Die anhaltende Faszination von Hegels Phänomenologie des Geistes liegt in dem Versprechen, alle Philosophien, alle jemals gedachten Gedanken in sich zu sammeln, zu integrieren und darzustellen. Sie präsentiert sich als eine Bildungsgeschichte des Bewusstseins, eine Kulturgeschichte, die selbst als eine solche versammelnde Bewegung gelten soll.
Hegels Versprechen, alle nur vorstellbaren Positionen des Denkens als Geistesformen in den Bann seiner Spekulation einzubeziehen, verspricht uns noch mehr. Denn am Ende dieser Bewegung steht eine basale Vernünftigkeit und Stabilität, sprich der Sinn der Welt, deren letzte und höchste Verwirklichung Hegel 1807 im zukünftigen System des absoluten Wissens sah. Spekulative Rationalität verspricht also etwas, was jede mögliche Erwartung übersteigt und sich als Telos aller möglichen Handlungen präsentiert, weil sie, im Verfahren der immanenten Kritik, selber die Bewegung dieser Erwartungen und Handlungen ist.
Dass dieses Versprechen unerfüllbar bleibt, wurde schon oft gezeigt. Bereits die ersten häretischen Hegelianer – Kierkegaard und Marx – haben einen neuen Rahmen für Hegels spekulative Dialektik gefunden, der zwar von ihr ausging, sie aber zugleich in Frage stellte. Hegels spekulativer Anspruch erwies sich dabei immer wieder als ein Scheitern. Eine solche Lesart war dem pessimistischen 20. Jahrhundert angemessen, denn die misslungene Synthese wurde schnell in das zu beobachtende regressive Zeitgeschehen zurückübersetzt. Noch wichtiger war es offensichtlich, Hegel mit seinen eigenen Waffen zu bekämpfen, indem sein Denkverfahren selbst zum Grund des Scheiterns erklärt wurde. Damit wurde angeblich das Recht des Heterogenen, Ausgeschlossenen, Verdrängten wiederhergestellt. Das vollkommen Andere, das sich in das Gefüge der spekulativen Vernunft nicht einordnen lasse, das Instabile, vielleicht auch Absurde erhielt dabei eine prominente Stelle in der Diskussion und war mit einer gewissen Geste der intellektuellen Emanzipation verbunden: Regression wurde gegen Repression ausgespielt.
Im Unterschied zu den meisten neueren eher analytischen Lesarten, die – z.B. bei Robert Pippin oder Robert Brandom – die hegelsche Philosophie mit den heutigen Kontexten konfrontieren und in die Sprache der akademischen Philosophie übersetzen, wird in dieser Arbeit mit den vorher erwähnten Kritikern Hegels die Phänomenologie als ein Kunstwerk gelesen – sowohl im Angesicht seiner literarischen Form als auch im Sinne seiner Beschäftigung mit Literatur. Das entscheidende Problem im Umgang mit Hegels Text sehe ich in der Erzählbarkeit der Totalität. Denn für die Phänomenologie des Geistes ist es wesentlich, die fremden, anzueignenden Gedankensysteme in „Gestalten“ – und zwar, mit Deleuze und Guattari gesprochen, sogar zumeist in „Begriffspersonen“ – zu organisieren, wobei sich zeigt, dass eine solche Organisation, die den Mittelpunkt von Hegels damaliger Philosophie bildete, als poetische anzusehen ist.
Hegels Text, den ich zwar auch mit heutigen Augen lese, aber nicht aus seinen Zeitumständen herausreißen will, bleibt einzigartig in seinem philosophischen Bestreben, in seinem geschichtlichen Anspruch und in seiner literarischen Gestaltung. Mit dieser Arbeit möchte ich besonders dieser Gestaltung Rechnung tragen. Damit wird einerseits an die oben erwähnten Verteidiger der Heterogenität angeschlossen, um aber andererseits Hegels philosophisches Projekt, durchaus auch gegen sie, in einer neuen Lektüre zu restituieren. Zentral wird dabei eine elementare dialektische Operation – die Beschäftigung mit dem Anderen im Prozess des Sich-zum-Anderen-Werdens und dadurch – die Beziehung zwischen Fragilität und Entäußerung.
Diese Operation wird in der Phänomenologie des Geistes genau dort sichtbar, wo der Geist selber – in der historischen Wirklichkeit – auftritt, wo Hegel die Moderne als Epoche der Zerrissenheit und die Gegenwart als Zeit der Rückkehr ins Innere behandelt, wo also das Spekulative sich in historischen Gestalten auslegt. Und genau bei dieser Auslegung möchte ich in Hegels Text, im Vollzug dieser Operation, die ästhetische „Idee“ sehen, die, folgt man K.W.F. Solgers Theorie der Ironie, durch ihre Entäußerungsstruktur zum Untergang verurteilt ist und eben deshalb zur Kunst gehört. Die Fragilität des hegelschen Kunstwerks, die Hinfälligkeit des (spekulativen) Schönen ist für meine Arbeit eine Leitidee, weil sich durch die Formanalyse auch die metaphilosophische Problematik der Darstellung des Ganzen zeigt. In dieser Hinfälligkeit treffen die spekulative Synthese und ihr (fiktives) politisches und historisches Pendant zusammen.
Bevor sie sich aber treffen, soll im ersten Kapitel gezeigt werden, wie man Hegel als Dichter lesen kann – und wie man ihn, in der Literatur und in der Literaturwissenschaft, auf solche Weise schon gelesen hat. Den Philosophen in einen Dichter umzukleiden ist insofern wichtig, als die historische Auseinandersetzung in der Phänomenologie vor allem als Fiktion gedacht wird, indem Hegel die Gestalten des Geistes an exemplarischen Texten und Figuren verdichtet. Und an den anderen Deutungsversuchen wird sichtbar, wie der Umgang der spekulativen Methode mit Literatur beschreibbar ist: ob es um Integration des Literarischen in den Gang der Dialektik oder um deren Affinität mit Literatur geht, dabei wird dieser Kontakt immer als eine Gefahr thematisiert, die, unsichtbar für das spekulative System, das System unterminieren kann.
Um dieser Gefahr im Verfahren der hegelschen Erzählung genauer nachzugehen, wird in den folgenden Kapiteln diese Erzählung an exemplarischen Stellen untersucht, nämlich auch dort, wo Hegel direkt an die literarische Tradition anknüpft. Es geht um die Lektüre von Rameaus Neffe von Diderot und um Hegels Auseinandersetzung mit den deutschen Denkern und Dichtern, vor allem mit Jacobi und Schlegel. Im Kapitel 2 wird das mimetische Verhältnis demonstriert, in dem Hegels eigene Logik zu Diderots Helden Rameau steht. Hegels Versuch, den Dialog mit Rameau zu beherrschen – mit der Figur, die plötzlich ihre Widerständigkeit und Devianz auch in Hegels Text zu verbreiten beginnt, – verweist auf seine verdrängte Faszination für diese exzessive Gestalt der Entfremdung, wodurch das ganze Geschäft der Aufhebung bedroht wird. Das Unterscheidungsvermögen, das uns helfen könnte, die Tollheit von der spekulativen Selbstentfremdung zu trennen, wird von dem Textverfahren selber desavouiert.
Eine weitere metaphorische und geschichtsphilosophische Dimension kommt im Kapitel 3 in der Form des Geldes zur Geltung. Dieses Thema ist, wenn auch indirekt, in Hegels Diderot-Lektüre und allgemein in seiner Darstellung der Moderne stets präsent. Geld stiftet eine Ökonomie der Abstraktion und bringt die entfremdete Welt in Bewegung, indem es als Anpassungsmechanismus und als soteriologisches Mittel fungiert. Durch den Topos des Flüssigen und durch die eigentümliche Temporalität – die den Aufschub, das Kaufen von Zeit impliziert – wirkt das Geld als ein Doppelgänger des spekulativen Geistes und als ein geheimer Motor der Dialektik.
Dialektische Zeitlichkeit legt zugleich die geschichtsphilosophische Diskussion nahe, die dann im Kapitel 4 an einem weiteren Fragment der Phänomenologie – an der Kritik von Kants Moralphilosophie und an der Entlarvung des romantischen Geistes – politisch konkretisiert wird. Hegels eigene Zeit koinzidiert dabei mit der Zeit des „seiner selbst gewissen Geistes,“ und die Beschreibung des zerfallenden deutschen Staates wird zur Metapher der im leeren Formalismus verkümmernden kantischen Philosophie und der kränklichen, zerstückelten romantischen Individualität, die sich selbst in der Verzeihung und Versöhnung überwinden soll.
Die Situierung Hegels in seiner Geschichte, die auch messianische Figuren in der Phänomenologie sowie Hegels Sprachphilosophie behandelt, wird im fünften Kapitel mit der deutschen Literaturgeschichte konfrontiert, indem ich die Konzepte von Gewissen, Ironie, schöner Seele und romantischer Gemeinschaft als Gestalten, Orte der Kritik und Punkte der unwillkürlichen Konvergenz interpretiere. Die riskante Nähe zu Rameau verwandelt sich, als die Zeit der Erzählung immer knapper wird, in die drohende Identität von Hegel und Fr. Schlegel. Diese historische Berührung geht dann in eine ästhetische über, wenn Hegels philosophisches Verfahren im Lichte von Solgers Kunsttheorie des Ironischen gedeutet wird.
Wird im Text des sich entfremdeten Geistes Geld zur Leitmetapher, erweist sich die Sprache als ein verwandter metaphorischer Hintergrund – auch als politisches Medium – für den Geist, der seiner selbst gewiss ist, so geht es im sechsten Kapitel, in der letzten, zusammenfassenden Darstellung nicht nur um „absolutes Wissen“ der Phänomenologie, sondern auch um einen rekapitulierenden Begriff – um die Zeit. Ihr Enden als Text, eine reflexive Bewegung, illustriert die Probleme der auktorialen Instanz in der Phänomenologie, deren eigenes Ende von der Perspektive des Absoluten zwar keinen Blick von außen zulässt, zugleich aber ohne sich diesem interpretativen auktorialen Blick preiszugeben, nicht zustande kommt. Dieses gefährliche Ausgesetzt-Sein der spekulativen Erzählung bestimmt die Verwundbarkeit und die Offenheit der phänomenologischen Dialektik, deren Scheitern – als Kunstwerk – hier gerettet werden soll.
Dem Text seien noch zwei Überlegungen vorausgeschickt, die zugleich zwei Schwierigkeiten bezeichnen, als deren Bewältigung diese Arbeit zu verstehen wäre.
Die erste könnte man als Problem der unendlichen Bibliothek bezeichnen. Anhand der unermesslich gewordenen Hegel-Literatur wäre jede neue Arbeit zugleich anfechtbar und unsichtbar, da dem Vorwurf ausgesetzt, alles Richtige an ihr sei ganz und gar sekundär. Ein Alptraum jedes Hegelforschers scheint es zu sein, in dieser Borgesianischen Bibliothek sein eigenes, gerade vollendetes Buch als eine längst schon erschienene, von jemand anderem verfasste, jedoch von ihm nicht wahrgenommene Studie zu entdecken. Diese Empfindlichkeit, die manche zur nervösen Verpflichtung bewegen könnte, alle unendlichen Hegel-Kataloge bis zum Ende lesen zu wollen, ist in dieser Arbeit für die neue Deutung des hegelschen philosophischen Projekts umfunktioniert. Denn in Hegels Phänomenologie des Geistes geht es ja auch darum, wenn nicht alle, dann die am meisten relevanten Texte im neuen Text aufgehoben zu sehen und jede mögliche Lektürehaltung in diesem zu erkennen. Und eben dieser Wunsch wird hier untersucht und an Hegels eigenem Text ermessen.
Die zweite Schwierigkeit betrifft den Stil. Diese Arbeit ist aus einer gewissen Sprachlosigkeit entstanden. Ist das Deutsche nicht die eigene Muttersprache, so muss, indem man auf Deutsch zu philosophieren sucht, Hegel widersprochen werden.
In der Sprache ist der Mensch produzierend […] es ist die erste, einfachste Form der Produktion, des Daseins, zu der er kommt im Bewußtsein; was der Mensch sich vorstellt, stellt er sich auch innerlich vor als gesprochen. Diese erste Form ist ein Gebrochenes, Fremdartiges, wenn der Mensch in einer fremden Sprache sich ausdrücken oder empfinden soll, was sein höchstes Interesse berührt. Dieser Bruch mit dem ersten Heraustreten in das Bewußtsein ist so aufgehoben; hier bei sich selbst in seinem Eigentum zu sein, in seiner Sprache zu sprechen, zu denken, gehört ebenso zur Form der Befreiung. Dies ist von unendlicher Wichtigkeit (TWA 20, 52f.).
Frei sein heißt also für Hegel – bei sich, zuhause zu sein.
Diese Innigkeit, mit welcher die eigene Sprache uns angehört, fehlt den Kenntnissen, die wir nur in einer fremden besitzen; sie sind durch eine Scheidewand von uns getrennt, welche sie dem Geiste nicht wahrhaft einheimisch sein läßt. (TWA 4, 315).
Hier wird aber versucht, in der für den Autor fremden, für Hegel aber eigenen Sprache, in der ich mich nie „einheimisch“, nie richtig sesshaft machen kann, eine andere „Befreiung“ zu entdecken. Das Brechen, das „Fremdartige,“ die immerwährende „Trennung,“ die diese sprachliche Selbstentfremdung begleiten, implizieren beides: eine Kritik Hegels für seine Inkonsequenz – denn er selbst sollte nach einem Bericht seinen Gedanken eine sprachliche Form geben, „so daß ihm jede Sprache gewissermaaßen als fremde erschien“1 – und ein Versuch, durch das Brechen der sprachlichen Immanenz sich der hegelschen Spekulation in ihrer heute noch haltbaren Gestalt anzunähern. Dieser letzten Aufgabe hofft die vorliegende Arbeit gerecht zu werden.
Ros. 361.