni Rothmund: Gold? Leipzig 1932.
Vgl. Armin Schulz: âStoffâ. In: Jan-Dirk Müller u.a. (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Bd. 3: P-Z. Berlin, New York 2007. S. 521â522, hier S. 521.
Für eine interessante Reflexion synthetischer Bucheinbände (in diesem Fall mit einer Beschichtung aus neuartigem Pyroxylin) aus Sicht der chemischen Industrie in den USA vgl. F. W. Hotchkiss: âFrom Caves to Coversâ. In: The DuPont Magazine (June 1940), S. 6â8 & 24.
Im Zusammenhang mit der Literatur der Zwanziger und DreiÃiger Jahre kursieren mittlerweile sehr viele Versuche, das spezifische Moderne-Verständnis der Zeitgenossen begrifflich zu fassen. Neben der âAutochthonen Modernitätâ wären das bspw. die bereits erwähnte âSynthetische Moderneâ, im Modell von Carl Wege die âGegen-â oder âNach-Moderneâ (Wege: Buchstabe und Maschine. S. 131) sowie die schon länger verwendete Bezeichnung âKlassische Moderneâ. Die vorliegende Studie bezieht ihren Standpunkt zwischen BaÃler und den Entwürfen zur âSynthetischen Moderneâ, deren Attribut stets groÃgeschrieben wird, um Verwechslungen mit dem chemisch-ideologischen Phantasma, das hier untersucht werden soll und das kleingeschrieben und in einfache Anführungszeichen gesetzt wird, zu vermeiden.
Graeb-Könneker: Autochthone Modernität. S. 129.
Vgl. hierzu und zu weiteren übergeordneten MaÃnahmen (etwa dem starken Ausbau des Volksbüchereiwesens von 1933 bis 1938 von 6.000 auf 10.000 Bibliotheken) ebd., S. 131 sowie Lange: Literatur des technokratischen BewuÃtseins. S. 70f. Der Begriff âSchrifttum zum Vierjahresplanâ findet nicht erst, wie Lange angibt, mit der Ausgabe vom April 1937 als eigene Rubrik Eingang in die Nationalsozialistische Bibliographie (NSB), sondern ist mindestens für den gesamten Jahrgang 1937 vorhanden, wird allerdings als Rubrik ab Juni aufgrund einer âungeheuren Flutâ an Publikationen separat geführt. Vgl. Nationalsozialistische Bibliographie. Monatshefte der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutz des NS-Schrifttums 2 (1937), H. 6 (Juni). S. 69.
Vgl. hierzu Lange: Literatur des technokratischen BewuÃtseins. S. 65.
Die anderen Rubriken der NSB heiÃen âBücherâ, âAufsätze aus Zeitschriften und Sammelwerkenâ, âAufsätze aus Wochen- und Tageszeitungenâ und âRedenâ und bilden also interessanterweise bis zum Vierjahresplan eine rein medienspezifische Klassifizierung ohne thematische Rücksichten. Das âSchrifttum zum Vierjahresplanâ ist, was die Rubriken mit Aufsätzen und Reden angeht, als âAbsorbtionsortâ der in die Themen-Kategorie passenden Texte angelegt. Die Kategorie âBücherâ bleibt davon unberührt; hier taucht dann bspw. auch Schenzingers Anilin auf (vgl. NSB 9/1937, S. 11).
Graeb-Könneker: Autochthone Modernität. S. 133.
Vgl. Joseph Hartmann: Der Vierjahresplan im Schulunterricht. Eine Stoffdarbietung für den Unterricht. Osterwieck 1937. Die Didaktisierung erfolgte vornehmlich über die ânatürlichenâ Ausgangsstoffe Milch, Holz und Kohle. Vgl. bspw. das Schaubild âVon der Milch zum Schuhlöffelâ (ebd., S. 66).
Der vollständige Titel von Alfred Rosenbergs Position war Beauftragter des Führers für die Ãberwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP (paradox abgekürzt mit DBFU = Der Beauftragte des Führers). Die Einrichtung der entsprechenden Behörde ging mit Rosenbergs Ernennung 1934 einher.
Vgl. Graeb-Könneker: Autochthone Modernität. S. 83f. Alle diese Stellen verfügten zudem über meist mehrere Propagandaorgane. In der von Graeb-Könneker herausgegebenen Dokumentation zur Literatur im NS-Staat wird zusätzlich der Einflussbereich von Heinrich Himmler als Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern angeführt, der sich hauptsächlich auf polizeiliche und nachrichtendienstliche Tätigkeiten erstreckte. Vgl. Sebastian Graeb-Könneker (Hg.): Literatur im Dritten Reich. Dokumente und Texte. Stuttgart 2001. S. 62â67.
Moritz BaÃler: Deutsche Erzählprosa 1850â1950. Eine Geschichte literarischer Verfahren. Berlin 2015. S. 381. BaÃler verweist dabei auf die Studie von Christian Adam: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Berlin 2010.
Wege: Buchstabe und Maschine. S. 85. Auch Graeb-Könneker sieht im Vierjahresplan und seiner Implementierung (1936â1938) den âZeitraum benannt, in dem Bereiche wie Technik, wie GroÃstadt, wie Industrie und Ingenieurwesen offiziell für kulturell âsalonfähigâ erklärt werden.â In: Graeb-Könneker: Autochthone Modernität. S. 135.
Vgl. zur Professionalisierung der Technikwissenschaften Paulitz: Mann und Maschine. S. 28ff.
Vgl. Troitzsch: Technikgeschichte. S. 216.
Vgl. ebd., S. 217.
Vgl. ebd., S. 218. Troitzsch verweist hier auf Karl Heinz Ludwigs einschlägige Studie Technik und Ingenieure im Dritten Reich (1974). Ludwig wiederum weist darauf hin, dass der GroÃteil der Ingenieure sich nicht ausdrücklich zum NS bekannte, sondern spricht eher von einem Einverstandensein und Zur-Verfügung-Stehen gegenüber dem Regime.
Dieses Urteil fällt auch Lange: Literatur des technokratischen BewuÃtseins. S. 59.
Vgl. hierzu Paulitz: Mann und Maschine, bspw. S. 129â140 zu hegemonialer Männlichkeit und essenzialistischen Konzepten bei den sogenannten âManganistenâ. Eher für die These politischer Naivität argumentiert Stefan Willeke, etwa am Beispiel der Technokratischen Union, der er im Versuch, ihre Standpunkte zu politisieren, âmangelnde[] inhaltliche[] Präzision und fehlende[n] politischen Spürsinnâ attestiert. Die Union wird 1933 verboten und viele ihrer Mitglieder gehen in die Deutsche Technokratische Gesellschaft über. Eins der prominenteren Mitglieder war Heinrich Hardensett, dessen Dissertation Der kapitalistische und der technische Mensch (1932) zu den wichtigen Programmschriften des Typus des arrivierten âdeutschen Ingenieursâ gehört. Vgl. Stefan Willeke: Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland zwischen den Weltkriegen. Eine vergleichende Analyse. Frankfurt/Main u.a. 1995. S. 195 zur Technokratischen Union sowie zu Hardensett S. 176ff.
Vgl. bspw. Roland Innerhofer: Deutsche Science Fiction 1870â1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung. Wien u.a. 1996. S. 364f.
Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 164.
Ein Beispiel, auf das auch Troitzsch (Technikgeschichte. S. 225f.) hinweist, wäre etwa Richard Grüns Wir und die Technik. Berlin u.a. 1942, wo es beim Nachdenken über Waben bauende Bienen und Netze bauende Spinnen heiÃt: âUnsere Bewunderung geht vom einzelnen â das nichts bedeutet â zum groÃen, zum Prinzip, durch welches das einzelne so wurde, damit das ganze nicht stirbt. Staunend erkennen wir auch hier, daà im kleinen und groÃen ein Wort gilt, das uns jetzt Religion geworden ist: Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Die Natur duldet auch unzweckmäÃiges Handeln des einzelnen, an dem der einzelne zugrunde geht, wenn nur die groÃe Linie gewahrt wird. Der Einhaltung dieser Linie opfert sie bedenkenlos das Individuum zum Wohl des Ganzen.â (S. 36) Stellen wie diese lassen sich gut gegen die Einleitung des Buchs lesen, in der in betont unbekümmertem Gestus, am Weihnachtsabend, wenn â[d]ie Buben schlafenâ, das Projekt angegangen wird, âeinmal all das auf[zuschreiben] von der Technik, was ich weiÃ, wie sie wurde und was sie ist [â¦] ganz einfach so Gedanken, wie man sie sich macht, wenn man in stillen Tagen über etwas nachgrübelt, über all das Neue, das in den letzten hundert Jahren in die Welt gekommen ist.â (S. 10)
Vgl. Martin Lindner: Leben in der Krise. Zeitromane der neuen Sachlichkeit und die intellektuelle Mentalität der klassischen Moderne. Stuttgart, Weimar 1994. S. 2 sowie zum Dokumentarismus der âNeuen Sachlichkeitâ und seinem Verhältnis zu Ideologie Matthias Uecker: Wirklichkeit und Literatur. Strategien dokumentarischen Schreibens in der Weimarer Republik. Bern u.a. 2007. S. 349f.
Der enge Blick aus der Technikgeschichte verkennt leicht den simplen Befund, dass viele Bestseller-Autor_innen zwischen 1933 und 1945 auch bereits in der Weimarer Republik hohe Auflagen erzielten. Lange nennt in diesem Zusammenhang Hans Carossa, Hans Grimm, Edwin Erich Dwinger, Hermann Stehr und Werner Beumelburg, weist aber auch auf die zur NS-Zeit verbotenen, vorher vielgelesenen Werke von Remarque und Joseph Roth hin. Vgl. Lange: Literatur des technokratischen BewuÃtseins. S. 69. Für Graeb-Könnekers Studie gilt dieser Vorwurf nur sehr bedingt, da die Einschränkung auf im NS geförderte Literatur nachvollziehbar reflektiert wird.
Sehr kurz macht das etwa Brandt: Der deutsche Zukunftsroman. S. 79.
So bspw. Gustav Frank & Stefan Scherer: âTextur der Synthetischen Moderne (1925â1955) (Döblin, Lampe, Fallada, Langgässer, Koeppen)â. In: Moritz BaÃler, Hubert Roland & Jörg Schuster (Hg.): Poetologien deutschsprachiger Literatur 1930â1960. Kontinuitäten jenseits des Politischen. Berlin, Boston 2016. S. 77â104, bzw. Gustav Frank, Rachel Palfreyman & Stefan Scherer: ââModern Timesâ? Eine Epochenkonstruktion der Kultur im mittleren 20. Jahrhundert. Skizze eines Forschungsprogrammsâ. In: Dies. (Hg.): Modern Times? German Literature and Arts Beyond Political Chronologies. Kontinuitäten der Kultur 1925â1955. Bielefeld 2005. S. 387â446.
Walter Delabar: âZur Dialektik des Modernen in der Literatur im Dritten Reichâ. In: Sabina Becker & Helmuth Kiesel (Hg.): Literarische Moderne. Begriff und Phänomen. Berlin 2007. S. 383â402, hier S. 384.
Vgl. Graeb-Könneker: Autochthone Modernität, insb. Kap. I.1 und I.2, wo diese Debatte detailliert nachvollzogen und für âdivergierende[] Formen von Modernitätâ (S. 35, Herv. im Orig.) plädiert wird. Einen Anstoà für die Diskussion lieferten u.a Rainer Zitelmanns Hitler-Biographie (Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs. Hamburg u.a. 1987), Jost Hermand (Der alte Traum vom neuen Reich. Frankfurt/Main 1988) und mehr noch Uwe-K. Ketelsen (Literatur und Drittes Reich. Schernfeld 1992) und provozierten weitere einflussreiche Untersuchungen (genannt sei nur noch der für die vorliegende Untersuchung, vor allem zur Abgrenzung, wichtige Ansatz von Russell A. Berman: Enlightenment or Empire. Colonial Discourse in German Culture. Lincoln 1998). Für die gespaltene Bewertung des NS-Staats als âtechnisch modernâ und âpolitisch nicht modernâ vgl. weiterhin mit Verweis auf die einschlägige Studie von Rolf-Peter Sieferle (Die konservative Revolution. Frankfurt/Main 1995) Wege: Buchstabe und Maschine. S. 73f. Für die spezifische Spaltung der Populärkultur im NS vgl. nach wie vor Hans Dieter Schäfer: Das gespaltene BewuÃtsein. Vom Dritten Reich bis zu den langen Fünfziger Jahren. Göttingen 2009 [zuerst mit dem Untertitel Ãber deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933â1945. München 1981].
Moritz BaÃler, Hubert Roland & Jörg Schuster: âKontinuitäten und Diskontinuitäten literarischer Verfahren von 1930 bis 1960â. In: Dies. (Hg.): Poetologien deutschsprachiger Literatur 1930â1960. Kontinuitäten jenseits des Politischen. Berlin, Boston 2016. S. 1â14, hier S. 1f.
Vgl. etwa Wilhelm Haefs: âEinleitungâ. In: Ders. (Hg.): Hansers Sozialgeschichte der Literatur. Bd. 9: Nationalsozialismus und Exil 1933â1945. München, Wien 2009. S. 7â52, hier S. 17: âEinzig der traditionelle literarhistorische Hang zur Periodisierungen hat bisher verhindert, daà die vermeintlichen Epochenzäsuren von 1933 und 1945 aufgelöst und in ein Kontinuitätsmodell überführt, daà die historischen Entwicklungen angemessen erfaÃt und strukturiert werden. Die Evidenz pragmatischer politischer Epochenzäsuren für die Literatur erweist sich weitgehend als obsolet.â Jener âHangâ, von dem Haefs spricht, drückt sich im Titel des Bandes performativ selbst noch aus. Die Forschungsdebatte geben BaÃler u.a. zusammenfassend wieder. Vgl. BaÃler, Roland, Schuster: Kontinuitäten und Diskontinuitäten. Neben den Beiträgen im von BaÃler u.a. herausgegebenen Sammelband und BaÃlers weiteren Arbeiten zu diesem Problem sei noch auf zwei Bände hingewiesen: Frank, Palfreyman & Scherer (Hg.): Modern Times? German Literature and Arts Beyond Political Chronologies sowie Stephen Parker u.a.: The Modern Restoration. Re-thinking German Literary History 1930â1960. Berlin, Boston 2004.
Vgl. BaÃler, Roland & Schuster: Kontinuitäten und Diskontinuitäten. S. 7.
Die Wissenschaftsgeschichte beklagt im Zusammenhang mit der NS-Chemie punktuell ebenfalls ein Ãbergewicht der Analyse von Oberflächenphänomenen, etwa der politischen Einlassungen der I.G. Farben auf Kosten einer Erforschung der mentalen Dispositionen der Chemie der Zeit. Vgl. Bechstedt: âGestalthafte Atomlehreâ. S. 143.
Vgl. Dirk van Laak: Imperiale Infrastruktur. Deutsche Planungen für eine ErschlieÃung Afrikas 1880â1960. Paderborn u.a. 2004. S. 275f.
Vgl. bspw. Meike Herrmann: âFiktionalität gegen den Strich lesen. Was kann die Fiktionstheorie zu einer Poetik des Sachbuchs beitragen?â. In: Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung 7 (2005). S. 12. Digital verfügbar unter:
David Oels spricht von einer Grenzüberschreitung zwischen Literatur und Wissen, die popularisierende Literatur gerade nicht leistet und plädiert darum für ein Konzept des Tourismus als einer âBeobachtung und Beachtungâ jener Grenze. Vgl. David Oels: âWissen und Unterhaltung im Sachbuch. Oder: Warum es keine germanistische Sachbuchforschung gibt und wie eine solche aussehen könnteâ. In: Zeitschrift für Germanistik 15 (2005), H. 1. S. 8â27. Hier zit. n. Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung 1 (2005), S. 19. Digital verfügbar unter:
Zur Grenze als Ort der Bedeutungsproduktion vgl. Erika Thomalla, Carlos Spoerhase & Steffen Martus: âWerke in Relationen. Netzwerktheoretische Ansätze in der Literaturwissenschaftâ. In: Zeitschrift für Germanistik 29 (2019), H. 1. S. 7â23, hier S. 11.
Vgl. Jürgen Link: Elementare Literatur und generative Diskursanalyse. München 1983. S. 13.
Frank & Scherer: Textur der Synthetischen Moderne. S. 103.
Vgl. hierzu den Titel des programmatischen Aufsatzes âTextur der Synthetischen Moderne (1925â1955) (Döblin, Lampe, Fallada, Langgässer, Koeppen)â. Zu ergänzen wäre aus anderen Publikationen der Autoren bspw. noch Vicki Baum, für die in etwas abgeschwächter Form das gleiche gilt: zeitgenössisch abseits des âHöhenkammsâ erfolgreich, mittlerweile als Repräsentantin ihrer âEpocheâ einigermaÃen anerkannt.
BaÃler, Roland & Schuster: Kontinuitäten und Diskontinuitäten. S. 5.
Frank & Scherer: Textur der Synthetischen Moderne. S. 102.
Ebd.
Ebd.
Ebd., S. 100.
Ebd., S. 102.
Ebd., S. 103.
Ebd., S. 104
Ebd., S. 103.
Die Bücher als Kollektiv zu verstehen, ist unter den gegebenen Bedingungen wichtig, da nicht jedes Buch alle Merkmale aufweist, über die eine Gruppe âBücher mit Stoffbezugâ definiert ist und weil die Bücher mit verschiedenen âWerkzeugenâ an verschiedenen Stellen des recht groÃen Feldes arbeiten können. Vgl. hierzu wiederum Thomalla u.a.: Werke in Relationen. S. 13f. u. 18f. sowie grundlegend Bruno Latour: âDrawing Things Together. Die Macht der unveränderlich mobilen Elementeâ. In: Andréa Belliger & David J. Krieger (Hg.): ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Bielefeld 2006. S. 259â307.
Erhard Schütz: âSach-Moderne. Zur Avantgardisierung und Entavantgardisierung des Faktionalen im erzählenden Sachbuch zwischen 1920 und 1950â. In: Sabina Becker & Helmuth Kiesel (Hg.): Literarische Moderne. Begriff und Phänomen. Berlin 2007. S. 367â382, hier S. 370.
Vgl. Timm Ebner: Nationalsozialistische Kolonialliteratur. Koloniale und antisemitische Verräterfiguren âhinter den Kulissen des Welttheatersâ. Paderborn 2017. S. 23: âTatsächlich konnte die Erfahrung einer solchen âGesellschaftsfamilieâ nur über den Kontrast einer feindlichen Umgebung hergestellt werden. Dementsprechend werden nationalsozialistische Etymologien des Wortes âVolkâ nicht müde, darauf hinzuweisen, dass seine âälteste Bedeutung [â¦] die der geschlossenen Kriegsschar, des Kriegsvolkesâ ist. Gesellschaft als Familie lieà sich nur über eine feindliche Umgebung herstellen, jene paranoischen Landschaften des âLebensraumsâ. Am âHeimlichstenâ fühlt man sich umringt von Feinden [â¦]â (Herv. im Orig.).
Vgl. hierzu Wege: Buchstabe und Maschine. S. 118f.: âSo gehen die Nationalrevolutionäre gleich einigen Romantikern des 19. Jahrhunderts davon aus, daà die âdeutsche Seeleâ eines wehrhaften Panzers bedarf. Eine stählerne Schutzhaut und eine hochentwickelte Waffentechnik sollen das Innenleben vor Ãbergriffen fremder Mächte bewahren. Die Mittel, die die technische Zivilisation bereitstellt, werden in den Dienst genommen, um die Seele gegen die negativen Auswirkungen ebendieser Zivilisation â allen voran gegen den âplatten Rationalismusâ â zu verteidigen.â Wege sieht in dieser Bewegung im Folgenden die wesentliche Strategie zur Anverwandlung der Technik und ihrer Verwandlung in eine âMitspielerinâ der Seele.
Vgl. zur âkalten Personaâ, die eine Variante des âPanzersâ ist, umfassend Helmut Lethen: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen. Frankfurt/Main 1994, bspw. S. 64â68.
Helmut Lethen: âNeue Sachlichkeitâ. In: Horst Albert Glaser (Hg.): Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 9: Weimarer Republik â Drittes Reich. Avantgardismus, Parteilichkeit, Exil 1918â1945. Reinbek 1983. S. 168â179, hier S. 168.
Vgl. Gregor Streim: ââTempo â Zeit â Dauerâ. Zum phänomenologischen Technikdiskurs im âDritten Reichââ. In: Ders. & Erhard Schütz (Hg.): Reflexe und Reflexionen von Modernität 1933â1945. Bern u.a. 2002. S. 41â59, hier S. 41. Die Essaysammlung Technische Existenz von Max Bense erscheint 1949.
Vgl., mit Bezug auf Christoph Asendorf, Streim: âTempo â Zeit â Dauerâ. S. 47.
Der Akteurstatus der Chemie im handlungstheoretischen Sinn ist seinem Grad nach für den vorliegenden Fall diskutabel. Esther Leslie bspw. sieht sie, wie viele, eher der Ideologie passiv âins Netz geratenâ: âChemistry was drawn into the ideological mesh, as popular science and company histories promoted the magical wonders of synthetic living.â In: Esther Leslie: Synthetic Worlds. Nature, Art and the Chemical Industry. London 2005. S. 16.
Hier findet Streim Jüngers Konzept des âstereoskopischen Sehensâ vorbereitet. Vgl. Streim: âTempo â Zeit â Dauerâ. S. 46.
Dabei gibt es natürlich weitreichende systematische Unterschiede zwischen Physik und Chemie in ihrem Verhältnis zu den Bereichen jenseits des âunbewaffneten Augesâ, selbstverständlich auch bereits in der zeitgenössischen Debatte. Vgl. dazu mit Verweis auf Karl Lothar Wolfs seit 1941 zirkulierendes, 2005 zuletzt neu aufgelegtes Standardwerk Theoretische Chemie Bechstedt: âGestalthafte Atomlehreâ. S. 154: âWährend die Physik in den âweniger gestaltetenâ; d.h. den subatomaren Bereich vorstöÃt, beginnt die Chemie dort, âwo die Substanz in den Gestalten der Atome der elementaren Stoffe sich ausprägtâ, umfaÃt Gestalteinheiten höherer Ordnung, die Moleküle, sowie die chemischen Stoffe (die zu wägbaren Mengen zusammengelagerten Moleküle gleicher Art) und endet bei der höheren Gestalteinheit des Lebens.â (Zitate im Zitat aus der 2005 erschienenen 5. Auflage des Buchs von K. L. Wolf.)
Für die bereits vorbereitete Verbindung von âTechnikâ und âLebenâ vgl. Wege: Buchstabe und Maschine. S. 115ff.
Vgl. zum Begriff der âWeltanschauungsliteraturâ grundlegend Horst Thomé: âWeltanschauungsliteratur. Vorüberlegungen zu Funktion und Texttypâ. In: Lutz Danneberg & Friedrich Vollhardt (Hg.): Wissen in Literatur im 19. Jahrhundert. Tübingen 2002. S. 338â380.
Darauf weist auch Hahnemann für die geopolitischen Texte seiner Untersuchung hin: âMan kann der Zukunftsliteratur der Zeit kaum gerecht werden, wenn man nicht die extreme Nähe der räumlichen, politischen und technischen Motive zueinander als gattungsbestimmende Konstellation voraussetzt. Eine gelungene Erfindung ist (fast) immer auch ein Akt der Politik, der wiederum vor allem darin besteht, eine spezifische Topografie zu entwickeln.â In: Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 150. âRaumâ, âPolitikâ und âTechnikâ werden auch, mit leichter Akzentverschiebung (weniger âPolitikâ, eher âLebenâ und weniger âTechnikâ, eher âStoffâ) in dieser Untersuchung als Arbeitsfelder der Bücher wiederkehren.
Ebner: Nationalsozialistische Kolonialliteratur. S. 24 (Herv. im Orig.).
Die Denomination von âweltgeschichtlicher Realitätâ und âkulturellem Archivâ kommt von Hahnemann. Vgl. Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 10. Eine ähnliche Abgrenzung nimmt Graeb-Könneker vor, wenn er erklärt, ânur von einer intendierten Modernitätâ sprechen zu können und nur am Rande davon, â[i]nwieweit sie realisiert wurdeâ. Vgl. Graeb-Könneker: Autochthone Modernität. S. 57. Ein ebensolches Programm gibt Birthe Kundrus für die Beiträge eines von ihr herausgegebenen Sammelbandes aus. Vgl. Birthe Kundrus: âDie Kolonien â âKinder des Gefühls und der Phantasieââ. In: Dies. (Hg.): Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus. Frankfurt/Main 2003. S. 7â18, hier S. 8.
Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 150.
Ebd. (Herv. im Orig.)
Ebd.
Eine gängige andere Version, die derselben Logik folgt, ist die Erzählung vom vorteilhaften vorzeitigen Verlust der Kolonien, der Deutschland den Stress der Unabhängigkeits- und Dekolonisierungsbewegungen ersparte, während den anderen Kolonialmächten âder Kampf mit dem erwachenden Volksbewusstsein der farbigen Rassen bevorsteheâ. Hier zitiert eine Aussage von Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht von 1926. Zit. n. Dirk van Laak: ââIst je ein Reich, das es nicht gab, so gut verwaltet worden?â Der imaginäre Ausbau der imperialen Infrastruktur in Deutschland nach 1918â. In: Birthe Kundrus (Hg.): Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus. Frankfurt/Main 2003. S. 71â90, hier S. 80.
Vgl. ebd., S. 11. Hahnemann geht am Ende seiner Untersuchung selbst kurz auf die im Kontext des Vierjahresplans entstandenen Bücher, etwa von Schenzinger und Zischka, ein und ordnet sie dem âKernbereich geopolitischer Epistemologieâ (S. 281) zu.
Für den Begriff des âDritten Raumsâ vgl. grundlegend Homi K. Bhabha: Die Verortung der Kultur. Tübingen 2000 [1994]. S. 55 sowie einführend MarÃa do Mar Castro Varela & Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. 2., kompl, überarb. u. erw. Aufl. Bielefeld 2015. S. 249.
Vgl. Joachim Schummer: âChallenging Standard Distinctions between Science and Technology. The Case of Preparative Chemistryâ. In: HYLE. An International Journal for the Philosophy of Chemistry 3 (1997), S. 81â94, hier S. 83.
Ebd.
Ebd.
Einige Titel sind Hans-Joachim Flechtner: Die Welt in der Retorte. Eine moderne Chemie für Jedermann. Berlin 1938, Walter Greiling: Chemie erobert die Welt. Berlin 1938, Hans Gerhardt & Albert Höfner: Deutsche Roh- und Werkstoffe. Ein Lehr- und Lesebuch für Jedermann. 3. erw. Aufl. Frankfurt/Main [1942], Erwin Barth von Wehrenalp & Hansjürgen Saechtling: Jahrhundert der Kunststoffe in Wort und Bild. Düsseldorf 1952, Josef Hausen: Wir bauen eine neue Welt. Das Buch der Kunststoffe und Chemiefasern. Berlin 1957, Günter Just: Es geht nicht ohne Plaste. Ein Streifzug durch die Welt der Riesenmoleküle. Leipzig 1962, Ernst Bäumler: Ein Jahrhundert Chemie. Düsseldorf 1963, Charles Gauthier u.a.: Revolution aus der Retorte. Die geheimnisvolle Welt der Kunststoffe. Stetten 1966, Erich H. Heimann: Aus Kunststoff selbst gemacht. Ein Do it yourself-Ratgeber für Anfänger und Experten. München u.a. 1973.
Bspw. in einer gegenüberstellenden Abbildung einer Wohnzimmereinrichtung links und dem Wirken einer âbösen Feeâ (rechts), die âalle Kunststoffdinge verschwinden [läÃt], die moderne Wohnung verwandelt sich in ein Trümmerfeld.â In: Hausen: Wir bauen eine neue Welt. S. 23. Die Bilder sind dem Kapitel âWohn- und Schlafzimmerkatastrophenâ zugeordnet und stellen den Kunststoff als das vor, was die âmoderne Wohnungâ von einem âTrümmerfeldâ trennt, mithin also auch als eine Spur ins Trauma des Krieges. Die Abbildung findet sich auch in Georg Schwedt: Plastisch, elastisch, fantastisch. Ohne Kunststoffe geht es nicht. Weinheim 2013. S. X (Vorwort).
Natürlich auch, weil Konzerne wie BASF und Bayer, zwischen 1925 und 1945 Bestandteile der I.G. Farben, auch heute zu den gröÃten Chemiekonzernen der Welt gehören.
Für den makroskopischen Ãberblick von Zola bis Lukács vgl. Dietrich Scheunemann: Romankrise. Die Entstehungsgeschichte der modernen Romanpoetik in Deutschland. Heidelberg 1978.
Schütz: Sach-Moderne. S. 368.
Ebd.
Ebd., S. 369.
Zu Hauser vgl. Lange: Literatur des technokratischen BewuÃtseins. S. 61ff. Jacob ist natürlich hauptsächlich wegen seines Kaffee-Buchs (vgl. S. XII, FN 14 in diesem Buch), Hauser aufgrund seiner Industrie- und Amerika-Reportagen bekannt. Ewers veröffentlichte 1925 ein als âRomanâ untertiteltes Sach-Buch über Ameisen, mit dem er etwa an französische Vorläufer entomologischer Unterhaltung wie Jean-Henri Fabre anschloss bzw. sie mutmaÃlich gar vorwegnahm (ein Jahr nach Ameisen erscheint Maurice Maeterlincks berühmtes, im Gegensatz zu Fabres Werken schnell auch auf Deutsch vorliegendes, La vie des termites, 1930 dann der Folgeband über Ameisen). Anton Zischkas wichtigster Titel in der Zeit, Wissenschaft bricht Monopole (1936), kann als direkter popularisierender Kommentar zum Vierjahresplan gelesen werden. 1940 erscheint eine âKriegsversionâ unter dem Titel Erfinder brechen die Blockade. Zu Zischkas Sachbüchern vgl. grundlegend Heike Weber: âTechnikkonzeptionen in der populären Sachbuchliteratur des Nationalsozialismus. Die Werke von Anton Zischkaâ. In: Technikgeschichte 66 (1999), H. 3. S. 205â236.
Ebd.
Oels: Wissen und Unterhaltung im Sachbuch. S. 27 (Zitate im Zitat aus: Hans-Otto Hügel: âUnterhaltungâ. In: Ders. (Hg.): Handbuch Populäre Kultur. Begriffe, Theorien und Diskussionen. Stuttgart 2003. S. 73â82, hier S. 80).
Schütz zitiert bspw. den Verleger Samuel Fischer: âMan treibt Sport, man tanzt, man verbringt die Abendstunden am Radioapparat, im Kino, man ist neben der Berufsarbeit vollkommen in Anspruch genommen und findet keine Zeit, ein Buch zu lesen.â Vgl. Schütz: Sach-Moderne. S. 369. Hier zit. n. Samuel Fischer: âBemerkungen zur Bücherkriseâ. In: S. Fischer Verlag: Das vierzigste Jahr. Almanach (1926). S. 80â85, hier S. 81.
Vgl. Härtel: âGrenzen über unsâ. S. 242.
Für marktstrategische Antworten des Buchhandels auf die âKriseâ vgl. im Ãberblick Reinhard Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels. 4. akt. u. erw. Aufl. München 2019. S. 336â340 sowie Jasmin Lange: Der deutsche Buchhandel und der Siegeszug der Kinematographie 1895â1933. Reaktionen und strategische Konsequenzen. Wiesbaden 2014. S. 5f.
Schütz: Sach-Moderne. S. 370.
Vgl. für einen konzisen Ãberlick Uecker: Wirklichkeit und Literatur.
Lindner: Leben in der Krise. S. 17.
Ebd. Das System einfacher und doppelter Anführungszeichen ist in Lindners Studie ausdifferenziert und wird deshalb nur zum Teil an die hier verwendete Zitierweise angepasst.
Ebd.
Lange: Literatur des technokratischen BewuÃtseins. S. 53.
Vgl. ebd., S. 54.
Die wichtigsten Titel finden sich in der Literaturliste bei Scheunemann: Romankrise. S. 268â275.
Zu Ludwig als âPhänomenâ vgl. die Studie von Christoph Gradmann: Historische Belletristik. Populäre Biographien in der Weimarer Republik. Frankfurt/Main 1993 sowie das von Thomas F. Schneider herausgegebene Themenheft zu ihm: Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen 1/2 (2016). Ludwig wird in der Diskussion etwa von Bernard von Brentano in seiner Essaysammlung Kapitalismus und schöne Literatur (1930) kritisiert. Vgl. hierzu auch Schütz: Sach-Moderne. S. 373.
Vgl. zu diesem Verhältnis als eine Art Generationenkonflikt, an dessen Ausgangspunkt ein offener Brief Josef Pontens an Mann steht Ralf Klausnitzer: âJenseits der Schulen und Generationen? Zur literarischen Beziehungspolitik eines Solitärsâ. In: Michael Ansel, Hans-Edwin Friedrich & Gerhard Lauer (Hg.): Die Erfindung des Schriftstellers Thomas Mann. Berlin, Boston 2009. S. 453â487, insb. Abs. II ab S. 472.
Vgl. bspw. das Programm der Zeitschrift Kritik und Krise, die 1930 von einigen âsachlichen Linksintellektuellenâ (darunter Brecht, Benjamin, Ihering und Brentano) geplant wurde: âLaut Brecht sollte diese Zeitschrift Kritik in âihrer doppelten Bedeutungâ begreifen, âindem sie dialektisch das ganze Stoffgebiet in eine permanente Krise umdenkt, also die Zeit als in zweifacher Bedeutung âkritische Zeitâ auffaÃt.â Das heiÃt: Indem die Zeit âkritisch untersuchtâ wird, wird sie âin die Krise gebrachtâ.â Ziel dieses Verfahrens ist schlieÃlich die Offenlegung der âfundamentale[n] âKriseâ der bürgerlichen Gesellschaft.â In: Lindner: Leben in der Krise. S. 164f.
Vgl.: Sergej Tretjakow: âDie Biographie des Dingsâ [1929]. In: Ders.: Die Arbeit des Schriftstellers. Aufsätze, Reportagen, Porträts. Hg. v. Heiner Boehncke. Reinbek 1972. S. 81â85, hier S. 83.
Matthias Uecker: âWirklichkeit, Tatsachen und Dokumente. Zum dokumentarischen Diskurs in der Weimarer Republikâ. In: Sabine Kyora & Stefan Neuhaus (Hg.) Realistisches Schreiben in der Weimarer Republik. Würzburg 2006. S. 27â41, hier S. 27.
Tretjakow: Biographie des Dings. S. 82.
Ebd., S. 83. Was bei Tretjakow das âDingâ, ist bei Prawdin die âTatsacheâ und was bei Erstem durch den nicht-menschlichen Protagonisten die Aufgabe der Entsubjektivierung erfüllt, tut beim Zweiten entweder ein âüberpersönliches Gebildeâ oder der betont âtypischeâ Held. Vgl. Michail Prawdin: âDer Tatsachenromanâ. In: Die Literatur 36 (Februar 1934), S. 256â259, hier S. 258.
Erhard Schütz: âFaktographieâ. In: Ders.: Kritik der literarischen Reportage. Reportagen und Reiseberichte aus der Weimarer Republik über die USA und die Sowjetunion. München 1977. Hier zit. n. Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung 3 (2005). S. 16. Digital verfügbarâunter:â
Schütz formuliert es so: â[â¦] daà es also zunehmend möglich wird, die Struktur der Verdinglichung, das Verschwinden des konkreten Produktionsprozesses in den Dingen (als Waren) aufhebbar zu machen und nach MaÃgabe des gesellschaftlichen Produktionsfortschritts den Prozeà der Menschen selbst wiederzugeben.â In: Ebd.
Prawdin: Tatsachenroman. S. 257.
Ebd., S. 257.
Ebd.
Ebd.
Ebd., S. 258.
Ebd.
Vgl. ebd., S. 259: âDenn der Tatsachenroman hat auch die Aufgabe zu erfüllen, die ursprünglich dem Roman gestellt war: ein Leitfaden für das reale Leben zu sein, da es für unsere Generation gilt, sich in den veränderten Lebensbedingungen der Nachkriegswelt zurechtzufinden.â
Prawdin provozierte mit seinem insgesamt wenig originellen Ansatz eine interessante âDebatteâ, deren wichtigster Beitrag von Egon Vietta stammte und in der das âLebensâ-Thema einen wichtigen Platz einnimmt. Grob gesagt verortet Vietta die wirkmächtigen Kräfte, anders als Prawdin, wieder im âInnerenâ des Menschen und argumentiert davon ausgehend für einen âtranszendentalen Romanâ. Vgl. hierzu Erhard Schütz: âTatsachen oder Transzendenz? Zur Fortsetzung der neusachlichen Diskussion um die Faktographie nach 1933â. In: âZum Tatsachenromanâ. Die Prawdin/Vietta-Debatte 1934 [= Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung 11 (2007)], S. 3â11. Digital verfügbar unter:
Vgl. hierzu auch Sergej Tretjakow: âDurch die trübe Brilleâ [1931]. In: Ders.: Die Arbeit des Schriftstellers. S. 111â116, hier S. 111: âEs gibt nichts Schlimmeres, als die Welt mit den Augen des Konsumenten zu sehen. âLandschaftâ â ist Natur, gesehen mit den Augen des Konsumenten. Mit den Augen des Produzenten sieht fast niemand die Dinge und Menschen. Man muà anfangen, es zu lernen.â Zur Einordnung dieser Stelle vgl. auÃerdem Schütz: Faktographie. S. 17f.
Den prominentesten Kommentar zu Tretjakow stellt Walter Benjamins Der Autor als Produzent dar, der 1934, also relativ zeitgleich mit Prawdins Text, entsteht. Vgl. Walter Benjamin: âDer Autor als Produzentâ. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 2, 2. Teil. Hg. v. Rolf Tiedemann & Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt/Main 1991. S. 683â701.
Brecht: Ãber Stoffe und Form. S. 196f. (Herv. im Orig.)
Vgl. Schütz: Sach-Moderne. S. 374. Die Tournee begann wohl am 21. Januar 1931 mit dem Vortrag Das sozialistische Dorf und der Schriftsteller im Russischen Hof am Bahnhof FriedrichstraÃe.
Zum Verhältnis von Tretjakows Text zur Debatte über Populärkultur vgl. Thomas Hecken: Theorien der Populärkultur. DreiÃig Positionen von Schiller bis zu den Cultural Studies. Bielefeld 2007. S. 40ff.
So der Titel eines kurzen Artikels, in dem Marek/Ceram über seine Buchproduktion berichtet. Vgl. Kurt W. Marek: âRomane ohne Erfindungâ. In: Benjamin 2 (1948), H. 19. S. 10.
Schütz: Sach-Moderne. S. 380.
Vgl. Walter Benjamin: âKrisis des Romans. Zu Döblins âBerlin Alexanderplatzââ [1930]. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 3. Hg. v. Hella Tiedemann-Bartels. Frankfurt/Main 1991. S. 230â236, hier S. 231. Für Döblins eigene Position vgl. Alfred Döblin: âDer Bau des epischen Werksâ [1928]. In: Ders.: Aufsätze zur Literatur. Olten, Freiburg/Br. 1963. S. 103â132.
Katharina Grätz: âDer Bau des epischen Werks (1928)â. In: Sabina Becker (Hg.): Döblin-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart 2016. S. 324â325, hier S. 324. Grätz verweist auf Sabine Schneiders Studie zur âRestitution des Epischenâ. Vgl. Sabine Schneider: âErzählen im multiplen Zeitraum. âRestitution des Epischenâ in der Moderne (Döblin, Benjamin, Musil)â. In: Dies. & Heinz Brüggemann (Hg.): Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Formen und Funktionen von Pluralität in der ästhetischen Moderne. Paderborn 2011. S. 247â264, hier S. 252. Vgl. zur Stelle bei Döblin: Bau des epischen Werks. S. 114f.
Grätz: Bau des epischen Werks. S. 324. Das Zitat im Zitat stammt aus Döblins Vortrag Schriftstellerei und Dichtung, der dem Bau des epischen Werks kurz voranging und in dem dieser Standpunkt bereits â[a]ngelegtâ war.
Ebd., vgl. zusätzlich Döblin: Bau des epischen Werks. S. 111.
Döblin: Bau des epischen Werks. S. 115.
Ebd. Mit den beiden Erfindungen spielt Döblin auf die gravierende, von den Zeitgenossen scharf beobachtete, Medienkonkurrenz der Literatur zu Rundfunk und Film an.
Vgl. Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 169.
Vgl. Schneider: Erzählen im multiplen Zeitraum. S. 252.
Vgl. hierzu, ergänzend zu den anderen Arbeiten der Autoren, noch Gustav Frank und Stefan Scherer: ââStoffe, sehr verschiedener Art ⦠im Spiel ⦠in eine neue, sprunghafte Beziehung zueinander setzenâ. Komplexität als historische Textur in Kleiner Prosa der Synthetischen Moderneâ. In: Thomas Althaus u.a. (Hg.): Kleine Prosa. Theorie und Geschichte eines Textfeldes im Literatursystem der Moderne. Tübingen 2007. S. 253â279.
Uecker: Wirklichkeit, Tatsachen und Dokumente. S. 31.
Für die Romane K. A. Schenzingers unternimmt Hans Krah einen solchen Versuch. Vgl. Hans Krah: âLiteratur und âModernitätâ. Das Beispiel Karl Aloys Schenzingerâ. In: Gustav Frank, Rachel Palfreyman & Stefan Scherer (Hg.): Modern Times? German Literature and Arts Beyond Political Chronologies. Kontinuitäten der Kultur 1925â1955. Bielefeld 2005. S. 45â72, hier S. 66.
BaÃler: Deutsche Erzählprosa 1850â1950. S. 405f.
Vgl. Schütz: Faktographie. S. 25: âDie momentanisierte Produktion von Erkenntnis- und Veränderungsprozesse [sic!], so scheint es, bedarf notwendig der Fiktion. Auf die atomisierte Realität kann die atomisierte Wahrnehmung nicht synthetisierend reagieren und wenn, produzierte sie nicht mehr als den Schein der Beständigkeit des Bestehenden.â (Herv. im Orig.) Schütz verweist hier auf eine andere kluge Analyse der medialen Ausdifferenzierung als durch kapitalistische Prinzipien regulierte Konkurrenz um Wahrnehmungsressourcen der Nutzer_innen. Vgl. Alexander Kluge & Oskar Negt: Ãffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Ãffentlichkeit. 2. Aufl. Frankfurt/Main 1973. S. 235ff.
Zu âRaumnotâ und âLebensraumâ als Bestandteile verschiedener politischer Agenden vgl. etwa Jost Hermand: âGedanken zum Widerspruch zwischen archaisierender Bauernverkultung und technischer Modernisierung im deutschen Faschismusâ. In: Erhard Schütz & Gregor Streim (Hg.): Reflexe und Reflexionen von Modernität 1933â1945. Bern u.a. 2002. S. 326â336, hier S. 327.
Zum ambivalenten, mehr und mehr spannungsgeladenen und von der Forschung oft vorschnell als Koalition gedachten Verhältnis der Nationalsozialisten zur Geopolitik vgl. Mark Bassin: âRace contra space. The conflict between German âGeopolitikâ and National Socialismâ. In: Political Geography Quarterly 6 (1987), H. 2. S. 115â134. Vgl. auÃerdem van Laak: Imperiale Infrastruktur. S. 268. Van Laak spricht von einer âTendenz zur Synthetisierungâ (Herv. im Orig.) verschiedener Wissensbereiche, in die sich die Geopolitik einfügte, betont aber, mit Verweis auf Bassin, auch den, trotz wichtiger geteilter Annahmen, oberflächlichen Charakter und das ambivalente Verhältnis dieser (scheinbaren) âSyntheseâ.
Auf diesen Charakter des Programms weist Hermann Göring auch in seinem Geleitwort zum 1. Heft der Zeitschrift Der Vierjahresplan hin: âDer Führer hat das deutsche Schwert für keinen kriegerischen Angriff geschmiedet, sondern zur Sicherung des Friedens der deutschen Nation. Die groÃe Offensive, die wir mit der Inangriffnahme des neuen Vierjahresplanes zur Erringung der wirtschaftlichen Freiheit und Unabhängigkeit unseres Volkes nun eröffnen, dient ebenfalls dem Frieden. Nach dem Willen des Führers soll sie die Voraussetzung dafür schaffen, daà das deutsche Volk in friedlicher Arbeit sein Aufbauwerk vollenden kann.â In: Hermann Göring: âGeleitwortâ. In: Der Vierjahresplan. Zeitschrift für nationalsozialistische Wirtschaftspolitik 1 (1937), H. 1. S. 2.
Zur Koxistenz von âBlut und Bodenâ und Synthesechemie vgl. bspw. Leslie: Synthetic Worlds. S. 16.
Graeb-Könneker: Autochthone Modernität. S. 127.
Vgl. ebd., S. 128. Graeb-Könneker gibt an, dass nur Hermann Göring und der damalige Reichswehrminister Werner von Blomberg den Inhalt von Hitlers âDenkschrift zum Vierjahresplanâ kannten, die mit den beiden berüchtigten Vorgaben endet: âI. Die deutsche Armee muss in 4 Jahren einsatzfähig sein. II. Die deutsche Wirtschaft muss in 4 Jahren kriegsfähig sein.â Vgl. Wilhelm Treue: âHitlers Denkschrift zum Vierjahresplan 1936â. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 3 (1955), H. 2. S. 184â210, hier S. 210 (S. 204â210 beinhalten die âDenkschriftâ selbst).
Treue weist darauf hin, dass im Zusammenhang mit der verlangten âLösung unserer kolonialen Forderungenâ der Begriff âLebensraumâ âwohlweislich in diesem Zusammenhang [â¦] nicht verwendet wird.â Vgl. ebd., S. 201 (Herv. im Orig.).
âÃber-Lebenâ hier im doppelten Sinn einer propagandistisch beschworenen Untergangsgefahr und in der ideologischen Steigerung eines wertintensiven deutschen âÃbermenschentumsâ.
Graeb-Könneker: Autochthone Modernität. S. 144.
Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 9.
Vgl. Lindner: Leben in der Krise. S. 40ff.
Vgl. zu den âsemantische[n] Achsenâ, die den âlebensideologische[n] Raumâ bestimmen ebd., S. 7.
Vgl. ebd., S. 78.
Vgl. Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 143: âWo es freilich um Weltgeschichte geht, ist für die Feinfühligkeiten der bürgerlichen Kultur kein Platz; geopolitische Fiktionen sind der Prototyp einer Literatur des Nicht-Privaten und des Anti-Psychologischen.â Und weiter heiÃt es zu den psychologischen Inhalten, wenn sie denn doch mal vorkommen: âNicht analysiert, sondern in Szene gesetzt werden Ãngste und Hoffnungen, die mit der Ãberkomplexität einer zweiten Industrialisierung und vor allem Technifizierung unter global-politischen Vorzeichen verbunden sind; man kann hier von einer literarischen Kontingenzbewältigung angesichts einer kleiner (also gröÃer) gewordenen Welt sprechen.â
Vgl. ebd., S. 150 bzw. S. XXXII, FN 87 in diesem Buch.
Die Lebensideologie verfügt über eine eigene Periodisierung, bei der Lindner für den Zeitraum von 1890 bis 1955 fünf Phasen der LI-Epoche beschreibt. Vgl. Lindner: Leben in der Krise. S. 143.
So ist das LI-Denken natürlich keineswegs immer und per se ein rassistisches und/oder national(sozial)istisches Denken.
Vgl. Sebastian Donat: âInterferenzen. Ãberlegungen zur literaturwissenschaftlichen Anschlussfähigkeit eines physikalischen Begriffsâ. In: Ders. u.a. (Hg.): Interferenzen. Dimensionen und Phänomene der Ãberlagerung in Literatur und Theorie. Innsbruck 2018. S. 11â22.
Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 294.
Hier liegt, eventuell zu lakonisch formuliert, eine mögliche Kritik am Interferenz-Modell, das sich über die âQuellenâ seiner Ãberlagerungsfelder stets im Vorhinein klar zu sein hat und darum Gefahr läuft, nur zu âsehenâ, was sich auf die vorher benannten Impulsgeber zurückführen lässt.
Vgl. Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 143.
Vgl. Lindner: Leben in der Krise. S. 7.
Die Texte machen das unterschiedlich und mit Anleihen aus verschiedenen Bereichen: etwa über eine Verhärtung der psychologischen Struktur durch Ãbernahme der âkalten Personaâ des Kriegers (Alumnit), durch Akteur-Netzwerke, die das soziale Scheitern einzelner Genies auffangen (Anilin) und generell in beinahe allen Texten durch eine umfassende Politisierung der Handlung. In anderen Fällen ergeben sich aus den âSchwächenâ des Forschers (bspw. seiner Verführbarkeit durch Frauen) auch spannungssteigernde Plotstrukturen, vor allem im Zusammenhang mit Spionage und Sabotage (Kautschuk, Der Kupferdoktor).
Flankiert wird dieses Projekt durch die arbeitsteilige Ãbernahme der Einübung anti-privaten âSynthese-Wissensâ durch die parallel erscheinenden Sachbücher zum Vierjahresplan, etwa von Anton Zischka und anderen. Einige Beispiele sind Erwin Barth von Wehrenalp: Farbe aus Kohle (1937), Wolfgang Jünger: Kampf um Kautschuk (1937), Walter Greiling: Chemie erobert die Welt (1938), Hans Joachim Flechtner: Die Welt in der Retorte (1938), Walther Pahl: Weltkampf um Rohstoffe (1939), Robert Bauer: Zellwolle siegt (1941) oder Georg Schulze: Völkerwohlstand und Weltwirtschaft (1942).
Vgl. exemplarisch die Arbeit von August Wilhelm Hofmann: âChemische Untersuchung der organischen Basen im Steinkohlen-Theerölâ. In: Annalen der Chemie und Pharmacie 47 (1843), S. 37â87.
Diese Beobachtung gilt freilich nur für die ausgemachten Bücher mit Stoffbezug. Es gibt aber auch davon abgesehen in den mittleren und späten DreiÃiger Jahren nicht viele Texte, in denen âStoffeâ in den Körper eindringen, deren Handlung in Deutschland spielt (bspw. Max Brods wenig bekannten Kokain-Roman Annerl (1937)). Zuvor gab es das eher, etwa in Norbert Jacquesâ Dr. Mabuse der Spieler (1920) sowie Das Testament des Dr. Mabuse (1950, bereits 1932 fertiggestellt) oder den Arzt-Romanen von Ernst WeiÃ. Zugleich stellen die Texte hier einen merkwürdigen, in ihrem Verlassen des âdeutschenâ Raums ânervösenâ Bezug zu den späteren grausamen Körperverwertungspraktiken des Holocaust dar. In der Rohstoff-Debatte finden sich zur selben Zeit schon makabre epistemologische Spuren davon im Nachdenken über die âVerwertung des Wertlosenâ (so ein Buchtitel von Claus Ungewitter, Berlin 1938), zum Beispiel bei möglichen Einsatzfeldern von Tierkadavern. Vgl. bspw. Wolfgang Schneider: âDer Knochen als Rohstoffâ. In: Der Vierjahresplan 2 (1938), H. 8. S. 462â465.
Das mag sich auch aus der epistemologischen Weite des Konzepts âLebenâ ergeben, dem Lindner die Einführung einer âUnbestimmtheitsrelationâ âfür die Erkenntnis des menschlichen Lebensâ zuschreibt, mithin also den Verdienst der Lebensideologie in einer Erhöhung des Komplexitätsgrads von im weitesten Sinn anthropologischer Erkenntnis sieht. Vgl. Lindner: Leben in der Krise. S. 14.
Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 169.
Ebd., S. 170.
Ebd., S. 164.
Ebner: Nationalsozialistische Kolonialliteratur. S. 35 (Herv. im Orig.).
Patron des âTropenkollerâ-Konzepts ist unter anderem der Kulturhistoriker Karl Lamprecht mit seinen berüchtigten Studien Zur jüngsten deutschen Vergangenheit, in denen der einschlägige Satz vorkommt: âMan weiÃ, wie diese Freiheit des Auslandes für gar manchen Deutschen die berauschende Wirkung des Willkürlebens gehabt hat; der Tropenkoller wird immer als eine der merkwürdigsten Kinderkrankheiten der deutschen Expansion betrachtet werden.â In: Karl Lamprecht: Zur jüngsten deutschen Vergangenheit. Erg.-Bd. 2, 2. Hälfte: Innere Politik. ÃuÃere Politik. Freiburg/Br. 1904. S. 609. Beispiele für literarische Bearbeitungen dieser âKrankheitâ gibt es zuhauf, besonders einschlägig sind u.a. Frieda von Bülow: Tropenkoller. Episode aus dem deutschen Kolonialleben (1896), Henry Wenden: Tropenkoller (1904) und später Robert Müller: Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs (1915). Für einen guten Ãberblick über das Konzept vgl. Stephan Besser: âTropenkoller. 5. März 1904: Freispruch für Prinz Prosper von Arenbergâ. In: Alexander Honold & Klaus R. Scherpe (Hg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit. Stuttgart, Weimar 2004. S. 300â309.
Karl Lamprecht: Zur jüngsten deutschen Vergangenheit. Erg.-Bd. 2, 1. Hälfte: Wirtschaftsleben. Soziale Entwicklung. Freiburg/Br. 1903. S. 253.
Vgl. hierzu Thomas Schwarz: âDie Kultivierung des kolonialen Begehrens. Ein deutscher Sonderweg?â. In: Alexander Honold & Oliver Simons (Hg.): Kolonialismus als Kultur. Literatur, Medien, Wissenschaft in der deutschen Gründerzeit des Fremden. Tübingen, Basel 2002. S. 85â103, hier S. 86.
Beiträge zur Mediengeschichte des deutschen Kolonialismus sind in den letzten Jahren vermehrt erschienen; eine umfassende Darstellung bleibt aber weiter Desiderat. Beispiele sind u.a. der auch für verschiedene methodische Zugänge interessante Sammelband von Ulrike Bergermann & Nanna Heidenreich (Hg.): Total. Universalismus und Partikularismus in post_kolonialer Medientheorie. Bielefeld 2015, für die Erforschung eines Einzelmediums bspw. Felix Axster: Koloniales Spektakel in 9x14. Bildpostkarten im Deutschen Kaiserreich. Bielefeld 2014, für den wissensgeschichtlichen Blick auf Medien und Kolonialismus die Beiträge unter der Rubrik âMedienâ in Rebekka Habermas & Alexandra Przyrembel (Hg.): Von Käfern, Märkten und Menschen. Kolonialismus und Wissen in der Moderne. Göttingen 2013, für das Verhältnis von Kolonialismus und körperinvasive Medien (nicht nur aus der Medizin) Linda Ratschiller & Siegfried Weichlein (Hg.): Der schwarze Körper als Missionsgebiet. Medizin, Ethnologie und Theologie in Afrika und Europa 1880â1960. Köln 2016, für die Pressegeschichte nur formal mediengeschichtlich vgl. Christian Methfessel: Kontroverse Gewalt. Die imperiale Expansion in der englischen und deutschen Presse vor dem Ersten Weltkrieg. Köln 2019 und schlieÃlich als pointierten Einstieg in das Feld kolonialer Bildpraktiken (stellvertretend für die recht umfangreiche Forschung zu diesem Thema) Jens Jäger: ââHeimatâ in Afrika. Oder: die mediale Aneignung der Kolonien um 1900â. In: zeitenblicke 7 (2008), Nr. 2. Digital verfügbar unter:
Der Begriff geht zurück auf ein gleichnamiges Gedicht Rudyard Kiplings, das im Februar 1899 in einer Zeitschrift und 1903 in der Sammlung Five Nations erschien und in dem die USA dazu aufgefordert werden, in den frisch eroberten Philippinen nun eben die âBürde des weiÃen Mannesâ anzunehmen, was bedeutet, die neugewonnenen, unzivilisierten Völker (âYour new-caught, sullen peoples/Half-devil and half-child.â, V. 7f.) der eigenen Vorstellung von âZivilisationâ und âKulturâ anzugleichen. Kolonialismus erscheint in diesem Zusammenhang nicht als einträgliches Geschäft, sondern als spirituelle Pflicht, die mit dem Undank derer gestraft wird, denen sie hilft (âAnd reap his old reward:/The blame of those ye better,/The hate of those ye guard ââ, V. 34ff.) und als Mannbarkeitsprojekt vergolten wird durch das Urteil der Ebenbürtigen (Comes now, to search your manhood/Through all the thankless years/Cold-edged with dear-bought wisdom,/The judgment of your peers!â, V. 53â56). In: Rudyard Kipling: âThe White Manâs Burdenâ. In: Ders.: Collected Works. Bd. 24: The Seven Seas. Five Nations. The Years Between. New York 1970. S. 221â223. Möglicherweise referiert Kiplings Prägung wiederum auf die historische, eurozentrisch-kolonialistische Bezeichnung West- und Zentralafrikas als âwhite manâs graveâ, die auf die hohen Verluste unter Missionaren und anderen Kolonisator_innen verweist, die mit den örtlichen Lebensbedingungen und Krankheiten wie Malaria begründet wurden. Vgl. zum Begriff: James Morris Blaut: The Colonizerâs Model of the World. Geographical Diffusionism and Eurocentric History. New York, London 1993. S. 78f. Dort auch der Hinweis, dass die meisten der in den Kolonialgebieten grassierenden Krankheit wie etwa Typhus, Masern oder Diphtherie, nicht als spezifisch âtropischâ bezeichnet werden können. Für Kiplings Gedicht als Geste vor allem sprachlicher Macht vgl. David Spurr: The Rhetoric of Empire. Colonial Discourse in Journalism, Travel Writing and Imperial Administration. Durham, London 1993. S. 113f.
Vgl. hierzu etwa Berman: Enlightenment or Empire. S. 10: âTo the extent, however, that German colonial discourse does indeed leave considerable room for direct identification with the colonized [â¦] this specificity indicates both a different colonial discourse in this, the other empire, as well as a different national self-understanding in Germany, whose Sonderweg, its special mode of modernization, rendered it the other in Europe.â (Herv. im Orig.) Vgl. hierzu auÃerdem Rolf Parr: Die Fremde als Heimat. Heimatkunst, Kolonialismus, Expeditionen. Konstanz 2014. Parr untersucht u.a. den âdeutschenâ Blick auf die Buren, der sich hier als Beispiel für beides eignet: âIdentifikationâ mit den (hier durch die Briten) Kolonisierten und (davon ausgehend) eine Selbstwahrnehmung als Kolonisierte.
Vgl. Berman mit Verweis auf die Beziehung zwischen James Cook und seinem Begleiter Georg Forster: âThe relationship between Cook and Forster is also emblematic of the relationship between England and Germany in colonial matters. The junior partner, Germany, is always lagging behind and increasingly obsessed with a need to imitate. Germany is, so to speak, always the other empire, and the capacity of the German authors to envision a German imperial sweep is often shaped by the secondary status. It is an empire that is staged in opposition to (or in imitation of) England and therefore must sometimes claim to be better; or, it is an empire that is staged differently than the empire of the English and organized around tropes of empathy with the colonized.â In: Russell A. Berman: Enlightenment or Empire. Colonial Discourse in German Culture. Lincoln, London 1998. S. 10.
Schwarz: Kultivierung des kolonialen Begehrens. S. 98. Vgl. für die Stelle im Original Berman: Enlightenment or Empire. S. 135: âAlterity may become the object of a heterophile desire rather than the object of heterophobic displacement by the British âwhite manâs burdenâ or a francophone mission of civilization.â
Vgl. Berman: Enlightenment or Empire. S. 135.
Vgl. bspw. Daniel Karch: Entgrenzte Gewalt in der kolonialen Peripherie. Die Kolonialkriege in âDeutsch-Südwestafrikaâ und die âSioux Warsâ in den nordamerikanischen Plains. Wiesbaden 2019 sowie den Sammelband von Jürgen Zimmer & Joachim Zeller (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904â1908) in Namibia und seine Folgen. 3., aktual. Aufl. Berlin 2016, weiterhin Medardus Brehl: Vernichtung der Herero. Diskurse der Gewalt in der deutschen Kolonialliteratur. Paderborn 2007. Für einen nicht grundsätzlichen, aber graduellen Unterschied, gerade mit Blick auf die Politik der Deutschen Kolonialbehörden gegenüber den Herero, argumentiert mit Bezug auf die zeitgenössische Diskussion Susanne KuÃ: Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen. Eskalation von Gewalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Berlin 2010. Ein Detail, die implizite Duldung von Sklaverei in Deutsch-Ostafrika, erwähnt Michael Zeuske: Handbuch Geschichte der Sklaverei. Eine Globalgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin, Boston 2013. S. 561f. Durch Untersuchung der deutschen Kolonialpädagogik entsteht das Bild einer gegenüber anderen Kolonialmächten sogar verschärften Gewalt der Deutschen, vgl. Sabine Wilke: âThe Colonial Pedagogy of Imperial Germany. Self-Denial in the Interest of the Nationâ. In: Balachandra Rajan & Elizabeth Sauer (Hg.): Imperialisms. Historical and Literary Investigations 1500â1900. London 2004. S. 237â253, zu Berman insb. S. 239ff.
Vgl. Berman: Enlightenment or Empire. S. 14f.: âIn contrast, the studies of colonial discourse in this volume impute a quite different status to âdiscourse,â which is understood to designate the social expressions of shared experience. These expressions are necessarily complex, contradictory, and often at odds with experience but nevertheless refer to it. Colonial discourse is therefore the articulation â description, narration, and recollection â of colonial experience; it is not, however, the precondition of colonialism, and its certainly not identical with colonialism.â
Vgl., mit Verweis auf Niels Werber, Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 293. Zum Konzept des âgekerbten Raumsâ vgl. zusätzlich grundlegend Gilles Deleuze & Félix Guattari: â1440 â Das Glatte und das Gekerbteâ. In: Dies.: Tausend Plateaus. Berlin 1992 [1980]. S. 658â694. In korrigierter Ãbersetzung in Jörg Dünne & Stephan Günzel (Hg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt/Main 2006. S. 434â446.
Bereits Anfang 1916 wurden nahezu alle deutschen Kolonien von Entente-Mächten kontrolliert. Lediglich die Truppe des berüchtigten Oberst (ab 1917 Generalmajor) Paul von Lettow-Vorbeck marodierte mit grauenvollen Folgen für die örtliche Bevölkerung bis zum Waffenstillstand in Europa ohne endgültige Niederlage durch Ostafrika. Vgl. Michael Pesek: Das Ende eines Kolonialreiches. Ostafrika im Ersten Weltkrieg. Frankfurt/Main 2010. S. 128ff. zu Lettow-Vorbecks âSafariâ sowie 335f. zum Personenkult um Lettow-Vorbeck als âim Feld unbesiegterâ Held nach dem Krieg, maÃgeblich befördert durch seinen Erinnerungs-Bestseller Heia Safari! Deutschlands Kampf in Ostafrika (1920).
Vgl. Ebner: Nationalsozialistische Kolonialliteratur. S. 24 sowie Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien. 7. Aufl. Paderborn 2018. S. 253.
Vgl. hierzu bspw. van Laak: âIst je ein Reich, das es nicht gab, so gut verwaltet worden?â. S. 81ff.
Ebner: Nationalsozialistische Kolonialliteratur. S. 23 (Herv. im Orig.).
Ebd.
Das Konzept bedarf freilich genauerer Anschauung, um auch nur schwer als nicht âkonkretâ deklarierbare Praxiseffekte des Kolonialismus in der âMetropoleâ als letztlich âfiktionalâ zu verargumentieren. Vgl. etwa Markus Seemann: Kolonialismus in der Heimat. Kolonialbewegung, Kolonialpolitik und Kolonialkultur in Bayern 1882â1943. Berlin 2011 sowie für ein Beispiel eines Staates ganz ohne Kolonien Patricia Putschert: Kolonialität und Geschlecht im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte der weiÃen Schweiz. Bielefeld 2019. Ebner entwickelt einen spezialisierten Begriff des âFiktionalenâ, den er für seine Konzeption der die NS-Kolonialliteratur strukturierenden Figur des âVerrätersâ benötigt und der sich aus den Modellen des âImaginärenâ nach Lacan und der âWeltanschauungâ, wie Thomé sie versteht, speist. Vgl. hierzu Ebner: Nationalsozialistische Kolonialliteratur. S. 10f.
Ebner: Nationalsozialistische Kolonialliteratur. S. 23 & 283.
Ebd., S. 283.
Leslie: Synthetic Worlds. S. 9.
Lange: Literatur des technokratischen BewuÃtseins. S. 53.
Vgl. ebd. sowie für das Zitat Max Horkheimer: âZur Kritik der instrumentellen Vernunftâ. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 6: âZur Kritik der instrumentellen Vernunftâ und âNotizen 1949â1969â. Hg. v. Alfred Schmidt. Frankfurt/Main 1991 [1947]. S. 21â186, hier S. 42.
Ebner: Nationalsozialistische Kolonialliteratur. S. 10 (Herv. im Orig.), vgl. auch S. XXXIII, FN 88 in diesem Buch.
Ebd.
Ebd. (Herv. im Orig.) Für die in Anführungszeichen stehenden Begriffe âMediendiktaturâ und âMedien des Immediatenâ vgl. Florian Sprenger: Medien des Immediaten. Elektrizität, Telegraphie, McLuhan. Berlin 2012.
Ebner: Nationalsozialistische Kolonialliteratur. S. 11 (Herv. im Orig.).
Vgl. Hahnemann: Texturen des Globalen. S. 146.
Wolfgang Schivelbusch: Die Kultur der Niederlage. Der amerikanische Süden 1865. Frankreich 1871. Deutschland 1918. Berlin 2001. S. 38.
Ebner: Nationalsozialistische Kolonialliteratur. S. 10, FN 4 (Herv. im Orig.).
So nennt Frevert den Abschnitt in der Synthesechemie, in der aus der Natur bekannte Strukturen chemisch reproduziert wurden. Vgl. Frevert: Wissenschaft der Synthese. S. 139.
Ebd., S. 141.
Vgl. Bechstedt: âGestalthafte Atomlehreâ. S. 153 sowie van Laak: Imperiale Infrastruktur. S. 275, wo auf Joachim Radkaus Diktum vom âPanchemismusâ der DreiÃiger Jahre verwiesen wird. Vgl. dazu: Joachim Radkau: Technik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis heute. Frankfurt/Main, New York 2008. S. 272.
Vgl. ebd., S. 150.
Vgl., mit Verweis auf Latour, Frevert: Wissenschaft der Synthese. S. 192.
Vgl., nun mit Verweis auf Bachelard, ebd., S. 169: âDie Dynamisierung der chemischen Substanz zeigt sich darin, dass Substanzen als chemische Strukturen erkannt werden, die wiederum durch das Umstrukturieren von funktionellen Gruppen variabel und somit zielgerichtet verändert, sprich dynamisiert werden können.â
Graeb-Könneker definiert das Konzept wie folgt: âAutochthone Modernität reflektiert Modernität nicht im Binnenbereich der Institution âLiteraturâ, sondern mit Bezug auf einen auÃerliterarischen Kontext, â die Welt der Moderne. Autochthone Modernität erfährt diese Welt als Krise. Die Realität der Welt erscheint unüberschaubar und heterogen. Autochthone Modernität will harmonisieren, einheitstiftend wirken und zwar um den Preis der âAusmerzeâ all dessen, was dem entgegensteht.â, Graeb-Könneker: Autochthone Modernität, S. 57.
Ebd., S. 142. Der zitierte Zeitgenosse ist John Heinrich Otto Viktor âHeinzâ Dähnhardt, der zur NS-Zeit eine fortgesetzte Karriere im Bildungswesen machte und seit 1938 das Reichsprüfungsamt für das Büchereiwesen leitete.
BaÃler: Deutsche Erzählprosa. S. 380.
Ebd., S. 381.
Ebd., S. 382.
Vgl. Adolf Bartels: Heimatkunst. Ein Wort zur Verständigung. München, Leipzig 1904. Für eine Einordnung Bartelsâ in die Vorgeschichte der âBlut und Bodenâ-Literatur vgl. Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900â1918. Von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. München 2004. S. 104f. Zum Verhältnis von Bartelsâ Position zum Naturalismus vgl. u.a. Ingo Stöckmann: Der Wille zum Willen. Der Naturalismus und die Gründung der literarischen Moderne 1880â1900. Berlin, New York 2009. S. 253.
BaÃler: Deutsche Erzählprosa. S. 382.
Ebd.
Für die Trias âFarbstoffchemie, Industriegeschichte und Kolonialismusâ als Verschränkungsfeld vgl. Stephan Besser: âGermanin. Pharmazeutische Signaturen des deutschen (Post-)Kolonialismusâ. In: Alexander Honold & Oliver Simons (Hg.): Kolonialismus als Kultur. Literatur, Medien, Wissenschaft in der deutschen Gründerzeit des Fremden. Tübingen, Basel 2002. S. 167â195, hier S. 171f.
Für den Einsatz einschlägig Doris Bachmann-Medick (Hg.): Kultur als Text. Die anthropologische Wende in der Literaturwissenschaft. Frankfurt/Main 1996.
Vgl. Claus-Michael Ort: âDas Wissen der Literatur. Probleme einer Wissenssoziologie literarischer Semantikâ. In: Tilmann Köppe (Hg.): Literatur und Wissen. Theoretisch-methodische Zugänge. Berlin, Boston 2011. S. 164â191 sowie Michael Titzmann: âSkizze einer integrativen Literaturgeschichte und ihres Ortes in einer Systematik der Literaturwissenschaftâ. In: Ders. (Hg.): Modelle des literarischen Strukturwandels. Berlin, Boston 2011. S. 395â438.
Vgl. hierzu Klaus Amann & Stefan Hirschauer: âDie Befremdung der eigenen Kultur. Ein Programmâ. In: Dies. (Hg.): Die Befremdung der eigenen Kultur. Zur ethnographischen Herausforderung soziologischer Empirie. Frankfurt/Main 1997. S. 7â52.
Peter Sloterdijk: Sphären, Bd. 1â3: Blasen (Frankfurt/Main 1998), Globen (Frankfurt/Main 1999), Schäume (Frankfurt/Main 2004).
Netzwerkanalytische Ansätze tauchen in der Literaturwissenschaft in den letzten Jahren verstärkt auf. Vgl. für einen Ãberblick das Schwerpunktheft der Zeitschrift für Germanistik und hierin etwa die Einleitung der Herausgeber_innen Thomalla u.a.: Werke in Relationen sowie etwas früher Hartmut Böhme: âAufgaben und Perspektiven der Kulturwissenschaftâ. In: Iris Därmann & Christoph Jamme (Hg.): Kulturwissenschaften. Konzepte, Theorien, Autoren. München 2007. S. 35â53.