Die Frage nach dem Wesen der Kunst führt oft genug in die Aporie und das Rätsel. Jenseits dieses Rätselcharakters der Kunst kann der glückende Versuch einer Antwort am ehesten dem grundsätzlichen Wechselverhältnis von Theorie und Praxis entspringen. Die Qualität einer Kunsttheorie erweist sich erst im Angesicht des konkreten Kunstwerks. Und umgekehrt kann das Kunstwerk nicht entstehen und bestehen ohne die Reflexion. Dieses skizzierte Wechselverhältnis von Theorie und Praxis, von Machen und Denken, kreist um die Kunst. Im Zentrum steht die Kunst, das Künstlerische, das Schaffende, die Produktivität. Kein Machen ohne Denken, kein Denken ohne Machen. In der Kunst gehören Machen und Denken zusammen. Das Wechselverhältnis von Theorie und Praxis ist ein permanenter Prozeß, eine kreisende Bewegung um das von der Kunst ausgehaltene Zentrum. Überträgt man dieses Verhältnis von Machen und Denken auf Personen, so fragt man nach dem Verhältnis von Künstlern und Philosophen. Eine konkrete historische Konstellation ist diejenige von Philipp Otto Runge und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Wir fragen nach dieser Konstellation, weil wir einer Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Kunst auf geschichtlichem Grund näherkommen wollen.
Warum aber genau diese beiden, Schelling und Runge? Ein gewichtiger Grund ist die genannte Zeitgenossenschaft, die historische Konstellation. Schellings Bemühungen um eine Neubegründung der philosophischen Ästhetik stehen zeitgleich die Bemühungen Runges um eine Neubegründung der Kunst gegenüber, die er – begleitet von kontinuierlicher theoretischer Reflexion – konkret in seinem Werk vollzieht.
Das Wirken beider steht in einer Zeit, in der sich die bildende Kunst in einer überaus schwierigen, ja widersprüchlichen Situation befand. Einerseits wurde die bildende Kunst um 1800 so hoch geschätzt wie kaum je zuvor. Das belegt ganz konkret der ungeheure Aufwand, mit dem Napoleon seinen Kunstraub betrieben hat, um die bedeutendsten Kunstwerke Europas in Paris zu versammeln und so Paris zur Hauptstadt der Kunst zu machen. Nicht minder deutlich wird dies aus den damaligen Bemühungen um Kunstgeschichte und Kunsttheorie. So schrieb Goethe 1797 in einem Aufsatz über Laokoon: „Diese hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen, da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.“ Die Antiken waren Maßstab und letztlich unerreichbares Vorbild der Kunst, Muster des Stils, der nach Goethe „der höchste Grad“ ist, wohin die Kunst gelangen kann, „der Grad, wo sie sich den höchsten menschlichen Bemühungen gleichstellen darf.“ Höher kann man die Kunst kaum schätzen.
Dieser Hochschätzung der Kunst stand – zumindest in Deutschland – die Diagnose gegenüber, daß die bildende Kunst in einer tiefen Krise stecke. Wenn Goethe klagte, daß „die Anzahl der Kunstwerke der ersten Klasse gar zu klein“ sei, so dachte er zunächst an die erhaltenen Antiken und die Meisterwerke der Renaissance. Die Situation der aktuellen Kunst mußte ihm noch weit desolater erscheinen. Ein Grund dafür war, daß sich die Künstler nach der Französischen Revolution in einer katastrophalen Lage befanden, denn sie erhielten kaum noch größere Aufträge und hatten so keine Gelegenheit, ihr Können zu beweisen und ihre Kunst weiter zu entwickeln.
Ein weiteres Krisensymptom war die Krise der Künstlerausbildung. Das Prinzip der Nachahmung der Antike war an den Akademien zum Dogma schematischer Nachbildung erstarrt, das dem schöpferischen Subjekt keinen Raum zur Entfaltung bot. Goethe wiederum sah einen Grund für die Krise darin, daß die Künstler falsche Begriffe von der Kunst hatten. Seine Zeitschrift Propyläen, die er von 1798 an veröffentlichte, sollte zur Überwindung dieser Krise beitragen.
Ein intensiver kunsttheoretischer Diskurs war die Reaktion auf diese Krise. Die Konzepte der Wirkungsästhetik und der Naturnachahmung waren schon um die Jahrhundertmitte fragwürdig geworden. Winckelmann zielte mit seinem Postulat der Nachahmung der schönen Natur auf Allgemeingültiges, Überzeitliches, das er als das „Wesentliche der Kunst“ bezeichnet. „Die Schönheit“ ist für ihn der „höchste Endzweck“ und der „Mittelpunkt der Kunst“. Sie „ist eins von den großen Geheimnissen der Natur, deren Wirkung wir alle sehen und empfinden, von deren Wesen aber ein allgemeiner deutlicher Begriff unter die unerfundenen Wahrheiten gehöret“. Das Rezept der Nachahmung der Alten, das an den Akademien streng befolgt wurde, führte nicht zur erhofften Klärung des Schlüsselbegriffes der Schönheit. Die pluralisierende Wirkung der „Quérelle des Anciens et des Modernes“ wirkte nach. Mit dem Begriff des Charakteristischen, im subjektiven wie im objektiven Sinn verstanden, wurde die absolute Gültigkeit des Ideals in Frage gestellt. In den ästhetischen Diskursen, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland von Moritz und Goethe, Kant und Schiller geführt wurden, bahnten sich Wege zu einer Neubesinnung auf die Grundlagen der Kunst.
Mit Schelling erreichten die Bemühungen um eine philosophische Begründung der Kunst eine neue Stufe. In seinen Briefen über Dogmatismus und Kritizismus (1795) erkennt er in der antiken Tragödie das grundlegende Prinzip der Einheit von Freiheit und Notwendigkeit. Im System des transzendentalen Idealismus (1800) proklamiert er die Kunst als „das wahre und ewige Organon der Philosophie“. Indifferenz des Idealen und Realen, Darstellung des Unendlichen im Endlichen sind weitere Bestimmungen der Kunst nach Schelling.
Eine Synthese seiner Philosophie der Kunst hat Schelling in der gleichnamigen Vorlesung gegeben, die er erstmals im Wintersemester 1802/03 in Jena gehalten hat. Genau zur gleichen Zeit konzipierte Philipp Otto Runge in Dresden den Zyklus der vier Zeiten, der sein Hauptwerk werden sollte, und mit dem er der Kunstanschauung des Klassizismus das genuin romantische Konzept der Arabeske entgegenstellte.
Um diesen Fragen im skizzierten historischen Horizont nachzugehen, konzipierten und organisierten wir die Tagung Grund der Kunst. Schelling und Runge, die am 24. und 25. Mai 2011 im Sitzungssaal der philosophisch-historischen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu München stattfand. Äußerer Anlaß war die parallel gezeigte Ausstellung Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik, die von der Hamburger Kunsthalle zum 200. Todestag Runges veranstaltet wurde und die danach in München in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung zu sehen war. Zusammen mit den Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmern nutzten wir diese günstige Konstellation, um im direkten Anschluß an die Tagung ein Arbeitsgespräch in der Ausstellung zu führen.
Unsere Tagung sollte dieser historischen Konstellation nachgehen und nach Übereinstimmungen und Differenzen in den Kunstanschauungen von Schelling und Runge fragen, deren Denken und Schaffen in verschiedener Hinsicht grundlegend für die weitere Entwicklung der Kunst bis in die Moderne hinein waren. Wir danken der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, daß wir die Ergebnisse dieser Tagung publizieren können und freuen uns, dieses Buch als Band der Reihe Konstellationen. Die Philosophie und die Künste herauszugeben.
Frank Büttner und Arne Zerbst
München / Kiel im Juni 2014
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Spät, viel zu spät … und doch: endlich!
Das obige Vorwort habe ich – noch in Abstimmung mit Frank Büttner – aus Texten zusammengestellt, mit denen wir seinerzeit das Symposion begleitet und eingeleitet haben. Der plötzliche und für mich schockierend-traurige Tod Frank Büttners am 14. Mai 2016 hat die gemeinsame Veröffentlichung der Ergebnisse auf unbestimmte Zeit verschoben.
Die Konzeption und Koordination einer ganzen Reihe von Tagungen an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften war immer ein vertrauensvolles, ja partnerschaftliches Gemeinschaftsprojekt, stets geprägt von intensiven persönlichen Gesprächen. Und so stellte sich mir die Frage, ob ein Weitermachen ohne Frank Büttner überhaupt möglich, sinnvoll und angemessen sei. Zudem ließ mir das 2014 angetretene Amt des Präsidenten der Muthesius Kunsthochschule nicht mehr die Zeit für die redaktionelle Arbeit, die geplant war im Rahmen meiner Tätigkeit als Wissenschaftlicher Sekretär der „Kommission zur Herausgabe der Schriften von Schelling“ an der Bayerische Akademie der Wissenschaften.
Umso dankbarer bin ich dafür, daß Frau Professorin Dr. Andrea Gottdang die Aufgabe übernommen hat, den Aufsatz Büttners im Sinne des Autors druckfertig zu machen. Schließlich gilt mein besonderer Dank Dr. Melanie Leßmann, die in ihrer ebenso zupackenden wie präzisen Art die losen Fäden nach so langer Zeit wieder gebündelt hat. Ohne sie würde es dieses Buch nicht geben.
Der Text Frank Büttners stellt unverkennbar das Herzstück dieses Bandes dar und ist in Umfang und Bedeutung ein Buch im Buch. Ein potentieller Beiträger hat seinen Aufsatz – verständlich nach so langer Zeit – zurückgezogen.
Dem Andenken des bedeutenden Kunsthistorikers und Rungeforschers Frank Büttner ist dieses Buch gewidmet. Ich vermisse unsere gemeinsame Arbeit in München und unsere mäandernden Gespräche, die auch auf Nebenwegen immer bei der Sache blieben und von Büttners menschlicher Zugewandtheit getragen wurden.
Arne Zerbst
Kiel im Mai 2025